Gro­ße klei­ne Spra­che Isländisch

Auch fernab der gängigen Island-Klischees bringt die kleine Insel großartige Literatur hervor. Übersetzt wird davon allerdings nur ein Bruchteil. Von

Gemälde mit isländischer Landschaft
Island: weite Landschaften und eine eng vernetzte Kulturszene. Þingvellir (1900) von Þórarinn Benedikt Þorláksson. Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.


Wie haben Sie Islän­disch gelernt?

Ich war nach dem Abitur 1987 mit einer Aus­tausch­or­ga­ni­sa­ti­on ein Jahr in Island und habe dort Land und Leu­te ken­nen­ge­lernt. Bei mei­ner Arbeit auf einem Bau­ern­hof mit Milch­kü­hen, Scha­fen und Pfer­den, in einer Fisch­fa­brik, einem Heim für Men­schen mit Behin­de­rung und einer Dru­cke­rei habe ich die Spra­che neben­bei auf­ge­schnappt. Ich konn­te mich eini­ger­ma­ßen ver­stän­di­gen, war aber weit von kor­rek­ter Gram­ma­tik und Aus­spra­che ent­fernt. Nach die­sem Jahr war für mich als Groß­stadt­kind klar: Ich will mehr von die­ser gran­dio­sen Land­schaft, aber auch mehr über die Spra­che und Kul­tur erfah­ren. Des­halb habe ich begon­nen, in Köln Skan­di­na­vis­tik zu stu­die­ren, und noch ein­mal inten­siv zwei Jah­re an der Uni in Reykja­vík Islän­disch gelernt. Der Stu­di­en­gang hieß damals noch Íslen­s­ka fyr­ir erlen­da stú­den­ta (Islän­disch für aus­län­di­sche Stu­den­ten) und heißt heu­te Íslen­s­ka sem annað mál (Islän­disch als Fremd­spra­che). Mei­ne Abschluss­ar­beit war eine Über­set­zungs­ana­ly­se; das The­ma Über­set­zen hat mich schon immer fas­zi­niert. Ers­te prak­ti­sche Über­set­zungs­er­fah­run­gen konn­te ich bei einem Lyrik-Sym­po­si­um mit skan­di­na­vi­schen Dich­te­rin­nen an der Uni Köln sam­meln, aber dass ich spä­ter ein­mal haupt­be­ruf­lich islän­di­sche Lite­ra­tur über­set­zen wür­de, kam mir damals ziem­lich abwe­gig vor.

Wie sieht die islän­di­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Sehr viel­fäl­tig! Lite­ra­tur hat einen gro­ßen Stel­len­wert in Island, was sich schon an der Zahl der Neu­erschei­nun­gen able­sen lässt: etwa 1.500 Titel pro Jahr bei einer Ein­woh­ner­zahl von 360.000. Eine Beson­der­heit ist die star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf das Weih­nachts­ge­schäft, die soge­nann­te jól­a­bóka­flóð (Weih­nachts­bü­cher­flut). Mit­te Novem­ber wird eine Bro­schü­re mit allen Neu­erschei­nun­gen an die Haus­hal­te ver­teilt und ist natür­lich auch online ver­füg­bar. In der Advents­zeit fin­den über­all Lesun­gen statt, und an Weih­nach­ten gehört das Ver­schen­ken von Büchern für vie­le Islän­der immer noch zur Tradition.

Die lite­ra­ri­schen The­men sind so viel­schich­tig und indi­vi­du­ell wie das Land und sei­ne Autorin­nen und Autoren. Her­vor­zu­he­ben ist die brei­te, jun­ge und sehr leben­di­ge Lyrik­sze­ne. Vie­le eta­blier­te Schrift­stel­ler haben mit Lyrik begon­nen und keh­ren immer wie­der zu ihr zurück. Durch die iso­lier­te Insel­la­ge am Ran­de der bewohn­ten Welt einer­seits und die glo­ba­le Ver­net­zung ande­rer­seits haben islän­di­sche Autorin­nen oft­mals einen sehr eige­nen, unver­stell­ten Blick auf die Welt. Es herrscht ein reger krea­ti­ver Aus­tausch zwi­schen den Kunst­spar­ten, oft sind Schrei­ben­de auch in der bil­den­den Kunst oder Musik aktiv. Kunst und Kul­tur wer­den staat­lich geför­dert, bei­spiels­wei­se durch monat­li­che Künst­ler­ge­häl­ter, auf die man sich bewer­ben kann. Das lite­ra­ri­sche Leben spielt sich zwar größ­ten­teils in der Haupt­stadt Reykja­vík ab, wo es ein renom­mier­tes Lite­ra­tur­fes­ti­val (Reykja­vík Inter­na­tio­nal Litera­ry Fes­ti­val), ein Kri­mi-Fes­ti­val (Ice­land Noir), eine Buch­mes­se und einen Stu­di­en­gang Lite­ra­ri­sches Schrei­ben gibt, aber auch in klei­ne­ren Orten fin­den auf Initia­ti­ve enga­gier­ter Men­schen erstaun­lich vie­le Kul­tur­events statt.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Das ist natür­lich Geschmacks­sa­che, und es fällt mir schwer, ein­zel­ne Titel her­vor­zu­he­ben. Mein Lieb­lings­werk von Hall­dór Lax­ness, dem bis­her ein­zi­gen islän­di­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger, ist der Roman Sein eige­ner Herr (zuletzt über­setzt von Hubert See­low) über den starr­sin­ni­gen Schaf­bau­ern Bjar­tur, der Anfang des 20. Jahr­hun­derts sei­ne Aut­ar­kie so vehe­ment ver­folgt, dass er sich und sei­ne Fami­lie ins Ver­der­ben stürzt. Lax­ness iro­ni­siert die Tra­di­ti­on des Bau­ern­ro­mans und hat mit Bjar­tur einen unver­gess­li­chen Prot­ago­nis­ten erschaf­fen. Zu den Klas­si­kern zäh­len auch Lax­ness‘ Zeit­ge­nos­sen Gun­nar Gun­nars­son, der aller­dings über­wie­gend auf Dänisch schrieb (bei­spiels­wei­se Schwar­ze Vögel, über­setzt von Karl-Lud­wig Wet­zig), und der genia­le Exzen­tri­ker Þór­ber­gur Þórðar­son, von dem lei­der bis­her nur ein ein­zi­ges Werk auf Deutsch vor­liegt (Islands Adel, über­setzt von Kris­tof Magnus­son). Seit Island 2011 Gast­land der Frank­fur­ter Buch­mes­se war, wird rela­tiv viel zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur ins Deut­sche über­setzt, auch dank der groß­zü­gi­gen Über­set­zungs­för­de­rung durch das Ice­lan­dic Lite­ra­tu­re Cen­ter

Zu den inzwi­schen im deutsch­spra­chi­gen Raum eta­blier­ten Autorin­nen und Autoren zäh­len bei­spiels­wei­se Einar Kára­son, Hall­grí­mur Hel­ga­son, Jón Kal­man Ste­fáns­son, Stein­unn Sigurðar­dót­tir und Sjón. Viel zu ent­de­cken gibt es auch bei Bergs­veinn Bir­gis­son, Guðrún Eva Míner­vu­dót­tir oder Sig­rí­ður Hagalín Björns­dót­tir. Dazu kom­men ein Viel­zahl an Kri­mi-Autoren und in den letz­ten Jah­ren eini­ge span­nen­de Lyri­ke­rin­nen wie Lin­da Vilhjálms­dót­tir, Rag­nar Hel­gi Ólaf­s­son und Frí­ða Ísberg.

Zwei Titel, die 2021 in mei­ner Über­set­zung erschie­nen sind, möch­te ich beson­ders emp­feh­len: Miss Island von Auður Ava Ólaf­s­dót­tir, das humor­vol­le, poe­ti­sche, femi­nis­ti­sche Por­trät einer ange­hen­den Schrift­stel­le­rin in Reykja­vík Anfang der 1960er Jah­re, und Andri Snær Magna­sons phi­lo­so­phisch-lite­ra­ri­sches Sach­buch über den Kli­ma­wan­del Was­ser und Zeit

Was ist noch nicht übersetzt?

Bei den Klas­si­kern gäbe es sicher eini­ges nach­zu­ho­len, eben­so wie bei den Wer­ken von Thor Vilhjálms­son, Guð­ber­gur Bergs­son und ande­ren Moder­nis­ten. Umso mehr freut es mich, dass der Gug­golz Ver­lag die Gesam­mel­ten Erzäh­lun­gen von Ásta Sigurðar­dót­tir her­aus­ge­ben wird, eine der weni­gen weib­li­chen lite­ra­ri­schen Stim­men im Island der 1950er Jah­re, deren Tex­te gro­ßen Ein­fluss auf den Moder­nis­mus hatten.

Was die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur betrifft, ist es mei­ner Erfah­rung nach eher schwie­rig, Bücher bei deut­schen Ver­la­gen unter­zu­brin­gen, die nicht so recht dem Island-Kli­schee ent­spre­chen, also – über­spitzt aus­ge­drückt – gänz­lich ohne Schnee­stür­me, trink­fes­te See­män­ner, skur­ri­len Humor oder über­sinn­li­che Ereig­nis­se aus­kom­men. Ein ful­mi­nan­ter Debüt­ro­man wie Svíns­höfuð (Schwei­ne­kopf, 2019) von Ber­gþó­ra Snæb­jörns­dót­tir hat somit lei­der (noch) kei­ne Chan­ce bekom­men. Dar­in geht es um drei Außen­sei­ter-Schick­sa­le im heu­ti­gen Island: ein Mann mit einer Behin­de­rung, der Schwei­ne­kopf genannt wird, eine jun­ge, psy­chisch kran­ke Mut­ter und ein jugend­li­cher Ein­wan­de­rer aus Chi­na. Mit psy­cho­lo­gi­scher Tie­fe, einem star­ken Emp­fin­den für mensch­li­che Schwä­chen und gro­ßer Empa­thie schil­dert die Autorin, wie Glau­bens­sät­ze, wie­der­keh­ren­de Mus­ter und Trau­ma­ta von einer Genera­ti­on zur nächs­ten wei­ter­ge­ge­ben werden.

Gäh­nen­de Lee­re herrscht übri­gens bei den Über­set­zun­gen von Kin­der­bü­chern, was ich nie rich­tig ver­stan­den habe, denn islän­di­sche Kin­der­buch­au­torin­nen kön­nen es spie­lend mit ihren skan­di­na­vi­schen Kol­le­gin­nen aufnehmen.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Islän­di­schen? Wie gehen Sie damit um?

Als ger­ma­ni­sche Spra­che ist das Islän­di­sche dem Deut­schen gram­ma­ti­ka­lisch ziem­lich nah. Aller­dings ist das moder­ne Islän­disch noch fast iden­tisch mit dem mit­tel­al­ter­li­chen Alt­w­est­nor­disch, was ihm manch­mal einen alter­tüm­li­chen Klang ver­leiht. Bei zeit­ge­nös­si­schen Tex­ten, vor allem in der Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, muss man hier sti­lis­tisch schon mal etwas „run­ter­schrau­ben“. Ande­rer­seits liegt gera­de dar­in natür­lich auch der Reiz der Spra­che, zumal sie über einen sehr gro­ßen Wort­schatz ver­fügt. Auf Schwie­rig­kei­ten sto­ße ich beson­ders beim kul­tur­spe­zi­fi­schen Voka­bu­lar, etwa aus den Berei­chen Fisch­fang, Nau­tik, Schaf­zucht, Wet­ter­kun­de, Geo­lo­gie, Vul­ka­nis­mus, Vogel­kun­de … Hier fehlt es lei­der an guten Wör­ter­bü­chern. Da in Island ein gewis­ser Sprach­pu­ris­mus gepflegt wird (für tech­ni­sche Neue­run­gen und aus­län­di­sche Pro­duk­te wer­den islän­di­sche Namen erfun­den), gibt es kaum Lehn- und Fremd­wör­ter, dafür aber sehr krea­ti­ve Wort­neu­schöp­fun­gen, die manch­mal eine zeit­auf­wän­di­ge Recher­che erfor­dern und in direk­ter Über­set­zung mal poe­tisch, mal wit­zig klin­gen – wer ver­mu­tet hin­ter einem Kriech­dra­chen (skrið­d­re­ki) schon einen Pan­zer oder hin­ter einem cle­ve­ren Draht (snja­ll­sí­mi) ein Smartphone?

Zudem ist der Ein­fluss der alt­is­län­di­schen Lite­ra­tur sehr prä­sent. Ich begeg­ne stän­dig Zita­ten aus den mit­tel­al­ter­li­chen Sagas oder Bezü­gen zur nor­di­schen Mytho­lo­gie, die islän­di­schen Lesern unmit­tel­bar einen Reso­nanz­raum für Asso­zia­tio­nen öff­nen. Je nach Kon­text füge ich hier manch­mal einen Halb­satz hin­zu. Spre­chen­de Namen von Per­so­nen und Orten sind kei­ne Sel­ten­heit. Auch hier wäge ich ab, ob eine Bedeu­tungs­ebe­ne ver­lo­ren geht, wenn der Name unüber­setzt bleibt, und ver­su­che, eine Lösung zu fin­den. Hilf­reich bei allen Text­fra­gen ist immer der Kon­takt zu den Autorin­nen und Autoren, die in der Regel sehr ger­ne zu einem Aus­tausch bereit sind – kein Wun­der, wenn man bedenkt, dass sich ihre poten­zi­el­le Leser­schaft durch die Über­set­zung in eine ande­re Spra­che um ein Viel­fa­ches vergrößert.

Was kann Islän­disch, was Deutsch nicht kann?

Islän­disch kann sehr poe­tisch sein. Es kann flüs­tern und säu­seln und wehen und stür­men und pras­seln und äch­zen und grol­len, aber das kann Deutsch in einer guten Über­set­zung auch.


Tina Flecken ©Bild: privat

Tina Fle­cken

Tina Fle­cken stu­dier­te Skan­di­na­vis­tik, Anglis­tik und Ger­ma­nis­tik in Köln und Reykja­vík und arbei­tet seit vie­len Jah­ren als freie Lite­ra­tur­über­set­ze­rin. Sie über­trägt Wer­ke aus dem Islän­di­schen, u. a. von Andri Snær Magna­son, Auður Ava Ólaf­s­dót­tir, Mika­el Tor­fa­son, Sig­rí­ður Hagalín Björns­dót­tir und Yrsa Sigurðar­dót­tir sowie Lyrik von Sjón. 2021 wur­de sie für ihre her­aus­ra­gen­den Über­set­zun­gen mit dem islän­di­schen Über­set­zungs­preis Orðs­tír aus­ge­zeich­net. ©Bild: privat


Wir suchen für die Rubrik „Gro­ße klei­ne Spra­che“ Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer, die Lust haben, ihre „klei­ne“ Spra­che mit unse­rem Fra­ge­bo­gen vor­zu­stel­len. Wenn du dich ange­spro­chen fühlst, mel­de dich ger­ne unter redaktion@tralalit.de.


Hazem Waked, „Alone on Rhine River's Shore", 2022, Öl auf Leinwand

Gro­ße klei­ne Spra­che Arabisch

Von Bei­rut über Paris nach Ber­lin – die ara­bi­sche Lite­ra­tur­sze­ne ist trans­na­tio­nal, kos­mo­po­li­tisch und weltweit … 
Staubfänger Lucie Faulerová

Staub und Stillstand

Die Haupt­fi­gur in Lucie Fau­ler­ovás „Staub­fän­ger“ erzählt mit Tem­po, Rhyth­mus und Biss. In der deutschen … 

1 Comment

Add Yours

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.