Die Super­power der Frauen

Mirion Malle räumt in ihrer Graphic Novel mit sexistischen Klischees und eindimensionalen Frauenrollen auf und liefert Werkzeuge für Feminist*innen und alle, die es werden wollen. Von

Hintergrundbild: Eberhard Grossgasteiger via Unsplash

Für alle, die sich schon mal gefragt haben, wie sie ihrem Kind Kon­zep­te wie die Reprä­sen­ta­ti­on von Geschlech­ter­rol­len in den Medi­en, Sexis­mus, Gen­der­fra­gen oder auch ein­fach den Kör­per erklä­ren kön­nen, ist die Gra­phic Novel Die Liga der Superfeminist*innen ein guter Geheim­tipp. Mit die­sem Comic gelingt der jun­gen Autorin Miri­on Mal­le ein päd­ago­gi­scher „Werk­zeug­kas­ten“ in Comicform.

Mal­le inter­es­sier­te sich bereits im Stu­di­um für Fra­gen der Reprä­sen­ta­ti­on von Gen­der und Geschlech­ter­rol­len in popu­lä­ren Medi­en. Ihre Ana­ly­sen dazu hält sie in ihrem fran­zö­sisch­spra­chi­gen Comic-Blog Com­man­do Culot­te fest. Aber nicht nur des­we­gen ist Mal­le kei­ne Unbe­kann­te in der Sze­ne: Als 2016 beim Inter­na­tio­na­len Comic­fes­ti­val von Angoulê­me unter den 30 Nomi­nier­ten für die begehr­te Aus­zeich­nung sich kei­ne weib­li­che Comic-Autorin befand, rief sie zusam­men mit ande­ren Kunst­schaf­fen­den zum Boy­kott der Abstim­mung auf. Damit woll­te sie dar­auf auf­merk­sam machen, dass Frau­en in die­sem Metier höchs­tens tole­riert und ihre Wer­ke im Ver­gleich zu den­je­ni­gen ihrer männ­li­chen Kol­le­gen immer noch als min­der­wer­tig betrach­tet werden.

Ela zum Win­kel ist für die Über­set­zung der Gra­phic Novel eine gute Wahl. Denn neben ihrer Tätig­keit als Über­set­ze­rin ist sie auch als Schau­spie­le­rin und Regis­seu­rin tätig. Als Thea­ter­schaf­fen­de ist sie mit den Varie­tä­ten des münd­li­chen Codes ver­traut, was für die Über­tra­gung von Comics beson­ders wich­tig ist. 2021 war sie Sti­pen­dia­tin des Geor­ges-Arthur-Gold­schmidt-Pro­gramms für jun­ge Literaturübersetzer*innen, für die Über­set­zung von Les impa­ti­en­tes von Djaï­li Ama­dou Amal erhielt sie das Bode-Sti­pen­di­um des Deut­schen Übersetzerfonds.

Mit viel Humor und päd­ago­gi­schem Fein­ge­fühl illus­triert Miri­on Mal­le, wie sich Sexis­mus in der Gesell­schaft mani­fes­tiert. Zu Beginn wird die media­le Dar­stel­lung von Mäd­chen und Frau­en pro­ble­ma­ti­siert. Dabei bezieht sich die Autorin auf jede Art von Medi­en – ange­fan­gen bei Wer­bung, Fil­men, Seri­en über Bücher und Zei­tun­gen bis hin zu Video­spie­len. Mal­le legt dabei einen star­ken Fokus auf die Reprä­sen­ta­ti­on von Mäd­chen und Frau­en: Weib­li­che Figu­ren sind in den Medi­en im Gegen­satz zu ihren männ­li­chen Pen­dants stark unter­re­prä­sen­tiert. Und wenn sie vor­kom­men, so ist ihre Dar­stel­lung mit Kli­schees behaf­tet – Mäd­chen wer­den oft als ver­meint­lich schwach, als wun­der­schö­ne Prin­zes­sin­nen, Sän­ge­rin­nen oder Tän­ze­rin­nen usw. dar­ge­stellt, die nur auf ihr Äuße­res bedacht sind und den Wunsch hegen, end­lich ihren „Traum­prin­zen“ zu hei­ra­ten. Männ­li­che Prot­ago­nis­ten hin­ge­gen wer­den in den Medi­en mit ganz unter­schied­li­chen Inter­es­sen gezeich­net: Jeder von ihnen hat einen eige­nen Cha­rak­ter mit ein­zig­ar­ti­gen Eigen­schaf­ten, da gibt es bei­spiels­wei­se den Lus­ti­gen, den Nerd, den Rauf­bold, den Sport­li­chen usw. Mäd­chen wie­der­um, sofern sie denn in den Medi­en über­haupt vor­kom­men, sind oft Riva­lin­nen, die um die Zunei­gung eines Jun­gen buh­len. Mal­le führt aus, zu welch dras­ti­schen Fol­gen eine der­art redu­zier­te und ober­fläch­li­che Reprä­sen­ta­ti­on füh­ren kann: Bereits mit acht Jah­ren sin­ke das Selbst­ver­trau­en bei Mäd­chen, mit zehn fän­den sie sich plötz­lich zu dick und im Alter zwi­schen 18 und 22 wür­de jede zwei­te Frau lie­ber von einem LKW über­fah­ren als dick zu werden.

Doch Miri­on Mal­le pran­gert in ihrem päd­ago­gi­schen Comic den Sexis­mus nicht ein­fach nur an, son­dern gibt auch ganz prak­ti­sche Tipps und damit hand­fes­te Werk­zeu­ge, wie man patri­ar­cha­le Struk­tu­ren erkennt, hin­ter­fragt und die­se so auf­bricht. Eines die­ser prak­ti­schen Instru­men­te ist etwa der Bech­del-Test, mit dem man unter­su­chen kann, wie Frau­en in den Medi­en dar­ge­stellt wer­den. Und so funk­tio­niert er: Man neh­me ein Medi­um sei­ner Wahl, egal ob Buch, Serie oder Film usw. Dann wird unter­sucht, ob min­des­tens zwei Frau­en auf­tau­chen, die nament­lich genannt wer­den. Anschlie­ßend wid­met man sich dem Rede­an­teil, den die Frau­en erhal­ten, und ob sie sich über etwas Ande­res unter­hal­ten als einen Mann. Laut der Web­site haben von 9802 unter­such­ten Fil­men nur 57,1% den Test bestanden.

Die Liga der Superfeminist*innen ent­larvt Mecha­nis­men einer sexis­ti­schen Gesell­schaft, wie etwa das Bedie­nen sexis­ti­scher Vor­ur­tei­le, um Gewalt und Unter­drü­ckung zu recht­fer­ti­gen; oder das Aus­spie­len ver­schie­de­ner Gesell­schafts­grup­pen gegen­ein­an­der, um wei­ter­hin eige­ne Pri­vi­le­gi­en zu genie­ßen. Mal­le geht auf The­men wie Freund­schaft, Lie­be und damit auch Kon­sens – sowohl in einer roman­ti­schen als auch in einer freund­schaft­li­chen Bezie­hung – sowie die Fra­ge nach dem Schön­heits­ide­al und Gen­der­kon­zep­tio­nen ein. Im Kapi­tel „Inter­sek­tio­na­li­tät“ erklärt sie, wie ver­schie­de­ne Segre­ga­ti­ons­me­cha­nis­men (unter ande­rem Ras­sis­mus, Ableis­mus, Trans­feind­lich­keit oder Fett­feind­lich­keit) zusam­men­spie­len und zur wei­te­ren Spal­tung der Gesell­schaft bei­tra­gen. Am Ende eines jeden Kapi­tels wird ein Gegen­mit­tel genannt, wie die­se Struk­tu­ren erkannt, auf­ge­bro­chen und neue inklu­si­ve Mus­ter kon­stru­iert wer­den kön­nen. Dabei ver­wen­det Mal­le eine ein­fa­che und kind­ge­rech­te Sprache.



Die Comic­form stellt für die Über­set­zung spe­zi­fi­sche Hür­den dar. Die Autorin greift auf einen recht ein­fa­chen, umgangs­sprach­li­chen Sprach­stil zurück, der für Comics und Gra­phic Novels typisch ist. Für die Über­set­ze­rin liegt gera­de hier die Schwie­rig­keit: Auf der einen Sei­te soll natür­lich die Loya­li­tät dem Text gegen­über gewahrt wer­den, auf der ande­ren muss der Lese­fluss und der jugend­li­che Sprach­stil auch in der deut­schen Über­tra­gung erhal­ten blei­ben. Ela zum Win­kel gelingt dies sehr gut. Hier ein paar Beispiele:

Gen­re, ça sous-entend qu’être une fil­le, c’est la hon­te … super …

C’est vrai­ment chou­et­te d‘avoir tou­tes ces his­toires à dis­po­si­ti­on, et de pou­voir s’imaginer: …

En plus on sait que ça a une vraie influence sur les enfants qui lisent, écou­tent, regardent …

Ben … déjà, c’est un peu ennu­yant de voir sans ces­se les mêmes histoires.

Hein? Com­ment ça?

L’amitié, en géné­ra­le, on ado­re ça!!

Als wär’s pein­lich ein Mäd­chen zu sein … na super …

Ich find’s toll, so vie­le Geschich­ten zur Aus­wahl zu haben und mir vor­zu­stel­len, ich wäre …

Außer­dem wis­sen wir, dass Kin­der, die viel lesen, anhö­ren und anse­hen, davon stark beein­flusst werden …

Naja… wird doch irgend­wann lang­wei­lig, immer wie­der das Glei­che zu sehen!

Hä? Wie jetzt?

Freund­schaft ist eigent­lich immer etwas Schönes.

Sie ver­wen­det Kon­trak­tio­nen, die beson­ders im münd­li­chen Gebrauch geläu­fig sind. In Zusam­men­hang mit dem Kon­junk­tiv gibt die­ses „wär’s“ beson­ders pas­send das fran­zö­si­sche „gen­re“ wie­der. Ein wei­te­res Spe­zi­fi­kum des gespro­che­nen Fran­zö­sisch sind die Flos­keln mit „c’est“ bzw. „ça“, die kei­ne direk­te Ent­spre­chung im Deut­schen haben. Dadurch steht die Über­set­ze­rin jedes Mal vor der Her­aus­for­de­rung, eine neue pas­sen­de Über­set­zung dafür zu fin­den. Im zwei­ten Bei­spiel erfolgt ein Rück­griff auf eine Per­so­ni­fi­zie­rung, indem das c’est zu ich find’s wird. Im drit­ten hin­ge­gen wird der fran­zö­si­sche Agens ça mit einer Pas­siv­kon­struk­ti­on wie­der­ge­ge­ben. Die­se Über­set­zung ist inso­fern sehr tref­fend, da die Pati­en­s­rol­le, also die pas­si­vi­sche Rol­le von Kin­dern, die dem media­len Ein­fluss aus­ge­setzt sind, deut­lich her­vor­kommt. Dabei bleibt die Über­set­ze­rin dem Stil des Tex­tes treu.

Auch Inter­jek­tio­nen (Bei­spiel vier und fünf) wer­den so über­führt, dass sie natür­lich erschei­nen und nah am münd­li­chen Code sind. Im sechs­ten Bei­spiel ist die Sprach­wahl inter­es­sant: Natür­lich funk­tio­niert an die­ser Stel­le eine wört­li­che Über­set­zung nicht. Ela zum Win­kel gelingt es hier sehr gut, den Ton wie­der­zu­ge­ben – die Anti­the­se, die in dem „en géné­ra­le“ mit­schwingt. Die Leser­schaft weiß sofort, dass eine Ein­schrän­kung des Kon­zep­tes „Freund­schaft“ folgt.



Da die Autorin ein gan­zes Kapi­tel ihres Buches dem The­ma „Inklu­si­ve Spra­che“ wid­met, ist es nur logisch, dass sie die­se eben­falls in ihrem Werk auch kon­se­quent umsetzt. Beson­de­ren Lob ver­dient die Über­tra­gung die­ses Kapi­tels ins Deut­sche, da hier auch eine kul­tu­rel­le und sprach­spe­zi­fi­sche Adapt­a­ti­ons­ar­beit not­wen­dig war, um die gen­der­ge­rech­te Spra­che adäquat wie­der­zu­ge­ben: Hier muss­te der sprach­ge­schicht­li­che Exkurs ins 17. Jahr­hun­dert und die Rol­le der Aca­dé­mie fran­çai­se für die deut­sche Fas­sung adap­tiert werden. 

Il y a très long­temps, au 17e siè­cle, l’Académie fran­çai­se, com­po­sée uni­quement de vieux bon­hom­mes sexis­tes, a déclaré : …

Vor lan­ger, lan­ger Zeit haben irgend­wel­che alten sexis­ti­schen Män­ner entschieden: …

In die­sem Kon­text ver­dient die Über­set­zungs­lö­sung beson­de­res Augen­merk: Gleich zu Beginn wer­den Lese­rin­nen und Leser mit der Wort­neu­schöp­fung „Ritterin“/ „che­va­liè­re“ kon­fron­tiert. Die kann es allein aus der His­to­rie in die­ser Form gar nicht geben, da ja bekannt­lich nur Jun­gen nach Durch­lau­fen einer bestimm­ten Lauf­bahn in den Rit­ter­stand erho­ben wur­den. Im Kapi­tel über Freund­schaft ver­wen­det Ela zum Win­kel bei­de im Deut­schen übli­che Schreib­wei­sen sowohl mit Stern­chen *innen als auch mit Kapi­täl­chen Innen. Das Schrift­bild trans­por­tiert auch im deut­schen Titel Die Liga der Superfeminist*innen durch den Aste­risk stär­ker den Appell an alle Per­so­nen, unab­hän­gig von ihrem Geschlecht oder Gen­der, die sich für die femi­nis­ti­sche Sache ein­set­zen möch­ten. Es reicht nicht, nur Mäd­chen geeig­ne­te Werk­zeu­ge an die Hand zu geben, um sich in die­ser Gesell­schaft zu behaup­ten; es braucht auf­ge­klär­te Per­so­nen, die ihre eige­nen Pri­vi­le­gi­en hinterfragen.



Nicht zuletzt müs­sen die sozio­wis­sen­schaft­li­chen Kon­zep­te, die im Buch ein­ge­führt wer­den, kor­rekt ins Deut­sche über­tra­gen sowie gege­be­nen­falls erklärt wer­den, was manch­mal mit der Prä­mis­se von Comics kol­li­diert, dass für den Text ein begrenz­ter Platz vor­ge­se­hen ist. Gleich zu Beginn des Kapi­tels „Gen­der“ wird die­ses Zusam­men­spiel bei der Über­set­zung auf die Pro­be gestellt:

On appel­le « gen­re » les rôles sociaux dif­fé­ren­tes attri­bués aux fil­les et aux garçons.

Unter „Gen­der“ ver­ste­hen wir das sozia­le Geschlecht einer Per­son, also sozia­le Rol­len und Eigen­schaf­ten, die Mäd­chen oder Jungs auf­grund ihres Geschlechts zuge­schrie­ben werden.

Im Deut­schen näm­lich hat sich der Begriff „Gen­der“ erst in Fol­ge der Gen­der­stu­dies her­aus­ge­bil­det, ange­lehnt an die angel­säch­si­sche Tra­di­ti­on. Hier wird bekannt­lich zwi­schen Gen­der, den sozia­len Rol­len, und Sex, dem bio­lo­gi­schen Geschlecht, unter­schie­den. Das letz­te­re bezieht sich rein auf die bio­lo­gi­schen Merk­ma­le, wohin­ge­gen die Geschlech­ter­rol­len Mäd­chen bzw. Jun­gen mit geschlech­ter­spe­zi­fi­schen Attri­bu­ten defi­nie­ren. Des­halb muss die Über­set­ze­rin von der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Vor­la­ge abwei­chen, um das Kon­zept „Gen­der“ zu erklä­ren, da es sonst sehr abs­trakt und damit schwer ver­ständ­lich bleibt; beson­ders für Kin­der im Grund­schul­al­ter. Bewusst wer­den hier Grö­ßen wie „sozia­le Rol­len und Eigen­schaf­ten“ ein­ge­führt, um auf die gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on hin­ter dem Begriff „Gen­der“ zu verweisen. 

Hin­rich Schmidt-Hen­kel bezeich­ne­te die Über­set­zen­den ein­mal als Kom­pli­zen des Autors bzw. der Autorin, „aller­dings mit ande­ren Mit­teln“. In die­sem Fall fand Ela zum Win­kel meis­ter­haft pas­sen­de Mit­tel, um den sprach­li­chen und sti­lis­ti­schen Trans­fer zu gewähr­leis­ten und dabei dem Text treu zu bleiben.


Mari­on Mal­le | Ela zum Win­kel

Die Liga der Superfeminist*innen



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