Über­set­zen als Hüpf­burg betrachtet

Feinfühlig, unkonventionell und tiefgründig reflektiert Uljana Wolf in ihren Essays das Übersetzen – und ist damit zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von

Bei Uljana Wolfs "Etymologischem Gossip" ist das Cover Programm. Hintergrund: Photo by Tara Evans on Unsplash

Am 17. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten mit Über­set­zungs­be­zug vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.


Don’t judge a book by its cover. Aber wenn das Cover schön gestal­tet ist, ver­dient es ein Min­dest­maß an Auf­merk­sam­keit. Und wenn man dann noch nach dem Lesen des ers­ten Ein­trags „Aus dem Log­buch für Ety­mo­lo­gi­schen Gos­sip“ bemerkt, dass die Gra­fik des Covers die genaue opti­sche Nach­bil­dung die­ser Zei­len ist, schärft es die Sin­ne, ruft den Geist wach und berei­tet auf eine glei­cher­ma­ßen tief­grün­di­ge wie ver­spiel­te Lek­tü­re vor:

Form hilft dem Den­ken, sich zu erin­nern. Es stellt sich her­aus, dass das Wort „strin­gent“ an eine Schnur erin­nert, auf der sich das Den­ken in ein­zel­nen Kugeln auf­reiht. Alle ande­ren Ety­mo­lo­gien lügen. Der Abstand zwi­schen den Kugeln kann sehr groß sein, damit das Den­ken Zeit hat, sich zu ver­ges­sen. Jede Kugel, die auch ein Kas­ten sein kann, ein Käst­chen, ein Kätz­chen, wie­derer­in­nert sich anders als die vor­her­ge­hen­de. Nur so bleibt das Den­ken drin­gend. Die vie­len Spra­chen ver­hel­fen der Form zu ihrem Schnur­sein, ihrem Schnurren.

Viel­leicht ist es dann auch kein Zufall, dass ana­log zu den fünf Kugeln des Covers die Essays und Reden im vor­lie­gen­den Band Ety­mo­lo­gi­scher Gos­sip in fünf Sek­tio­nen geglie­dert sind. So hat die Über­set­ze­rin Ulja­na Wolf, die in ihrer Hei­mat­stadt Ber­lin und in Kra­kau Ger­ma­nis­tik, Anglis­tik und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten stu­diert hat, ihre ins­ge­samt 24 Tex­te nicht chro­no­lo­gisch (2007 bis 2020), son­dern the­ma­tisch grup­piert und führt uns über die­se fünf Fel­der durch ihre Art zu arbei­ten, zu hören, zu sehen, zu den­ken, zu leben. Die zitier­ten ers­ten Zei­len sind Zusam­men­fas­sung und Aus­blick in einem, das Cover ist ein Aus­schnitt der Land­kar­te ihres geis­ti­gen Rau­mes. In die­sem geis­ti­gen Raum offen­bart sich ein Den­ken, das eben wie eine Schnur ist, so strin­gent und fle­xi­bel, so ver­läss­lich-rich­tungs­wei­send und unsi­cher-bieg­sam zugleich. Ihre in den Essays und Reden erkenn­ba­re Hal­tung, die aus der Art zu arbei­ten, also zu über­set­zen und zu dich­ten, spricht und sich wie­der­um aus die­ser Arbeit speist, ist geprägt von Offen­heit und einer Abkehr von Gren­zen, Schran­ken, Rigidität.

Da Ulja­na Wolf nicht nur Über­set­ze­rin, son­dern auch sehr erfolg­rei­che Lyri­ke­rin ist (Peter-Huchel-Preis 2006 für kocha­nie ich habe brot gekauft), setzt sie sich in ihren Tex­ten immer wie­der mit poe­ti­schen Tech­ni­ken und Eigen­hei­ten der Lyrik aus­ein­an­der. So ver­sam­melt sie in ihrem Vor­trag „Wovon wir reden, wenn wir von mehr­spra­chi­ger Lyrik reden“ Beob­ach­tun­gen, die zei­gen, dass ein mehr­spra­chi­ges Gedicht nicht zwangs­läu­fig ein trans­lin­gua­les Gedicht ist und umge­kehrt. Und dass der Mehr­spra­chig­keit durch­aus ein ein­spra­chi­ges Den­ken zugrun­de lie­gen bzw. ein ein­spra­chi­ges Gedicht durch mehr­spra­chi­ges Den­ken cha­rak­te­ri­siert sein könn­te. Die­se Beob­ach­tun­gen sind der Aus­gangs­punkt für eine Ana­ly­se der Ber­li­ner Rea­li­tät, in der sich nicht nur ver­schie­dens­te Spra­chen, son­dern auch Sprach­kom­pe­ten­zen tref­fen – „von flie­ßen­der Mehr­spra­chig­keit über Hol­pern der Lern­spra­chen zu Kiez-Kreol oder fröh­lich bro­ke­ner Lite­ra­tur­spra­che“. Ihre wei­te­ren Aus­füh­run­gen mün­den in einem „Nach­den­ken über trans­lin­gua­le Lyrik“, das eine Art Essenz dar­stellt, in der sich die Grund­an­nah­men zu Spra­che all­ge­mein als Grund­la­ge für das Dich­ten und das Nach­dich­ten, also Über­set­zen wie­der­fin­den. Hier wider­spricht Ulja­na Wolf der Über­zeu­gung, dass man sich für die Zuge­hö­rig­keit zu einer Mut­ter­spra­che ent­schei­den muss. Eine Über­zeu­gung, die Schlei­er­ma­cher in sei­ner berühm­ten Abhand­lung Ueber die ver­schie­de­nen Metho­den des Ueber­se­zens von 1813, ver­tritt und die sie zur Dis­po­si­ti­on stellt:

Die poe­ti­sche Ver­stö­rung der Mut­ter­spra­che oder Ein­zel­spra­che und der damit ver­knüpf­ten Iden­ti­täts­dis­kur­se kann auch von vor­der­grün­dig ein­spra­chi­gen Autor*innen aus­ge­hen. Sie ist ein ästhe­ti­sches, kein bio­gra­phi­sches Moment. Sie hält fest, was nicht fest­zu­hal­ten ist: Dass die eige­ne Spra­che nicht beherrscht wer­den kann, ein Ort der Unzu­ge­hö­rig­keit und Unge­hö­rig­keit bleibt.

In der Vor­stel­lungs­re­de „Vom Grund­recht gon­deln­der Wol­ken“ für die Deut­sche Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung, deren Mit­glied sie seit 2017 ist, stellt Ulja­na Wolf ihre Erfin­dung vor:

Mei­ne Damen und Her­ren, ich habe mal eine Form erfun­den, die ich Gues­say nann­te, eine Art Unter­bie­tung des Essays in sei­nem Ver­such, ein Ver­such zu sein. Den ers­ten schrieb ich 2007 in New York als Begleit­text für die gemein­sam mit Stef­fen Popp über­setz­ten Gedich­te von Chris­ti­an Haw­key. Wer das eng­li­sche Verb „to guess“ nach­schlägt, darf, gelei­tet vom mit­tel­eng­li­schen „ges­sen“, irgend­wo zwi­schen „schät­zen“ und „zie­len“ Platz neh­men und wird unter­rich­tet, das Prä­ter­itum „gues­sed“ nicht mit sei­nem Homo­nym „guest“, der Gast, zu ver­wech­seln. Gera­de in die­ser Ver­wechs­lung aber schei­nen sich mei­ne Tex­te seit Jah­ren ein­zu­rich­ten wie im Gondel‑G des Gues­says, einer Seil­bahn, die sie For­men, Spra­chen und Län­dern als Gast zuträgt, was unge­fähr hie­ße, nie ganz gehal­ten und zugleich im Ande­ren über­all empa­thisch und poten­zi­ell mit­ent­hal­ten zu sein. Als wäre die Mög­lich­keit, jenes und zugleich ein Ande­res zu sein, ein Grund­recht, das ich nicht nur im Über­set­zen – im Dich­ten mit Ziel­spra­che –, son­dern auch im Dich­ten – im Über­set­zen ohne gesi­cher­te Ziel­spra­che – zu prak­ti­zie­ren versuche.

Das Gues­say „schätzt“ beschei­den und drückt dabei eine Unsi­cher­heit aus, die von Behut­sam­keit zeugt, nicht von Unver­mö­gen. Auch hier zeigt sich Wolfs Arbeits­wei­se und gene­rel­le Hal­tung, die ohne den Duk­tus erha­be­ner Gewiss­heit auskommt.

Direkt im Anschluss an die im Band ver­öf­fent­lich­te Vor­stel­lungs­re­de fin­det die Leser­schaft das ers­te Gues­say „Land­schaft, Luft­burg, Gedicht. Ein Gues­say zum Über­set­zen von Chris­ti­an Haw­key“, in dem Ulja­na Wolf den Vor­gang des Über­set­zens an einem Bild deut­lich macht, dem Hüp­fen in einer Hüpfburg:

Man ließ sich fal­len, prall­te ab, man wur­de in eine uner­war­te­te Posi­ti­on zurück­ge­wor­fen. Mit jedem Sprung ver­än­der­te sich der Raum, mit jedem neu­en Auf­prall ver­än­der­te sich das Raum­emp­fin­den des Sprin­gers. Die Land­schaft knuff­te unvor­her­seh­bar zurück. Das „Boun­ce House“ war im Grun­de ein Gedicht.

Anhand des Hüpf­burg-Bil­des ver­deut­licht Wolf ihren Arbeits­pro­zess. Hier­bei spricht sie vom „drei­fa­chen Fal­len­las­sen“ und meint damit im ers­ten Schritt die „Hin­ga­be ans Gedicht“. Das sich fal­len las­sen und Hüp­fen in der Hüpf­burg mit all den dazu­ge­hö­ri­gen Bewe­gungs­ab­läu­fen. Hier­bei soll­te das Aus­se­hen, im Sin­ne einer per­fek­ten Leis­tung oder Schön­heit, in den Hin­ter­grund tre­ten. Im Anschluss sei dann mit „Klas­se und Gelas­sen­heit“ zu akzep­tie­ren, dass nicht alles wie­der auf „sei­nem ange­stamm­ten Platz lan­den wird“:

…, dass man beim Wir­beln in der Luft­burg einer sehr merk­wür­di­gen Spra­che begeg­net. Es ist dies aber nicht die fremd geglaub­te (in der man ja, wenn es gut geht, auch schon ein biss­chen gewohnt, geliebt, gelo­gen, sich also ein­ge­sprun­gen hat), son­dern die eige­ne, von der man sehr auf­re­gen­de Din­ge erfährt. Zum Bei­spiel, dass sie elas­tisch in einer Luft­burg namens „Ger­man House“ wohnt, die sich rasch und eigen­mäch­tig mit ihrer Land­schaft im Zim­mer auf­fal­tet und dort ein neu­es Gedicht hervorbringt.

Ein essay­is­ti­scher Aus­flug in die Orni­tho­lo­gie macht uns mit dem Emlen-Trich­ter ver­traut. Es han­delt sich hier­bei um eine Erfin­dung aus den 1960er Jah­ren zur Bestim­mung der Zug­rich­tung von in einem Trich­ter gefan­ge­nen Zug­vö­geln wäh­rend der Zug­un­ru­he. Die­ser Trich­ter ist mit Tipp-Ex-Papier aus­ge­legt, so dass die die Vögel beim Ver­such, aus dem Käfig zu ent­kom­men, Kratz­spu­ren auf dem Papier hin­ter­las­sen. Die­se Kratz­spu­ren geben Aus­kunft über die Ori­en­tie­rungs­rich­tung und Akti­vi­täts­zu­nah­me in den Tagen vor Beginn ihres Vogel­zugs. Wie mit dem Bild der Hüpf­burg ver­an­schau­licht Ulja­na Wolf auch hier mit dem Emlen-Trich­ter ganz plas­tisch und poe­tisch zugleich die Dyna­mi­ken des Übersetzens:

Hat nicht jeder Text eine Zug­un­ru­he, so schein­bar fest instal­liert auf sei­ner Sei­te? Und wer die Zei­chen und den wei­ßen Raum dar­um ent­zif­fert, öff­net Käfi­ge? Jeg­li­che Welt­flug­rich­tung. Wie­der­ho­lun­gen, an der Sei­te, Wand, auch gegen den Strich, gegen die Vor­zugs­rich­tung. Wo hast du dich zum ers­ten Mal ver­le­sen, ver­tippt? Mit der Schreib­ma­schi­ne den­sel­ben Weg noch ein­mal, in der Feh­ler­fähr­te, das Pul­ver des Kor­rek­tur­bo­gens muss genau auf der Linie des fal­schen Buch­sta­bens lie­gen, flie­gen. Die Fähr­te zieht eine ande­re Spur.

Und so begibt sich Ulja­na Wolf immer wie­der in die Luft­burg, beglei­tet von „fal­schen Freun­den“ der Zug­un­ru­he des Gedichts nach­ge­bend, und träumt:

… davon, das Ide­al einer sau­be­ren, rei­nen usw. Über­set­zung hin­ter mir zu las­sen und statt­des­sen dort, wo gar nichts mehr und alles geht, mit einer „Unrein­heit“ zu spie­len, die in mei­nen Gedich­ten schon län­ger um sich greift. Dir­ty Bird Trans­la­ti­on. Trans­lan­ti­sches. Eine Unrein­heit, die nicht so sehr auf Nicht­kön­nen beruht (denn kön­nen muss man, um die bes­se­ren Feh­ler zu machen), son­dern auf Nicht­tren­nen­kön­nen. Die Lust, das frem­de Mate­ri­al in der Ziel­spra­che poe­tisch wirk­sam wer­den zu las­sen, wie ein sanf­tes Gift/gift.

Die­se Frei­mü­tig­keit ist es viel­leicht, die Ulja­na Wolf dazu ani­miert, auch in weni­ger übli­chen Sprach­rich­tun­gen und ‑kon­stel­la­tio­nen zu über­set­zen. So wird mehr­heit­lich aus der erlern­ten Fremd­spra­che in die eige­ne Mut­ter­spra­che über­tra­gen. Zusam­men mit Chris­ti­an Haw­key hat sie jedoch Ilse Aichin­gers Schlech­te Wör­ter ins Eng­li­sche über­setzt, gleich­wohl die eng­li­sche Spra­che nicht ihre Mut­ter­spra­che ist. Das Kon­zept der Mut­ter­spra­che wird hier von ihr ganz prak­tisch hin­ter­fragt, wenn nicht gar wider­legt. Die Bedeu­tung des Stör­falls, der Fremd­heit und Unzu­ge­hö­rig­keit rückt bei ihrer Arbeit ins Zen­trum der Betrach­tung, in der „der Feh­ler als poe­ti­scher Zün­der“ eine ganz neue Wer­tig­keit erhält.

Die­se Offen­heit und geis­ti­ge Fle­xi­bi­li­tät zeigt sich auch in Über­set­zungs­pro­jek­ten aus Spra­chen, die Ulja­na Wolf nicht beherrscht – wie zum Bei­spiel das Bela­rus­si­sche – und bei denen sie auf Inter­li­ne­ar­über­set­zun­gen ande­rer zurück­greift. Die­sem (Interlinear-)Übersetzen und ihrer Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist ein ganz eige­ner Text gewid­met, sowohl the­ma­tisch als auch sti­lis­tisch. In „Nach­rich­ten aus einem Bie­nen­stock. Zum Über­set­zen bela­rus­si­scher Lyrik“ behält Ulja­na Wolf über drei Sei­ten weit­ge­hend die­sel­be Satz­struk­tur „Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen …“ bei und lässt in ihr die Viel­schich­tig­keit und das alles Durch­drin­gen­de beim Umgang mit meh­re­ren Spra­chen plas­tisch werden:

Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist ein Schlaf­wa­gen mit kaput­tem Samo­war. Kran­licht in der Nacht, Echos in Fabrik­hal­len. An der Gren­ze bekommt mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ein neu­es Fahr­werk … Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist ein Mit­bring­sel. Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist ein Spa­zier­gang mit Volha Hapey­e­va, bei dem wir Deutsch und Eng­lisch spre­chen. Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist ein Pra­li­nen­la­den auf der Pracht­stra­ße im win­tri­gen Minsk, in den mich Volha Hapey­e­va mitnimmt …

Und an ande­rer Stel­le sticht erneut Wolfs Ableh­nung von Kon­for­mis­mus und Herr­schaft hervor:

Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen ist das Gegen­teil von Appa­rat. Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen wehrt sich gegen Büro­kra­tie. Mei­ne Bezie­hung zum Bela­rus­si­schen wehrt sich, mit ihrer grenz­über­schrei­ten­den Arbeit gegen einen „Gene­ra­lis­si­mus“, der vor­schrei­ben will, wie Pra­li­nen zu hei­ßen haben, in wel­cher Spra­che man sie isst, wer sie ist, wer schwei­gen muss.

Ulja­na Wolfs Kon­zep­te der Unsi­cher­heit als krea­ti­ver Motor, Unge­wiss­heit als schöp­fe­ri­sche Frei­heit, eben „dem Feh­ler als poe­ti­scher Zün­der“ zeu­gen von einer Sicher­heit und Gewiss­heit, die ihre Wur­zeln in dem Ver­trau­en in sich und den Pro­zess und die Akzep­tanz des Unper­fek­ten zu haben schei­nen und die es ihr erlau­ben, auch mal eine ganz und gar komi­sche Figur in der Luft­burg zu machen.

Wolf will weg von einer rigi­den, dog­ma­ti­schen, hin zu einer flu­iden, offe­nen Arbeits- und Denk­wei­se, die den binä­ren Holz­ham­mer richtig/falsch bei­sei­telässt, wel­cher all­zu häu­fig krea­ti­ve Leben­dig­keit erschlägt. An die Stel­le der Angst davor, Feh­ler zu machen, dürf­te dann die Spiel- und Ent­de­cker­lust tre­ten, die sich weder von intel­lek­tu­el­len noch phy­si­schen Gren­zen ein­he­gen lässt.

So wird Ulja­na Wolfs Sicht auf die Lite­ra­tur, die Lyrik, das Über­set­zen auch poli­tisch und kann als Plä­doy­er für eine poly­glot­te Lebens­art gele­sen wer­den, in der Spra­che nicht als Instru­ment der Aus­gren­zung und Abwer­tung benutzt wird, son­dern als ver­bin­den­des Ele­ment, das man sich zu Nut­ze macht, mit dem man spielt und das man in sei­ner Ver­wen­dung immer wie­der neu auslotet.

Im gesam­ten Band erschei­nen Namen, Kon­zep­te und Inhal­te aktu­el­ler gesell­schaft­li­cher Debat­ten, denen es nach­zu­spü­ren lohnt. Die Essays ver­äs­teln sich fort­schrei­tend the­ma­tisch und kön­nen sehr gut als Aus­gangs­punkt für wei­te­re Recher­chen genutzt wer­den. Zu den Schlag­wor­ten Über­set­zen von Lyrik, trans­lin­gua­le Poe­sie, Era­su­re-Poe­try, Deter­ri­to­ria­li­sie­rung oder Iden­ti­tät fin­det man glei­cher­ma­ßen infor­ma­ti­ve wie inspi­rie­ren­de Abhand­lun­gen. Zu Künst­le­rin­nen wie Ilse Aichin­ger (ihr sind drei Essays gewid­met), Else Las­ker-Schü­ler, Dag­ma­ra Kraus, The­re­sa Hak Kyung Cha oder Yoko Tawa­da führt sie ihre (Arbeits-) Bezie­hun­gen und Prä­gun­gen aus und schafft es in all ihren Tex­ten, nicht nur ihre eige­ne beein­dru­cken­de Sprach­sen­si­bi­li­tät zu ver­an­schau­li­chen, son­dern die­se auch in ihrer Leser­schaft zu wecken, erneut zu schär­fen und zu ver­fei­nern. Die Lek­tü­re muss man sich durch­aus erar­bei­ten, wird dann aber mit einem deut­li­chen Zuge­winn an Wis­sen und vor allem einer spür­ba­ren Akti­vie­rung des eige­nen sprach­li­chen Fein­ge­fühls, sogar der eige­nen Empa­thie, ent­lohnt. So las­sen sich die­se Tex­te sicher­lich immer wie­der lesen und erle­ben, wann immer man sich von sprach­li­cher Abstump­fung bedroht fühlt oder einem der Sinn nach geis­ti­ger Akro­ba­tik steht.

Die Jury­be­grün­dung

Ety­mo­lo­gi­scher Gos­sip lässt sich als intel­lek­tu­el­le Auto­bio­gra­phie lesen. Ulja­na Wolf führt mit die­sem vor Esprit fun­keln­dem Buch aber vor allem in die Fra­gen von Ethik und Poe­tik der Über­set­zung ein – und sen­si­bi­li­siert für deren gesell­schafts­po­li­ti­sche Relevanz.


Ulja­na Wolf

Ety­mo­lo­gi­scher Gos­sip. Essays und Reden


Kook­books 2021 ⋅ 200 Sei­ten ⋅ 22 Euro


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