Das Ende der Nacht

Im Dörlemann Verlag erscheint mit „Nachtdämmern“ von Steinunn Sigurðardóttir erstmals isländische Lyrik in der Übersetzung von Kristof Magnusson. Eine anprechende Ausgabe, die allerdings nicht auf allen Ebenen überzeugt.

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Hintergrundbild: Martin Brechtl auf Unsplash

Woll­te man in den letz­ten Jah­ren islän­di­sche Lyrik auf Deutsch lesen, so hat der Griff fast immer zu einem Buch aus dem Elif Ver­lag geführt, wo jedes Jahr 2–3 Bän­de islän­di­scher Lyrik in der Über­set­zung von Jón Thor Gís­la­son und Wolf­gang Schif­fer erschie­nen sind. In die­sem Früh­jahr hat sich mit Dör­le­mann ein neu­er Ver­lag und mit Kris­tof Magnus­son ein neu­er Über­set­zer an islän­di­sche Lyrik herangewagt.

Nicht nur der Publi­ka­ti­ons­ort ist neu, auch die Form, also Lyrik, ist für die Betei­lig­ten Neu­land: Nacht­däm­mern ist neben Jürg Hal­ters Gemein­sa­me Spra­che der ein­zi­ge bei Dör­le­mann je erschie­ne­ne Lyrik­band und Magnus­son hat außer eini­gen Gedich­ten in der Zeit­schrift die horen bis­her haupt­säch­lich Roma­ne über­setzt. Stein­unn Sigurðar­dót­tir hin­ge­gen, ist respek­ti­ve war, im deut­schen Sprach­raum rela­tiv bekannt, sind ihre Wer­ke – für islän­di­sche Ver­hält­nis­se – doch ziem­lich breit über­setzt. Ihr ers­ter Roman auf Deutsch (Der Zeit­dieb, übers. Colet­ta Bür­ling) wur­de 1997 noch im Amman Ver­lag ver­öf­fent­licht, spä­ter als Lizenz­aus­ga­be bei Rowohlt, wo seit­her ihre Roma­ne in der Über­set­zung von Colet­ta Bür­ling erschie­nen sind. Lie­fer­bar ist mitt­ler­wei­le aber nur noch der 2007 erschie­ne­ne Roman Die Lie­be der Fische. Anders schaut es bei den Gedich­ten aus, da gab es bis­her nur einen Band (Ster­nen­staub auf den Fin­ger­kup­pen, Klein­hein­rich Ver­lag, wei­ter­hin lie­fer­bar), der 2011 von Gert Kreut­zer über­setzt wurde. 

Nacht­däm­mern, immer­hin der 10. Gedicht­band von Sigurðar­dót­tir, bie­tet also tat­säch­lich seit über einer Deka­de wie­der die ers­te Mög­lich­keit, Gedich­te von ihr auf Deutsch zu lesen. Dar­in ver­ar­bei­tet Sigurðar­dót­tir das Ver­schwin­den des Glet­schers Vat­na­jö­kull, vor des­sen Haus­tü­re sie auf­ge­wach­sen ist. Die Autorin ver­webt die eige­ne Kind­heit mit dem Glet­scher und erbaut dar­aus den sinn­bild­li­chen Kon­flikt der Gedich­te: Das klei­ne Mäd­chen, wel­ches dem Glet­scher zuerst in sei­ner Mäch­tig­keit aus­ge­lie­fert ist, danach aber taten­los des­sen Ver­schwin­den betrach­ten muss. In einer Art Oral Histo­ry ver­sam­melt Sigurðar­dót­tir einer­seits die­se eige­nen Ein­drü­cke über die Kind­heit im Schat­ten des Glet­schers, ande­rer­seits auch Stim­men von Men­schen, die in der Nähe des Glet­schers leben. Umrahmt wer­den die­se zwei­sei­ti­gen All­tags­be­ob­ach­tun­gen von poe­ti­schen Abge­sän­gen auf den Glet­scher. Lei­der erschöpft sich der Gedicht­band schnell in genau die­ser Kon­stel­la­ti­on zwi­schen Abge­sang und Erinnerung. 

Auf ande­re Art for­mu­liert: Man spürt, dass der Dich­te­rin der Glet­scher am Her­zen liegt. Womit der Kern des Pro­blems bereits gefun­den wäre. Akti­vis­ti­scher Eifer erzeugt sel­ten gute Lite­ra­tur. Die Sprach­bil­der sind häu­fig blass („Er geht und schat­ten kom­men.“), getrie­ben von Wut („Durch­sich­ti­ges blut // das der mensch erhitzt im kes­sel sei­ner gier.“) und abge­lutscht („Nichts hört man nur knar­ren und stimmen// Stim­men allein in der glet­scher­welt.“). Es fehlt durch­wegs an poe­ti­scher Ver­dich­tung, an Viel­schich­tig­keit und am Spiel mit dem Unter­su­chungs­ge­gen­stand. Der Glet­scher darf kei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che sein, son­dern nur Fak­tum, des­sen Ver­schwin­den zu bedau­ern ist. Die mora­li­sie­ren­de und offen­sicht­li­che Bot­schaft wird nicht ver­schlei­ert, son­dern beherzt vor­ge­tra­gen. Dass dabei der poe­ti­sche Scharf­sinn ver­lo­ren geht, wird zur Nebensache. 

Það líður hjá Það gen­gur yfir

Rignin­gars­kú­rin Barn­dó­mur Fyr­ri og síða­ri
Óend­an­le­gir dómar Líka þeir Líða hjá

Vetu­rinn, mei­rað­seg­ja fyr­ir norðan, gen­gur yfir –
og vetu­rinn þar á eftir, þótt seint fari

Eins líður flensan hjá, ást­sý­ki, hik­sti

og það sem ótrú­le­g­ast er, Eilí­fðarf­ja­l­lið mitt ljó­sa, líður líka hjá

Þes­si eyja á eyjun­ni sek­kur í Grjót­ha­fið

Þes­si kas­ta­li úr snjóh­ví­tu rósunum þið­nar

og ver­ður að ram­ban­di haug

Það er Fullk­om­nað End­an­legt Eilífðarlok

Das geht vor­bei Das ver­geht

Die Regen­wol­ke Kind­heit Die frü­he /und die spä­te
Das ewi­ge bewer­tetwer­den Auch das /Geht vor­bei

Der win­ter, sogar im nor­den, geht vor­bei –
und der nächs­te win­ter, wenn auch spät

Auch die grip­pe ver­geht, lie­bes­wahn, /schluckauf

und auch mein hel­ler Ewig­keits­berg, das ist /das unglaub­lichs­te, ver­geht

Die insel auf der insel ver­sinkt in einem Meer /aus Geröll

Die burg aus schnee­wei­ßen rosen taut

und wird zu einer halt­lo­sen hal­de

Das Voll­brach­te End­gül­ti­ge Ende der Ewigkeit

Eine Über­set­zung, egal wie gut sie ist, wird Nacht­däm­mern also nicht ret­ten kön­nen. Gemein­hin gel­ten Lyrik-Über­set­zun­gen ja als schwie­rig und durch das mäßi­ge Aus­gangs­ma­te­ri­al wird die Auf­ga­be von Kris­tof Magnus­son wei­ter erschwert. Schon allein die, freund­lich for­mu­liert, erra­ti­sche Zei­chen­set­zung, die jeder Lektor:in die Haa­re zu Berg getrie­ben hät­te, macht es schwie­rig. Aber der Rei­he nach.

Die Eigen­hei­ten der Über­set­zung von Kris­tof Magnus­son las­sen sich gut am ers­ten, oben zitier­ten Gedicht able­sen. Augen­fäl­lig ist da bereits die eigen­tüm­li­che Groß-/Klein­schrei­bung. „win­ter“ etwa wird klein­ge­schrie­ben, „Ewig­keits­berg“ oder „Kind­heit“ hin­ge­gen nicht. Auf den ers­ten Blick ist das sinn­voll: „vetu­rinn“ wird im Ori­gi­nal klein, „Eilí­fðarf­ja­l­lið“ und „Barn­dó­mur“ groß­ge­schrie­ben. Sigurðar­dót­tirs Groß-/Klein­schrei­bung ist auch im Islän­di­schen eigen­tüm­lich, dort wird nor­ma­ler­wei­se ähn­lich wie im Eng­li­schen klein geschrie­ben; also alles klein außer Satz­an­fän­ge und Eigennamen.

Nun stellt sich aber bereits die Fra­ge, ob damit die von der Autorin beab­sich­tig­te Form über­setzt wird. Da in die­sem ers­ten Gedicht die Satz­zei­chen feh­len (wie gesagt, erra­ti­sche Zei­chen­set­zung), wäre es zumin­dest ein Streit­punkt, ob die letz­te Zei­le bei­spiels­wei­se nicht drei sehr kur­ze Sät­ze ent­hält und damit der kor­rek­ten islän­di­schen Ortho­gra­fie folgt. Schwie­rig wird es spä­tes­tens beim „win­ter“, der kommt näm­lich im Ori­gi­nal zwei­mal vor, ein­mal groß, ein­mal klein. Auf Deutsch wird dar­aus aber „Der win­ter“ und „der […] win­ter“. Die Nach­ah­mung der islän­di­schen Groß­schrei­bung wur­de hier also im Deut­schen durch den groß­ge­schrie­be­nen Satz­an­fang erwirkt, nicht durch die Groß­schrei­bung des Sub­stan­tivs. Letzt­lich führt die­ser Grund­satz­ent­scheid zur Groß-/Klein­schrei­bung zu einem höchst unre­gel­mä­ßi­gen Satz­bild und einer unschlüs­sig wir­ken­den Ortho­gra­fie. Das ist grund­sätz­lich, in der Nach­ah­mung des Ori­gi­nals, nicht ver­kehrt, aber die dadurch erziel­te Wir­kung ist eigen­tüm­li­cher als im Ori­gi­nal. Hin­zu kommt, dass es eben nicht kon­se­quent ist.

Andern­orts wie­der­um, ent­fernt sich der Text wei­ter weg vom Ori­gi­nal. Die Wie­der­ho­lung „gen­gur yfir“ am Zei­len­en­de der Zei­len 1 und 4 wird im Deut­schen gebro­chen, es wird dar­aus „Das ver­geht“ und „geht vor­bei“. Dafür kommt die Wie­der­ho­lung bei Zei­le 3 und 4 mit „geht vor­bei”. Die­ses „geht vor­bei“ ist denn auch ein eigen­tüm­li­cher Fall: die Ori­gi­na­len „líður hjá“, „gen­gur yfir“ und „Líða hjá“ – die alle aus dem­sel­ben, leicht melan­cho­li­schen Regis­ter stam­men – wer­den alle im glei­chen Wort­laut über­setzt. Nun ist das inhalt­lich nicht falsch, aber die von Sigurðar­dót­tir ange­leg­te Varia­ti­on wird geschmä­lert. Die unter­schied­li­chen sprach­li­chen Vari­an­ten der Ver­gäng­lich­keit im Ori­gi­nal wer­den im Deut­schen reduziert.

Kri­tik an der Über­set­zung an einem so dich­ten, kur­zen Text wie einem Gedicht ist oft unfair oder klein­ka­riert. Weil die Über­set­zung eines Gedichts nie alles mit­über­set­zen kann, nie die gesam­te Varia­ti­on und Wort­spie­le­rei des ursprüng­li­chen Tex­tes mit­neh­men kann, was auch mit­un­ter ein Grund ist, war­um Lyri­k­über­set­zun­gen meis­tens zwei­spra­chig erschei­nen. So las­sen sich vie­le im Gedicht ange­leg­te Dop­pel­bö­dig­kei­ten und Varia­tio­nen zumin­dest erah­nen (vor­aus­ge­setzt man kann das Schrift­sys­tem der Ursprungs­spra­che lesen). Lei­der wur­de bei Nacht­däm­mern auf die­se Mög­lich­keit verzichtet.

Und wie zuvor erwähnt, die Auf­ga­be von Magnus­son war nicht ein­fach. Die Zei­chen­set­zung bei­spiels­wei­se wur­de – ana­log zur Groß-/Klein­schrei­bung – über­nom­men. Mal haben die Gedich­te kei­ne Satz­zei­chen, mal nur Punk­te am Zei­len­en­de, mal mit­ten in den Zei­len, zuwei­len auch Punk­te und Kom­mas, aber nur eini­ge Kom­mas, nicht alle etc. Wie gesagt: erra­tisch. Und dies lässt sich auch in einer Über­set­zung nicht aus­bes­sern, ohne mit star­ken Ein­grif­fen die Gedich­te zu ver­än­dern. Magnus­son hat mit viel poe­ti­schem Sinn gear­bei­tet, wo es die­sen im Ori­gi­nal zu holen gab. Sei­en dies nun die erbau­li­chen Neu­schöp­fun­gen „moos­la­va­gip­fel“, das „kalt­schö­ne meer“ oder etwa die nach­ge­ahm­te und aus­ge­bau­te Alli­te­ra­ti­on in der letz­ten Zei­le „End­gül­ti­ge Ende der Ewig­keit“. Aber im Gro­ßen und Gan­zen scheint mir die Kri­tik der Über­set­zung grund­sätz­lich müßig. Nacht­däm­mern krankt, nebst dem Inhalt, in der deut­schen Ver­si­on an etwas ande­rem: an der Typografie.

Sigurðar­dót­tir schreibt in lan­gen, unre­gel­mä­ßi­gen Zei­len. Durch das schma­le For­mat (und die rela­tiv gro­ße und fet­te Schrift) wer­den in der deut­schen Aus­ga­be die Zei­len viel zu häu­fig gebro­chen (im oben zitier­ten Gedicht sind die Zei­len­brü­che jeweils mit Schräg­stri­chen mar­kiert). Im Ori­gi­nal ist dies zwar auch mit­un­ter nötig, aber sel­ten, wäh­rend es auf Deutsch bei prak­tisch jedem Gedicht mehr­mals vor­kommt. Ver­gleicht man etwa das oben zitier­te Gedicht in den bei­den Aus­ga­ben, wird im islän­di­schen Ori­gi­nal die Zei­le nicht ein ein­zi­ges Mal gebro­chen, in der deut­schen Ver­si­on fünfmal.

Dadurch, dass Sigurðar­dót­tir sowie­so schon sehr luf­tig (also mit jeweils einer Leer­zei­le nach jeder Zei­le) schreibt, wirkt das gan­ze Satz­bild zer­fah­ren und zer­ris­sen. Das macht die Lek­tü­re weder ein­fa­cher noch ange­neh­mer. Dazu kommt eine schlech­te (oder schlecht gesetz­te) Schrift, die Groß­buch­sta­ben sind zum Bei­spiel zu klein etc. Aber las­sen wir die Details und sagen dazu ein­fach, dass es garan­tiert bes­ser geeig­ne­te Schrif­ten gege­ben hät­te. Jetzt mag man das als Lap­pa­lie abtun – völ­lig klar, den meis­ten Leser:innen wird die Schrift resp. die typo­gra­fi­sche Gestal­tung reich­lich egal sein, solan­ge der Text les­bar ist – für mich ist es aber Aus­druck von etwas ande­rem: feh­len­de Sorg­falt im Umgang mit dem Aus­gangs­ma­te­ri­al. So bleibt der Band ein zwei­schnei­di­ges Schwert, einer­seits ist er anspre­chend über­setzt, auch wenn man ein­zel­ne Ent­schei­de der Über­set­zung sicher­lich bemän­geln kann, ande­rer­seits über­zeugt der Band, nebst der feh­len­den Zwei­spra­chig­keit, weder lite­ra­risch noch typografisch.

Stein­unn Sigurðar­dót­tir | Kris­tof Magnus­son

Nacht­däm­mern

Im islän­di­schen Ori­gi­nal: Dimmu­mót

Dör­le­mann 2022120 Sei­ten ⋅ 22 Euro


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