Gro­ße klei­ne Spra­che Katalanisch

Katalonien blickt auf eine jahrhundertealte Kulturtradition zurück und beherbergt auch heute wieder eine blühende Literaturlandschaft. Von

mediterrane Landschaft: eine weibliche Figur geht einen Hügel hinauf, rechts neben ihr ist eine Brücke, am Himmel eine Mondsichel
Gemälde des katalanischen Symbolisten Joan Brull i Vinyoles Crepuscle (Dämmerung) (1901), Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.


Wie haben Sie Kata­la­nisch gelernt?

Durch rei­nen Zufall und auf Umwe­gen, wie so vie­les in mei­nem Leben. Seit ich vier­zehn war, wuss­te ich, dass ich ein­mal Ger­ma­nis­tik stu­die­ren und Ver­lags­lek­to­rin wer­den wür­de – dass es auch Men­schen gibt, die Bücher über­set­zen, war mir lan­ge nicht bewusst, obwohl ich schon früh eine Lese­rat­te war. Dass es eine Spra­che namens Kata­la­nisch gibt, hat­te ich wäh­rend einer Kurs­fahrt nach Bar­ce­lo­na zwar gehört, aber nicht wirk­lich wahr­ge­nom­men. Irgend­wann habe ich mei­ne (bis heu­te unge­bro­che­ne) Lie­be zu Por­tu­gal ent­deckt und ange­fan­gen, Lusi­ta­nis­tik, Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik zu stu­die­ren. Und in mei­nem Aus­lands­jahr in Lis­sa­bon saß dann die­ser rei­zen­de Kata­la­ne in mei­nem Kurs …

Die Lie­be hilft unge­mein beim Spra­chen­ler­nen. Und so habe ich Kata­la­nisch gelernt, erst an der Uni Ham­burg, spä­ter direkt vor Ort: Ich habe sie­ben Jah­re in Bar­ce­lo­na gelebt, war Lite­ra­tur­agen­tin, habe die Lizenz­ab­tei­lung eines klei­nen Ver­lags gelei­tet und bin schließ­lich Lite­ra­tur­über­set­ze­rin gewor­den. Nur Ver­lags­lek­to­rin war ich nie.

Wie sieht die kata­la­ni­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Erstaun­lich bunt, leben­dig und viel­fäl­tig für eine rela­tiv klei­ne Spra­che. Das ist unter ande­rem geschicht­lich bedingt: Das eng mit dem Okzita­ni­schen ver­wand­te Kata­la­nisch war schon im Mit­tel­al­ter Lite­ra­tur­spra­che. Im 13. Jahr­hun­dert gab es den berühm­ten Phi­lo­so­phen Ramon Llull, nach dem das kata­la­ni­sche Kul­tur­in­sti­tut benannt wur­de (ähn­lich dem deut­schen Goe­the-Insti­tut), im 15. Jahr­hun­dert ent­stand der Rit­ter­ro­man Tirant lo Blanc (dt. Der Roman vom Wei­ßen Rit­ter Tirant lo Blanc, über­setzt von Fritz Vogelgsang).

Im 19. Jahr­hun­dert waren das Bas­ken­land und Kata­lo­ni­en die Regio­nen Spa­ni­ens, in denen – im Gegen­satz zum länd­lich gepräg­ten Rest des Lan­des – im Zuge der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on ein wohl­ha­ben­des, selbst­be­wuss­tes Bil­dungs­bür­ger­tum ent­stand, das wie in ande­ren Regio­nen Euro­pas auch ein star­kes Natio­nal­be­wusst­sein ent­wi­ckel­te. Die kata­la­ni­sche Spra­che und Kul­tur, die von Kas­ti­li­en seit dem Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg im 18. Jahr­hun­dert sys­te­ma­tisch unter­drückt wor­den waren, erleb­ten einen neu­en Auf­schwung. Kata­la­ni­sche Tex­til­ba­ro­ne wie Euse­bi Güell för­der­ten Archi­tek­ten, Maler und Schriftsteller.

Die­se Ent­wick­lung setz­te sich bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein fort, vor allem in der kur­zen Zeit der Zwei­ten Spa­ni­schen Repu­blik (1931–1939) – bis ihr Fran­co ein jähes Ende setz­te. Vie­le kata­la­ni­sche Intel­lek­tu­el­le gin­gen ins Exil und schrie­ben dort wei­ter. Seit dem Ende der Fran­co­dik­ta­tur 1975 ist die kata­la­ni­sche Lite­ra­tur­sze­ne wie­der auf­ge­lebt und viel­fäl­ti­ger als je zuvor. Natür­lich gibt es Ani­mo­si­tä­ten, wie über­all, und die Geis­ter schei­den sich vor allem an der Fra­ge, wer sich zur kata­la­ni­schen Lite­ra­tur­sze­ne rech­nen darf: ob nur die Autoren und Autorin­nen, die auf Kata­la­nisch schrei­ben, oder alle, die in Kata­lo­ni­en leben. Aber Kon­kur­renz belebt ja bekannt­lich das Geschäft.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Auf jeden Fall Auf der Pla­ça del Dia­mant (über­setzt von Hans Weiss) von Mer­cè Rodo­re­da, der Gran­de Dame der kata­la­ni­schen Lite­ra­tur, und Soli­tud (über­setzt von Petra Zick­mann, erschie­nen bei Schirm­er­Graf) von Vic­tor Cata­là. Im Mit­tel­punkt bei­der von Frau­en ver­fass­ten Roma­ne (Vic­tor Cata­là ist das Pseud­onym der Schrift­stel­le­rin Cate­ri­na Albert i Para­dís) ste­hen star­ke Frau­en­ge­stal­ten, die sich unter wid­ri­gen Umstän­den – in der länd­li­chen Gesell­schaft Kata­lo­ni­ens gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts und in Bar­ce­lo­na wäh­rend des Bür­ger­kriegs – ihren Platz im Leben erkämpfen.

Von den Büchern, die ich über­setzt habe, emp­feh­le ich unbe­dingt Die Stim­men des Flus­ses von Jau­me Cabré und Flüch­ti­ger Glanz von Joan Sales, die sich bei­de auf ganz unter­schied­li­che Wei­se mit dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg und sei­nen ver­hee­ren­den Fol­gen aus­ein­an­der­set­zen. Einer mei­ner (vie­len) Lieb­lin­ge ist auch Euge­ni Xammar, der wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik und der Anfangs­zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Kor­re­spon­dent für ver­schie­de­ne kata­la­ni­sche Tages­zei­tun­gen aus Deutsch­land berich­te­te. Sei­ne kennt­nis­rei­chen, poin­tier­ten Repor­ta­gen über die Infla­ti­on, das besetz­te Rhein­land oder den geschei­ter­ten Hit­ler­putsch von 1923, erschie­nen 2007 beim Beren­berg Ver­lag unter dem Titel Das Schlan­gen­ei, gehö­ren mei­ner Mei­nung nach in jeden deut­schen Geschichts­un­ter­richt, sind aber lei­der bis­her weit­ge­hend unbe­ach­tet geblieben.

Unter den jün­ge­ren Autorin­nen und Autoren ist Ire­ne Solàs mit ihrem – mit dem Lite­ra­tur­preis der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­zeich­ne­ten – Roman Sin­ge ich, tan­zen die Ber­ge (über­setzt von Petra Zick­mann) sehr empfehlenswert.

Was ist noch nicht übersetzt?

Vie­les, auch wenn deut­sche Ver­la­ge dank der groß­zü­gi­gen För­der­po­li­tik des Insti­tuts Ramon Llull glück­li­cher­wei­se wenig Scheu haben, kata­la­ni­sche Lite­ra­tur zu ver­öf­fent­li­chen. Aus dem 19. Jahr­hun­dert gäbe es noch eini­ge Schät­ze zu heben, unter ande­rem das gro­ße Epos La feb­re d’or von Nar­cís Oller über Auf­stieg und Fall einer Tex­til­dy­nas­tie oder, kür­zer und wit­zi­ger, aber in sei­ner Gesell­schafts­ana­ly­se nicht weni­ger tref­fend, L’auca del sen­yor Este­ve von Sant­ia­go Rusi­ñol, eine Sati­re über das kata­la­ni­sche Kleinbürgertum.

Die kata­la­ni­sche Lite­ra­tur hat eine gro­ße Kurz­ge­schich­ten-Tra­di­ti­on, ein Gen­re, das im deut­schen Sprach­raum ja eher stief­müt­ter­lich behan­delt wird. Das ist ver­mut­lich auch der Grund, war­um der groß­ar­ti­ge Erzäh­ler Pere Cal­ders mit sei­nen sur­rea­lis­ti­schen Kurz­ge­schich­ten bis­lang noch kei­nen deut­schen Ver­lag gefun­den hat.

Mein per­sön­li­cher Lieb­ling ist der­zeit Auro­ra Bertra­na. Die Toch­ter des im 19. Jahr­hun­dert hoch geach­te­ten Schrift­stel­lers Pru­den­ci Bertra­na woll­te eben­falls Schrift­stel­le­rin wer­den, muss­te sich aber anfangs dem Wil­len ihres Vaters beu­gen und stu­dier­te am Kon­ser­va­to­ri­um Cel­lo. Mit den so erwor­be­nen Kennt­nis­sen grün­de­te sie in den Zwan­zi­ger­jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts die ers­te Frau­en-Jazz­band Euro­pas und tin­gel­te über den gan­zen Kon­ti­nent. Spä­ter reis­te sie mit ihrem Ehe­mann bis in die Süd­see und schrieb einen fas­zi­nie­ren­den Bericht über ihre Zeit in Tahi­ti. Als ihr Mann sich nach Aus­bruch des Bür­ger­kriegs auf die Sei­te der Fran­quis­ten schlug, trenn­te sie sich von ihm und ging, wie so vie­le ande­re, in die Schweiz ins Exil. Ihre Repor­ta­gen und Roma­ne wer­den auch in Kata­lo­ni­en erst in letz­ter Zeit wie­der­ent­deckt. Ich suche noch einen deut­schen Ver­lag für sie.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Kata­la­ni­schen? Wie gehen Sie damit um?

Es sind die übli­chen Schwie­rig­kei­ten, die sich beim Über­set­zen roma­ni­scher Spra­chen ins Deut­sche erge­ben: Die Satz­struk­tur ist eine ande­re, in den roma­ni­schen Spra­chen kann man vie­le Neben­sät­ze anein­an­der­rei­hen, ohne dass es schwer­fäl­lig klingt. Im Deut­schen klingt das furcht­bar, weil das Verb am Ende der Neben­sät­ze steht, was dem Gan­zen einen völ­lig ande­ren Rhyth­mus ver­leiht. Mit der Zeit lernt man, das ele­gant auf­zu­lö­sen. Da wird dann aus „Ahir dim­arts a la nit, tornant de casa d’en Dal­mau, ment­re ento­ma­va el ruix­at …“ (wört­lich: Ges­tern Abend, am Diens­tag, als ich von Dal­m­aus Haus zurück­kehr­te, wäh­rend der Regen auf mich nie­der­pras­sel­te …“ ein „Ges­tern Abend, als ich nach mei­nem Gespräch mit Dok­tor Dal­mau im Regen nach Hau­se ging …“

Ange­nehm am Kata­la­ni­schen ist, dass es – auch wenn das eine gro­be Ver­all­ge­mei­ne­rung ist – weni­ger zur Blu­mig­keit neigt als das Por­tu­gie­si­sche oder Spanische.

Eine Beson­der­heit kata­la­ni­scher Roma­ne ist, dass es bei­na­he immer eine Figur gibt, die aus irgend­ei­nem Grund Spa­nisch spricht: weil sie aus einer ande­ren Regi­on Spa­ni­ens kommt, der Obrig­keit ange­hört oder als beson­ders vor­nehm und welt­ge­wandt gel­ten will. Das lässt sich natür­lich nicht ins Deut­sche über­tra­gen, weil die­ser gesell­schaft­li­che Kon­text schlicht und ergrei­fend nicht exis­tiert. Da behel­fe ich mir mit Not­lö­sun­gen, von denen die ein­fachs­te ist, hin­zu­zu­fü­gen „sag­te er/sie auf Spa­nisch“. Zufrie­den­stel­lend ist das nicht und immer wie­der ein The­ma unter Kol­le­gen und Kolleginnen.

Was kann Kata­la­nisch, was Deutsch nicht kann?

Kurz gesagt: nichts. Ich glau­be, es gibt kei­ne Spra­che, die etwas kann, was eine ande­re Spra­che nicht kann, sonst wäre Über­set­zen unmög­lich. Natür­lich gibt es gram­ma­ti­ka­li­sche, lexi­ka­li­sche und kul­tu­rel­le Eigen­hei­ten, für die man krea­ti­ve Lösun­gen fin­den muss. Das lässt einen manch­mal ver­zwei­feln, erfüllt einen aber mit unge­heu­rem Stolz, wenn man eine sol­che Lösung schließ­lich fin­det – die die Leser und Lese­rin­nen, wenn sie rich­tig gut ist, über­haupt nicht wahrnehmen.

Vor eini­gen Mona­ten hat­te ich das Pri­vi­leg, zusam­men mit mei­nem Kol­le­gen Ramon Far­rés die ers­te deutsch-kata­la­ni­sche Vice­Ver­sa-Werk­statt zu lei­ten. Die­se Werk­stät­ten wer­den vom Deut­schen Über­set­zer­fonds ver­an­stal­tet und ermög­li­chen den Erfah­rungs­aus­tausch zwi­schen Über­set­zern und Über­set­ze­rin­nen einer bestimm­ten Spra­che ins Deut­sche mit Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen, die vom Deut­schen in die ande­re Spra­che über­set­zen. Wir hat­ten ein lan­ge Lis­te der spe­zi­fi­schen Schwie­rig­kei­ten erstellt, die uns beim Über­set­zen aus dem Kata­la­ni­schen immer wie­der begeg­nen: Nomi­nal- ver­sus Ver­bal­stil, Umstel­lung von Satz­tei­len, Häu­fung von Neben­sät­zen. Und sie­he da: Bei jedem ein­zel­nen Punkt hieß es von der ande­ren Sei­te: Nein, nein – das macht eure Spra­che, und wir haben die Pro­ble­me damit. Selbst für die oben erwähn­te Beson­der­heit mit dem Gebrauch des Spa­ni­schen in kata­la­ni­schen Roma­nen fan­den sich genü­gend Bei­spie­le, in denen in deut­schen Tex­ten Platt gespro­chen oder ein bestimm­ter Sozio­lekt ver­wen­det wur­de. Eine äußerst lehr­rei­che Erfah­rung, die mei­ne Aus­sa­ge bestätigt.


Kirsten Brandt vor einer Steinwand, sie lächelt und stützt das Kinn in die rechte Hand

Kirs­ten Brandt

Kirs­ten Brandt (geb. 1963) stu­dier­te nach einer Buch­händ­ler­leh­re Por­tu­gie­sisch, Eng­lisch und Deutsch in Frank­furt, Ham­burg, Lis­sa­bon und Bra­ga. 1996 zog sie nach Bar­ce­lo­na. Sie war Lite­ra­tur­agen­tin, Lei­te­rin der Abtei­lung Rech­te und Lizen­zen bei Qua­derns Crema/Acantilado, danach freie Über­set­ze­rin. Seit 2002 lebt sie wie­der in Deutsch­land. Sie über­setz­te Miguel Este­ves Car­do­so und Edney Sil­vest­re aus dem Por­tu­gie­si­schen, Rosa Mon­te­ro, Rober­to Bola­ño und Rosa Ribas aus dem Spa­ni­schen und Mer­cè Rodo­re­da, Jau­me Cabré und Joan Sales aus dem Kata­la­ni­schen. 2005 und 2017 erhielt sie den Über­set­zer­preis der Spa­ni­schen Bot­schaft, 2016 den Pre­mi de Tra­duc­ció Ramon Llull.
Foto: Dolors Pena


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