Katha­ri­na Trie­­b­­­ner-Cabald: die Verfremdende

Mit „Vertraulichkeiten“ von Max Lobe macht der akono Verlag deutschsprachigen Leser*innen ein wichtiges Stück kamerunischer Geschichte zugänglich. Die Stimme der Protagonistin ist im Deutschen jedoch eine andere als im Original. Von

Die Übersetzerin Katharina Triebner-Cabald. Foto: Schwarzenbach Hof

Am 27. April wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

In sei­nem auto­fik­tio­na­len Roman Con­fi­den­ces nimmt Max Lobe uns mit auf eine Rei­se nach Song Mpeck, ein abge­le­ge­nes Dorf in den Wäl­dern Zen­tral­ka­me­runs. Am Anfang die­ser Rei­se zurück in die Hei­mat – Max Lobe, der seit sei­nem 18. Lebens­jahr in der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz lebt, ist in Dua­la, der größ­ten Stadt Kame­runs, gebo­ren und auf­ge­wach­sen − steht eine Iden­ti­täts­su­che und die Fra­ge nach der Bedeu­tung natio­na­ler Iden­ti­tät: Was macht ihn zu einem Kame­ru­ner? Die­se Fra­ge treibt den Autor und Erzäh­ler des Tex­tes im dop­pel­ten Sin­ne um. Zum einen als jemand, der „dort auf der ande­ren Sei­te lebt bei den Wei­ßen“, wie Mâ Mali­ga, die Prot­ago­nis­tin des Romans, ihm unver­blümt vor­hält. Zum ande­ren in einem grund­le­gen­de­ren Sinn: Was macht das Land, in dem jemand lebt oder auf­ge­wach­sen ist, zu sei­nem Land, auch wenn man doch immer nur einen (manch­mal recht klei­nen) Teil davon kennt?

Die Suche nach Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge führt Max Lobe zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te Kame­runs. Beson­ders inter­es­sie­ren ihn die Ereig­nis­se der 1950er Jah­re, über die kaum jemand spricht, und die Per­son Ruben Um Nyo­bès, der das Land, das Mit­te des 19. Jahr­hun­derts von Deut­schen kolo­nia­li­siert und nach dem Ers­ten Welt­krieg zwi­schen Eng­land und Frank­reich auf­ge­teilt wur­de, in die Unab­hän­gig­keit füh­ren und wie­der­ver­ei­nen woll­te. Der Autor liest sich ein in die his­to­ri­sche Fach­li­te­ra­tur und bricht dann auf nach Dua­la, besucht Ver­wand­te und sucht nach Spu­ren Um Nyo­bès im Leben der Men­schen heu­te. Jemand erzählt ihm von Mâ Mali­ga, einer der ältes­ten Bewoh­ne­rin­nen Song Mpecks, dem Geburts­ort Um Nyo­bès. Über ein paar Ecken stellt er Kon­takt her zu deren Sohn, der ihn dann zu ihr bringt. Hier setzt die Erzäh­lung ein.

Gleich nach sei­ner Ankunft erklärt ihm die über Acht­zig­jäh­ri­ge, was er da schon längst weiß:

„Tu sais, mon fils, ici-là, on ne veut tou­jours pas trop par­ler de Um Nyo­bè. Si tu poses des ques­ti­ons sur Um Nyo­bè et sur ce qui s’est vrai­ment pas­sé avec lui, tous ceux qui ont vécu cela te diront seu­le­ment qu’il y eu des évè­ne­ments. Les évè­ne­ments. Jamais per­son­ne ne te dira exac­te­ment de quels évé­ne­ments il s’agit. Wuyè ! On te dira seu­le­ment qu’il y a eu trop de morts.“

„Weißt du, mein Sohn, hier bei uns will man immer noch nicht sehr über Um Nyo­bè spre­chen. Wenn du Fra­gen zu Um Nyo­bè stellst und dazu, was wirk­lich mit ihm geschah, wer­den dir alle, die es erlebt haben, nur ant­wor­ten, dass es Vor­komm­nis­se gab. Die Vor­komm­nis­se. Nie­mals wird irgend­je­mand dir genau sagen, um wel­che Vor­komm­nis­se es sich han­del­te. Wuyè! Man wird dir nur sagen, dass es zu vie­le Tote gab.“

Aber Mâ Mali­ga wird erzäh­len. Einen gan­zen Tag lang taucht die red­se­li­ge alte Frau mit ihrem Gast in ihre Erin­ne­run­gen ein. Der Roman über­lässt ihr fast voll­stän­dig das Wort. Nur gele­gent­lich wird ihre Erzäh­lung von kur­zen, notiz­haf­ten oder apho­ris­ti­schen Anmer­kun­gen des Autors unterbrochen.

Es ist eine unge­wöhn­li­che Stim­me, der wir in Con­fi­den­ces lau­schen, und sie zieht uns sofort in ihren Bann, zieht uns ganz in die Gesprächs­si­tua­ti­on und ihren Bericht mit hin­ein. Unge­bremst erzählt Mâ Mali­ga drauf los, schweift ab, spricht ihr Gegen­über an, stellt ihm Fra­gen, for­dert ihn auf, auch ja gut zuzu­hö­ren, oder noch einen Schluck von dem Palm­wein zu neh­men, den sie zur Fei­er des Tages aus ihrem Ver­steck geholt hat und von dem auch sie trinkt, und zwar reich­lich! Sie redet, wie ihr der Mund gewach­sen ist, hält nichts zurück, ist mal scherz­haft, spöt­tisch, auch empört, dann wie­der ernst und tief bewegt.

In ihrer Erzäh­lung geht es vor allem um die „Vor­komm­nis­se“, die sich in ihrem All­tag abge­spielt haben und die sie als jun­ges Mäd­chen und jun­ge Frau haut­nah mit­er­lebt hat. Nicht ohne einen gewis­sen Stolz sagt sie gleich zu Beginn, dass sie von dem „Poli­tik-Poli­tik-Dings­bums­zeugs da“ nichts ver­ste­he. Aber sie erin­nert sich genau an den Tag, als sie end­lich zum ers­ten Mal mit ihrer Tan­te nach Dua­la in die gro­ße Stadt fah­ren darf, um dort Mani­ok, Boh­nen, Erd­nüs­se und Yams­wur­zeln auf dem Markt zu ver­kau­fen, und sie dort mit­ten in ein Blut­bad gera­ten; sie weiß noch genau, wer im Dorf wie zu Um Nyo­bè und sei­nen Anhän­gern stand und wel­che Kon­flik­te das inner­halb der Gemein­de anheiz­te oder neu ent­fach­te; sie erzählt stolz von ihrer Mut­ter, die zu Tref­fen von Frau­en­grup­pen der Bewe­gung um Um Nyo­bè ging, die ihrem Mann, der mit gro­ßem Eifer an der fran­zö­si­schen Schu­le unter­rich­te­te und die kolo­nia­lis­ti­sche Rhe­to­rik voll­stän­dig ver­in­ner­licht hat­te, die Stirn bot und sich schließ­lich sogar schei­den ließ; und sie weint noch immer bei der Erin­ne­rung dar­an, wie sie am Tag ihrer Hoch­zeit die Fei­er­lich­kei­ten ver­las­sen und in ihrem schö­nen Braut­kleid durch Staub und Schlamm flie­hen musste.

Es ist ein Stück Geschich­te im Klei­nen, das Max Lobe sei­ne Prot­ago­nis­tin Mâ Mali­ga in vie­len all­täg­li­chen Details auf sehr zugäng­li­che Wei­se erzäh­len lässt. Es braucht kei­ne his­to­ri­schen Vor­kennt­nis­se, um ihr zu fol­gen. Auch sie sucht oft nach den rich­ti­gen Begrif­fen, kann sich nicht immer an Jah­res­zah­len erin­nern und bringt Namen leicht durch­ein­an­der. Trotz­dem fehlt es ihrem Bericht nicht an Genau­ig­keit und die Kom­ple­xi­tät der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se mate­ria­li­siert sich auf greif­ba­re Wei­se in ihrer Lebens­welt fern­ab der poli­ti­schen Zen­tren. Mâ Mali­gas Bericht bil­det eine Kehr­sei­te der gro­ßen Erzäh­lung, die man in Geschichts­bü­chern nach­le­sen kann; und wer ange­regt von der Lek­tü­re des Romans dann tat­säch­lich zu einem Geschichts­buch greift, um noch mehr zu erfah­ren, wird Mâ Mali­gas Stim­me und ihre Sicht der Din­ge bestän­dig im Ohr haben.

Das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal unter dem Titel Con­fi­den­ces ist 2016 bei Édi­ti­ons Zoé erschie­nen. Es ist der zwei­te der ins­ge­samt sechs Roma­ne von Max Lobe, den Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald ins Deut­sche über­setzt hat.

Die Jury-Begrün­dung

Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald lässt in ihrer Über­set­zung die deutsch­spra­chi­gen Leser*innen an einem Stück kame­ru­ni­scher Geschich­te und den fata­len spät­ko­lo­nia­len Spu­ren Deutsch­lands dar­in teil­ha­ben. Für die melo­diö­se und humor­vol­le Ora­li­tät der Stim­me von Mâ Mali­ga und die poin­tier­ten Beob­ach­tun­gen des Ich-Erzäh­lers hat Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald über­zeu­gen­de deut­sche Ent­spre­chun­gen gefunden.

Die Über­set­zung

Mit der Über­tra­gung einer so plas­ti­schen, so tem­po­rei­chen und leben­di­gen Erzähl­stim­me wie der von Mâ Mali­ga hat­te Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald wirk­lich kei­ne leich­te Auf­ga­be vor sich, zumal sie mit Ver­trau­lich­kei­ten erst ihre zwei­te Roman­über­set­zung vor­legt. Hin­zu kommt noch eine wei­te­re Schwie­rig­keit, die größ­tes über­set­ze­ri­sches Fein­ge­spür erfor­dert: Die Stim­me der Prot­ago­nis­tin ist auch in sprach­li­cher Hin­sicht viel­schich­tig und bil­det die wech­sel­haf­te, gewalt­vol­le (Kolonial-)Geschichte ihrer Hei­mat ab.

Ihre All­tags­spra­che ist Bassa, aber sie spricht Fran­zö­sisch mit ihrem Gast – das müs­sen wir zumin­dest anneh­men, kön­nen aber nicht sicher sein, ob nicht zumin­dest stel­len­wei­se erst ihr Zuhö­rer ihren Bericht für uns über­setzt. Und Mâ Mali­ga lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass sie nicht viel übrig hat für die Wei­ßen, die Fran­zo­sen, und für ihre Spra­che; bestän­dig mar­kiert sie beim Spre­chen durch Par­ti­kel und Deik­ti­ka Nähe- und Distanz­ver­hält­nis­se, zu ‚denen da‘, den Wei­ßen und ihren komi­schen Vor­stel­lun­gen auf der einen, und zu ihrer eige­nen Lebens­welt auf der ande­ren Seite.

Die­se ande­re Spra­che hin­ter der Spra­che der Erzäh­lung bleibt spür­bar: in ein­zel­nen Aus­drü­cken, die über­nom­men wer­den, in sprach­li­chen Bil­dern, die ins Fran­zö­si­sche über­tra­gen wer­den, im Rhyth­mus und der Melo­die ihrer Rede.

„J’étais enco­re une jeu­ne fil­le lors­que j’entendais Um Nyo­bè et ses cama­ra­des par­ler de leurs mach­ins-trucs de poli­tique-poli­tique-là. Est-ce que tu m’écoutes ? Bien. À cet­te épo­que, per­son­ne n’y com­pre­nait rien à rien. On pen­sait seu­le­ment qu’ils s’amusaient, eux. On pen­sait qu’ils fai­sai­ent trop de bruit dans le vide pour rien. On dis­ait même, pour se moquer d’eux, qu’ils cou­rai­ent en dedans d’un sac. Qu’ils n’allaient about­ir à rien, eux-là. Mais est-ce qu’on pou­vait même s’imaginer que cet­te his­toire-là, l’histoire de l’indépendance dont ils par­lai­ent, allait deve­nir ce que ça a fini par deve­nir ? Est-ce qu’on savait que c’allait deve­nir un truc qui nous dépas­se­r­ait en tail­le, nous ?
Est-ce que tu sais que les gens avai­ent fini par lui don­ner le nom de Mpo­dol ? Tu sais ce que ça veut dire ? Voooi­lààà ! C’est bien. C’est bien que tu n’aies pas oublié nos lan­ges d’ici.“

„Ich war noch ein jun­ges Mäd­chen, als ich hör­te, wie Um Nyo­bè und sei­ne Kame­ra­den über ihr Poli­tik-Poli­tik-Dings­bums­zeugs da spra­chen. Hörst du mir zu? Gut. Zu die­ser Zeit ver­stand nie­mand irgend­et­was davon. Wir dach­ten ein­fach nur, dass sie Spaß dar­an hat­ten. Wir dach­ten, sie mach­ten zu viel Lärm um nichts, ohne ein Ziel. Wir sag­ten sogar, um uns über sie lus­tig zu machen, sie hät­ten sich in etwas ver­rannt. Dass sie nichts errei­chen wür­den. Aber hät­ten wir uns vor­stel­len kön­nen, dass die­se Geschich­te da, die Geschich­te der Unab­hän­gig­keit, von der sie spra­chen, das wer­den wür­de, was sie letzt­end­lich gewor­den ist? Wuss­ten wir etwa, dass das ein Ding wer­den wür­de, dem wir bei Wei­tem nicht gewach­sen sein wür­den? 
Weißt du, dass die Leu­te ihm schließ­lich den Namen Mpo­dol gaben? Weißt du, was das heißt? Gaa­anz gen­aa­au! Das ist gut. Es ist gut, dass du unse­re Spra­chen von hier nicht ver­ges­sen hast.“

Auch ohne Fran­zö­sisch­kennt­nis­se bekommt man bei der Lek­tü­re von Katha­ri­na Trieb­ner-Cabalds Über­set­zung schnell den Ein­druck, dass sich die Sät­ze ganz nah am anders­spra­chi­gen Ori­gi­nal einer eigen­sin­ni­gen, unge­wöhn­li­chen Erzähl­stim­me ent­lang bewe­gen. Stel­len­wei­se mag man viel­leicht in den Schach­tel­sät­zen ein wenig stol­pern, aber da klingt eine Erzähl­stim­me durch, die fas­zi­niert und lockt, und für die man viel­leicht auch über ein paar gram­ma­ti­ka­li­sche Hol­pe­rer hin­we­g­liest. Und viel mehr kann man sich für die Über­set­zung eines so kom­ple­xen, klang­lich-sinn­li­chen Tex­tes eigent­lich nicht wün­schen: Leser*innen, die bereit sind, das Unge­wohn­te, das Frem­de aus­zu­hal­ten und dafür im Ver­trau­en in die* Über­set­ze­rin* beim Lesen der Über­set­zung immer auch eine Ahnung, ein aus der Fer­ne durch­klin­gen­des Echo des fremd­spra­chi­gen Ori­gi­nals zu hören.

Spä­tes­tens bei einem ver­glei­chen­den Blick ins Ori­gi­nal wird die­ser Ein­druck lei­der schnell getrübt. Tat­säch­lich bleibt die Über­set­zung sehr nah an der fran­zö­si­schen Satz­struk­tur, und stel­len­wei­se scheint das auf den ers­ten Blick viel­leicht noch zu funk­tio­nie­ren. „Ich war noch ein jun­ges Mäd­chen, als ich hör­te, wie Um Nyo­bè und sei­ne Kame­ra­den über ihr Poli­tik-Poli­tik-Dings­bums­zeugs da spra­chen.“ – Da bekommt man doch eine gute Vor­stel­lung von Mâ Mali­gas cha­rak­te­ris­ti­scher Rede­wei­se. Trotz­dem wol­len Ton und Regis­ter der Über­set­zung ein­fach nicht recht zum Ori­gi­nal pas­sen. Wür­de Mâ Mali­ga, sprä­che sie Deutsch, sagen, Um Nyo­bè und sei­ne Kame­ra­den „spra­chen“? Wür­de sie sagen „zu die­ser Zeit“, um uns von den Jah­ren zu berich­ten, die sie uns so greif­bar und leben­dig und in so flap­si­ger Aus­drucks­wei­se vor Augen stellt? Wür­de sie in den Schach­tel­sät­zen vol­ler Infi­ni­ti­ve und schul­buch­mä­ßi­gem Kon­junk­tiv spre­chen, die bei der Wort-für-Wort-Über­tra­gung des fran­zö­si­schen Satz­baus ent­ste­hen? Wohl eher nicht.

„Ils ont dit dans leur télé-là un jour, et je les ai bien enten­dus avec mes deux oreil­les-ci, qu’on peut même trou­ver chez eux de bons liv­res qui par­lent de not­re Um Nyo­bè avec leurs gros-gros fran­çais des Blancs. Le savais-tu ? Est-ce que tu as pu lire ces liv­res-là ? Bien. Qu’est-ce qu’ils racon­tent là-dedans ? S’il-te-plaît, une fois là-bas chez vous, fais-en une tra­duc­tion en bassa. Tu m’entends ? Uhum. Com­me ça, lors­que tu revi­en­dras ici, si je suis enco­re en vie, tu pour­ras me le lire ; et je pour­rai alors, moi Mâ Mali­ga, te dire si ce qu’ils ont écrit en dedans de leurs liv­res-là est vrai ou si c’est seu­le­ment un sac de men­son­ges.
Qu’est-ce que tu dis ? Qu’on ne peut pas tra­dui­re ça en bassa ? Mais mon fils, qui donc a tra­duit leur Bible à eux en bassa ? Ils n’ont qu’à retrou­ver celui qui l’a fait, et qu’il le fas­se aus­si pour ces liv­res-là que tu as lus. Tu m’entends ? Voooilààà.“

„Sie haben in ihrem Fern­se­hen da eines Tages gesagt, und ich habe es genau gehört mit mei­nen bei­den Ohren hier, dass man bei ihnen sogar gute Bücher fin­den kann, die in ihrem fei­nen-fei­nen Fran­zö­sisch der Wei­ßen da von unse­rem Um Nyo­bè spre­chen. Wuss­test du das? Konn­test du die­se Bücher da lesen? Gut. Was erzäh­len sie dar­in? Bit­te, wenn du wie­der dort bei euch bist, mach eine Über­set­zung auf Bassa davon. Hörst du? Mhm. So kannst du sie mir dann vor­le­sen, wenn du hier­her zurück­kehrst und ich noch am Leben bin. Und ich, Mâ Mali­ga, wer­de dir dann sagen kön­nen, ob das, was sie da in ihre Bücher geschrie­ben haben, wahr ist oder ob es nur ein Sack vol­ler Lügen ist.
Was sagst du? Man kann das nicht auf Bassa über­set­zen? Aber mein Sohn, wer hat denn dann ihre Bibel auf Bassa über­setzt? Sie brau­chen nur den wie­der­zu­fin­den, der das gemacht hat, und er soll das dann auch für die­se Bücher da machen, die du gele­sen hast. Hörst du? Gaa­anz genaaau.“

Je wei­ter man liest, des­to mehr fällt auf, wie nah der deut­sche dem fran­zö­si­schen Satz­bau folgt, ohne dass das Ergeb­nis eine prä­zi­se Über­set­zung wäre. Die deut­schen Sät­ze sind umständ­lich und wir­ken wenig münd­lich, die Poin­tiert­heit und der Rhyth­mus von Mâ Mali­gas stür­mi­scher Erzähl­stim­me gehen teil­wei­se völ­lig ver­lo­ren. Auch die Über­set­zung der aus dem Bassa über­nom­me­nen Redu­pli­ka­ti­on von Adver­bi­en oder Adjek­ti­ven klingt oft eher stumpf, wenn wie hier bei dem „fei­nen-fei­nen Fran­zö­sisch der Wei­ßen“ für das „gros-gros fran­çais des Blancs“ statt ein- mehr­sil­bi­ge Wör­ter ver­dop­pelt wer­den. „So“ als Kon­junk­ti­on für das münd­li­che, idio­ma­ti­sche „com­me ça“ in „So kannst du sie mir dann vor­le­sen…“ klingt im Deut­schen schräg und und im anschlie­ßen­den „wenn“ ver­schmel­zen zwei im fran­zö­si­schen Text von­ein­an­der abge­ho­be­ne Kon­di­tio­nal­sät­ze, die sehr unter­schied­li­che Wahr­schein­lich­keits­gra­de ausdrücken.

Das „Voooi­lààà“ am Ende die­ses Abschnitts taucht im Text sehr häu­fig auf und ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie Max Lobe einem die Spre­che­rin mit sehr ein­fa­chen Mit­teln klar vor Augen tre­ten lässt. Im Ori­gi­nal schmun­zelt man da viel­leicht, weil sich in der leicht über­trie­ben schrift­li­chen Wie­der­ga­be die­ses „voooi­lààà“ auch ein wenig der amü­sier­te Blick des Erzäh­lers auf die Prot­ago­nis­tin erken­nen lässt. Die Über­set­ze­rin hat sich für ein ein­heit­li­che Über­set­zung die­ses so cha­rak­te­ris­ti­schen, wie­der­keh­ren­den Ele­ments im Text ent­schie­den, was aber nicht auf­geht, weil „voi­là“ seman­tisch mehr Spiel hat, fle­xi­bler ist als „ganz genau“. Hier zum Bei­spiel ist es weni­ger zustim­mend im Sin­ne von ‚ja, das stimmt, da hast du recht‘ gemeint, son­dern eher ein her­ab­las­sen­des, spöt­ti­sches ‚na siehst du, sag ich doch‘.

Gele­gent­lich tau­chen in Mâ Mali­gas Bericht auch deut­sche Aus­drü­cke auf, die sich im Sprach­ge­brauch der älte­ren Dorf­be­woh­ner erhal­ten haben und die sie zum Teil auch selbst ver­wen­det. Auch bei der Ein­bin­dung die­ser im Ori­gi­nal klar als fremd­spra­chig erkenn­ba­ren Ele­men­te hät­te man sich in der Über­set­zung etwas mehr Prä­zi­si­on gewünscht.

„Aaah, mon fils! Tu vas cro­i­re que je te racon­te des his­toires, pour­tant c’est la vraie-vraie véri­té que moi Mali­ga je te dis là: nous appor­ti­ons aus­si à man­ger aux sur­veil­lants de not­re camp, sur­tout à ceux de not­re cou­leur de peau… C’est-à-dire que… par­ce que nous, nous n’étions pas des Dumm­kopf, quand même. Nous savi­ons bien ce que nous fai­si­ons. C’était une façon d’acheter un peu de leur pitié, pour avoir un peu de liber­té. Les his­toires de cor­rup­ti­on dont on nous par­le tous les jours matin-midi-soir dans ce pays-ci, ce n’est pas aujourd’hui que ca a com­men­cé. Heu­reu­se­ment que je n’ai même plus la télé pour regar­der leurs cho­ses de corruption-là.“

„Aaach, mein Sohn! Du wirst glau­ben, dass ich dir Geschich­ten auf­ti­sche, doch das ist die wah­re-wah­re Wahr­heit, die ich, Mali­ga, dir hier erzäh­le: Wir brach­ten auch den Auf­se­hern unse­res Lagers zu essen, vor allem denen, die unse­re Haut­far­be hat­ten… Das heißt, dass… denn wir, wir waren schließ­lich kei­ne Dumm­köp­fe. Wir wuss­ten genau, was wir taten. Es war eine Art und Wei­se, ein biss­chen ihres Mit­leids zu kau­fen, um ein wenig Frei­heit zu haben. Die Kor­rup­ti­ons­ge­schich­ten, von denen man uns in die­sem Land jeden Tag mor­gens, mit­tags und abends erzählt, die gibt es nicht erst seit heu­te. Zum Glück habe ich kei­nen Fern­se­her mehr, um ihr Kor­rup­ti­ons­zeug da zu sehen.“

Durch die Kur­si­vie­rung dürf­te für die meis­ten Leser*innen klar wer­den, dass es sich hier um ein Wort han­delt, das auch im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal ein deut­sches Wort ist. Das teilt sich in der Über­set­zung aller­dings nur noch über die Typo­gra­phie, also in einer Form von Meta­kom­men­tar mit. Kur­si­viert sind die Begrif­fe zwar auch im Ori­gi­nal, schaut man genau­er hin, fällt aber auf, dass „Dumm­kopf“, genau wie ande­re wie­der­keh­ren­de deut­sche Aus­drü­cke, zwar flüs­sig in den fran­zö­si­schen Satz ein­ge­bun­den, aber nicht dekli­niert wer­den. Außer­dem wech­selt „Dumm­kopf“ in der Ver­wen­dung der Bassa gele­gent­lich auch die Wort­art und wird zum Adjek­tiv. Damit hät­te man auch in der Über­set­zung gut arbei­ten können.

Ist man bereit, sich auf die etwas müh­sa­me Lek­tü­re der recht schwer­fäl­li­gen Über­set­zung von Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald ein­zu­las­sen, ver­liert die Erzäh­lung ihren Reiz viel­leicht trotz­dem nicht ganz. Denn mit Ver­trau­lich­kei­ten haben die Über­set­ze­rin und der Ako­no-Ver­lag dem deutsch­spra­chi­gen Lese­pu­bli­kum einen wirk­lich her­aus­ra­gen­den Roman zugäng­lich gemacht und es, wie es in der Jury­be­grün­dung heißt, „an einem Stück kame­ru­ni­scher Geschich­te und den fata­len spät­ko­lo­nia­len Spu­ren Deutsch­lands dar­in teil­ha­ben“ las­sen. Die Stim­me, der man in der Über­set­zung folgt, ist dabei aber eine merk­lich ande­re als im Ori­gi­nal. Ein gelun­ge­nes Bei­spiel für die Über­set­zung melo­diö­ser und humor­vol­ler Münd­lich­keit ist die Über­set­zung also lei­der nicht.

Lieb­lings­stel­le

Beim Anblick mei­ner Tan­te, die mit so siche­rem Schritt vor­an­ging, hät­te man mei­nen kön­nen, dass nichts Schlim­mes gesche­hen sei. Dass uns über­haupt nichts gesche­hen sei. Man hät­te mei­nen kön­nen, wir hät­ten nicht mit eige­nen Augen den Tod, Tote, Ver­letz­te, Ver­letz­te, die mit einer Mache­te erle­digt wor­den waren, mit offe­nem Bauch, Kopf und Augen gese­hen. Beim Anblick, wie sie so schnell-schnell vor­an­ging mit so schlan­ken Bei­nen wie die einer Anti­lo­pe aus unse­ren Wäl­dern, hät­te man sogar glau­ben kön­nen, dass nicht sie, die Mache­ten-Köni­gin, eine lei­chen­haf­te Lei­che mit ihrem gro­ßen Mani­ok­mes­ser erle­digt hat­te, wie es die Män­ner in Zivil taten. Sie wirk­te ruhig. Kein Aus­druck auf ihrem Gesicht. Nur Gelas­sen­heit. Im Gleich­ge­wicht auf ihrem Kopf der Korb mit Mani­ok. War es das Gewicht des Mani­ok­kor­bes auf ihrem Kopf, das sie so gelas­sen blei­ben ließ? Oder war es die Wär­me des schwar­zen Hah­nes, den sie jetzt mit ihrer rech­ten Hand an den Flü­geln fest­hielt, der ihr ein klei­nes biss­chen Leben zurück­gab? Sie schritt gera­de­aus vor­an und dreh­te sich nicht um, um zu sehen, wo ich blieb. Sie sag­te nur: „Lauf. Lauf schnell, mei­ne Toch­ter. Wir haben kei­ne Zeit zu verlieren.“



Max Lobe | Katha­ri­na Trieb­ner-Cabald

Ver­trau­lich­kei­ten


ako­no 2022 ⋅ 268 Sei­ten ⋅ 20 Euro


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