Eine Fund­gru­be für die Translationsforschung

Die VdÜ-Zeitschrift „Übersetzen“ existiert seit 1964 und führt mit ihrem frei zugänglichen Archiv auch digital durch 60 Jahre Literaturübersetzen in Deutschland. Von

Andreas F. Kelletat sitzt in seiner Hausbibliothek.
Andreas F. Kelletat in seiner Hausbibliothek (Foto: Hanne Wiesner)

Das Fach Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft, auch „Trans­la­to­lo­gie“ genannt, hat sich in den spä­ten 60er und 70er Jah­ren als eige­ne aka­de­mi­sche Dis­zi­plin kon­sti­tu­iert. Das geschah in den damals noch zwei Deutsch­län­dern an Aus­bil­dungs­stät­ten für ange­hen­de Fach­über­set­zer und Kon­fe­renz­dol­met­scher, also an den Uni­ver­si­tä­ten Hei­del­berg, Leip­zig, Saar­brü­cken oder Mainz/Germersheim. Die 1946 von der fran­zö­si­schen Besat­zungs­macht gegrün­de­te Ger­mers­hei­mer Aus­bil­dungs­stät­te für Über­set­zer und Dol­met­scher hieß von 1972 bis 1992 Fach­be­reich Ange­wand­te Sprach­wis­sen­schaft. Der Name ver­rät, von wel­cher Wis­sen­schaft man sich damals am ehes­ten die Lösung sämt­li­cher mit dem Über­set­zen ver­bun­de­ner Pro­ble­me erwar­te­te: von der Sprach­wis­sen­schaft bzw. der Lin­gu­is­tik chom­sky­scher Ausrichtung.

1971 berich­te­te Wer­ner Kol­ler in zwei Hef­ten der VdÜ-Zeit­schrift Der Über­set­zer über die Anfän­ge der Über­set­zungs­wis­sen­schaft als Teil­be­reich der Lin­gu­is­tik. Kol­ler stell­te die neu­es­ten Theo­rien zur „Model­lie­rung des Trans­la­ti­ons­pro­zes­ses“ vor, bei der ein „Trans­la­tor die Umko­die­rung (voll­zieht); es kann sich um den Men­schen oder die Maschi­ne han­deln. Das Trans­lat schließ­lich ist das Pro­dukt der Trans­la­ti­on“ (Heft 05/1971, S. 2). Bei sol­chen For­mu­lie­run­gen mögen 1971 man­chem Leser des VdÜ-Monats­hef­tes die Ohren gejuckt haben. Dass das Lite­ra­tur­über­set­zen die neue Wis­sen­schaft von der Trans­la­ti­on eher nicht inter­es­sier­te, hat Wer­ner Kol­ler eben­falls bereits ver­ra­ten. Denn es heißt bei ihm: „Die Über­set­zung ist ein lin­gu­is­ti­sches Phä­no­men, min­des­tens was prag­ma­ti­sche Tex­te anbe­langt – die lite­ra­ri­sche Über­set­zung wird meis­tens als ‚Kunst‘ aus der lin­gu­is­ti­schen Theo­rie aus­ge­schlos­sen“ (ebd., S. 1).

An die­ser Aus­schlie­ße­ri­tis hat die Trans­la­to­lo­gie lan­ge fest­ge­hal­ten. Mit dem lite­ra­ri­schen Über­set­zen hat sie sich nur sel­ten in einer Wei­se befasst, die von Lite­ra­tur­über­set­zern als Ein­la­dung zum Gespräch hät­te ange­nom­men wer­den kön­nen. 1984, im Novem­ber/­De­zem­ber-Dop­pel­heft, schreibt Rose­ma­rie Tiet­ze (damals mit Hol­ger Fliess­bach für die Redak­ti­on ver­ant­wort­lich): „Unter Über­set­zern genießt die Wis­sen­schaft vom Über­set­zen kei­nen beson­ders guten Ruf. Denn lei­der kommt sie nicht sel­ten auf der­ar­ti­gen Wort­stel­zen daher, daß jeden, der mit Spra­che arbei­tet, das schie­re Grau­sen packt. Oder wir wer­den vom Kathe­der her­ab belehrt, wie wir zu über­set­zen hät­ten. Da geht man lie­ber wie­der an den Schreib­tisch und tut es – unbelehrt.“

Es ist schon auf­fäl­lig: Die Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft konn­te mit dem Lite­ra­tur­über­set­zen nichts anfan­gen und die Lite­ra­tur­über­set­zer nichts mit den Trans­la­to­lo­gen. Das änder­te sich auch nicht, als ab Mit­te der 80er Jah­re die von Hans J. Ver­meer erdach­te, auch das Lite­ra­tur­über­set­zen ver­ein­nah­men­de Sko­pos-Theo­rie ihren anti­lin­gu­is­tisch-anti­phi­lo­lo­gi­schen Sie­ges­zug in den Aus­bil­dungs­stät­ten für Über­set­zer und Dol­met­scher begann. Gibt man das Wort „Sko­pos“ in das Such­fens­ter des digi­ta­len Heft-Archivs ein, so erzielt man kei­nen ein­zi­gen Tref­fer. Und bei „Ver­meer“ fin­det sich nur ein Tref­fer, im Juli-Dezem­ber-Heft des Jah­res 2020, aber da geht es um Jan Ver­meer van Delft, den hol­län­di­schen Maler aus dem 17. Jahrhundert.

Bes­ser steht es um die Hei­del­ber­ger Trans­la­to­lo­gin Chris­tia­ne Nord. Die „Begrün­de­rin der deut­schen Grund­la­gen­for­schung zum Pro­blem der Titel­über­set­zung“ wird mit ihren an 12.500 Titeln gewon­ne­nen Über­le­gun­gen zu eben jener Über­set­zung von Buch­ti­teln aus­führ­lich vor­ge­stellt (Heft 01/2000).

Fragt man nach den Ursa­chen für die – nach Aus­weis des Heft-Archivs – jahr­zehn­te­lan­ge Sprach­lo­sig­keit zwi­schen Trans­la­to­lo­gen und Lite­ra­tur­über­set­zern, so wird man nicht nur auf den von Rose­ma­rie Tiet­ze beklag­ten wort­stel­zen­ar­ti­gen Sprach­ge­brauch der Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­ler hin­wei­sen müs­sen. Man soll­te auch schau­en, wo und für wen sie ihre Theo­rie­ge­bäu­de errich­tet haben: in Insti­tu­tio­nen, in denen jun­ge Leu­te zu künf­ti­gen Fach­über­set­zern aus­ge­bil­det wer­den. Und cha­rak­te­ris­tisch für die­se Über­set­zer ist, dass sie in aller Regel die von ihnen ver­fass­ten Trans­la­te nicht mit ihrem Namen signie­ren: die Bedie­nungs­an­lei­tun­gen, Wer­be­tex­te, Inter­net­sei­ten, Ver­trä­ge, Pro­to­kol­le, Geset­ze, Behör­den­tex­te, EU-Direk­ti­ven, Anspra­chen usw. usf. Und wenn die­se jun­gen Leu­te sich nach dem Stu­di­um als Fach­text-Trans­la­to­ren auf dem Arbeits­markt eta­blie­ren wol­len, so tre­ten sie dem BDÜ bei, dem Bun­des­ver­band der Dol­met­scher und Über­set­zer mit sei­nen heu­te ca. 7.500 Mitgliedern.

Im Unter­schied zu die­ser Grup­pe signie­ren Lite­ra­tur­über­set­zer ihre Trans­la­te und sie orga­ni­sie­ren sich (wenn sie es denn tun) im VdÜ, dem Ver­band deutsch­spra­chi­ger Übersetzer/innen lite­ra­ri­scher und wis­sen­schaft­li­cher Wer­ke mit sei­nen ca. 1250 Mit­glie­dern. Anders als die Ver­fas­ser nicht-signier­ter Tex­te sind Lite­ra­tur­über­set­zer auch Urhe­ber ihrer Über­set­zungs­wer­ke und genie­ßen wie die Autoren den Schutz des Urhe­ber­rechts. Wie sich der VdÜ um die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung die­ses Rech­tes durch Jahr­zehn­te mit wech­seln­dem Erfolg bemüht hat – auch dafür fin­den sich im Heft­ar­chiv Bele­ge, Stich­wort u. a.: „Mus­ter­ver­trag“. Über ihn wird erst­mals im Anschluss an den legen­dä­ren inter­na­tio­na­len Ham­bur­ger Über­set­zer-Kon­gress von 1965 berich­tet unter der Über­schrift Rech­te des Über­set­zers (Heft 09/1965, S. 1–3).

Dass es in der Zeit­schrift des VdÜ immer auch um über­setz­te Tex­te, aber stär­ker noch um jene gehen soll­te, die die­se Tex­te jeweils über­setzt haben, war schon am Namen erkenn­bar: Der Über­set­zer hieß sie über 30 Jah­re, von 1964 bis 1997. Mit dem Wech­sel der Redak­ti­on von Sil­via Mora­wetz zu Kath­rin Razum änder­te sich der Titel der Zeit­schrift. Aus Der Über­set­zer wur­de Über­set­zen.

Ging es der Redak­ti­on des Über­set­zers 1997 also dar­um, den Pro­zess des Über­set­zENS statt die Per­son des Über­set­zERS stär­ker in den Fokus zu rücken? Kann man in der Ände­rung des Titels womög­lich eine unge­woll­te Bestä­ti­gung der fast zeit­gleich gepräg­ten The­se des ame­ri­ka­ni­schen Trans­la­to­lo­gen Law­rence Venuti erken­nen? The Translator’s Invi­si­bi­li­ty heißt sein 1995 erschie­ne­nes Buch. Die Umbe­nen­nung der Zeit­schrift ziel­te natür­lich nicht auf die invi­si­bi­li­ty ihrer gesam­ten Haupt­le­ser­schaft. Es ging 1997 um das Gen­der­pro­blem, also dar­um, dass man­che aus die­ser Leser­schaft als Mit­glie­derIn­nen sicht­bar gemacht wer­den woll­ten. In einer Mit­tei­lung der neu­en Redak­ti­on wird dann auch eif­rig das gro­ße Binnen‑I ver­wen­det: „Teil­neh­me­rIn­nen“, „Kol­le­gIn­nen“, „Über­set­ze­rIn­nen“.

Wie die Zeit­schrift und der VdÜ im Lauf der Jahr­zehn­te gene­rell mit dem „Gen­der-Trou­ble“ (Ange­la Plö­ger, Heft 02/2020) umge­gan­gen sind, wäre eine eige­ne trans­la­ti­ons­his­to­ri­sche Mis­zel­le wert. (Hel­ga Pfetsch und Rose­ma­rie Tiet­ze berich­te­ten mir, dass die Umbe­nen­nung der Zeit­schrift nicht auf Initia­ti­ve der neu­en Redak­ti­on erfolgt sei, son­dern auf einen – auf meh­re­ren Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen des VdÜ dis­ku­tier­ten – Antrag eines männ­li­chen Ver­bands­mit­glieds.) 2019 (Heft 02/2019, S. 1) wur­de – für mein Sprach­ge­fühl ziem­lich wort­stel­zen­ar­tig – mit­ge­teilt, dass „nun­mehr auch der VdÜ sei­nen Namen geän­dert habe, sodass unser vol­ler Titel jetzt lau­tet: Ver­band deutsch­spra­chi­ger Übersetzer/innen lite­ra­ri­scher und wis­sen­schaft­li­cher Wer­ke e.V. / Bun­des­s­par­te Übersetzer/innen im Ver­band deut­scher Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler (VS) in ver.di. Kurz – wie immer – VdÜ.“

Dass Der Über­set­zer auch bei einem ande­ren The­ma sei­ner Zeit ver­blüf­fend weit vor­aus war, zeigt ein Bei­trag, in dem es um eine „schwarz­ame­ri­ka­ni­sche“ Autorin ging, die für ihre Tex­te auf einer „afro­deut­schen Über­set­ze­rin“ bestand. Denn „sie befürch­te­te, eine Wei­ße könn­te ihr ‚Schwarz­sein‘, ihre Emp­fin­dun­gen als Schwar­ze, ihre Pro­ble­me nicht ver­mit­teln.“ Der Text im Über­set­zer stammt nicht aus dem Black Lives Mat­ter-Jahr 2020, es geht in ihm auch nicht um Aman­da Gormans Inau­gu­ral-Poe­sie von 2021, son­dern Mar­ga­re­te Längs­feld hat ihn 1987 ver­öf­fent­licht, als sie Essays von Aud­re Lor­de ins Deut­sche zu brin­gen hat­te (Heft 07–08/1987, S. 1–2).

Wir fin­den durch Jahr­zehn­te zahl­lo­se von Lin­gu­is­ten, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern und Trans­la­to­lo­gen geschrie­be­ne Bücher und Auf­sät­ze, in denen es um Über­setzUNGEN geht, jedoch nur höchst sel­ten um Über­setzER, um jene also, die all die­se Über­set­zun­gen geschrie­ben haben. „Eine Über­set­zung schrei­ben“ – das wür­de im Schul­auf­satz als gro­ber Feh­ler, als unidio­ma­tisch bzw. als Kol­lo­ka­ti­ons­ver­stoß rot ange­stri­chen. Über­set­zun­gen wer­den im Deut­schen „ange­fer­tigt“, „gemacht“, „erstellt“, viel­leicht sogar „erar­bei­tet“ – aber nie und nim­mer „geschrie­ben“. „Geschrie­ben“ wird aus­schließ­lich Eige­nes: ein Brief, ein Auf­satz, ein Gedicht, ein Roman. Was ist da also bereits in unse­rer Spra­che bis in die Nomen-Verb-Bezie­hung hin­ein fest ver­an­kert? Es ist der Pri­mat des Ori­gi­nals. Und es ist die­se Fixie­rung auf das Ori­gi­nal und sei­nen Schöp­fer bzw. Urhe­ber, der genau zeit­gleich mit dem Auf­kom­men des Ori­gi­na­li­täts- und Urhe­ber­ge­dan­kens die Über­set­zer in die Unsicht­bar­keit gebracht hat, in die Invi­si­bi­li­tät. Das ist indes ein his­to­ri­scher Pro­zess, der bereits zwei Jahr­hun­der­te vor der Grün­dung des VdÜ begon­nen hat.

Wie sich die deter­mi­na­tiv­lo­se Autor­zei­le und ana­lo­ge Ver­ban­nung des Über­set­zer­na­mens auf die Rück­sei­te der Titel­blät­ter oder sogar ins Nir­gend­wo in unse­ren über­setz­ten Büchern durch­ge­setzt hat und wel­che Aus­wir­kun­gen (etwa in Biblio­theks­ka­ta­lo­gen) das für die Befes­ti­gung des Ori­gi­na­li­täts­dis­po­si­tivs nach wie vor hat – die­se wirk­mäch­ti­ge Text-Per­son-Rela­ti­on wur­de von Alek­sey Tashin­skiy 2016 in sei­nem Auf­satz Das Werk und sein Über­set­zer aus­führ­lich untersucht.

Im Heft 07–08/1987 stieß ich auf die Über­schrift Der Über­set­zer und sein Autor. Da wur­de das gän­gi­ge Begriffs­paar „Der Autor und sein Über­set­zer“ umge­dreht. Die­se Ver­tau­schung der Beob­ach­tungs­po­si­ti­on ist Haupt­kenn­zei­chen unse­rer Arbeit am seit 2015 ent­ste­hen­den, eben­falls digi­tal frei zugäng­li­chen Ger­mers­hei­mer Über­set­zer­le­xi­kon UeLEX. Wobei wir noch einen Schritt wei­ter­ge­hen, indem wir nicht nur jeweils ein ein­zel­nes Über­set­zer-Autor-Paar in den Blick neh­men, son­dern nach dem Über­set­zer und sei­nen AutorEN fra­gen – und das sind oft sehr viele.

Wir ord­nen die Über­set­zun­gen also nicht mehr den jewei­li­gen Aus­gangs­au­toren zu, son­dern wir wol­len wis­sen und dar­stel­len, was ein ein­zel­ner Über­set­zer (oft aus ver­schie­de­nen Spra­chen!) ins­ge­samt ins Deut­sche gebracht hat. So wie die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft nach dem Autor und sei­nem Werk fragt, so fra­gen wir als Trans­la­ti­ons­his­to­ri­ker nach dem Über­set­zer und sei­nem Werk, nach sei­nem „trans­la­to­ri­schen Œuvre“. Die Text-Per­son-Rela­ti­on wird geän­dert, wodurch sich unser Blick auf die Geschich­te des Über­set­zens grund­le­gend von all jenen For­schungs­bei­trä­gen unter­schei­det, die bis­her von den Ein­zel­phi­lo­lo­gien, der Kom­pa­ra­tis­tik oder auch der tra­di­tio­nel­len Trans­la­to­lo­gie erbracht wor­den sind.

Wir fra­gen nach der Sprach- und Geo­bio­gra­phie eines Über­set­zers: Wie und wo hat er die Spra­chen erlernt, aus denen er über­setzt hat – spiel­ten dabei Schu­le und Stu­di­um, bikul­tu­rel­le Ehe, frei­wil­li­ger oder erzwun­ge­ner Auf­ent­halt in ande­ren Län­dern eine Rol­le? Und natür­lich soll auch das WIE des Über­set­zens cha­rak­te­ri­siert wer­den, wofür als Quel­len zeit­ge­nös­si­sche Kri­ti­ken die­nen, Lau­da­tio­nes, wis­sen­schaft­li­che Bei­trä­ge und trans­la­ti­ons­poe­to­lo­gi­sche Aus­sa­gen der Über­set­zer selbst in Brie­fen, Inter­views und Tage­bü­chern oder auch Werkstattprotokolle.

Für all die­se Aspek­te ist die VdÜ-Zeit­schrift eine Fund­gru­be. Das beginnt mit der Pro­so­po­gra­phie, also der Zusam­men­stel­lung einer Namens­lis­te, wer in den letz­ten sie­ben Jahr­zehn­ten als Lite­ra­tur­über­set­zer in Erschei­nung getre­ten ist. Auf­schluss­reich für einen ers­ten Ein­blick in das jewei­li­ge trans­la­to­ri­sche Œuvre sind die in der Zeit­schrift regel­mä­ßig ver­öf­fent­lich­ten Nach­ru­fe. Wobei ich als Wis­sen­schaft­ler natür­lich beach­ten muss, dass die­se Text­sor­te (ähn­lich der Preis­re­de) stark hagio­gra­phisch aus­ge­rich­tet ist und nicht die Funk­ti­on hat, einen nüch­tern-kri­ti­schen Blick auf das Leben und Werk eines Über­set­zers zu rich­ten. Dafür müss­te man auch Zugang zu dem jewei­li­gen Über­set­zer-Nach­lass haben. Aber wel­ches Archiv hat sich um die­se Nach­läs­se geküm­mert – oder wird es in Zukunft tun?

„Trans­la­to­ri­sches Han­deln“: Wer danach sucht, rich­tet sein Inter­es­se nicht mehr nur auf die Fra­ge, was zwei Tex­te in zwei Spra­chen an Gemein­sam­kei­ten auf­wei­sen müs­sen, damit der eine als Über­set­zung des ande­ren betrach­tet wer­den kann. Es geht dann auch um die Kon­tak­te zu Ver­la­gen, Lek­to­ren und Kri­ti­kern, um die Akti­vi­tä­ten des Deut­schen Über­set­zer­fonds, um Netz­wer­ke, Hono­ra­re, Sti­pen­di­en und Lite­ra­tur­prei­se, um die Mit­ge­stal­tung des Dis­kur­ses über das Über­set­zen. In den Blick kom­men fer­ner Orte des trans­la­to­ri­schen Han­delns. Das ist nicht nur der Schreib­tisch im eige­nen Arbeits­zim­mer, das sind auch die Buch­mes­sen in Leip­zig und Frank­furt, das Euro­päi­sche Über­set­zer­kol­le­gi­um in Strae­len, das LCB am Ber­li­ner Wann­see, die von Hel­mut M. Bra­em begrün­de­ten Ess­lin­ger Gesprä­che und deren Nach­fol­ge­tref­fen in Wol­fen­büt­tel. Zu all dem lässt sich im Heft-Archiv her­vor­ra­gend recherchieren.

Das Inter­es­se der Ger­mers­hei­mer his­to­ri­schen Über­set­zer­for­schung gilt pri­mär ein­zel­nen Über­set­zern und ihrem jewei­li­gen trans­la­to­ri­schen Œuvre und Han­deln. Aber beim Stö­bern im Heft-Archiv kam ich auf den Gedan­ken, dass man es auch ein­mal mit einer Kol­lek­tiv­bio­gra­phie ver­su­chen könn­te. In der müss­ten Infor­ma­tio­nen beson­ders zu jenen Über­set­zern zusam­men­ge­tra­gen wer­den, die sich dem Über­set­zen als Haupt­be­schäf­ti­gung ver­schrie­ben haben.

Wel­ches Nar­ra­tiv wür­de sich für eine sol­che Kol­lek­tiv­bio­gra­phie anbie­ten? Soll man eine Hel­den­ge­schich­te erzäh­len über jene, die uns dank ihrer Über­set­zun­gen Zugän­ge ver­schafft haben zu den zahl­rei­chen Lite­ra­tu­ren der Welt? Die im Berg­werk der Spra­che das Deut­sche immer wie­der berei­chert haben um neue Aus­drucks­mög­lich­kei­ten? Oder wäre eine Geschich­te des Schei­terns zu schrei­ben? Die Geschich­te eines aus lite­ra­tur­be­ses­se­nen Ein­zel­gän­gern bestehen­den Kol­lek­tivs, das ab den 60er Jah­ren in West­deutsch­land den Ver­such unter­nimmt, aus dem Lite­ra­tur­über­set­zen eine Pro­fes­si­on zu machen, einen Beruf, von dem man halb­wegs anstän­dig leben könn­te und der einem auch noch eine halb­wegs anstän­di­ge Ren­te besche­ren wür­de. War­um scheint es nach wie vor fast aus­sichts­los zu sein, vom ambi­tio­nier­ten Über­set­zen anspruchs­volls­ter Tex­te anstän­dig leben zu kön­nen? Was ist da schief gelaufen?

Wobei die VdÜ-Zeit­schrift frei­lich auch erken­nen lässt, was die Über­set­zer­zunft selbst an Initia­ti­ven ent­wi­ckelt hat, um nicht nur bei Ver­la­gen für mate­ri­el­le Ver­bes­se­run­gen zu strei­ten, son­dern um auch an öffent­li­che Mit­tel für die Über­set­zer­för­de­rung her­an­zu­kom­men. So trägt der Deut­sche Über­set­zer­fonds (DÜF) neben der Bereit­stel­lung von Arbeits- und Rei­sesti­pen­di­en zur ver­bes­ser­ten „Visi­bi­li­ty“ des Über­set­zens bei, etwa durch die Gast­pro­fes­sur für Poe­tik des Über­set­zens an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Und auch die Ver­mitt­lung von Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern auf Gast­do­zen­tu­ren an phi­lo­lo­gisch aus­ge­rich­te­ten Insti­tu­ten wird dem Wis­sen um das Tun der Über­set­zer hof­fent­lich einen gehö­ri­gen Schub verleihen.

Ein letz­ter Aspekt: Bei mei­nen ers­ten Heft­ar­chiv-Recher­chen zu der Grup­pe von pro­fes­sio­nel­len frei­be­ruf­lich-haupt­be­ruf­li­chen Lite­ra­tur­über­set­zern stieß ich auch auf Berich­te von Leu­ten, die vor 1989/90 in der DDR vom Über­set­zen leben konn­ten. Sie wur­den nach der Wen­de auf die Ach­ter­bahn der frei­en Markt­wirt­schaft geschleu­dert. Man­che haben sich dort behaup­ten kön­nen und sind beim Lite­ra­tur­über­set­zen geblie­ben, Chris­ta Schu­en­ke etwa oder Andre­as Tret­ner. Gera­de beim lei­di­gen Ost-West-The­ma hat­te ich beim Stö­bern im Archiv den Ein­druck, dass in der nun­mehr gesamt­deut­schen Über­set­zer­zunft ein Maß an freund­schaft­li­cher Kol­le­gia­li­tät exis­tiert, das man auf ande­ren Fel­dern unse­res kon­kur­renz­ge­trie­be­nen Kul­tur­be­triebs so aus­ge­prägt nicht fin­det. (Aber viel­leicht ist das bei mir auch nur ein Wunsch­den­ken oder man­geln­de Ver­traut­heit mit der Szene.)

Sum­ma: Das Archiv der Zeit­schrift namens Der Über­set­zer bzw. Über­set­zen ent­hält reich­hal­ti­ges Mate­ri­al, aus dem sich Bau­stei­ne für die einst zu schrei­ben­de Kul­tur­ge­schich­te des Lite­ra­tur­über­set­zens von etwa 1950 bis 2020 gewin­nen las­sen. Der Dank des Trans­la­ti­ons­his­to­ri­kers dafür gilt den meh­re­re Genera­tio­nen umfas­sen­den Redak­teu­rin­nen und Redak­teu­ren der Zeit­schrift und heu­te ins­be­son­de­re jenen, die für uns all das Mate­ri­al in einem digi­tal frei zugäng­li­chen und über Regis­ter und Such­funk­tio­nen sehr gut erschließ­ba­ren Archiv zur Ver­fü­gung gestellt haben. Ich möch­te ver­spre­chen, dass die­ses Archiv eif­rig genutzt wer­den wird.

Der Text basiert auf einem Vor­trag, den der Autor am 2. Okto­ber 2021 bei der VdÜ-Ver­an­stal­tung „Die Zeit­schrift Über­set­zen fei­ert“ in der Stadt­bü­che­rei Hei­del­berg hielt.


„Was machen wir mit 999 Mark?“

Der Deut­sche Über­set­zer­fonds ist aus dem Berufs­le­ben von Lite­ra­tur­über­set­ze­rin­nen und ‑über­set­zern nicht mehr weg­zu­den­ken. Die… 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.