Sau­ber bleibt nur, wer nix tut

In „Gjak“ erzählen arvanitischen Veteranen von Blutrache, verlorener Liebe und dem (Über)Leben nach Kriegsende. Dank Angelika Gravert und Athanassios Tsingas behalten sie auch im Deutschen ihre ganz besondere Sprechweise. Von

Das Cover des Erzählbands "Gjak", im Hintergrund ein historisches Bild von griechischen Soldaten, die 1919 in Izmir ankommen.
Hintergrundbild: Griechische Soldaten im Mai 1919 in Izmir. Quelle: WikiMedia

In Dimosthe­nis Papa­mar­kos’ preis­ge­krön­tem und von der Kri­tik und dem Lese­pu­bli­kum gefei­er­ten Erzäh­lungs­band Gjak, der nun dank der Über­set­zung von Ange­li­ka Gra­vert und Athan­as­si­os Tsin­gas auch auf Deutsch vor­liegt, ergrei­fen Kriegs­ve­te­ra­nen das Wort. Die Erzäh­len­den sind Arva­ni­ten, Nach­kom­men alba­ni­scher Bevöl­ke­rungs­grup­pen, die sich ins­be­son­de­re zwi­schen dem 14. und dem 16. Jahr­hun­dert im heu­ti­gen Staats­ge­biet Grie­chen­lands nie­der­lie­ßen. Bei­na­he alle Erzäh­len­den sind Män­ner – eine nicht zufäl­li­ge Her­vor­he­bung der Ver­bin­dung zwi­schen Krieg und Männ­lich­keit. Ein­zi­ge Aus­nah­me bil­det die in der Mit­te des Buches situ­ier­te, in Ver­sen geschrie­be­ne Bal­la­de „Auf Leben und Tod“, in der eine Frau den per­so­ni­fi­zier­ten Tod, Cha­ros genannt, bit­tet, ihren gefal­le­nen Mann zurückzubringen.

Die Her­kunft der Figu­ren drückt sich unter ande­rem in ihrer Zwei­spra­chig­keit aus: neben dem Grie­chi­schen spre­chen sie auch arva­ni­ti­schen Dia­lekt, eine durch das Grie­chi­sche beein­fluss­te alba­ni­sche Sprach­va­ri­an­te, die heut­zu­ta­ge vom Aus­ster­ben bedroht ist. Der Titel „Gjak“ stammt aus die­sem Dia­lekt und bedeu­tet – wie man aus einer Defi­ni­ti­on, die den Kurz­ge­schich­ten vor­an­ge­stellt ist, erfährt – „Blut“, „Blut­ver­wandt­schaft“, „Blut­ra­che“ oder „Sip­pe“; und in der Tat fließt in die­sen Geschich­ten reich­lich Blut. Hin­ter­grund der Erzäh­lun­gen ist der Grie­chisch-Tür­ki­sche Krieg 1919–1922 in Klein­asi­en, in dem die Prot­ago­nis­ten kämp­fen muss­ten und von dem sie nun aus völ­lig anti­he­roi­scher Per­spek­ti­ve berichten. 

Die Grau­sam­keit des Krie­ges und die unzäh­li­gen Kriegs­ver­bre­chen, die von den Figu­ren began­gen wur­den, wer­den aber nicht ins Zen­trum der Geschich­ten gestellt, son­dern fin­den eher am Ran­de statt, wer­den fast nur bei­läu­fig erwähnt. Den Haupt­strang der Erzäh­lung bil­det jeweils eine pri­va­te Geschich­te, die sich vor die­sem Hin­ter­grund abspielt und fami­liä­re Bin­dun­gen, Geheim­nis­se, Eide, Rache, oder ver­lo­re­ne Lie­be the­ma­ti­siert. Gezeigt wird vor allem, wie der Krieg das Bewusst­sein und das Leben der­je­ni­gen zer­stört, die ihn am eige­nen Leib erfah­ren haben: Er hält sie in einem end­lo­sen Kreis­lauf der Gewalt gefan­gen, aus dem sie nicht aus­stei­gen kön­nen, und ent­fernt sie von den Gemein­schaf­ten und Gesell­schaf­ten, aus denen sie kom­men und in die sie sich nach Kriegs­en­de nicht wie­der ein­glie­dern können.

Neben die­ser The­ma­tik – die spä­tes­tens seit dem Krieg in der Ukrai­ne wie­der hoch­ak­tu­ell ist – spielt bei Gjak auch die Spra­che selbst eine wich­ti­ge Rol­le. Erzählt wird immer in der ers­ten Per­son, in Form eines Mono­logs, bei dem sich der Ich-Erzäh­ler an einen (stum­men) Zuhö­rer wen­det, der ins­be­son­de­re am Anfang und am Ende jeder Erzäh­lung ganz deut­lich ange­spro­chen wird. Man erfährt sogar, wo die­se Gesprä­che statt­fin­den, wel­chem Zweck sie die­nen oder was die Bezie­hung zwi­schen dem Erzäh­ler und dem Zuhö­rer ist. All dies erweckt den Ein­druck, dass die Mono­lo­ge aus län­ge­ren Gesprä­chen zwi­schen Erzäh­ler und Zuhö­rer her­aus­ge­löst wor­den sind, und das fast thea­tra­le Set­ting bestimmt weit­ge­hend die Spra­che der Erzäh­lun­gen, die sich durch eine star­ke Münd­lich­keit aus­zeich­net. Die­se drückt sich nicht nur im Voka­bu­lar, das von umgangs­sprach­li­chen For­mu­lie­run­gen und älte­ren, volks­tüm­li­chen Wör­tern wim­melt, oder im rau­en, direk­ten Ton, son­dern auch im freie­ren Umgang mit der Syn­tax und dem leb­haf­ten, spon­ta­nen Rhyth­mus aus.

Wie die­se Spra­che funk­tio­niert, und wie sie von den bei­den Übersetzer*innen ins Deut­sche über­tra­gen wur­de, lässt sich schon am Beginn der ers­ten Erzäh­lung sehen:

Aφού με ρώτηξες θα σου πω, Αντώνη. Κι έτσι είν’ και το πρεπό μιας κι ήρθα στο σπίτι σ’ μέσα και σου ζητάω ό,τι σου ζητάω. Θα μου δώσεις όμως μπέσα πως θα μείνει σε τούτο δω το τραπέζι. Εγώ κι εσύ και κανένας άλλος. Δεν είναι που το ’χω ντροπή, αλλά κάλλιο μη μαθευτεί. Μετά δε θα βαστιέται το πράμα. Κάνε υπομονή και θα καταλάβεις το γιατί.

Hör mal, Anto­nis, auf die Fra­ge kriegs­te ne Ant­wort, weils sich so gehört. Und außer­dem – ich bins, der zu dir ins Haus gekom­men ist, denn ich will was von dir. Aber ich brauch dei­ne Besa, dein Ehren­wort, dass alles hier am Tisch bleibt. Das geht nur dich und mich was an, sonst nie­mand. Es ist nichts Ver­werf­li­ches, aber bes­ser, es bleibt unter uns. Nicht, dass noch ne gro­ße Sache draus wird. Nur Geduld, wirst gleich sehn, was ich meine.

Ver­gleicht man den grie­chi­schen mit dem deut­schen Text, kann man bereits ers­te Schluss­fol­ge­run­gen über die Her­an­ge­hens­wei­se der Übersetzer*innen zie­hen. Der grie­chi­sche Text ent­hält eini­ge Wort­for­men, die eher volks­tüm­lich sind, heut­zu­ta­ge als alt­mo­disch gel­ten und daher (zumin­dest in den urba­nen Räu­men) nicht mehr ver­wen­det wer­den. So zum Bei­spiel das Adjek­tiv „πρεπό“ (prepó), das im heu­ti­gen Grie­chi­schen nun­mehr als „πρέπον“ (pré­pon) vor­kommt, was „rich­tig, ange­mes­sen“ bedeu­tet und hier mit dem Verb „es gehört sich“ über­setzt wur­de; oder auch die For­men „ρώτηξες“ (róti­xes = fragtest/gefragt hast; hier über­setzt als: „auf die Fra­ge“) und „κάλλιο“ (kálio = bes­ser). Da es aber im Deut­schen kei­ne Ent­spre­chun­gen für die­se Sprach­dif­fe­ren­zie­run­gen geben kann, ist es nicht ver­wun­der­lich, dass die Wör­ter neu­tral über­setzt wur­den und daher im deut­schen Text gar nicht mehr wie im Grie­chi­schen his­to­risch und lokal gefärbt sind. Das Wort „μπέσα“ (bésa), das ety­mo­lo­gisch aus dem Alba­ni­schen stammt, aber ins Grie­chi­sche inte­griert wur­de und – vor allem in frü­he­ren Jahr­zehn­ten – in der gespro­che­nen Spra­che häu­fig vor­kam, haben Gra­vert und Tsin­gas in ihrer Über­set­zung her­vor­ge­ho­ben, indem sie es als frem­des Wort im deut­schen Text belas­sen und im Anschluss über­setzt haben („dei­ne Besa, dein Ehrenwort“).

Wenn man von der Ebe­ne der ein­zel­nen Wör­ter auf die Satz­ebe­ne über­geht, stellt man fest, dass auch hier man­ches neu­tra­ler wie­der­ge­ge­ben wur­de, als es im grie­chi­schen Text der Fall ist. So wur­de bei­spiels­wei­se der grie­chi­sche Satz „δεν είναι που το ’χω ντροπή“ (den ein­ai pou to ‘cho dro­pi), der in etwa „es ist nicht so, dass ich mich schä­me“ bedeu­tet, aller­dings einen star­ken münd­li­chen Cha­rak­ter auf­weist, als „es ist nichts Ver­werf­li­ches“ über­setzt. Der Satz, der mit „das geht nur dich und mich was an, sonst nie­mand“ über­tra­gen wur­de, ist im Ori­gi­nal ellip­tisch und wirkt daher viel münd­li­cher: „Εγώ κι εσύ και κανένας άλλος“ (egó ki esy kai kané­nas állos), was sich wört­lich mit „ich und du und nie­mand sonst“ über­set­zen lie­ße (gemeint ist so etwas wie: Ich und du und nie­mand sonst sol­len davon wissen).

Auf der ande­ren Sei­te wird schon an die­sem ers­ten Abschnitt des Buches klar, dass die Übersetzer*innen dem deut­schen Text einen münd­li­chen Cha­rak­ter ver­lei­hen wol­len, der sich dem Ton des Ori­gi­nals annä­hern soll­te, und zu die­sem Zweck auch eine Rei­he von Ent­schei­dun­gen getrof­fen haben. So wer­den in der gesam­ten Über­set­zung For­men der gespro­che­nen Spra­che wie Ver­schmel­zun­gen („kriegs­te“, „weils“, „bins“), Eli­sio­nen („ne“, „draus“, „sehn“) und ande­re Ver­kür­zun­gen sys­te­ma­tisch ver­wen­det. Auch am Umgang mit den Zeit­for­men kann man die Absicht der Übersetzer*innen beob­ach­ten, die Münd­lich­keit des grie­chi­schen Tex­tes zwar zu bewah­ren, sie aber nicht eins zu eins über­tra­gen, wie aus dem fol­gen­den Aus­zug hervorgeht:

Όντως κι έτσι κάναμε, αλλά στον Αϊ-Λια που φτάσαμε δε βρήκαμε κανένα. Καθόμαστε να περιμένουμε, ξανασυζητάμε σε ποια μεριά να κοιτάξουμε μετά, αλλά περνάει η ώρα, φτάνει μεσημέρι και δεν έχει φανεί ψυχή. Λέει ο θειος μ’, πάμε σαπάν’, κει που ψάχουνε αυτοί και θα τους πετύχουμε στο δρόμο.

So habn wirs dann auch gemacht, aber als wir an die Kapel­le kamen, war kei­ner da. Wir habn uns hin­ge­setzt, gewar­tet und nach­ge­dacht, wo wir noch nicht gewe­sen warn und wo wir noch suchen soll­ten. Die Zeit ist ver­gan­gen, es ist Mit­tag gewor­den und kein Mensch hat sich bli­cken las­sen. Mein Onkel hat gemeint, wir müs­sen höher stei­gen, dort­hin, wo die andern suchen, irgend­wo wer­den wir denen schon über den Weg laufen.

Wäh­rend im grie­chi­schen Text der Erzäh­ler nach dem ers­ten Punkt vom Prä­ter­itum zum his­to­ri­schen Prä­sens wech­selt und dadurch die Ereig­nis­se leben­di­ger erschei­nen lässt und sie dem Zuhö­rer (und den Lesen­den) so näher bringt (eine Stra­te­gie, auf die der Autor oft im Buch zurück­greift), wird an den glei­chen Stel­len in der deut­schen Über­set­zung Per­fekt ver­wen­det: „Wir habn uns hin­ge­setzt, gewar­tet und nach­ge­dacht“ statt: „Wir set­zen uns hin, um zu war­ten, und dis­ku­tie­ren noch­mal“) und „Die Zeit ist ver­gan­gen, es ist Mit­tag gewor­den“ statt: „Die Zeit ver­geht, es wird Mit­tag“). Da im Deut­schen bekannt­lich das Prä­ter­itum die üblichs­te Zeit­form für schrift­li­che Erzäh­lun­gen ist, wäh­rend man im münd­li­chen Sprach­ge­brauch statt­des­sen häu­fi­ger zum Per­fekt neigt, und weil auch die Ver­wen­dung des his­to­ri­schen Prä­sens im Deut­schen nicht so üblich wie im Grie­chi­schen oder ande­ren euro­päi­schen Spra­chen ist, kann die Ent­schei­dung der Übersetzer*innen, an die­ser und ande­ren ähn­li­chen Stel­len im Buch das Per­fekt zum Zweck der Münd­lich­keit zu ver­wen­den, als plau­si­bel und gelun­gen betrach­tet werden.

Wie sind die Übersetzer*innen mit dem Dia­lekt umge­gan­gen, der gele­gent­lich, ins­be­son­de­re in emo­ti­ons­ge­la­de­nen Momen­ten in den Erzäh­lun­gen vor­kommt? Gra­vert und Tsin­gas haben sich – wie Letz­te­rer in einem Inter­view auf dem deutsch-grie­chi­schen Kul­tur­por­tal diablog.eu erklärt hat – bewusst gegen eine Über­tra­gung des arva­ni­ti­schen Dia­lekts in einen deut­schen Dia­lekt, etwa ins Baye­ri­sche oder ins Ber­li­ne­ri­sche ent­schie­den. Zu Recht: Eine sol­che Aus­wahl wäre in der Tat will­kür­lich gewe­sen. Sie haben die Pas­sa­gen – genau so, wie es im Ori­gi­nal der Fall ist – als Fremd­kör­per im Erzähl­fluss behal­ten, die Trans­li­te­ra­ti­on des Arva­ni­ti­schen aus der grie­chi­schen in die latei­ni­sche Schrift hat dabei The­de Kahl, Pro­fes­sor für Süd­sla­wis­tik an der Uni­ver­si­tät Jena, über­nom­men. Eine Über­set­zung die­ser Ein­spreng­sel fin­det sich jeweils in einer Fuß­no­te. Wie die­se Sprach-Col­la­ge aus­sieht, zeigt fol­gen­des Beispiel:

Κι αντί να μας πουν φχαριστώ, μας βαράνε στα μουλωχτά. το λοιπόν, αυτό δε θα μείνει έτσ’. Σας δίνω το λέφτερο να κάνετε σα θοτ μέντι.*

*Ό,τι βούλεται ο καθείς.

Und statt dan­ke zu sagen, gabs Kugeln aus dem Hin­ter­halt. Das wird Fol­gen haben. Jeder soll jetzt tun, sa thot médi.*

* Was ihm beliebt.

Papa­mar­kos’ Spra­che zeich­net sich auch durch einen star­ken Rhyth­mus aus. Die Abfol­ge von kur­zen Haupt­sät­zen, wobei dem Verb eine zen­tra­le Bedeu­tung zukommt, trägt zu einem leb­haf­ten Rhyth­mus bei, eben­so wie die Ein­füh­rung von direk­ter Rede in den Erzähl­fluss, das Weg­las­sen eini­ger Wör­ter und das Spiel mit der Syn­tax: Im Grie­chi­schen ist es näm­lich ins­be­son­de­re in der gespro­che­nen Spra­che üblich, von der „kor­rek­ten“ Rei­hen­fol­ge der Wör­ter in einem Satz abzu­wei­chen. Durch die­se leicht unre­gel­mä­ßi­ge Syn­tax wer­den nicht nur bestimm­te Wör­ter stär­ker betont, son­dern die Rede erhält auch einen spon­ta­nen, leben­di­gen Cha­rak­ter. Eine sol­che syn­tak­ti­sche und rhyth­mi­sche Unre­gel­mä­ßig­keit ins Deut­sche (wo es stren­ge­re syn­tak­ti­sche Regeln gibt) zu über­tra­gen, ist natür­lich kei­ne ein­fa­che Sache. Die Übersetzer*innen haben aber auch hier inter­es­san­te Lösun­gen gefun­den und rhyth­mi­sche Fle­xi­bi­li­tät bewie­sen, wie das fol­gen­de Bei­spiel zeigt:

Γι’ αυτό πήγα στον παππού σ’ τον Μήτσο και του ’πα το και το, άτιμος δεν είμαι να πειράξω την κόρη σ’ κι έπειτα να την απαρατήξω, να σπάσουμε τον αρρεβώνα τώρα και να δώσουμε τα χέρια.

Des­halb hab ich dei­nen Groß­va­ter Mit­sos auf­ge­sucht und ihm die gan­ze Geschich­te erzählt. Dei­ne Toch­ter berüh­ren und dann fal­len­las­sen, so einer bin ich nicht. Aber so, wie die Din­ge stehn, kön­nen wir die Ver­lo­bung lösen und uns die Hän­de reichen.

Eine gro­be Wort-für-Wort-Über­set­zung wür­de unge­fähr so lau­ten: „Des­halb ging ich zu dei­nem Groß­va­ter Mit­sos und sag­te zu ihm, so gemein bin ich nicht, dei­ne Toch­ter zu berüh­ren und dann zu ver­las­sen, lösen wir die Ver­lo­bung und rei­chen uns die Hände.“

Als ers­tes fällt auf, dass aus dem einen Satz im Ori­gi­nal drei kür­ze­re, durch Punk­te getrenn­te Sät­ze in der Über­set­zung wur­den. Dies scheint in die­sem Fall nicht unlo­gisch zu sein, denn die Umkeh­rung der Rei­hen­fol­ge eini­ger Wör­ter („άτιμος δεν είμαι“, „gemein bin ich nicht“), die Ver­wen­dung von direk­ter Rede sowie die ellip­ti­sche, wacke­li­ge Syn­tax im grie­chi­schen Text ver­lei­hen dem Satz trotz sei­ner Län­ge einen abge­hack­ten Stac­ca­to-Rhyth­mus – was in der deut­schen Über­set­zung, wo der bes­se­ren Ver­ständ­lich­keit hal­ber man­che aus­führ­li­che­re For­mu­lie­run­gen benutzt wur­den („die gan­ze Geschich­te“, „so, wie die Din­ge ste­hen“) durch die drei getrenn­ten Sät­ze erfolg­reich über­tra­gen wur­de. Außer­dem weist der zwei­te Satz („Dei­ne Toch­ter berüh­ren und dann fal­len­las­sen, so einer bin ich nicht“) dar­auf hin, dass sich die Übersetzer*innen am Ori­gi­nal ori­en­tiert und es geschafft haben, durch syn­tak­ti­sche Umkeh­run­gen den Ein­druck der Münd­lich­keit zu verstärken.

Wie aus die­sen Bei­spie­len ersicht­lich wird, zeigt Gjak deut­lich, wie anspruchs­voll es ist, die Spra­che der „ein­fa­chen Leu­te“, und ins­be­son­de­re die gespro­che­ne Spra­che einer frü­he­ren Epo­che zu über­set­zen. Anspra­che, Rhyth­mus, Syn­tax, lexi­ka­li­sche und kul­tu­rel­le Beson­der­hei­ten spie­len hier eine wesent­li­che Rol­le. Dass ein jun­ger Autor wie Dimosthe­nis Papa­mar­kos aus einem sol­chen Mate­ri­al eine wirk­sa­me lite­ra­ri­sche Spra­che der Gegen­wart geschaf­fen hat, ist zwei­fel­los bemer­kens- und lobens­wert. Ein Lob ver­dient gera­de des­halb auch die Leis­tung von Ange­li­ka Gra­vert und Athan­as­si­os Tsin­gas, die die Her­aus­for­de­rung, die das Buch für Übersetzer*innen dar­stellt, so gut gemeis­tert haben und eine Über­set­zung gelie­fert haben, die die Rau­heit und Fremd­heit des Ori­gi­nals nicht ver­deckt und zugleich einen stim­mi­gen Ton im Deut­schen fin­det und viel Lese­freu­de bereitet.

Dimosthe­nis Papa­mar­kos | Ange­li­ka Gra­vert & Athan­as­si­os Tsin­gas

Gjak – sau­ber bleibt nur, wer nix tut



Mit­tel­deut­scher Ver­lag 2022 ⋅ 128 Sei­ten ⋅ 20 Euro


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