Wider die L(e)isten des Schuhmachers

Christine Schlossers feinfühlige Übersetzung von Niillas Holmbergs samischen Gedichten erweitert den Horizont und die Sinne. Von

Schwarzweißes Buchcover von Niilas Holmbergs Lyrikband "Barfuß" vor einem Hintergrund aus hellem Sand mit Wellenstruktur.
Sich die Welt in ihrer sprachlichen Vielfalt erlaufen. Hintergrundbild: Mick Haupt auf Unsplash.

ich plä­die­re dafür das was­ser / auch in zukunft / mit dem strom zu schöpfen.

So heißt es im Klap­pen­text des in die­sem Jahr erst­mals in deut­scher Über­set­zung erschie­ne­nen Gedicht­ban­des Bar­fuß des sami­schen Künst­lers Niil­las Holm­berg. Danach folgt – erst ein­mal Stil­le. Zumin­dest im sprach­li­chen Sin­ne: Sei­te um Sei­te prä­sen­tiert sich ohne Text, in einem Schwarz, das beim Umblät­tern gera­de­zu an den Fin­ger­spit­zen haf­tet, nur unter­bro­chen von einer sche­men­haf­ten Zeich­nung, die sich wie der bereits erwähn­te Strom über die Dop­pel­sei­ten zieht. Dann end­lich erscheint der ers­te Text:

Der him­mel ist dick ver­han­gen / bäu­me trot­zen der hek­tik – drei­flüg­li­ge hast.
Wie eltern vor ihren kin­dern ver­ber­gen die bir­ken / die spu­ren füh­ren eine miss­ver­ständ­li­che fra­ge /
auf ihren ursprung zurück.

Dem Anfang und dem Ende – das weiß, wer schon ein­mal einen Text ver­fasst oder ein Musik­stück vor­ge­tra­gen hat – kommt immer eine beson­de­re Bedeu­tung zu. So wirft denn auch die­ser Ein­stieg sei­nen Schat­ten vor­aus: Die Wor­te, die uns hier begeg­nen, deu­ten bereits die Viel­falt der Her­an­ge­hens­wei­sen an, mit denen sich Niil­las Holm­berg sei­nem The­ma nähert, und die Beson­der­hei­ten der Gestal­tung wer­den die Lesen­den durch das gesam­te Buch begleiten.

Die­ses Lesen geschieht dabei nur auf Deutsch, anders als etwa in Holm­bergs zwei­spra­chi­gem Gedicht­band Der dem Wind auf dem Schoß sitzt (2017). Und auch die­se Rezen­si­on ist ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ent­stan­den, was für die Beur­tei­lung einer Über­set­zung eigent­lich eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung dar­stellt. Die Her­an­ge­hens­wei­se an den Text erfolgt daher mit beson­de­rem Ver­trau­en in die Leis­tung der Über­set­ze­rin Chris­ti­ne Schlos­ser: Ihre Wort­wahl im Deut­schen ist prä­zi­se und abwechs­lungs­reich und die Län­ge der Wör­ter und Sät­ze dabei so genau bemes­sen, dass der Text im Ein­klang mit den Zeich­nun­gen flie­ßen kann und der Gedicht­band als Gesamt­kunst­werk erhal­ten bleibt. Auch gebührt der Über­set­ze­rin eine beson­de­re Wert­schät­zung für den von ihr ver­mit­tel­ten Ein­blick in die zeit­ge­nös­si­sche lite­ra­ri­sche Kul­tur des Nord­sa­mi­schen, einer Spra­che mit 20.000 bis 25.000 Sprecher*innen, die in Deutsch­land noch weni­ger bekannt sein dürf­te als das Fin­ni­sche. Dabei ist sie als Mit­glied der fin­no-ugri­schen Sprach­fa­mi­lie mit dem Fin­ni­schen ver­wandt und hat im Nor­den Lapp­lands bereits seit 1992 den Sta­tus einer offi­zi­el­len Min­der­hei­ten­spra­che inne. Bis dahin war es jedoch ein leid­vol­ler Weg: Noch in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts war es sami­schen Kin­dern im Zuge einer gewalt­vol­len kul­tu­rel­len Assi­mi­lie­rung sei­tens des fin­ni­schen Staa­tes ver­bo­ten, in der Schu­le die eige­ne Spra­che zu spre­chen, und auch heu­te kämp­fen sami­sche Aktivist*innen wei­ter­hin um Aner­ken­nung sowie Selbst- und Mit­be­stim­mung in regio­nal- und natio­nal­po­li­ti­schen Fragen.

Bei der Gestal­tung des Gedicht­bands fällt zunächst auf, wie viel Raum er dem Nicht-Sprach­li­chen gibt. Die flie­ßen­den, mal rein aus For­men bestehen­den und mal figür­li­chen Zeich­nun­gen der sami­schen Künst­le­rin Inga-Wik­to­ria Påve bil­den eine durch­ge­hen­de Linie, die weder beim Umblät­tern noch beim Schlie­ßen des Buches abbricht – statt­des­sen setzt sie sich auf dem Rück­co­ver fort und geht über den Buch­rü­cken naht­los in das vor­de­re Cover und die ers­ten Sei­ten über. Hier von Anfang und Ende zu spre­chen, ist also eigent­lich müßig, denn wo das Buch der gewohn­ten Lese­rich­tung nach endet, da beginnt die Zeich­nung von Neu­em. Die Far­be der Sei­ten wech­selt von schwarz zu einem unmerk­lich hel­ler wer­den­den Grau, in der Mit­te des Buches dann ein kur­zer Licht­blick – „Dem düs­te­ren laby­rinth ent­kommt man / nur mit diplo­ma­tie.“ – und eine son­nen­ar­ti­ge Gestalt löst sich aus den Sche­men, bevor es auf den Sei­ten all­mäh­lich wie­der dun­kel wird. Die Gedich­te selbst prä­sen­tie­ren sich ohne Über­schrif­ten und mit Aus­nah­me der Satz­an­fän­ge unter nahe­zu voll­stän­di­gem Ver­zicht auf Groß­schrei­bung. Zumeist unauf­fäl­lig unten auf der Sei­te plat­ziert und bei­na­he ver­steckt ste­hen sie unter den Zeich­nun­gen, von die­sen unter­teilt in fünf locker zusam­men­hän­gen­de Ein­hei­ten. Das Lesen bekommt so den Rhyth­mus eines Spa­zier­gangs, auf dem im gemäch­li­chen Takt der Schrit­te Ein­drü­cke auf­ge­nom­men und ver­ar­bei­tet wer­den und immer neue Gedan­ken entstehen.

Die­se Vor­stel­lung eines Erlau­fens der Welt, „wie wir das leben im gehen ermes­sen / als hät­ten füße ein lin­gu­is­ti­sches ner­ven­sys­tem“, kommt auch in den Gedich­ten zur Spra­che. Dabei geht es Niil­las Holm­berg jedoch um mehr als die längst dem Cre­do der Pro­duk­ti­vi­tät unter­wor­fe­ne För­der­lich­keit von Bewe­gung für die Gedan­ken – man den­ke nur an die all­seits beschwo­re­nen Wal­king Mee­tings, bei denen durch Bespre­chun­gen im Gehen noch mehr Poten­zi­al aus­ge­schöpft wer­den soll. Mit­hil­fe des Bil­des vom mensch­li­chen Fuß, der mal nackt, mal in Stie­feln und mal als Holz­bein der Erde begeg­net, erforscht Holm­berg statt­des­sen das eige­ne, das sami­sche und das gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­hält­nis nicht nur zum Boden unter unse­ren Füßen, son­dern zur Natur an sich: wie wir uns von ihr näh­ren, über sie spre­chen, ihr Eigen­schaf­ten andich­ten und sie nach unse­ren Vor­stel­lun­gen zu ver­än­dern suchen.

Wie die Gedan­ken auf einer Wan­de­rung keh­ren eini­ge Moti­ve dabei immer wie­der und offen­ba­ren mit jedem Mal neue sprach­li­che, poe­ti­sche, phi­lo­so­phi­sche und auch poli­ti­sche Facet­ten: die flüch­ti­ge Küs­ten­see­schwal­be, die Fuß­soh­le, über­ra­schend in ihrer Bered­sam­keit, die blit­zen­den, duf­ten­den Bir­ken, Wöl­fe und ent­lau­fe­ne Hüte­hun­de. Und schließ­lich der Schuh­ma­cher, der heim­tü­ckisch sei­ne Sicht der Din­ge ver­brei­tet, zuerst die Scham vor den eige­nen Zehen lehrt und dann das Bedürf­nis nach immer beque­me­ren Stie­feln schürt. Die aus die­ser Schuh­ma­cher-Gestalt spre­chen­de Ent­frem­dung von der Natur in einer auf stän­di­ges Wachs­tum aus­ge­rich­te­ten, kapi­ta­lis­ti­schen Welt und die struk­tu­rel­le Unter­drü­ckung von Min­der­hei­ten – Selbst­be­stim­mung und bar­fuß­lau­fen sind hier nicht gestat­tet. / War­um soll­te der schuh­ma­cher mich ver­fol­gen / wenn er eben­so gut mein ziel als kri­mi­nell aus­ge­ben kann? – die­nen Holm­berg dabei jedoch nicht als Schluss­fol­ge­rung, son­dern erst als Aus­gangs­punkt für sei­ne Betrach­tun­gen: Mit poe­ti­scher Viel­schich­tig­keit spin­nen sich die Moti­ve wei­ter, unter­su­chen die tie­fe Kör­per­lich­keit der Sin­nes­er­fah­run­gen – den Geschmack der Bee­re unter sul­zi­gem Schnee, das Knar­ren im Schau­kel­stuhl der Groß­mutter wie von Ruder­schlä­gen, mit denen sie unbe­irrt wei­ter und wei­ter hin­aus­glei­tet – eben­so wie die Unzu­läng­lich­keit der Spra­che, die uns ange­sichts der all­um­fas­sen­den Rea­li­tät der Natur mit hin­ken­den Adjek­ti­ven und wel­ken­den Kom­pa­ra­ti­ven allei­ne lässt.

Die­ser Unzu­läng­lich­keit kommt im Gedicht­band eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Wie der Text bis­wei­len von den Zeich­nun­gen gera­de­zu in die Ecke gedrängt wird, so ver­blas­sen in Holm­bergs Gedich­ten auch die Mög­lich­kei­ten der Spra­che, im Umgang mit ande­ren Men­schen eben­so wie in der Kon­fron­ta­ti­on mit der Natur: Vom Schuh­ma­cher ist kein ehr­li­ches Verb zu erwar­ten, Ver­wand­te heu­len wie die Wöl­fe, und zwi­schen der Erde und dem Reden über sie tut sich eine Kluft auf, die eine tie­fe Sehn­sucht nach Wie­der­ver­ei­ni­gung weckt. Doch ist eine sol­che Wie­der­ver­ei­ni­gung über­haupt mög­lich? Auch hier gibt Holm­berg kei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort. Denn: Spra­che ver­mag auch Flü­gel zu ver­lei­hen, ist Rück­zugs­ort der sen­si­blen See­le und Über­win­de­rin von Gren­zen und zugleich für Sprecher*innen einer Min­der­hei­ten­spra­che wie dem Nord­sa­mi­schen von über­le­bens­wich­ti­ger Bedeutung.

So bleibt nach dem – zumin­dest der gewohn­ten Les­art nach – letz­ten Gedicht schließ­lich eine lei­se Weh­mut wie nach einer lan­gen Rei­se zurück. Man fühlt sich voll von Ein­drü­cken, die erst ver­ar­bei­tet wer­den müs­sen, und hofft, durch die zurück­lie­gen­de Lek­tü­re Ein­blick in die Gedan­ken eines Ande­ren bekom­men zu haben, ohne sich sicher sein zu kön­nen, ob man nicht ledig­lich die eige­ne Refle­xi­on betrach­tet hat.

Bar­fuß (im Ori­gi­nal 2018 erschie­nen als Juol­ge­vuođđu) ist der sechs­te Gedicht­band von Niil­las Holm­berg und war 2020 für den bedeu­ten­den Lite­ra­tur­preis des Nor­di­schen Rates nomi­niert. Wie der Band selbst beschränkt sich auch Holm­berg in sei­nem künst­le­ri­schen Schaf­fen nicht auf eine Aus­drucks­form, son­dern hat neben Gedich­ten bereits einen Roman ver­öf­fent­licht und als Sän­ger und Kom­po­nist meh­re­re Alben her­aus­ge­bracht. Holm­berg, der auch unter dem Namen Skuvll’albmá Áslat Veik­ko Niil­las auf­tritt, ist zudem bekannt als Akti­vist für die Selbst­be­stim­mungs­rech­te der Sámi und den Schutz ihrer tra­di­tio­nel­len Sied­lungs­ge­bie­te vor der Aus­beu­tung durch den fin­ni­schen Staat sowie natio­na­le und inter­na­tio­na­le Kon­zer­ne. Die kri­ti­sche Ana­ly­se von kolo­nia­lis­ti­schen Macht­struk­tu­ren in die­sem spe­zi­fi­schen Kon­text liegt auch den Gedich­ten in Bar­fuß zugrun­de: Zwar las­sen sich die Tex­te ohne die­sen Hin­ter­grund als Betrach­tung eines all­ge­mein defi­nier­ten Mensch­seins im Zeit­al­ter des Anthro­po­zäns lesen, wie es auch der Klap­pen­text nahe­legt, doch die­se Les­art kann nur eine von meh­re­ren sein, will man es nicht dem Schuh­ma­cher gleich­tun und eine wei­te­re mar­gi­na­li­sier­te Stim­me der mehr­heits­ge­sell­schaft­li­chen Deu­tung unterwerfen:

Er habe näm­lich die pfa­de des lebens stu­diert sei­ner / erklä­rung nach wüss­ten die herrsch­süch­ti­gen fer­sen nicht / hät­ten es jahr­hun­der­te­lang nicht gewusst / was das bes­te sei.

Eben­so wäre bei der Wahl des Titels sei­tens des Ver­lags eine grö­ße­re Offen­heit wün­schens­wert gewe­sen: Wäh­rend das Ori­gi­nal mit Juol­ge­vuođđu („Fuß­soh­le“) mehr Raum für die the­ma­ti­sche Viel­falt der Gedich­te lässt, ten­diert der deut­sche Titel stark in eine Rich­tung und macht sich bei­na­he schon dar­an, das von Holm­berg auf­ge­wor­fe­ne Pro­blem zu lösen, bevor man die ers­te Zei­le gele­sen hat.

Dies soll hier jedoch der ein­zi­ge Kri­tik­punkt blei­ben. Ins­ge­samt ist Bar­fuß eine äußerst loh­nen­de und anre­gen­de Lek­tü­re, die den eige­nen Hori­zont um eben­so vie­le Fra­gen wie Erkennt­nis­se erwei­tert, und eine in Deutsch­land noch immer sel­te­ne Gele­gen­heit, sami­sche Kunst zu erle­ben. Ange­sichts der Viel­falt von Holm­bergs Schaf­fen – im ver­gan­ge­nen Jahr etwa per­form­te er bei der Pre­mie­re von Roo­pe Mäen­pääs Sym­pho­nie „Luo­vus“ im nord­fin­ni­schen Ina­ri an der Sei­te des Kam­mer­or­ches­ters Lapp­land Joik und Lyrik – bleibt zu hof­fen, dass es in Zukunft noch vie­le sol­cher Gele­gen­hei­ten geben wird.


Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.


Niil­las Holm­berg | Chris­ti­ne Schlos­ser

Bar­fuß



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