„Bleibs­te wohl stehn, sonst zer­reiß ick din Kleid“

Die Übersetzerinnen Christel Hildebrandt, Nora Pröfrock und Gabriele Haefs haben Amalie Skrams naturalistisches Meisterwerk „Die Leute vom Hellemyr“ erstmals ins Deutsche gebracht – und hatten mit den Dialekten zu kämpfen. Von

Amalie Skrams „Die Leute von Hellemyr“, erschienen im Guggolz Verlag. Hintergrundbild: Timon Jenny via Unsplash

Die­se Kri­tik basiert auf den online ver­füg­ba­ren Tex­ten der Skram-Gesamt­aus­ga­be von 1924, im Fal­le des Zwei­fels wur­de zusätz­lich die Gyl­dend­al-Taschen­buch­edi­ti­on von 1996 her­an­ge­zo­gen. Die Auf­la­gen von 1978, 1979 und 1990, die den Über­set­zun­gen von Chris­tel Hil­de­brandt, Nora Pröf­rock und Gabrie­le Haefs zugrun­de lie­gen, waren dem Rezen­sen­ten nicht zugänglich.


Ama­lie Skrams vier­bän­di­ger Roman Hel­le­myrs­fol­ket gilt als das Haupt­werk des nor­we­gi­schen Natu­ra­lis­mus. Zwi­schen 1887 und 1898 ver­öf­fent­licht, erzählt die Autorin dar­in von ins­ge­samt drei Gene­ra­tio­nen einer Fami­lie aus Nord­hord­land an der West­küs­te Nor­we­gens. Im ers­ten Band, Sjur Gabri­el, geht es um das Fische­r­ehe­paar Sjur Gabri­el und Oli­ne, die mit ihren zahl­rei­chen Kin­dern vor den Toren der Stadt Ber­gen im Fel­sen­moor leben, dem im Titel erwähn­ten „Hel­le­myr“. Ihr Aus­kom­men gestal­tet sich mehr schlecht als recht. Oli­ne trinkt und wird regel­mä­ßig von ihrem Ehe­mann ver­prü­gelt, der nur eine Freu­de kennt, näm­lich sei­nen Sohn Klein-Gabri­el. Des­sen Tod ist die Urka­ta­stro­phe der Fami­lie: Sjur Gabri­el tut es sei­ner Frau gleich und beginnt zu trinken. 

Jens’ rast­lo­ser Sohn Sive­rt, der im zwei­ten Roman, Zwei Freun­de, auf dem titel­ge­ben­den Schiff anheu­ert und in Jamai­ka sein Glück als See­mann sucht, gelingt nach sei­ner Rück­kehr nach Nor­we­gen zwar schein­bar ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg – er hei­ra­tet die Toch­ter des Gerichts­die­ners, wohnt in einem hübsch ein­ge­rich­te­ten Häus­chen in der Stadt und betreibt ein klei­nes Geschäft –, aber er ist zeit sei­nes Lebens abhän­gig von der Gunst des rei­chen Kon­sul Smith, dem der Laden gehört, und muss zu aller­hand ille­ga­len Tricks grei­fen, um sein Über­le­ben zu sichern. Auch wenn er, wie der Titel des drit­ten Buchs andeu­tet, irgend­wann nur noch unter dem Namen „S. G. Myre“ auf­tritt, kann er sei­ner Her­kunft nicht ent­flie­hen, schon gar nicht, wenn er sich in Unter­neh­mun­gen stürzt, die sei­ne finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten über­stei­gen. Auch sei­ne Kin­der schaf­fen den sozia­len Auf­stieg größ­ten­teils nicht.

Die Figu­ren in Skrams Roma­nen sind von einem deter­mi­nis­ti­schen Men­schen­bild geprägt. Wer ein­mal im Elend lebt, kommt nicht so schnell wie­der auf die Bei­ne, und wer ein­mal reich ist, wird es mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit auch blei­ben. Das ist für natu­ra­lis­ti­sche Lite­ra­tur ganz typisch und wirkt mit dem Abstand eines guten Jahr­hun­derts doch arg über­holt, zumal die­ser Blick auf die Welt auch noch mit einem zeit­ty­pi­schen Puri­ta­nis­mus ver­knüpft wird: Wer sich über alle Maßen amü­siert, sich geschlecht­lich aus­tobt oder zu inten­siv aufs Geld schaut, wird von Gott bestraft. Aller­dings nimmt Skram auch zahl­rei­che Dis­kur­se der heu­ti­gen Zeit vor­weg. Sie beschreibt inter­ge­ne­ra­tio­na­le, durch Armut aus­ge­lös­te Trau­ma­ta und ihre Fol­gen, erzählt von Abhän­gig­kei­ten, die sich aus wirt­schaft­li­chen Zwän­gen erge­ben, vom Klas­sis­mus, der die Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen aus ver­schie­de­nen Schich­ten ver­un­mög­licht, von den fata­len Ver­spre­chun­gen der roman­ti­schen Lie­be und von den Zumu­tun­gen der bür­ger­li­chen Ehe, in der die Frau dem Wohl­wol­len und dem Zorn ihres Man­nes bis­wei­len völ­lig schutz­los aus­ge­lie­fert ist.

Obwohl Skrams Bedeu­tung für die nor­we­gi­sche Lite­ra­tur heu­te unum­strit­ten ist, haben ihr ihre sozi­al­rea­lis­ti­schen Milieu­schil­de­run­gen nicht nur Bewun­de­rung ein­ge­bracht. A. H. Wins­nes etwa warf ihr in sei­ner Nor­we­gi­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te von den 1880er Jah­ren bis zum Ers­ten Welt­krieg vor, sie bemü­he sich nicht um die lite­ra­ri­sche Bear­bei­tung ihres Stoffs. Zwar sei er beein­druckt von dem Mit­ge­fühl, das sie ihren Figu­ren ent­ge­gen­brin­ge, den Text selbst hal­te er jedoch für kunst­los. Mit ande­ren Wor­ten, beschul­digt Wins­nes Skram, zu gefüh­lig zu sein, ein faden­schei­ni­ger Vor­wurf, der auch heu­te noch oft zur Dis­kre­di­tie­rung von Autorin­nen dient. Skrams künst­le­ri­sche Stär­ke liegt weni­ger in wort­mäch­ti­gen Schil­de­run­gen und hoch­flie­gen­den phi­lo­so­phi­schen Spe­ku­la­tio­nen als in den Dia­lo­gen, die sie ihren Figu­ren in den Mund legt. Skram lässt sie näm­lich im Dia­lekt mit­ein­an­der sprechen.

Damit geht sie wei­ter als vie­le ande­re nor­we­gi­sche Autor:innen vor oder nach ihr, denn sie schöpft ihre sprach­li­chen Mög­lich­kei­ten voll­kom­men aus: Sie ver­wen­det nicht nur das Stri­le­mål, die Mund­art, die für die Küs­ten­re­gi­on rund um ihre Hei­mat Ber­gen so typisch ist, son­dern auch den Stadt­dia­lekt und das Riks­mål, die Spra­che der Gebil­de­ten, die auch in der Lite­ra­tur ver­wen­det wur­de. Aus­drü­cke aus der Land­wirt­schaft, der See­fahrt und dem Wirt­schafts­le­ben kom­men noch dazu. Skrams reich­hal­ti­ge Spra­che ist also aus einer Kul­tur und Men­ta­li­tät her­vor­ge­gan­gen, die das Land in und um Ber­gen bis ins 21. Jahr­hun­dert hin­ein prägt – und für das deut­sche Publi­kum ihrer Tetra­lo­gie zunächst viel­leicht ein­mal gewöh­nungs­be­dürf­tig ist. 

Dass Ama­lie Skram ihren Dia­lekt lite­ra­risch urbar mach­te, stör­te vie­le Kri­ti­ker der dama­li­gen Zeit. Ihr Stri­le­mål stieß weder in der loka­len Pres­se noch in Däne­mark, wo sie ab 1884 leb­te, auf son­der­li­ches Ver­ständ­nis. Die Zei­tung Poli­ti­ken frag­te etwa, wie­so die Autorin ihre Figu­ren Dia­lekt mit­ein­an­der spre­chen lie­ße, schließ­lich sei Émi­le Zola in Die Erde auch ohne aus­ge­kom­men. Aber Skram hat­te ihren eige­nen Wil­len, sie kom­bi­nier­te ihre indi­vi­du­el­le, grenz­über­grei­fen­de Sprach­ge­schich­te mit einer sozi­al­rea­lis­ti­schen Poe­tik. Das Stri­le­mål kann­te sie aus ihrer Kind­heit, denn ihr Vater kam aus Nord­hord­land, wo sie als Kind oft den Som­mer ver­brach­te. In ihrem Eltern­haus in Ber­gen wur­de ver­mut­lich der Stadt­dia­lekt gespro­chen; wie sich die Gebil­de­ten mit­ein­an­der unter­hiel­ten, erfuhr sie in ihrer Schul­zeit, als sie Freun­de fand, die gesell­schaft­lich höher stan­den als sie. Und als sie nach Däne­mark zog und sich dort ein­ge­lebt hat­te, stell­te sie fest: „Nor­we­ge­rin bin ich und blei­be es bis zum Tag mei­nes Todes. Aber eine nor­we­gi­sche Schrift­stel­le­rin bin ich nicht. Zur Schrift­stel­le­rin haben mich die Dänen gemacht.“

Woher das Wort stril stammt, lässt sich nicht abschlie­ßend klä­ren, der Autor Kåre Fas­ting defi­niert es in einem Stadt- und Kul­tur­füh­rer so: „Ein ‚Stril‘ ist ein gewitz­ter und toll­küh­ner Mann, der weiß, in wel­che Rich­tung er sich im Ernst­fall dre­hen muss, ganz gleich, ob er sich auf dem Markt­platz der Stadt zwi­schen den fei­nen Damen sei­nen Weg bahnt oder beim Mar­stei­nen-Leucht­turm oder bei Fed­je über die schäu­men­den Bre­cher schip­pert.“ Das Ter­ri­to­ri­um die­ser Men­schen, das der Dich­ter J. S. Wel­ha­ven als „eine eige­ne Welt“ bezeich­net hat, erstreckt sich laut der Lokal­his­to­ri­ke­rin Nan­na Ebbing über etwa sieb­zig Kilo­me­ter um Ber­gen her­um. Mitt­wochs und don­ners­tags ruder­ten die Leu­te in die Stadt, um dort den gan­zen Tag lang Fisch und land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te zu ver­kau­fen; Sjur Gabri­el beginnt mit einer sol­chen Hafen­fahrt. Um die­se Stra­pa­zen durch­zu­ste­hen, brauch­te man natür­lich eine reich­hal­ti­ge Mahl­zeit: Kar­tof­fel­klö­ße mit gesal­ze­nem Ham­mel­fleisch, gel­be Erb­sen, Kohl­ra­bi­mus und knusp­rig gebra­te­nen Speck. Noch heu­te ste­hen in vie­len Restau­rants Ber­gens don­ners­tags Kar­tof­fel­klö­ße auf der Spei­se­kar­te; Erlend O. Nødt­vedt wid­met die­ser Tra­di­ti­on in sei­nem Roman Durch das West­land (2017) eine gan­ze Szene.

Obwohl die Stri­le kei­ne uner­heb­li­che Rol­le für die Wirt­schaft spiel­ten, war das Ver­hält­nis zwi­schen ihnen und der Stadt­be­völ­ke­rung eher ange­spannt. Wegen ihrer Klei­dung und ihrer Spra­che wur­den sie häu­fig ver­lacht und muss­ten auch in der Lite­ra­tur eini­ges ein­ste­cken. Zwar nimmt auch Skram gän­gi­ge Ste­reo­ty­pe über die ‚Stri­le‘ auf – Oli­ne etwa ist eine durch und durch bär­bei­ßi­ge Zeit­ge­nos­sin –, doch sie ver­spot­tet sie nie. Statt­des­sen macht sie ihren Dia­lekt für ihre sozi­al­rea­lis­ti­sche Schil­de­rung lite­ra­risch nutz­bar. Das geht nicht ohne Mühe von­stat­ten, wie das Manu­skript des ers­ten Ban­des­zeigt: In fast jeder Replik fin­den sich Ände­run­gen. Da Skram die Spra­che der ‚Stri­le‘ nur unzu­läng­lich kann­te, brauch­te sie vor allem bei den Ver­ben­dun­gen und den Arti­keln Hil­fe. Die fand sie unter ande­rem bei dem Lexi­ko­gra­phen Hans Ross, der sie bei allen gram­ma­ti­ka­li­schen Pro­ble­men unter­stütz­te. „Der Däne ver­steht sich näm­lich auf sei­ne Spra­che“, schrieb Ross, „bewegt sich dar­in wie ein Fisch im Meer; wohin­ge­gen wir das Däni­sche nicht rich­tig beherr­schen, son­dern zap­pelnd in den Pfüt­zen jap­sen, die nach dem Ein­tritt der Ebbe am Mee­res­strand zurück­blei­ben“ – und brach­te damit neben­bei ein Haupt­pro­blem der nor­we­gi­schen Lite­ra­tur auf den Punkt: Sie muss­te sich stets irgend­wo zwi­schen dem Däni­schen und den Volks­spra­chen ein­ord­nen. Und das muss auch ihr Publi­kum, denn Skrams Dia­lek­tre­pli­ken sind immer noch schwer verständlich:

Statt stidl, edl eg flæng­je Stakkjen din!

Das sagt Sjur Gabri­el zu Oli­ne, als sie, im Hafen ange­kom­men, aus dem Boot stei­gen will, um heim­lich eine Fla­sche Schnaps zu kau­fen: Er droht ihr, das Kleid zu zer­rei­ßen, wenn sie nicht ste­hen­bleibt. Bereits die­se eine Zei­le lässt Rück­schlüs­se auf die typi­schen Kenn­zei­chen die­ses Dia­lekts zu. Der Dop­pel­kon­so­nant ll wird oft zu dl (wie in stil­le und eller), das Per­so­nal­pro­no­men jeg heißt – wie in vie­len ande­ren nor­we­gi­schen Dia­lek­ten auch – eg. Dazu noch ein auf den ers­ten Blick rät­sel­haf­tes Wort wie „Stakkjen“, das die Stril-Vari­an­te von „skjør­tet“ ist. 

Schon die­se weni­gen Bei­spie­le zei­gen, wie ver­trackt die Lek­tü­re der Tetra­lo­gie sein kann: Unge­wöhn­li­che gram­ma­ti­ka­li­sche For­men ste­hen neben wenig gebräuch­li­chen Voka­beln, oft tau­chen dane­ben auch noch ent­le­ge­ne Fach­be­grif­fe aus ver­schie­de­nen Berei­chen des täg­li­chen Lebens auf. Aber das ist nicht die ein­zi­ge Her­aus­for­de­rung, denn Skram gibt auch den cha­rak­te­ris­ti­schen Dia­lekt Ber­gens wie­der. Dass die Einwohner:innen die­ser Stadt gro­ße Stü­cke auf ihre Mund­art hal­ten, ist in Nor­we­gen kein Geheim­nis. Sie wird in allen sozia­len Zusam­men­hän­gen ver­wen­det, sogar von rang­ho­hen Beam­ten und Kauf­leu­ten. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass auch Skrams Kon­sul Smith hin und wie­der drauf­los bergensert. 

Typisch sind eben­falls die vie­len Lehn­wör­ter aus ande­ren euro­päi­schen Spra­chen, vor allem aus dem Deut­schen, aber auch aus dem Fran­zö­si­schen. Die Han­sea­ten nah­men eine wich­ti­ge Stel­lung im Han­dels­le­ben der Stadt ein, was für die sprach­li­che Ent­wick­lung nicht ohne Fol­gen blieb. Bei­spie­le für sol­che Ein­flüs­se sind u. a. Wör­ter wie „treiskt“ (von mnd. tret­zig), das u. a. „beschwer­lich“ heißt, und „gesell“, eine Art Vor­ar­bei­ter, aber auch der „moss­jø“ (von frz. mon­sieur), der oft als Anre­de auf­taucht, und auch „males­jøsk“ (von frz. male­cieux) für „bos­haft“. Spe­zi­fi­sche Aus­drü­cke aus der Ber­gen­ser Gos­sen­spra­che gibt es bei Skram auch noch, etwa den viel­deu­ti­gen Aus­ruf „Kipe­lam!“, der so viel wie „Schwäch­ling“ bedeu­tet, und auf ein hilf­lo­ses Lämm­chen ver­weist, das in einer Kie­pe trans­por­tiert wird. Natür­lich braucht es auch hier eine gewis­se Zeit, ehe man sich an die Schreib­wei­se gewöhnt hat:

No e‘ han daa nødt te hol­le sig lite­vet­te i Skjin­ne‘, Gu’skjelov

Der stör­ri­sche Sive­rt, der hier wäh­rend sei­ner Fahrt nach Jamai­ka auf­ge­for­dert wird, sich doch bit­te mal zusam­men­zu­rei­ßen, bekommt hier einen ganz typi­schen Satz im Ber­gen-Dia­lekt zu hören. Das Verb („er“) wird – wie so oft – auf „e“ ver­kürzt, das Adverb „til“, das von einer Infi­ni­tiv­kon­struk­ti­on gefolgt wird, auf „te“, und dann gibt es noch einen spe­zi­fi­schen Aus­druck, näm­lich „lite­vet­te“, der so viel heißt wie „ein biss­chen“. Eben­so cha­rak­te­ris­tisch für den Ber­gen­ser Dia­lekt sind Fra­ge­pro­no­men wie „kem“ (für „wer“) oder „ka“ (für „was“) – wie etwa in der fol­gen­den Pas­sa­ge, wo dis­ku­tiert wird, wer für den schlech­ten hygie­ni­schen Zustand von Groß­va­ter Fri­mann ver­ant­wort­lich ist: „Ja kem er det sin Skam? Di‘, saa ikkje ist hol­de ‘an rein.“ Auf­fäl­lig sind nicht nur die Fra­ge­pro­no­men, son­dern auch der Bas­ti­an-Sick-Dativ („wem sei­ne Schuld“), das Per­so­nal­pro­no­men „de“, das hier als „di‘“ auf­taucht, das für Ber­gen typi­sche Verb „idest“ („imstan­de sein“), das Per­so­nal­pro­no­men „’an“ („han“) sowie das Rela­tiv­pro­no­men „saa“ („som“).

Auch wenn der Ber­gen-Dia­lekt noch heu­te weit­ver­brei­tet ist – man hört ihn oft in Seri­en und den Fern­seh­nach­rich­ten –, ver­wen­det Skram vie­le Wör­ter und Begrif­fe, die heu­te nicht mehr gän­gig sind. Hand­lungs­be­schrei­bun­gen aller­dings sind leich­ter ver­ständ­lich, denn sie sind alle­samt im Riks­mål ver­fasst, der nor­we­gi­schen Schrift­spra­che, die bis 1929 der Gegen­part der Dia­lekt­form Lands­mål war. Zu Skrams Zeit war das Riks­mål noch sehr nah am Däni­schen, wie die­se Stel­le aus einem Brief zeigt, in dem Fie ihrer Mut­ter Petra Ver­nach­läs­si­gung vorwirft:

Ran­sag dit Hjær­te og bøj Dig engang sam­men i Anger og Selv­bek­jen­del­se. Og jeg vil bede Dig om, at Du ikke hand­ler saa ondt mod stak­kels, vær­gelø­se Lovi­se, som Du har hand­let mod os andre.

Bis auf weni­ge Aus­nah­men – etwa dem „kj“ in „Selv­bek­jen­del­se“, das im Däni­schen ohne J geschrie­ben wird, und den teil­wei­se ange­pass­ten Ver­ben­dun­gen („hand­let“ anstel­le von „hand­le­de“ oder auch „hand­led“) – ent­spricht die nor­we­gi­sche Ortho­gra­phie der däni­schen. Auch sind die wei­chen däni­schen Kon­so­nan­ten b, d und g noch nicht den nor­we­gi­schen p, t und k gewi­chen (sodass es zum Bei­spiel „ransak“ hie­ße anstatt „ran­sag“). Wo Sive­rt sei­nen Eltern noch in gebro­che­nem, mit kru­den Recht­schreib­feh­lern durch­misch­tem Dänisch See­manns­garn von sei­ner Rei­se nach Jamai­ka spann, hat Fie gelernt, wie sie ihr Anlie­gen rhe­to­risch über­zeu­gend dar­le­gen kann. Direkt am Anfang der zitier­ten Pas­sa­ge steht eine zur Rede­wen­dung gewor­de­ne Anspie­lung auf Psalm 139:23, eben­so wie­der­holt Fie im Lau­fe ihres Brie­fes bestimm­te Wort­kom­bi­na­tio­nen, um ihrer Bot­schaft Nach­druck zu ver­lei­hen. Anders for­mu­liert, ist sie in den gebil­de­ten Stän­den der nor­we­gi­schen Haupt­stadt Kris­tia­nia (heu­te Oslo) angekommen.

Wenn die Figu­ren in Skrams Tetra­lo­gie zu spre­chen begin­nen, weiß das nor­we­gi­sche Publi­kum also in der Regel sofort, zu wel­cher Gesell­schafts­schicht sie gehö­ren. Die Leu­te vom Hel­le­myr über­zeu­gen als sozi­al­rea­lis­ti­sche Lite­ra­tur vor allem des­halb, weil die Autorin so inten­siv hin­zu­hö­ren weiß und, wie Ingard Hau­ge schon 1946 in einem Arti­kel für die Zeit­schrift Maal og Min­ne fest­stell­te, die jeweils indi­vi­du­el­len Sprach­wei­sen ihrer Protagonist:innen über­all ein­flie­ßen lässt: in Schil­de­run­gen des täg­li­chen Lebens, in die im Stri­le­må­lund im Ber­gens­dia­lekt abge­fass­ten Dia­log­pas­sa­gen und in die erleb­te Rede, die die Pro­sa des 19. Jahr­hun­derts so oft kenn­zeich­net. Aber je ver­track­ter der Aus­gangs­text, des­to schwie­ri­ger auch sei­ne Über­set­zung. Zwar erschie­nen der ers­te, der zwei­te und der vier­te Band schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahr­hun­derts in einer deut­schen Fas­sung – von Marie Kurel­la bzw. Mat­hil­de Mann –, Skrams Haupt­werk konn­te sich hier­zu­lan­de jedoch nicht durch­set­zen. Das wird sich jetzt, über 130 Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung des letz­ten Buches, womög­lich ändern, denn der Gug­golz Ver­lag bringt Sjur Gabri­el, Zwei Freun­de, S. G. Myre und Die nächs­te Gene­ra­ti­on in einer gemein­schaft­li­chen Über­set­zung von Chris­tel Hil­de­brandt, Nora Pröf­rock und Gabrie­le Haefs zeit­gleich auf den deut­schen Markt.

Die drei Über­set­ze­rin­nen muss­ten sich einer unge­mein kom­pli­zier­ten Auf­ga­be stel­len, gab es doch nicht nur einen, son­dern sogar zwei Dia­lek­te – Stri­le­mål und Ber­gens­dia­lekt – zu über­tra­gen, die jeweils in unter­schied­li­chen his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­sta­di­en dar­ge­stellt wer­den. Wie Annet­te Kopetz­ki in einem Bei­trag für Babel­werk dar­legt, kom­men bei der Ver­deut­schung von Dia­lek­ten alle Pro­ble­me des Über­set­zens gebün­delt zusam­men: Rede­wen­dun­gen, Satz­bau, Pro­so­die. Was die Über­set­zung von Dia­lek­ten anbe­langt, gibt es ganz unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen, die Kopetz­ki fol­gen­der­ma­ßen auf den Punkt bringt: „Dia­lekt mit Dia­lekt zu über­set­zen, ist tabu. Dia­lekt mit Umgangs­spra­che zu über­set­zen, ist fei­ge.“ Statt­des­sen, so führt sie aus, müss­ten Unter­schie­de zur Stan­dard­spra­che geson­dert mar­kiert wer­den, etwa durch „eine Häu­fung von Modal­par­ti­keln, vor­wie­gend Prä­sens, Weg­fall des Kon­junk­tivs und der Neben­satz­in­ver­si­on, Dativ statt Geni­tiv, außer­dem kraft­vol­le Flü­che und Rede­wen­dun­gen“ – und Ver­zer­run­gen von Begrif­fen und der­glei­chen, aller­dings immer mit der Fra­ge im Hin­ter­kopf, wel­che Funk­ti­on die Dia­lekt­pas­sa­ge in der Aus­gangs­spra­che erfüllt. Kopetz­kis Rat­schlä­ge schei­nen auch die drei Über­set­ze­rin­nen beher­zigt zu haben, denn in ihrem Nach­wort zu Sjur Gabri­el schreibt Chris­tel Hildebrandt:

Neben dem Pro­blem, inwie­weit die Leser­schaft einen ähn­li­chen Dia­lekt aus die­ser Gegend und die­ser Zeit über­haupt noch ver­steht, stell­te sich die gro­ße Fra­ge, wie ihn ins Deut­sche über­set­zen. Einen bestehen­den Dia­lekt aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum zu ver­wen­den, war von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, schließ­lich befin­den wir uns in Nor­we­gen und nicht in Sach­sen oder Meck­len­burg. Außer­dem hät­te die­ser Dia­lekt dann auch noch zeit­lich ange­passt wer­den müssen.

Am Ende habe man sich „auf eine nord­deutsch ori­en­tier­te Spra­che“ geei­nigt, außer­dem auf „bestimm­te Mar­ker, die immer wie­der auf­tau­chen soll­ten“. Nord­deutsch des­halb, zumal es sinn­los wäre, einen Roman, der am Meer spielt, in die Eifel, ins Schwa­ben­land oder in den Chiem­gau zu ver­le­gen. Auf eine der bereits zitier­ten Pas­sa­gen bezo­gen, heißt das, dass Hil­de­brandt „Statt stidl, edl eg flæng­je Stakkjen din!“ mit „Bleibs­te wohl stehn, sonst zer­reiß ick din Kleid“ über­setzt. Auf­fäl­lig ist in der deut­schen Ver­si­on die Form „Bleibs­te“, in der die zwei­te Per­son Sin­gu­lar mit dem Verb „blei­ben“ zusam­men­ge­zo­gen wird, das höchs­tens münd­lich ver­wen­de­te Per­so­nal­pro­no­men „ick“ (eine Wie­der­ga­be des eben­falls münd­li­chen  „eg“) und das Pos­ses­siv­pro­no­men „din“, eine nord­deutsch tönen­de Vari­an­te von „dein“.

Noch nord­deut­scher wird es eini­ge Zei­len spä­ter, wenn Sjur Gabri­el Oli­ne fragt: „Wat has­te in din Büt­tel?“ („Ka heve Du i Byl­ten din?“) – ein zwei­fel­los erfun­de­nes Wort für „Beu­tel“ oder „Bün­del“, denn der Büt­tel ist nor­ma­ler­wei­se ein Ord­nungs­wäch­ter oder Gerichts­bo­te. Auch inner­halb der Dia­lo­ge gibt es Abstu­fun­gen: Als Oli­ne ver­schwun­den ist, taucht eine Magd auf, die mit Sjur Gabri­el um des­sen Fisch­fang zu feil­schen beginnt. Sie kommt aus Ber­gen und weist sein Ange­bot rund­her­aus ab: „E Du galen Stri– nej ka eg ville seje: Man?“ („Drehs­te jetz total durch, du Stri­le – nein, ek wollt sagn: Mann?“) Zwar las­sen Sjur Gabri­el und die Magd bei­de hin und wie­der Sil­ben aus („wir kommn ausm Hel­le­myr“, „ek wollt sagn“), aber Hil­de­brandt mar­kiert den Unter­schied zwi­schen Stri­le­mål und Ber­gens­dia­lekt über das Per­so­nal­pro­no­men, das in bei­den Dia­lek­ten „eg“ und in ihrer Über­set­zung „ick“ bzw. „ek“ lautet.

Hil­de­brandt, Pröf­rock und Haefs ken­nen den gän­gi­gen Dis­kurs zu Dia­lek­ten, wis­sen, dass es Umgangs­spra­che allein nicht bringt. Auf die­ser Basis haben die drei Über­set­ze­rin­nen die Ent­schei­dung getrof­fen, Skrams Dia­lek­te mit einer Art Kunst­spra­che wie­der­zu­ge­ben. Zudem schrei­ben sie – wie übri­gens oft auch Skram – ger­ne so, wie man spricht, und ver­su­chen, den Figu­ren einen indi­vi­du­el­len Akzent zu geben: Das –ig am Wort­ende wird zu –ich, man „tut“ etwas bereu­en, ver­schafft sich „Reschpekt“, geht zum „Kon­dit­ter“ oder ist „trü­betüm­pe­lich“. Man könn­te also sagen: Ja, das klappt. Nur: Ist es auch genug? Denn obwohl Skram mit ihrer Tetra­lo­gie Pio­nie­rin­nen­ar­beit leis­tet, weil die sprach­li­chen Gege­ben­hei­ten ihrer Zeit es nun ein­mal so von ihr ver­lan­gen, greift sie sich ihre Spra­che nicht aus dem luft­lee­ren Raum, son­dern hört ganz genau zu, wie die Leu­te mit­ein­an­der reden, um dann abschät­zen zu kön­nen, in wel­che sozia­len Grup­pen ihre Figu­ren sich ein­ord­nen und wie sie das, was sie da wahr­nimmt, zu Papier brin­gen muss. Natür­lich kommt auch die deut­sche Fas­sung nicht aus dem Nir­gend­wo, aber mit ihrer auf Dau­er ange­streng­ten, weil geküns­tel­ten Spra­che macht sie es dem Publi­kum unnö­tig schwer – und gleich­zei­tig auch zu leicht, denn oft ist der nor­we­gi­sche Text nuan­cier­ter, als die Über­set­zung vorgibt.

Auch wenn Skram, wie Ingard Hau­ge schreibt, als fei­ne Stadt­da­me die Arbei­ten der Land­be­völ­ke­rung zwei­fels­oh­ne nur als Zuschaue­rin kann­te, lässt sie oft loka­le Bezeich­nun­gen ein­flie­ßen. Der „Hal­lingk­ast“, der an einer Stel­le des ers­ten Ban­des erwähnt wird, gerät zu einem blo­ßen „Tanz­sprung“; die kul­tu­rel­le Refe­renz – die­sen Volks­tanz gibt es nur in Nor­we­gen – fällt weg. Über die Heb­am­me, die Klein-Gabri­el auf die Welt hilft, heißt es: „Og hele Tiden bevæ­ged hun sin store, fla­de Mund og skrat­ted indi­mel­lem som en Sjor, der ven­ter Storm.“ Hier nennt Skram die Krä­he nicht bei ihrem däni­schen Namen („Ska­de“) oder dem ost­nor­we­gi­schen „Skjæ­re“, son­dern bevor­zugt das im West­nor­we­gi­schen ver­brei­te­te „Sjor“. Chris­tel Hil­de­brandt macht dar­aus: „Und die gan­ze Zeit beweg­te sie dabei ihren gro­ßen plat­ten Mund und lach­te ab und zu wie eine Krä­he, die auf den Sturm wartet.“ 

Das ist natür­lich völ­lig kor­rekt, nur geht hier ein wenig Kolo­rit ver­lo­ren, wenn nur von einer „Krä­he“ die Rede ist: Das Wör­ter­buch der Brü­der Grimm kennt vie­le aus dem Gebrauch gera­te­ne Syn­ony­me, vom „Kahl­ba­cken“ bis zur „Kre­ie“. Oft, schreibt Hau­ge wei­ter, benutzt Skram Dia­lekt­wör­ter als ver­stär­ken­den Effekt, etwa hier: „Vin­te­ren kom med Mør­ke og Sne­ka­ve, Styg­ge­ve­jr og als­kens Ufjæl­ge.“ Hil­de­brandt über­setzt fol­gen­der­ma­ßen: „Danach kam der Win­ter mit Dun­kel­heit und Schnee­ge­stö­ber, schlech­tem und unge­müt­li­chem Wet­ter.“ „Fjælg“ heißt so viel wie „behag­lich“, „ufjælg“ ist das Gegen­teil davon. Ein sel­te­nes Wort, aber Hil­de­brandts „unge­müt­lich“ ruft nicht die glei­che Stim­mung her­vor wie Skrams „Ufjælg“. Grimms Wör­ter­buch lis­tet „unge­trost“ in der sel­te­nen Bedeu­tung „unge­müt­lich“, was deut­lich bes­ser zum nor­we­gi­schen Gegen­part pas­sen wür­de. Das sind nur ein paar zufäl­lig her­aus­ge­grif­fe­ne Bei­spie­le; Skram bedient sich äußerst groß­zü­gig an lokal übli­chen Fach­be­grif­fen, Ver­ben und anderem.

Gesetzt den Fall, dass die meis­ten die­ser Eigen­hei­ten sich ret­ten lie­ßen, stößt die­ses Über­set­zungs­mo­dell hin und wie­der auch an sei­ne Gren­zen. Denn es ist klar, dass die­se vier Roma­ne im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­den sind und sich in der Zwi­schen­zeit vie­les getan hat. In Zwei Freun­de etwa heu­ert Sive­rt auf einem Schiff nach Jamai­ka an. Dort ange­kom­men, geht er ins Bor­dell, ist aber völ­lig ahnungs­los, in wel­chem kul­tu­rel­len Kon­text er sich bewegt. Wür­de die­se Sze­ne heu­te genau­so ver­öf­fent­licht, sie wür­de ver­mut­lich einen Skan­dal aus­lö­sen, denn in der Beschrei­bung der Bor­dell­mäd­chen und ande­rer Men­schen, die in Jamai­ka leben, ver­wen­det Skram das N‑Wort. Das stellt die Über­set­ze­rin Nora Pröf­rock vor ein gro­ßes Pro­blem: Wie soll man mit Text­pas­sa­gen umge­hen, die schon zur Zeit ihrer Ver­öf­fent­li­chung ras­sis­tisch waren, und aus heu­ti­ger Sicht nicht mehr tole­riert wer­den kön­nen? Pröf­rock schreibt hier­zu in ihrem Nachwort:

Über­all dort, wo das N‑Wort zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Figu­ren bei­trägt, etwa wenn Sive­rt in sei­ner unre­flek­tier­ten Art von einem »schwar­zen N****« erzählt oder »Mulatt­in­nen« mit »N****mädels« ver­gleicht, ist es ste­hen geblie­ben. Hier den Wort­laut zu ver­än­dern, hät­te mei­nes Erach­tens zu einer Ver­fla­chung des Aus­gangs­tex­tes geführt. In den Pas­sa­gen aber, in denen uns eine neu­tra­le Erzähl­in­stanz kom­men­tar­los wie eine Kame­ra und trotz­dem vol­ler Ein­sicht ein detail­lier­tes Bild der Wirk­lich­keit prä­sen­tiert, wur­de das N‑Wort nach Mög­lich­keit umgan­gen oder durch Alter­na­ti­ven ersetzt, die wir heu­te als neu­tral empfinden.

Tat­säch­lich fin­det Pröf­rock oft ange­mes­se­ne Lösun­gen für die­ses Pro­blem, zumal man einem Text aus dem 19. Jahr­hun­dert die Erkennt­nis­se des 21. nicht ein­fach so über­stül­pen kann. Wenn es im nor­we­gi­schen Text bei­spiels­wei­se heißt, der Kapi­tän habe ein paar N**** für die Ver­la­dung des Schif­fes enga­giert, spricht Pröf­rock von „Ein­hei­mi­schen“. Geht es um die Äußer­lich­kei­ten der Jamaikaner:innen, über­setzt sie zum Bei­spiel fol­gen­der­ma­ßen: „eine alte schwar­ze Frau“ („en gam­mel N****kjærring“) oder „ein fül­li­ges schwar­zes Mäd­chen“ („en omfangs­rig N****pige“). Neu­tral, wie sie in ihrem Nach­wort schreibt, ist natür­lich auch die­se Beschrei­bung nicht, denn dass die nor­we­gi­sche Schiffs­be­sat­zung aus Wei­ßen besteht, wird kaum erwähnt oder still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt. Hin und wie­der sind Pröf­rocks Vari­an­ten aller­dings auch frag­lich. Sive­rt, der unre­flek­tiert kolo­nia­le Denk­wei­sen über­nimmt, weil ihm schlicht und ergrei­fend das Kor­rek­tiv fehlt, schreibt in einem Brief nach Ber­gen fol­gen­der­ma­ßen (das übri­gens auch im Ori­gi­nal kapi­ta­li­sier­te Adjek­tiv ver­dankt sich Sive­rts man­gel­haf­ter Recht­schrei­bung): „Unt innen drin läuft man über bun­te Stein­plat­ten anstatt Fuß­bo­den, unt ein Schwar­zer N**** hat mir die Tür auf­ge­macht unt sich fer­beugt als wär ek ein Prins.

Es wäre über­haupt nicht nötig gewe­sen, an die­ser Stel­le auf das N‑Wort zurück­zu­grei­fen, wäre doch „ein Schwar­zer“ schon aus­rei­chend, um Sive­rts Ras­sis­mus dar­zu­stel­len. „Der Kunsel war von der Far­be wie bei uns zu hau­se,“steht näm­lich im nächs­ten Satz – hier­mit macht Sive­rt zwi­schen sich selbst, der auf der Sei­te der selbst­er­nann­ten Kolo­ni­al­her­ren steht, und den Kolo­nia­li­sier­ten einen Unter­schied. Hät­te Pröf­rock an die­ser Stel­le auf das N‑Wort ver­zich­tet, wäre der Aus­gangs­text nicht nen­nens­wert ver­flacht, sei­ne Aus­sa­ge geret­tet wor­den. Auch bei Hil­de­brandt und Haefs kommt es manch­mal vor. In S. G. Myre denkt Sive­rt an sei­ne „Räu­ber­ge­schich­ten“ zurück, denen zufol­ge „er sich mit sieb­zehn N**** auf ein­mal geprü­gelt und neun von ihnen getö­tet“ hat; und als Fre­d­rik, Petras Nef­fe, sich Tin­te ins Gesicht klatscht, bezeich­net ihn auch Haefs als N****. Zwar kann man auch hier strei­ten, inwie­weit Sive­rt, der ger­ne über­treibt, und Fre­d­rik, der ein Kind im Kör­per eines Man­nes ist, über­haupt ein ande­res Wort benut­zen wür­den. Ande­rer­seits es ist nicht ersicht­lich, wes­halb Text­treue oft nur dann gefor­dert wird, wenn ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe repro­du­ziert wer­den sol­len und nicht dann, wenn es um eine wir­kungs­äqui­va­len­te Über­set­zung lokal­ty­pi­scher Aus­drü­cke geht, wie in die­ser Dia­log­pas­sa­ge aus Zwei Freun­de, wo Stri­le- und Ber­gens­dia­lekt direkt auf­ein­an­der­tref­fen. Hier­an wird deut­lich, wie­so Skrams Tetra­lo­gie so schwie­rig ist:

«Ejen Skuld, like­re aa’ste‘ – jou her e‘ go‘ Trøst aa faa!» – Madam Tøn­nesen var spru­den­de rød, og Øren­dub­ber­ne for­me­lig hop­ped. Naar hun blev sint, brød hun altid paa Bond­e­dia­lek­ten, som hun og Jens ellers hav­de aflagt. – «Men da kud­ne eg sagt meg i For­vegjen. – Du heve alti fra Du va‘ Gut maske­pe­ret og smis­ket me‘ ho Mor. Had­de Du ikkje vor­re, saa kan­skje ho va‘ ble­ven ejt annet Menneskje.»

«Du e‘ vær­re enn en Klap­pers­lan­ge,» sat­te Mar­the i med langtruk­ket Efter­tryk paa hver Sta­vel­se, «for Klap­pers­lan­gen, han hvis­ler daa, han ialt­fald, før han stik­ker, men de‘ gjør‘kje Du.» Mar­the hav­de rejst sig, slængt Strik­ke­tø­jet paa Bor­det og straks der­paa gre­bet det igjen med de skjæl­ven­de Hænder.

»Sel­ber schuld, büss­chen nach­sich­ti­cher – dat is mir ja n schö­nen Trost!« Madam Tøn­nesen war puter­rot im Gesicht, und ihre Ohr­rin­ge über­schlu­gen sich förm­lich. Wenn sie in Rage geriet, ver­fiel sie immer in den Bau­ern­dia­lekt, den sie und Jens eigent­lich längst abge­legt hat­ten. »Aber dat hätt ick mir auch den­kn kön­nen. Du hast ja schon immer mit Mud­dern unter eener Decke steckt. Wärst du nich wesn, wär se heut viel­leicht n ganz and­rer Mensch.« 

»Du bist schlim­mer als ne Klap­per­schlan­ge«, fuhr Mar­the dazwi­schen und beton­te jedes Wort ein­zeln. »Die zischt wenich­s­tens, bevor se angreift, du aber nich.« Mar­the war auf­ge­stan­den, hat­te das Strick­zeug auf den Tisch gewor­fen, nur um es kurz dar­auf wie­der in die zit­tern­den Hän­de zu
neh­men.

Inge­borg, Sive­rts Tan­te, kommt zu Besuch, um von einer pein­li­chen Begeg­nung mit Oli­ne zu erzäh­len. Zwar lebt sie schon seit gerau­mer Zeit in Ber­gen, aber wenn sie sich auf­regt, fällt sie, ger­ne in den Stri­le­dia­lekt, die Spra­che ihrer Kind­heit zurück. Auch in Nora Pröf­rocks Über­set­zung setzt sich Inge­borgs Rede von der Stan­dard­spra­che ab: Sie sagt „ick“ statt „ich“ (und spricht damit genau­so wie Sjur Gabri­el und Oli­ne auf den ers­ten Sei­ten der Tetra­lo­gie), lässt Voka­le weg („den­kn“) und Sil­ben aus („wesn“ statt „gewe­sen“). Hin­zu­kom­men die bereits von Chris­tel Hil­de­brandt ver­wen­de­ten nord­deut­schen Mar­ker („büss­chen“, „Mud­dern“), sons­ti­ge Ver­frem­dun­gen („nach­sich­ti­cher“, „wenich­s­tens“) und ein hapax lego­me­non: „maske­pe­re“, ein (erfun­de­nes) Verb zu „maske­pi“ (vom mit­tel­nie­der­deut­schen „mat­scho­pie“: mit jeman­dem unter einer Decke stecken). 

Aber wäh­rend man in der nor­we­gi­schen Pas­sa­ge deut­lich hört, wie unter­schied­lich die Figu­ren mit­ein­an­der spre­chen – Jens kom­men­tiert Inge­borgs Anwür­fe mit einem resi­gnier­ten: „Du vet jo kaa­lis­sen hon e‘“, wäh­rend sei­ne Frau Mar­the sich fragt, was ihre Schwä­ge­rin denn nun will: „Ka e‘ de‘ hon gaar her etter?“ – und obwohl sich die unwill­kom­me­ne Besu­che­rin ein­deu­tig als Stril, das Ehe­paar sich hin­ge­gen als Stadtbewohner:innen zu erken­nen gibt, hört man davon in der deut­schen Fas­sung zu wenig: Zwar sind Dia­lek­te natür­lich nicht bis ins Letz­te über­trag­bar, denn dafür sind Aus­gangs- und Ziel­text zu unter­schied­lich. Aber eine kom­pen­sie­ren­de Über­set­zung wäre durch­aus mög­lich: kurz­zei­ti­ge Stör­mo­men­te an der­sel­ben oder einer ande­ren Stel­le, z. B. (pseudo-)phonetische Schreib­wei­sen, denn Jens’ „kaa­lis­sen“ („wie“) und Mar­thes „ka“, bei­des cha­rak­te­ris­ti­sche Wör­ter im Ber­gen­ser Dia­lekt, sind kaum ins Deut­sche trans­por­tier­bar. „Du weißt doch, wie se is“, sagt Jens, und Mar­the: „Was will die öber­haupt hier?“ Jens Fra­ge weicht nur in der ver­schrift­lich­ten Form von der Stan­dard­spra­che ab, wohin­ge­gen Mar­thes „öber­haupt“ deut­lich her­vor­sticht. Sol­che unpas­sen­den Ver­frem­dungs­ef­fek­te zie­hen sich durch die gan­ze deut­sche Fas­sung der Tetra­lo­gie: Ein I oder ein Ü taucht häu­fig als Ö auf („wörk­lich“).

Was der­lei Ver­frem­dun­gen aller­dings mit dem Nord­deut­schen zu tun haben sol­len, müs­sen die Über­set­ze­rin­nen noch erklä­ren. Wo Skrams Nor­we­gisch gar nicht unge­wöhn­lich klingt, weil man die betref­fen­den Wör­ter in die­ser oder einer ande­ren Form schon mal gehört hat, lösen Hil­de­brandts Vor­schlä­ge nicht nur an die­ser, son­dern auch an ande­ren Dia­log­stel­len ein unan­ge­neh­mes Gefühl aus, da sie im All­tag nicht anzu­tref­fen sind – und damit in einem ent­schei­den­den Punkt von der sozi­al­rea­lis­ti­schen Poe­tik der Autorin abwei­chen. Die Über­set­ze­rin­nen glät­ten da, wo eigent­lich nicht geglät­tet wer­den soll­te (oder müss­te), und bau­en dafür dort Stör­ef­fek­te ein, wo kei­ne hin­ge­hö­ren. Auch geben sie die zwi­schen ver­schie­de­nen Stil­re­gis­tern hin- und her­sprin­gen­den Gedan­ken eines Prot­ago­nis­ten oft nicht wir­kungs­äqui­va­lent wie­der. Das deu­tet die­se Stel­le aus S. G. Myre an, die Wil­ly Dahl in einem Arti­kel über die Spra­che in Skrams Tetra­lo­gie zitiert:

Den Knistrin­gen skul­de han kjen­de. Gans­ke rig­tig, der gik Por­ten op fra Plad­sen hos Mun­the sine, og – ja saa san­de­lig var det ikke Sine Kok­ke­tøs, som kom ud med to Bøt­ter i en Vas­sel ovre Skuld­re­ne. Nu hav­de hun ikke ham til at gaa paa Bispegaar‘en for sig; nu fik hun sjøl gjø­re det. – Saa Sine var der end­nu. Ja, i saan­ne fine Huser had­de de jo Tje­ner­ne læn­ge; det var bare han, som ikke had­de kun­net skikke sig ornt­lig. End om han gav sig i Snak med Sine; hun kun­de kans­ke ha inkv­art te for­tæl­le. Jys­ses, kaa hun skjes­te ivej i Maanes­kin­ne‘ paa Tese­ne sine; Bøt­ter­ne hang snubt og hopped.

Die­ses Knis­tern kann­te er doch. Ganz rich­tig, da ging die Pfor­te von Mun­thes Hof auf, und – ja, war es doch tat­säch­lich Sine, das Küchen­mäd­chen, die mit zwei Eimern, an einem Joch über den Schul­tern hän­gend, her­aus­kam. Jetzt hat­te sie nicht mehr ihn, der er für sie zum Bispegår’en
ging, jetzt muss­te sie es selbst tun._– Sine war also immer noch dort. Nun, in sol­chen vor­neh­men Häu­sern blie­ben die Dienst­bo­ten lan­ge, nur er hat­te sich nicht ordent­lich beneh­men kön­nen. Und wenn er jetzt Sine ansprach; sie hat­te viel­leicht so eini­ges zu erzäh­len. Mei­ne Güte, wie sie im Mond­schein auf ihren Lat­schen dahin­eil­te, die Eimer schau­kel­ten hin und her.

Die­se Pas­sa­ge ist ein typi­sches Bei­spiel für die erleb­te Rede, ein Stil­mit­tel, das Ama­lie Skram äußerst effek­tiv ein­setzt: Sie gibt die Gedan­ken ihres Prot­ago­nis­ten im Indi­ka­tiv der drit­ten Per­son wie­der, wodurch sie auch des­sen Dia­lekt mit­ein­flie­ßen las­sen kann. Aus dem nor­we­gi­schen Text ste­chen ins­be­son­de­re For­men wie „ornt­lig“ und „inkv­art te for­tæl­le“ her­vor. Das Adjek­tiv „ornt­lig“ ist (unge­fähr) so geschrie­ben, wie es gespro­chen wird, „inkv­art“ eine Vari­an­te von „enk­v­art“ (so eini­ges) und das „te“ heißt „til“. All das bil­det Chris­tel Hil­de­brandt in ihrer Über­set­zung nicht nach. Zwar sieht es im Deut­schen nicht gut aus, wenn man nach dem Gehör schreibt, aber ein Regis­ter­wech­sel hät­te sich auch anders andeu­ten las­sen, zum Bei­spiel durch einen tref­fen­den idio­ma­ti­schen Aus­druck für „sich ordent­lich beneh­men“. Das Glei­che gilt für „inkv­art te for­tæl­le“, eine For­mu­lie­rung, die in all dem Riks­mål doch sehr fremd wirkt. Hil­de­brandts Über­set­zung ist ins­ge­samt zu glatt: Aus dem nor­we­gi­schen Text wird sofort klar, dass Sive­rt – von allen ande­ren Ver­feh­lun­gen wäh­rend sei­ner Zeit bei der Kauf­manns­fa­mi­lie Mun­the ein­mal abge­se­hen – ein Platz bei den Dienst­bo­ten auch des­halb ver­wehrt bleibt, weil sein Dia­lekt zu oft durch­schlägt und er unwill­kür­lich ver­rät, wie nied­rig er in der sozia­len Rang­ord­nung steht.

Glät­tun­gen sind das Eine, Aus­las­sun­gen, Inkon­se­quen­zen und zu wört­li­che Über­set­zun­gen das ande­re. Oft strei­chen Hil­de­brandt, Pröfröck und Haefs zum Bei­spiel die Gedan­ken­stri­che (– –) (– – –), ein Stil­ele­ment, mit dem Skram oft mit­ten im Text oder zu Beginn eines neu­en Para­gra­phen einen neu­en Bedeu­tungs­ab­schnitt andeu­tet, und tau­schen sie mit Absät­zen aus – aber auch nicht immer. Und auch bei ver­schie­de­nen Schreib- und Zitier­wei­sen herrscht Unei­nig­keit. Als Sjur Gabri­el wie­der ein­mal in gro­ßer Beklem­mung steckt, mur­melt er einen däni­schen Kir­chen­lied­vers vor sich hin, des­sen deut­sche Fas­sung sich aller­dings nicht zwi­schen alter und neu­er Über­set­zung ent­schei­den kann („dass“ vs. „Brod“ und „Noth“); und als die See­leu­te im zwei­ten Band „Her­re, hjelp os, vi for­gaa!“ rufen, über­setzt Hil­de­brandt zu wört­lich „Herr, hilf uns, wir ver­ge­hen!“, wo doch die Stel­le ein direk­tes Zitat aus Mat­thä­us 8,25 ist: „Herr, hilf uns, wir kom­men um!“. 

Noch dazu feh­len bei Hil­de­brandt und Haefs gan­ze Text­pas­sa­gen. Nun sind Strei­chun­gen in Über­set­zun­gen nichts Unge­wöhn­li­ches, aber nicht in die­sem Umfang. Schon auf den ers­ten Sei­ten von Sjur Gabri­el ist ein gan­zer Dia­log­ab­satz ver­schwun­den, was sich in S. G. Myre noch fort­setzt. Und in Die nächs­te Gene­ra­ti­on geht sogar ein gan­zer Absatz ver­lo­ren und wird durch einen dar­auf­fol­gen­den ersetzt; ins­ge­samt feh­len etwa sie­ben Text­stü­cke. Noch dazu sind vie­le Über­set­zun­gen, z. B. von Ber­gen­ser Aus­ru­fen wie „Jys­ses Piki­jor“, nicht auf­ein­an­der abge­stimmt (Pröf­rock: „Was zur Höl­le“, Hil­de­brandt: „Jetzt steh uns bei“) oder sogar ganz weg­ge­fal­len (wie z. B. manch­mal „Kipe­lam“). Ab und an fin­det sich in der Über­set­zung auch eine Dia­lekt­pas­sa­ge, wo im Aus­gangs­text kei­ne steht („Jo Tak, Hr. Kon­sul. Det gaar san­de­lig bra.“ – Hil­de­brandt: „Ja, dan­ke, Herr Kunsel. Es geht wörk­lich gut“), um dann, dies­mal in einer ech­ten Dia­lek­tre­plik, den zuvor eta­blier­ten Neo­lo­gis­mus („Kunsel“) fal­len­zu­las­sen: „Ok kaa Kon­su­len graad den Nat­ten hun var død.“ (Hil­de­brandt: „Ach, was hat der Kon­sul geweint in der Nacht, als sie gestorbn war.“) Und auch wenn der Dia­lekt in der deut­schen Fas­sung ins­ge­samt nicht zur Opti­on steht, ja sogar ver­pönt ist, hin und wie­der taucht sowohl bei Hil­de­brandt, Pröf­rock als auch Haefs spe­zi­fisch nord­deut­sches Voka­bu­lar auf („trü­betüm­pe­lich“, „duhn“, „ban­nich“, „Buren“).

Ein wei­te­res Pro­blem sind zu wört­li­che Über­set­zun­gen. Das zeigt sich nicht nur in Gabrie­le Haefs‘ Fas­sung von Die nächs­te Gene­ra­ti­on, son­dern häu­fig auch bei Pröf­rock und Hil­de­brandt – oft mit unfrei­wil­lig komi­scher Wir­kung. Wenn es um ein Zim­mer geht, das neu ein­ge­rich­tet wor­den ist, steht da etwa: „Alting er blet omkal­fa­tret“ (Haefs: „Alles ist umkal­fa­tert wor­den“) – unver­ständ­lich, was ein Aus­druck, der ursprüng­lich aus der Schiff­fahrt kommt und im Deut­schen so gar nicht gebräuch­lich ist. „Seve­rin konn­te sei­ne Bewe­gung nur mit Mühe unter­drü­cken“, heißt es an einer Stel­le über Sive­rts emo­tio­nal berühr­ten Sohn („Seve­rin hav­de Møje for at bek­jæm­pe sin Bevæ­gel­se“). Er hat „die­ses tot­ge­bo­re­ne Büf­feln von Grie­chisch und Latein“ („den­ne død­fød­te Pugen af Græsk og Latin“) gründ­lich satt. Sein Vater, der erfolg­lo­se Geschäfts­mann S. G. Myre, bekommt nichts von den Sor­gen sei­nes Jun­gen mit, weil er selbst zu vie­le Pro­ble­me hat, und wen­de­te sich in schwe­ren Stun­den an sei­ne Frau Petra, die er, wie damals üblich, mit „Mor“ anspricht. Das über­setzt Haefs oft wört­lich („Mut­ter“), was Myre unge­wollt lächer­lich macht. Wenn aller­dings vom „Far“ – oder auch vom „-mann“ die Rede ist („Vater“, aber als Anre­de auch: mein Liebs­ter, Bes­ter, Freund, etwa in „Sive­rt, Far“), über­setzt sie stets mit der jewei­li­gen Entsprechung.

Im Lau­fe von rund 1200 Sei­ten sum­mie­ren sich alle die­se Schwie­rig­kei­ten auf – Wort­wahl, Dia­lek­te in Dia­lo­gen und erleb­ter Rede, Aus­las­sun­gen, Inkon­se­quen­zen und Feh­ler. Es stellt sich die Fra­ge, ob die­se Über­set­zung Ama­lie Skrams Sozi­al­rea­lis­mus eigent­lich gerecht wer­den kann. Sicher, auch wenn es hier­zu­lan­de eine rei­che Tra­di­ti­on an Dia­lekt­li­te­ra­tur gibt – man den­ke nur an Fritz Reu­ters Nie­der­deutsch –, es wäre wenig ziel­füh­rend gewe­sen, hät­ten Hil­de­brandt, Pröf­rock und Haefs auch in ihrer Über­set­zung einen Dia­lekt nach­ge­bil­det. Aber obwohl am Ende eine Lösung dasteht, die den gän­gi­gen Annah­men zu Dia­lek­ten in über­setz­ter Lite­ra­tur ent­spricht – sie ahmt kei­ne Mund­art des Deut­schen nach und ist auch kei­ne 08/15-Umgangs­spra­che –, funk­tio­niert der deut­sche Text nicht. Zum einen, weil er weni­ger mit der Rea­li­tät zu tun hat, als er vor­gibt (nie­mand spricht so, wie es die Figu­ren hier tun, Nord­deut­sche schon gar nicht), zum ande­ren, weil die Lösun­gen in sich oft so wider­sprüch­lich und inkon­se­quent sind, dass der Text sich selbst zuwiderhandelt. 

Nun ist die nor­we­gi­sche Dia­lekt­land­schaft so viel­fäl­tig, dass das Deut­sche damit nicht Schritt hal­ten kann – hier­zu­lan­de hat man z. B. in den Medi­en wenig Kon­takt mit Sprech­wei­sen, die von der Stan­dard­spra­che abwei­chen, aber alter­na­ti­ve Lösun­gen zu einer ver­krampf­ten Kunst­spra­che hät­te es sicher­lich gege­ben, z. B. eine den Protagonist:innen jeweils ange­pass­te Rede­wei­se. Wie spricht Sive­rt, der im Roman als „Tau­send­sas­sa“ bekannt ist? Wie der rei­che, gebil­de­te Kon­sul Smith? Und wie sei­ne Frau? Die Dienst­mäg­de? Mit so einer Figu­ren­spra­che lie­ße sich dann spie­len: unvoll­stän­di­ge Sät­ze, hapax lego­me­na, Modal­par­ti­keln, Inver­sio­nen usw., aber immer nah an den Cha­rak­te­ren; auch wenn es erfun­den wäre, es soll­te so klin­gen, als wür­de man die­se Figu­ren unent­wegt beim ange­reg­ten Gespräch auf ihrer Büh­ne beob­ach­ten. Aus der vor­lie­gen­den Über­set­zung gewinnt man aller­dings nur schwer einen Ein­druck von dem, was die Autorin hier ent­ge­gen aller sprach­li­chen Wider­stän­de voll­bracht hat.


Ama­lie Skram | Chris­tel Hil­de­brandt | Gabrie­le Haefs | Nora Pröf­rock

Die Leu­te vom Hellemyr

Im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal: Hel­le­myrs­fol­ket

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