Pathos über­set­zen

Eins steht fest: Pathos hat es schwer in der deutschsprachigen Lyrik. Das Pathoslabor im Rahmen des Lyrikertreffens Münster hat die Gründe dafür näher untersucht. Von und

Logo des Pathoslabor, Lyrikertreffen Münster. Hintergrundbild: Daniela Paola Alchapar via Unsplash

Wäh­rend in den meis­ten ande­ren euro­päi­schen und außer­eu­ro­päi­schen Lite­ra­tu­ren das Pathe­ti­sche gera­de­zu syn­onym zum Lyri­schen gese­hen wird, scheint im Deut­schen eine Art Pathos­ab­wehr zu exis­tie­ren. Nei­gen deutsch­spra­chi­ge Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer eher dazu, pathos­ge­la­de­ne Gedich­te zurück auf die Erde zu holen? Und wer­den ver­meint­lich nüch­ter­ne deutsch­spra­chi­ge Gedich­te von ihren Über­set­zen­den im Ton eher ange­ho­ben? Sol­chen Fra­gen haben sich Han­nes Bajohr, Ali­da Bre­mer, Ann Cot­ten, Micha­el Ebmey­er, Chris­ti­an Filips, Dag­ma­ra Kraus, Olga Radetz­ka­ja und die künst­le­ri­sche Lei­tung des Lyri­ker­tref­fens, Auré­lie Mau­rin und Ulf Stol­ter­foht, wäh­rend eines Pathos­la­bors im LCB gewid­met. Auré­lie Mau­rin im Gespräch mit Ali­da Bre­mer über das Pathos-Pro­jekt beim Lyri­ker­tref­fen Münster.

Ali­da Bre­mer: Als ich im Vor­feld des dies­jäh­ri­gen Lyri­ker­tref­fens in Müns­ter von dem Pro­jekt Pathos erfuhr, war ich davon sehr ange­tan – noch bevor ich zum Mit­ma­chen ein­ge­la­den wur­de. Dei­ne Ein­la­dung freu­te und beweg­te mich sehr, da ich nicht nur in Müns­ter lebe und arbei­te, son­dern die Über­set­ze­rin eines Dich­ters aus Kroa­ti­en bin, der das Pathos bewusst als eine resi­gnier­te und revol­tie­ren­de Ges­te für sei­ne Lyrik gewählt hat. Vor den Krie­gen in den Neun­zi­gern war er ein Pun­ker – im Punk ist auch eine Vari­an­te des Pathos ver­bor­gen. Nach den Krie­gen wur­de er zu einem melan­cho­li­schen Lyri­ker. Ich war aus meh­re­ren Grün­den von dem Pathos-Pro­jekt begeis­tert: Wie häu­fig bei ori­gi­nel­len und guten Ideen frag­te ich mich, wie­so ich nicht selbst dar­auf gekom­men bin, über die kul­tu­rel­len Unter­schie­de nach­zu­den­ken, die in Bezug auf das Pathos exis­tie­ren; außer­dem erkann­te ich, dass die­sem The­ma ein gro­ßes theo­re­ti­sches und emo­tio­na­les Poten­ti­al inne­wohnt. Ganz wich­tig dabei war mir, dass Dei­ne Hin­ter­fra­gung des Pathos vor allem auf über­set­ze­ri­schen Erfah­run­gen grün­det. Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zer über­tra­gen nicht nur Tex­te, sie haben dank ihrer Kom­pe­ten­zen einen ganz beson­de­ren Ein­blick in die par­al­le­len sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Wirk­lich­kei­ten. Des­halb mei­ne ers­te Fra­ge: Woher die­se Idee? Wie bist Du dar­auf gekom­men? Und wie hast Du es geschafft, in einer eher nüch­ter­nen und wenig emo­tio­na­len Stadt wie Müns­ter so vie­le Mitstreiter:innen für die­ses The­ma zu gewinnen?

Auré­lie Mau­rin: Mein Inter­es­se für das Pathos wur­de durch Beob­ach­tun­gen aus der Über­set­zungs­pra­xis geweckt. Lan­ge Jah­re habe ich die soge­nann­ten VERS­schmug­gel gelei­tet, ein Pro­jekt des Hau­ses für Poe­sie in Ber­lin, für das Dichter:innen aus ver­schie­de­nen Spra­chen ein­ge­la­den wur­den, ein­an­der mit­hil­fe einer Inter­li­ne­ar-Ver­si­on zu über­set­zen und nach­zu­dich­ten. Dabei fiel mir immer wie­der auf, dass bei Über­set­zun­gen ins Deut­sche gera­de­zu auto­ma­tisch Ele­men­te des Pathos her­aus­ge­fil­tert oder ver­mie­den wur­den. Und das bei ganz unter­schied­li­chen Aus­gangs­spra­chen. Oft kam es zu einem über­set­ze­ri­schen Zau­dern, zu einer Vor­sicht oder sogar zu hef­ti­ger Abwehr. Da sich die­se Sze­ne immer wie­der­holt hat – sei es bei Über­set­zun­gen aus dem Spa­ni­schen, aus dem Per­si­schen oder aus dem Rus­si­schen – lag die Annah­me nahe, dass die deut­sche Lyrik in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine Pathos-Unver­träg­lich­keit her­aus­ge­bil­det hat. Nichts schien schwie­ri­ger über die Gren­ze der deut­schen Spra­che zu schmug­geln als pathos­hal­ti­ge Waren. Ein hoch­sen­si­ti­ver Detek­tor spür­te das Pathos bei jedem Boar­ding auf. Und „Pathos über­set­zen“, das war gleich­be­deu­tend mit iro­ni­sie­ren, abdämp­fen, run­ter­stim­men, ret­ten, fern­hal­ten. Das Lyri­ker­tref­fen in Müns­ter, das ich in die­sem Jahr zum ers­ten Mal gemein­sam mit Ulf Stol­ter­foht gelei­tet habe, ist ein Seis­mo­graf sei­nes Gen­res. So erschien es mir als idea­ler Ort, um ver­schie­de­ne Posi­tio­nen ins Feld zu füh­ren – und gemein­sam über die (Un)übersetzbarkeit von Pathos, über Idio­syn­kra­si­en und posi­ti­ve For­men rhe­to­ri­scher Über­wäl­ti­gung nachzudenken.

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Ali­da Bre­mer: Dank einer der­ar­ti­gen Ein­be­zie­hung der Kunst des Über­set­zens in das Nach­den­ken über Poe­sie kann man m. E. deut­lich erken­nen, dass Über­set­zun­gen, wenn man sie nur ernst genug nimmt, unser Ver­ständ­nis von Lite­ra­tur im All­ge­mei­nen und von Lyrik im Beson­de­ren ver­än­dern kön­nen. Im Vor­feld des Lyri­ker­tref­fens fand im März ein Vor­be­rei­tungs­tref­fen – ein Pathos­la­bor – im LCB statt (ich war aus mei­nem Hotel­zim­mer in New York und mit einer Zeit­dif­fe­renz von 6 Stun­den zuge­schal­tet, aber es hat alles wun­der­bar geklappt): Kannst Du mehr dar­über berichten?

Auré­lie Mau­rin: Vor Ort waren erfah­re­ne Übersetzer:innen, die zum Teil auch selbst Autor:innen sind: Han­nes Bajohr, Ann Cot­ten, Micha­el Ebmey­er, Dag­ma­ra Kraus und Olga Radetz­ka­ja. Pro­jekt­lei­ter war der Lyri­ker Chris­ti­an Filips, der in sei­nen Arbei­ten den hohen Ton als rhe­to­ri­sches Mit­tel nicht scheut. Auch Ulf Stol­ter­foht und ich waren mit dabei. Wir woll­ten ver­schie­de­ne Pathosaf­fi­ni­tä­ten und Sprach­wel­ten zusam­men­brin­gen und auch expe­ri­men­tier­freu­di­ge Posi­tio­nen ins Feld holen. Schon im Vor­feld gab es eine wäh­rend der Lock­down-Zeit ent­stan­de­ne Web­site mit einer Pathos­ga­le­rie, in der Dichter:innen und Übersetzer:innen ihr schwie­ri­ges Ver­hält­nis zum Pathos erkun­det haben. In die­ser Gale­rie warf Nora Gom­rin­ger eine Fra­ge auf, die uns als Refrain durch das Labor hin­durch beglei­tet hat: „Gibt es die ver­damm­te deut­sche Angst vor Pathos?“

Ali­da Bre­mer: Und gibt es die­se Angst wirklich?

Auré­lie Mau­rin: Und wie! Pathos hat den Effekt eines Stopp­schilds! Deutsch­spra­chi­ge Kritiker:innen sind sich da erstaun­lich einig und schla­gen Alarm, sobald sie zu viel Pathos wit­tern. Pathos­frei­heit gilt dage­gen als Qua­li­täts­merk­mal. Wenn von Pathos die Rede ist, geht man lie­ber auf Distanz. So stan­den unlängst etwa die Gedich­te von Aman­da Gor­man oder auch die der Nobel­preis­trä­ge­rin Loui­se Glück unter Pathos­ver­dacht. Ulri­ke Dra­es­ner, ihre Über­set­ze­rin ins Deut­sche, muss­te sich gera­de­zu dafür recht­fer­ti­gen, das Pathos von Glücks Gedich­ten in den Über­set­zun­gen bei­be­hal­ten zu haben. In unse­rer Gale­rie zeigt sie auch, wie man mit Über­set­zung die Angst vor Pathos über­win­den kann.

Ali­da Bre­mer: Mit die­sem The­ma bewegt man sich an der Schnitt­stel­le zwi­schen Ästhe­tik und Gesell­schaft, zwi­schen Poe­tik und Poli­tik. In einem schein­bar neu­tra­len Raum wer­den Urtei­le über künst­le­ri­sche Wer­te getrof­fen, doch ver­mut­lich lau­ern dahin­ter his­to­ri­sche (Ab)Gründe. Aman­da Gor­man knüpft an eine Tra­di­ti­on der ame­ri­ka­ni­schen Dich­tung an, etwa an den hym­ni­schen, hohen Ton eines Walt Whit­mans. Doch die­ser Ton ver­ur­sacht in der deut­schen Lyrik­sze­ne Unbe­ha­gen. Warum?

Auré­lie Mau­rin: Nicht umsonst reagiert sie mit gro­ßem Unbe­ha­gen auf die­ses Pathos, das oft als zu patrio­tisch emp­fun­den wird. Durch die deut­sche Geschich­te gibt es eine poli­ti­sche Dimen­si­on des Pathos­be­griffs, der ihn dis­kre­di­tiert. Deutsch­land wur­de nach der Nazi­zeit eine Pathos­pho­bie in öffent­li­chen Reden attes­tiert, in der Poli­tik ist der Pathos­ver­zicht bis heu­te prä­sent. Die west­deut­sche Kul­tur scheint sich aus einer Art Ent­pa­the­ti­sie­rung her­aus­ge­bil­det zu haben – eine tabu­la rasa des Pathos, in der man kol­lek­ti­ver Emo­tio­na­li­tät mit Miss­trau­en begeg­ne­te. Pathos wur­de gleich­ge­setzt mit Bathos – das ist der alt­grie­chi­sche Begriff für miss­lin­gen­des Pathos … Ansons­ten wird es nur über Gegen­be­grif­fe wie Ethos, Gro­tes­ke, Erha­ben­heit, Anti­pa­thos oder Kitsch erfasst … Pathos polarisiert!

Ali­da Bre­mer: Was waren die kon­kre­ten Gegen­stän­de der Unter­su­chung im Pathos­la­bor? Kannst du uns ein paar Bei­spie­le nennen?

Auré­lie Mau­rin: Da wur­de ein wei­ter Fächer auf­ge­spannt! Alle haben aus ihrer kon­kre­ten Pra­xis berich­tet. Han­nes Bajohr und Ann Cot­ten haben sich die Fra­ge gestellt, ob es ein pro­gram­mier­tes Pathos geben kann und wie sich Pathos zur künst­li­chen Intel­li­genz ver­hält. Micha­el Ebmey­er führ­te anhand Leo­nard Cohens Adap­ti­on „Take this Waltz“ von Feder­i­co Gar­cía Lor­cas Gedicht „Peque­ño Vals Vie­nés“ vor, wie durch die Über­set­zung in einen ande­ren Kul­tur­raum Pathos- und Bathos-Effek­te gene­riert wer­den – das berühr­te auch Fra­gen kul­tu­rel­ler Aneig­nung. Olga Radetz­ka­ja hat uns vor­ge­führt, wie Pathos und Anti-Pathos in Gedich­ten von Maria Ste­pa­no­va und Mari­na Zweta­jewa mit der Idee eines rus­si­schen Hero­is­mus zusam­men­hän­gen. Dag­ma­ra Kraus hat uns Bei­spie­le ihrer Über­set­zun­gen der pol­ni­schen Dich­te­rin Zuz­an­na Gin­c­zanka vor­ge­le­sen, die einen gan­zen Kata­log von Pathos-Situa­tio­nen auf­fä­chert. Und Du hast uns in die Welt der melan­cho­li­schen Engel von Deli­mir Reši­cki ein­ge­führt, den Du als Post-Punk, der die Toten des Jugo­sla­wi­en-Kriegs beschwört, für den pathos­ge­la­dens­ten Dich­ter Euro­pas hältst.

Ali­da Bre­mer: Ich unter­schei­de zwi­schen dem gewoll­ten und als Stil­mit­tel bewusst ein­ge­setz­tem Pathos, dem ich viel abge­win­nen kann, und dem schlech­ten, da unge­woll­ten und unbe­wuss­ten, aber den­noch ein­ge­setz­ten Pathos. Deli­mir Reši­cki ist sich sei­ner pathe­ti­schen Poe­tik bewusst; im Gedicht „Eth­no Zähl­reim“ spricht er zum Bei­spiel von „pathe­ti­schen gefro­re­nen Blü­ten­blät­tern der Wild­kir­schen“. War er nicht der pathe­tischs­te von allen?

Auré­lie Mau­rin: Es gab gro­ße Kon­kur­renz! Das war auch das Fas­zi­nie­ren­de, wie die­se Varia­tio­nen aus Pathosaf­fi­ni­tä­ten in einer Rei­se durch ver­schie­de­ne poli­ti­sche Situa­tio­nen und Tra­di­tio­nen mün­de­te, eine end­lo­se Ket­ten­re­ak­ti­on von Pathos und Anti­pa­thos … Die Abwehr­re­ak­ti­on auf Pathos kann sich auch in einer Pathos-Über­stei­ge­rung aus­drü­cken – eine Art Erst­ver­schlim­me­rung vor der Immu­ni­sie­rung … Pathos wird dann bewusst über­la­den, um es bes­ser bre­chen zu kön­nen … In unse­rer Gale­rie fin­det sich auch ein schö­ner Bei­trag von Olga Radetz­ka­ja über die Spiel­ar­ten des Pathos und Anti-Pathos – ein Video über Maria Ste­pa­no­va, die das zu Kitsch erstarr­te Pathos des Geheim­nis­vol­len – u. a. eines Rai­ner Maria Ril­ke – auf­greift und ihr Spiel damit treibt …

Ali­da Bre­mer: Für mich war es bei die­sem Aus­tausch außer­or­dent­lich inter­es­sant, die ande­ren Pathos-Tra­di­tio­nen näher ken­nen­zu­ler­nen. Da ich in der Zeit der Dis­kus­sio­nen im LCB in den USA war, konn­te ich mit der Frei­heits­sta­tue und vie­len US-Flag­gen vor Augen über das nati­on­bil­den­de Pathos der Ame­ri­ka­ner nach­den­ken und dar­über mit unse­rer Grup­pe dis­ku­tie­ren. Micha­el Ebmey­er hat sei­ner­zeit das Gedicht „The New Colos­sus“ der jüdi­schen ame­ri­ka­ni­schen Dich­te­rin Emma Laza­rus über­setzt, das in das Podest der Frei­heits­sta­tue ein­gra­viert ist. Sowohl das Gedicht wie auch die gelun­ge­ne Über­tra­gung von Micha­el sind von die­sem ame­ri­ka­ni­schen Pathos gekenn­zeich­net, doch wenn man sich das The­ma und die Epo­che vor Augen hält – die Frei­heits­sta­tue und das Gedicht grü­ßen die Müden, die Geduck­ten und die Hei­mat­lo­sen, die sich nach Frei­heit seh­nen – dann hat die­ses Pathos durch­aus sei­ne Berech­ti­gung. Ich war über­zeugt, dass wir alle auf der Spur von etwas ganz Gro­ßem und Wich­ti­gem sind, aber ich konn­te mir eher eine Stu­die bzw. einen Sam­mel­band mit theo­re­ti­schen Tex­ten vor­stel­len als eine Umset­zung auf der Büh­ne. Und den­noch habt Ihr bei­de als neue Kurator:innen des Lyri­ker­tref­fens Müns­ter Euch ent­schie­den, die Ergeb­nis­se öffent­lich im Ver­an­stal­tungs­for­mat zu prä­sen­tie­ren. Wie ist es dazu gekommen?

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Auré­lie Mau­rin: Von Anfang an woll­ten wir die Früch­te unse­rer Pathos­ern­te auf dem Lyri­ker­tref­fen öffent­lich prä­sen­tie­ren – was nicht aus­schlie­ßen soll­te, dass wir die Spu­ren­su­che auch in Form einer Publi­ka­ti­on fort­set­zen. Für die Ver­an­stal­tun­gen war unser Pro­jekt­lei­ter Chris­ti­an Filips feder­füh­rend, der von dem Befund aus­ging, dass sich das Ver­hält­nis zum Pathos im deutsch­spra­chi­gen Dis­kurs gera­de radi­kal ver­än­dert: Das post­he­roi­sche Zeit­al­ter sei vor­bei. Die Pan­de­mie feie­re wie­der Hel­den, die Kriegs­rhe­to­rik zwin­ge zu einer Wie­der­kehr der Pathos­re­de … Pathos­be­geis­te­rung, Pathos­po­le­mik und Pathos­re­si­li­enz stün­den neu zu- und gegen­ein­an­der und müss­ten neu dia­gnos­ti­ziert wer­den. Am Tag nach unse­rem Pathos­work­shop im LCB titel­te der Frei­tag „Bene­belt von Pathos“. Es ging natür­lich nicht um unse­re Grup­pe, son­dern um eine Dia­gno­se der aktu­el­len Kriegs­zei­ten. Unse­re bei­den Prä­sen­ta­tio­nen in Müns­ter fan­den aus­ge­rech­net in einem Kino statt, dem Ort, wo man sei­ne Patho­s­lust noch unge­hemmt aus­le­ben darf. Beglei­tet wur­den die State­ments und Lesun­gen von einer Kino-Orgel. Der Kino­pro­jek­tor zeig­te Pathos­for­meln aus der Film­ge­schich­te. Die Ana­ly­sen poe­tisch-pathe­ti­scher Rhe­to­rik bil­de­ten dazu eine Art nüch­ter­nen Gegen­pol. Ann Cot­ten, Olga Radetz­ka­ja und Han­nes Bajohr hat­ten anhand kon­kre­ter Text­bei­spie­le Pathos­for­meln auf­ge­deckt. Wie erspürt man Pathos-Trig­ger? Wor­an sind die Mecha­nis­men der Über­emp­find­lich­keit gegen Pathos in Über­set­zun­gen zu erken­nen? Wann greift die­ser Pathos-Detek­tor fil­ternd ein? Sol­che Fra­gen wur­den kon­kret greifbar.

Ali­da Bre­mer: Lässt sich das Pathos-Pro­blem durch das Über­set­zen lösen? Wir über­set­zen ja nicht nur aus einer ande­ren Spra­che, son­dern auch aus einer ande­ren Kul­tur mit ihrem gesam­ten his­to­ri­schen, sozia­len und emo­tio­na­len Kon­text – auch die Rezep­ti­on ist von dem Kon­text, in dem sich die Lese­rin­nen und Leser befin­den, beein­flusst. Wenn wir davon aus­ge­hen, dass das Pathos vor allem in der deut­schen Lite­ra­tur nicht ger­ne gese­hen wird, was geschieht beim Über­set­zen? Wird das Pathos gemie­den oder gehen die Übersetzer:innen davon aus, dass durch die Kon­fron­ta­ti­on mit einem ande­ren kul­tu­rel­len Kon­text die Abnei­gung dem Pathos gegen­über ver­än­dert wird?

Auré­lie Mau­rin: Genau die­ser Fra­ge sind wir in der zwei­ten Ver­an­stal­tung in Müns­ter nach­ge­gan­gen, an der auch Du teil­ge­nom­men hast. Auf dem Podi­um bespra­chen Dag­ma­ra Kraus, Micha­el Ebmey­er und Du die Fra­ge der Über­setz­bar­keit des Pathos anhand von Text- und Bild­bei­spie­len. Beim Über­set­zen ist Pathos immer dann ein star­kes Trans­port­hin­der­nis, wenn Refe­ren­zen, Anknüp­fun­gen, Äqui­va­len­te, Kon­tex­te feh­len. Pathos greift stark auf ein kol­lek­ti­ves Gedächt­nis zurück und setzt eine Par­ti­zi­pa­ti­on vor­aus. Wenn sich da Lücken auf­tun und es kei­ne Ent­spre­chun­gen gibt, läuft das Pathos ins Lee­re. Gute Über­set­zun­gen aber leis­ten genau die­sen Trans­fer, weil sie die Kon­tex­te in gewis­ser Wei­se gleich mit­er­fin­den! Übri­gens ende­te die Ver­an­stal­tung mit einem vehe­men­ten State­ment von Dir, wel­ches das Publi­kum dar­auf hin­wies, wie schein­hei­lig und höl­zern pathe­tisch die in Deutsch­land belieb­te For­mel der Frie­dens­be­schwö­rung „Nie wie­der Krieg“ sei – ange­sichts der Krie­ge, die nach dem Zer­fall der alten Nach­kriegs­ord­nung Euro­pa und sei­ne Umge­bung beherr­schen. Etwa der Jugo­sla­wi­en-Krieg, der dabei ein­fach aus­ge­blen­det wur­de. Für Dich war es wich­tig zu beto­nen, dass die deut­sche Öffent­lich­keit über­haupt nicht mer­ke, wie pathe­tisch die­se For­mel „Nie wie­der Krieg“ ist.

Ali­da Bre­mer: Ja, wenn etwas der­art fei­er­lich und hoch­tra­bend aus­ge­drückt wird, aber fak­tisch falsch ist, dann ist das für mich ein Bei­spiel von schlech­tem Pathos. Das schlech­te Pathos ist unüber­legt, es hört sich wich­tig an – und vor allem nimmt es sich nicht als Pathos wahr. Das schlech­te Pathos ist für mich also das unre­flek­tier­te, unbe­wuss­te und unge­woll­te Pathos. So hat der deut­sche Bun­des­kanz­ler bei sei­nem Besuch in Mos­kau am 15. Febru­ar 2022 gesagt: „Für mei­ne Genera­ti­on ist ein Krieg in Euro­pa undenk­bar gewor­den, und wir müs­sen dafür sor­gen, dass das so bleibt.“ Der Satz klang für mich auf eine unan­ge­neh­me Wei­se pathe­tisch. Als jemand aus einem Land, in dem es einen die­ser Krie­ge gab, und zwar völ­lig unab­hän­gig davon, dass eine deut­sche Genera­ti­on den Krieg als undenk­bar ima­gi­nier­te, emp­fand ich die­sen Satz als pro­ble­ma­tisch. Die­se Art über den Krieg als eine Unmög­lich­keit zu spre­chen, wird zu einem deut­schen selbst­be­zo­ge­nen Wunsch­den­ken, obwohl über­all in Deutsch­land inzwi­schen Men­schen leben, die aus diver­sen Krie­gen nach Deutsch­land geflüch­tet sind. So ent­steht eine selt­sa­me Dis­kre­panz von Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen. Das Pathos der alten For­mu­lie­rung „Nie wie­der Krieg“ wirkt in den Ohren der von neue­ren Krie­gen betrof­fe­nen Men­schen unge­wollt iro­nisch und bei­na­he zynisch. Doch beim Pathos-Work­shop wur­de nicht nur die aktu­el­le poli­ti­sche Lage bzw. die deut­sche Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, die in einer Ver­klä­rung der euro­päi­schen Geschich­te nach 1945 mün­det, nach Pathos­for­meln unter­sucht, son­dern es wur­de auch das Pathos der neu­en Medi­en unter­sucht: Wie ver­hält es sich mit dem Pathos der Algo­rith­men? Sind sie zu Emo­tio­nen in der Lage?

Auré­lie Mau­rin: Han­nes Bajohr ant­wor­tet dar­auf, dass Pathos nur hin­ter dem Rücken der Maschi­nen zu haben sei. Es erhe­be sich „als kom­ple­xe sta­tis­ti­sche Abhän­gig­keit aus genü­gend umfang­rei­chen Kor­po­ra, wie sich etwa Nebel über dem Ver­we­sungs­pro­zess eines Moors, als Aus­düns­tung toter Mate­rie erhebt.“ Wenn man den Algo­rith­mus Pathos gene­rie­ren lässt, kommt aber auch eine gan­ze Men­ge ans Licht. Auf die Fra­ge, wel­ches Pathos sie kennt, hat die Maschi­ne mit einer lan­gen Lis­te geant­wor­tet: „Pathos der Lan­ge­wei­le, Pathos der Kon­struk­ti­on, Pathos der Rasen­trim­mer, Pathos der Prä­ten­ti­on, Pathos der Bohr­häm­mer, Pathos der Undurch­schau­bar­keit, Pathos der Schwenk­schei­ben, Pathos der Ver­gäng­lich­keit, Pathos der Hete­ro­se­xua­li­tät, Pathos der Freund­schaft …“ bis hin zu Pathos der Sach­lich­keit, ein mög­li­ches Syn­onym für das deut­sche Pathos …

Ali­da Bre­mer: Und was wäre Dein Lieblingspathos?

Auré­lie Mau­rin: Das Pathos des Stot­terns! Oder auch: das Pathos des Papa­gei … und was Pathos, Papa­gei und Pat­ti Smith gemein­sam haben, erfah­ren Sie hier von Hans Thill!!


Auré­lie Maurin

Auré­lie Mau­rin, gebo­ren in Paris, lebt seit 2000 in Ber­lin als Kura­to­rin, Lite­ra­tur­über­set­ze­rin und Her­aus­ge­be­rin. 2001 hat sie die Lyrik­rei­he VERS­schmug­gel im Wun­der­horn Ver­lag mit­be­grün­det und bis 2017 her­aus­ge­ge­ben. Sie lei­tet das TOLE­DO-Pro­gramm des Deut­schen Über­set­zer­fonds, für das sie die Rei­hen Jour­na­le, Cities of Trans­la­tors, Tole­do Talks sowie das Lyri­k­über­set­zer­tref­fen JUNIVERS initi­ier­te. 2021 hat sie – zusam­men mit Ulf Stol­ter­foht – die künst­le­ri­sche Lei­tung des Lyri­ker­tref­fens in Müns­ter über­nom­men. Zuletzt erschie­nen: Apol­lo 18, Expe­di­tio­nen zu Apol­lin­aire, Ver­lag das Wun­der­horn, 2021.



Ali­da Bremer

Ali­da Bre­mer, gebo­ren in Split, lebt in Müns­ter. Sie pro­mo­vier­te mit einer Arbeit über den post­mo­der­nen Kri­mi­nal­ro­man (Kri­mi­na­lis­ti­sche Dekon­struk­ti­on. Zur Poe­tik der post­mo­der­nen Kri­mi­nal­ro­ma­ne, Königs­hau­sen und Neu­mann 1998). Im Roman Oli­vas Gar­ten (Eich­born 2013, TB Ull­stein 2017) schrieb sie über ihre Fami­lie; ihr Manu­skript Träu­me und Kulis­sen wur­de für den Alfred Döblin Preis 2017 nomi­niert (Jung und Jung 2021). Als Über­set­ze­rin aus dem Kroa­ti­schen und Ser­bi­schen bekam sie zahl­rei­che Sti­pen­di­en und Aus­zeich­nun­gen, zuletzt das Bar­thold-Hein­rich-Bro­ckes-Sti­pen­di­um (2020). Im Jahr 2018 wur­de sie zusam­men mit Iva­na Saj­ko mit dem Inter­na­tio­na­len Lite­ra­tur­preis des Hau­ses der Kul­tu­ren der Welt, mit Dino Pešut mit dem Deut­schen Jugend­thea­ter­preis und mit Iva Brdar mit dem Brü­cke Ber­lin Thea­ter­preis ausgezeichnet.



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