5 Bücher aus Island

Auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff? Hier werdet ihr fündig: eine literarische Entdeckungsreise durch Island. Von

Bücher aus Island. Bild: Midjourney

In die­ser Rei­he stel­len Übersetzer:innen Bücher aus „ihrem“ Land vor – span­nend, weg­wei­send, roman­tisch, sub­til, haar­sträu­bend oder urko­misch – aber in jedem Fall lesens­wert. Ob Klas­si­ker oder Zeit­ge­nös­si­sches, Kri­mis, Poe­sie oder Kin­der­bü­cher … die­se ganz per­sön­li­che Lese­lis­te lädt dazu ein, die lite­ra­ri­sche Land­schaft des Lan­des vom Sofa aus zu berei­sen. Viel Spaß beim Schmökern!


Roman
Frí­ða Ísberg: Die Mar­kie­rung
Aus dem Islän­di­schen über­setzt von Tina Fle­cken. Hoff­mann & Cam­pe 2022

Reykja­vík in der nahen Zukunft: Vier Protagonist*innen hadern mit einer Gesell­schaft, die Gewalt­frei­heit anstrebt, aber zu einer Dik­ta­tur der poli­ti­schen Kor­rekt­heit mutiert. Wer einen frei­wil­li­gen Empa­thie-Test besteht, kann sich mar­kie­ren las­sen und genießt Pri­vi­le­gi­en. „Unmar­kier­ten“, die durch den Test gefal­len sind, wird eine Psy­cho­the­ra­pie ver­ord­net, sie wer­den öffent­lich geoutet. Nun soll über die Ein­füh­rung einer all­ge­mei­nen Mar­kie­rungs­pflicht abge­stimmt wer­den, und zwei poli­ti­sche Par­tei­en spal­ten die Bevöl­ke­rung. Die unter Panik­at­ta­cken lei­den­de Leh­re­rin Vetur wird von ihrem Ex-Freund gestalkt, sehnt sich nach Sicher­heit, zwei­felt aber am Sys­tem. Der Psy­cho­lo­ge Ólaf­ur ist ein glü­hen­der Ver­fech­ter der neu­en Gesell­schafts­uto­pie. Schul­ab­bre­cher Tris­tan will sich nicht mar­kie­ren las­sen und gerät in einen Teu­fels­kreis aus Schul­den, Ein­brü­chen und Dro­gen­kon­sum. Die erfolg­rei­che Invest­ment­ban­ke­rin Eyja wird von ihrem Chef zu dem Test gezwun­gen, weil sie nicht mit ihm ins Bett will. Die Per­spek­ti­ve und der Sprach­stil wech­seln zwi­schen den Per­so­nen. Eyjas schnell getak­te­tes Leben spie­gelt sich in atem­lo­sen, abge­hack­ten Sät­zen, Tris­tan mono­lo­gi­siert in schlich­ter Spra­che mit gram­ma­ti­ka­li­schen Feh­lern und Slang. Die Autorin jon­gliert mit Social Media Feeds und Chat-Nach­rich­ten, lässt in prä­gnan­ten Meta­phern die Lyri­ke­rin durch­schei­nen und erzählt sub­til iro­nisch. Die­ser viel­schich­ti­ge – übri­gens vor Coro­na geschrie­be­ne – Debüt­ro­man ist ein span­nen­des Gedan­ken­spiel über die Gefah­ren von Ideen, die zu Ideo­lo­gien werden.


Roman
Kris­tín Steins­dót­tir: Im Schat­ten des Vogels
Aus dem Islän­di­schen über­setzt von Anika Lüders (Wolff). C.H. Beck 2011

Das erschüt­tern­de Por­trät einer Frau im spä­ten 19. Jahr­hun­dert, die im abge­schie­de­nen Osten Islands in ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen auf einem Torf­hof auf­wächst. Eltern, Kin­der, Knech­te und Mäg­de schla­fen in einem Raum, die Enge ist erdrü­ckend, aber die Hof­ge­mein­schaft gibt auch Sicher­heit und Gebor­gen­heit. Das Leben in der Ein­sam­keit zwi­schen gewal­ti­gen Glet­schern, unüber­wind­ba­ren Gebirgs­zü­gen und dem stür­mi­schen Nord­at­lan­tik ist durch­drun­gen von alten Volks­mär­chen und Sagen­ge­stal­ten. Schon als Kind lei­det die auf­ge­weck­te, sen­si­ble Pálí­na unter see­li­schen Span­nun­gen, die von dem ambi­va­len­ten Ver­hält­nis zu ihrem Vater geprägt sind. Sie neh­men im Erwach­se­nen­al­ter zu und wer­den zu dem, was man heu­te als bipo­la­re Stö­rung bezeich­nen wür­de. Die Fami­lie steht der psy­chi­schen Erkran­kung, dem Vogel in Pálí­nas Brust, der ihr die Luft zum Atmen nimmt, hilf­los gegen­über. Die Über­set­zung von Anika Lüders trifft den kla­ren, ein­fühl­sa­men Stil der Autorin, die mit weni­gen Wor­ten eine gan­ze Welt ent­ste­hen lässt.


Gedich­te
Sjón: beweg­li­che ber­ge
Aus dem Islän­di­schen über­setzt von Tina Fle­cken und Bet­ty Wahl. Edi­ti­on Ruge­r­up 2018

Lyri­scher Nebel, der Ber­ge bewe­gen kann. Eine Schöp­fer­göt­tin, die in Melan­cho­lie ver­fällt, weil sie nicht erwar­tet hat, dass sich ihr Schöp­fungs­werk der­art schnell ver­än­dern wür­de. Ein träu­men­des Ich, das sich in den Kar­tei­kar­ten­käs­ten der Natio­nal­bi­blio­thek ver­irrt. Eine zah­nen­de Welt, in der Weis­heits­zäh­ne Schnell­stra­ßen zer­mah­len. Ein Kin­der­lied im algen­blau­en, pech­ro­ten, mond­brau­nen, but­ter­blu­men­grau­en, blut­grü­nen, erd­gel­ben Land der See­igel. Gro­tesk, sur­re­al und tief­grün­dig sind die Gedich­te des bekann­ten Roman­ciers Sjón, der – wie so vie­le islän­di­sche Schriftsteller*innen – immer wie­der zu sei­nen lyri­schen Wur­zeln zurück­kehrt. Prä­zi­se, zwei­zei­li­ge Natur­ge­dich­te wecken mit blau­beer­blau­em Ster­nen­fun­keln, dem Brust­korb eines ver­faul­ten Schwans und einem pfeil­ge­ra­den Regen­bo­gen unmit­tel­bar Asso­zia­tio­nen an Island. Sug­ges­ti­ve Traum­ge­dich­te füh­ren in die Süd­see und Über­le­gun­gen im Bus M29 bei der Betrach­tung num­me­rier­ter Bäu­me gera­de­wegs in die Ber­li­ner Bürokratie.


Roman
Berg­s­v­einn Bir­gis­son: Die Land­schaft hat immer recht
Aus dem Islän­di­schen über­setzt von Eleo­no­re Gud­munds­son. Resi­denz Ver­lag 2018

Was für eine wil­de Mischung! Sati­re, phi­lo­so­phi­sche Betrach­tung, Chro­nik einer unter­ge­hen­den Welt, gran­dio­se Natur­schil­de­rung, Kapi­ta­lis­mus­kri­tik und melan­cho­li­scher Humor. Der Küs­ten­fi­scher Hall­dór lebt mit einem Hau­fen rau­bei­ni­ger Kol­le­gen im See­manns­wohn­heim eines gott­ver­las­se­nen Dorfs in den West­fjor­den. Die Finanz­kri­se zeich­net sich dro­hend am Hori­zont ab, das Fang­quo­ten­sys­tem bedroht die Exis­tenz­grund­la­ge der klei­nen Fischer, und Frau­en wur­den im Dorf schon lan­ge nicht mehr gesich­tet. In Hall­dórs Tage­buch geht es immer ums Wet­ter, das Meer und den Fisch, doch eigent­lich um nichts Gerin­ge­res als den Sinn des Lebens. Er hadert mit sich und der Welt, sucht Rat bei dem alten, bett­lä­ge­ri­gen Jón­mun­dur, der zufrie­den ist, wenn er nur durchs Fens­ter die Land­schaft und die Wol­ken betrach­ten kann. Als Hall­dór sich unsterb­lich in die neue Haus­häl­te­rin ver­liebt, geht alles schief, was schief­ge­hen kann. Mal ganz nah am Ori­gi­nal, mal spie­le­risch-krea­tiv, fängt die Über­set­zung von Eleo­no­re Gud­munds­son den eigen­wil­li­gen Ton per­fekt ein.


Lite­ra­ri­sche Rund­rei­se
Hall­dór Guð­munds­son: Island. Insel aus Geschich­ten
Aus dem Islän­di­schen über­setzt von Kris­tof Magnus­son, mit Foto­gra­fien von Dagur Gun­n­ars­son. Cor­so Ver­lag 2021

In Island gibt es nur weni­ge Kul­tur­denk­mä­ler, aber wenn man genau­er hin­schaut, lässt sich die islän­di­sche Geschich­te nahe­zu über­all in der Land­schaft erspü­ren.  Erstaun­lich oft ist sie mit Lite­ra­tur ver­bun­den. Die­se lite­ra­ri­sche Rund­rei­se führt an drei­ßig Orte, die einen beson­de­ren Bezug zur islän­di­schen Kul­tur und Lite­ra­tur haben. Fun­diert und kurz­wei­lig erzählt der Ver­le­ger und Kul­tur­ver­mitt­ler von Schaf­fen­sor­ten islän­di­scher Schriftsteller*innen, von Schau­plät­zen lite­ra­ri­scher Wer­ke quer durch alle Epo­chen und Gen­res und ganz neben­bei auch viel über die Men­ta­li­tät der Men­schen. Eini­ge der erwähn­ten Bücher sind ins Deut­sche über­setzt: Hall­dór Lax­ness‘ am Snæ­fells­jö­kull ange­sie­del­ter Roman Am Glet­scher, Hall­grí­mur Hel­gasons Herings­ro­man 60 Kilo Son­nen­schein, der in einem vom nor­dis­län­di­schen Sig­luf­jörður inspi­rier­ten fik­ti­ven Fjord spielt, oder etwa Gun­nar Gun­n­ars­sons Klas­si­ker Schwar­ze Vögel über einen his­to­ri­schen Kri­mi­nal­fall am Strand Rauði­san­dur in den West­fjor­den. Das Buch macht neu­gie­rig auf hier­zu­lan­de noch unbe­kann­te Autor*innen und Orte abseits der ein­schlä­gi­gen Rei­se­rou­ten. Erklä­rungs­be­dürf­ti­ge Stel­len wur­den in der Über­set­zung von Kris­tof Magnus­son behut­sam ergänzt.

Noch mehr zur islän­di­schen Spra­che, Lite­ra­tur und Kul­tur erfahrt ihr in unse­rem Bei­trag Gro­ße klei­ne Spra­che Islän­disch!


In den Dia­log treten

Wie­so wird die Arbeit von Übersetzer:innen oft aktiv unsicht­bar gemacht – von der Pres­se, Verlagen,… 

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Zwi­schen hin­du­is­ti­schem Mythos und Bou­le­vard­ko­mö­die: „Das Papa­gei­en­buch“ ist eine Samm­lung indi­scher, auf Sans­krit ver­fass­ter Märchen.… 

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