Mein ers­tes Mal: Maxi­mi­li­an Murmann

Maximilian Murmann berichtet von seinen Erfahrungen, direkt mit einer Klassikerübersetzung in den Beruf zu starten und erklärt, warum Perfektionismus dabei manchmal hinderlich sein kann. Von

Maximilian Murmann sitzt vor einem Stein in Estland.
Maximilian Murmann in Estland. (c) Dmitri Kotjuh

In der Rei­he „Mein ers­tes Mal“ berich­ten Übersetzer:innen von ihrer ers­ten lite­ra­ri­schen Über­set­zung. Sie plau­dern aus dem Näh­käst­chen, berich­ten von den Lei­den des jun­gen Übersetzer:innenlebens und ver­ra­ten, in wel­che Fal­le man als Anfänger:in bloß nicht tap­pen soll­te. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier nachzulesen.


Vor eini­ger Zeit traf ich einen alten Schul­freund, den ich aus den Augen ver­lo­ren hat­te. Er erzähl­te mir, dass er als Inge­nieur arbei­tet.
„Und, was machst du so?“
„Ich über­set­ze Bücher.“
„Du, Bücher?“

Als Kind bzw. Jugend­li­cher habe ich, gera­de in der Schu­le, nicht beson­ders ger­ne Bücher gele­sen (abge­se­hen von ein, zwei Aus­nah­men). Das Wort Pflicht­lek­tü­re berei­tet mir heu­te noch Unbe­ha­gen. Für Video­spie­le, Fil­me und Musik hat­te ich deut­lich mehr übrig, beson­ders für Musik. Auf die­sem Weg bin ich auch zum ers­ten Mal nach Finn­land gekom­men. Mein bes­ter Freund und ich reis­ten eines Tages kur­zer­hand nach Hel­sin­ki, um ein Kon­zert unse­rer fin­ni­schen Lieb­lings­band zu sehen. Ab die­sem Moment bekam ich Finn­land nicht mehr aus dem Kopf.

Also habe ich mich nach dem Abitur für ein Stu­di­um der Fin­nou­gris­tik in Mün­chen ein­ge­schrie­ben und hat­te zum ers­ten Mal das Gefühl, ja, das ist genau mein Ding. Wäh­rend des Stu­di­ums las ich plötz­lich ein Buch nach dem ande­ren, vor allem fin­ni­sche, est­ni­sche und unga­ri­sche Lite­ra­tur, aber auch vie­les, das über­haupt nichts mit Fin­nou­gris­tik zu tun hat­te (wäre mir nicht irgend­wann Chris­ti­an Han­sens groß­ar­ti­ge Über­set­zung von Rober­to Bola­ños 2666 in die Hän­de gefal­len, wür­de ich heu­te viel­leicht etwas ande­res machen).

Nach dem Grund­stu­di­um bewarb ich mich für ein Prak­ti­kum bei FILI – Fin­nish Lite­ra­tu­re Exch­an­ge, wo man sich um die Ver­mitt­lung fin­ni­scher Lite­ra­tur ins Aus­land küm­mert und damals den Antrag für den fin­ni­schen Gast­land­auf­tritt bei der Frank­fur­ter Buch­mes­se vor­be­rei­te­te. Im Rah­men des Prak­ti­kums konn­te ich ers­te Kon­tak­te zu Kolleg*innen und Ver­la­gen knüp­fen, kür­ze­re Über­set­zun­gen anfer­ti­gen und an Semi­na­ren teil­neh­men. Nach dem Prak­ti­kum bekam ich die Mög­lich­keit, für die horen einen Band mit jün­ge­rer Lite­ra­tur aus Finn­land, Est­land und Ungarn zusam­men­zu­stel­len, aber ein gan­zes Buch zu über­set­zen, dafür war ich noch nicht bereit.

Statt­des­sen ent­schied ich mich für ein Pro­mo­ti­ons­stu­di­um, schließ­lich hat­te ich hand­fes­te Ideen für eine Dis­ser­ta­ti­on (was natür­lich Quatsch war, nach zwei Jah­ren muss­te ich alle Ideen ver­wer­fen und von vor­ne anfan­gen). Wäh­rend der Pro­mo­ti­on ver­brach­te ich viel Zeit in Finn­land, aber auch in Est­land, weil ich fas­zi­niert war, wie ähn­lich und doch ver­schie­den bei­de Län­der und ihre Spra­chen sind.

Auf einer mei­ner Rei­sen nach Est­land, zu einem Sprach­kurs an der Uni­ver­si­tät Tar­tu, stö­ber­te ich durch ein Anti­qua­ri­at und stieß dort auf die 1953 erschie­ne­ne Ori­gi­nal­aus­ga­be von Karl Ris­tiki­vis Roman Hin­ge­de öö (dt. Die Nacht der See­len), deren Auf­ma­chung ein wenig an Das Cabi­net des Dr. Cali­ga­ri erin­nert. In Est­land genießt der Roman Kult­sta­tus, gele­sen hat­te ich ihn jedoch nicht, weil er bis dato in kei­ne Spra­che über­setzt wor­den war, die ich ver­stand. Also kauf­te ich mir das Buch und las es noch in Est­land in einem Rutsch durch.

Karl Ris­tiki­vi (1912–1977), der in sei­ner Hei­mat oft in einem Atem­zug mit dem Klas­si­ker Anton Han­sen Tamm­saa­re genannt wird, floh 1943 vor den Sowjets nach Finn­land und von dort 1944 wei­ter nach Schwe­den, wo er nur wenig ver­öf­fent­lich­te. Und dann erschien wie aus dem Nichts die­ser düs­te­re Roman, in dem ein Mann an Sil­ves­ter durch Stock­holm irrt und sich in ein Haus flüch­tet, aus dem Musik zu hören ist. Er wird immer tie­fer in das Haus hin­ein­ge­zo­gen, und alle Men­schen dar­in schei­nen ihn selt­sa­mer­wei­se zu ken­nen, obwohl sie ihm völ­lig fremd sind. Doch damit nicht genug: Das Haus scheint sich in stän­di­ger Meta­mor­pho­se zu befin­den und selbst die Men­schen, denen der Erzäh­ler auf sei­nem Weg begeg­net, ver­än­dern offen­bar ihre Gestalt.

Im Wesent­li­chen sind sich Kritiker*innen und Wissenschaftler*innen in Est­land einig, dass Ris­tiki­vi in die­sem sur­rea­len Werk, das nicht nur aus der Lite­ra­tur­ge­schich­te Est­lands her­aus­sticht, son­dern auch aus dem Schaf­fen des Autors, sei­ne Erfah­run­gen im Exil ver­ar­bei­tet hat, und doch geht es um so viel mehr (für das Esto­ni­an Lite­ra­ry Maga­zi­ne habe ich kürz­lich einen Bei­trag geschrie­ben, war­um es sich auch nach 70 Jah­ren noch lohnt, die­sen Roman zu lesen.)

Nach der Lek­tü­re stand für mich fest: Die­ses Buch will ich über­set­zen. Also fer­tig­te ich eine Pro­be­über­set­zung und ein Expo­sé an und schick­te bei­des an den Ver­le­ger Sebas­ti­an Gug­golz, den ich kurz zuvor ken­nen­ge­lernt hat­te. Bald stand fest, dass wir das Pro­jekt gemein­sam rea­li­sie­ren möch­ten; Erschei­nungs­ter­min Früh­jahr 2019. Zeit­lich pass­te das gut, weil ich gera­de mei­ne Dis­ser­ta­ti­on abge­ge­ben hat­te und mich ganz auf die Über­set­zung kon­zen­trie­ren konn­te. Die meis­te Zeit arbei­te­te ich von zuhau­se, wahl­wei­se am Schreib­tisch sit­zend oder an der Küchen­ar­beits­plat­te ste­hend und wip­pend, mit Baby­tra­ge vor dem Bauch.

Glück­li­cher­wei­se bekam ich für die Arbeit an dem Roman das Johann-Joa­chim-Chris­toph-Bode-Sti­pen­di­um des Deut­schen Über­set­zer­fonds und so half mir Cor­ne­li­us Has­sel­blatt als Men­tor dabei, mich durch die Tücken des Romans zu manö­vrie­ren. Auf den ers­ten Blick wirkt die Spra­che Ris­tiki­vis rela­tiv harm­los, aber es sind die vie­len absur­den Sze­nen und ver­zerr­ten Bil­der, die einem immer wie­der krea­ti­ve Lösun­gen abver­lan­gen. Weil ich den Text mög­lichst genau erfas­sen woll­te und der Roman nun mal eng mit dem per­sön­li­chen Schick­sal Ris­tiki­vis ver­wo­ben ist, habe ich par­al­lel zum Über­set­zen so ziem­lich alles über den Autor gele­sen, was ich in die Fin­ger bekam. Erst durch die inten­si­ve Recher­che habe ich begrif­fen, wie viel tro­cke­ner Humor und bit­te­re Selbst­iro­nie eigent­lich in dem Roman steckt.

Bei der Arbeit an der Über­set­zung wur­de mir auch deut­lich, wie hilf­reich ein regel­mä­ßi­ger Aus­tausch zu einem Text sein kann, gera­de wenn man noch am Anfang steht. Durch die vie­len Gesprä­che im Rah­men des Men­to­rings und des Lek­to­rats haben sich in dem Text ganz neue und zum Teil auch über­ra­schen­de Aspek­te auf­ge­tan, die andern­falls unter­ge­gan­gen wären. Davon abge­se­hen war jedes Gespräch, jede Begeg­nung auch per­sön­lich eine gro­ße Bereicherung.

Selbst­ver­ständ­lich gibt es in dem fer­ti­gen Buch auch Stel­len, die ich heu­te anders über­set­zen wür­de, aber im Gro­ßen und Gan­zen bin ich mit dem Ergeb­nis noch immer zufrie­den. Beim Über­set­zen von Hin­ge­de öö habe ich schnell gemerkt, dass Per­fek­tio­nis­mus eher hin­der­lich ist (was nicht hei­ßen soll, dass ich ein gewis­ses Maß an Akri­bie für über­flüs­sig hal­te). Gera­de zu Beginn woll­te ich alles ganz rich­tig machen und habe gefühlt jedes zwei­te Wort noch­mal nach­ge­schla­gen, um auf Num­mer sicher zu gehen. Mit die­sem Vor­ge­hen bin ich natür­lich nie in einen Fluss gekom­men und das war dem Text auch anzu­mer­ken. Erst mit der Zeit habe ich mehr Ver­trau­en gefasst und nicht mehr ver­sucht, jedes Wort, jede Kon­struk­ti­on eins zu eins ins Deut­sche zu über­tra­gen, was ja gar nicht mög­lich ist. Irgend­wann hat­te ich das Gefühl, dass der Text mir vor­gibt, wie ich was zu über­set­zen habe. Das hat nicht nur mir gut­ge­tan, son­dern auch der Über­set­zung, zumin­dest mei­nem Ein­druck nach.

Die ers­te fer­ti­ge Über­set­zung in Hän­den zu hal­ten, war ein sehr beglü­cken­des Gefühl. Und eigent­lich geht es mir noch heu­te bei jedem Buch so. Beson­ders schön ist es, wenn das fer­ti­ge Buch in der Welt ist und Leser*innen ihre Ein­drü­cke schil­dern, etwa bei Lesun­gen. Zur Über­set­zung von Hin­ge­de öö bekom­me ich auch vier Jah­re nach Erschei­nen noch gele­gent­lich Reso­nanz. Außer­dem freue ich mich, dass die deut­sche Aus­ga­be den Stein ins Rol­len gebracht hat, was Über­set­zun­gen in ande­re Spra­chen betrifft. Ver­gan­ge­nes Jahr ist end­lich eine fin­ni­sche Über­set­zung des Romans erschie­nen, eine eng­li­sche könn­te bald fol­gen. Hof­fent­lich bleibt es nicht dabei.


Maxi­mi­li­an Murmann


Maxi­mi­li­an Mur­mann (geb. 1987) ist Über­set­zer und Sprach­wis­sen­schaft­ler. Er stu­dier­te Fin­nou­gris­tik in Mün­chen, Buda­pest und Hel­sin­ki; 2018 erfolg­te sei­ne Pro­mo­ti­on. Er über­setzt aus dem Fin­ni­schen, Est­ni­schen und Eng­li­schen ins Deut­sche. 2021 erhielt er das Arbeits­sti­pen­di­um des Frei­staats Bay­ern für lite­ra­ri­sche Übersetzer*innen sowie das Lite­ra­tur­sti­pen­di­um der Lan­des­haupt­stadt Mün­chen. Im Win­ter­se­mes­ter 2022/23 war er dar­über hin­aus Gast­do­zent für lite­ra­ri­sches Über­set­zen an der Uni­ver­si­tät zu Köln.


Karl Ris­tiki­vi | Maxi­mi­li­an Mur­mann

Die Nacht der Seelen

Im est­ni­schen Ori­gi­nal: Hin­ge­de öö

Gug­golz 2019 ⋅ 373 Sei­ten ⋅ 24 Euro



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