Roman mit Heldin

Intrigen, Affären, Macht: William M. Thackerays Meisterwerk „Jahrmarkt der Eitelkeit“ seziert die Laster der britischen Gesellschaft. Eine ihrer widersprüchlichsten literarischen Frauenfiguren kehrt nun mit Hans-Christian Oesers Neuübersetzung zurück ins Rampenlicht. Von

Beitragsbild zur Rezension "Jahrmarkt der Eitelkeit". Cover des Buchs vor rot-schwarzem Hintergrund.
Selbst auf dem Cover kommen die Eitelkeiten nicht zu kurz. Hintergrundbild: Alex Perez.

Bücher kön­nen süch­tig machen. Eine Gefahr, die gern igno­riert wird – so machen wir doch in der heu­ti­gen Zeit vor allem Strea­ming-Diens­te für unse­ren schnel­len Kon­sum der neu­es­ten Seri­en-Erzäh­lun­gen ver­ant­wort­lich. Doch bevor es Net­flix gab, gab es Klas­si­ker wie Wil­liam Make­peace Tha­ckerays Jahr­markt der Eitel­keit, die vor mehr als 150 Jah­ren ihre vik­to­ria­ni­schen Leser:innen in Atem hielten. 

Von 1847 bis 1848 erschien monat­lich ein neu­er Teil der ins­ge­samt 19-teil­i­gen Serie. Die Publi­ka­ti­ons­form war kei­nes­wegs unüb­lich: Charles Dickens, ein Riva­le Tha­ckerays, hat­te die­se Pra­xis mit gro­ßem Erfolg wie­der­be­lebt. Wer jedoch sein Publi­kum monat­lich bei Lau­ne hal­ten will, braucht einen mit­rei­ßen­den Plot. So kommt auch Tha­ckerays Jahr­markt der Eitel­keit nicht ohne den ein oder ande­ren gro­ßen Cliff­han­ger aus – dazu gehört (Spoi­ler!) der Tod einer der vier Haupt­fi­gu­ren nach unge­fähr der Hälf­te des Romans.

Jahr­markt der Eitel­keit, im eng­li­schen Ori­gi­nal Vani­ty Fair, gilt als einer der bedeu­tends­ten eng­lisch­spra­chi­gen Roma­ne. Trotz­dem erfreut er sich nicht der­sel­ben Beliebt­heit wie Char­lot­te Bron­tës Jane Eyre oder der immer wie­der neu ver­film­te Dickens-Roman Gro­ße Erwar­tun­gen. Man könn­te fast behaup­ten, dass Tha­ckerays Vani­ty Fair lang­sam aus dem kul­tu­rel­len Gedächt­nis ver­schwin­det. In der eng­lisch­spra­chi­gen Welt ist die seit den 80er Jah­ren ver­leg­te Zeit­schrift mit dem­sel­ben Namen mit­un­ter bekannter. 

Und auch in deut­schen Buch­hand­lun­gen schien Jahr­markt der Eitel­keit mitt­ler­wei­le ver­grif­fen zu sein. Wäh­rend die Erst­über­set­zung von Chris­toph Fried­rich Grieb aus dem 19. Jahr­hun­dert im Inter­net kur­siert, sind ande­re Über­set­zun­gen aus den 50er Jah­ren von The­re­sia Mut­zen­be­cher oder Kat­ja Mann eher in Biblio­the­ken oder anti­qua­risch erhält­lich. Dane­ben gibt es übri­gens noch min­des­tens drei wei­te­re Über­set­zun­gen ins Deut­sche. Die vor Kur­zem erschie­ne­ne Neu­über­set­zung von Hans-Chris­ti­an Oeser im Reclam Ver­lag soll nun Abhil­fe schaf­fen und Jahr­markt der Eitel­keit zu neu­em Glanz verhelfen.

Der Zeit­punkt für das Erschei­nen der Neu­über­set­zung könn­te tat­säch­lich kaum bes­ser sein. Mit sei­ner Mischung aus gesell­schaft­li­chem Pan­ora­ma, Sati­re und Lie­bes­dra­men ähnelt Jahr­markt der Eitel­keit einem der größ­ten Net­flix-Erfol­ge des letz­ten Jah­res: Bridger­ton. Oder anders gesagt: Moder­ne Leser:innen soll­ten mit Vani­ty Fair, das eben­falls in der Regen­cy-Ära spielt, eben­so viel anfan­gen kön­nen wie mit Bridger­ton, obgleich Tha­ckerays Roman in einen üppi­ge­ren his­to­ri­schen Kon­text ein­ge­bet­tet und ins­ge­samt anspruchs­vol­ler ist.

Für Unter­hal­tung der beson­de­ren Art sorgt der mit­un­ter zyni­sche und geist­rei­che Erzähl­kom­men­tar, der einer lan­gen lite­ra­ri­schen Tra­di­ti­on in der eng­lisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur folgt. Tha­ckeray deu­tet an, dass sein nase­wei­ser Erzäh­ler sich in den­sel­ben Krei­sen wie die vier Haupt­fi­gu­ren bewegt. Gänz­lich all­wis­send ist der Erzäh­ler jedoch nicht. Wenn die jün­ge­ren Män­ner in die Schlacht bei Water­loo zie­hen, bleibt der Fokus auf den war­ten­den Frau­en und Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Und auch der Rest des bri­ti­schen Welt­reichs, in das hin und wie­der Figu­ren ent­sandt wer­den, ist nur in Andeu­tun­gen greifbar. 

Der Über­set­zer Hans-Chris­ti­an Oeser hat­te die Auf­ga­be, die bis­si­gen Beob­ach­tun­gen des Erzäh­lers ent­spre­chend ins Deut­sche zu brin­gen. Wenn die­ser sei­ne Weis­hei­ten und Rat­schlä­ge mit den Lesen­den teilt, dann trie­fen die Sät­ze, die sich hier eng am Satz­bau des Ori­gi­nals ori­en­tie­ren, auch im Deut­schen vor Ironie:

Be cau­tious then, young ladies; be wary how you enga­ge. Be shy of loving frank­ly; never tell all you feel, or (a bet­ter way still), feel very little.

Seid also vor­sich­tig, ihr jun­gen Damen; seid auf der Hut, wie ihr euch ver­lobt. Scheut euch, unver­hoh­len zu lie­ben; sagt nicht alles, was ihr fühlt, oder (bes­ser noch) fühlt sehr wenig.

Beson­ders ver­trau­ens­wür­dig ist der domi­nan­te Erzäh­ler, der sei­ne Leser:innen regel­mä­ßig direkt adres­siert, nicht. Er gibt selbst zu, dass es hin und wie­der bes­ser sei, man­che Din­ge der Vor­stel­lungs­kraft der Leser­schaft zu über­las­sen. Das mag wenig über­ra­schen, han­delt Jahr­markt der Eitel­keit doch von Ehe­bruch, Spiel­sucht, Hab­gier und Macht­miss­brauch. Am Ende wird zwi­schen den Zei­len sogar ein Mord ange­deu­tet. Damit sich Lesen­de nicht gänz­lich im Glanz und Gla­mour des Gesche­hens ver­lie­ren, führt der Erzäh­ler in regel­mä­ßi­gen Abstän­den vor Augen, um wel­chen Roman es sich handelt:

But my kind rea­der will plea­se to remem­ber that this histo­ry has „Vani­ty Fair“ for a title, and that Vani­ty Fair is a very vain, wicked, foo­lish place, full of all sorts of hum­bugs and fal­sen­es­ses and pre­ten­si­ons. And while the mora­list, who is hol­ding forth on the cover (an accu­ra­te por­trait of your hum­ble ser­vant), pro­fes­ses to wear neither gown nor bands, but only the very same long-eared livery in which his con­gre­ga­ti­on is array­ed: yet, look you, one is bound to speak the truth as far as one knows it, whe­ther one mounts a cap and bells or a sho­vel-hat; and a deal of dis­agreeable mat­ter must come out in the cour­se of such an undertaking.

Doch der geneig­te Leser möge bit­te beden­ken, dass die­se Geschich­te auf ihrem knall­gel­ben Ein­band den Titel Jahr­markt der Eitel­keit trägt und dass der Jahr­markt der Eitel­keit ein sehr eit­ler, sünd­haf­ter, törich­ter Ort ist, voll von aller­lei Schwin­de­lei­en, Unauf­rich­tig­kei­ten und Anma­ßun­gen. Und sehen Sie, wenn­gleich der Mora­list, der sich auf dem Ein­band prä­sen­tiert (ein genau­es Por­trät Ihres erge­be­nen Die­ners), behaup­tet, weder Talar noch Beff­chen zu tra­gen, son­dern nur die glei­che Esels­oh­ren­kap­pe, mit der sich auch sei­ne Gemein­de schmückt, so ist man doch ver­pflich­tet, die Wahr­heit zu sagen, soweit man sie kennt, ob man nun Schel­len­kap­pe oder Schau­fel­hut auf­setzt; und bei einem sol­chen Unter­fan­gen muss nun ein­mal eine Men­ge unan­ge­neh­mer Din­ge ans Licht kommen.

Es dürf­te kein leich­tes Unter­fan­gen für den Über­set­zer gewe­sen sein, einen 900 Sei­ten star­ken Roman so bei­sam­men zu hal­ten, dass er an ein­zel­nen Stel­len wie die­sen nicht aus­ein­an­der­fällt. Doch Oeser gelingt das her­vor­ra­gend. Selbst wenn er Anpas­sun­gen vor­nimmt, die tie­fer in die Struk­tur des Tex­tes ein­drin­gen, so sind sie doch immer ziel­füh­rend: Hier zum Bei­spiel zieht er „yet, look you“, das im Eng­li­schen dazu dient, den Fokus auf den letz­ten Teil des Sat­zes zu rich­ten, an den Anfang des deut­schen Sat­zes („Und sehen Sie“). Auf gewis­se Wei­se bestärkt die Ver­än­de­rung den Ein­druck, dass der Erzäh­ler nicht sel­ten abschweift, kurz­um in ein Geschwa­fel ver­fällt, das an vie­len Stel­len den Witz aus­macht, solan­ge Tha­ckeray und sein Über­set­zer es zu kon­trol­lie­ren wissen.

Auf­merk­sa­men Leser:innen dürf­te zudem der Ver­weis auf den „knall­gel­ben Ein­band“ auf­fal­len, der sich nicht in dem hier zitier­ten eng­li­schen Ori­gi­nal fin­den lässt. Tat­säch­lich ist ledig­lich im Manu­skript und in der Erst­aus­ga­be von „gau­dy yel­low covers“ die Rede. In spä­te­ren Aus­ga­ben wur­de der Zusatz gestri­chen. Auch an ande­ren Stel­len dürf­te sich die deut­sche Über­set­zung, die mut­maß­lich auf der Erst­aus­ga­be basiert, von eng­li­schen Fas­sun­gen nicht gra­vie­rend, aber doch bei einem genaue­ren Ver­gleich auf­fal­lend unter­schei­den. So wird bei­spiels­wei­se Miss Sharp, zu der wir gleich noch kom­men wer­den, an einer Stel­le im Deut­schen nicht nur als „Mis­an­thro­pin“, son­dern auch als „Miso­gy­nin“ beschrie­ben. In spä­te­ren eng­lisch­spra­chi­gen Aus­ga­ben ist die­se Bezeich­nung nicht mehr zu finden.

Der ein­präg­sa­me Titel des Romans fällt im Lau­fe des Gesche­hens immer wie­der, obgleich er nie von Tha­ckerays Figu­ren ver­wen­det wird, die kein Bewusst­sein dafür haben, dass sie sich auf einem „Jahr­markt der Eitel­keit“ bewe­gen. Für Tha­ckeray war die Wahl des Titels eine schwe­re Geburt. Der Legen­de nach soll er eines Nachts auf­ge­sprun­gen sein und drei­mal hin­ter­ein­an­der „Vani­ty Fair“ geru­fen haben, wäh­rend er im Zim­mer umher­ge­rannt ist. „Vani­ty Fair“ war jedoch nicht sei­ne eige­ne Erfin­dung. Der Begriff stammt aus dem damals sehr bekann­ten lite­ra­risch-bap­tis­ti­schen The Pilgrim’s Pro­gress von John Bun­yan und bringt Bedeu­tungs­ebe­nen mit sich, die der deut­sche Titel gar nicht abbil­den kann. Denn „Jahr­markt der Eitel­keit“ ist eine Rede­wen­dung, die ihren Ursprung in der Über­set­zung von Tha­ckerays Roman hat und sich erst nach Erschei­nen des Buches in den deut­schen Sprach­ge­brauch inte­griert hat. Kein Wun­der also, dass der Titel der deut­schen Über­set­zun­gen nie wie­der ange­rührt wurde.

Der eben­falls viel dis­ku­tier­te Unter­ti­tel „Roman ohne Held“ erscheint auch auf dem Cover der Neu­über­set­zung. Ver­gleicht man Tha­ckerays Figu­ren­kon­stel­la­ti­on bei­spiels­wei­se mit Dickens‘ titel­ge­ben­den Prot­ago­nis­ten wie David Cop­per­field oder Oli­ver Twist, dann gibt es in Jahr­markt der Eitel­kei­ten tat­säch­lich nicht den einen Hel­den. Tha­ckeray kon­zen­triert sich statt­des­sen auf das Schick­sal zwei­er Frau­en, Ame­lia Sed­ley und Becky Sharp, die sich in ihrer Jugend ken­nen­ler­nen und im Lau­fe ihres Lebens – geprägt von sozia­len Auf- und Abstie­gen – immer wie­der begeg­nen. Ame­lia hei­ra­tet den selbst­ver­lieb­ten Geor­ge Osbor­ne, ihre Jugend­lie­be, wäh­rend Becky eine Ehe mit dem dümm­li­chen, ihr jedoch treu erge­be­nen Raw­don Craw­ley ein­geht, Erbe des Ver­mö­gens sei­ner jah­re­lang im Ster­ben lie­gen­den Tan­te. Wil­liam Dob­bin ist Osbor­nes bes­ter Freund und eben­falls eine ste­te Prä­senz. Sei­ne zunächst unaus­ge­leb­te, aber kon­stan­te Lie­be zu Ame­lia gibt dem Roman zwi­schen all den Eitel­kei­ten und Intri­gen emo­tio­na­le Gravitas.

Der ein­deu­ti­ge Star des Romans ist jedoch Becky Sharp. Gut hun­dert Jah­re nach Erschei­nen des Romans mut­maß­te der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Roger Penn Cuff, dass Becky zu sei­ner Lebens­zeit deut­lich belieb­ter sein dürf­te als im vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter. Und damit hat er nicht Unrecht. Selbst im 21. Jahr­hun­dert ist Becky eine über­aus moder­ne, nicht unpro­ble­ma­ti­sche, aber dafür fas­zi­nie­ren­de Hel­din: intel­li­gent und ambi­tio­niert, groß­spu­rig und kal­ku­lie­rend, manch­mal empa­thisch, sel­ten groß­her­zig. Män­ner sind ihr ver­fal­len; Frau­en mögen sie nicht beson­ders. Im Ver­gleich zur gut­mei­nen­den, aber lang­wei­li­gen Ame­lia ist sie in ihrer gan­zen Wider­sprüch­lich­keit das schil­lern­de Zen­trum des Geschehens.

Die bei­den Frau­en ler­nen sich auf einer Mäd­chen­schu­le ken­nen, in der Becky, deren Eltern früh ver­stor­ben sind, als Leh­re­rin aus­hilft. Anders als die Direk­to­rin spricht Becky flie­ßend Fran­zö­sisch und macht sich, kurz bevor sie und Ame­lia die Schu­le für immer ver­las­sen, über sie lustig:

„[…] But that tal­king French to Miss Pin­ker­ton was capi­tal fun, was­n’t it? She does­n’t know a word of French, and was too proud to con­fess it. I belie­ve it was that which made her part with me; and so thank Hea­ven for French. Vive la France! Vive l’Em­per­eur! Vive Bona­par­te!“ „O Rebec­ca, Rebec­ca, for shame!“ cried Miss Sed­ley; for this was the grea­test blas­phe­my Rebec­ca had as yet utte­red; and in tho­se days, in Eng­land, to say, „Long live Bona­par­te!“ was as much as to say, „Long live Luci­fer!“ „How can you—how dare you have such wicked, reven­geful thoughts?“ „Reven­ge may be wicked, but it’s natu­ral,“ ans­we­red Miss Rebec­ca. „I’m no angel.“ And, to say the truth, she cer­tain­ly was not. 

»[…] Aber wie ich mit Miss Pin­ker­ton Fran­zö­sisch par­liert habe, das war ein kapi­ta­ler Spaß, nicht wahr? Sie kann kein Wort Fran­zö­sisch und war zu stolz, es zuzu­ge­ben. Ich glau­be, des­we­gen hat sie sich von mir getrennt, und dem Him­mel sei Dank für die fran­zö­si­sche Spra­che. Vive la France, vive l’Empereur, vive Bona­par­te!« »Oh, Rebec­ca, Rebec­ca, schäm dich!«, rief Miss Sed­ley, denn dies war die schlimms­te Blas­phe­mie, die Rebec­ca bis dahin aus­ge­sto­ßen hat­te; in Eng­land zu jener Zeit »Lang lebe Bona­par­te« zu rufen war gera­de so, als rie­fe man »Lang lebe Luzi­fer«. »Wie kannst du nur – wie kannst du es wagen, solch böse, rach­süch­ti­ge Gedan­ken zu haben?« »Rache mag bös­ar­tig sein, ist aber natür­lich«, ant­wor­te­te Miss Rebec­ca. »Ich bin kein Engel.« – Und um die Wahr­heit zu sagen, ein Engel war sie gewiss nicht. 

Bei dem eng­li­schen „wicked“ schwingt noch eine ande­re Bedeu­tung mit, die das deut­sche „böse“ nicht ganz mit ein­fängt, aber ein Kern­pro­blem für vik­to­ria­ni­sche Leser:innen bedeu­tet: Beckys Gott­lo­sig­keit. Zwar läuft auch sie nicht gänz­lich ohne mora­li­schen Kom­pass durch Lon­don, aber im Ver­gleich zu Ame­lia – dem füg­sa­men „Angel in the House“ – ver­sto­ßen ihre Hand­lun­gen gegen die von christ­li­chen Tugen­den gepräg­ten gesell­schaft­li­chen Regeln und dürf­ten selbst beim heu­ti­gen Publi­kum ab und an für Irri­ta­tio­nen sorgen.

Oeser über­setzt ten­den­zi­ell nah am Aus­gangs­text, setzt aber durch­aus auch sehr eigen­tüm­li­che Akzen­te. In sei­ner Über­set­zung „par­liert“ Becky und spricht von einem „kapi­ta­len Spaß“, letz­te­res eine enge Ori­en­tie­rung am Eng­li­schen, die hier funk­tio­niert, obgleich sie nichts zur sprach­li­chen Moder­ni­sie­rung der deut­schen Über­set­zung bei­trägt. Doch in Kom­bi­na­ti­on mit dem „par­liert“ hat sei­ne Über­set­zung den Effekt, dass Beckys Rede selt­sam geküns­telt wirkt, was jedoch nicht stört, son­dern gewinn­brin­gend für die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Figur ist und den necki­schen Unter­ton ver­stärkt. Der „Jahr­markt der Eitel­keit“ wim­melt von Schaum­schlä­gern, zu denen auch die talen­tier­te Becky gehört, und dies schlägt sich auch in der Spra­che nieder.

Wie so vie­le ande­re Roma­ne sei­ner Zeit kommt auch Jahr­markt der Eitel­keit nicht ohne Ver­wei­se auf die bri­ti­sche Kolo­ni­al­herr­schaft aus. Tha­ckeray selbst war der Sohn eines Kolo­ni­al­be­am­ten und wur­de in Kolk­a­ta gebo­ren. Zu Beginn des Romans kehrt Jos Sed­ley, Ame­li­as Bru­der, zusam­men mit Dob­bin aus den Kolo­nien zurück und sei­ne Fami­lie tischt dem heim­ge­kehr­ten Soh­ne­mann ein indi­sches Cur­ry auf, an dem sich Becky in einer höchst komi­schen Sze­ne die Zun­ge ver­brennt. Vie­le der etwas der­be­ren Wit­ze in dem Roman gehen auf Kos­ten des kari­ka­tur­haf­ten Jos Sed­ley, ein extra­va­gan­ter Töl­pel, den Becky zunächst als poten­ti­el­len Ehe­mann aus­er­ko­ren hät­te, wäre ihnen nicht jemand in die Que­re gekommen.

Die Sed­leys haben auch einen Die­ner namens „Sam­bo“, des­sen abwer­ten­der Name sei­ne afri­ka­ni­sche Her­kunft andeu­tet. Obgleich die bri­ti­schen Kolo­nien immer wie­der in vik­to­ria­ni­schen Roma­nen für den Plot her­hal­ten müs­sen, so sind expli­zi­te Dar­stel­lun­gen von Peo­p­le of Colour doch ins­ge­samt sel­ten zu fin­den. „Sam­bo“ hat in Jahr­markt der Eitel­keit kei­nen Rede­an­teil, aber er ist am Anfang in allen Sze­nen der Fami­lie Sed­ley prä­sent und dient vor allem deren Cha­rak­te­ri­sie­rung. So ist „Sam­bo“ geschmei­chelt, dass Becky, die ande­re sehr gut ein­schät­zen und zu umgar­nen weiß, ihn mit „Sir“ anspricht. Mit Mr. Sed­ley lacht er hin­ge­gen gemein­sam über die Miss­ge­schi­cke des schwer­fäl­li­gen Jos. 

Kom­ple­xer wird das Gan­ze, als Jos Sed­ley eine Miss Swartz hei­ra­ten soll, deren spre­chen­der Name auf ihr Äuße­res ver­weist, wel­ches sie – trotz gra­vie­ren­der Unter­schie­de, was die gesell­schaft­li­che Stel­lung betrifft – mit dem Die­ner der Sed­leys ver­bin­det: „Ihr kohl­ra­ben­schwar­zes Haar ist so kraus wie Sam­bos,“ heißt es in der Über­set­zung. Miss Swartz ist eine rei­che „Mulatt­in“ und daher eine attrak­ti­ve Frau, doch Jos Sed­ley begeg­net sei­nem Vater mit einer Flut an ras­sis­ti­schen Bemer­kun­gen, als die­ser mit der Idee einer Ehe­schlie­ßung an ihn her­an­tritt. In Oesers Über­set­zun­gen blei­ben die Ras­sis­men so ste­hen, wie es das Ori­gi­nal vor­gibt, und es bleibt ein Dilem­ma für Klas­si­ker-Über­set­zun­gen, wie dis­kri­mi­nie­rungs­sen­si­ble Spra­che über­haupt ein­ge­setzt wer­den soll, wenn der Text Ras­sis­men ganz offen­sicht­lich zur Figu­ren­zeich­nung ver­wen­det und die­se nicht auf die Kap­pe der Über­set­zen­den geht. Es ist an die­ser Stel­le und bei der Fra­ge nach der der Über­set­zung zugrun­de­lie­gen­den Aus­ga­be vor allem bedau­erns­wert, dass die Neu­über­set­zung von Jahr­markt der Eitel­kei­ten ohne ein Nach­wort oder einen Kom­men­tar des Über­set­zers aus­kom­men muss. Zwar gibt es Anmer­kun­gen, aber die­se umfas­sen in ers­ter Linie die Über­set­zung der fran­zö­si­schen Zitate.

Dass Jahr­markt der Eitel­keit den­noch unbe­dingt lesens­wert ist, liegt nicht nur an Becky Sharp selbst, son­dern auch am Umgang mit die­ser, der heu­ti­gen Befind­lich­kei­ten gerecht wer­den dürf­te, ohne zu stark eine Les­art vor­zu­ge­ben. Beckys Grenz­über­schrei­tun­gen lässt der Erzäh­ler sel­ten unkom­men­tiert, außer an beson­ders deli­ka­ten Stel­len. Trotz­dem stellt Tha­ckeray sehr sorg­fäl­tig die sozio­öko­no­mi­schen Unter­schie­de her­aus, die dafür ver­ant­wort­lich sind, dass Becky Sharp – Toch­ter eines ver­arm­ten Künst­lers, ohne Geld, Fami­lie oder nen­nens­wer­te Kon­tak­te – einen gänz­lich ande­ren Weg ein­schlägt als die wohl­be­hü­tet auf­ge­wach­se­ne Ame­lia. Als die Gerüch­te um Beckys Affä­re mit Lord Stey­ne, von dem sie sich Geld leiht, ihren Höhe­punkt neh­men, wider­spricht der Erzähler: 

I pro­test it is quite shameful in the world to abu­se a simp­le crea­tu­re, as peo­p­le of her time abu­se Becky, and I warn the public against belie­ving one-tenth of the sto­ries against her. 

Ich beteue­re, dass es eine Schan­de für die Welt ist, ein ein­fa­ches Geschöpf zu schmä­hen, so wie die Men­schen zu ihrer Zeit Becky schmäh­ten, und ich war­ne das Publi­kum davor, auch nur ein Zehn­tel der Geschich­ten über sie zu glauben.

Auch ein sol­cher Ein­wand kommt in Jahr­markt der Eitel­keit nicht ohne Iro­nie aus. Sei­ne Hel­din ist schließ­lich alles ande­re als ein „ein­fa­ches Geschöpf“, son­dern eine der eigen­wil­ligs­ten und kom­ple­xes­ten, wenn nicht sogar tra­gischs­ten Figu­ren der eng­lisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­ge­schich­te. In der Neu­über­set­zung von Hans-Chris­ti­an Oeser ist Jahr­markt der Eitel­keit ein viel­schich­ti­ges Ver­gnü­gen und dürf­te eini­ge neue Leser:innen fin­den. Ein Klas­si­ker mit Sucht­po­ten­zi­al in preis­ver­däch­ti­ger Übersetzung.

Wil­liam Make­peace Tha­ckeray | Hans-Chris­ti­an Oeser

Jahr­markt der Eitelkeit



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