Hea­ven: Die Höl­le auf Erden?

Für Mieko Kawakamis japanischen Roman „Heaven“ musste die Übersetzerin Katja Busson tief in die düstere Welt des Mobbings eintauchen. Von

Was Mobbing mit Menschen macht, zeigt den Leser:innen der japanische Roman "Heaven". Hintergrundbild via Unsplash

Mit den Wor­ten des wohl bekann­tes­ten japa­ni­schen Schrift­stel­lers in Deutsch­land auf dem Buch­co­ver wird den Lesern von Hea­ven (hevun ヘヴン) eini­ges ver­spro­chen: „Mie­ko Kawa­ka­mi wächst und ent­wi­ckelt sich unauf­hör­lich wei­ter“, urteilt Haru­ki Mura­ka­mi. Es ist bekannt, dass die bei­den Autoren sich gegen­sei­tig bewun­dern, aber auch ihre schärfs­ten Kri­ti­ker sind. Kawa­ka­mi stellt immer wie­der, als weib­li­che Autorin und Femi­nis­tin, Mura­ka­mis Frau­en­fi­gu­ren und deren Psy­cho­gram­me infra­ge. Mit der Über­set­zung von Hea­ven durch die erfah­re­ne Über­set­ze­rin und Japa­no­lo­gin Kat­ja Bus­son ist die­ses Werk nun auch im deutsch­spra­chi­gen Raum zugäng­lich. Die Über­set­zung ist u. a. auf der Lit­prom-Bes­ten­lis­te „Welt­emp­fän­ger Nr. 53“ ver­tre­ten. Mit die­ser Bes­ten­lis­te wer­den seit 2008 Neu­über­set­zun­gen und ihre deut­schen Stimm­ge­ber gewürdigt.

Hea­ven, das zwei­te Buch Kawa­ka­mis, fühlt sich gar nicht wie der Him­mel an, eher wie die Höl­le auf Erden. Die­se Höl­le erle­ben wir durch die Per­spek­ti­ve des 14-jäh­ri­gen schie­len­den Prot­ago­nis­ten. Er beschreibt die bru­ta­len Schi­ka­nen durch sei­ne Mit­schü­ler, ins­be­son­de­re durch Nino­mi­ya und Momo­se, die für die gan­ze Grup­pe coo­ler Kids und Mob­ber ste­hen. Eines Tages fin­det der namen­lo­se Prot­ago­nist einen klei­nen Zet­tel, auf dem der Satz „Wir gehö­ren zur sel­ben Sor­te“ steht. Per­plex und voll Furcht vor einer wei­te­ren Demü­ti­gung ver­sucht er zunächst, die immer häu­fi­ger auf­tau­chen­den Brief­chen zu igno­rie­ren. Doch als ein Ort und eine Uhr­zeit auf dem Stück Papier ste­hen, nimmt er allen Mut zusam­men und geht zum ver­ein­bar­ten Treff­punkt. In Erwar­tung sei­ner nächs­ten Pei­ni­gung trifft er jedoch auf jemand völ­lig Uner­war­te­ten – sei­ne eben­falls von Nino­mi­ya gemobb­te Mit­schü­le­rin Kojima.

Nach die­ser Begeg­nung ent­steht ein gehei­mes und zar­tes Bünd­nis zwi­schen den bei­den. Da sie Angst vor Nino­mi­ya & Co. und den Kon­se­quen­zen ihrer Freund­schaft haben, hal­ten sie die­se geheim und tun in der Schu­le so, als sei­en sie Frem­de, wäh­rend sie heim­lich Nach­rich­ten schrei­ben und nächs­te Tref­fen ver­ein­ba­ren. Der Roman han­delt also von zwei ver­lo­re­nen See­len, die sich im Dunk­len zusam­men­tun, um die­se belas­ten­de Zeit der Mit­tel­stu­fe irgend­wie zu über­ste­hen. Dabei lässt die Autorin immer wie­der Hoff­nung und Zuver­sicht auf­kei­men, nur um die­se gleich wie­der in ihre Schran­ken zu ver­wei­sen und mit Füßen zu tre­ten. Auch Zukunfts­ängs­te, Depres­sio­nen, Gewalt, zer­rüt­te­te Fami­li­en­ver­hält­nis­se und per­ma­nen­te Hilf­lo­sig­keit las­sen einen als Leser genau­so emo­tio­nal ins Schwim­men kom­men wie die bei­den Teen­ager, die ver­su­chen, ihren Weg im Leben zu finden.

Das Buch erschien 2009 am Ende der soge­nann­ten „zero nen­dai“ in Japan. Die­se Zeit ist von den Ereig­nis­sen der 90er Jah­re in Japan mit den Gift­gas­an­schlä­gen der AUM-Sek­te, dem Erd­be­ben von Kobe und dem Plat­zen der Immo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­ons­bla­se gekenn­zeich­net. All dies führ­te zu pre­kä­ren Lebens­um­stän­den in Japan und die Gesell­schaft erhol­te sich erst lang­sam davon. Dem­entspre­chend düs­ter, melan­cho­lisch oder auch rebel­lisch war die Lite­ra­tur und Kunst. Da die Über­set­zung erst 2021 auf Deutsch erschie­nen ist, hat­te Kat­ja Bus­son mit ganz ande­ren Her­aus­for­de­run­gen zu kämp­fen. Trotz der 12 Jah­re zwi­schen dem Ori­gi­nal und der Über­set­zung ist der Inhalt von Hea­ven lei­der immer noch ein aktu­el­les The­ma an Schu­len und für Jugendliche.

Bus­son hat zuvor schon den glo­ba­len Best­sel­ler Brüs­te und Eier von Mie­ko Kawa­ka­mi über­setzt, daher ist ein fun­dier­tes Sprach­ge­fühl für die Autorin und ihren Stil vor­han­den. Bus­son gelingt es zudem, Jugend­spra­che in ihrer Über­set­zung zu ver­wen­den, ohne dabei „crin­ge“ zu wir­ken. Oft wird Jugend­spra­che in Roma­nen kri­ti­siert, wenn sie über­trie­ben oder deplat­ziert wirkt. Zum Groß­teil hat Bus­son aber den rich­ti­gen Ton getrof­fen. Bei­spiels­wei­se direkt im ers­ten Kapi­tel mit der Ver­wen­dung des Wor­tes „cree­py“, was ein häu­fig ver­wen­de­tes Mode­wort unter Jugend­li­chen und in Deutsch­land ein bekann­ter Angli­zis­mus ist:

「来ると思ってなかった」とコジマはたよりない顔で笑った。「気持ち悪いと思った?」とっさに言葉がでなかったので、僕は首を横にふった。しばらくふたりとも黙ったまま立っていた。

„Ich hät­te nicht gedacht, dass du kommst“, sag­te sie und lach­te zag­haft. „Fan­dest du die Brie­fe cree­py?“ Ich schüt­tel­te den Kopf, auf Anhieb brach­te ich kein Wort her­aus. Eine Wei­le ver­harr­ten wir schweigend.

Eine jugend­li­che Eigen­schaft von Koji­ma ist es, sich immer wie­der ande­re Begrü­ßun­gen in ihren Brie­fen ein­fal­len zu las­sen, die in der Über­set­zung zuerst ein wenig an das hawai­ia­ni­sche „Alo­ha“ erin­nern. Sie ist dabei recht krea­tiv. Es kom­men vie­le ver­schie­de­ne Begrü­ßungs­va­ri­an­ten vor, wie etwa „Loha“, „Loha­lo­ha“ oder „Loha­liha“. Dabei han­delt es sich in der deut­schen Über­set­zung ver­mut­lich um Abwand­lun­gen des Wor­tes „Hal­lo“ oder „Hal­li­hal­lo“. Das Wort „Hal­lo“ gibt es auch im Japa­ni­schen als „ha ro“ ハロ mit geroll­tem „r“ statt „l”. Hier wer­den jedoch die Wör­ter nicht ein­fach nur rück­wärts gele­sen, son­dern die kom­plet­ten Sil­ben getauscht. Dadurch erhält Koji­ma einen fröh­li­chen und jugend­li­chen Touch. Hier hält sich Kat­ja Bus­son also an das japa­ni­sche Original. 

Der Prot­ago­nist hin­ge­gen, des­sen Gedan­ken und Gefühls­welt uns durch den Roman füh­ren, wirkt zuwei­len kaum wie ein Teen­ager. Dies liegt nicht an sei­nem Ver­hal­ten, wel­ches beim Lesen als plau­si­bel und mit­leid­erre­gend emp­fun­den wer­den kann, son­dern an der Beob­ach­ter­per­spek­ti­ve und stel­len­wei­se an der Wort­wahl in der Übersetzung:

それはなんだかずいぶん昔のできごとのように思えたけれど、季節をひとつかふたつまたいだだけの時間しかたっていなかった

Es schien eine Ewig­keit her zu sein, dabei war seit­dem erst eine Jah­res­zeit ins Land gegan­gen.

Oder:

わたしと君が、いまここでなにかがあって死ぬかなにかして、それでもう酷い目に遭わされることがなくなったとしても、いつだってどこかで、おなじようなことが起きてるんだよ。(…)」

„Selbst wenn irgend­et­was pas­sier­te, wenn wir zum Bei­spiel stür­ben, du oder ich, und das Mob­bing damit ein Ende hät­te, wür­de sich nichts ändern. Die Schwa­chen wür­den wei­ter gequält.“

Die­ser kom­ple­xe Satz­bau ver­mit­telt den Ein­druck, dass der Prot­ago­nist sehr bele­sen und für sein Alter ver­hält­nis­mä­ßig weit­sich­tig ist. Vor allem im Ver­gleich zu Koji­ma, Nino­mi­ya und den ande­ren wirkt er unheim­lich erwach­sen. Auch wenn die hilf­lo­sen Gedan­ken­gän­ge, Wut­aus­brü­che, Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit des Erzäh­lers zwi­schen­durch eine ande­re Spra­che spre­chen. Nur an ein paar weni­gen Stel­len wun­dert man sich beim bewuss­ten Lesen des Buches etwas über die gewähl­ten Wort- und Zeit­for­men. Auch wenn das Japa­ni­sche die­se Verb­form vor­gibt, wäre es wohl im Sin­ne des Schreib­stils und der Ver­bun­den­heit mit dem Prot­ago­nis­ten bes­ser gewe­sen, hier etwas frei­er zu for­mu­lie­ren. An die­sen Stel­len wir­ken die sonst so jugend­li­chen und sprung­haf­ten Cha­rak­te­re etwas steif. So posi­tiv wie die ein­ge­bau­te Jugend­spra­che zuvor auf­fällt, begeg­net dem Leser hier ein etwas holp­ri­ges „Hoch­deutsch“. Denn kaum ein Teen­ager wür­de die Verb­form „stür­ben“ für ster­ben neh­men. Wahr­schein­li­cher wäre wohl ein Angli­zis­mus oder ein­fa­che­re Spra­che. Denn sonst fragt man sich als Leser, wer nun tat­säch­lich erzählt: die Autorin oder die 14-jäh­ri­ge Hauptfigur?

Es drängt sich der Gedan­ke auf, ob dies ein zusätz­li­ches sti­lis­ti­sches Mit­tel Kawa­ka­mis war, um die Son­der­stel­lung des Prot­ago­nis­ten als Außen­sei­ter neben sei­nem beein­träch­tig­ten Aus­se­hen wei­ter zu ver­stär­ken. So wirkt es jeden­falls auf sprach­li­cher Ebe­ne, unab­hän­gig von der kor­rek­ten Übersetzung.

Die Über­set­ze­rin Kat­ja Bus­son bringt den Leser durch Wort­wahl und Satz­bau immer wie­der zum Stol­pern: aber gewollt. Denn der Leser weiß zu jeder Zeit nur so viel wie der Prot­ago­nist selbst und die­ser wun­dert sich über bestimm­te Wor­te oder ver­steht nicht auf Anhieb, was sei­ne Kame­ra­din im Schmer­ze (Koji­ma) ihm eigent­lich genau sagen will.

「うれぱみん」とコジマは笑顔のまま、ためいきまじりにそう言って、自分の足もとを見た。うれ、なかで短く繰りかえし、なにを言ったのかききかえしたかったけれど、そういうことはとのタイミングでどんなふうにきけばいいのかわからなかったので、けっきょく黙ったままだった。

„Freu­min“, seufz­te Koji­ma immer noch lächelnd und sah zu Boden. Freu… wie­der­hol­te ich im Kopf und woll­te fra­gen, was sie damit mei­ne, aber da ich nie wuss­te, wann und wie man sol­che Fra­gen am bes­ten stell­te, blieb ich stumm.

Erst spä­ter ver­steht er, dass sie pas­send zu ihrer jewei­li­gen Stim­mung Namen von Hor­mo­nen erfin­det: Freu­min, Depri­min und Einsamin.

Ein wit­zi­ger Ein­fall sei­tens Bus­son ist auch die iro­ni­sche Ver­wen­dung des Schimpf­wor­tes „Hirn­ka­putt­niks“ (nou­ten far­aa 脳天ファラー) in Bezug auf die demen­ten Groß­el­tern Koji­mas. Die Autorin lässt Koji­ma ein Wort ver­wen­den, das der Prot­ago­nist nicht kennt, und dadurch wirkt es noch ulki­ger. Bus­sons Lösung ist amü­sant und erfüllt den Zweck der För­de­rung der Inter­ak­ti­on zwi­schen den bei­den Teenagern. 

Immer wie­der begeg­net man beim Lesen der For­mu­lie­rung „zur sel­ben Sor­te” (im Ori­gi­nal: „naka­ma”):

わたしたちは仲間です〉と書かれてあった。うすい筆跡で魚の小骨みたいな字で、そのほかにはなにも書かれていなかった。

„Wir gehö­ren zur sel­ben Sor­te“ stand mit Druck­blei­stift dar­auf geschrie­ben, mehr nicht. Die blas­sen Zei­chen sahen aus wie Gräten.

„Naka­ma” ist ein star­kes Wort, das mit Ver­bun­den­heit, Ver­traut­heit und Gemein­sam­kei­ten asso­zi­iert wird. Es kann dabei die unter­schied­lichs­ten Nuan­cen in der Bedeu­tung und somit auch in der Über­set­zung anneh­men. Nor­ma­ler­wei­se wird es als Kame­rad, Gleich­ge­sinn­ter, Freund oder Mit­glied gele­sen. Doch Bus­son hat sich hier für die bio­lo­gi­sche Defi­ni­ti­on „einer Spe­zi­es ange­hö­rend“ ent­schie­den. Dies ist zum einen ein erwei­ter­ter Wir­kungs­be­reich, der auf die Haupt­fi­gu­ren und ihre Situa­ti­on zutrifft. Sie sind wie zwei gleich gear­te­te Wesen, die ihren Pei­ni­gern hilf­los aus­ge­lie­fert sind. Auch wenn sich so etwas wie Freund­schaft und tie­fe Ver­bun­den­heit ent­wi­ckeln kann, hat die­se Form der Über­set­zung von „naka­ma“ zum ande­ren eine brei­te­re Bedeu­tung als die rein wört­li­che „Kame­rad­schaft“.

Die­se wich­ti­ge Phra­se, der Refrain des Tex­tes, wenn man so will, ver­än­dert sich im Lau­fe der Geschich­te. Durch die Ereig­nis­se des gemein­sa­men Jah­res wer­den Ent­wick­lun­gen im Erzäh­ler und Koji­ma aus­ge­löst: „Aber. Seit dem Vor­fall in der Turn­hal­le konn­te ich ihr nicht mehr in die Augen sehen. Je mehr sie mich trös­te­te, je unbe­irr­ter sie den Schi­ka­nen trotz­te, des­to weni­ger war ich in der Lage, ihr ins Gesicht zu sehen. War­um, wuss­te ich sel­ber nicht. Wenn ich dar­an dach­te, wie gut mir ihre frü­he­re Unbe­hol­fen­heit getan hat­te, ihr ver­schäm­tes Lachen, gab es mir einen Stich. Aber Koji­ma ver­än­der­te sich, und je mehr ich von die­ser Ver­än­de­rung wahr­nahm, des­to mehr ver­krampf­te ich. Irgend­wann hat­te die­se Ver­än­de­rung den, wenn auch klei­nen hel­len Fleck, den Koji­ma geschaf­fen hat­te, über­schat­tet und mich vertrieben.“ 

So zeigt sich auch sprach­lich in der Über­set­zung eine indi­vi­du­el­le Wei­ter­ent­wick­lung und Distan­zie­rung zwi­schen den bei­den Haupt­fi­gu­ren. Nach einem Streit sagt Koji­ma näm­lich unter Trä­nen: „Ich dach­te (…) Du und ich, wir sind aus dem­sel­ben Holz“, anstatt das zuvor mehr­fach ver­wen­de­te „von der­sel­ben Sorte“. 

「君は」しばらくしてからコジマは小さな声で言った。
「仲間だと思ってた」
「仲間だよ」と僕は言った。
「でも、違ったんだよ」
「違ってないよ」 僕の声に、コジマはゆっくりと首をふりつづけた。

„Ich dach­te“, flüs­ter­te Koji­ma end­lich. „Du und ich, wir sind aus dem­sel­ben Holz.“
„Sind wir doch auch“, sag­te ich.
„Aber ich habe mich geirrt.“
„Du hast dich nicht geirrt.“
Koji­ma schüt­tel­te den Kopf.

Es stellt sich nach die­sen Bei­spie­len die Fra­ge (wie bei jedem Text): Was ist hier nun wich­ti­ger? Die sprach­li­che Genau­ig­keit, gera­de bei Mie­ko Kawa­ka­mi, die unver­blümt Pro­ble­me anspricht und damit einer Tabui­sie­rung mit ihrem Schreib­stil ent­ge­gen­wirkt, oder die Wir­kungs­wei­se und Inte­gra­ti­on von Umschrei­bun­gen und Phra­sen für eine moder­ne Leseerfahrung?

Auf­ge­fal­len ist außer­dem, dass in den Erzäh­lun­gen immer wie­der japan­spe­zi­fi­sche Begrif­fe so über­setzt wur­den, dass sie dem west­li­chen Leser nicht erst erklärt wer­den müs­sen. Zum Bei­spiel die Gol­den Week im Mai in Japan oder das Obon-Fest im August. Die­se Ereig­nis­se wer­den so in die Sto­ry ein­ge­baut, dass sie ohne eine Tran­skrip­ti­on der Begrif­fe aus dem Japa­ni­schen aus­kom­men, näm­lich als „freie Woche“ oder dem auch im Wes­ten bekann­ten (wenn auch im Novem­ber gefei­er­ten) Fei­er­tag „Aller­see­len“. So könn­te man anneh­men, dass die tra­gi­sche Geschich­te der bei­den Teen­ager über­all auf der Welt spie­len könn­te. Die­se Ent­schei­dung für eine glo­ba­le­re Spra­che ist oft eine wich­ti­ge Fra­ge, zum einen, um Japan nicht wei­ter zu ori­en­ta­li­sie­ren, und zum ande­ren, wenn es „ver­nach­läs­sig­ba­re“ Ele­men­te sind wie hier spe­zi­el­le Fei­er­ta­ge, tut es dem Text und dem Leser und somit der Ver­markt­bar­keit des Buches gut, sol­che Begrif­fe nicht ein­fach aus der Aus­gangs­spra­che zu über­neh­men. Schluss­end­lich ist so etwas oft eine Ent­schei­dung des Lek­to­rats. Wobei man hier am Bei­spiel der Fei­er­ta­ge auch argu­men­tie­ren kann, dass sich die Eigen­hei­ten und der Cha­rak­ter des Tex­tes inhalt­lich ver­dün­nen und ziem­lich ähn­lich klin­gen­de Mas­sen­li­te­ra­tur ver­öf­fent­licht wird. Im oben genann­ten Bei­spiel geht es um die berühm­te Gol­den Week in Japan. Es fol­gen meh­re­re Fei­er­ta­ge im Mai auf­ein­an­der und fast das gan­ze Land kann zu die­sem Zeit­punkt eine gan­ze Woche am Stück, ohne Schuld­ge­füh­le dem Arbeit­ge­ber oder Kol­le­gen gegen­über, frei­neh­men. Dabei fällt auf, dass der Vater des Prot­ago­nis­ten zu die­ser Zeit auch – mal wie­der – nicht zu Hau­se ist, ein wei­te­rer Hin­weis auf die pre­kä­re Lage der Fami­lie, bestehend aus Vater, Sohn und Stief­mut­ter. Es liegt also nicht nur an der har­ten Arbeit, dass der Vater sich nie bli­cken lässt, son­dern viel­leicht steht eine Affä­re oder ähn­li­ches im Raum. Die­se Anspie­lung geht etwas ver­lo­ren, wenn man nicht weiß, wel­che Bedeu­tung die Gol­den Week in Japan hat.

Das titel­ge­ben­de Wort „Hea­ven“ ist der Name des Lieb­lings­bil­des Koji­mas, wel­ches sie dem Prot­ago­nis­ten wäh­rend eines Aus­flugs zei­gen will. Doch ihr Aben­teu­er nimmt ein jähes Ende, ohne dass er oder wir das Bild gezeigt bekom­men. An der wich­ti­gen Bedeu­tung des Gemäl­des für die Erzäh­lung ändert dies jedoch nichts.

Für das Buch Hea­ven spre­che ich eine deut­li­che Lese­emp­feh­lung aus. Kawa­ka­mi bespricht pre­kä­re The­men und die klei­ne gro­ße Welt von Mob­bing­op­fern, die bis heu­te lei­der trau­ri­ger Schul­all­tag ist. Die durch­dach­te Über­set­zung Bus­sons trägt dazu bei, die­ses Früh­werk Mie­ko Kawa­ka­mis zeit­los zu kon­ser­vie­ren und für west­li­che Leser fast voll­um­fäng­lich zugäng­lich zu machen. Die­ses Buch trägt den Schmerz der Welt der Haupt­fi­gu­ren in sich und soll­te in einer guten emo­tio­na­len Ver­fas­sung gele­sen wer­den, denn es ist sehr har­te Kost. Stellt sich nur noch eine Fra­ge: War man in der eige­nen Schul­zeit ein Mob­ber oder das Mobbingopfer?


Mie­ko Kawa­ka­mi | Kat­ja Bus­son

Hea­ven

Im japa­ni­schen Ori­gi­nal: Hevun

Dumont 2021 ⋅ 192 Sei­ten ⋅ 22 Euro


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