Den Sprung aus dem Fens­ter wagen

Iran blickt nicht nur auf eine jahrhundertealte Literaturtradition zurück, sondern hat auch spannende und hochkarätige Gegenwartsliteratur zu bieten – die aufgrund der Zensurbestimmungen im Land manchmal sogar zuerst in deutscher Übersetzung erscheint. Von

Gemälde aus der Reihe I am not me der iranischen Künstlerin Samira Eskandarfar. Quelle: WikiArt. (c) Samira Eskandarfar, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

Eine so berühm­te wie bezeich­nen­de Anek­do­te aus dem ira­ni­schen Lite­ra­tur­be­trieb geht wie folgt: Als das für Zen­sur zustän­di­ge Kul­tur­mi­nis­te­ri­um Mah­moud Dou­la­ta­ba­dis Roman Der Colo­nel geprüft hat­te, teil­te es dem Autor mit, das Buch sei ein Meis­ter­werk, kön­ne aber unmög­lich publi­ziert wer­den. So wur­de deut­sche Über­set­zung von Bah­man Nir­um­and (Uni­ons­ver­lag 2009) zur Welt­erst­aus­ga­be, wei­te­re Über­set­zun­gen auf Ita­lie­nisch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Tür­kisch folgten.

Ähn­lich absurd ging es bei Amir Hassan Cheh­el­tan zu, des­sen Roman Tehe­ran, Revo­lu­ti­ons­stra­ße (Deutsch von Susan­ne Bag­he­sta­ni, P. Kirch­heim 2009) eben­falls zuerst auf Deutsch, dann in zahl­rei­chen wei­te­ren Spra­chen und schließ­lich erst 2022 auf Per­sisch erschien. Sein wohl wich­tigs­tes Werk, Ira­ni­sche Däm­me­rung (Deutsch von Jut­ta Him­mel­reich u. Far­sin Ban­ki; P. Kirch­heim 2015), wur­de 2007 mit dem staat­li­chen Buch­preis als ‚Buch des Jah­res‘ bedacht – was Cheh­el­tan ablehn­te, er woll­te kei­ne Aus­zeich­nung der­sel­ben Behör­de, die Bücher zen­siert. Doch die Ant­wort kam prompt: Er kön­ne den Preis gar nicht ableh­nen, denn den erhal­te ja das Buch, nicht der Autor. 

Alle drei Bücher befas­sen sich mit der ira­ni­schen Geschich­te im 20. Jahr­hun­dert, mit der Zeit der Schah-Dik­ta­tur, den Ver­wer­fun­gen der Isla­mi­schen Revo­lu­ti­on von 1979, dem blu­ti­gen Mär­ty­rer­kult im Iran-Irak-Krieg der Acht­zi­ger Jah­re und den Ris­sen, die all das in der Zivil­ge­sell­schaft hin­ter­las­sen hat, den Ris­sen, die sich durch die Fami­li­en und das Leben von Grund auf ver­än­dert haben. Cheh­el­ten (*1956) und Dou­la­ta­ba­di (*1940) sind zwei gewich­ti­ge Stim­men der ira­ni­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur, Dou­la­ta­ba­di einer jener Autoren, die längst den Nobel­preis hät­ten erhal­ten müs­sen, in Stock­holm aber kon­se­quent über­gan­gen wer­den. Gro­ße Erzäh­ler, deren Werk zwar einer­seits expli­zit ira­nisch ist, ande­rer­seits aber weit über jede Regio­na­li­tät hin­aus­ragt, nicht zuletzt auf­grund ihres genau­en Blicks für his­to­ri­sche und glo­ba­le Zusam­men­hän­ge sowie ihrer Fähig­keit, die Deto­na­tio­nen des Poli­ti­schen im Pri­va­ten ins All­ge­mein­gül­ti­ge zu übertragen. 

Dass gleich meh­re­re Bücher bei­der Autoren auf Deutsch vor­lie­gen, hat nicht nur mit ihrem lite­ra­ri­schen Sta­tus zu tun, son­dern auch mit ihren The­men. Wirft man einen Blick auf das, was an Über­set­zun­gen aus dem Per­si­schen auf dem deut­schen Buch­markt lan­det, fällt eine gewis­se Mono­the­ma­tik auf: Die meis­ten die­ser Tex­te sind poli­tisch; The­men wie die Schah-Zeit und die Revo­lu­ti­on sind über­re­prä­sen­tiert, was leicht einen fal­schen Ein­druck ent­ste­hen las­sen kann, dabei liegt das an der oft recht engen Aus­wahl des­sen, was deut­sche Ver­la­ge für ver­käuf­lich hal­ten – Bücher, die sich mög­lichst expli­zit um Poli­tik und Repres­si­on dre­hen; alles ande­re wird, zumin­dest von den noto­risch mut­lo­sen Publi­kums­ver­la­gen, weit­ge­hend ignoriert. 

Die Pro­ble­ma­tik fin­det sich bei vie­len nicht­west­li­chen Lite­ra­tu­ren. „Mit deut­schen Ver­la­gen ist es schon tra­gisch“, sagt der Über­set­zer Mah­moud Hoss­ei­ni Zad, „obwohl sie so viel grö­ße­re Frei­hei­ten haben als die Ver­la­ge in Iran. Sie wol­len nur Poli­tik. Sie haben ihre Ori­ent-Vor­stel­lung vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts mit Harem, Sul­tan und Skla­ven, bis heu­te nicht abge­legt. Sie wol­len Bücher über Mul­lahs, Aya­tol­lahs, Pas­dar­an und Gefäng­nis­se. Heißt, sie wol­len eigent­lich kei­ne Literatur.“

Wes­we­gen es umso wich­ti­ger ist, dass es Klein­ver­la­ge gibt, die einen ande­ren, weni­ger markt­kon­for­men Blick haben, allen vor­an der Sujet Ver­lag, die Edi­ti­on Ori­ent, der Uni­ons­ver­lag und eini­ge wei­te­re, denn Iran ist seit jeher eine Lite­ra­tur­na­ti­on – das wis­sen wir spä­tes­tens, seit Rück­ert, Ham­mer-Purg­stall und Goe­the uns den gro­ßen per­si­schen Dich­ter Hafez näher­brach­ten. Vie­le der per­si­schen Klas­si­ker sind aus der Welt­li­te­ra­tur nicht weg­zu­den­ken und teils mehr­fach über­setzt; neben Hafez auch Chay­yam, Saa­di, Fir­dou­si (mit sei­nem Natio­nal­epos Shah­name, dem „Buch der Könige“). 

Bis zum Beginn des 20. Jahr­hun­derts war Lyrik, ins­be­son­de­re epi­sche Vers­dich­tung, die vor­herr­schen­de lite­ra­ri­sche Form nicht nur in Iran, son­dern in nahe­zu allen Län­dern West­asi­ens. Sie ori­en­tier­te sich an einer so kunst­vol­len wie stren­gen Form- und Bild­spra­che, die bis heu­te ver­stan­den wird und zum All­tags­ge­brauch zählt. Hafez ‚Diwan‘ ist das am wei­tes­ten ver­brei­te­te Buch in Iran und dürf­te sich in wirk­lich jedem Haus­halt fin­den. Und im Gegen­satz zu Goe­the hier­zu­lan­de wird der Bar­de in Iran tat­säch­lich gelesen. 

Die moder­ne Erzähl­pro­sa setz­te sich erst vor rund hun­dert Jah­ren lang­sam durch, ein Trend, der aus Euro­pa kam und in Iran mit Sadegh Heda­yats (1903 – 1951) düs­te­rem, weg­wei­sen­den Roman Die blin­de Eule (Deutsch von Bah­man Nir­um­and, Eich­born 1990/Suhrkamp 1997) im Jahr 1936 sei­nen Anfang nahm und ihm zu Recht den Ruf eines ira­ni­schen Kaf­ka ein­brach­te. Zugleich mach­te sich eine jun­ge Dich­ter­ge­ne­ra­ti­on um Nima Yus­hij (1895 – 1960) dar­an, die Lyrik zu erneu­ern, Ver­se in All­tags­spra­che und frei­en For­men zu verfassen. 

Einer lite­ra­ri­schen Revo­lu­ti­on gleich kamen die Gedich­te der jun­gen Lyri­ke­rin Forough Far­rokhs­ad (1935 – 1967), die offen über ihre Gefüh­le und Sehn­süch­te als Frau in einer patri­ar­cha­li­schen Gesell­schaft schrieb und auch ero­ti­sche Pas­sa­gen in ihre Ver­se ein­flocht – damals eben­so Sen­sa­ti­on wie Skan­dal. Auch ihre Gedich­te wer­den bis heu­te gele­sen. Die jun­gen Frau­en, die seit Herbst 2022 gegen das Regime pro­tes­tie­ren, tra­gen sie auf der Zun­ge, ver­ewi­gen sie an Haus­wän­den. Forough Far­rokhs­ad gilt als wich­tigs­te ira­ni­sche Lyri­ke­rin des 20. Jahr­hun­derts; ein Teil ihres Wer­kes ist unter dem Titel Jene Tage in der Über­set­zung von Kurt Scharf im Sujet Ver­lag erschie­nen. Scharf hat außer­dem, zuletzt gemein­sam mit Ali Abdol­lahi, meh­re­re Antho­lo­gien her­aus­ge­ge­ben, in denen sich die Ent­wick­lung der ira­ni­schen Dich­tung in all ihrer Viel­stim­mig­keit nach­voll­zie­hen lässt. 

Ein Roman, der vie­le die­ser The­men zu einem kunst­vol­len Netz ver­webt, ist Mah­moud Dou­la­ta­ba­dis Nilufar (Deutsch von Bah­man Nir­um­and, Uni­ons­ver­lag 2013): Ein alter Mann hin­ter­lässt auf einer Park­bank ein Notiz­buch. Gheiss, der Prot­ago­nist nimmt es an sich, stellt sich vor, wie sie es ihm vor­liest, lauscht beim Lesen ihrer Stim­me. Sie, das ist Nilufar. Für ihn war sie die voll­kom­me­ne Frau aus den klas­si­schen ori­en­ta­li­schen Gedich­ten. Ist es ein Zufall, dass der Prot­ago­nist so heißt wie der ara­bi­sche Lie­bes­dich­ter al-Qais oder dass Gheiss sich ange­sichts Nilufar einer­seits in völ­li­ge Lie­bes­ver­zweif­lung wirft, ande­rer­seits Mord­plä­ne schmie­det, als sie ihn zu ver­las­sen droht – ähn­lich dem Prot­ago­nis­ten in Sadegh Heda­yats Blin­der Eule

Nein, all das ist kein Zufall. Dou­la­ta­ba­di arbei­tet in sei­nem Roman offen mit einem Geflecht aus viel­schich­ti­gen Anspie­lun­gen sowohl auf die klas­si­sche per­si­sche Lite­ra­tur wie Hafez, Niz­a­mi oder Rumi als auch auf die klas­si­sche Moder­ne in Form von Heda­yat oder Sham­lu. Ste­fan Weid­ner bezeich­ne­te Dou­la­ta­ba­di ein­mal als Epi­ker, ver­gleich­bar mit Tol­stoi. Im Gegen­satz zum Colo­nel hat Nilufar eine Frei­ga­be von der ira­ni­schen Zen­sur­be­hör­de erhal­ten. Man muss also zwi­schen den Zei­len lesen, muss wei­ter­den­ken um zu sehen, wor­auf die Anspie­lun­gen deuten. 

Wenn an bestimm­ter Stel­le ein Wein­schenk wie bei Hafez auf­taucht, an ande­rer der Tröd­ler von Heda­yat, so geschieht das mit Kal­kül. Ist es die Lie­be, an der Gheiss zer­bricht, der Hass oder gar die Welt, die immer bedeu­tungs­lo­ser wird, je näher er zu sich selbst kommt? Oder sind es doch die gesell­schaft­li­chen Zwän­ge, die aus Nilufar die hin­ter­lis­ti­ge Tak­tie­re­rin machen, die ihre Schwes­ter in ihr sieht? Ist es die zwangs­wei­se Abwe­sen­heit des Rea­len, die Gheiss in die Posi­ti­on des lei­den­den Min­ne­sän­gers zwingt? Und wer ist Gheiss über­haupt? Kei­ne die­ser Fra­gen beant­wor­tet der Roman, und er muss es auch nicht. Er begnügt sich damit, sie zu stel­len. In einer dunk­len und kal­ten Nacht, auf den Stu­fen eines ver­schlos­se­nen Hauses …

Einen ande­ren Ansatz wählt Fari­ba Vafi (*1963) deren Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten in Iran viel­fach mit renom­mier­ten Prei­sen bedach­te Best­sel­ler sind, und von denen inzwi­schen fünf auch auf Deutsch vor­lie­gen. Vafis Set­ting ist der Mikro­kos­mos Fami­lie. Es geht in ihrer Kurz­ge­schich­ten­samm­lung An den Regen oder im Roman Der Traum von Tibet (bei­de Deutsch von Jut­ta Him­mel­reich, Sujet Ver­lag 2021 und 2018) um die Ver­wer­fun­gen des Zwi­schen­mensch­li­chen, um schwie­ri­ge Ver­hält­nis­se zwi­schen Eltern und Kin­dern oder Geschwis­tern, und über allem schwebt, meist unaus­ge­spro­chen und geschickt zwi­schen den Zei­len (wie über­haupt das Eigent­li­che bei Vafi fast immer in Andeu­tun­gen bleibt, was auch der Zen­sur geschul­det ist) die erdrü­cken­de Enge eines Staats­sys­tems, das tief ins Leben der Bürger*innen ein­greift und Frei­räu­me sehr eng absteckt. Wo man eine eher dunk­le Stim­mung erwar­tet, über­rascht einen die Autorin mit hin­ter­sin­ni­gem Humor und einem genau­en Blick für das, was das Mensch­sein ausmacht. 

So auch bei der Titel­fi­gur ihres 2016 auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se mit dem LiBe­ra­tur­preis aus­ge­zeich­ne­ten Romans Tar­lan (eben­falls über­setzt von Jut­ta Him­mel­reich, Sujet Ver­lag 2015): Eine jun­ge Frau, die eigent­lich Schrift­stel­le­rin wer­den möch­te, dafür in ihrem Eltern­haus in der Pro­vinz aber kei­ne Mög­lich­keit sieht, wes­we­gen sie sich für die Poli­zei­schu­le in der Haupt­stadt anmel­det. Dort begeg­net sie vie­len jun­gen Frau­en vol­ler Hoff­nun­gen und Träu­me, ganz nor­ma­len Teen­agern, von denen vie­le aber bereits den Glau­ben an ein selbst­be­stimm­tes Leben ver­lo­ren haben, wäh­rend ande­re kämp­fe­risch sind und sich auch vom Drill der Aus­bil­dung nicht ent­mu­ti­gen las­sen wollen. 

Ein gro­ßes Kunst­stück ist die Art, wie Vafi all das erzählt, denn nahe­zu der gan­ze Roman spielt sich im Schlaf­saal der Mäd­chen ab, die Poli­zei­schu­le selbst tritt fast nur in Form der stren­gen Auf­se­he­rin auf. Wer auch nur eines von Fari­ba Vafis Büchern gele­sen hat, ver­steht sofort, wes­halb sie in Iran so erfolg­reich sind – in Deutsch­land müss­ten sie es längst eben­falls sein. Es ist nicht nur ihre genaue und sen­si­ble Spra­che, es ist auch der Blick für ihre Figu­ren, für emo­tio­na­le Zwän­ge, für fami­liä­re Ver­stri­ckun­gen, die zwar einer­seits oft expli­zit ira­nisch sind, ande­rer­seits pro­blem­los über­trag­bar an jeden ande­ren Ort der Welt. Man kennt die­se Figu­ren aus dem eige­nen Leben.

Die ganz jun­ge Gene­ra­ti­on ira­ni­scher Erzähler*innen, also jene erst nach der Revo­lu­ti­on von 1979 gebo­re­nen, sucht man auf dem deut­schen Buch­markt, auf dem kaum zwei bis drei neue Über­set­zun­gen aus dem Per­si­schen pro Jahr erschei­nen, bis­lang nahe­zu ver­geb­lich. Das möch­te der Köl­ner Über­set­zer und Her­aus­ge­ber Arash Alborz aber mit sei­nem Lite­ra­tur­ma­ga­zin dort ändern. Inzwi­schen sind drei Aus­ga­ben erschie­nen, jeweils mit drei Geschich­ten, die eines gemein­sam haben: Sie ten­die­ren mal ernst, mal augen­zwin­kernd zur Weird Fic­tion, haben etwas Kaf­ka­es­kes an sich, wenn ihre fra­gi­len Figu­ren durch eine fra­gi­le Rea­li­tät wan­dern, in die Ele­men­te des Phan­tas­ti­schen ein­bre­chen, wenn etwa bei Masoud Riahi der Vater des Prot­ago­nis­ten das Geld der Fami­lie ver­dient, indem er sich tag­täg­lich aus dem Fens­ter der Woh­nung wirft, auf der Stra­ße zer­schellt und die Almo­sen der von dem Schau­spiel fas­zi­nier­ten Pas­san­ten ein­sam­melt – bis er sich selbst wie­der ein­sam­melt, das Blut von der Stra­ße putzt und zum Abend­essen wie­der nach Hau­se geht. Klar, dass sol­ches Trei­ben das Miss­trau­en der Staats­macht erweckt …

All das lässt erah­nen, wel­ches Poten­ti­al sich noch ver­steckt in einem Land mit einer jahr­tau­send­al­ten lite­ra­ri­schen Tra­di­ti­on, das heu­te wie­der vor gro­ßen poli­ti­schen Umbrü­chen und womög­lich einer neu­en, dies­mal demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on steht – und dem, was dort alles publi­ziert wer­den kann, sobald die Fes­seln der Zen­sur ein­mal gesprengt sind. Viel­leicht wer­den dann end­lich auch die so oft ver­schnarch­ten deut­schen Publi­kums­ver­la­ge wie­der auf­merk­sam. Man darf ja hoffen …


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert