Die Peri­phe­rie im Zentrum

In Geovani Martins’ Roman „Via Ápia“, übersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner, kollidieren die Favela-Bewohner*innen von Rocinha mit der sogenannten „Friedenspolizei“. Von

Geovani Martins‘ „Via Ápia“, aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner. Hintergrundbild: Gabriel Rissi auf Unsplash.

Rio de Janei­ro, 17. August 2011. Auf der Via Ápia im Her­zen von Rocin­ha, der größ­ten Fave­la Bra­si­li­ens, herrscht der übli­che Tru­bel. Die Poli­zei kommt nur gele­gent­lich vor­bei, um Schmier­gel­der von den Dro­gen­bos­sen zu kas­sie­ren. Als der jun­ge Wes­ley eines Nachts einer gan­zen Trup­pe von Polizist*innen über den Weg läuft, ist er so über­rum­pelt, dass er einen von ihnen ohne Umschwei­fe nach dem Grund für den Ein­satz fragt. „Bist du Jour­na­list, oder was?“, blafft der ihn an. Man sei nur auf der Suche nach Markenfälschern.

Doch die Situa­ti­on ist nur ein Vor­ge­schmack auf das Kom­men­de. Denn die Fuß­ball-WM steht bevor, anschlie­ßend die Olym­pi­schen Spie­le, und zu den sport­li­chen Groß­ereig­nis­sen wer­den jede Men­ge Tourist*innen erwar­tet. Rocin­ha erstreckt sich bis an die Ver­bin­dungs­stra­ße zwi­schen Stadt­mit­te und Flug­ha­fen, die Sport­fans kom­men an ihr nicht vor­bei. Also soll auf­ge­räumt wer­den, von der soge­nann­ten Frie­dens­po­li­zei (UPP).

Die Spe­zi­al­ein­heit wur­de bereits 2008 ins Leben geru­fen, um Dro­gen­ban­den zu ver­trei­ben. Ihre Ein­sät­ze wur­den zunächst inter­na­tio­nal lobend erwähnt: Indem die UPP ihre Ein­sät­ze stets vor­ab ankün­dig­te, konn­ten gewalt­vol­le Zusam­men­stö­ße wei­test­ge­hend ver­hin­dert wer­den, und Dro­gen- wie auch Mord­de­lik­te nah­men in den Ein­satz­ge­bie­ten ab. Wie sich über die Jah­re zeig­te, ver­la­ger­te sich die Kri­mi­na­li­tät jedoch nur. Sozia­le und infra­struk­tu­rel­le Maß­nah­men, von denen die Ein­sät­ze beglei­tet wer­den soll­ten, um nach­hal­ti­ge Ver­än­de­run­gen zu schaf­fen, blie­ben aus, und damit auch Per­spek­ti­ven für die Bewohner*innen – für vie­le von ihnen ist nach wie vor das Dro­gen­ge­schäft die mit Abstand lukra­tivs­te Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keit. Zudem began­nen sich Anfang der 2010er Jah­re bald Berich­te über exzes­si­ve Poli­zei­ge­walt zu häu­fen – die Anzahl von „ver­schwun­de­nen“ Per­so­nen stieg mit den UPP-Ein­sät­zen um fast 100 Prozent.

In die­sem Kli­ma der Gewalt situ­iert sich Vía Ápia, das Roman­de­büt von Geo­va­ni Mar­tins. Der jun­ge Autor wuchs selbst in Rocin­ha auf und kell­ner­te einst bei Kin­der­fes­ten, genau wie Wes­ley und Washing­ton, die im Zen­trum des Romans ste­hen (ihre Namen sind das Pro­dukt der Bewun­de­rung ihrer Mut­ter für die Schau­spie­ler Wes­ley Snipes und Den­zel Washing­ton). Von Som­mer 2011 bis Herbst 2013 beglei­tet Mar­tins die Brü­der und ihre Freun­de Muri­lo, Biel und Dou­glas. Kur­ze, tage­buch­ar­tig auf­ge­bau­te Kapi­tel fol­gen dem All­tag der fünf jun­gen Män­ner mit wech­seln­der Foka­li­sie­rung, schil­dern ihre Suche nach Jobs, nach Frau­en, nach Gras, nach Sinn – und die ver­mehr­ten Zusam­men­stö­ße mit der UPP.

Ihr Leben ist geprägt von Freund­schaft, Fuß­ball und Kif­fen, und wird beglei­tet von einer gro­ßen Por­ti­on Frust. Egal, wie viel die Freun­de schuf­ten, sie kom­men nicht vom Fleck, und das Leben jen­seits der Fave­la bleibt ihnen verschlossen:

„Sobald er das Gebäu­de betrat, ver­spür­te Dou­glas den Drang, alles kaputt­zu­ma­chen. Vasen, Bil­der, Spie­gel, alles. Nicht, dass er die Leu­te um ihr Leben benei­de­te. Aber wenn er die gemus­ter­ten Flie­sen sah, die makel­los sau­be­ren Flu­re, die mas­si­ven Holz­tü­ren, den nach Laven­del duf­ten­den Müll­ei­mer, bekam er jedes Mal einen Anfall.“

Mar­tins’ Erzähl­stil zeich­net sich durch Direkt­heit und Nüch­tern­heit aus, ist ein­dring­lich, ohne pathos­ge­la­den daher­zu­kom­men. Sei­ne Cha­rak­te­re sind kei­ne Unschulds­läm­mer und doch zugleich Opfer ihrer Umstän­de, ver­strickt in die struk­tu­rel­le Per­spek­tiv­lo­sig­keit, die ihr Geburts­ort mit sich bringt. Der Autor brach selbst mit 15 Jah­ren die Schu­le ab, hielt sich mit Gele­gen­heits­jobs über Was­ser, schrieb neben­her. Schließ­lich wur­de er beim FLUP, dem Lite­ra­tur­fest der Peri­phe­rien, ent­deckt, 2019 erschien sein Kurz­ge­schich­ten­band Aus dem Schat­ten (Ori­gi­nal­ti­tel: O sol na cabe­ça). Seit­dem wird Mar­tins als Stim­me der Fave­la gehan­delt, Vía Ápia stand in Bra­si­li­en mona­te­lang auf der Best­sel­ler­lis­te. Dass ein Autor of Color aus der Fave­la von einem Publi­kums­ver­lag auf­ge­nom­men und in der brei­ten Gesell­schaft rezi­piert wird, kommt in Bra­si­li­en einer Sen­sa­ti­on gleich.

Dem Hin­ter­grund des Autors getreu, lebt Vía Ápia von wört­li­cher Rede im Fave­la-Slang, und hier begin­nen die Hür­den für den Über­set­zer, Nico­lai von Schwe­der-Schrei­ner, der auch Aus dem Schat­ten bereits für Suhr­kamp über­tra­gen hat. Die bra­si­lia­ni­sche Umgangs­spra­che ist von Kon­trak­tio­nen und Dimi­nu­tiven geprägt, für die es im Deut­schen kei­ne unmit­tel­ba­re Ent­spre­chung gibt. Dar­über hin­aus ist sie gespickt mit regio­na­len Aus­drü­cken, mit­un­ter vari­iert der Slang zwi­schen ver­schie­de­nen Zonen der glei­chen Fave­la so stark, dass in einem simp­len Gespräch Bedeu­tungs­ver­lus­te auf der Tages­ord­nung ste­hen. Selbst die por­tu­gie­si­sche Aus­ga­be des Romans ist des­halb mit einem her­aus­nehm­ba­ren Voka­bel-Glos­sar ver­se­hen, eine intra­lin­gua­le Über­set­zungs­hil­fe­stel­lung sei­tens des Ver­lags. Denn Mar­tins macht sich bewusst nicht die Mühe, sei­ne Leser*innen an die Hand zu neh­men und ihnen die Spra­che der Peri­phe­rie zu erklä­ren – so wie auch ihn nie­mand an die Hand genom­men hat, um ihn ins bra­si­lia­ni­sche Bil­dungs­bür­ger­tum einzuführen.

Ago­ra vai ser tudo assim, mané. Com esse bagul­ho de Copa, Olimpía­da. Fave­la aqui na Zona Sul eles vai tomar é tudo. Tu vai ver. Os cara tem que mostrar ser­vi­ço, geral de olho na cida­de, turis­ta pra caral­ho, vári­os grin­go, fala tu. Já era, cria. Os cara aqui da Sul vai tudo fechar lá na ZN, na ZO. Escreve o que eu tô te falan­do, só os milí­cia que vai ficar tran­quilão. Por­que eles são tudo fecha­do com a polí­cia, com a por­ra toda mermo.

Das machen sie jetzt über­all, Mann. Weil bald WM ist, und danach dann Olym­pia­de. Die Fave­las in der Zona Sul wer­den alle ein­ge­nom­men. Wirst du sehen. Die müs­sen zei­gen, dass sie die Stadt im Griff haben, die gan­ze Welt schaut auf uns, mas­sen­wei­se Tou­ris, Alter. Das war’s. Die Dea­ler hier gehen alle hoch in die Zona Nor­te. Glaub mir. Nur für die Mili­zen bleibt alles easy, die sind ja eng mit den Scheiß­bul­len und allen.

Anhand die­ser Pas­sa­ge, in der Muri­lo bei einem gemein­sa­men Joint treff­si­cher den bevor­ste­hen­den Ein­satz der UPP ana­ly­siert, wer­den die über­set­ze­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen schnell deut­lich. Das Gesag­te zu ent­schlüs­seln und für eine deut­sche Leser­schaft ver­ständ­lich zu machen, ist eine Leis­tung für sich, und die gelingt Schwe­der-Schrei­ner, der selbst drei Jah­re in Rio gelebt hat, zwei­fels­oh­ne. Um sei­nen Leser*innen die fer­ne Lebens­welt nahe­zu­brin­gen, scheint er sich um größt­mög­li­che Kohä­renz bemüht zu haben. Ent­spre­chend leicht­fü­ßig lässt es sich durch den Roman blät­tern, alles erscheint sprach­lich aus einem Guss. Doch dabei geht eini­ges ver­lo­ren. Wo das Ori­gi­nal aneckt, ist die Über­set­zung leicht ver­dau­lich. Die dyna­mi­schen bra­si­lia­ni­schen Dia­lo­ge ver­blas­sen im Deut­schen, wir­ken mit­un­ter leb­los. Aus­drü­cke wie „bagul­ho“ (eigent­lich: Joint, mitt­ler­wei­le all­ge­mein ver­wen­det für Kram, Ding) und „pra caral­ho“ (caral­ho wört­lich Schwanz, mit der Prä­po­si­ti­on pra als Stei­ge­rungs­form ver­wen­det), die im Ori­gi­nal per­ma­nent als Füll­wör­ter auf­tau­chen und den Sound des Gespro­che­nen aus­ma­chen, feh­len im Deut­schen vollständig.

Ähn­lich auch im fol­gen­den Gespräch, in dem Wes­ley sei­nem Bru­der von sei­ner jüngs­ten Begeg­nung mit der Poli­zei erzählt. Gegen­stands­los ist er zu einem Ver­hör auf die Wache mit­ge­nom­men und sei­ne Hab­se­lig­kei­ten über­prüft wor­den, wegen eines angeb­li­chen Tipps, er sei ein Dealer.

Foda é que, pra isso, eles antes tin­ha que vol­tar lá da perí­cia, bagul­ho lon­ge pra caral­ho, lá na cida­de da polí­cia, per­to do Jaca­ré. Sem neu­ro­se, eu fiquei com mui­to ódio. Os cara vive de ach­ar­car negu­im com dro­ga, aí tem que ir lá na puta que pariu pra ver se macon­ha é a macon­ha mer­mo? Se foder, por­ra. Os caro brin­ca muito.

Die Typen machen nichts ande­res als irgend­wel­che Jungs mit Dro­gen hoch­neh­men, und dann müs­sen sie zum Arsch der Welt fah­ren, um zu über­prü­fen, ob das Gras auch Gras ist? Fickt euch. Die wol­len mich doch verarschen.

Es sind die glei­chen Aus­drü­cke wie im vori­gen Bei­spiel, die erneut unüber­setzt blei­ben, durch­weg wird im Deut­schen eine vage Umgangs­spra­che ver­wen­det. Ein wei­te­re Bedeu­tungs­ebe­ne geht bei dem Wort „negu­im“ ver­lo­ren, das im Deut­schen zum schlich­ten „Jungs mit Dro­gen“ wird. Der bra­si­lia­ni­sche Aus­druck ist eine Kon­trak­ti­on des N‑Wortes, wobei die pejo­ra­ti­ve Kon­no­ta­ti­on im Slang in den Hin­ter­grund tritt, das Wort wird mitt­ler­wei­le all­ge­mein für „Leu­te“ ver­wen­det. Gleich­zei­tig steckt wei­ter­hin ein Mar­ker in „negu­im“ – was in Wes­leys salop­pem Bericht durch­scheint, ist die Tat­sa­che, dass vor allem Schwar­ze bei der UPP unter Gene­ral­ver­dacht stehen.

Durch den Fokus auf die Freun­des­grup­pe ste­hen in Via Ápia männ­li­che Per­spek­ti­ven im Vor­der­grund, was nicht zuletzt des­halb Sinn ergibt, weil es nicht nur pri­mär Schwar­ze sind, die von der Poli­zei ver­däch­tigt wer­den, son­dern Schwar­ze Män­ner. Die­se per­spek­ti­vi­sche Domi­nanz gleicht Mar­tins mit star­ken Frau­en­fi­gu­ren aus. Da ist etwa die jun­ge Gley­ce, die vom Stu­die­ren träumt, und die sich selbst­be­wusst durch die Shop­ping Mall bewegt und teu­re Klei­der anpro­biert, wäh­rend die meis­ten Favela-Bewohner*innen die Mall nur auf­grund der Kli­ma­an­la­ge besu­chen, ohne sich je als Ziel­grup­pe der ange­bo­te­nen Pro­duk­te zu ver­ste­hen. Und da ist die Mut­ter von Washing­ton und Wes­ley, vor der die Brü­der Respekt haben wie vor kaum einem ande­ren Menschen.

Enquan­to faz o seu pra­to na mesa da cozin­ha, Washing­ton perce­be o sor­ri­so de satis­fa­ção de sua mãe. Aque­la mul­her que se virou pra cri­ar sozin­ha os dois fil­hos, que mui­tas vezes pre­cis­ou tra­bal­har dez, onze, doze horas por dia, pra não sobrar mui­to mais do que o din­hei­ro pra comi­da e pro aluguel. E que, no meio de toda essa cor­re­ria, ain­da encon­tra­va tem­po pra botar aque­le ter­ror de que, se viras­se ban­di­do, não ia visi­tar nin­guém na cadeia, mui­to menos chorar em velório.

Wäh­rend er sich Essen auf­tat, sah Washing­ton sei­ne Mut­ter zufrie­den lächeln. Die Frau, die ganz allein zwei Kin­der groß­ge­zo­gen hat­te, oft elf oder zwölf Stun­den am Tag arbei­te­te und am Ende kaum mehr als das Geld für Mie­te und Essen übrig hat­te. Und inmit­ten all der Ren­ne­rei noch Zeit fand, ihnen zu dro­hen, wenn sie Ban­di­ten wür­den, sie sie weder im Gefäng­nis besu­chen noch an ihrem Grab heu­len würde.

Dass der Text im Ori­gi­nal län­ger ist, obwohl das Por­tu­gie­si­sche gera­de in der All­tags­spra­che fast voll­kom­men auf Pro­no­men ver­zich­tet, weil die gram­ma­ti­ka­li­sche Infor­ma­ti­on im Verb ein­ge­schlos­sen ist, ist kein Zufall. Erneut wer­den kol­lo­quia­le Füll­wör­ter abge­schlif­fen. Mar­tins’ Über­set­ze­rin ins Eng­li­sche, Julia San­ches, ver­folg­te bei ihrer Arbeit in Bezug auf genau die­se Aus­drü­cke eine ande­re Stra­te­gie als Schwe­der-Schrei­ner (wobei im Eng­li­schen bis dato nur Mar­tins’ Kurz­ge­schich­ten­band erschie­nen ist). „Umgangs­spra­che ist einer­seits immer in Bewe­gung, sie atmet und erfin­det sich selbst immer wie­der neu, und ande­rer­seits, viel­leicht para­do­xer­wei­se, gehört sie zu den sprach­lich am stärks­ten geo­gra­fisch und zeit­lich ver­an­ker­ten Aus­drucks­for­men, mit denen Übersetzer*innen han­tie­ren kön­nen“, schrieb sie in einem Arti­kel für Words Wit­hout Bor­ders (Über­set­zung der Autorin). Ihr war es ein Anlie­gen, die Spra­che des Romans nicht in den USA oder in einem ande­ren anglo­pho­nen Kon­text zu ver­or­ten. Viel­mehr ver­such­te sie in zahl­rei­chen Anläu­fen (36 ver­schie­de­nen Text­fas­sun­gen fin­den sich noch auf ihrem Lap­top), einen eige­nen Sound für die Cha­rak­te­re zu fin­den, in den sie Phra­sen aus dem bra­si­lia­ni­schen Slang ein­flie­ßen lässt. Ich hät­te mir eine ähn­li­che Vor­ge­hens­wei­se für die deut­sche Über­set­zung gewünscht, um den Klang der Fave­la nicht zu überlagern.

Denn es ist die­se beson­de­re Spra­che, die den Roman im Ori­gi­nal aus­macht. Via Ápia fehlt es stel­len­wei­se an der lite­ra­ri­schen Ver­dich­tung, die Mar­tins’ Kurz­ge­schich­ten aus­zeich­nen. Und doch kommt man den Prot­ago­nis­ten ganz nah, folgt ihnen mit Sym­pa­thie und Sor­ge, auch mit Blick auf die aktu­el­le Lage in Bra­si­li­en, die sich in Bezug auf Poli­zei­ge­walt kaum gebes­sert hat. Im Gegen­teil stieg unter der Prä­si­dent­schaft Jair Bol­so­n­a­ros die Mord­ra­te durch die Poli­zei noch ein­mal erheb­lich an, treu nach des­sen Slo­gan „Nur ein toter Ban­dit ist ein guter Ban­dit.“ 2020 etwa wur­de der gera­de mal 14-jäh­ri­ge João Pedro Mat­tos im Haus sei­nes Onkels erschos­sen – auf der Suche nach Dro­gen­händ­lern hat­te die Poli­zei blind­lings das Feu­er eröff­net und 70 Kugeln auf das Haus abge­feu­ert. Favela-Bewohner*innen wer­den von Polizist*innen grund­sätz­lich mit Miss­trau­en betrach­tet, rund 75 Pro­zent der von ihr getö­te­ten Men­schen sind Schwar­ze bzw. Peo­p­le of Color. Nach­dem Ende 2022 Lula wie­der­ge­wählt wur­de, ver­sprach die­ser zwar, Poli­zei­ge­walt bekämp­fen zu wol­len, doch kon­kre­te Ansät­ze dafür gibt es weni­ge, nicht zuletzt auf­grund der Fra­gi­li­tät sei­ner Regierungskoalition.

Geo­va­ni Mar­tins ver­mag es, sei­ner Leser­schaft unge­fil­tert das Leben in der Fave­la näher­zu­brin­gen. Beklom­men ver­folgt man die Geschich­ten über Zusam­men­stö­ße mit der Poli­zei, die als Par­ty-Gags erzählt wer­den, als wür­de nicht bei jeder Begeg­nung die Frei­heit der jun­gen Män­ner auf dem Spiel ste­hen, wenn nicht gar ihr Leben. Gleich­zei­tig wer­den die tie­fen Freund­schaf­ten erfahr­bar, die den All­tag der Prot­ago­nis­ten min­des­tens genau­so prä­gen wie die all­ge­gen­wär­ti­ge Gewalt. Vie­le der Kapi­tel haben ihren eige­nen Span­nungs­bo­gen, immer wie­der scheint sich eine Kata­stro­phe anzu­kün­di­gen, immer wie­der bleibt sie aus. Bis man sie schon nicht mehr erwar­tet, und sie schließ­lich ihre vol­le erschüt­tern­de Wir­kung ent­fal­ten kann.

Geo­va­ni Mar­tins | Nico­lai von Schwe­der-Schrei­ner

Via Ápia



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