Knal­li­ge Knat­ter­kir­sche? – Puddingpups!

Bettina Bach zeigt mit ihrer Übersetzung von Michaël Escoffiers „Das große Schimpfen“, wie es sich auch auf Deutsch fair und humorvoll schimpfen lässt. Von

Hintergrundbild: Illustration von Kris di Giacomo, mit freundlicher Genehmigung des Mixtvision Verlags.

Mich­aël Escof­fiers Bil­der­buch wid­met sich auf lus­ti­ge Wei­se einem für Eltern wie für Erzie­her und Erzie­he­rin­nen heik­len The­ma: Es geht um Schimpfwörter.

In Schimpf­hau­sen, wo vie­le unter­schied­li­che Tie­re leben, fin­det jähr­lich ein gro­ßer Wett­be­werb statt. Das bes­te Schimpf­wort erhält einen Preis. Doch nur ori­gi­nel­le und amü­san­te Wort­schöp­fun­gen haben eine Chan­ce, die Jury und das Publi­kum zu über­zeu­gen. Aller­dings gibt es eine Regel: Die Wör­ter dür­fen weder bös­ar­tig noch belei­di­gend sein, nur fai­res Schimp­fen ist gestat­tet. Das Gan­ze wird live im Fern­se­hen über­tra­gen und wie jedes Jahr star­tet der Wett­be­werb mit dem Jüngs­ten: Theo Tapir ist erst erst drei Jah­re alt (im Ori­gi­nal sind es nur zwei Jah­re – wahr­schein­lich, weil in Frank­reich das Kin­der­gar­ten­al­ter frü­her beginnt). Trotz sei­nes zar­ten Alters wagt er sich aufs Podi­um und ruft: „Pud­ding­pups!“. Das Publi­kum ist begeis­tert. Nach Theo tra­gen wei­te­re Kan­di­da­ten durch­weg ori­gi­nel­le Schimpf­wör­ter wie „bis­si­ge Brum­mel­bo­je“ oder „flit­zi­ger Floh­po­po“ vor.

© Mixtvi­si­on

Als der Titel­ver­tei­di­ger Harald Hirsch auf­tritt, der den Vor­jah­res­wett­be­werb mit dem unaus­sprech­li­chen Wort „Petri­ger­lack­lap­pen­saft­fink“ (im Fran­zö­si­schen „Tran­che­de­kê­ko­ra­mor­ki­pu“) gewon­nen hat, kommt es zum Eklat: Der ein­ge­bil­det in Rich­tung Podi­um stol­zie­ren­de Hirsch trägt die Nase so hoch, dass sich sein Geweih in einer Gir­lan­de ver­fängt. Als er aus­ge­rech­net über Theo stol­pert, geschieht das Unge­heu­er­li­che: Er schreit den klei­nen Tapir völ­lig unori­gi­nell und ganz ordi­när an: „Doof­kopf!“ (frz. „Imbé­ci­le!“) Alle sind empört. Der selbst­ge­fäl­li­ge Hirsch muss unter Buh­ru­fen abtre­ten, wäh­rend Theo für sei­ne Neu­schöp­fung „Pud­ding­pups“ den Pokal bekommt.

Die deut­sche Über­set­zung von Bet­ti­na Bach löst geschickt man­che Schwie­rig­kei­ten des Ori­gi­nals. Der Titel Das gro­ße Schimp­fen ist ein­gän­gig, sagt, wor­um es geht und lässt Humor­vol­les ahnen. Den Bin­nen­reim des fran­zö­si­schen Ori­gi­nal­ti­tels Le mot le plus gros hät­te man ohne­hin nur schwer über­tra­gen kön­nen, und auch eine wört­li­che Über­set­zung, also das „gröbs­te“ oder „derbs­te“ Wort, wäre im Deut­schen einem klein­kind­li­chen Sprach­re­gis­ter kaum ange­mes­sen. Das fran­zö­si­sche „Gro­vil­le“ wird im Deut­schen länd­lich hübsch zu „Schimpf­hau­sen“.

© Mixtvi­si­on

Die Tier­na­men wur­den durch­weg geän­dert, wobei gera­de die Alli­te­ra­tio­nen – die Namen begin­nen stets mit dem glei­chen Buch­sta­ben wie die Tier­art – einen zusätz­li­chen Sprach­lern­ef­fekt für jün­ge­re Kin­der haben dürf­ten: So hei­ßen die im Rah­men der fik­ti­ven Fern­seh­sen­dung als Repor­te­rin und Mode­ra­tor auf­tre­ten­den Gän­se Git­ta und Gus­tav (einer comi­c­af­fi­nen Leser­schaft wer­den die Vor­na­men und auch der Orts­na­me nicht ganz unbe­kannt sein – Git­ta und Gus­tav Gans aus Enten­hau­sen las­sen grü­ßen …). Zudem wur­den Eigen­na­men der Tie­re dem deut­schen Kul­tur­kreis ange­passt. 1 Völ­lig zu Recht, denn die fran­zö­si­schen Gän­se hei­ßen Lulu und Fifi, was im Deut­schen nicht so gut funk­tio­niert hät­te, da man mit „Fifi“ hier­zu­lan­de einen klei­nen Hund asso­zi­iert. Eine päd­ago­gisch sehr geschick­te Idee der Über­set­ze­rin ist, die Namen der Tier­ar­ten als Nach­na­men zu ver­wen­den: so ler­nen die deut­schen klei­nen Lese­rin­nen und Leser mit Theo Tapir (frz. „le petit Robert“) und Harald Hirsch (frz. „René Dubo­is“) gleich zwei Tier­ar­ten ken­nen. Und auch die Vor­na­men spre­chen für sich: das kur­ze „Theo“ passt zu einem jun­gen Tier­kind, wohin­ge­gen „Harald“ gespreizt und gewollt ernst­haft klingt, also gut geeig­net für den über­heb­li­chen Hirsch. 

Schimp­fen und Flu­chen gehö­ren zur Sprach­ent­wick­lung und die­ses Buch zeigt, dass es auch auf geist­rei­che Wei­se mög­lich ist. Die deut­sche Über­set­zung schafft ganz eige­ne ein­falls­rei­che Schimpf­wör­ter, ver­sucht also gar nicht erst, fran­zö­si­sche Bei­spie­le wie „Kafar­pour­ri“ („ver­faul­te Kaker­la­ke“) oder „Sos­sis­sen­c­rou­te“ („Würst­chen im Teig“) direkt zu über­tra­gen: Die bewuss­te Falsch­schrei­bung (kor­rekt wären „cafard pour­ri“ und „sau­cis­se en croû­te“) wird im Deut­schen eben­falls nicht über­nom­men – aller­dings diver­gie­ren im Deut­schen Schreib­wei­se und Aus­spra­che auch nicht so stark wie im Fran­zö­si­schen. Die Neu­schöp­fun­gen der Über­set­ze­rin Bet­ti­na Bach sind meist mit iden­ti­schen Kon­so­nan­ten begin­nen­de Ver­bin­dun­gen aus Adjek­tiv und Sub­stan­tiv wie „knal­li­ge Knat­ter­kir­sche“ oder „mat­schi­ger Miesmuffel“.

Der Ton der Über­set­zung ist kind­ge­recht, Spra­che und ver­wen­de­te Wör­ter ent­spre­chen dem Wis­sen der Ziel­grup­pe. Etwas frag­wür­dig ist aller­dings das Bemü­hen um Umgangs­sprach­lich­keit in der Über­set­zung: im Deut­schen duzen sich die Gän­se, wäh­rend sie sich im Ori­gi­nal siezen.

Ma chè­re Fifi, auriez-vous la gen­til­les­se de nous rap­pe­ler le princi­pe de cet­te com­pé­ti­ti­on, à laquel­le nous allons assis­ter dans quel­ques instants?

Gleich geht es los. Die Zeit nut­zen wir, um euch noch­mal die Regeln und den Ablauf zu erklä­ren. Könn­test du das über­neh­men, Gitta?

Hier wäre das fran­zö­si­sche, leicht distan­zier­te „Sie“ zwi­schen Mode­ra­tor Gus­tav und Repor­te­rin Git­ta doch erheb­lich iro­ni­scher und damit wit­zi­ger gewe­sen. Es ist ein wenig scha­de, dass die Über­set­ze­rin und der Ver­lag – gera­de, wo es doch in die­sem Buch auch um Höf­lich­keit geht – nicht den Mut hat­ten, die gewählt klin­gen­de und ela­bo­rier­te­re Spra­che des Ori­gi­nals zu erhal­ten. Offen­sicht­lich war man der Mei­nung, Kin­der wür­den das nicht ver­ste­hen, dabei könn­te man ihnen im Zwei­fels­fall durch­aus erklä­ren, dass man sich im Fran­zö­si­schen häu­fi­ger siezt, und es sich bei dem Buch um eine Über­set­zung han­delt. War­um nicht: „Mei­ne lie­be Git­ta, hät­ten Sie wohl die Freund­lich­keit, …“? Jeden­falls könn­te man die Fra­ge stel­len, ob es wirk­lich sinn­voll ist, sich hier an die Ziel­kul­tur anzu­pas­sen oder ob man nicht doch ein­fach das Beson­de­re und Unge­wohn­te ris­kie­ren soll­te? (Sie­he hier­zu auch Mar­ti­na Lein­we­bers Essay „Kin­der­li­te­ra­tur – mehr als nur ein paar Wor­te“).

Auch Syn­tax und Sprach­re­gis­ter sind im Deut­schen etwas stär­ker ver­ein­facht als im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal, wie das fol­gen­de Bei­spiel zeigt:

Celui ou cel­le qui par­vi­en­dra à impres­si­onner le plus le jury rem­porte­ra ce tro­phée tant convoité.

Wer wird gewin­nen und mit die­sem tol­len Pokal nach Hau­se gehen?

Indem sie aus dem fran­zö­si­schen Adjek­tiv „begehrt“ („con­voité“) im Deut­schen „toll“ macht, kommt die Über­set­ze­rin einer kind­li­chen Aus­drucks­wei­se natür­lich wesent­lich näher. Die Mei­nun­gen dar­über, ob dies gut oder schlecht ist, wer­den ver­mut­lich aus­ein­an­der gehen. Es gibt sicher­lich Argu­men­te für bei­de Ver­sio­nen. Nicht schlüs­sig ist aller­dings, dass die in der fran­zö­si­schen Fas­sung „zwie­späl­tig wir­ken­de“ Jury sich in der deut­schen Fas­sung „nichts anmer­ken“ lässt, zumal der Text des fran­zö­si­schen Ori­gi­nals auch zeich­ne­risch durch einen sei­nen Kopf nach­denk­lich in die Hand stüt­zen­den Frosch illus­triert wird.

Le jury sem­ble par­ta­gé, mais le public salue cet­te per­for­mance à grand ren­fort d’applaudissements.

Die Jury lässt sich nichts anmer­ken, aber die Zuschau­er sind außer Rand und Band.

Sehr tref­fend über­setzt wird dahin­ge­gen die auch in der Illus­tra­ti­on greif­ba­re Begeis­te­rung des Publi­kums – die Tie­re schleu­dern die Arme hoch, ver­schüt­ten Pop­corn und bla­sen eine Fan­fa­re – sie sind „außer Rand und Band“. Dass im Fran­zö­si­schen ein­ge­streu­te Inter­jek­tio­nen wie „Ouill­ouill­ouil­le“ oder „ouh-là“ im Deut­schen gestri­chen wur­den, ist wie­der­um nicht ganz nach­voll­zieh­bar – doch muss natür­lich auch nicht alles wört­lich über­nom­men wer­den, wie das fol­gen­de Bei­spiel zeigt, bei dem sich die Über­set­ze­rin völ­lig vom Fran­zö­si­schen löst und das Sprich­wort „Die Letz­ten wer­den die Ers­ten sein“ abwan­delt (im Ori­gi­nal wird aus der Rede­wen­dung, die Hür­de habe die­ses Jahr für den Hirsch wohl etwas zu hoch gele­gen, ein Reim).

La bar­re était sans dou­te un peu trop hau­te cet­te année pour le grand René.

Da sieht man mal wie­der: Die Kleins­ten wer­den die Größ­ten sein.

Die sehr freie Über­set­zung ist in die­sem Kon­text beson­ders gelun­gen, weil sie her­vor­ra­gend zur Illus­tra­ti­on passt – ein rie­si­ger Gei­er über­reicht dem win­zi­gen Tapir von oben her­un­ter den eben­falls ziem­lich gro­ßen Pokal – und somit die für Bil­der­bü­cher fun­da­men­ta­le Inter­ak­ti­on von Text und Bild belegt.

Eine ech­te Beson­der­heit ist die im Rah­men der fik­ti­ven Fern­seh­sen­dung ein­ge­scho­be­ne Wer­be­pau­se. Das ist unge­wöhn­lich und unter­streicht den Cha­rak­ter einer Live-Sen­dung. Mit­ten im Bil­der­buch erscheint plötz­lich eine Pla­kat­wer­bung für einen Müs­li­rie­gel, durch des­sen Ver­zehr man beson­ders schlau wer­den soll.

Alors décou­vrez / CÉRÉBRAL / la nou­vel­le BARRE de CÉRÉALES / enri­chie en MATIÈRE GRISE 

Greif zu GRIPSIE / Der neue MÜSLIRIEGEL / mit Zusät­zen von GRAUEN ZELLEN

„Grip­sie“ ist eine schö­ne und wit­zi­ge deut­sche Lösung für das fran­zö­si­sche „Céré­bral“. Das Wort passt beson­ders gut zu der vor dem Pla­kat ste­hen­den klei­nen Figur, einem Mus­kel­männ­chen mit über­di­men­sio­niert gro­ßem Gehirn anstel­le des Kopfes.

Das Buch endet mit einem Aus­blick: Die bei­den Gän­se über­le­gen, im nächs­ten Jahr einen Gri­mas­sen-Wett­be­werb zu ver­an­stal­ten. Die Fik­ti­on der Fern­seh­sen­dung wird dabei bis zur letz­ten Sei­te beibehalten:

C’est sur cet­te image que nous allons nous sépa­rer. Mer­ci de nous avoir sui­vis et à bientôt!

Und mit die­sem Bild ver­ab­schie­den wir uns. Dan­ke, dass ihr bis zum Schluss dabei wart, und bis zum nächs­ten Mal!

Das gro­ße Schimp­fen ist päd­ago­gisch anre­gend, ohne schwer­fäl­lig zu wir­ken. Auch vor­le­sen­de Erwach­se­ne wer­den dabei ihren Spaß haben. Die Über­set­zung ist ins­ge­samt gelun­gen, vor allem wegen der lus­ti­gen und aus­ge­fal­le­nen Schimpf­wort­schöp­fun­gen: Bild­haf­te und klang­vol­le Bei­spie­le mit schö­nem Rhyth­mus, die zum Mit- und Nach­ma­chen ein­la­den, was wie­der­um die kind­li­che Sprach­bil­dung för­dert. Die deut­schen Tier­na­men sind sehr gut gewählt. Mit der Über­nah­me von sprach­li­cher Fines­se und ori­gi­nel­len Neu­schöp­fun­gen wird die Über­set­zung dem Ori­gi­nal ins­ge­samt gerecht; der ein­zi­ge Kri­tik­punkt wäre, dass das Sie­zen des Ori­gi­nals nicht über­nom­men wurde.

Durch die­ses Bil­der­buch ler­nen Kin­der, dass Schimpf­wör­ter nicht grund­sätz­lich ver­bo­ten sein müs­sen, son­dern lus­tig sein kön­nen. Dass Schmäh­wör­ter unter der Gür­tel­li­nie tabu sein soll­ten, wird unter­halt­sam und ohne erho­be­nen Zei­ge­fin­ger ver­mit­telt. Schön ist auch, dass die Tier­welt über die in ange­neh­men Far­ben gehal­te­nen und wit­zi­gen, mit ihrer Situa­ti­ons­ko­mik teil­wei­se skur­ri­len Illus­tra­tio­nen von Kris di Gia­co­mo spie­le­risch erschlos­sen wer­den kann. Ein Buch, das nicht nur zuhau­se, son­dern auch in Kin­der­gär­ten und Kitas Anklang fin­den wird. Es darf also kräf­tig geschimpft werden!


Mich­aël Escof­fier | Bet­ti­na Bach
Illus­triert von Kris di Gia­co­mo

Das gro­ße Schimpfen

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal: Le mot le plus gros

mixtvi­si­on 2022 ⋅ 40 Sei­ten ⋅ 15 Euro


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  1. Zur Not­wen­dig­keit von Anpas­sun­gen in der Ziel­spra­che, um „eine Schwie­rig­keit zu behe­ben, die es für den Ori­gi­nal­le­ser nicht gibt“, sie­he auch den inter­es­san­ten Bei­trag von Tobi­as Schef­fel: „‚Und außer­dem ist das ja viel leich­ter.‘ Von den Beson­der­hei­ten des Über­set­zens von Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur aus der Sicht des Prak­ti­kers“ In: JuLit 2/18, S. 9–15.

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