Wel­che Über­set­zung soll ich lesen? – Stolz und Vorurteil

Jane Austens beliebtester Roman liegt in unzähligen Übersetzungen vor. Doch nicht alle lohnen sich, wie ein Vergleich zeigt. Von

Colin Firth als Mr. Darcy
Colin Firth als Mr. Darcy in der legendären BBC-Verfilmung von 1996. ©Allstar Picture Library Ltd./Alamy Stock Photo

Als im Jahr 1830 die ers­te deut­sche Über­set­zung von Stolz und Vor­ur­teil erschien, war Jane Aus­ten hier­zu­lan­de fast fünf­zehn Jah­re nach ihrem Tod noch eine Unbe­kann­te. Nicht ein­mal ihr Name wur­de auf dem Titel­blatt ver­merkt. Ob der Ver­lag C. H. F. Hart­mann damit dem eng­li­schen Ori­gi­nal folg­te, das man zunächst anonym ver­öf­fent­licht hat­te, oder ob der Name ihrer bekann­te­ren Über­set­ze­rin ein bes­se­res Ver­kaufs­ar­gu­ment war, lässt sich heu­te laut der eng­li­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Helen Cham­bers kaum mehr nachvollziehen. 

Da sich der eng­li­sche Roman Anfang des 19. Jahr­hun­derts in Euro­pa gro­ßer Beliebt­heit erfreu­te, brach­te die Über­set­ze­rin Loui­se Mare­zoll vie­le Wer­ke eng­lisch­spra­chi­ger Autor:innen ins Deut­sche. Ihre Über­tra­gung von Aus­tens Stolz und Vor­ur­teil erfolg­te „frei nach dem Eng­li­schen“, was damals nicht unüb­lich war. Mare­zoll strich bei­spiels­wei­se gan­ze Pas­sa­gen und fass­te an man­chen Stel­len Aus­tens cle­ve­re Dia­lo­ge mit­tels indi­rek­ter Rede zusam­men. Und aus­ge­rech­net der viel zitier­te ers­te Satz des Romans klingt in ihrer frei­en Über­set­zung wie folgt:

It is a truth uni­ver­sal­ly ack­now­led­ged, that a sin­gle man in pos­ses­si­on of a good for­tu­ne must be in want of a wife

Nichts ist leich­ter vor­aus­zu­set­zen, als daß ein jun­ger, rei­cher, unver­hei­ra­the­ter Mann vor allen andern Din­gen eine (sic!) Frau bedarf.

Dass die­ser ers­te Satz ein­mal zu den berühm­tes­ten Anfangs­sät­zen der eng­lisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur zäh­len wür­de, war vor gut zwei­hun­dert Jah­ren kaum abseh­bar. Heu­te wäre eine sol­che Über­tra­gung wohl ein Todes­ur­teil für jede Aus­ten-Über­set­zung, aber die über­set­ze­ri­schen Kon­ven­tio­nen waren damals eben ande­re. Und obgleich es die soge­nann­ten Jan­ei­tes (eine Bezeich­nung für Aus­ten-Fans, erfun­den von dem Lite­ra­tur­kri­ti­ker Geor­ge Saint­s­bu­ry) bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts gab, hat der Hype um die Autorin erst in den letz­ten Jahr­zehn­ten rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men. Jane Aus­ten ist inzwi­schen ein glo­ba­les Busi­ness: Ihre Bücher wer­den nicht nur gele­sen und über­setzt, son­dern regel­mä­ßig neu ver­filmt – zuletzt erschien die pola­ri­sie­ren­de Net­flix-Ver­fil­mung von Über­r­re­dung. Wäh­rend Aus­tens Gesicht auf Jute­beu­teln ver­ewigt wird, sind ihre Figu­ren Gegen­stand unzäh­li­ger lite­ra­ri­scher Wei­ter- und Neu­dich­tun­gen, von denen Stolz und Vor­ur­teil und Zom­bies und auch Helen Fiel­dings Bridget Jones zu den bekann­tes­ten zählen.

Aus­tens Stolz und Vor­ur­teil, erschie­nen 1813 als Pri­de and Pre­ju­di­ce, ist zum Lieb­ling moder­ner Leser:innen avan­ciert. Zwar erfreu­en sich auch ihr Debüt­ro­man Ver­stand und Gefühl (1811) und ihr letz­ter zu Leb­zei­ten ver­öf­fent­lich­ter Roman Emma (1815) gro­ßer Beliebt­heit, aber an die pop­kul­tu­rel­le Signi­fi­kanz von Stolz und Vor­ur­teil rei­chen sie bis­lang noch nicht her­an. Dass der Roman so ein gro­ßer Publi­kums­lieb­ling wer­den wür­de, hät­te man Anfang des 19. Jahr­hun­derts kaum vor­her­se­hen kön­nen. Aus­ten muss­te zunächst selbst in die Tasche grei­fen, um die Ver­öf­fent­li­chung zu finan­zie­ren, und obwohl ihre Bücher soli­de Ver­kaufs­zah­len hat­ten und sie selbst in bestimm­ten Krei­sen einen gewis­sen Bekannt­heits­grad erreich­te, hat man ihre Roma­ne nicht mit dem­sel­ben Enthu­si­as­mus rezi­piert wie heute.

Wer Aus­ten noch nie gele­sen hat, mag ihre Bücher als Vor­läu­fer moder­ner Lie­bes­ro­ma­ne abtun. Ihre Popu­la­ri­tät und die anhal­ten­de Miso­gy­nie in der Lite­ra­tur­bran­che sor­gen seit jeher dafür, dass ihre Wer­ke manch­mal noch immer nicht ganz ernst genom­men oder gar als tri­vi­al gese­hen wer­den. Dabei ver­han­delt sie in ihren Roma­nen, die mit gelun­ge­nen Span­nungs­bö­gen aus­ge­stat­tet sind, hoch kom­ple­xe The­men in mikro­kos­mi­schen Set­tings, dar­un­ter nicht nur Geschlech­ter­rol­len, son­dern auch öko­no­mi­sche Abhän­gig­kei­ten sowie Bil­dungs- und Klassenunterschiede.

Und auch sprach­lich hat Aus­ten eini­ges zu bie­ten: Sie ist eine schar­fe Beob­ach­te­rin und Stolz und Vor­ur­teil ist an vie­len Stel­len sehr wit­zig. Dafür sor­gen nicht nur die fei­ne Iro­nie, die oft mit­schwingt, aber in erns­te­ren Sze­nen her­un­ter­ge­fah­ren wird, son­dern auch die geist­rei­chen Schlag­ab­tau­sche zwi­schen den ein­zel­nen Figu­ren. Außer­dem gilt Aus­ten im eng­lisch­spra­chi­gen Raum als Pio­nie­rin, was die Ver­wen­dung der erleb­ten Rede angeht, in der sich die Per­spek­ti­ven der Figu­ren und der Erzähl­in­stanz ver­mi­schen. All die­se Ele­men­te sor­gen dafür, dass der Roman auch in der heu­ti­gen Zeit vie­le Leser:innen findet.

In Stolz und Vor­ur­teil erzählt Aus­ten die Geschich­te der Fami­lie Ben­net, die mit fünf Töch­tern geseg­net ist, was aber in der Regen­cy-Ära denk­bar ungüns­tig war. Das ohne­hin begrenz­te Ver­mö­gen von Mr. Ben­net geht auf­grund der dama­li­gen Erb­fol­ge an einen männ­li­chen Cou­sin, sei­ne Töch­ter sol­len daher mög­lichst wohl­ha­ben­de Ehe­män­ner fin­den. Eliza­beth Ben­net, die Haupt­fi­gur des Romans, nimmt auf­grund ihres eigen­wil­li­gen Wesens aber kei­nes­wegs jeden: Den alber­nen Mr. Coll­ins weist sie mit dem Segen des Vaters ab und auch den unver­mit­tel­ten Hei­rats­an­trag durch Mr. Dar­cy – der zwar über 10.000 Pfund im Jahr ver­fügt, ihre Fami­lie aber auch als sei­ner unwür­dig wahr­nimmt – lehnt sie zunächst ab. Um als eines der berühm­tes­ten Paa­re in die eng­li­sche Lite­ra­tur­ge­schich­te ein­zu­ge­hen, müs­sen sie und Mr. Dar­cy zunächst ihren Stolz zügeln und ihre Vor­ur­tei­le über­win­den. Und wenig über­ra­schend wer­den ihnen dabei eini­ge Hür­den auf den Weg gelegt.

Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Wahr­heit, dass ein sol­cher Klas­si­ker von Welt­rang min­des­tens einer soli­den Über­set­zung bedarf, um auch in ande­ren Spra­chen sein vol­les Poten­zi­al zu ent­fal­ten. Glück­li­cher­wei­se gibt es vor allem von vie­len eng­lisch­spra­chi­gen Roma­nen inzwi­schen dut­zen­de Über­set­zun­gen, von denen ein Groß­teil erst in den letz­ten fünf­zig Jah­ren ent­stan­den ist. Das ist auch bei Stolz und Vor­ur­teil der Fall. Nach der ers­ten Über­set­zung durch Mare­zoll soll­te es über hun­dert Jah­re dau­ern, bis eine deutsch­spra­chi­ge Neu­über­set­zung ver­öf­fent­licht wur­de. Unter dem Titel Eli­sa­beth and Dar­cy erschien 1939 die Über­set­zung von Karin von Schwab. Anders als ihre Vor­gän­ge­rin hat die­se Über­set­zung den Test der Zeit bes­ser bestan­den: Zwar sind inzwi­schen unzäh­li­ge wei­te­re Neu­über­set­zun­gen ver­legt wor­den, aber Schwabs Über­set­zung ist noch immer erhält­lich und wird von Ver­la­gen (bei­spiels­wei­se von Auf­bau und Ana­con­da) neu auf­ge­legt, wenn­gleich auch oft­mals in über­ar­bei­te­ter Fas­sung von Isa­bel­le Fuchs.

Wei­te­re deutsch­spra­chi­ge Über­set­zun­gen erschie­nen nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs: Der Züri­cher Manes­se-Ver­lag brach­te 1948 eine Über­tra­gung von der Lyri­ke­rin Ilse Krä­mer her­aus. Zeit­gleich wur­de eine Über­set­zung von Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger ver­öf­fent­licht, die der Frank­fur­ter Insel Ver­lag bis heu­te in über­ar­bei­te­ter Fas­sung durch Ursu­la Grä­fe ver­legt. 1951 erschien zudem eine Über­set­zung durch Hel­mut Hol­scher im Hera Ver­lag. Erst in den 60er- und 70er-Jah­ren folg­ten wei­te­re Über­tra­gun­gen von Wer­ner Bey­er (List Ver­lag; spä­ter Kie­pen­heu­er und Fischer Taschen­buch) und von dem Ehe­paar Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we (Reclam).

Letz­te­rer gibt in sei­nem Nach­wort von 1977 einen kur­zen Ein­blick in die Aus­ten-Rezep­ti­on in Deutsch­land, wo er kri­tisch bemerkt: „Deutsch­land hinkt nach“. Denn obwohl es zu dem Zeit­punkt eini­ge Stolz-und-Vor­ur­teil-Über­tra­gun­gen gab, blieb Aus­tens Gesamt­werk lan­ge unvoll­stän­dig über­setzt und auch die Ver­öf­fent­li­chun­gen über ihr Werk hiel­ten sich in Gren­zen. Folg­lich wur­de Gra­we selbst tätig und über­trug nicht nur gemein­sam mit sei­ner Frau alle wei­te­ren Aus­ten-Roma­ne, son­dern auch Brie­fe und ande­re Tex­te aus ihrem Nach­lass. Zuletzt erschien bei Reclam sei­ne Aus­ten-Bio­gra­fie Dar­ling Jane.

Nach der Gra­we-Über­set­zung pas­sier­te vie­le Jah­re nichts, bis man sich schließ­lich Anfang der 2000er wie­der Stolz und Vor­ur­teil wid­me­te. Dass zwi­schen dem Erschei­nen der Neu­über­set­zun­gen gut zwan­zig bis drei­ßig Jah­re lie­gen, ist nor­mal. Die Über­set­zung von den Gra­wes hat­te Aus­tens Klas­si­ker gehö­rig ent­staubt und oft muss ein biss­chen Zeit ver­ge­hen, damit es sich für Ver­la­ge lohnt, in Neu­über­set­zun­gen zu inves­tie­ren. Arte­mis & Wink­ler ver­öf­fent­lich­te 2002 eine Über­set­zung von Hel­ga Schulz, die inzwi­schen dtv ver­legt, und Manes­se brach­te in die­sem Zuge 2003 eine eige­ne Neu­über­set­zung von Andrea Ott her­aus, die zum Zeit­punkt ihres Erschei­nens sehr wohl­wol­lend bespro­chen wur­de und inzwi­schen auch als Pen­gu­in Edi­ti­on erhält­lich ist. 2016 erschien die jüngs­te Neu­über­set­zung durch Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié im S. Fischer Verlag. 

Wel­che die­ser Über­set­zung soll man nun lesen? Ein Blick in die ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen soll die­se Fra­ge beant­wor­ten oder zumin­dest eine Emp­feh­lung geben. Nicht berück­sich­tigt wer­den dabei die Über­set­zun­gen von Loui­se Mare­zoll, Ilse Krä­mer und Hel­mut Hol­scher, weil die­se ent­we­der nicht vor­la­gen oder inzwi­schen nur noch anti­qua­risch erhält­lich sind. Schau­en wir uns zunächst den berühm­ten Anfang von Stolz und Vor­ur­teil an:

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It is a truth uni­ver­sal­ly ack­now­led­ged, that a sin­gle man in pos­ses­si­on of a good for­tu­ne must be in want of a wife. Howe­ver litt­le known the fee­lings or views of such a man may be on his first ente­ring a neigh­bour­hood, this truth is so well fixed in the minds of the sur­roun­ding fami­lies, that he is con­side­red as the rightful pro­per­ty of some one or other of their daugh­ters. “My dear Mr. Ben­net,” said his lady to him one day, “have you heard that Nether­field Park is let at last?” Mr. Ben­net repli­ed that he had not. “But it is,” retur­ned she; “for Mrs. Long has just been here, and she told me all about it.” Mr. Ben­net made no ans­wer. “Do not you want to know who has taken it?” cried his wife, impa­ti­ent­ly. “You want to tell me, and I have no objec­tion to hea­ring it.” This was invi­ta­ti­on enough.

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Es ist eine Wahr­heit, über die sich alle Welt einig ist, daß ein unbe­weib­ter Mann von eini­gem Ver­mö­gen unbe­dingt auf der Suche nach einer Lebens­ge­fähr­tin sein muß. Wel­cher Art die Gefüh­le und Wün­sche eines sol­chen Man­nes im übri­gen auch immer sein mögen, die­se Wahr­heit hat eine so unum­stöß­li­che Gel­tung, daß er schon bei sei­nem ers­ten Auf­tau­chen von sämt­li­chen umwoh­nen­den Fami­li­en als recht­mä­ßi­ger Besit­zer der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter ange­se­hen wird. »Mein lie­ber Ben­net«, sprach eines Tages Mrs. Ben­net zu ihm, »hast du schon gehört, daß Nether­field Park end­lich einen Mie­ter gefun­den hat?« Mr. Ben­net erwi­der­te, er habe es noch nicht gehört. »Trotz­dem ist es so, wie ich sage«, beharr­te Mrs. Ben­net. »Mrs. Long war gera­de hier und hat es mir erzählt – Willst du denn nicht wis­sen, wer der neue Mie­ter ist?« fuhr sie mit unge­dul­di­ger Stim­me fort. »Du willst es mir doch gera­de erzäh­len, und ich habe nichts dage­gen.« Einer deut­li­che­ren Auf­for­de­rung bedurf­te es nicht.

Karin von Schwab, 1939

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Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Wahr­heit, dass ein Jung­ge­sel­le, der ein schö­nes Ver­mö­gen besitzt, zu sei­nem Glück nur noch einer Frau bedarf. Wie wenig man auch über die Gefüh­le und Ansich­ten eines sol­chen Man­nes weiß, wenn er zum ers­ten Mal in eine Gegend kommt, ist die­se Wahr­heit doch so fest in den Köp­fen der ansäs­si­gen Fami­li­en ver­an­kert, dass er als recht­mä­ßi­ges Eigen­tum der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter betrach­tet wird. »Mein lie­ber Mr. Ben­net«, sag­te eines Tages sei­ne Gemah­lin zu sel­bi­gem, »hast du schon gehört, dass Nether­field Park end­lich ver­mie­tet ist?« Mr. Ben­net erwi­der­te, er habe es nicht gehört. »Aber es ist so«, sag­te sie. »Mrs. Long war soeben hier und hat mir alles genau erzählt.« Mr. Ben­net gab kei­ne Ant­wort. »Willst du denn gar nicht wis­sen, an wen?«, rief sei­ne Frau unge­dul­dig. »Du willst es mir erzäh­len, und ich habe nichts dage­gen, es mir anzu­hö­ren.« Einer wei­te­ren Auf­for­de­rung bedurf­te es nicht.

Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger, 1948

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»In der gan­zen Welt gilt es als aus­ge­mach­te Wahr­heit, daß ein begü­ter­ter Jung­ge­sel­le unbe­dingt nach einer Frau Aus­schau hal­ten muss. Wie wenig auch sonst von den Gefüh­len und Ansich­ten eines sol­chen Man­nes bekannt sein mag, wenn er zuerst in einem nach­bar­li­chen Lebens­kreis auf­taucht, so ist die besag­te Bin­sen­wahr­heit in den Gemü­tern rings­um woh­nen­den Fami­li­en doch so fest ver­an­kert, daß er von vorn­her­ein als das recht­mä­ßi­ge Eigen­tum der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter betrach­tet wird. »Mein lie­ber Ben­nett«, sag­te des­sen bes­se­re Ehe­hälf­te eines Tages, „hast du schon gehört, daß der Guts­sitz Nether­field Park nun end­lich einen Mie­ter gefun­den hat?« Herr Ben­net erwie­der­te, das sei ihm neu. »Es stimmt aber«, gab sie zurück, »denn eben ist Frau Long hier­ge­we­sen und hat mir alles haar­ge­nau berich­tet.« Herr Ben­net gab kei­ne Ant­wort. »Ja, willst du denn nicht wis­sen, wer das Gut über­nom­men hat?« rief die Gat­tin unge­dul­dig. »Nun, du willst mir’s ja erzäh­len, und ich bin durch­aus bereit, mir die Sache anzu­hö­ren« Das ließ sie sich nicht zwei­mal sagen und begann.

Wer­ner Bey­er, 1965

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Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Tat­sa­che, dass ein allein­ste­hen­der Mann im Besitz eines hüb­schen Ver­mö­gens angeb­lich nichts drin­gen­der braucht als eine Frau. Zwar sind die Gefüh­le oder Ansich­ten eines sol­chen Man­nes bei sei­nem Zuzug in eine neue Gegend meist unbe­kannt, aber die­se Wahr­heit sitzt in den Köp­fen der ansäs­si­gen Fami­li­en so fest, dass er gleich als das recht­mä­ßi­ge Eigen­tum der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter gilt. »Mein lie­ber Mr. Ben­net«, sag­te sei­ne Gemah­lin eines Tages zu ihm, »hast du schon gehört, dass Nether­field Park end­lich ver­mie­tet ist?« Das habe er nicht, ant­wor­te­te Mr. Ben­net. »Doch, doch«, erwi­der­te sie, »Mrs. Long war näm­lich gera­de hier und hat es mir lang und breit erzählt.« Mr. Ben­net gab kei­ne Ant­wort. »Willst du denn gar nicht wis­sen, an wen?«, rief sei­ne Frau unge­dul­dig. »Du willst es mir erzäh­len; ich habe nichts dage­gen, es mir anzu­hö­ren.« Das genüg­te ihr als Aufforderung.

Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we, 1977

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Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Wahr­heit, daß ein allein­ste­hen­der Mann, der ein beträcht­li­ches Ver­mö­gen besitzt, einer Frau bedarf. Wie wenig die Gefüh­le und Ansich­ten eines sol­chen Man­nes bei sei­nem ers­ten Erschei­nen in einer Gegend auch bekannt sein mögen, die­se Wahr­heit sitzt so fest in den Köp­fen der Fami­li­en in der Nach­bar­schaft, daß er sogleich als das recht­mä­ßi­ge Eigen­tum der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter betrach­tet wird. »Mein lie­ber Ben­net«, sag­te des­sen Gat­tin eines Tages zu ihm, »hast du schon gehört, daß Nether­field Park end­lich ver­pach­tet wor­den ist?« Mr. Ben­net erwi­der­te, das habe er nicht. »Aber so ist es«, ent­geg­ne­te sie, »Mrs. Long war näm­lich gera­de hier und hat mir alles erzählt.« Mr. Ben­net sag­te nichts dazu. »Willst du denn gar nicht wis­sen, wer es gepach­tet hat?« rief sei­ne Frau unge­dul­dig. »Du möch­test es mir doch erzäh­len, und ich habe nichts dage­gen, es zu hören.« Das war Auf­for­de­rung genug.

Hel­ga Schulz, 2002

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Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Wahr­heit, dass ein Jung­ge­sel­le im Besitz eines schö­nen Ver­mö­gens nichts drin­gen­der braucht als eine Frau. Wie wenig man auch von den Gefüh­len oder Aus­sich­ten eines sol­chen Man­nes wis­sen mag, wenn er zum ers­ten Mal in einer Gegend auf­taucht – die­se Grund­wahr­heit ist in den Köp­fen der dort leben­den Fami­li­en so fest ver­an­kert, dass man ihn bereits als das recht­mä­ßi­ge Eigen­tum der einen oder ande­ren Toch­ter betrach­tet. »Mein lie­ber Mr Ben­net«, sag­te sei­ne Gemah­lin eines Tages zu ihm, »haben Sie gehört, dass Nether­field Park end­lich ver­pach­tet ist?« Mr Ben­net erwi­der­te, das habe er nicht gehört. »Es ist aber so«, ant­wor­te­te sie, »Mrs Long war näm­lich gera­de hier und hat mir alles erzählt.« Mr Ben­net gab kei­ne Ant­wort. »Wol­len Sie denn nicht wis­sen, wer es gepach­tet hat?«, rief sei­ne Frau unge­dul­dig. »Sie wol­len es mir offen­bar erzäh­len, und ich habe nichts dage­gen, es mir anzu­hö­ren.« Das war Auf­for­de­rung genug.

Andrea Ott, 2003

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Es ist eine all­ge­mein aner­kann­te Tat­sa­che, dass ein allein­ste­hen­der Mann im Besitz eines gewis­sen Ver­mö­gens auf der Suche nach einer Frau sein muss. Sowe­nig man über die Gefüh­le oder Ansich­ten eines sol­chen Man­nes auch wis­sen mag, wenn er sich neu in einer Gegend nie­der­lässt, beherrscht die Tat­sa­che doch das Den­ken und Trach­ten der benach­bar­ten Fami­li­en der­ma­ßen, dass es als aus­ge­macht gilt, dass er von Rechts wegen der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter zufal­len soll. »Mein lie­ber Mr Ben­net«, sag­te sei­ne Gat­tin eines Tages zu die­sem, »hast du gehört, dass Nether­field Park end­lich ver­mie­tet ist?« Das, erwi­der­te Mr Ben­net, habe er nicht. »Aber so ist es«, sag­te sie; »eben war näm­lich Mrs Long hier, und die hat mir alles dar­über erzählt.« Mr Ben­net gab kei­ne Ant­wort. »Ja willst du denn nicht wis­sen, wer der neue Mie­ter ist?«, rief sei­ne Frau unge­dul­dig. »Du hast dir in den Kopf gesetzt, es mir zu erzäh­len, und ich habe nichts dage­gen, es mir anzu­hö­ren.« Mehr Auf­for­de­rung brauch­te sie nicht.

Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié, 2014

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Der ers­te Teil des berühm­ten Ein­stiegs­sat­zes klingt in vie­len Über­set­zun­gen zunächst ähn­lich: Die meis­ten Über­set­zen­den sind sich einig, dass es sich um eine „Wahr­heit“ han­delt, die ver­kün­det wird, und dass die­se in der Gesell­schaft „all­ge­mein aner­kannt“ ist, also akzep­tiert wird. Die Gra­wes und Alliés wei­chen davon ab, indem sie anstel­le von Wahr­heit „Tat­sa­che“ ver­wen­den. Der Begriff „Wahr­heit“ ist näher am eng­li­schen „truth“, klingt im Deut­schen aber weni­ger idio­ma­tisch als „Tat­sa­che“. Trotz­dem ist „Wahr­heit“ hier letzt­end­lich das bes­se­re Wort, weil der Roman den ver­meint­li­chen Wahr­heits­ge­halt die­ser Aus­sa­ge letzt­lich ad absur­dum führt, und das bereits in den dar­auf­fol­gen­den Zei­len. Denn es sind nicht die Män­ner, die unbe­dingt eine Frau brau­chen, son­dern die Frau­en der Ben­net-Fami­lie, die einen Mann fin­den müssen. 

Und um was für einen Mann han­delt es sich? Einen „Jung­ge­sel­le“ bzw. einen „allein­ste­hen­den“ Mann über­set­zen hier die meis­ten. Von Schwabs „unbe­weib­ter Mann“ sticht an die­ser Stel­le als alt­mo­disch her­vor und ist unge­wollt komisch. Aus­tens wich­ti­ger Zusatz: Er muss dabei auch noch ver­mö­gend sein. Wie sein „good for­tu­ne“ aus­sieht, bleibt aber unklar: Braucht er ein „gewis­ses“ (Allié) oder ein „beträcht­li­ches“ (Schulz) Ver­mö­gen? Oder ist die­ses Ver­mö­gen etwa „hübsch“ (Gra­we), bezie­hungs­wei­se „schön“ (Rau­chen­ber­ger; Ott)? Letz­te­res ist ein beson­ders selt­sa­mes Attri­but für ein Besitztum. 

Das eng­li­sche „in pos­ses­si­on of“ haben die meis­ten mit der äqui­va­len­ten For­mu­lie­rung „im Besitz von“ im Deut­schen über­setzt. Ledig­lich Hel­ga Schulz und Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger sind in die Fal­le getappt, die prä­zi­se eng­li­sche Kon­struk­ti­on in einen deut­schen Rela­tiv­satz auf­zu­lö­sen, der den Satz direkt über­frach­tet. Am ande­ren Ende des über­set­ze­ri­schen Spek­trums steht Wer­ner Bey­er, der sei­nem „Jung­ge­sel­len“ das Attri­but „begü­tert“ vor­an­stellt – eine prag­ma­ti­sche Lösung, bei der aller­dings der stu­fen­wei­se Auf­bau des Ori­gi­nals ver­lo­ren geht.

Inter­es­sant ist auch der letz­te Teil des Sat­zes, in dem es heißt, der Jung­ge­sel­le „must be in want of a wife“. Wie genau das zu ver­ste­hen ist, sorgt eben­falls für Unei­nig­keit: „Braucht“ (Gra­we; Ott) er oder „bedarf“ (Schulz) er einer Frau? Oder „muss“ er „auf der Suche“ nach ihr sein (Allié) bzw. „Aus­schau hal­ten“ (Bey­er)? Das Suchen und Aus­schau­hal­ten lässt merk­lich stär­ker als ande­re Vari­an­ten anklin­gen, dass die Män­ner hier aktiv wer­den. Und das „Muss“ in die­sen Vari­an­ten sug­ge­riert deut­lich eine gesell­schaft­li­che Erwar­tungs­hal­tung, dass zwangs­läu­fig Män­ner auf der Jagd sein sollten. 

Aller­dings sind in die­sem ers­ten Abschnitt nicht die Män­ner die Jagen­den, son­dern die Frau­en – mit die­ser Umkeh­rung des roman­ti­schen Ide­als spielt Aus­ten auch im nächs­ten Satz. Denn dort ist der Mann das „recht­mä­ßi­ge Eigen­tum“ der jewei­li­gen Toch­ter, obgleich es in Wirk­lich­keit genau anders her­um war. In der alten Über­set­zung von Karin von Schwab wur­de die­ser Teil des zwei­ten Sat­zes völ­lig falsch über­tra­gen und die Iro­nie über­le­sen; bei ihr wird der Mann zum „Besit­zer“. Unnö­tig kom­pli­ziert klingt das Gan­ze hin­ge­gen aus­ge­rech­net in neu­es­ten Über­set­zung der Alliés, wo der „Mann von Rechts wegen der einen oder ande­ren ihrer Töch­ter zufal­len soll“. 

Auf­fäl­lig ist in die­sem Absatz auch die unter­schied­li­che Ver­wen­dung des Sie­zens und Duzens. Im Eng­li­schen exis­tiert das Dilem­ma, wer wen siezt, nicht. Im Deut­schen wird es hin­ge­gen mit­un­ter kom­pli­ziert und die Übersetzer:innen hand­ha­ben das in ihren Über­set­zun­gen recht unter­schied­lich. So siezt Mrs. Ben­net in eini­gen Über­set­zun­gen (Schulz; Rau­chen­ber­ger) Char­lot­te Lucas, die bes­te Freun­din ihrer Toch­ter Eliza­beth. In den rest­li­chen Über­set­zun­gen wird geduzt, was ange­sichts der Tat­sa­che, dass es sich um Kind­heits­freun­din­nen han­delt, pas­send ist. 

In Andrea Otts Über­set­zung siezt sich hin­ge­gen, anders als in allen ande­ren Über­set­zun­gen, das Ehe­paar Ben­net und auch die Kin­der sie­zen ihren Vater. Das mag his­to­risch ange­mes­sen sein, aber eigent­lich ist es in der Welt von Jane Aus­ten, die ihre Roma­ne viel undeut­li­cher zeit­lich und ört­lich ver­an­kert als bei­spiels­wei­se die Ver­fil­mun­gen es tun, von gerin­ger Rele­vanz. Zum einen wirkt es sprach­lich unnö­tig steif, zum ande­ren ent­steht in der Über­set­zung eine gewis­se Distanz zwi­schen den ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­dern, die dem herz­li­chen Umgang mit­ein­an­der (bei­spiels­wei­se zwi­schen Liz­zy und ihrem Vater) ins­ge­samt zuwiderläuft. 

Einen ähn­li­chen Ein­druck muss auch Rau­chen­ber­ger (oder gar Ursu­la Grä­fe, die ihre Über­set­zung über­ar­bei­tet hat) gehabt haben, als sie die zwei­te emo­tio­na­le Antrags­sze­ne zwi­schen Mr. Dar­cy und Eliza­beth über­setz­te. In ihrer Fas­sung begin­nen sich die Lie­ben­den zu duzen, was sie in ihrer Über­set­zung durch einen geschmack­lo­sen Satz mar­kiert, der so nicht im Ori­gi­nal zu fin­den ist: „Eliza­beth errö­te­te über das ver­trau­li­che Du“. Der Beginn des Duzens mar­kiert den Über­gang zum ver­lob­ten Paar, lenkt hier jedoch vom Inhalt ab, weil der Ton­fall mit­ten in der Sze­ne umschlägt. Viel­leicht ent­schlos­sen sich des­halb die ande­ren Übersetzer:innen, das Sie­zen bis zum Ende durchziehen.

Ins­ge­samt zeich­net sich in die­sem ers­ten Abschnitt aber schon eines ab: Alle Übersetzer:innen zei­gen sich sehr bemüht, nah am Ori­gi­nal zu über­set­zen, obgleich es trotz­dem Unter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Fas­sun­gen gibt. Gänz­lich freie Über­set­zun­gen wie etwa Bey­ers Satz „Das ließ sie sich nicht zwei­mal sagen und begann“, der den­noch die Kern­aus­sa­ge ein­fängt, wer­den nur sel­ten gewagt, wie auch der nächs­te Text­aus­zug zei­gen wird. An die­ser Stel­le macht Mr. Dar­cy sei­nen ers­ten Heiratsantrag: 

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“In vain have I strug­g­led. It will not do. My fee­lings will not be repres­sed. You must allow me to tell you how ardent­ly I admi­re and love you.” Elizabeth’s asto­nish­ment was bey­ond expres­si­on. She stared, colou­red, doub­ted, and was silent. This he con­side­red suf­fi­ci­ent encou­ra­ge­ment, and the avo­wal of all that he felt and had long felt for her imme­dia­te­ly fol­lo­wed. He spo­ke well, but the­re were fee­lings bes­i­des tho­se of the heart to be detail­ed, and he was not more elo­quent on the sub­ject of ten­der­ness than of pri­de. His sen­se of her infe­rio­ri­ty, of its being a degra­da­ti­on, of the fami­ly obs­ta­cles which judgment had always oppo­sed to incli­na­ti­on, were dwelt on with a warmth which see­med due to the con­se­quence he was woun­ding, but was very unli­kely to recom­mend his suit. 

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»Ver­geb­lich habe ich mit mir gerun­gen; es geht nicht mehr so wei­ter. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht län­ger unter­drü­cken. Ich muß Ihnen jetzt sagen, wie sehr ich Sie bewun­de­re, wie sehr ich Sie lie­be.« Eli­sa­beth war viel zu über­rascht, um auch nur ein Wort erwi­dern zu kön­nen; sie starr­te ihn nur an, errö­te­te und – schwieg. Das genüg­te, um ihn zu ermu­ti­gen, und was er für sie emp­fand und längst schon emp­fun­den hat­te, das brach jetzt in einem Strom von Beteue­run­gen und Schwü­ren unge­hemmt über sie her­ein. Er sprach mit einem Ton auf­rich­tigs­ter Wär­me; aber da war noch ein ande­res Gefühl, das nicht min­der Aus­druck fin­den woll­te, sein unmä­ßi­ger Stan­des­dün­kel. Die Tat­sa­che ihrer Une­ben­bür­tig­keit, sein Ver­lust an Anse­hen, die Ein­wen­dun­gen und Ein­sprü­che sei­ner Fami­lie, alles, was sei­ne Ver­nunft immer sei­ner Nei­gung ent­ge­gen­ge­hal­ten habe, nichts ließ er aus, so wenig geeig­net gera­de sol­che Hem­mungs­lo­sig­keit auch war, um sei­nem Antrag Gehör zu verschaffen.

Karin von Schwab, 1939

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»Ich habe ver­ge­bens gekämpft. Es nützt nichts. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht unter­drü­cken. Sie müs­sen mir gestat­ten, Ihnen zu sagen, wie glü­hend ich Sie bewun­de­re und lie­be.« Eliza­beth‘ Ver­blüf­fung über­stieg jedes Maß. Sie errö­te­te und starr­te ihn sprach- und fas­sungs­los an. Er nahm es als Ermu­ti­gung, und es folg­te ein Geständ­nis. Er sprach gut, aber es galt auch ande­re Emp­fin­dun­gen als die sei­nes Her­zens zu erklä­ren, und er fand für sei­nen Stolz nicht weni­ger Wor­te als für sei­ne Zärt­lich­keit. Das Bewusst­sein ihres gerin­ge­ren Stan­des, sei­nes Abstiegs zu ihr, alles, was sein Ver­stand von jeher sei­nen Nei­gun­gen ent­ge­gen­ge­setzt hat­te, wur­de mit einer Wär­me dar­ge­legt, die sei­nem Wer­ben eher schäd­lich als dien­lich war.

Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger, 1948

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»Ver­ge­bens habe ich dage­gen ange­kämpft. Es geht ein­fach nicht. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht unter­drü­cken. Sie müs­sen mir gestat­ten, Ihnen zu sagen, wie glü­hend ich Sie ver­eh­re und lie­be.« Eli­sa­beth war so über­rascht, daß es ihr die Spra­che ver­schlug, Sie starr­te ihn an, wech­sel­te die Far­be, zöger­te und sag­te nichts. Dies betrach­te­te er als hin­rei­chen­de Ermu­ti­gung, und gestand ihr nun, was er alles für sie füh­le und schon seit lan­gem für sie emp­fun­den habe. Er sprach gut, doch außer dem Zustand sei­ne Her­zens muß­te er nun auch ande­re Gefühls­re­gun­gen genau­er aus­füh­ren, und über sei­ne zärt­li­chen Gefüh­le ver­moch­te er sich nicht bered­ter aus­zu­drü­cken als über sei­nen Stolz. Über ihre Une­ben­bür­tig­keit, die Tat­sa­che, daß es eigent­lich eine Ent­wür­di­gung für ihne bedeu­te­te, über den Wider­stand der Fami­lie, in der die Ver­nunft stets über die Lie­be gestellt wor­den war – über all dies sprach er mit gro­ßer Wär­me und sehr aus­führ­lich, was wohl auf die Emp­fin­dung zurück­zu­füh­ren war, daß er Stan­des­vor­ur­tei­le ver­letz­te, aber sehr wenig geeig­net erschien, sei­nem Antrag zum Erfolg zu verhelfen.

Wer­ner Bey­er, 1965

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»Ver­geb­lich habe ich mit mir gekämpft. Es nützt nichts. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht unter­drü­cken. Ich muss Ihnen ein­fach sagen, wie sehr ich Sie bewun­de­re und lie­be.« Eliza­beth war sprach­los. Sie staun­te, errö­te­te, zwei­fel­te und schwieg. Das gab ihm Mut genug, und das Bekennt­nis alles des­sen, was er für sie emp­fand, schon lan­ge für sie emp­fand, brach aus ihm her­vor. Er sprach geschickt, aber er gestand ihr nicht nur sei­ne Lie­be, auch ande­re Din­ge gin­gen in ihm vor, und sein Stolz mach­te ihn nicht min­der beredt als sei­ne Lie­be. Das Bewusst­sein ihrer sozia­len Unter­le­gen­heit, sein gesell­schaft­li­cher Abstieg, die Über­zeu­gung, dass fami­liä­re Hin­der­nis­se sei­ner Nei­gung im Weg stan­den, wur­den mit einer Lei­den­schaft vor­ge­tra­gen, aus der sei­ne gan­ze Selbst­er­nied­ri­gung sprach, die aber nicht dazu ange­tan war, sei­ner Wer­bung zum Erfolg zu verhelfen.

Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we, 1977

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»Ver­geb­lich habe ich dage­gen ange­kämpft. Es nützt nichts. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht zurück­drän­gen. Sie müs­sen mir gestat­ten, Ihnen zu sagen, wie glü­hend ich Sie bewun­de­re und lie­be.« Eliza­beths Erstau­nen fand kei­nen Aus­druck. Sie starr­te ihn an, errö­te­te, zwei­fel­te – und schwieg. Das betrach­te­te er als aus­rei­chen­de Ermu­ti­gung, und es folg­te unver­züg­lich das Bekennt­nis all des­sen, was er für sie emp­fand und schon lan­ge für sie emp­fun­den hat­te. Sei­ne Wor­te klan­gen gut, doch kamen auch ande­re Gefüh­le neben denen des Her­zens zum Aus­druck, und er war nicht weni­ger beredt zum The­ma Stolz als zu dem der Zärt­lich­keit. Das Bewußt­sein ihres gerin­ge­ren Stan­des – der Tat­sa­che, daß es eine Ernied­ri­gung für ihn sei – der fami­liä­ren Hin­der­nis­se, deret­we­gen sei­ne Nei­gung stets der Ver­nunft gewi­chen war – bei all dem ver­weil­te er mit einem Eifer, der eher auf eine Krän­kung hin­aus­lief und sei­nen Hei­rats­an­trag nicht unbe­dingt annehm­ba­rer machte.

Hel­ga Schulz, 2002

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»Ich habe ver­ge­bens dage­gen ange­kämpft. Es geht nicht. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht unter­drü­cken. Gestat­ten Sie mir, Ihnen zu sagen, wie glü­hend ich Sie ver­eh­re und lie­be.« Eliza­beths Ver­blüf­fung war unbe­schreib­lich. Sie starr­te ihn an, errö­te­te, woll­te es nicht glau­ben und blieb stumm. Dies betrach­te­te er als aus­rei­chen­de Ermu­ti­gung, und es folg­te sogleich ein Geständ­nis all des­sen, was er für sie füh­le, ja seit Lan­gem schon gefühlt habe. Er sprach gut, aber es gab nicht nur lie­be­vol­le Emp­fin­dun­gen zu beschrei­ben, und so schil­der­te er sei­nen Stolz nicht min­der beredt als sei­ne zärt­li­chen Gefüh­le. Er ver­weil­te bei ihrer gesell­schaft­li­chen Unter­le­gen­heit, bei der Tat­sa­che, dass er die­se als ernied­ri­gend emp­fand, und bei den Fami­li­en­ver­hält­nis­sen, die in sei­nen Augen ein Hin­der­nis für sei­ne Nei­gung bil­de­ten, mit einer Inbrunst, die zwar zu der hier­durch belei­dig­ten aris­to­kra­ti­schen Stel­lung pas­sen moch­te, sei­ner Wer­bung jedoch wenig zuträg­lich war.

Andrea Ott, 2003

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»Ver­ge­bens habe ich dage­gen ange­kämpft. Ich kann es nicht. Mei­ne Gefüh­le las­sen sich nicht unter­drü­cken. Sie müs­sen mir gestat­ten zu sagen, wie flam­mend ich Sie lie­be und ver­eh­re.« Eliza­beths Ver­blüf­fung hät­te sich nicht in Wor­te fas­sen las­sen. Sie starr­te ihn an, sie errö­te­te, sie zwei­fel­te, ob sie recht gehört hat­te, sie schwieg. Das war für ihn Ermun­te­rung genug, und sein Ein­ge­ständ­nis all des­sen, was er für sie emp­fand und schon seit lan­gem emp­fun­den hat­te, folg­te auf dem Fuße. Er sprach beredt, doch es galt, Emp­fin­dun­gen jen­seits derer des Her­zens zu beschrei­ben, und zum The­ma Zärt­lich­keit hat­te er nicht mehr zu sagen als zum The­ma Stolz. Die Über­zeu­gung, dass sie zu tief unter ihm stand – dass er sich mit ihr ent­wür­dig­te – die Hin­der­nis­se der Fami­lie, die Urteil gegen Nei­gung stell­ten – all das wur­de mit einer Hef­tig­keit vor­ge­bracht, die dem Maß sei­ner Ernied­ri­gung ange­mes­sen sein moch­te, sei­ne Wer­bung aber nicht gera­de empfahl.

Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié, 2014

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Wer denkt, dass an die­ser Stel­le nun end­lich der mit Aus­ten zu Unrecht ver­bun­de­ne Kitsch ein­set­ze, wird beim Lesen des rest­li­chen Kapi­tals ent­täuscht wer­den, denn Eliza­beth lehnt sei­nen Antrag mit Här­te und Bestimmt­heit ab. Der beschrie­be­ne Gefühls­aus­bruch von Mr. Dar­cy ist auch völ­lig unty­pisch für sei­nen bis dahin gezeich­ne­ten Cha­rak­ter – er ist ein zurück­hal­ten­der Mann, der lie­ber nichts sagt als das Fal­sche, wes­halb Eliza­beth zunächst von dem Antrag über­rascht ist. 

Um der Inten­si­tät von Dar­cys Gefüh­len gerecht zu wer­den, ist es nur kon­se­quent, den Satz mit „ver­geb­lich“ oder „ver­ge­bens“ zu begin­nen und der Wort­stel­lung im Eng­li­schen zu fol­gen, was bis auf Ott und Rau­chen­ber­ger auch alle gemacht haben. Etwas schwer tat man sich mit der Über­set­zung des eng­li­schen Worts „ardent­ly“, das beschreibt, dass jemand star­ke Gefüh­le hat. Die­ses Wort ist wich­tig, weil es den vor­he­ri­gen Satz, in dem Dar­cy wei­ter von sei­nen Emo­tio­nen berich­tet, unter­stützt. Ein Teil der Übersetzer:innen hat an die­ser Stel­le ein „sehr“ ver­wen­det, was einen gebüh­ren­den Effekt hat, aber in dem Satz kaum auf­fal­len dürf­te und der unge­zü­gel­ten Lei­den­schaft, die hier zum Aus­druck kom­men soll, nicht gerecht wird. Wer weni­ger Angst vor Pathos hat­te, über­setzt „ardent­ly“ im Deut­schen mit „glü­hend“ – oder gar wie die Alliés mit „flam­mend“, was dann aber doch die Gren­ze zum Kitsch überschreitet.

Auf sei­ne Lie­bes­er­klä­rung folgt die Reak­ti­on Eliza­beths, der zunächst die Wor­te feh­len, was sich auch in dem ver­kürz­ten, stak­ka­to­haf­ten Satz­bau wider­spie­gelt. Die­ser wird von fast allen Übersetzer:innen auch imi­tiert; ledig­lich Rau­chen­ber­ger ent­schied sich aus nicht ersicht­li­chen Grün­den, die Dar­stel­lung der kör­per­li­chen Reak­ti­on zu ver­kür­zen. Im Kon­trast dazu wer­den die Sät­ze danach wie­der län­ger und kom­ple­xer – denn Mr. Dar­cy sagt noch sehr viel mehr, was wir als Leser:innen aber nur in der Zusam­men­fas­sung prä­sen­tiert bekom­men, weil der Roman vor­ran­gig Eliza­beths Per­spek­ti­ve ein­nimmt und hier nur die Quint­essenz des Gesag­ten für ihre Reak­ti­on am Wich­tigs­ten ist. 

Vie­les von dem, was Mr. Dar­cy in der Vor­be­rei­tung auf sei­nen Antrag beschäf­tigt hat, wird von Aus­ten also in die­sem Absatz ledig­lich ange­deu­tet. Dem­entspre­chend müs­sen die Übersetzer:innen eini­ge Lücken fül­len und grei­fen in unter­schied­li­chem Maße inter­pre­ta­to­risch ein. So über­setz­te von Schwab 1939, als der Roman nicht unter sei­nem Titel Stolz und Vor­ur­teil, erschien, „pri­de“ sehr frei und ein wenig über­trie­ben mit „sein unmä­ßi­ger Stan­des­dün­kel“. Alle neue­ren Über­set­zun­gen fol­gen mit Blick auf den Titel dem Ori­gi­nal und über­set­zen „pri­de“ hier und an ande­ren Stel­len ein­fach als „Stolz“. 

Auch der Satz­teil „His sen­se of her infe­rio­ri­ty, of its being a degra­da­ti­on […]“ wirft Pro­ble­me auf: Zum einen lässt sich die­ser nur bedingt im Deut­schen in sei­ner Kom­pakt­heit nach­ah­men. Das führt dazu, dass Übersetzer:innen auf Neben­satz­kon­struk­tio­nen aus­wei­chen (Allié), Tei­le durch Gedan­ken­stri­che ent­zwei­en, um die Les­bar­keit zu erhö­hen (Schulz), oder den Satz auf­bre­chen und von Grund auf neu kon­stru­ie­ren (Ott). Eini­ge hal­ten sich aber auch eng am Ori­gi­nal, was die Wort­stel­lung betrifft (Gra­we; Bey­er), ohne dass es ihrer Über­set­zung unbe­dingt scha­den würde. 

Zum ande­ren ist die genaue Bedeu­tung eini­ger Wör­ter nicht auf den ers­ten Blick ersicht­lich, wes­halb eini­ge Übersetzer:innen an die­ser Stel­le ein­grei­fen. Es beginnt bereits mit dem Wort „infe­rio­ri­ty“, das von Aus­ten nicht wei­ter bestimmt wird: In wel­cher Hin­sicht ist Eliza­beth Dar­cy unter­le­gen? Der Roman bie­tet dafür eigent­lich genug Erklä­run­gen, wenn man sich an die höchst komi­schen, aber doch auch pein­lich berüh­ren­den Sze­nen vom Anfang erin­nert, in denen sich vor allem die Mut­ter in vor­neh­mer Gesell­schaft nicht ange­mes­sen verhält. 

Trotz­dem fügen eini­ge Übersetzer:innen hier erklä­ren­de Hil­fe­stel­lun­gen ein. In Otts Über­set­zung ist es ihre „gesell­schaft­li­chen Unter­le­gen­heit“, die Mr. Dar­cy unvor­teil­haft wahr­nimmt, bei den Gra­wes ihre „sozia­le Unter­le­gen­heit“ und Schulz spricht von sei­nem „Bewußt­sein ihres gerin­ge­ren Stan­des“. Noch kom­ple­xer wird es, weil sich „of its being a degra­da­ti­on“ als Teil der eng­li­schen Geni­tiv-Kon­struk­ti­on direkt auf das vor­he­ri­ge „infe­rio­ri­ty“ bezieht und als eine Fol­ge die­ser Unter­le­gen­heit mar­kiert wird. Nicht alle Übersetzer:innen ret­ten die­se ent­schei­den­de inhalt­li­che Ver­bin­dung ins Deut­sche. Die Gra­wes bei­spiels­wei­se schie­ben „sein gesell­schaft­li­cher Abstieg“ in ihre Auf­rei­hung, ohne dass der Zusam­men­hang deut­lich wird, und auch Rau­chen­ber­gers Über­set­zung ver­liert an die­ser Stel­le Nuancen.

Auch gegen Ende hin ver­liert der Satz nicht an Kom­ple­xi­tät: Mr. Dar­cy, heißt es, schnitt all die­se Hin­der­nis­se an mit einer „Hef­tig­keit (Allié)“ oder „Inbrunst (Ott)“ oder „Wär­me“ (Rau­chen­ber­ger; Bey­er). Letz­te­res ist zwar auf den ers­ten Blick nah am eng­li­schen „warmth“, ruft aber im Deut­schen ande­re Kon­no­ta­tio­nen wie „herz­lich“ oder „freund­lich“ her­vor und passt daher kaum zum vor Lei­den­schaft erreg­ten Gemüt Darcys. 

Noch inter­es­san­ter ist aller­dings die – im Eng­li­schen cle­ver ange­deu­te­te – Quel­le die­ser Hit­ze: „which see­med due to the con­se­quence he was woun­ding“. An die­ser Stel­le muss­ten die Übersetzer:innen nun beson­ders krea­tiv wer­den, um den Sinn ein­zu­fan­gen. Am auf­fäl­ligs­ten ist der von Ott ein­ge­füg­te Neben­satz, dass sei­ne „Inbrunst […] zwar zu der hier­durch belei­dig­ten aris­to­kra­ti­schen Stel­lung pas­sen moch­te“. Weni­ge Absät­ze spä­ter wird Dar­cy in Otts Über­set­zung, wo er noch belei­di­gen­der auf­tritt als im Ori­gi­nal, auch von Eliza­beths „zweit­klas­si­gen Ange­hö­ri­gen“ (eine lose Über­tra­gung von „the infe­rio­ri­ty of your con­nec­tions“) spre­chen. In eine ähn­li­che Rich­tung, wenn auch nicht so offen­siv, bewegt sich Bey­er, bei dem die Wär­me „wohl auf die Emp­fin­dung zurück­zu­füh­ren war, daß er Stan­des­vor­ur­tei­le verletzte“. 

Die Lösun­gen von Ott und Bey­er sind zwar inter­pre­ta­to­risch rich­tig, las­sen aber die Sub­ti­li­tät ver­mis­sen, die den Stil Aus­tens im Ori­gi­nal aus­macht. Der Stan­des­un­ter­schied ist zwar ein zen­tra­ler Kon­flikt in Stolz und Vor­ur­teil und Kern vie­ler in dem Roman ver­han­del­ten Vor­ur­tei­le. Trotz­dem könn­te man den Leser:innen mehr inter­pre­ta­to­ri­sche Eigen­stän­dig­keit zumu­ten. Ori­gi­nell ist im Ver­gleich die freie Über­tra­gung der Gra­wes, die den Neben­satz nicht als Ursa­che sei­ner Lei­den­schaft deu­ten, son­dern ihn nut­zen, um Dar­cys Lei­den­schaft, „aus der sei­ne gan­ze Selbst­er­nied­ri­gung sprach“, zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Die­se „Selbst­er­nied­ri­gung“ ver­stärkt eine ande­re Les­art der Sze­ne – näm­lich, dass Dar­cy den gesell­schaft­li­chen Unter­schie­den viel mehr Gewicht gibt als sie in der Roman­welt tat­säch­lich haben.

Wie raf­fi­niert Aus­ten ihre zwei Haupt­fi­gu­ren ent­lang der Stan­des­un­ter­schie­de navi­gie­ren lässt, zeigt sich auch am Ende der Antrags­sze­ne. Mr. Dar­cy mag sich zwar an der Spit­ze der gesell­schaft­li­chen Hier­ar­chie sehen – sei­ne Manie­ren las­sen aller­dings zu wün­schen übrig, wie ihm Eliza­beth vorwirft: 

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“You are mista­ken, Mr. Dar­cy, if you sup­po­se that the mode of your decla­ra­ti­on affec­ted me in any other way than as it spared me the con­cern which I might have felt in refu­sing you, had you beha­ved in a more gen­tle­man – like manner.” 

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»Sie irren sich sehr, Mr. Dar­cy, wenn Sie glau­ben, daß die Art Ihres Antra­ges irgend­ei­nen ande­ren Ein­fluß hat­te, als daß sie mich der Mühe ent­hob, das Mit­leid mit ihnen zu haben, das ich sonst wahr­schein­lich emp­fun­den hät­te, hät­ten Sie sich etwas fein­füh­li­ger und takt­vol­ler aufgeführt.«

Karin von Schwab, 1939

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»Sie irren, Mr. Dar­cy, wenn Sie ver­mu­ten, die Form Ihres Antra­ges hät­te mich in irgend­ei­ner ande­ren Wei­se beein­flusst, als mir das Bedau­ern zu erspa­ren, das ich viel­leicht bei mei­ner Ableh­nung emp­fun­den hät­te, wenn Sie mir vor­neh­mer begeg­net wären.«

Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger, 1948

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»Sie irren sich, Herr Dar­cy, wenn Sie anneh­men, daß die Art Ihrer Erklä­rung mich etwa in stär­ke­rer Wei­se berührt habe, als mir nur ein gewis­ses Bedau­ern zu erspa­ren, das ich sonst viel­leicht, wenn Sie sich mehr als Gen­tle­man ver­hal­ten hät­ten, ver­spürt haben wür­de, weil ich Sie abwei­sen mußte.«

Wer­ner Bey­er, 1965

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»Sie sind im Irr­tum, Mr. Dar­cy, wenn Sie anneh­men, dass die Art und Wei­se Ihres Antrags mich anders berührt hat, als mir die Skru­pel zu erspa­ren, die die Ableh­nung Ihrer Wer­bung mir gemacht hät­te, wenn Sie sich wie ein Gen­tle­man auf­ge­führt hätten.«

Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we, 1977

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»Sie irren sich, Mr. Dar­cy, wenn Sie anneh­men, daß die Art Ihrer Erklä­rung mich auf irgend­ei­ne ande­re Wei­se beein­flußt hat, als mir den Kum­mer zu erspa­ren, den ich, als ich Sie abwies, wohl emp­fun­den hät­te, wenn Sie sich mehr wie ein Gen­tle­man ver­hal­ten hätten.«

Hel­ga Schulz, 2002

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»Sie irren sich, Mr Dar­cy. Die Art und Wei­se Ihrer Erklä­rung hat mich nur inso­fern beein­flusst, als sie mir die Beden­ken erspar­te, die ich viel­leicht bei mei­ner Ableh­nung ver­spürt hät­te, wenn Sie sich mehr wie ein Gen­tle­man benom­men hätten.«

Andrea Ott, 2003

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»Es ist ein Miss­ver­ständ­nis, Mr Dar­cy, wenn Sie glau­ben, dass die Art Ihrer Erklä­rung tie­fe­ren Ein­fluss auf mich genom­men hat, als dass sie mir die Betrof­fen­heit erspar­te, die ich viel­leicht bei mei­ner Ableh­nung gespürt hät­te, hät­ten Sie sich eher wie ein Gen­tle­man betragen.«

Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié, 2014

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Eliza­beths Ansicht, dass sich Mr. Dar­cy ihr gegen­über nicht wie ein Gen­tle­man ver­hal­ten habe, ist für den Roman ganz zen­tral. Für eine Figur, die ein so aus­ge­präg­tes Stan­des­be­wusst­sein hat wie Mr. Dar­cy, ist der Vor­wurf, sei­ner gesell­schaft­li­chen Rol­le nicht gerecht zu wer­den, eine schwer­wie­gen­de Anschul­di­gung und daher auch Kata­ly­sa­tor sei­ner wei­te­ren Hand­lun­gen. Als er und Eliza­beth am Ende des Romans zuein­an­der­fin­den, wird Mr. Dar­cy ihr erzäh­len, wie ihn die­ser Satz ver­folgt hat. Er wird den Satz zitie­ren und hin­zu­fü­gen: „Sie wis­sen nicht, Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, wie sehr mich das getrof­fen hat“ (Allié).

In den frü­hen Über­set­zun­gen von Rau­chen­ber­ger und von Schwab kann die­ser Vor­wurf sei­ne Wir­kung nicht ganz erzie­len, weil der Begriff „Gen­tle­man“ – und somit alles, was mit die­ser Figur in Eng­land und Jane Aus­tens Welt ver­bun­den wird – in der Über­set­zung gar nicht vor­kommt, son­dern durch Adjek­ti­ve wie „vor­neh­mer“ und „takt­vol­ler“ umschrie­ben wird. In den neue­ren Über­set­zun­gen wird der Begriff kon­se­quent ste­hen gelas­sen, nicht zuletzt, weil man dem Publi­kum ohne­hin inzwi­schen mehr Eng­lisch zumu­ten kann. (In die­sem Zusam­men­hang wirkt auch die Ein­deut­schung des Begriffs Mr. in älte­ren, unüber­ar­bei­te­ten Über­set­zun­gen wie Bey­ers, wo von Herrn Dar­cy die Rede ist, inzwi­schen albern.)

Ansons­ten kann man hier nur bewun­dern, wel­chen Satz Aus­ten zustan­de gebracht hat und wie sicher ihn Jen­ni­fer Ehle in der Ver­fil­mung von 1996 vor­trägt. In der deut­schen Über­set­zung klingt die­ser mal mehr, mal weni­ger gut. Zunächst haben die Alliés Eliza­beth diplo­ma­ti­scher auf­ge­fasst und lei­ten den Vor­wurf mit Ver­weis auf ein mög­li­ches Miss­ver­ständ­nis ein. In der Über­set­zung von Bey­er erreicht der Satz schnell die Gren­zen der Ver­ständ­lich­keit durch zu vie­le Neben­sät­ze und das umständ­li­che „haben wür­de“. Außer­dem setzt er den Fokus auf die Ableh­nung des Antrags und nicht auf die Ankla­ge des eines Gen­tlem­ans unwür­di­gen Ver­hal­tens. Eine Ten­denz zu umständ­lich kon­stru­ier­ten Sät­zen zeigt auch hier wie­der die Über­set­zung von Schulz, die aus uner­find­li­chen Grün­den aus der „Ableh­nung“ den Neben­satz „als ich Sie abwies“ macht. Am treff­si­chers­ten klin­gen an die­ser Stel­le Otts und Gra­wes Übertragungen.

Da sich Jane Aus­tens Tex­te durch ihre Dia­lo­ge und Nach­ah­mung münd­li­cher Rede aus­zeich­nen, soll noch ein letz­tes Bei­spiel dis­ku­tiert wer­den. Es han­delt sich dabei jedoch eher um einen Mono­log als um einen Dia­log. Die­ser wird von Lydia, Eliza­beths jüngs­ter Schwes­ter, gehalten: 

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“How nice­ly we are crammed in!” cried Lydia. “I am glad I bought my bon­net, if it is only for the fun of having ano­ther band-box! Well, now let us be quite com­for­ta­ble and snug, and talk and laugh all the way home. And in the first place, let us hear what has hap­pen­ed to you all sin­ce you went away. Have you seen any plea­sant men? Have you had any flir­ting? I was in gre­at hopes that one of you would have got a hus­band befo­re you came back. Jane will be quite an old maid soon, I decla­re. She is almost three-and-twen­ty! Lord! how asha­med I should be of not being mar­ried befo­re three-and-twen­ty! My aunt Phil­ips wants you so to get hus­bands, you can’t think. She says Liz­zy had bet­ter have taken Mr. Coll­ins; but I do not think the­re would have been any fun in it. Lord! how I should like to be mar­ried befo­re any of you! and then I would cha­pe­ron you about to all the balls. Dear me! we had such a good pie­ce of fun the other day at Colo­nel Forster’s!

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»Wie schön eng wir alle gepackt sind«, rief Lydia. »Ich freue mich doch, daß ich den Hut gekauft habe; schon allein die Hut­schach­tel lohnt die Aus­ga­be. Jetzt setzt euch alle zurecht und macht es euch gemüt­lich, dann wol­len wir den gan­zen Weg nach Hau­se reden und lachen. Erzählt ihr erst ein­mal, was ihr alles erlebt habt, seit ihr von zu Hau­se weg­ge­fah­ren seid. Habt ihr net­te Her­ren ken­nen gelernt? Irgend­ein net­ter Flirt? Ich hat­te so gehofft, daß wenigs­tens eine von euch einen Mann mit nach Hau­se brin­gen wür­de. Jane ist ja tat­säch­lich bald eine alte Jung­fer; nächs­tens wird sie schon drei­und­zwan­zig! Gott, wür­de ich mich schä­men, wenn ich kei­nen Mann fän­de, bevor ich so alt wäre! Ihr könnt euch nicht den­ken, wie besorgt Tan­te Phil­ips ist, ihr könn­tet bei­de sit­zen blei­ben. Sie fin­det sogar, Liz­zy hät­te Coll­ins doch neh­men sol­len; aber ich fin­de, das wäre gar nicht das Rich­ti­ge gewe­sen. Gott, wür­de ich mich freu­en, wenn ich vor euch allen hei­ra­te­te! Dann könn­te ich euch über­all­hin als Anstands­da­me beglei­ten! Du lie­ber Him­mel, was hat­ten wir neu­lich für einen Spaß bei Mrs. Forster.

Karin von Schwab, 1939

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»Wie hübsch wir anein­an­der­ge­schmiegt sind«, rief Lydia. »Und wie gut, dass ich die Hau­be gekauft habe, zumin­dest haben wir so eine Schach­tel mehr. Jetzt wol­len wir es uns rich­tig gemüt­lich machen und die gan­ze Fahrt plau­dern und lachen. Erzählt doch zuerst mal, was ihr seit eurer Abrei­se erlebt habt. Habt ihr net­te Män­ner ken­nen­ge­lernt? Haben sie euch den Hof gemacht? Ich hat­te gehofft, eine von euch hät­te einen Ehe­mann gefun­den. Ich sag’s ja, Jane ist bald eine alte Jung­fer. Sie ist fast drei­und­zwan­zig! Du lie­ber Gott, ich wür­de mich schä­men, wenn ich mit drei­und­zwan­zig noch nicht ver­hei­ra­tet wäre! Ihr könnt euch nicht vor­stel­len, wie sehr Tan­te Phil­ips sich wünscht, dass ihr unter die Hau­be kommt. Sie sagt, Liz­zy hät­te Mr. Coll­ins neh­men sol­len. Obwohl das ja nicht gera­de ver­gnüg­lich gewe­sen wäre. Mein Gott! Ich wür­de zu gern vor euch hei­ra­ten, dann könn­te ich euch als eure Anstands­da­me auf alle Bäl­le beglei­ten. Du lie­ber Him­mel, wir hat­ten so viel Spaß neu­lich bei Colo­nel Forster!

Mar­ga­re­te Rau­chen­ber­ger, 1948

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»Wie hübsch wir hier zusam­men­ge­pfercht sind!« rief Lydia. »Ich bin ja so froh, daß ich mei­ne neue Hau­be gekauft habe, schon weil es sol­chen Spaß macht, noch eine Hut­schach­tel hier unter­zu­brin­gen! Aber nun wol­len wir uns hier recht trau­lich und gemüt­lich machen und den gan­zen Weg bis nach Hau­se schwat­zen und lachen. Und vor allem erzählt jetzt mal, was ihr alles erlebt habt, seit ihr weg­ge­fah­ren seid. Habt ihr net­te Män­ner getrof­fen? Habt ihr tüch­tig geflir­tet? Ich habe doch gehofft, wenigs­tens eine von euch wür­de sich einen Mann angeln, ehe ihr wie­der nach Hau­se kämt. Jane wird bald’ne alte Jung­fer wer­den, das kann ich euch sagen. Sie ist schon fast drei und­zwan­zig! Gro­ßer Gott, wie wür­de ich mich schä­men, wenn ich mit drei­und­zwan­zig noch nicht ver­hei­ra­tet sein wür­de! Und dabei wünscht sich Tan­te Phil­ips nicht sehn­li­cher, als daß ihr bald Män­ner kriegt. Sie sagt, Lis­sy hät­te ruhig Herrn Coll­ins neh­men sol­len; aber ich glau­be auch nicht, daß das viel Spaß gemacht hät­te. Gro­ßer Gott, wie wür­de ich mich freu­en, wenn ich vor euch allen hei­ra­te­te; dann könn­te ich euch als Ball­mut­ter über­all hin mit­neh­men! Ach, was hat­ten wir doch neu­lich Oberst Fos­ter für einen Spaß!

Wer­ner Bey­er, 1965

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»Wie schön gedrän­gelt wir sit­zen!«, rief Lydia. »Wie gut, dass ich den Hut gekauft habe, so haben wir wenigs­tens noch eine Schach­tel mehr. So, und jetzt wol­len wir es uns bequem und gemüt­lich machen und den gan­zen Weg nach Hau­se reden und lachen. Zuerst erzählt mal, wie es euch allen ergan­gen ist, seit ihr weg­ge­fah­ren seid. Habt ihr irgend­wel­che Män­ner ken­nen­ge­lernt? Habt ihr geflir­tet? Ich hat­te so gehofft, dass eine von euch sich einen Mann kapern wür­de. Jane ist sonst bald eine alte Jung­fer. Sie ist fast drei­und­zwan­zig! Gott, wie wür­de ich mich schä­men, wenn ich mit drei­und­zwan­zig noch nicht ver­hei­ra­tet wäre! Ihr habt ja kei­ne Ahnung, wie gern euch Tan­te Phil­ips ver­hei­ra­tet sehen möch­te! Sie sagt, Liz­zy hät­te Mr. Coll­ins lie­ber doch neh­men sol­len. Aber ich fin­de, ein Spaß wäre das nicht gewe­sen. Gott, wie ger­ne ich vor euch allen ver­hei­ra­tet wäre, und dann wür­de ich euch als Anstands­wau­wau zu allen Bäl­len beglei­ten. Mei­ne Güte! Wir hat­ten neu­lich sol­chen Spaß bei Oberst Forster.

Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we, 1977

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»Wie hübsch wir hier ein­ge­zwängt sind!« rief Lydia. »Ich bin froh, daß ich mir den Hut gekauft habe, und wenn es nur wegen des Spa­ßes ist, eine neue Hut­schach­tel zu haben. Na, nun wol­len wir es uns alle ganz bequem und gemüt­lich machen und den gan­zen Weg nach Hau­se reden und lachen. Erst ein­mal laßt hören, was ihr alle so erlebt habt, seit ihr fort wart. Habt ihr irgend­wel­che net­ten Män­ner ken­nen­ge­lernt? Habt ihr einen Flirt gehabt? Ich hat­te sehr gehofft, daß eine von euch einen Mann bekom­men wür­de bis zu eurer Rück­kehr. Jane wird wahr­haf­tig bald eine rich­ti­ge alte Jung­fer sein. Sie ist schon fast drei­und­zwan­zig! Gott, wie ich mich schä­men wür­de, wenn ich bis drei­und­zwan­zig nicht ver­hei­ra­tet wäre! Ihr könnt euch nicht den­ken, wie gern Tan­te Phil­ips möch­te, daß ihr Ehe­män­ner bekommt. Sie sagt, Liz­zy hät­te Mr. Coll­ins doch lie­ber neh­men sol­len; aber ich glau­be, das wäre nicht sehr ver­gnüg­lich gewe­sen. Gott, wie ger­ne wür­de ich vor euch allen ver­hei­ra­tet sein, dann wür­de ich euch als Anstands­da­me zu all den Bäl­len beglei­ten. – Du lie­ber Him­mel, was hat­ten wir neu­lich für einen Spaß bei Colo­nel Forster!

Hel­ga Schulz, 2002

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»Da sind wir ja schön zusam­men­ge­pfercht!«, lach­te Lydia. »Ich bin froh, dass ich die Hau­be gekauft habe, allein schon um den Spaß, dass ich noch eine wei­te­re Hut­schach­tel hal­te. Na, lasst uns gemüt­lich und kusche­lig hier sit­zen und reden und lachen, bis wir wie­der zu Hau­se ange­kom­men sind. Und als Ers­tes lasst uns hören, wie es euch seit eurer Abrei­se ergan­gen ist. Habt ihr hüb­sche Män­ner ken­nen­ge­lernt? Habt ihr mit ihnen geflir­tet? Ich hat­te gehofft, wenigs­tens eine von euch hät­te sich einen Ehe­mann zuge­legt, bis ihr zurück­kommt. Jane ist ja jetzt bald eine alte Jung­fer. Schon fast drei­und­zwan­zig! Mei­ne Güte, was wür­de ich mich schä­men, wenn ich mit drei­und­zwan­zig immer noch nicht ver­hei­ra­tet wäre! Tan­te Phil­ips wünscht sich so sehr, dass jede von euch einen Mann bekommt, das könnt ihr euch gar nicht vor­stel­len. Sie sagt, Liz­zy hät­te mal bes­ser Mr Coll­ins neh­men sol­len; aber ich kann mir nicht vor­stel­len, dass das ein Spaß gewe­sen wäre. Gott, was wäre ich gern frü­her als ihr alle ver­hei­ra­tet, dann könn­te ich als Anstands­da­me auf eure sämt­li­chen Bäl­le mit­ge­hen. Ihr könnt euch gar nicht vor­stel­len, was das für ein Spaß war, neu­lich bei Colo­nel Forster.

Andrea Ott, 2003

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»Da sind wir ja schön zusam­men­ge­pfercht!«, lach­te Lydia. »Ich bin froh, dass ich die Hau­be gekauft habe, allein schon um den Spaß, dass ich noch eine wei­te­re Hut­schach­tel hal­te. Na, lasst uns gemüt­lich und kusche­lig hier sit­zen und reden und lachen, bis wir wie­der zu Hau­se ange­kom­men sind. Und als Ers­tes lasst uns hören, wie es euch seit eurer Abrei­se ergan­gen ist. Habt ihr hüb­sche Män­ner ken­nen­ge­lernt? Habt ihr mit ihnen geflir­tet? Ich hat­te gehofft, wenigs­tens eine von euch hät­te sich einen Ehe­mann zuge­legt, bis ihr zurück­kommt. Jane ist ja jetzt bald eine alte Jung­fer. Schon fast drei­und­zwan­zig! Mei­ne Güte, was wür­de ich mich schä­men, wenn ich mit drei­und­zwan­zig immer noch nicht ver­hei­ra­tet wäre! Tan­te Phil­ips wünscht sich so sehr, dass jede von euch einen Mann bekommt, das könnt ihr euch gar nicht vor­stel­len. Sie sagt, Liz­zy hät­te mal bes­ser Mr Coll­ins neh­men sol­len; aber ich kann mir nicht vor­stel­len, dass das ein Spaß gewe­sen wäre. Gott, was wäre ich gern frü­her als ihr alle ver­hei­ra­tet, dann könn­te ich als Anstands­da­me auf eure sämt­li­chen Bäl­le mit­ge­hen. Ihr könnt euch gar nicht vor­stel­len, was das für ein Spaß war, neu­lich bei Colo­nel Forster.

Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié, 2014

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Lydia ist zu Beginn des Romans fünf­zehn Jah­re alt und eine fri­vo­le Teen­age­rin, die (etwas über­zeich­net) nichts ande­res im Kopf hat als sich mit den vor Ort sta­tio­nier­ten Offi­zie­ren zu ver­gnü­gen. Ihr Mono­log, der dop­pelt so lang wie die zitier­te Pas­sa­ge ist, gleicht einem atem­lo­sen Rede­schwall, der hier auf Eliza­beth ein­bricht. Dem­entspre­chend zeich­net er sich durch empha­ti­sche Aus­ru­fe, rhe­to­ri­sche Fra­gen und Inter­jek­tio­nen aus. Aus­ten über­treibt gehö­rig, denn Lydia ist eine leicht­sin­ni­ge Figur, die sich wie ihre Mut­ter vor allem für den neu­es­ten Klatsch und Tratsch inter­es­siert. Zudem nimmt die Autorin an die­ser Stel­le einen ent­schei­den­den Plot-Twists des Romans vor­weg, denn Lydia wird tat­säch­lich die ers­te unter den Schwes­tern sein, die heiratet.

In wel­chem Maße die Übersetzer:innen an die­ser Stel­le eben­falls über­trei­ben, ist recht unter­schied­lich. Vie­le haben die Zahl der Aus­ru­fe­zei­chen – die im Deut­schen ohne­hin nur spar­sam ein­ge­setzt wer­den – etwas ver­rin­gert, aber meis­tens noch ein paar übrig gelas­sen, sodass sie in eini­gen Über­set­zun­gen immer­hin auf­fal­len könn­ten. Doch auch an der Über­tra­gung und dem Ein­satz der Inter­jek­tio­nen (Well, God!, dear me! etc.) zeigt sich, wie unter­schied­lich die Über­set­zen­den die Zumut­bar­keit sol­cher Stil­mit­tel im Deut­schen bewerten. 

Die ers­te tat­säch­lich sicht­ba­re Über­tra­gung des ein­lei­ten­den „Well“ beginnt mit der Über­set­zung der Gra­wes, die den Satz mit einem „so“ gefolgt von einem Kom­ma anfan­gen. In spä­te­ren Über­set­zun­gen wird dar­aus ein „na“ (Ott; Allié). Dar­an anschlie­ßend wird auch die eng­li­sche Syn­tax mit ihren Anein­an­der­rei­hun­gen durch „and“ in den neue­ren Über­set­zun­gen viel stär­ker ins Deut­sche gebracht – beson­ders rhyth­misch von den Alliés. Bey­er, der gene­rell recht zurück­hal­tend über­setzt, war das spä­ter fol­gen­de „dear me“ nach dem zwei­ma­li­gen „Lord!“ wohl zu viel, um es ins Deut­sche zu ret­ten, und auch die Alliés haben dafür eine indi­rek­te, aber das Münd­li­che imi­tie­ren­de Lösung gefun­den, indem sie das „dear me“ in dem Satz­teil „Ihr könnt euch gar nicht vor­stel­len […]“ auf­ge­löst haben. 

Der Wan­del der über­set­ze­ri­schen Kon­ven­tio­nen in der zwei­ten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts zeich­net sich nicht nur am Satz­bau ab, son­dern auch an der Wort­wahl. Die Gra­we-Über­set­zung ist sicht­lich um Umgangs­sprach­lich­keit bemüht. In ihrer Über­set­zung ist davon die Rede, dass sich die Schwes­tern einen „Mann kapern“ (auch Bey­er über­setzt hier „einen „Mann angeln“) und Lydia sich als ihr komi­scher „Anstands­wau­wau“ – in ande­ren Über­set­zun­gen die „Anstands­da­me“ – auf­spielt. Und wäh­rend Lydia in Rau­chen­ber­gers Über­set­zung fragt, ob die net­ten Män­ner ihren Schwes­tern „den Hof gemacht“ hät­ten, zeich­net Gra­wes Lydia ihre Schwes­tern als Frau­en, die ihr Schick­sal selbst in der Hand haben: „Habt ihr geflirtet?“. 

Eben­falls um Unge­zwun­gen­heit bemüht ist auch immer wie­der Otts Über­set­zung. Ott über­setzt den­sel­ben Satz frei mit „Habt ihr ihnen schö­ne Augen gemacht?“, was aller­dings wie­der­um eine recht über­hol­te For­mu­lie­rung ist. Ihre Bestre­bun­gen nach mehr Münd­lich­keit zei­gen sich auch in den Ver­kür­zun­gen, die man in ihrer Über­set­zung oft fin­det. So erzählt Lydia bei­spiels­wei­se ein paar Zei­len spä­ter: „[Was] hab’ ich gelacht!“. Kon­trak­tio­nen sind im Eng­li­schen in der münd­li­chen Rede typisch und wer­den auch von ande­ren Übersetzer:innen ab und an ver­wen­det (Bey­er: „bald’ne alte Jung­fer“). Selt­sa­mer­wei­se fin­det man sie aber in Otts Über­set­zung auch da, wo sie im Ori­gi­nal nicht ste­hen, zum Bei­spiel: „Aber er hat’s dann doch nicht gemacht“ („But, howe­ver, he did not“). 

Ins­ge­samt merkt man der Über­set­zung von Ott stark an, dass der Ver­such unter­nom­men wur­de, Aus­tens Roman salop­per und moder­ner wir­ken zu las­sen. Mit Blick auf Rau­chen­ber­gers ange­staub­te Über­set­zung und auch Bey­ers hin und wie­der recht from­me Über­tra­gung ist das sicher ein lobens­wer­tes Unter­fan­gen, wür­de die etwas unebe­ne Über­set­zung nicht an man­chen Stel­len über das Ziel hin­aus­schie­ßen. Aus­drü­cke und Höf­lich­kei­ten sind bei Ott „abge­dro­schen“ („worn out“), Eliza­beths Freun­din ist „haus­ba­cken“ („plain“), an ande­rer Stel­le wie­der­um „kor­re­spon­diert“ („cor­re­s­pends“) Jane mit ihrer Schwes­ter und Mr. Coll­ins ist „töpel­haft galant“ („awk­ward gal­l­an­try“). Ähn­li­ches lie­ße sich an man­chen Stel­len auch über die Über­set­zung von den Alliés sagen, wo Mr. Dar­cy lus­ti­ger­wei­se als „schnei­di­ger Kerl“ („a fine figu­re of a man“) auftritt.

Doch obgleich alle Über­set­zun­gen ihre Eigen­hei­ten haben, sind sie alle in hohem Maße um Werk­treue bemüht. Auch wer die älte­ren Über­set­zun­gen liest, wird einen Ein­druck von Aus­tens Iro­nie erhal­ten und ihre emo­tio­na­le Tief­grün­dig­keit ent­de­cken kön­nen. Trotz­dem sind die neue­ren Über­set­zun­gen, Otts ein­ge­schlos­sen, vie­len älte­ren Über­tra­gun­gen vor­zu­zie­hen. Von Schwabs Über­set­zung von 1939 ist nun fast hun­dert Jah­re alt und immer noch les­bar, aber im Ver­gleich ist ihre Wort­wahl alt­mo­disch an Stel­len, wo es das Ori­gi­nal nicht ist (das­sel­be gilt für Rau­chen­ber­gers Über­tra­gung). Eini­ge holp­rig über­tra­ge­ne Details sind schlicht Über­set­zungs­feh­ler und in man­chen Pas­sa­gen neigt Schwab nicht nur zu mehr Pathos, son­dern lässt Figu­ren empha­ti­scher spre­chen als es im Ori­gi­nal beab­sich­tigt war. 

Die Über­set­zung der Gra­wes, die, wie bereits erwähnt, sehr um die Über­tra­gung von Aus­tens Gesamt­werk bemüht waren, gab den Stolz-und-Vor­ur­teil-Über­set­zun­gen neue Rich­tung vor – hin­zu mehr Leb­haf­tig­keit und weni­ger Förm­lich­keit. Und es stellt sich mit Blick auf die seit­dem erschie­ne­nen Über­set­zun­gen tat­säch­lich die Fra­ge, war­um die­se Neu­über­set­zun­gen der gut geal­ter­ten Gra­we-Über­set­zung vor­zu­zie­hen wären. Wenig her­aus­ra­gend ist die Über­set­zung von Hel­ga Schulz, was nicht unbe­dingt gegen sie spricht. Ihre Über­tra­gung ist unauf­ge­regt, obgleich sie syn­tak­tisch nicht immer die ele­gan­tes­te ist. Andrea Otts zu expli­zi­te Aus­deu­tun­gen und der mit­un­ter frag­wür­di­ge Ton­fall stö­ren in der ansons­ten soli­den Über­set­zung. Und auch das Ehe­paar Allié ist wie ihre Vor­gän­ge­rin um sprach­li­chen Gegen­warts­be­zug bemüht, setzt aber mit ihrer gewis­sen­haf­ten Über­set­zung ins­ge­samt wenig neue Akzen­te. Daher lässt sich der fol­gen­de Schluss zie­hen: Wer Stolz und Vor­ur­teil neu ent­de­cken möch­te, ist mit den Gra­wes noch immer gut bedient.


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