Über­set­zung nicht ohne Liebe

Am 26. September wird der Roman „Zoo“ von Viktor Schklowski in der Leserunde TraLaLiest besprochen. Olga Radetzkajas Übersetzung aus dem Russischen bereitet Freude und gibt Aufschluss über die Editionsgeschichte. Von

Der Potsdamer Platz in den 1920er Jahren, Quelle: WikiCommons

Anmer­kung der Redak­ti­on: Die Rezen­sen­tin bezieht sich in ihrer Rezen­si­on auf den Ori­gi­nal­text der neu­en Gesamt­aus­ga­be aus dem Jahr 2019, die Über­set­ze­rin hat jedoch die Aus­ga­be von 1923 genutzt, in der die in die­ser Rezen­si­on als will­kür­lich hin­zu­ge­fügt dar­ge­stell­ten Teil­sät­ze im Gegen­satz zur Gesamt­aus­ga­be zu fin­den sind. Die Über­set­ze­rin hat dem Aus­gangs­text in ihrer Über­set­zung somit kei­ne Text­stel­len hinzugefügt.


Ich ken­ne kei­nen über­zeu­gen­de­ren lite­ra­tur­theo­re­ti­schen Auf­satz als Vik­tor Šklovs­kijs „Искусство как приём“ („Die Kunst als Ver­fah­ren“) von 1917. Er pro­kla­miert die Funk­ti­ons­wei­se künst­le­ri­scher Tex­te als eine „Brem­sung der auto­ma­ti­sier­ten Wahr­neh­mung“ und stellt qua­si den Anfang der moder­nen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft dar. Bei jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Gele­gen­heit zitie­re und ver­schi­cke ich die­sen Text (in der zwei­spra­chi­gen Aus­ga­be von Jurij Stried­ter1) und habe Šklovs­kij in ers­ter Linie stets für einen Ver­tre­ter der „for­ma­lis­ti­schen Schu­le“ Sankt Peters­burgs gehal­ten – bis ich ihn durch die neu­über­setz­te Brie­fer­zäh­lung „Zoo. Письма не о любви или Третья Элоиза“ (1923) zudem als einen Lite­ra­ten kennenlernte.

Die­ser unge­wöhn­lich dich­te, mit Gen­res spie­len­de Text erschien vor kur­zem im Gug­golz Ver­lag unter dem Titel „Zoo. Brie­fe nicht über Lie­be, oder Die drit­te Heloi­se“ in der Über­set­zung von Olga Radetz­ka­ja. Er stellt die Kor­re­spon­denz des unglück­lich ver­lieb­ten Ich-Erzäh­lers (eines nach Ber­lin emi­grier­ten Schrift­stel­lers) und sei­ner Ange­be­te­ten Alja Anfang der 1920er Jah­re dar. Doch gibt es nicht „die“ Brie­fer­zäh­lung oder „den“ Text, denn sei­ne zahl­rei­chen Aus­ga­ben (von 1923, 1924/29, 1964/66, 1973), die zu Leb­zei­ten des Autors erschie­nen, unter­schei­den sich hin­sicht­lich gestri­che­ner, hin­zu­ge­füg­ter Namen, Vor­wor­te, Pas­sa­gen und gan­zer Brie­fe teils mas­siv von­ein­an­der. Die Ände­run­gen, die die­ser Text erfah­ren hat, sind nicht nur not- und zen­sur­be­ding­te Anpas­sun­gen des Autors, son­dern füh­ren die Wider­sprü­che der sowje­ti­schen Epo­chen vor Augen. Als Zeit­do­ku­ment nicht nur auf der inhalt­li­chen Ebe­ne (er bil­det einen Quer­schnitt durch die Welt der emi­grier­ten, befreun­de­ten Intel­li­gen­ci­ja der 20er Jah­re ab) ent­wi­ckelt er im Kon­text der staat­li­chen Anfor­de­run­gen neue Brü­che und Schwer­punk­te, es ist ein Text im Wan­del sei­ner Zeit. So wird etwa die Rück­kehr des Ich-Erzäh­lers nach Russ­land am Ende der ers­ten Fas­sung mit einer tra­gi­schen Kapi­tu­la­ti­on gleich­ge­setzt, in der Aus­ga­be der 60er Jah­re bekommt das gekürz­te Bitt­schrei­ben an das Zen­tra­le Exe­ku­tiv­ko­mi­tee eine ver­le­ge­ne Note, und in sei­nem nun­mehr vier­ten Vor­wort erklärt der grei­se Autor, sich sei­ner­zeit nach Ber­lin „ver­irrt“, einen Feh­ler began­gen zu haben. Auch die for­ma­lis­ti­sche Schu­le und die viel­fäl­ti­ge, expe­ri­men­tier­freu­di­ge Lite­ra­tur­land­schaft (das soge­nann­te „sil­ber­ne Zeit­al­ter“ der rus­si­schen Lite­ra­tur) wur­den unter dem sta­li­nis­ti­schen Regime zer­schla­gen und vom Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus abge­löst. Trotz­dem ver­lie­ren die spä­te­ren Fas­sun­gen, die auch Olga Radetz­ka­ja in ihrer Über­set­zung im Anhang anführt, nicht ihre künst­le­ri­sche Qua­li­tät; ihnen gehö­ren eini­ge der lako­nischs­ten Stel­len an, die mir in Erin­ne­rung geblie­ben sind, etwa:

Hät­te ich einen zwei­ten Anzug, ich wüss­te nicht, was Kum­mer ist.
Man kommt nach Hau­se, zieht sich um, rich­tet sich auf – und schon ist man ein ande­rer. 
Frau­en bedie­nen sich die­ser Mög­lich­keit mehr­mals am Tag. Was auch immer Sie einer Frau sagen, bestehen Sie dar­auf, dass sie sofort ant­wor­tet, sonst nimmt sie ein hei­ßes Bad, schlüpft in ein ande­res Kleid, und Sie müs­sen noch ein­mal von vorn anfangen.

oder die par­al­le­le Lie­bes­ge­schich­te eines Japa­ners und eines rus­si­schen Dienstmädchens:

Tara­zu­ki lieb­te Mascha 1914, 1915, 1916, 1917 und 1918.
Fünf Jah­re lang.
Ein­mal kam er zu ihr und sag­te: „Hör zu, Mascha!“
Ich habe eine Groß­mutter, die lebt auf dem gro­ßen Berg Fuji­ya­ma, umge­ben von einem Gar­ten.
Sie ist sehr vor­nehm und liebt mich, und außer­dem läuft in dem Gar­ten ihr wei­ßer Lieb­lings­af­fe her­um.
(Wun­dern Sie sich nicht über Tara­zu­kis Stil, er hat sein Rus­sisch schließ­lich von mir gelernt.)

Wel­cher „Text“ wird nun über­haupt über­setzt (denn bei die­ser lyri­schen Dich­te erweist sich jede der zahl­rei­chen Über­ar­bei­tun­gen als schwer­wie­gend), nach wel­chen Kri­te­ri­en kann eine Fas­sung prä­fe­riert bzw. wie kann die Viel­stim­mig­keit und Wan­del­bar­keit des Text­ma­te­ri­als mög­lichst leser­freund­lich wie­der­ge­ge­ben werden?

Olga Radetz­ka­ja ent­schei­det sich, im Gegen­satz zu den vor­an­ge­gan­ge­nen deut­schen Über­set­zun­gen aus den 1960-er und 1970-er Jah­ren, für die ers­te Fas­sung: „Heu­te, 99 Jah­re nach der Erst­aus­ga­be, fällt die Ent­schei­dung klar für den dunk­le­ren, span­nungs­vol­le­ren Text von 1923. In ihm ist die Mög­lich­keit des völ­li­gen Schei­terns und des gewalt­sa­men Todes gewis­ser­ma­ßen die Kehr­sei­te der Sehn­sucht nach Gemein­schaft.“ Die­se Ent­schei­dung, die zwangs­läu­fig getrof­fen wer­den muss – außer es han­delt sich um eine aka­de­misch-kri­ti­sche Aus­ga­be, die eine Geschich­te des Tex­tes in eine Gleich­zei­tig­keit über­führt, aller­dings auf eine spe­zi­el­le Leser­schaft zuge­schnit­ten ist – hat über geschmack­li­che Vor­lie­ben hin­aus zwei­fel­los theo­re­ti­sche und poli­ti­sche Aspek­te. Bil­det die ers­te publi­zier­te Fas­sung eines Tex­tes den gewich­ti­ge­ren Kern der nach­fol­gen­den Varia­tio­nen? Oder ist der Grund ent­schei­dend, aus dem her­aus der Autor sei­nen Text geän­dert hat (und muss es der Autor gewe­sen sein)? 

Die letz­te­ren Fra­gen bezie­hen sich eher auf die Gene­se eines lite­ra­ri­schen Tex­tes und gehö­ren der alten Schu­le an, von der sich die ers­ten For­ma­lis­ten, unter ihnen Šklovs­kij, distan­ziert haben. Soll­ten die Grün­de, die in der Per­son des Autors lie­gen, eher als lite­ra­tur­be­trieb­li­che oder regie­rungs­kon­for­me Anpas­sun­gen respek­tiert wer­den, und ist die­se Tren­nung über­haupt mög­lich? Es sind schwie­ri­ge Fra­gen, die sich lan­ge dis­ku­tie­ren lie­ßen. Fakt ist – Olga Radetz­ka­ja bie­tet nicht nur die ers­te Text­ver­si­on von 1923 an, son­dern ermög­licht in einem Anhang, der etwa ein Drit­tel des gesam­ten Buches ein­nimmt, einen Ein­blick in die spä­te­ren Vor­wor­te, Ein­lei­tun­gen, Brie­fe und skiz­ziert in einem Nach­wort die Ent­wick­lung des „Zoos“ inner­halb von fünf­zig Jah­ren (1923 bis zur ers­ten Gesamt­aus­ga­be von 1973). Auch fin­den sich auf ein­und­zwan­zig Sei­ten Anmer­kun­gen in Form von Fuß­no­ten, die inter­tex­tu­el­le Ver­wei­se und kul­tur­ge­schicht­li­che Kon­tex­te erläutern. 

Die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be wird der Ent­wick­lung der „Brie­fe“ gerecht und erin­nert auch vom For­mat und von der fei­nen Gestal­tung her an einen Lyrik­band. Der „Zoo“ ist sti­lis­tisch ver­spielt, nicht nur inter­tex­tu­ell ver­floch­ten, auch vol­ler selbst­re­fe­ren­ti­el­ler Hin­wei­se: „Wie gern wür­de ich ein­fach Gegen­stän­de beschrei­ben, als hät­te es nie eine Lite­ra­tur gege­ben, als könn­te man noch lite­ra­risch schrei­ben.“ Ein eigent­lich fast post­mo­der­ner Text, denn die Gat­tung des Lie­bes- und Brief­ro­mans wird uner­bitt­lich par­odiert, aus­führ­li­che Kom­men­ta­re lie­fern absur­des­te Zusam­men­fas­sun­gen der kur­zen, jeweils fol­gen­den Brie­fe (einer die­ser Kom­men­ta­re ent­hält z. B. gar ein Zitat, das kurz danach in glei­cher Form in einem Brief folgt). Da schreibt jemand, der sich in der Lite­ra­tur­ge­schich­te aus­kennt und weiß, dass es genug erns­te, sen­ti­men­tal-tra­gi­sche Tex­te auf der Welt gibt („Man kann nicht mehr so schrei­ben wie frü­her“); gleich­zei­tig schwingt eine Schwer­mut mit, ein nost­al­gi­sches War­ten eines Ver­lieb­ten, Geflo­he­nen und Ver­trie­be­nen zugleich. All­täg­li­che Details, an denen der Erzäh­ler humor­voll die eige­ne Nicht­zu­ge­hö­rig­keit in Deutsch­land bemerkt (die fal­sche Art, am Tisch zu essen, die feh­len­den Bügel­fal­ten an der Hose, die euro­päi­sche „Kauf­haus­psy­cho­lo­gie“), ver­bin­den sich mit alt- und neu­tes­ta­men­ta­ri­schen Par­al­le­len, mit Erin­ne­run­gen an ver­stor­be­ne Freun­de und Begeg­nun­gen mit ande­ren unsicht­ba­ren Emi­gran­ten in der Nähe des Zoos: „In Ber­lin ist es unmög­lich, es ist unhöf­lich, auf der Stra­ße laut Rus­sisch zu spre­chen. Selbst die Deut­schen flüs­tern ja fast. Hier woh­nen darfst du, aber schweig.“ Die Geschich­te dreht sich im Kreis, und wer weiß, viel­leicht wird nun, hun­dert Jah­re spä­ter, Ber­lin wie­der zu der Stadt, in die sich Künst­ler und Lite­ra­ten aus Russ­land zurück­zie­hen, um ange­spannt, zwie­späl­tig das Gesche­hen in der Hei­mat zu beobachten.

Obwohl Arti­kel und obli­ga­to­ri­sche Prä­di­ka­te im Deut­schen die Lako­nie der Über­set­zung erschwe­ren, fin­det Olga Radetz­ka­ja stets Wege, die syn­tak­ti­sche Leich­tig­keit und den bit­ter­hei­te­ren Ton des Aus­gangs­tex­tes wiederzugeben:

Клянусь тебе – брюки не должны иметь складки.
Брюки носят, чтобы не было холодно.
Спроси у „Серапионов“.
Наклоняться над пищей, может быть, и в самом деле нехорошо.
Ты говоришь о нас, что мы не умеем есть.
Мы слишком низко наклоняемся к тарелкам, а не несем пищу к себе.
Что же, будем удивляться друг на друга.
Многое для меня удивительно в этой стране, где брюки должны иметь спереди складку; те, кто бедней, кладут на ночь брюки свои под матрас.
В русской литературе этот способ известен, он применяется – у Куприна – профессиональными нищими из благородных.
Сердит меня здешний быт!
Так сердился Левин – „Анна Каренина“, – когда увидал, что в доме варят варенья не по левинскому способу, а по способу семьи Кити.2

Ich schwö­re – eine Hose braucht kei­ne Fal­te!
Hosen trägt man, damit einem nicht kalt ist.
Frag die „Sera­pi­ons­brü­der“.
Sich übers Essen beu­gen ist viel­leicht wirk­lich häss­lich.
Du sagst, wir wüss­ten nicht, wie man rich­tig isst.
Wir beu­gen uns zu tief über die Tel­ler, sagst du, statt das Essen zum Mund zu füh­ren.
Mei­net­we­gen, dann wun­dern wir uns eben über­ein­an­der.
Mich wun­dert vie­les in die­sem Land, wo eine Hose vorn eine Fal­te braucht und die ärme­ren Leu­te ihre Hosen über Nacht unter die Matrat­ze legen.
In der rus­si­schen Lite­ra­tur ist die­se Tech­nik bekannt; ange­wen­det wird sie – bei Kuprin zum Bei­spiel – von pro­fes­sio­nel­len Bett­lern aus höhe­ren Krei­sen.
Es ärgert mich, wie man hier lebt!
Den­sel­ben Ärger emp­fand Lewin (in „Anna Kare­ni­na“), als er sah, dass die Mar­me­la­de bei ihm zu Hau­se nicht auf die Lewin­sche Art gekocht wur­de, son­dern nach dem Rezept sei­ner Schwiegermutter.

Olga Radetz­ka­ja über­setzt rela­tiv frei und klam­mert sich nicht an wort­wört­li­che Über­set­zun­gen. An eini­gen Stel­len wären sie aber ange­mes­sen; so bit­tet der Erzäh­ler im vier­ten Brief sei­nen Dich­ter­kol­le­gen Veli­mir Chleb­nikov um Verzeihung:

Климат, учитель, у нас континентальный.

Bei uns, Rab­bu­ni, herrscht ein kon­ti­nen­ta­les Klima.

Obwohl es sich um die Anspie­lung auf eine Bibel­stel­le han­delt, kon­kre­ter, um die Ver­leug­nung Chris­ti durch sei­nen Jün­ger Petrus, und der „Leh­rer“ („учитель“) dem hebr./aram. „Rab­bi“ oder „Rab­bu­ni“ ent­spricht, steht in Šklovs­kij Text nun mal das rus­si­sche Wort für „Leh­rer“. Ähn­lich wird die Anspie­lung auf eine ande­re Bibel­stel­le (Math. 8:20, Luk. 9:58) wie­der­ge­ge­ben: „Der Fuchs hat sei­nen Bau, dem Häft­ling gibt man eine Prit­sche, das Mes­ser näch­tigt in der Schei­de, du aber hat­test nicht, da du dein Haupt hin­leg­test.“ (Ebd.) War­um nicht ein­fach – „du aber hat­test kei­nen Ort, an dem du dein Haupt hin­le­gen konntest“?

Im glei­chen Brief wird dem Satz „Прости нас за себя и за других.“ ein Rela­tiv­satz hin­zu­ge­fügt: „Ver­gib uns für dich selbst und für die ande­ren, die wir noch umbrin­gen wer­den.“ Im Aus­gangs­text bleibt es vage, wofür genau ver­zie­hen wer­den soll, „die wir noch umbrin­gen wer­den“ ist mei­ner Ansicht nach eine zu spe­zi­fi­sche Inter­pre­ta­ti­on, die als ein Schlüs­sel­satz des Brie­fes gele­sen wer­den könn­te.3

Als der Dich­ter Chleb­nikov erfährt, dass sei­ne Ange­be­te­te, der er sei­ne Tex­te vor­ge­le­sen hat, nun mit einem ande­ren Mann ver­hei­ra­tet ist, fragt er den befreun­de­ten Erzähler:

Скажите, что им нужно? Что нужно женщинам от нас? Чего они хотят? Я сделал бы все. Я записал бы иначе. Может быть, нужна слава?

Was suchen sie bloß? Was suchen die Frau­en bei uns? Was wol­len sie? Ich hät­te alles getan. Sogar anders geschrie­ben. Viel­leicht suchen sie Ruhm?

„Записал“ ist im Rus­si­schen eine voll­ende­te Verb­form, dh. Chleb­nikov erklärt, damals etwas Bestimm­tes, irgend­ei­nen abge­schlos­se­nen Text, auf eine ande­re Wei­se geschrie­ben haben zu kön­nen. „Ich hät­te sogar anders geschrie­ben“ weckt aller­dings die Vor­stel­lung, dass Chleb­nikov bereit ist, sein gan­zes Schrei­ben grund­sätz­lich an die Vor­stel­lun­gen sei­ner Gelieb­ten anzu­pas­sen. Gera­de das ist aber die fei­ne Poin­te die­ser Stel­le – der in sei­nen Gefüh­len ver­letz­te Dich­ter bereut näm­lich nicht sein gan­zes Werk, er ver­sucht ledig­lich den Zeit­punkt zu erra­ten, an dem er einen Feh­ler began­gen haben könn­te. Aus dem „sowje­ti­schen Pass“ („советский паспорт“, spä­ter in einem bekann­ten Gedicht Maja­kovs­kijs auf­ge­grif­fen), der dem Autor Ėren­burg (zudem einem Juden, was die Situa­ti­on zusätz­lich erschwert) benei­dens­wer­te Frei­hei­ten ermög­licht, wird in der Über­set­zung wie­der­um ein „Pass“ im All­ge­mei­nen.4

Ein wenig stört das stets groß­ge­schrie­be­ne Anre­de­pro­no­men („Du“), das sowohl dem Ich-Erzäh­ler als auch der Frau, Alja, eine all­zu höf­li­che Distan­zie­rung vom Gegen­über zuschreibt und, soweit ich es der neus­ten gesam­mel­ten Aus­ga­be ent­neh­men kann, nicht dem Aus­gangs­text entspricht.

Aller­dings sind es Fein­hei­ten, die kaum den ange­neh­men Gesamt­ein­druck trü­ben. Die Beschäf­ti­gung mit Olga Radetz­ka­jas Über­set­zung berei­tet Freu­de und moti­viert dazu, wei­te­re Tex­te von Šklovs­kij und sei­nen jun­gen lite­ra­ri­schen Mit­strei­tern zu lesen (zahl­rei­che von ihnen kamen unter Sta­lin ums Leben) und wie­der in die Welt der fabel­haf­ten rus­si­schen Lite­ra­tur der 20er Jah­re ein­zu­tau­chen. Unbe­dingt zu empfehlen!


Zoo. Brie­fe nicht über Lie­be, oder Die drit­te Heloise

Im rus­si­schen Ori­gi­nal: Zoo. Письма не о любви или Третья Элоиза

Gug­golz 2022 ⋅ 189 Sei­ten ⋅ 22 Euro



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  1. Stried­ter, Jurij (Hrsg.). Tex­te der rus­si­schen For­ma­lis­ten. Band 1. Mün­chen 1969.
  2. Šklovs­kij, Vik­tor. Sobra­nie soči­nen­ij. Tom 2. Bio­gra­fi­ja. Mosk­va 2019, S. 209. [E‑book]
  3. Anm. d. Red.: Laut Über­set­ze­rin gibt die neue Gesamt­aus­ga­be an die­ser Stel­le den Text von 1923 nicht kor­rekt wieder.
  4. Anm. d. Red.: Laut Über­set­ze­rin gibt die neue Gesamt­aus­ga­be an die­ser Stel­le den Text von 1923 nicht kor­rekt wieder.

4 Comments

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  1. 1
    Siarhei Paulavitski

    Vie­len Dank für die Rezen­si­on, sehr span­nend – wie eigent­lich in der Regel bei TraLaLit. An zwei Stel­len wür­de ich der Autorin jedoch widersprechen:
    1. „Я записал бы иначе“:
    Bevor die­se Wor­te von Chleb­nikov zitiert wer­den, schil­dert Schklow­ski ja die Geschich­te des­sen Bezie­hung mit der „Ange­be­te­ten“, unter ande­rem heißt es: „Он … читал ей свои вещи. Отрекался от них всех … Спрашивал ее, как писать.“ [etwa: Er las ihr sei­ne Wer­ke vor und sag­te sich von ihnen los und frag­te sie, wie er schrei­ben soll.] Daher glau­be ich, „записать“ ist in Chleb­nikovs Satz eher ein inchoa­ti­ves Verb mit der Bedeu­tung ‘начать писать’ (s. Bedeu­tung 1 https://ru.wiktionary.org/wiki/записать), er meint damit also: „Ich hät­te begon­nen, anders zu schreiben.“
    Auf „sogar“ in der Über­set­zung wür­de ich dabei ver­zich­ten – die Opti­on hat sich Chleb­nikov ja schon frü­her überlegt.
    2. „советский паспорт“
    Ser­gej Zen­kin (Сергей Зенкин) geht auf die­se Stel­le in sei­nem Arti­kel über Schklow­ski ein und weist dar­auf hin, dass das Wort „sowje­tisch“ vom Autor eben erst nach der Rück­kehr in die UdSSR aus bestimm­ten Grün­den ergänzt wur­de (Rabo­ty o teo­rii, Mosk­va 2012, S. 477), vgl. Šklovs­kij, ZOO ili pis’ma ne o ljub­vi, Ber­lin 1922, S. 9 oder Nach­druck der Aus­ga­be von 1923 in Šklovs­kij, Ešč­jo niče­go ne konči­los’… Mosk­va 2002, S. 324). Also hat da die Über­set­ze­rin Recht.

  2. 2
    Slata Roschal

    Dan­ke für Ihren Kommentar!
    Am ein­fachs­ten wäre es ja, um ein gene­rel­les Anders-Schrei­ben aus­zu­drü­cken, „писал“ oder „стал писать“ zu ver­wen­den – das Prä­fix ver­leiht dem Gan­zen aber eine ande­re Bedeutung.
    In der neu­en Gesamt­aus­ga­be, die den Text von 1923 wie­der­gibt, steht „советский паспорт“, was inhalt­lich auch Sinn macht.

  3. 3
    Olga Radetzkaja

    Es gäbe zu die­ser Rezen­si­on eini­ges zu sagen, und ich gehe davon aus, dass das auch auf redak­tio­nel­ler Ebe­ne noch gesche­hen wird, des­halb an die­ser Stel­le nur kurz: Die neue Gesamt­aus­ga­be (Mos­kau 2019) repro­du­ziert zwar gros­so modo die Erst­aus­ga­be von 1923, ist aber unzu­ver­läs­sig – es gibt eine gan­ze Rei­he Über­tra­gungs­feh­ler, die sich aus der zwei­ten, schon sowje­ti­schen Aus­ga­be ein­ge­schli­chen haben. So auch im Fall von „sowje­tisch“ und beim Neben­satz „die wir noch umbrin­gen wer­den“ (des­sen Strei­chung in spä­te­ren Aus­ga­ben ich im übri­gen im Nach­wort zu „Zoo“ kommentiere).
    Das Verb „zapi­sat‘“ lässt sich so, wie es im Text steht, näm­lich ohne Ergän­zung (ohne Objekt), aus mei­ner Sicht aus­schließ­lich inchoa­tiv ver­ste­hen: „anfan­gen zu schrei­ben“ (näm­lich in die­sem Fall „anders“).

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