Unter Läm­mern und Wahnsinnigen

Ottessa Moshfegh blickt mit ihrem bitterbösen Mittelalterroman „Lapvona“ tief in die Abgründe der menschlichen Seele. Ihre Übersetzerin Anke Caroline Burger sucht hingegen das Gute im Menschen. Von

Ottessa Moshfeghs Roman Lapvona, erschienen bei Hanser Berlin. Hintergrundbild: Henrik Dønnestad via Unsplash

Vor vier Jah­ren habe ich schon ein­mal eine Über­set­zung eines Romans von Ottes­sa Mosh­feghs bespro­chen: Im Som­mer 2018 war Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung auf Deutsch erschie­nen, nach­dem der Roman bereits in den USA zu einem Best­sel­ler gewor­den war. Seit­dem hat der Roman in den sozia­len Medi­en ein Eigen­le­ben ent­wi­ckelt, vor allem auf Book Tok, wo er noch immer gehypt wird. Das Buch mit sei­ner neon­pin­ken Pop-Art-Schrift und einem gelang­weilt schau­en­den Por­trät einer jun­gen Frau in Weiß genügt den ästhe­ti­schen Ansprü­chen des Inter­nets, und auch der Inhalt – eine weib­li­che Anti­hel­din, die vor der Welt flüch­tet, indem sie sich mit Dro­gen zudröhnt – passt zum Gegen­warts­ge­fühl der per­ma­nen­ten Über­for­de­rung ange­sichts der ver­schie­de­nen Kri­sen und dem anhal­ten­den Selbstoptimierungswahn.

Die Über­set­zung von Anke Caro­li­ne Bur­ger konn­te mich damals nicht mit­rei­ßen, zumin­dest nicht im sel­ben Maße wie das Ori­gi­nal. Die „Sprach­ge­walt“, die Den­nis Pohl dem Roman im SPIEGEL attes­tier­te (natür­lich, ohne den Namen der Über­set­ze­rin zu nen­nen), war für mich im Ver­gleich zu Mosh­feghs Ori­gi­nal nicht gewal­tig genug. Zu brav schien mir die Über­set­zung. Dem Erfolg des Romans hier­zu­lan­de tat dies kei­nen Abbruch. Und Bur­ger hat seit­dem alle wei­te­ren Roma­ne von Mosh­fegh übersetzt.

Mosh­feghs nächs­ten Roman Der Tod in ihren Hän­den (eine Art Kri­mi über eine Wit­we, die sich auf die Suche nach einer ver­meint­li­chen Toten im Wald begibt) kauf­te ich jedoch im Ori­gi­nal. Und auch ihr neu­es­tes Buch Lap­vo­na, das im Som­mer 2022 erschie­nen ist, las ich zunächst auf Eng­lisch. Der Roman lös­te in mir jedoch erneut Inter­es­se an Bur­gers Über­set­zun­gen aus. Denn Mosh­fegh begibt sich mit jedem neu­en Buch auf unbe­kann­tes Ter­rain, was sie von eini­gen ihrer Zeit­ge­nos­sin­nen unter­schei­det – man den­ke bei­spiels­wei­se an Sal­ly Roo­ney, deren Roma­ne alle von der gebil­de­ten irisch-eng­li­schen Mit­tel­schicht erzählen. 

Inhalt­lich könn­ten Lap­vo­na und Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung kaum unter­schied­li­cher sein: Wäh­rend in Letz­te­rem die New Yor­ker Kunst­sze­ne und der Eska­pis­mus Mitt­zwan­zig­jäh­ri­ger vor­ge­führt wird, han­delt der neu­es­te Roman von dem fik­ti­ven, mit­tel­al­ter­li­chen Dorf Lap­vo­na irgend­wo in Euro­pa. Der dort ansäs­si­ge Fürst Vil­liam, kaum mehr als eine Kari­ka­tur, ist vor allem mit sich und dem für ihn von dem kor­rup­ten Pater Bar­na­bas kura­tier­ten Unter­hal­tungs­pro­gramm beschäf­tigt, wäh­rend die Bevöl­ke­rung Lap­vo­nas von Krank­hei­ten, Dür­ren und Räu­ber­ban­den (die Vil­liam dazu beauf­tragt hat) heim­ge­sucht wird. In Lap­vo­na lebt auch der Schä­fer Jude mit sei­nem kör­per­lich ein­ge­schränk­ten Sohn Marek, den er regel­mä­ßig ver­prü­gelt, wenn er nicht gera­de sei­ne Lämm­chen füt­tert oder sich selbst geißelt. 

Als Marek mit Jacob, dem Sohn des Fürs­ten, einen Hügel besteigt und aus Eifer­sucht einen Stein nach ihm wirft, wodurch die­ser eine Klip­pe hin­ab stürzt, kommt die Geschich­te erst rich­tig ins Rol­len. Jude bringt Marek zur Bestra­fung zu Vil­liam und über­lässt ihn dort sei­nem Schick­sal. Vil­liam ver­ur­teilt Marek jedoch nicht zum Tode – Jacobs Tod (der wie­der­um gar nicht sein leib­li­cher Sohn war) inter­es­siert ihn über­haupt nicht. Er schlägt statt­des­sen einen Tausch­han­del vor: „Ich neh­me dei­nen Sohn, und du kannst mei­nen haben“, sagt er Jude. Und so ver­bringt Marek den Rest des Romans auf Vil­liams Schloss, wo ihn nicht weni­ger Gräu­el­ta­ten als in der väter­li­chen Hüt­te erwarten.

In Lap­vo­na bedient Mosh­fegh alle Werk­zeu­ge des Gro­tes­ken. Nach wel­chen Gesetz­mä­ßig­kei­ten Lap­vo­na ope­riert, bleibt unklar. Es scheint ledig­lich der Zufall zu regie­ren. Die meis­ten ihrer Cha­rak­te­re wir­ken zudem gie­rig und nar­ziss­tisch; sie eig­nen sich daher nur bedingt als Sym­pa­thie­trä­ger. Und Mord und Tot­schlag sind nur der Gip­fel der Mons­tro­si­tä­ten, die Mosh­fegh hier dar­stellt. Als Lap­vo­na im Som­mer von einer hef­ti­gen Dür­re geplagt wird, lässt sich Jude von der Dorf­äl­tes­ten und Kräu­ter­he­xe Ina über­re­den, eine Lei­che zu essen. Und als Jude wie­der­um Aga­ta, die ihn direkt nach der Geburt von Marek ver­las­sen hat­te, zufäl­lig im Wald ent­deckt, wirft er sich auf sie und ver­ge­wal­tigt sie. 

Dank sol­cher und ande­rer Sze­nen, dar­un­ter bei­spiels­wei­se noch ein ana­les Spiel mit einer Wein­trau­be, ist der Ekel­fak­tor beim Lesen hoch. „Es gibt ja Komik inner­halb des Hor­rors“, kom­men­tier­te Mosh­fegh ihre Vor­ge­hens­wei­se neu­lich im Inter­view mit dem ZEIT­ma­ga­zin. Und tat­säch­lich sind eini­ge Sze­nen in Lap­vo­na auf­grund ihrer Absur­di­tät unwei­ger­lich komisch. Offen­sicht­lich hat­te die Autorin gro­ße Lust, mit die­sem Roman (wie auch mit vie­len ihrer ande­ren Tex­te), die Gren­zen des Vor- und Dar­stell­ba­ren aus­zu­tes­ten. Wel­chen höhe­ren Sinn die­ser Roman jedoch ver­folgt, außer eine Schock­wir­kung zu erzie­len, hat den eng­lisch­spra­chi­gen Kritiker:innen im ver­gan­ge­nen Som­mer Kopf­zer­bre­chen berei­tet. Die Mei­nun­gen waren dem­entspre­chend gespalten.

Lap­vo­na war auch eines der selt­sams­ten Bücher, die ich im ver­gan­ge­nen Jahr gele­sen habe. Vie­le ande­re Roma­ne habe ich längst schon wie­der ver­ges­sen, aber Lap­vo­na und sei­ne rau­en Figu­ren hin­ter­lie­ßen Ein­druck: Ich war von dem Buch ver­stört, aber auch fas­zi­niert. Allein des­halb inter­es­sier­te mich die Über­set­zung. Ich war mir außer­dem sicher, dass die Über­set­zung von Bur­ger zwangs­läu­fig eine ande­re Wir­kung erzie­len wür­de als ihre Vor­he­ri­gen. Ich ging auch davon aus, dass die an eini­gen Stel­len unmo­der­ne Wort­wahl, die mich an Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung stör­te, hier weni­ger ein Pro­blem dar­stel­len wür­de, da der Roman eben nicht im New York der Gegen­wart spielt. 

Beim Schrei­ben die­ser Rezen­si­on befin­de ich mich jedoch in der­sel­ben Zwick­müh­le wie beim letz­ten Mal: Weil ich Mosh­feghs Ori­gi­nal mag, will ich Bur­gers Über­set­zung auch mögen. Ich stand der deut­schen Fas­sung von Lap­vo­na wohl­wol­lend gegen­über und die Über­set­zung wirk­te auch auf mich zunächst gut les­bar, flüs­sig und an vie­len Stel­len so tro­cken wie die Vor­la­ge. Lap­vo­na ist kein his­to­ri­scher Roman. Daher hat Mosh­fegh gar nicht erst ver­sucht, eine älte­re, künst­li­che Spra­che zu fin­den. Ihr ame­ri­ka­ni­sches Eng­lisch ist in die­sem Roman genau­so prä­zi­se und zugäng­lich wie in den deut­lich gegen­warts­nä­he­ren Vor­gän­gern. Die unauf­ge­reg­te, distan­zier­te Erzähl­stim­me (Mosh­fegh erzählt zum ers­ten Mal aus der 3. Per­son) bie­tet einen gelun­ge­nen Kon­trast zu den kras­sen Gescheh­nis­sen des Romans. Ins­ge­samt ist die Spra­che für moder­ne Leser:innen gemacht, ohne hyper­mo­der­nes Voka­bu­lar zu verwenden.

Die Wort­wahl der deut­schen Über­set­zung hat mich wie erwar­tet tat­säch­lich deut­lich weni­ger irri­tiert als in Mein Jahr der Ruhe und Ent­span­nung. Doch auch in Lap­vo­na gibt es eini­ge Wör­ter, die mich beim Lesen der Über­set­zung stut­zig mach­ten. Sie ste­chen vor allem her­vor, weil sie nicht idio­ma­tisch sind oder den Ton­fall ins­ge­samt uneben wer­den las­sen. „[Child] of pain“ wird bei­spiels­wei­se mit „du Schmer­zens­kind“ über­setzt und „his insis­tence“ mit „die­ses Insis­tie­ren“. Das sind Wör­ter, in denen man direkt das Eng­li­sche deut­lich her­aus­hört, auch ohne das Ori­gi­nal gele­sen zu haben. An ande­rer Stel­le „fabu­lier­ten“ die Wachen – das eng­li­sche „sug­gested“ klingt da deut­lich zeit­lo­ser und neu­tra­ler. Kei­ne zwei Sei­ten spä­ter befin­den wir uns sprach­lich direkt wie­der in der Gegen­wart: Vil­liam denkt an „eine Action­sze­ne [mit] der Non­ne, die ihm in den Magen box­te.“ („Yes, Vil­liam thought dre­a­mi­ly, an action sce­ne. And the nun pun­ching him in the gut.“) Ich konn­te eben­so wenig mit der aus der Zeit gefal­le­nen Bezeich­nung „Ban­kert“ für das eng­li­sche „Bas­tard“ anfan­gen, die mehr­mals auf­taucht, weil der Begriff Marek als Außen­sei­ter kenn­zeich­net. Auch „Rotz­ben­gel“ wirkt im Ver­gleich zu „a litt­le brat“ überholt.

Span­nen­der sind jedoch ande­re Unter­schie­de zwi­schen Über­set­zung und Ori­gi­nal, die der direk­te Ver­gleich offen­legt. Die fol­gen­de Sze­ne ereig­net sich, nach­dem Jacob bereits die Klip­pe her­un­ter­ge­stürzt war und Marek ihn dort zurück­ge­las­sen hatte:

Marek found a place to squat bet­ween the babes and pet­ted their heads and cooed at them, try­ing to for­get that he had left Jacob up on that rock. His father wat­ched the storm through the crack in the door, loo­king out as if someone were coming, waving his hand behind him to hush the lambs. Marek was good. He pet­ted the heads of the babes and hus­hed them some more. He was an inno­cent, he told hims­elf, a child. If some stray impul­se had resul­ted in horror—a simp­le rock was all it was—someone should be com­fort­ing him, in fact. A child makes mista­kes, yes, but acci­dents are God’s purview. 

Marek fand eine Ecke, in der er sich zwi­schen die Läm­mer kau­ern konn­te, strei­chel­te ihnen die Köp­fe, rede­te beru­hi­gend auf sie ein und ver­such­te zu ver­ges­sen, dass er Jacob oben am Berg hat­te lie­gen las­sen. Sein Vater stand am Tür­spalt und sah hin­aus ins Gewit­ter, hielt Aus­schau, als wäre jemand auf dem Weg zu ihnen, wink­te mit der Hand hin­ter sich, damit die Läm­mer auf­hör­ten, laut her­um­zu­blö­ken. Marek mach­te sei­ne Sache gut. Er strei­chel­te die Läm­mer und brach­te sie zum Schwei­gen. Er war selbst unschul­dig wie ein Lämm­chen, sag­te er sich, ein Kind, ein Unschulds­lamm. Eine zufäl­li­ge Bewe­gung hat­te unge­wollt zu etwas Grau­en­haf­tem geführt – es war ein­fach nur ein Stein gewe­sen, nichts wei­ter  – im Grun­de muss­te eigent­lich jemand ihn trös­ten. Ein Kind macht mal einen Feh­ler, und Unfäl­le sind Got­tes Zuständigkeitsbereich.

Marek plagt seit dem Vor­fall, der sich kurz zuvor ereig­net hat, ein schlech­tes Gewis­sen. Und eini­ge Sei­ten spä­ter wird er Jude tat­säch­lich geste­hen, was mit Jacob pas­siert ist. Der Beginn des Absat­zes sug­ge­riert, dass wir die Situa­ti­on aus Mareks Per­spek­ti­ve wahr­neh­men, die durch einen Ein­schub wie „sag­te er sich“ gelenkt wird. Marek führt ein Selbst­ge­spräch, um die eige­ne Schuld von sich zu wei­sen, um sich selbst von sei­ner Unschuld zu über­zeu­gen. In die­sem Zusam­men­hang ergibt die Über­set­zung „Marek mach­te sei­ne Sache gut“ wenig Sinn. Denn um wel­che „Sache“ han­delt es sich? Das Strei­cheln der Läm­mer? Wohl kaum. Marek ist sich bewusst, dass er etwas Schlech­tes getan hat. Das eng­li­sche „Marek was good“ funk­tio­niert daher wie eine Affir­ma­ti­on, genau wie das dar­aus spä­ter fol­gen­de „He was an inno­cent“. Selbst wenn man die­sen Satz nicht Mareks Per­spek­ti­ve zuschreibt, son­dern bei­spiels­wei­se einer all­wis­sen­den Erzähl­stim­me, erreicht „Marek was good“ eine Bedeu­tungs­ebe­ne, die der Über­set­zung abhan­den­kommt. Der kur­ze Satz dient auch dazu, die Leser:innen in den Gewis­sens­kon­flikt mit­ein­zu­be­zie­hen. Wir wis­sen ja bereits, dass er durch sei­ne Hand­lun­gen jeman­den umge­bracht hat. Darf man Marek da noch als „gut“ bezeichnen?

Im Eng­li­schen gibt es auch das deut­sche „Unschulds­lamm“, das Bur­ger in dem Absatz ein­ge­fügt hat, nicht. An sich ein tref­fen­des Wort­spiel für die­sen Roman, in dem die ein­zig wirk­lich Unschul­di­gen tat­säch­lich Judes Läm­mer sind. Im Ver­gleich zum Ori­gi­nal ist mir der Satz jedoch zu über­trie­ben, ein Ein­druck, der vor allem auch durch den unnö­ti­gen Zusatz „unschul­dig wie ein Lämm­chen“ her­vor­ge­ru­fen wird. Die Über­trei­bung lässt eine Iro­nie anklin­gen, die im Ori­gi­nal in die­sem kon­kre­ten Satz nicht zu fin­den ist. Und wie plau­si­bel ist es, dass ein Kind sich selbst als Unschulds­lamm bezeichnet?

Auf­fäl­lig sind nicht zuletzt noch zwei klei­ne Wör­ter: Das ein­ge­scho­be­ne „yes“, das in der Über­set­zung durch das „mal“ ledig­lich ange­deu­tet wird, aber im Prin­zip ver­lo­ren geht, und das „but“, das hier selt­sa­mer­wei­se durch ein „und“ ersetzt wird, sodass der Gegen­satz völ­lig abhan­den kommt. Ein Kind macht ledig­lich Feh­ler, aber der Zustän­di­ge, der tat­säch­lich die Ver­ant­wor­tung trägt für das, was in Lap­vo­na geschieht, ist in Mareks Wahr­neh­mung Gott. Schließ­lich, so geht der Gedan­ken­gang auf den nächs­ten Seti­en wei­ter, hat Marek nie wirk­lich die Absicht gehabt, dass Jacob den Berg hin­un­ter stürzt und stirbt. Es ist also ein Frei­spruch, der vor­ge­nom­men wird. 

Ver­stär­kun­gen und Über­trei­bun­gen wie im Fal­le des Unschulds­lam­mes fin­den sich auch in der rest­li­chen Über­set­zung. „If the Lap­vo­ni­ans had any sen­se“ wird zu „Wenn die Lap­vo­ner nicht so strunz­dumm wären“, was im Deut­schen här­ter klingt und die Ver­ach­tung der Herr­schen­den gegen­über dem Volk her­vor­hebt. Und in Judes For­de­rung „And you’d bet­ter have a son of your own some­day soon“ kommt plötz­lich Gott ins Spiel: „Und geb’s Gott, wirst du auch bald einen Sohn haben“. An eini­gen Stel­len wird in Sät­zen ein ande­res Sub­jekt ein­ge­fügt, um die Erzähl­per­spek­ti­ve erkennt­li­cher zu machen, was unter Umstän­den aber einer mög­li­chen Zwei­deu­tig­keit ent­ge­gen­wir­ken kann: „A clear blue sky was hard to take“ wird bei­spiels­wei­se zu „Einen wol­ken­lo­sen blau­en Him­mel fand er schwierig“. 

Wer­fen wir noch einen Blick auf ein län­ge­res Bei­spiel. An der fol­gen­den Stel­le erin­nert sich Jude an Aga­ta, Mareks Mutter:

She was crying. And Jude thought, Good girl. That’s my good litt­le girl. You are mine now. The white that drip­ped from his greasy penis smel­led like a sum­mer rain, iron in it, tan­gy. ‘I love you,’ Jude said, and sat back against the wall. Aga­ta had cried—she was still a child, after all—and Jude took her by the arm so she could wash hers­elf out­side with water from the lambs’ trough.

Sie wein­te. Und Jude dach­te: So ist’s recht, mein Mäd­chen. Das hast du gut gemacht, mei­ne Klei­ne. Jetzt gehörst du mir. Das Weiß, das aus sei­nem schmie­ri­gen Penis tropf­te, roch wie ein Som­mer­re­gen, wür­zig, nach Eisen. »Ich lie­be dich«, sag­te Jude und lehn­te sich an die Wand. Aga­ta wein­te – ver­ständ­lich, sie war ja noch ein Kind –, und Jude führ­te sie am Arm nach drau­ßen, damit sie sich mit Was­ser aus dem Trog der Läm­mer waschen konnte.

Bur­ger schafft es hier, dass Judes Gedan­ken in der Über­set­zung noch pater­na­lis­ti­scher, noch unheim­li­cher klin­gen. Es wirkt an die­ser Stel­le so, als ob Jude mit sei­nen Läm­mern reden wür­de. Inter­es­san­ter­wei­se kom­men­tiert Jude in der Über­set­zung viel deut­li­cher Aga­tas Hand­lun­gen mit „So ist’s recht, mein Mäd­chen. Das hast du gut gemacht“ als das Ori­gi­nal, obgleich Aga­ta genau wie ihr Sohn tat­säch­lich nichts macht, son­dern die gan­ze Tor­tur still­schwei­gend über sich erge­hen lässt. 

Wäh­rend die­se Sät­ze in der Über­set­zung noch funk­tio­nie­ren, wirkt das mit „ver­ständ­lich“ über­setz­te „after all“ auf mich irri­tie­rend. Auch bei die­sem Ein­schub stellt sich näm­lich die Fra­ge: Wer spricht hier? Stammt die­ser Kom­men­tar von Jude, und inwie­fern wäre die­ser über­haupt in der Lage, Mit­leid für Aga­ta auf­zu­brin­gen? Ihn inter­es­sie­ren eigent­lich nur sei­ne Läm­mer. Der Ein­wurf könn­te also eben­so von einer höhe­ren Erzähl­in­stanz kom­men, die sich jedoch im Ori­gi­nal weni­ger wer­tend äußert. Das vor­an­ge­stell­te „ver­ständ­lich“ lei­tet den Ein­schub ganz anders als das eng­li­sche „after all“ ein und anti­zi­piert gewis­ser­ma­ßen die Reak­ti­on der Leser:innen: Aga­tas Reak­ti­on ist ver­ständ­lich für alle, die nicht in der Roman­welt zu Hau­se sind und ver­ste­hen, was mora­li­sches Han­deln ist. 

Sol­che Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen zei­gen ganz deut­lich, wie sehr das Über­set­zen ein Akt der Inter­pre­ta­ti­on ist. Aber ist die­se Inter­pre­ta­ti­on im Sin­ne des Ori­gi­nals und sei­ner Autorin? Bei Lap­vo­na ist die­se Fra­ge nicht leicht zu beant­wor­ten. Es fin­det schließ­lich kei­ne Ver­fäl­schung des Tex­tes statt, son­dern es han­delt sich um Nuan­cen, die in ihrer Sum­me die Wir­kung des Romans beein­flus­sen kön­nen. Im Fall von Lap­vo­na wirkt die Über­set­zung urtei­len­der und sie lenkt stel­len­wei­se in eine ande­re Rich­tung als das Ori­gi­nal. Wem sol­len die Leser:innen des Romans ihre Empa­thie schen­ken? Da gehen die Mei­nung von Autorin und Über­set­ze­rin aus­ein­an­der. Sicht­bar wird das bereits im ers­ten Absatz:

One of the ban­dits was inju­red by an ax wiel­ded by the slain children’s mother—she smas­hed his left foot. Then he was res­trai­ned by neigh­bors and drag­ged to the vil­la­ge squa­re, whe­re he was bea­ten and put in the pillory.

Die Mut­ter der erschla­ge­nen Kin­der atta­ckier­te einen der Ein­dring­lin­ge – sie spal­te­te ihm den lin­ken Fuß mit der Axt. Die Nach­barn über­wäl­tig­ten den Räu­ber und schlepp­ten ihn auf den Markt­platz, wo er ver­prü­gelt und an den Pran­ger gestellt wurde.

Wäh­rend im Ori­gi­nal im Fokus steht, was dem Räu­ber ange­tan wird, rücken in der Über­set­zung die Bewoh­ner Lap­vo­nas in den Mit­tel­punkt, die sich mit Gewalt an dem Räu­ber rächen. Der Satz beginnt in der Über­set­zung mit „Mut­ter der erschla­ge­nen Kin­der“ und sie ist hier die­je­ni­ge, die unser Mit­leid bekom­men soll. Ich glau­be aber, dass Mosh­fegh hier den Räu­ber bewusst zwei­mal an den Anfang gestellt hat. Denn es ist der Räu­ber, nicht die Mut­ter der Kin­der, zu dem Marek eini­ge Sei­ten spä­ter geht, um ihm auf den Kopf zu küs­sen und zu sagen: „Gott ver­ge­be dir“. Damit rich­tet Mosh­fegh, wie es ganz typisch für sie ist, den Fokus auf die Figu­ren, die auf­grund ihres Ver­hal­tens am schwie­rigs­ten zu mögen sind. 

Das ist die Fal­le, die Lap­vo­na einem stellt: Es gibt kei­ne Moral in die­sem Buch und die Figu­ren des Romans ent­wi­ckeln sich nicht wei­ter. Mit Aus­nah­me von Gri­gor, der spä­ter am Ess­tisch von Vil­liam rea­li­siert, welch unfä­hi­gen und kor­rup­ten Herr­scher er da vor sich sit­zen hat, haben die Figu­ren kei­ne tie­fe­ren Erkennt­nis­se, die ihr eige­nes Leben betref­fen könn­ten. Vie­le wer­den noch nicht mal von einer inne­ren Moti­va­ti­on ange­trie­ben, höchs­tens vom Drang zu über­le­ben. „Gut“ und „schlecht“ exis­tie­ren als Kate­go­rien für mensch­li­ches Han­deln in Lap­vo­na nur bedingt und fal­sches Ver­hal­ten hat kei­ne Kon­se­quen­zen. Marek ist sich zwar bewusst, dass es nicht rich­tig war, Jacob mit einem Stein zu töten, aber sein Ver­hal­ten bleibt unge­straft und unre­flek­tiert, sodass sich Ver­bre­chen immer wie­der­ho­len und Marek schließ­lich sei­nen neu­ge­bo­re­nen Halb­bru­der am Ende des Romans genau so umbringt, wie er zuvor sei­nen Freund Jacob umge­bracht hat. In Mosh­feghs lako­nisch-distan­zier­tem Ori­gi­nal ist das schwer aus­zu­hal­ten, in Bur­gers Über­set­zung fällt es leich­ter – dort gibt es aber auch einen Gott.


Ottes­sa Mosh­fegh | Anke Caro­li­ne Bur­ger

Lap­vo­na


Han­ser Ber­lin 2023 ⋅ 336 Sei­ten ⋅ 26 Euro


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