Bri­git­te Olesch­in­ski und Osman Yous­u­fi: die Ausdrucksstarken

Mit zarten Tönen bis hin zu beißendem Spott entfaltet Lina Atfah ein bildstarkes Spektrum menschlichen Seins. Brigitte Oleschinski und Osman Yousufi sind mit ihrer Übertragung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2023 nominiert. Von

Brigitte Oleschinski, Lina Atfah und Osman Yousufi sitzen in Sommerkleidung an einem Gartentisch vor einer Villa.
Die Autorin Lina Atfah (Mitte) mit der Lyrikerin und Übersetzerin Brigitte Oleschinski (links) und ihrem Übersetzer Osman Yousufi (rechts). Foto: Solveig Bostelmann

Am 27. April wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­ge­ben, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

„Rück­kehr“ heißt das ers­te Gedicht in Grab­tuch aus Schmet­ter­lin­gen von Lina Atfah. Mit ihrem zwei­ten ara­bisch-deut­schen Gedicht­band mel­det sich die syri­sche Dich­te­rin kraft­voll zurück – auch wenn sich das Zurück­keh­ren hier zunächst weni­ger an ein grö­ße­res Publi­kum als an ein (im ara­bi­schen Ori­gi­nal männ­li­ches) „Du“ rich­tet. Zugleich weckt die Bild­spra­che Asso­zia­tio­nen an den Wunsch vie­ler ver­trie­be­ner Syrer:innen, ihre Hei­mat wie­der­zu­se­hen. Ein­ge­bet­tet zwi­schen ein Vor­wort von Jan Wag­ner und Anmer­kun­gen zur Nach­dich­tung fin­den sich 30 Gedich­te – jeweils im ara­bi­schen Ori­gi­nal oder in der deut­schen Über­tra­gung von Bri­git­te Olesch­in­ski und Osman Yous­u­fi, je nach­dem, von wel­cher Sei­te das Buch auf­ge­schla­gen wird.

Neben der inhalt­li­chen Stär­ke der Gedich­te und ihrer Nach­dich­tun­gen über­zeugt damit zugleich der for­ma­le Auf­bau: Die ara­bi­schen Ori­gi­na­le fris­ten hier kein Schat­ten­da­sein in einem auf deutsch­spra­chi­ge Leser:innen aus­ge­rich­te­ten Buch. Viel­mehr prä­sen­tiert die zwei­spra­chi­ge Aus­ga­be bei­de Spra­chen auf Augen­hö­he und wird damit zugleich der Rea­li­tät unse­rer Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft gerecht. Dass es aber zu kurz greift, Atfahs Gedich­te allein durch die Bril­le von Krieg, Flucht und Exil zu lesen, wird nicht erst in ihrem Coro­na-Gedicht „2020“ deut­lich. Dar­in setzt sie der glo­ba­len Kri­se der Pan­de­mie ein sehr per­sön­li­ches Denk­mal. Vie­le dürf­ten sich wie­der­fin­den, wenn sie das buch­stäb­li­che Dahin­ve­ge­tie­ren in Wor­te fasst: „Ich grüß­te Kaf­kas Ver­wand­lung / und rief ihm zu, ich sei inzwi­schen / eine Pflan­ze geworden.“

Kon­kre­te ara­bi­sche und deut­sche Ein­flüs­se ver­mi­schen sich an vie­len Stel­len auf pro­duk­ti­ve Wei­se und zei­gen, dass schon die Gedich­te selbst ein Stück weit Über­set­zungs­ar­beit leis­ten: bei­spiels­wei­se, wenn Atfah den vor­is­la­mi­schen Dich­ter Imru al-Qais, der für sei­ne Gedich­te eben­so berühmt ist wie für sei­ne Eska­pa­den, vor den Ber­li­ner Tech­no-Club Berg­hain ver­setzt – zwi­schen Rausch­zu­stän­de, Nost­al­gie und büro­kra­ti­sches Behör­den­di­ckicht. Eben­so­we­nig dür­fen in die­sem Gedicht­band Anspie­lun­gen auf die jün­ge­re syri­sche Geschich­te feh­len. Die­se ver­wei­sen aber zugleich auf die dahin­ter lie­gen­den Grund­fra­gen wie Gerech­tig­keit und ver­lei­hen den Gedich­ten eine Gül­tig­keit weit über die Gren­zen ein­zel­ner Län­der oder Spra­chen hinaus.

In fei­nen Beob­ach­tun­gen und manch­mal gera­de­zu schmerz­haft prä­zi­sen Bil­dern ent­fal­tet Atfah ein ein­drück­li­ches Spek­trum mensch­li­cher Exis­tenz. Zart­heit und Ver­letz­lich­keit haben in ihren Gedich­ten eben­so Raum wie iro­ni­sche Bre­chun­gen bis hin zu einem teils bei­ßen­den Spott. Das kann getrost auch als lyri­sche Kampf­an­sa­ge an patri­ar­cha­le Zusam­men­hän­ge ver­stan­den wer­den. Ins­be­son­de­re, wenn unter dem Titel „Ent­schul­di­gung“ das lyri­sche Ich in erfri­schend selbst­be­wuss­tem Ton der Ver­söh­nung mit einem – vor­sich­tig for­mu­liert – unan­ge­neh­men Lieb­ha­ber oder Part­ner eine kra­chen­de Absa­ge erteilt. Dabei stei­gert sich das Gedicht zu einer Schluss­poin­te, die man am liebs­ten allen pro­mi­nen­ten bis weni­ger bekann­ten Me-Too-Tätern übers Bett hän­gen möchte.

Auch ande­re Gedich­te tre­ten in ein span­nungs­rei­ches Ver­hält­nis zu ihrem Titel und neh­men zugleich in der Art ihrer Rei­hen­fol­ge schlüs­sig Bezug auf­ein­an­der. Mit der 1989 gebo­re­nen Lina Atfah hat eine star­ke weib­li­che Stim­me die deutsch-ara­bi­sche Lite­ra­tur­sze­ne betre­ten, die abso­lut auf der Höhe der Zeit femi­nis­ti­sche wie inter­kul­tu­rel­le The­men ver­han­delt, ohne dass dabei die poli­ti­sche Ebe­ne auf Kos­ten der lyri­schen Qua­li­tät gin­ge. Die jun­ge Dich­te­rin lässt auf noch viel Gro­ßes hoffen.

Die Jury-Begrün­dung

Die aus Syri­en nach Deutsch­land geflüch­te­te Autorin Lina Atfah hat mit Bri­git­te Olesch­in­ski und Osman Yous­u­fi eine Nach­dich­te­rin und einen Über­set­zer gefun­den, die der Kraft, dem Reich­tum und der Wär­me ihrer Gedich­te gerecht wer­den. Der Lyrik­band Grab­tuch aus Schmet­ter­lin­gen öff­net das Tor zu ihrer beson­de­ren Art der Wahr­neh­mung zwi­schen den Kulturen.

Die Über­set­zung

Der Über­set­zer Osman Yous­u­fi und die Lyri­ke­rin Bri­git­te Olesch­in­ski, die für ihre Gedich­te unter ande­rem den Peter-Huchel-Preis und den Erich-Fried-Preis erhielt und auf 30 Jah­re Erfah­rung im Nach­dich­ten fremd­spra­chi­ger Lyrik zurück­bli­cken kann, machen Atfahs Gedich­te stil­si­cher für ein deutsch­spra­chi­ges Publi­kum zugäng­lich. Ohne eige­ne Ara­bisch­kennt­nis­se war Olesch­in­ski dabei auf die Wort-zu-Wort-Über­set­zun­gen von Yous­u­fi und inten­si­ve Gesprä­che mit ihm und Atfah selbst ange­wie­sen. Dass der Pro­zess mit man­chen Ver­zweif­lungs­mo­men­ten ein­her­ging, schil­dert die deut­sche Lyri­ke­rin eben­falls sehr lesens­wert in ihrem Tole­do-Jour­nal Trans­mit­ter­zwit­ter. Die Nach­dich­tun­gen selbst zeu­gen vor allem von der Frucht­bar­keit die­ses Austauschs.

Denn die deutsch­spra­chi­gen Ver­sio­nen fan­gen die bild­star­ke Spra­che der Ori­gi­na­le tref­fend ein und neh­men sich an geeig­ne­ter Stel­le die not­wen­di­ge Frei­heit, um ihren eige­nen Ton­fall und Rhyth­mus zu fin­den. So lis­tet das Gedicht „Illu­sio­nen“ in knap­pen Umris­sen Wider­sprü­che von Selbst­bild und Fremd­bild auf. Im ara­bi­schen Ori­gi­nal fol­gen die 14 Stro­phen von je zwei Ver­sen einem fes­ten Mus­ter: „xx zwi­schen zwei Spie­geln / hält sich selbst für yy“ wäre mit jeweils wech­seln­den Gegen­satz­paa­ren die wört­li­che Über­set­zung, wobei die For­mel­haf­tig­keit erst im Schluss­vers auf­ge­bro­chen wird. Doch wo im Ara­bi­schen gera­de die­se struk­tu­rel­le For­mel­haf­tig­keit in den Bann zieht und dem Gedicht sein Tem­po ver­leiht, wür­de eine zu wört­li­che Über­set­zung im Deut­schen sicher mono­ton und lang­wie­rig wir­ken. Auch der wei­che Klang mit Bin­nen­reim des ara­bi­schen bey­na mir’ateyn – im Gegen­satz zum zischen­den Klang von „zwi­schen zwei Spie­geln“ – ruft regel­recht nach einer krea­ti­ve­ren Nach­dich­tung. Im Deut­schen set­zen Olesch­in­ski und Yous­u­fi mit dem ers­ten Vers „Zwi­schen zwei Spie­geln“ gleich einen Rah­men, der ellip­tisch in den fol­gen­den Stro­phen nach­hallt. So nimmt das Gedicht auch im Deut­schen schnell Fahrt auf:

Das zen­tra­le Motiv der Spie­gel und der iro­ni­schen Bre­chung offen­sicht­li­cher Fehl­ein­schät­zun­gen bleibt erhal­ten. So harm­los und gera­de­zu bei­läu­fig die Gegen­sät­ze zunächst daher­kom­men, so viel steckt doch in ihnen. Nicht nur Fra­gen von Selbst­über­schät­zung und Selbst­un­ter­schät­zung klin­gen hier an – Ver­se wie „Sieht sich der Stift / als gan­ze Armee“ ver­wei­sen auch auf die poli­ti­sche Dimen­si­on. In einem Ver­wirr­spiel von gefähr­li­chen, mili­tä­ri­schen Din­gen einer­seits und harm­lo­sen oder gar nütz­li­chen Din­gen ande­rer­seits wer­den zugleich gän­gi­ge Mus­ter von Täter-Opfer-Umkehr sicht­bar gemacht und auf­ge­bro­chen. Dabei stei­gert sich das Gedicht, bis in der letz­ten Stro­phe das Opfer selbst alle Täu­schun­gen durch­bricht: Statt in sei­nem Leid iso­liert zu sein, sieht es „vie­le ande­re / mit sich wei­nen“ und schafft so Ver­bun­den­heit und ein Poten­zi­al, Gewalt­kreis­läu­fe zu über­win­den. Durch die redu­zier­te Form kommt das Gedicht ohne Pathos aus:

Die Spie­gel als Motiv zie­hen sich noch durch wei­te­re Gedich­te, eben­so wie Gewalt in ihren ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen sprach­lich unter die Lupe genom­men wird: von der Gewalt im Krieg über Gewalt gegen Frau­en und Kin­der bis zu ganz bei­läu­fi­gen Mikro­ag­gres­sio­nen beim all­täg­li­chen Ein­kau­fen. Dabei zählt es zu den Stär­ken der Gedich­te, dass die Ver­zweif­lung nie Über­hand gewinnt. Iro­nie ist hier nicht nur Stil­mit­tel, um Wider­sprü­che zu ent­lar­ven. Sie gerät mal zur Waf­fe, mal zur Überlebensstrategie.

Im Gedicht „Kakao“, das dem kur­disch-syri­schen Dich­ter und Mit­grün­der einer Sati­re-Zei­tung Luk­man Der­ky gewid­met ist, wird Humor in sei­nen ver­schie­de­nen Schat­tie­run­gen regel­recht durch­de­kli­niert. Gleich am Anfang wird die Idee der roman­ti­schen Lie­be durch „streu­nen­de Kater“ und „brüns­ti­ge Eich­hörn­chen“ durch­bro­chen. Dann wird die nost­al­gi­sche Bemer­kung des lyri­schen Ichs „Die Lyrik ist nicht mehr, was sie mal war, / aber den Leu­ten ist das schnurz“ von einem Gegen­über gekon­tert mit „Die Leu­te sind nicht mehr, was sie mal waren, / aber der Lyrik ist das schnurz“. So gerät der Witz im Lau­fe des Gedichts in immer exis­ten­zi­el­le­re Gefil­de, bis das lyri­sche Ich, das sich in der drit­ten Stro­phe als „Mann mit unheil­ba­ren Wun­den“ und einem unver­söhn­li­chen Kon­flikt mit sei­nem Vater prä­sen­tiert, schließ­lich in einen „Witz­krampf“ ver­fällt. Die­se äußerst gelun­ge­ne Wort­schöp­fung ver­leiht dem zor­ni­gen Lachen des Ori­gi­nals (ḍaḥ­ka ġāḍi­ba) Aus­druck und kommt ihm zugleich klang­lich näher als eine wört­li­che Über­set­zung. Zwi­schen eige­nen Ver­let­zun­gen und Bös­ar­tig­keit „feixt“ das lyri­sche Ich gründ­lich über sei­ne Mit­men­schen, Sol­da­ten und die Lie­be. Das Lachen wird zum Instru­ment, um den eige­nen Sta­tus zu sichern oder Frau­en zu ködern, und beglei­tet das lyri­sche Ich schließ­lich durch Krieg und Flucht:

So groß die The­men auch erschei­nen, so prä­gnant sind die Meta­phern und Asso­zia­tio­nen, die Atfah in ihren Gedich­ten evo­ziert. Dass die ara­bi­sche Lyrik Begrif­fe wie „Lie­be“, „Wahr­heit“ oder „Ein­sam­keit“ sehr viel bes­ser ver­trägt als deut­sche Gedich­te, haben Olesch­in­ski und Yous­u­fi kunst­fer­tig in ihre Nach­dich­tun­gen ein­ge­floch­ten, ohne die Grund­aus­sa­gen zu ver­fäl­schen. Der Mut zu Aus­las­sung, Ver­kür­zung und freie­rer Über­tra­gung an geeig­ne­ter Stel­le machen die Stär­ke der Nach­dich­tun­gen aus: Sie ver­lei­hen ihnen glei­cher­ma­ßen Rhyth­mus und ver­hin­dern im Deut­schen eine zu pathe­ti­sche Wir­kung. Wo sich die par­al­le­len Struk­tu­ren im Ara­bi­schen kaum lyrisch ins Deut­sche über­tra­gen las­sen, hat das Über­set­zungs­duo eine über­zeu­gen­de eige­ne Struk­tur ent­wor­fen. Olesch­in­ski und Yous­u­fi haben Nach­dich­tun­gen geschaf­fen, die sprach­mäch­tig die uni­ver­sel­len Grund­ge­dan­ken von Atfahs Gedich­ten für deut­sche Leser:innen übertragen.

Lieb­lings­stel­le

Unse­re Fein­de haben alles ver­zeich­net,
aber sie haben nicht bemerkt,
wie ihre toten Blät­ter sich über­leb­ten,
sie haben das Lächeln über­se­hen
und das Mäd­chen,
das jetzt das Bild beschreibt
unter dem Baum, der sie
beschirmt.



Lina Atfah | Bri­git­te Olesch­in­ski und Osman Yous­u­fi

Grab­tuch aus Schmet­ter­lin­gen
Gedich­te Arabisch-Deutsch


Pend­ra­gon 2022 ⋅ 168 Sei­ten ⋅ 22 Euro


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