Bulet­ten und Märtyrerschädel

Erlend O. Nødvedts Roman „Durch das Westland“ ist eine Don-Quixote-Geschichte aus der norwegischen Provinz. Glücklicherweise zündet der derbe Witz des Originals auch in der deutschen Übersetzung. Von

Hintergrundbild: Hans Kylberg bei Flickr. CC BY 2.0

Die Über­set­zung von Roma­nen, die von der Sprach­ent­wick­lung eines Lan­des und den damit ver­bun­de­nen Kon­tro­ver­sen nicht nur erzäh­len, son­dern sie zum Gegen­stand ihrer Gestal­tung machen, ist ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Bei sei­ner Über­tra­gung des nor­we­gi­schen Romans Durch das West­land stand Mat­thi­as Fried­rich zwar nicht vor dem Pro­blem, in der Ziel­spra­che Pen­dants für jede ein­zel­nen Stu­fen einer Sprach- und Lite­ra­tur­ge­schich­te fin­den zu müs­sen (wie etwa die Übersetzer*innen des Ulys­ses von James Joy­ce), doch hielt Erlend O. Nødt­vedts Roman auch ansons­ten genü­gend Her­aus­for­de­run­gen bereit.

Ves­t­lan­det ist von hoher Aktua­li­tät, wor­auf im Ver­lauf die­ses Tex­tes noch wei­ter ein­ge­gan­gen wird. Der Roman han­delt von zwei jun­gen Män­nern, dem Maler Yng­ve und dem Schrift­stel­ler Erlend, der als Ich-Erzäh­ler von einer Rei­se durch die nor­we­gi­sche Pro­vinz „Ves­t­land“ berich­tet. Auf ihrer Fahrt, die bei­de hoch­tra­bend als „Kunst- und Kul­tur­pro­jekt“, „Expe­di­ti­on“ oder auch „Wall­fahrt“ bezeich­nen, trans­por­tie­ren sie den Schä­del des Bau­ern­füh­rers Anders Lys­ne von Ber­gen nach Lærd­al am Sognefjord, wo jener um 1800 einen Auf­stand gegen die Ein­be­ru­fung der ört­li­chen Land­wir­te zum Mili­tär­dienst initi­ier­te. Den Schä­del haben bei­de vor­her aus einem Muse­um gestoh­len, um zu ver­hin­dern, dass er in Oslo aus­ge­stellt wird. Durch den Dieb­stahl soll Lys­ne vor erneu­ter Ernied­ri­gung bewahrt wer­den, doch in Wahr­heit geht es Yng­ve und Erlend weni­ger um die sozia­le Lage der Bau­ern ges­tern und heu­te, als dar­um, in Lys­ne end­lich einen Mär­ty­rer zu fin­den, der nun eine Schlüs­sel­rol­le bei ihrem Pro­jekt der Beschrei­bung des dau­er­haf­ten Wesens des West­lands spie­len soll. Mit ande­ren Wor­ten geht es ihnen dar­um, einen iden­ti­täts­stif­ten­den, rei­nen Mythos zu schaffen.

Erlend und Yng­ves ver­scho­ben-ver­schro­be­ne Wahr­neh­mung der Din­ge bringt Nødt­vedt auf amü­san­te Art zum Aus­druck. So wird zu Anfang des Romans ein Zusam­men­tref­fen der bei­den Haupt­fi­gu­ren mit einem Hotel­be­sit­zer geschil­dert, der die Anzei­ge einer ste­hen geblie­be­nen Uhr mit Blick auf ein Han­dy ohne Emp­fang prüft und sich gegen sai­so­na­les Hoch­was­ser wapp­net, indem er den Bach ein­fach direkt durch den Kel­ler sei­nes Hau­ses lei­tet. Die­sen Prag­ma­tis­mus fei­ern Erlend und Yng­ve ein ums ande­re Mal als typisch westländisch.

Sie selbst ver­fah­ren sich ger­ne in den zahl­rei­chen Tun­neln der Regi­on, ohne dass dies bei ihnen zu der Erkennt­nis führ­te, dass sie es sind, die mög­li­cher­wei­se etwas grund­sätz­lich ver­kehrt machen. Viel­mehr erklä­ren sie ihre Not zu einer Tugend und behaup­ten, mit Blick auf den heroi­schen „Berg­stra­ßen­bau­ern“ Anders Lys­ne, die­ser wäre ganz gewiss genau­so an den neu­zeit­li­chen Tun­nel ver­zwei­felt wie sie.

Yng­ve und Erlend sind eben­so sehr auf ste­te Alko­ho­li­ka-Zufuhr bedacht wie auf das Auf­tun regio­na­ler „Reli­qui­en“, und ihre Vor­stel­lung von west­nor­we­gi­scher Iden­ti­tät trägt die glei­chen obses­siv-para­no­iden Züge. Ihr Ide­al vom West­land funk­tio­niert bei­na­he aus­schließ­lich über die nega­ti­ve Kon­trast­fo­lie Ost­land, das für sie der Hort von Ratio­na­li­tät, Effek­ti­vi­tät und Kom­merz schlecht­hin ist und im Roman pars pro toto für das moder­ne Euro­pa steht. Wider­sprü­che scheint es für sie weder hier noch dort zu geben; ihr binä­rer Reduk­tio­nis­mus lässt kei­nen Raum für eine wei­te­re, drit­te Posi­ti­on, wodurch ihre Auf­klä­rungs­kri­tik blind wird.

Erlend und Yng­ves ste­tes Bemü­hen um ihr uni­ver­sa­les Feind­bild wirkt pha­sen­wei­se eher komisch, etwa wenn sie behaup­ten, die Bäu­me in ‚ihrer‘ Regi­on näh­men sich im Ver­gleich mit den küm­mer­li­chen Fich­ten des Ost­lands noch ein­mal groß­ar­ti­ger aus, oder wenn sie jedes unschö­ne Bau­werk, auf das sie im ver­meint­lich uri­gen West­land sto­ßen, der instru­men­tel­len Ost­land-Ver­nunft in die Schu­he schie­ben. Das Lachen bleibt einem aller­dings im Hal­se ste­cken, wenn gegen Ende des Romans die ‚wah­ren West­län­der‘ anfan­gen, in jedem anders spre­chen­den Mit­men­schen den „Ost­mann“ zu erken­nen und die­sen buch­stäb­lich hin­ter jeder Ecke mit sei­nen sinis­tren Machen­schaf­ten am Wer­ke sehen.

Am Ende des Romans wächst sich die Sturm­front Vegard zu einer wirk­li­chen Bedro­hung aus, die gan­ze Lan­des­tei­le unter Was­ser setzt und hun­der­te Men­schen das Leben kos­tet; Yng­ve und Erlend sind aber zu sehr mit ihrem ‚Kul­tur­pro­jekt‘ beschäf­tigt, um die­se Vor­gän­ge rich­tig ein­ord­nen zu kön­nen. Ers­te­rer befin­det, der star­ke Gegen­wind zei­ge eben an, dass sie auf ihrer Wall­fahrt ins „Herz des West­lands“ auf dem rich­ti­gen Weg sei­en, wäh­rend es letz­te­rem mit­ten im Sturm vor allem dar­auf ankommt, end­lich sei­ne per­sön­li­che Kon­se­quenz aus ihrer Expe­di­ti­on zu zie­hen: der Über­gang von einem Schrift­spra­chen­stan­dard des Nor­we­gi­schen zum ande­ren. Ent­spre­chend schreibt Erlend auf den letz­ten Sei­ten des Romans nicht mehr Bok­mål, das noch mehr dem Däni­schen ähnelt, son­dern Nyn­orsk und damit jenen Schrift­stand­art, der v.a. im Wes­ten Nor­we­gens gebräuch­lich ist. Die­se Trans­for­ma­ti­on bleibt auch deut­schen Leser*innen des Romans dank Mat­thi­as Fried­richs Über­set­zung nicht verborgen.

[…] det­te språket duger ikke len­ger, jeg kan ikke len­ger skri­ve embeds­men­ne­nes språk, kan ikke len­ger bru­ke det­te rekla­me­språket, det­te gjen­nom­fals­ke makt­språket, det­te språket som umer­ke­lig innt­vin­g­er alt under den instru­men­tel­le øst­lands­for­nuft, det­te hes­li­ge bok­må­let, nei, det går ikkje len­ger og blir avbro­ten av ein under­lig lyd, ein kla­pran­de serie av stein som knus­ast, og eg fors­tår med ein gong kva det er, det er tak­hel­le­ne som fyk av ves­t­lands­hu­set, det er store­man­nen som pit­lar hel­ler frå taket som blad frå ein kort­s­tokk, og det fyrs­te vind­kas­tet går gjen­nom det uisol­er­te huset, eit dura­beleg stormk­ast, inn i sto­va, og eg ser på Yng­ve, og Yng­ve ser på meg, og me tenkjer det same, hovud­skal­len, Anders Lys­ne, me må opp mot Filef­jell, me må opp dit no, med ein gong.

[…] die­se Spra­che taugt nichts mehr, ich kann nicht mehr in der Spra­che der Amt­män­ner schrei­ben, kann die­se Rekla­me­spra­che, die­se durch und durch fal­sche Spra­che der Macht, die­se Spra­che, die alles unmerk­lich der instru­men­tel­len Ost­land­ver­nunft unter­ord­net, die­se grot­te­ner­bärm­li­che Amts­spra­che nicht mehr benut­zen, nein, es geht nicht mehr, vnd ein wun­der­li­ches klap­pern, stei­ne, die in die brue­che gehen, laesst mich auf­schrek­ken, vnd was da izzt vom west­land­hav­se fegt, das sind, izzt weiss ich es, die dach­schin­deln, das ist der all­moe­gen­de, der da schin­deln vom dache pikkt wie blaet­ter von einem sta­pel kar­ten, da savst avch schon die ers­te boe durch das undich­te havs, eine sav­sich­te sturm­boe, ich wer­fe yng­ve einen blikk zu vnd er mir, wir fas­sen bey­de den glei­chen gedan­ken, der toten­kopf, ab zum filef­jell, aber mit kara­cho, wir mues­sen da hoch, vnd das am bes­ten gleich.

Gegen Ende des Romans zeigt Erlend O. Nødt­vedt somit auf, wie sei­ne ‚Hel­den‘ den im Kon­text der Kli­ma­kri­se ja durch­aus beden­kens­wer­ten Spruch „glo­bal den­ken, lokal han­deln“ ad absur­dum füh­ren, reicht Yng­ves und Erlends Hori­zont doch kaum über den Sognefjord hin­aus. Der in dem Text kari­kier­te Regio­nal­dün­kel und die hier eben­falls ver­ball­horn­ten Kul­tur­kämp­fe um die rich­ti­ge Lite­ra­tur bzw. Lite­ra­tur­spra­che des West­lands mögen deut­schen Leser*innen weit ent­fernt vor­kom­men, was jedoch nur auf den ers­ten Blick der Fall ist, da sich für die meis­ten der von Nødt­vedt in die­sem Kon­text auf­ge­brach­ten Moti­ve schnell Ent­spre­chun­gen im deutsch­spra­chi­gen Raum fin­den las­sen. So wecken die von Erlend und Yng­ve geleb­ten Männ­lich­keits­kli­schees zwi­schen Dosen­bier und Bädern im eis­kal­ten nor­we­gi­schen Fjord unan­ge­neh­me Asso­zia­tio­nen mit post­mo­der­nen Bären­häu­ter-Zeit­schrif­ten wie „beaf“ oder „der Gril­ler“. Auch fal­len einem im Hin­blick auf die hie­si­gen Gesta­de schnell Künstler*innen ein, die eine ähn­lich selbst­be­sof­fe­ne Ver­sen­kung in die eige­ne Hei­mat­re­gi­on an den Tag legen.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es ein Ver­dienst des Über­set­zers Mat­thi­as Fried­rich, dass er durch sei­ne Über­set­zung einem deutsch­spra­chi­gen Publi­kum den Zugang zu Ves­t­lan­det eröff­net hat, zumal die­se, wie ein­gangs erwähnt, ein schwie­ri­ges Unter­fan­gen dar­stellt. Dies fängt bereits bei den West­land-Tex­ten an, die Nødt­vedts Roman direkt zitiert. Sie ent­stam­men diver­sen geschicht­li­chen Epo­chen und sozio-kul­tu­rel­len Orten, was im End­ef­fekt dazu führt, dass in Ves­t­lan­det recht unter­schied­li­che For­men des Nor­we­gi­schen Ein­gang gefun­den haben, deren Über­tra­gung in die Ziel­spra­che auf Sei­ten der Über­set­zen­den gute sti­lis­ti­sche Fähig­kei­ten erfor­dert. Die­se brach­te Fried­rich, der der Pro­ble­ma­tik von Über­set­zun­gen aus dem dia­lekt­rei­chen Nor­we­gi­schen erst kürz­lich in einer Rezen­si­on nach­ge­gan­gen ist, mit. Dies lässt sich etwa anhand der Über­tra­gung eines Doku­ments zei­gen, das in der Amts­spra­che der däni­schen Auto­ri­tä­ten von Beginn des 19. Jahr­hun­derts abge­fasst ist. Hier fin­det Fried­rich über­zeu­gen­de Lösun­gen, um den Grad der Abwei­chun­gen gegen­über dem heu­ti­gen Nor­we­gi­schen, die u.a. die Ortho­gra­phie (bei­spiels­wei­se „aa“ anstel­le von „å“) betref­fen, im Deut­schen nach­zu­voll­zie­hen (etwa wenn „ey“ statt „ei“ geschrie­ben wird).

[…] jeg tror, jeg fortel­ler his­to­ri­en fra begyn­nel­sen, og for mitt ind­re rul­ler Anders Lys­ne pla­ka­ten ut på ny og leser slut­ten på for­ord­nin­gen av 12. juli 1799: Skul­de, imod For­mod­ning, nogen ude­bli­ve fra anfør­te Com­mis­sio­ner, uden at have lov­ligt For­fald, da i Fald den, der ikke møder, er ungt Man­ds­kap, and­sees han som tjenst­dyg­tig og anfø­res saa­le­des i den befa­le­de For­teg­nel­se; men er det nogen af de and­res bli­ver han aller­un­der­da­nigst fore­stil­let til en pas­sen­de Mulct for hans mod­vil­li­ge Ude­bli­vel­se […].

[…] ich glau­be, ich erzäh­le die Geschich­te von Anfang an, vor mei­nem inne­ren Auge rollt Anders Lys­ne erneut das Pla­kat aus und trägt die letz­ten Zei­len der Ver­ord­nung vom 12. Juli 1799 vor: Soll­te jemand, ohne daß ihm das Recht die­se Ver­ab­säu­mung gestat­te, wider aller Erwar­ten, den ange­füh­re­ten Beauf­tra­gun­gen fern­bley­ben, und dies inson­ders, wenn der nicht Antre­ten­de im Sol­da­ten­al­ter sich befin­det, kommt er als dienst­tüch­tig in Anschlag und wird mit­hin im genann­ten Regis­ter auf­ge­füh­ret, doch han­delt es sich hier­bey um einen der andern, so ist ihm aller­un­ther­thä­nigst eine sei­nem auf­sä­ßi­gen Fern­bley­ben gemä­ße Geld­stra­fe auf­zu­er­le­gen […].

Wie sich anhand die­ser Text­stel­le außer­dem fest­stel­len lässt, arbei­tet Fried­rich bei sei­ner Über­set­zung so nah am nor­we­gi­schen Ori­gi­nal wie mög­lich, gestat­tet sich jedoch Abwei­chun­gen wo nötig, was etwa Syn­tax und Wort­wahl betrifft. Sie erfol­gen dabei v.a. zu dem Zweck, den sati­risch über­zeich­ne­ten, wei­he­vol­len und zugleich locke­ren, Poin­ten hei­schen­den Stil der Erzähl­stim­me auch in der deut­schen Fas­sung abzu­bil­den. So wird aus dem deut­schen Wort „Nach­spiel“, mit dem der Ich-Erzäh­ler im nor­we­gi­schen Ori­gi­nal sei­nen Scha­ber­nack treibt, in der Über­set­zung ein „Nach­glü­hen“, da „Nach­spiel“ im Deut­schen zwar auch im über­tra­ge­nen Sin­ne gebraucht wird, dabei aber nicht immer die Fort­set­zung eines Ver­gnü­gens meint, son­dern oft das gera­de Gegen­teil (wenn etwas ein Nach­spiel hat).

Jeg må ha sovet rundt, for når jeg våk­ner, er der frem­de­les ves­t­landsk som­mer­natt í Fjær­land. Jeg blir lig­gen­de en lang stund og bare se på luf­ten, så stoff­lig, før jeg går til­ba­ke mot byg­den, ør og uth­vilt, på et jor­de ser jeg flam­mer. Dug­gen væter buks­el­eg­ge­ne, og jeg slut­ter meg til et slags nach­spiel der ute på mar­ken, en fem-seks skikkel­ser ved bålet, en flas­ke som går rundt, en rolig stem­ning. Jeg kom­mer inn i det igjen etter noen dype slur­ker, og etter hvert fin­ner jeg meg i samt­a­le med en antik­var fra Fjær­land, jeg kla­rer ikke å se ansik­tet hen­nes, men hun er ung, strå­len­de vak­ker, vi snak­ker om restopp­la­ge­ne til de to førs­te dikt­sam­lin­ge­ne til Olav Nygard som gikk tapt i Ber­gens­bran­nen i 1916, om hvor antik­va­re­ne får de hvi­te bomull­shans­kene sine fra, før nach­spiel­syn­dro­met mitt slår inn, jeg kom­mer inn på spo­ret der det er hakk i pla­ten og hol­der mono­lo­gen – jeg rabler i vei om Anders Lys­ne, Ves­t­lands­mar­ty­ren, […]. (Kur­si­vie­run­gen J.B.)

Ich habe wohl frü­her und auch län­ger geschla­fen als sonst, als ich auf­wa­che, ist in Fjær­land noch immer west­län­di­sche Som­mer­nacht. Lan­ge blei­be ich lie­gen und schaue in die sehr stoff­li­che Luft, bevor ich, wack­lig auf den Bei­nen und aus­ge­ruht, zurück ins Dorf gehe, auf einem Feld erbli­cke ich Flam­men. Der Tau benetzt die Hosen­wa­den, ich schlie­ße mich einer Art Nach­glü­hen auf der Wald­wei­de an, um die fünf, sechs Gestal­ten um das Lager­feu­er her­um, eine Fla­sche macht die Run­de, locke­re Stim­mung. Nach ein paar tüch­ti­gen Schlu­cken fin­de ich wie­der rein, mit der Zeit fan­ge ich ein Gespräch mit einer Anti­qua­rin aus Fjær­land an, ich kann ihr Gesicht nicht erken­nen, aber sie ist jung und strah­lend schön, wir reden über die Rest­auf­la­ge der bei­den ers­ten Gedicht­bän­de von Olav Nygard, die 1916 beim gro­ßen Stadt­brand von Ber­gen ver­lus­tig ging, und bevor mein Nach­glüh­syn­drom voll rein­haut, unter­hal­ten wir uns dar­über, wo Anti­qua­re ihre wei­ßen Baum­woll­hand­schu­he her­krie­gen, ich erwi­sche den Track, wo die gan­ze Plat­te eine Sprung hat, und hal­te mei­nen Mono­log über Anders Lys­ne, dem West­land­mär­ty­rer […]. (Kur­si­vie­run­gen J.B.)

Frei­hei­ten nimmt sich Fried­rich ins­be­son­de­re dort her­aus, wo es um die Über­tra­gung idio­ma­ti­scher Aus­drü­cke in den Dia­lo­gen geht, die in dem Text schon des­we­gen so zahl­reich anfal­len, da Yng­ve und Erlend in dem Roman kei­ne Gele­gen­heit aus­las­sen, sich über sol­che Sprü­che bei west­län­di­schen Dialektsprecher*innen anzu­bie­dern, und außer­dem unter­ein­an­der viel Slang reden. Die meis­ten die­ser Wen­dun­gen las­sen sich kaum wort­wört­lich ins Deut­sche über­set­zen, doch fin­det Fried­rich über­zeu­gen­de Lösun­gen auch zu ihrer Über­tra­gung, sodass der deut­sche Aus­druck dem nor­we­gi­schen, sowohl sei­ne Bedeu­tung als auch das Stil­ni­veau betref­fend, zumeist recht gut ent­spricht. Dies betrifft etwa den Lieb­lings­aus­druck Yng­ves und Erlends „La oss koke det!“, den Fried­rich als „Ran an die Bulet­ten!“ wie­der­gibt. Auch bei der Über­tra­gung der Dia­lo­ge selbst gelingt es ihm vor­züg­lich das Tem­po und den Witz des Ori­gi­nals zu bewahren.

– Kor dei Kara­ne er på veg då? For ein nyde­lig bil de køy­rer.
– Man­ge takk! Vi er fak­tisk på vei til Lærd­al.
– Til Lærd­al? Jeg må ber­re få gra­tu­le­re med dagen. Ret­nings­sans som vass­li­ket til ein tysk turist
Yng­ve trek­ker på skuld­re­ne og ser på meg.
– Hva skal vi si, av og til må man bare kjø­re rundt, rett og slett då.
– Eg ville abso­lutt ikkje prøvd fjel­let i dag. De har kan­skje ikkje høyrt om en tass ved namn Vegard? Han er nem­lig på veg, og han er for­b­an­na.
Yng­ve trek­ker igjen på skuld­re­ne.
– Tror meg, vi vet alt om han der Vegard. Men vi må rek­ke Lærd­als­mark­na­den for enhver pris.
– Lærd­als­mark­na­den? Eg trud­de det var i sep­tem­ber.
– Ja? Det er vel noe sånt nå?

„Wohin sind die Herr­schaf­ten denn unter­wegs? Was für einen hin­rei­ßen­den Wagen ihr da fahrt.“
„Vie­len Dank. Na, wir wol­len nach Lærd­al.“
„Nach Lærd­al? Da muss ich euch aber gra­tu­lie­ren. Ihr habt einen Ori­en­tie­rungs­sinn wie die Was­ser­lei­che eines deut­schen Tou­ris­ten.“
Yng­ve zuckt mit den Schul­tern und schaut mich an.
„Was sol­len wir sagen, ab und zu muss man mal durch die Lan­de kut­schie­ren, is‘ halt ein­fach so?“
„An den Berg hät­te ich mich heu­te abso­lut nicht ran­ge­traut. Von die­sem Knirps namens Vegard habt ihr wohl noch nichts gehört? Der ist näm­lich unter­wegs und mäch­tig gela­den.“
Erneut zuckt Yng­ve mit den Schul­tern.
„Glaub mir, über die­sen Vegard wis­sen wir alles. Aber wir müs­sen es auf jeden Fall noch bis zum Markt in Lærd­al schaf­fen.
„Den Markt in Lærd­al? Ich dach­te, der wäre im Sep­tem­ber.“
„Ja? Das ist doch wohl jetzt so um den Dreh?“

Die hier zitier­te Stel­le ist typisch für die Situa­ti­ons­ko­mik von Ves­t­lan­det, die auch in der Über­set­zung erhal­ten bleibt, wes­we­gen man an dem Roman schnell Gefal­len fin­det und nie ver­sucht ist, ihn weg­zu­le­gen. Dage­gen dau­ert es eine Wei­le, ehe sich einem der durch­aus erns­te Hin­ter­grund des Romans erschließt, doch ins­ge­samt nimmt Erlend O. Nødt­vedt in Ves­t­lan­det eine Form der Selbst­be­züg­lich­keit aufs Korn, die aktu­ell nicht nur in Skan­di­na­vi­en, son­dern an vie­len ande­ren Orten in Euro­pa um sich greift, und die sich durch Aggres­si­vi­tät gegen­über dem Ande­ren und Igno­ranz gegen­über den Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart aus­zeich­net. Schon des­we­gen ist sein Roman nicht nur für ein nor­we­gi­sches Publi­kum von Inter­es­se und sein Erschei­nen in deut­scher Über­set­zung unbe­dingt zu begrüßen.


Erlend O. Nødt­vedt | Mat­thi­as Fried­rich

Durch das Westland


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