Im Rausch der Rumba

Für den neuen Roman von Fiston Mwanza Mujila haben die Übersetzerinnen Katharina Meyer und Lena Müller erfolgreich mit den Möglichkeiten der deutschen Sprache getanzt. Von

Im Tanz der Teufel von Fiston Mwanza Mujila werden Diamanten geschürft. Hintergrundbild: Photo by Krystal Ng on Unsplash

Das Mam­bo de la Fête ist eine Kaschem­me wie ein Schnell­koch­topf. Auf der Tanz­flä­che tum­meln sich all jene, die dem Glück hin­ter­her­ja­gen: Minen­ar­bei­ter, Neu­rei­che, Poli­ti­ker, Geheim­dienst­mit­ar­bei­ter und jun­ge Frau­en, die US-ame­ri­ka­ni­sche Rap­per als gold dig­ger abkan­zeln wür­den. In dem Club am Stadt­rand von Lub­um­ba­shi, einer Stadt im Süden von Zai­re, pul­siert das Leben, wäh­rend die kon­go­le­si­sche Rum­ba aus den Laut­spre­chern häm­mert und das Par­ty­volk am bil­li­gen Kleb­stoff schnüf­felt. Es ist eine berausch­te Welt, in die uns der Autor Fis­ton Mwan­za Muji­la mit­nimmt. Eine Welt, die es so nicht mehr gibt.

Sein Roman Tanz der Teu­fel spielt in einer längst ver­gan­ge­nen Zeit und in einem Land, das in die­ser Form nicht mehr exis­tiert. Es sind die wil­den 1990er-Jah­re, eine Zeit, in der sich alles für Zai­re ändert. Die ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­her­ren aus Bel­gi­en sind ver­schwun­den und die Regent­schaft des Dik­ta­tors Mobu­tu Sese Seko kol­la­biert. In der Hoff­nung, ihr beschei­de­nes Leben doch noch zum Guten zu wen­den, ver­su­chen die ein­fa­chen Leu­te, Dia­man­ten aus dem Boden zu plün­dern. Zai­re heißt heu­te Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go, aber von Demo­kra­tie und Wohl­stand ist das Land noch immer weit entfernt.

Es sind Cha­os­jah­re, die Mwan­za Muji­la im Tanz der Teu­fel beschreibt. Kolo­nia­lis­mus, Dik­ta­tur und Rebel­li­on sind aber nur Neben­ge­räu­sche in dem viel­stim­mi­gen Roman. Viel­mehr zeich­net Mwan­za Muji­la ein emp­find­sa­mes und unter­hal­ten­des Por­trät über sein Hei­mat­land, das er 2009 zuguns­ten Öster­reichs ver­las­sen hat. Es sind die vie­len ver­schie­de­nen Figu­ren und ihre Lebens­ge­schich­ten, die den Roman bunt und viel­sei­tig machen. Die Geschich­te ist eine gro­tes­ke und humor­vol­le Erzäh­lung über die Suche der Zairer:innen nach dem Glück. Eine poli­ti­sche Ankla­ge­schrift ist Tanz der Teu­fel kei­nes­wegs.

Eine kom­ple­xe Erzählstruktur

Es ist schwer, den Inhalt des Romans zusam­men­zu­fas­sen. Mwan­za Muji­la bricht bewusst mit tra­dier­ten Erzähl­wei­sen; Chro­no­lo­gie oder Kohä­renz spie­len eine gerin­ge­re Rol­le, statt­des­sen prä­gen Rhyth­mus, Ent­gren­zung und Stil­brü­che die Erzäh­lung. Im Mit­tel­punkt ste­hen die Figu­ren des Romans, die leit­mo­ti­visch immer wie­der­keh­ren. Hand­lungs­or­te und Erzähl­per­spek­ti­ven wech­seln immer wie­der und das jedes Mal abrupt. Ein­zi­ger Flucht­punkt des Romans ist der Nacht­club Mam­bo de la Fête, in dem die vie­len Erzähl­strän­ge zusammenlaufen.

Jeder Erzähl­strang spannt sich um eine Figur im Tanz der Teu­fel, die ihr Erle­ben aus per­so­na­ler oder Ich-Per­spek­ti­ve aus­drü­cken. Da ist bei­spiels­wei­se San­za, ein nai­ver Stra­ßen­jun­ge, der aus sei­ner kind­li­chen Per­spek­ti­ve schil­dert, wie sich sei­ne min­der­jäh­ri­gen Alters­ge­nos­sen in den Dia­man­ten­mi­nen im benach­bar­ten Ango­la kaputt­schuf­ten und wie er selbst in die Fän­ge von Mobu­tus Geheim­dienst gerät. Da ist Franz Baum­gart­ner, einer der weni­gen Wei­ßen im Roman. Ein trot­te­li­ger Schrift­stel­ler aus Öster­reich, der nie so genau ver­steht, was um ihn her­um eigent­lich geschieht. Und dann ist da noch Tshia­muena, die „Madon­na der Minen von Caf­un­fo“. Eine alte Frau, die gro­ßen Respekt genießt, aber ihren Mit­men­schen auch ger­ne mal was vom Pferd erzählt.

Die­se sehr unge­wöhn­li­che und frag­men­ta­ri­sche Erzähl­wei­se macht es für die Leser:innen zunächst schwer, im Roman Fuß zu fas­sen. Und sie war eine Her­aus­for­de­rung für die Über­set­ze­rin­nen Lena Mül­ler und Katha­ri­na Mey­er. In einem Bei­trag im Tole­do Jour­nal schrei­ben sie, dass eine gro­ße Auf­ga­be dar­in bestand, „beim Lesen und Über­set­zen am bes­ten alle Furcht abzu­le­gen, den Faden zu ver­lie­ren oder nicht mitzukommen.“

Über­set­ze­ri­sches Rhythmusgefühl

Sti­lis­tisch betrach­tet, ist der musi­ka­li­sche Sound der Geschich­te ein zen­tra­ler Aspekt im Tanz der Teu­fel. Der Text ist durch die vie­len Orts‑, Per­spek­tiv- und Gen­re­wech­sel durch­struk­tu­riert und auch der Satz­bau ist abwechs­lungs­reich und zugleich durch­kom­po­niert. Mwan­za Muji­las Spra­che ist stark rhyth­mi­siert, kur­ze und lan­ge Sät­ze wech­seln ein­an­der ab, er gehört noch zu den Autor:innen, die den Neben­satz nicht scheu­en. Und wie er selbst im Inter­view mit dem fran­zö­si­schen Maga­zin Mari­an­ne ver­rät, hat das auch einen Grund:

Pour moi, les mots sont des notes, tout part de la con­struc­tion de la phra­se. J’aime les longues phra­ses qui me per­met­tent d’avoir une respi­ra­ti­on car dans une longue phra­se, on peut chan­ger de ton. La musi­ca­li­té part de là et de l’énumération. Lan­cer des mots qui par­tent dans tous les sens, les répé­ter, per­met à la lan­gue de créer une musicalité.

Für mich sind Wor­te Noten, alles beginnt mit dem Auf­bau des Sat­zes. Ich lie­be lan­ge Sät­ze, die mir erlau­ben, Luft zu holen, denn in einem lan­gen Satz kann man den Ton ändern. Die Musi­ka­li­tät kommt daher und vom Auf­zäh­len. Die Wör­ter in alle Rich­tun­gen zu schleu­dern und zu wie­der­ho­len, lässt die Spra­che Musi­ka­li­tät kreieren.

Für die bei­den Über­set­ze­rin­nen stell­te sich zunächst die Fra­ge, wer über­haupt zur Musik tanzt. Denn der fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­ti­tel La dan­se du vilain ent­hält mit „vilain“ eine eher anti­quier­te Voka­bel, die im Deut­schen kei­ne direk­te Ent­spre­chung fin­det. Der Begriff stammt laut Petit Robert aus dem Mit­tel­al­ter und meint einen frei­en Bau­ern, der nicht ver­sklavt ist. Wie aber soll die­se Bedeu­tungs­welt adäquat ins Deut­sche trans­por­tiert wer­den? Auf die­se Fra­ge haben Lena Mül­ler und Katha­ri­na Mey­er eine pas­sen­de Ant­wort gefunden:

„Ist der Vilain also eher ein Lump? Ein­fach ein abge­ris­se­ner Kerl oder ein Mist­kerl? Ein Staub­fres­ser, Strolch, Halun­ke? Ein Schlitz­ohr, Schuft, Rau­bein, Rüpel, Scheu­sal, Gesocks, Gesin­del, Übel­tä­ter, Ekel, Wüst­ling? Ein Her­um­trei­ber, Lum­pen­hund, Gro­bi­an? Wegen der viel­fäl­ti­gen Anklän­ge, die der Begriff im Deut­schen hat, ent­schie­den wir uns für die armen Teu­fel. Der Tanz der Teu­fel ist genau genom­men auch der Tanz der armen Teufel.“

Der deut­sche Titel über­zeugt aber auch des­halb, weil Tanz der Teu­fel eine Alli­te­ra­ti­on ist. Das macht aus dem Titel einen grif­fi­gen Slo­gan, der in der Über­set­zung ein­präg­sa­mer nach­hallt als der eher anti­quier­te Ori­gi­nal­ti­tel La dan­se du vilain.

Sprach­spie­le auf vie­len Ebenen

Die 54 kurz gehal­te­nen Kapi­tel im Tanz der Teu­fel wim­meln gera­de­zu von Sprach­spie­len. Mwan­za Muji­la wech­selt häu­fig das Regis­ter und auch die Gren­zen der Gat­tungs­for­men über­schrei­tet er in der Erzäh­lung immer wie­der. Die­sen eigen­wil­li­gen Stil brin­gen Mül­ler und Mey­er rei­bungs­los ins Deut­sche. Ein Beispiel:

Sur des sujets aus­si poin­til­leux et con­tro­ver­sés que les mer­cen­aires blancs, la Séces­si­on katan­gai­se, l’Union miniè­re, ils se défou­lai­ent. Une élo­quence rare. Fati­gués de devoir trop long­temps res­ter debout, ils me con­vi­ai­ent à m’asseoir à la ter­ras­se d’un café pour vider leur gosier. J’écoutais l’Évangile sans interrompre.

Über so schwie­ri­ge und kon­tro­ver­se The­men wie wei­ße Söld­ner, die Abspal­tung Katan­gas, die Uni­on Miniè­re mach­ten sie ihrem Ärger Luft. Was für eine Elo­quenz! Wenn sie vom lan­gen Ste­hen müde waren, luden sie mich auf die Ter­ras­se eines Cafés ein, um mir ihr Herz aus­zu­schüt­ten. Ich lausch­te ihrem Ser­mon, ohne mit der Wim­per zu zucken.

Inter­es­sant ist hier­bei das recht hoch­ge­sto­che­ne Regis­ter, das Mwan­za Muji­la nutzt („élo­quence“, „l’Évangile“). Die zitier­te Beob­ach­tung schil­dert der Stra­ßen­jun­ge San­za, doch einem Kind wür­de man nor­ma­ler­wei­se der­ar­ti­ge Wor­te nicht in den Mund legen. Das ist die gro­tes­ke Iro­nie, die den Roman erzäh­le­risch prä­gen – und die Mey­er und Mül­ler nicht nur rich­tig erfasst, son­dern auch wir­kungs­gleich ins Deut­sche über­tra­gen haben. An ande­rer Stel­le bewei­sen Mey­er und Mül­ler, das sie aber auch den ora­len Cha­rak­ter der Geschich­te tref­fend über­set­zen. Das zeigt etwa die­ser Wort­wech­sel zwi­schen dem wei­ßen Autor Franz Baum­gart­ner und einem Taxifahrer:

- Tu va où, mon frè­re? Are you Bel­gi­an? French?
Il s’exprimait dans un ang­lais irré­prochable appris grâce au reg­gae.
- I’m from Aus­tria.
- Aus­tra­li­an?
- Aus­tria!
- I know your coun­try. My uncle was diplo­mat in Vien­na…
- When?
- It’s been years…
- First time in Zai­re?
- My second… On peut par­ler fran­çais…
- Si ça ne te déran­ge pas en ang­lais. I want prac­ti­ce my English…

»Wo geht’s hin, Bru­der? Are you Bel­gi­an? French?«
Er sprach ein tadel­lo­ses, durch Reg­gae erlern­tes Eng­lisch.
»I’m from Aus­tria.«
»Aus­tra­li­an?«
»Aus­tria!«
»I know your coun­try. My uncle was diplo­mat in Vien­na …«
»When?«
»It’s been years …«
»First time in Zai­re?«
»My second … Wir kön­nen auch Fran­zö­sisch spre­chen …«
»Wenn es Ihnen nichts aus­macht, dann ger­ne auf Eng­lisch. I want prac­ti­ce my English …«

Inhalt­lich ist das Gespräch kom­plett absurd und es wim­melt nur von eng­li­schen Gram­ma­tik­feh­lern (die der Über­set­zung glück­li­cher­wei­se erhal­ten geblie­ben sind). Auch der umgangs­sprach­li­che Ton im Ori­gi­nal wird ide­al wie­der­ge­ge­ben. So ist „Tu vas où, mon frè­re?“ etwa kei­ne stan­dard­sprach­lich gestell­te Fra­ge und des­halb mit „Wo geht’s hin, Bru­der?“ per­fekt übersetzt.

Wort­wech­sel gibt Mwan­za Muji­la im Tanz der Teu­fel aber nicht nur in Pro­sa­form wie­der. Er wech­selt auch ohne jede Vor­war­nung die Gat­tung und schreibt die Dia­lo­ge wie in einem Thea­ter­stück auf. Und auch hier ist die Münd­lich­keit das zen­tra­le Übersetzungsproblem:

LEANDRO: Une action éclair ne serait pas mal.
MAGELLAN: Je suis…
SANZA: Avec ou sans vous, je vais ten­ter une action.
MAGELLAN: Et si on cou­pait une biè­re au Mam­bo?
LEANDRO: Ouais…MAGELLAN (c’est l’ancien gen­dar­me katan­gais qui par­le main­ten­ant en lui): Je vais bien fice­ler le truc et il y aura des échos dans tou­te la province.

LEANDRO: Eine Blitz­ak­ti­on wäre nicht schlecht.
MAGELLAN: Ich bin dabei …
SANZA: Ich mache was, mit oder ohne euch.
MAGELLAN: Und wie wär’s mit einem Bier im Mam­bo?
LEANDRO: Okay.
MAGELLAN (und jetzt spricht der ehe­ma­li­ge Katanga‑Gendarm aus ihm): Ich neh­me die Sache in die Hand, das wird die gan­ze Pro­vinz erschüttern.

Wich­tig bei der Über­set­zung die­ser Thea­ter­dia­lo­ge ist, die wört­li­che Rede natür­lich und authen­tisch wie­der­zu­ge­ben. Inter­es­sant ist dabei etwa die typisch fran­zö­si­sche Inver­si­on, die San­za in sei­nem Rede­bei­trag nutzt, um her­vor­zu­he­ben, dass er auf jeden Fall etwas unter­neh­men will. In der deut­schen Fas­sung haben die Über­set­ze­rin­nen den vor­an­ge­stell­ten Teil des Sat­zes („Avec ou sans vous“) aller­dings ans Satz­en­de gestellt („mit oder ohne euch“) – genau­so wür­de man auch im Deut­schen eine bestimm­te Aus­sa­ge syn­tak­tisch beto­nen. Viel­leicht wäre in die­sem Bei­spiel ein Gedan­ken­strich anstel­le des Kom­mas ange­bracht gewe­sen, um der Aus­sa­ge noch mehr Gewicht zu verleihen.

Die nächs­te Aus­sa­ge von Magel­lan ist im Deut­schen weni­ger kon­kret als im Fran­zö­si­schen. Text­nah über­setzt wür­de Magel­lan sagen: „Und wenn wir ein Bier im Mam­bo köp­fen wür­den?“ Das wür­de aber auf Deutsch viel zu hoch­tra­bend und unna­tür­lich wir­ken. Der Vor­schlag „Und wie wär’s mit einem Bier im Mam­bo“ ist dage­gen idiomatischer.

Über­zeu­gend ist auch die Wie­der­ga­be des fran­zö­si­schen „Ouais…“ mit dem Angli­zis­mus „Okay.“ „Ouais“ ist umgangs­sprach­li­che Form der Zustim­mung und wür­de mit „Jawoll“ eher anti­quiert daher­kom­men. Aller­dings ist Lean­dros Zustim­mung in der Über­set­zung etwas ein­deu­ti­ger, weil die Über­set­ze­rin­nen den Satz nur mit einem statt drei Punk­ten beenden.

Ein Gedicht als Zugabe

Und auch die drit­te gro­ße Gat­tung der Lite­ra­tur, die Lyrik, steckt im Tanz der Teu­fel. Er endet mit einem Gedicht, das im Grun­de genom­men alle Leit­mo­ti­ve und die vie­len Stil­wech­sel des Romans zusammenfasst:

le par­vis de la Pos­te / un réser­voir de rêves / écla­tés / des gamins ava­chis / rou­pil­lent / en toi­sant le ciel / bou­che ouver­te / pau­piè­res incen­diées / par la col­le / dans leurs rêves / océ­an d’images incan­de­scen­tes / ils dan­sent / jusqu’à se bri­ser l’épine dor­sa­le / la dan­se du vilain / la dan­se de ceux qui mépri­sent l’argent / jet­tent l’argent par la por­te / jet­tent l’argent par la fenêt­re / par les latri­nes / et les égouts / des gamins, des gamins / ils dan­sent et dan­sent / la mer­veil­leu­se dan­se du vilain

der Platz vor der Post / ein Auf­fang­be­cken / gebors­te­ner Träu­me / trä­ge Bäl­ger / pen­nen / Blick in den Him­mel / Mund offen / die Augen­li­der / vom Kleb­stoff feu­er­rot / in ihren Träu­men / Oze­an weiß­glü­hen­der Bil­der / tan­zen sie / bis ihre Wir­bel­säu­le bricht / den Tanz der Teu­fel / den Tanz aller, die das Geld ver­ach­ten / das Geld zur Tür hin­aus­wer­fen / das Geld zum Fens­ter hin­aus­wer­fen / ins Klo / und in den Gul­ly / Bäl­ger, Bäl­ger / sie tan­zen und tan­zen / den wun­der­ba­ren Tanz der Teufel

Im Gedicht fal­len zwei Din­ge auf: Zum einen haben Mül­ler und Mey­er den Satz­bau in zwei Ver­sen ver­än­dert: „pau­piè­re incen­diées / par la col­le“ rückt den Kleb­stoff, der im Roman immer wie­der als Dro­ge inha­liert wird, stär­ker ins Zen­trum. Eine text­nä­he­re Über­set­zung wäre: „die Augen­li­der feu­er­rot / vom Kleb­stoff“. In der Über­set­zung liegt der Fokus stär­ker auf der Wir­kung des Kleb­stoffs: „die Augen­li­der / vom Kleb­stoff feu­er­rot“. Den­noch ist die Über­set­zung wir­kungs­gleich mit dem Fran­zö­si­schen: Durch die Inver­si­on ist der Rhyth­mus des Gedichts intakt, es stockt an kei­ner Stel­le. Das wäre bei einer text­na­hen Über­tra­gung anders.

Zum ande­ren wirkt hier der deut­sche Titel beson­ders stark: Teu­fel ist mit Feu­er, Glut, Heim­tü­cke, roter Far­be kon­no­tiert. Das ist der fran­zö­si­sche vilain nicht. In die­sem Sin­ne ent­fal­tet das Gedicht in der Über­set­zung sogar eine stär­ke­re Wirkung.

Eine Meis­ter­leis­tung

Wer den Tanz der Teu­fel auf Deutsch liest, muss sich von vie­len Vor­stel­lun­gen befrei­en, die als Maß­stab für gute Lite­ra­tur gepre­digt wer­den. Der Tanz der Teu­fel ist ver­wir­rend und gleich­zei­tig rausch­haft. Dass man als Leser:in kei­ne Bot­schaft, kei­ne rich­ti­ge Hand­lung, kei­nen roten Faden erken­nen kann, ist kein über­set­ze­ri­sches Defi­zit. Ganz im Gegen­teil. Es ist pure Absicht, dass sich eini­ge viel­leicht durch den Roman kämp­fen müs­sen – so ist es auch im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal. Mwan­za Muji­la spielt mit sei­nen Leser:innen, es ist den Über­set­ze­rin­nen also bes­tens gelun­gen, die­se Inten­ti­on auch im Deut­schen wir­ken zu las­sen. Lässt man sich aber auf den Rausch die­ses Buches ein, ent­fal­tet sich sei­ne kom­plet­te Sogwirkung.

Katha­ri­na Mey­er und Lena Mül­ler haben die­se kom­ple­xe und anspruchs­vol­le Geschich­te meis­ter­haft ins Deut­sche über­tra­gen. Das fällt auch dem Feuil­le­ton auf. So urteilt die öster­rei­chi­sche Tages­zei­tung Die Pres­se, dass der Tanz der Teu­fel „vor­züg­lich über­setzt“ ist. Um gleich danach zu kri­ti­sie­ren: „Nur Anmer­kun­gen zu den poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und geo­gra­fi­schen Ver­hält­nis­sen jener Zeit und zu bestimm­ten Begrif­fen wären für hie­si­ge Leser hilf­reich gewesen.“

Es stimmt: Die Lek­tü­re lässt eini­ge Fra­gen offen. Genau­es über die Mobu­tu-Jah­re in Zai­re oder die Aus­beu­tung der Dia­man­ten­mi­nen erfah­ren wir im Tanz der Teu­fel nicht. Und das ist auch nicht schlimm. Der Roman lebt auch davon, was unaus­ge­spro­chen bleibt. Eine mit Infor­ma­ti­on über­frach­te­te Über­set­zung hät­te dem Roman schließ­lich den Zau­ber genommen.


Fis­ton Mwan­za Muji­la | Katha­ri­na Mey­er & Lena Mül­ler

Tanz der Teufel

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: La dan­se du vilain

Zsol­nay 2022 ⋅ 288 Sei­ten ⋅ 25 Euro


Hazem Waked, „Alone on Rhine River's Shore", 2022, Öl auf Leinwand

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