Mein ers­tes Mal: Chris­ti­ne Ammann über „Fei­er­abend“

Bei ihrer ersten Übersetzung hatte Christine Ammann mit Gedankensprüngen, Bandwurmsätzen und Assoziationsketten zu kämpfen - doch am Ende wurde sie mit einem Aha-Erlebnis belohnt. Von

Die Übersetzerin Christine Ammann (c) AZ Fotografie Köln. Hintergrundbild: Artiom Vallat via Unsplash

In der Rei­he „Mein ers­tes Mal“ berich­ten Übersetzer:innen von ihrer ers­ten lite­ra­ri­schen Über­set­zung. Sie plau­dern aus dem Näh­käst­chen, berich­ten von den Lei­den des jun­gen Übersetzer:innenlebens und ver­ra­ten, in wel­che Fal­le man als Anfänger:in bloß nicht tap­pen soll­te. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier nachzulesen.


Mein ers­tes Mal war hart erkämpft, erfor­der­te Geduld, Aus­dau­er, Zähig­keit, Wil­lens­stär­ke, die Kraft zur Visi­on – und vor allem Glück. Und wie es in einem kuba­ni­schen Lied heißt, hof­fe ich, „que me dis­cul­pen, por este día, los muer­tos de mi feli­cidad“, dass mir die Toten mei­nes Glücks ver­ge­ben. Weil das Glück des einen oft das Unglück eines ande­ren ist.

Mein ers­tes Mal erschien 2013 bei Rie­mann im Ran­dom House Ver­lag, im gedie­ge­nen Lei­nen­um­schlag: Ein Blu­men­topf mit lila Veil­chen und Cas­par David Fried­richs „Wan­de­rer über dem Nebel­meer“ thron­ten auf einem dun­kel­brau­nen Side­board, dahin­ter eine beige Wand mit gerahm­ten Fotos, ein Tor­ten­stück, ein Fuß­ball­feld. Der Titel: Fei­er­abend – Eine Rei­se in die deut­sche See­le. Die Autorin­nen: Van­na Vannuc­ci­ni und Fran­ce­s­ca Pre­daz­zi, bei­de lan­ge Jah­re Deutsch­land­kor­re­spon­den­tin­nen für ita­lie­ni­sche Tageszeitungen.

Als ich 1989 die Uni ver­ließ, woll­te ich unbe­dingt Über­set­ze­rin wer­den. Ich hat­te Roma­nis­tik, Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie stu­diert und mich in mei­ner Magis­ter­ar­beit immer­hin mit der deut­schen Über­set­zung von Cesa­re Pave­se beschäf­tigt. Aber dann fehl­te mir der Mut zum Sprung ins Frei­be­ruf­li­che und auch das Wis­sen, wie ich das über­haupt anstel­len soll­te: Über­set­ze­rin wer­den. Nach fünf Jah­ren Fest­an­stel­lung und vie­len freund­li­chen Ver­lags­ab­sa­gen sprang ich schließ­lich doch, grün­de­te zunächst mit Freun­den ein Über­set­zungs­bü­ro, mach­te als Ein­zel­kämp­fe­rin wei­ter. Haupt­säch­lich über­setz­te ich damals Wer­bung. Da ich zur glei­chen Zeit auch Mut­ter gewor­den war, war mir die im Ver­gleich zur Lite­ra­tur­über­set­zung bes­se­re Bezah­lung wich­tig. Aber mein Wunsch blieb: Lite­ra­tur zu über­set­zen, Bücher. Immer wie­der also Bewer­bun­gen an Ver­la­ge, immer wie­der mehr oder weni­ger freund­li­che Absa­gen, wenn über­haupt. Mei­ne Toch­ter wur­de grö­ßer, ich fle­xi­bler, besuch­te Semi­na­re zum lite­ra­ri­schen Über­set­zen bei Karin Krie­ger und Ulrich Blu­men­bach in Lenz­burg und lern­te Bir­te Völ­ker aus Düs­sel­dorf ken­nen, die gera­de ihre ers­ten Bücher über­setz­te. Ich besuch­te auch die Frank­fur­ter Buch­mes­se, mit einem Sta­pel Lebens­läu­fen im Gepäck. Wer schon ein­mal ver­sucht hat, als Nobo­dy in Frank­furt Auf­trä­ge zu akqui­rie­ren, kann sich vor­stel­len, wie frus­trie­rend das war.

Und dann der Anruf von Bir­te, ob ich eine Über­set­zung für sie über­neh­men kön­ne, sie sei schwer erkrankt. Der Ver­lag ver­trau­te ihr, ich erhielt den Auf­trag, ohne Lebens­lauf oder Pro­be­über­set­zung, ein­fach so. Ich war kei­ne Anfän­ge­rin mehr, hat­te aber vor allem kur­ze Tex­te aus dem Eng­li­schen über­setzt. Das ita­lie­ni­sche Ori­gi­nal war in einem jour­na­lis­ti­schen, asso­zia­ti­ven Stil gehal­ten: Bedeu­tungs­schwe­re, unüber­setz­ba­re deut­sche Begrif­fe wie Welt­an­schau­ung, Recht­ha­ber oder Män­ner­freund­schaft inspi­rier­ten die Autorin­nen zu klu­gen, iro­ni­schen Beob­ach­tun­gen „typisch“ deut­scher Eigen­schaf­ten, die sie anhand gesell­schaft­lich-poli­ti­scher Ereig­nis­se und Per­sön­lich­kei­ten illus­trier­ten, mit denen sie Inter­views geführt hat­ten. Unter dem Stich­wort Welt­an­schau­ung war­fen sie einen Blick auf Albert Speer, Hein­rich Böll, den Spi­on Mischa Wolf und Josch­ka Fischer, unter dem Stich­wort Recht­ha­ber auf Rudolf Schar­ping und Mar­tin Wal­ser, unter dem Stich­wort Män­ner­freund­schaft auf Hel­mut Kohl, Hand in Hand mit Fran­çois Mit­ter­rand in Ver­dun oder in Strick­ja­cke beim Spa­zier­gang mit Gorbatschow.

Die Suche nach den ursprüng­lich deut­schen Zita­ten bedeu­te­te sehr viel Arbeit. Glück­li­cher­wei­se hat­te der Spie­gel schon damals vie­le sei­ner Arti­kel online gestellt. Außer­dem muss­te ich zu poli­ti­schen Sach­ver­hal­ten recher­chie­ren, und die lan­gen Sät­ze, die gern von The­ma zu The­ma spran­gen, waren ein har­ter Brocken.

Als pro­ble­ma­tisch emp­fand ich den ita­lie­ni­schen Blick auf Deutsch­land. Er mach­te zwar einer­seits den Witz des Buches aus, das in Ita­li­en 2014 sei­ne ach­te Auf­la­ge erleb­te – im Ori­gi­nal war es erst­mals 2004 erschie­nen –, war aber nicht frei von Vor­ur­tei­len. Etwa wenn die grö­ße­re Prä­zi­si­on des Deut­schen – sowohl hin­stel­len als auch hin­le­gen sind im Ita­lie­ni­schen met­te­re, Aus­gang und Aus­fahrt ein­fach usci­ta – mit der deut­schen Men­ta­li­tät und nicht mit den struk­tu­rel­len Mög­lich­kei­ten der Spra­che begrün­det wur­de. Um die deut­sche Leser­schaft nicht vor den Kopf zu sto­ßen, habe ich an man­chen Stel­len die Schär­fe aus dem Text genom­men und den Witz ein Stück weit geop­fert. Die­se Ent­schei­dung wür­de ich heu­te wohl stär­ker hinterfragen. 

Irgend­wann war die Über­set­zung trotz lan­ger Sät­ze, Gedan­ken­sprün­gen und Asso­zia­ti­ons­ket­ten fer­tig, ich war über­zeugt, nach meh­re­ren Kor­rek­tur­durch­gän­gen einen guten deut­schen Text geschrie­ben zu haben, und warf noch einen letz­ten Blick auf mei­ne Arbeit. Doch plötz­lich schien mir die Über­set­zung selt­sam. Ich fand kei­ne gram­ma­ti­ka­li­schen Feh­ler, kei­ne Stol­per­fal­len oder unlo­gi­schen Ver­knüp­fun­gen, aber die Sät­ze stimm­ten für mein Gefühl nicht, es war, als kipp­te der gan­ze Text nach links.

Erst als ich alles noch ein­mal durch­ging, Satz­glie­der umstell­te, adver­bia­le Bestim­mun­gen vom Satz­an­fang in die Mit­te rück­te, Zusam­men­hän­ge durch ein weil oder daher ver­deut­lich­te, las sich der Text wirk­lich gut. Das war für mich ein Aha-Erleb­nis. Viel spä­ter erst soll­te ich mich in der LCB-Über­set­z­er­werk­statt mit Judith Machei­ner, links­ver­zwei­gen­den und rechts­ver­zwei­gen­den Spra­chen und der Infor­ma­ti­ons­ver­tei­lung in Sät­zen beschäftigen.

So beginnt das Buch mit:

„Non ci pos­so crede­re.“ L’amico tedes­co è stu­pefat­to. „Ver­a­men­te nel­le alt­re lin­gue non c’è una paro­la come ‚Scha­den­freu­de‘?“

Zunächst hat­te ich rela­tiv nah am Ita­lie­ni­schen übersetzt:

„Das glaub ich nicht.“ Unser deut­scher Freund ist erstaunt. „Ande­re Spra­chen haben kein Wort für ‚Scha­den­freu­de‘?“

Aber beim erneu­ten Lesen erschien mir „Unser deut­scher Freund“ an die­ser Stel­le wie ein Über­fall, für mein Sprach­ge­fühl kam das Sub­jekt zu früh im Text und erzeug­te damit eine Iro­nie und über­heb­li­che Erzähl­per­spek­ti­ve, die im Ita­lie­ni­schen so nicht dastand. Ich änder­te den Anfang in:

„Das glaub ich nicht“, sagt unser deut­scher Freund und blickt uns erstaunt an.

Wenn ich mir die Über­set­zung heu­te anschaue, habe ich das Sprach­re­gis­ter gegen­über dem Ori­gi­nal zwei­fel­los an man­chen Stel­len ange­ho­ben. Im Jahr 2013 hielt ich das unter ande­rem durch die Leseer­war­tun­gen an ein Sach­buch und durch die grö­ße­re Emp­find­lich­keit für Wort­wie­der­ho­lun­gen im Deut­schen für gerecht­fer­tigt. Mei­ner Ansicht nach hat sich der Stil deut­scher Sach­bü­cher in den letz­ten zehn Jah­ren stär­ker der Umgangs­spra­che ange­nä­hert. Heu­te wür­de ich wohl näher am Sprach­re­gis­ter des Ori­gi­nals bleiben. 

Eini­ge Mona­te nach Abga­be brach­te die Post das gedruck­te Buch. Ich hat­te kein Lek­to­rat gese­hen, auch kei­ne Fah­nen. Ich wuss­te damals nicht, dass das Usus ist. Ich habe das Beleg­ex­em­plar nie Zei­le für Zei­le mit mei­ner Über­set­zung ver­gli­chen, dafür hat­te ich den Text schon zu lan­ge hin- und her­ge­wen­det. Ich mei­ne, es wur­de nicht all­zu viel ver­än­dert, doch natür­lich for­de­re ich heu­te ein, Lek­to­rat und Fah­nen prü­fen zu kön­nen – schließ­lich steht im gedruck­ten Buch mein Name.

Streng genom­men gab es aller­dings nicht nur ein ers­tes Mal. Rie­mann ist ein klei­ner Ver­lag, der nicht sofort ein neu­es Pro­jekt für mich hat­te. Ich muss­te mich wei­ter bewer­ben. Doch nach­dem ich nun ein ers­tes Buch über­setzt hat­te, eine Refe­renz, hat­te ich mit mei­nen Bewer­bun­gen mehr Erfolg. Schon bald folg­te Auf­trag auf Auf­trag. Mei­nen ers­ten Roman habe ich 2019 übersetzt.



Chris­ti­ne Ammann


Chris­ti­ne Ammann stu­dier­te Roma­nis­tik, Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Köln und Wien und schloss ihr Magis­ter­stu­di­um mit einer Arbeit zur Äqui­va­lenz der deut­schen Über­set­zung von Cesa­re Pave­ses La luna e i falò mit Aus­zeich­nung ab. Danach folg­ten eini­ge Jah­re als Sach­be­ar­bei­te­rin in einem japa­ni­schen Ver­triebs­bü­ro in Köln sowie als Pres­se­re­fe­ren­tin im Ita­lie­ni­schen Insti­tut für Außen­han­del in Düs­sel­dorf. Seit 1994 arbei­tet sie als Über­set­ze­rin aus dem Ita­lie­ni­schen, Fran­zö­si­schen und Eng­li­schen. 2016 wur­de sie für ihre Über­set­zung von David G. Has­kells Das ver­bor­ge­ne Leben des Wal­des mit dem För­der­preis zum Strae­le­ner Über­set­zer­preis ausgezeichnet . 


Van­na Vannuc­ci­ni & Fran­ce­s­ca Pre­daz­zi | Chris­ti­ne Ammann

Fei­er­abend. Eine Rei­se in die deut­sche Seele

Im ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal: Pic­co­lo viag­gio nel­l’­ani­ma tede­s­ca

Rie­mann Ver­lag 2013 ⋅ 225 Sei­ten ⋅ 9,99 Euro


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