Über­set­zen­de als Hauptfiguren

In der Literatur treten Übersetzende erstaunlich oft in Erscheinung. Warum ist das so? Fünf Romane liefern Antworten. Von

In diesen fünf Romanen treten Übersetzer:innen in Erscheinung.

Unsicht­bar, unmerk­bar und unter­schätzt – Übersetzer:innen arbei­ten den Legen­den nach über­wie­gend im Hin­ter­grund. Sie sind so etwas wie die Schat­ten­ge­spens­te der Lite­ra­tur­bran­che, um die sich zahl­rei­che Mythen ran­ken und deren Arbeit mit­un­ter für Außen­ste­hen­de offen­bar so wenig nach­voll­zieh­bar ist, dass oft nur in Kli­schees über sie gespro­chen wird: Sit­zen Über­set­zen­de nicht mona­te­lang trau­rig und allein an einem Text? Sind Übersetzer:innen nicht in Wirk­lich­keit ver­kapp­te Autor:innen? Und: Hät­te nicht jede:r, der die betref­fen­den Spra­chen beherrscht, die­sen Roman über­set­zen können?

Was Über­set­zen­de tun und wer sie über­haupt sind, ist für Lesen­de nicht immer greif­bar. Umso erstaun­li­cher scheint es, dass sich in den letz­ten Jah­ren immer mehr Autor:innen ihrer ange­nom­men haben – und das nicht berufs­po­li­tisch, son­dern lite­ra­risch. In ihren Roma­nen und Erzäh­lun­gen machen sie aus Übersetzer:innen Prot­ago­nis­ten und aus der über­set­ze­ri­schen Pra­xis einen Plot. Womög­lich ist gera­de die ver­meint­li­che Unsicht­bar­keit des Über­set­zens dabei ent­schei­dend, regt doch das Geheim­nis­vol­le oder Unbe­kann­te ja bekannt­lich auch die Fan­ta­sie an.

Mit­un­ter arbei­ten aber vie­le Autor:innen, die über das Über­set­zen schrei­ben, selbst auch als Übersetzer:innen. Dann ist es natür­lich ein Leich­tes, sich die Übersetzer:innen-Identität überzustreifen. 

Der Arbeits­all­tag ist schließ­lich bekannt und unter­schei­det sich nicht gra­vie­rend von dem der Schrei­ben­den (oder viel­leicht doch?). Und womög­lich haben Autor:innen fest­ge­stellt, dass ein wenig Müdig­keit herrscht, was die Dar­stel­lung der Lei­den eines jun­gen Autors angeht, und ein neu­es Gen­re ent­deckt: Über­set­zers Rei­sen, die Lei­den der jun­gen Über­set­zen­den oder Hun­dert Jah­re Ein­sam­keit der Übersetzenden.

Wie aben­teu­er­lich das Über­set­zen sein kann, zei­gen fünf Bücher, die mit über­set­ze­ri­schen Ste­reo­ty­pen spielen.

Übersetzer:innen arbei­ten in Bun­kern, oder?

Jen­ni­fer Croft ist eine bekann­te nord­ame­ri­ka­ni­sche Über­set­ze­rin: Für ihre Über­tra­gung von Olga Tok­ar­c­zuks Roman Flights erhielt sie 2018 den Inter­na­tio­nal Boo­ker Pri­ze und star­te­te im eng­lisch­spra­chi­gen Raum eine Kam­pa­gne, in der sie Über­set­ze­rin­nen­na­men auf Buch­co­vern for­der­te. Par­al­lel dazu macht sie sich auch als Autorin einen Namen. Vor kur­zem erschien The Extinc­tion of Ire­na Rey, ein wage­mu­ti­ger, irrer Roman über acht Übersetzer:innen, die sich einer Vil­la in einem pol­ni­schen Wald tref­fen, um das jüngs­te Werk der preis­ge­krön­ten Autorin Ire­na Rey (hier eine Ver­bin­dung zur Nobel­preis­trä­ge­rin Tok­ar­c­zuk her­zu­stel­len, scheint unum­gäng­lich) zu übersetzen.

Ein biss­chen erin­nert der Anfang des Romans an den fran­zö­si­schen Film Das Rät­sel. Auch dort tref­fen sich Übersetzer:innen, um unter hohen Sicher­heits­vor­keh­run­gen den letz­ten Teil einer Tri­lo­gie in ihre jewei­li­ge Spra­che zu über­tra­gen. In Crofts Roman sit­zen die Über­set­zen­den zwar nicht in einem Bun­ker, sind aber eben­falls von der Außen­welt abge­schnit­ten, bezie­hungs­wei­se glau­ben sie das. Und natür­lich unter­liegt ihre Arbeit strengs­ter Geheim­hal­tung – als Aus­schnit­te des Romans lea­k­en, ist klar, dass sich der Schul­di­ge im sel­ben Haus befindet.

Selbst bei einem Rie­sen­best­sel­ler wie Har­ry Pot­ter dürf­ten die Übersetzer:innen nicht alle zusam­men in einem Zim­mer geses­sen haben. Aber das Sze­na­rio hat, wie Croft zeigt, sei­nen Reiz, denn Übersetzer:innen sind am Ende eben doch vor allem eins: Men­schen mit all ihren Eigen­hei­ten, Bedürf­nis­sen und Eitel­kei­ten. Der char­man­te, jun­ge Über­set­zer Fred­die mut­maßt zwar „Trans­la­tors always have the­se net­works, not like wri­ters. Wri­ters com­pe­te“, doch in The Extinc­tion of Ire­na Rey könn­ten die Egos der Übersetzer:innen grö­ßer sein, was durch das plötz­li­che Ver­schwin­den der Autorin zu Beginn des Romans, nur her­vor­ge­ho­ben wird. Man könn­te mei­nen, wer zuerst die Autorin fin­det, hät­te gewon­nen. Doch nicht alle wol­len über­haupt mit der Suche beginnen.

Die Autorin ist Gott, die Über­set­ze­rin nur ihre Dienerin

Croft treibt den Autorin­nen­kult in The Extinc­tion of Ire­na Rey, das übri­gens noch nicht ins Deut­sche über­tra­gen wur­de, auf die Spit­ze. Die Erzäh­le­rin der Geschich­te, eine Über­set­ze­rin ins Spa­ni­sche, spricht immer von „Our aut­hor“, und die qua­si-reli­giö­se Ver­eh­rung ist Teil des bit­ter­bö­sen Humors, den Croft in ihrem Roman an vie­len Stel­len durch­bli­cken lässt. Dass die Über­set­zer-Autor-Bezie­hung kom­plex und hin und wie­der wider­sprüch­lich ist, macht den Reiz aus: „We trea­ted her every word as sacred, even though our who­le task was to replace her very word.“

Die Erzäh­le­rin ist unter den ins­ge­samt acht Über­set­zen­den wohl die devo­tes­te Anhän­ge­rin von Ire­na Rey. Nie­mand sei so gebil­det, so gla­mou­rös, so uner­gründ­lich wie die gro­ße Autorin, heißt es in den ers­ten Kapi­teln. Für die Lesen­den ist Ire­na Rey kaum greif­bar, ver­schwin­det sie doch nach nur weni­gen Kapi­teln. Aber für die Übersetzer:innen wirft ihr Ver­schwin­den eine Men­ge Fra­gen auf. Dabei geht es weni­ger um die Fra­ge, wo die Autorin ist, son­dern wie die Übersetzer:innen ihren Text ver­ste­hen und wie sie ohne deren stren­ge Vor­ga­ben über­haupt vor­ge­hen sol­len. Kurz­um: Was darf eine Über­set­ze­rin? Inwie­weit gehört der Text ihr?

Mit die­ser Frei­heit gehen die Über­set­zen­den ganz unter­schied­lich um. Die Angst schwingt mit, dass man durch jün­ge­re Über­set­ze­rin­nen ersetzt wer­den könn­te, wenn man der Autorin nicht gerecht wür­de. Als ein aus­ran­gier­ter Über­set­zer wie­der auf­taucht, wirft ihm die Erzäh­le­rin vor: „may­be your trans­la­ti­ons weren’t any good, may­be you were unfaithful“. Das Ver­hält­nis zwi­schen Autorin und Über­set­zen­den gleicht in The Extinc­tion of Ire­na Rey einer Hass-Lie­be. Einen kon­kre­ten Mord braucht Croft dafür gar nicht. Ire­nas Ver­schwin­den voll­zieht sich auf tex­tu­el­ler Ebe­ne, was es umso absur­der und unheim­li­cher macht:

 I knew that what she real­ly wan­ted was to civi­li­ze Irena’s text, exact­ly as you would expect a U.S. usur­per to do. She wan­ted to tidy it by evis­ce­ra­ting it, make it essen­ti­al­ly her own.

Über­set­zen ist politisch

Babel, über­setzt von Hei­de Franck und Alex­an­dra Jor­dan, war 2023 einer der erfolg­reichs­ten Roma­ne. Und wer hät­te gedacht, dass auf Tik­tok und Insta­gram ein Buch so erfolg­reich sein wür­de, das sich fast aus­schließ­lich ums Über­set­zen dreht, wenn auch mit einem Fan­ta­sy-Twist? Babel ist ein fik­ti­ves Über­set­zungs­in­sti­tut in Oxford, wo nur die begab­tes­ten und viel­ver­spre­chends­ten jun­gen Men­schen die Kunst des Über­set­zens stu­die­ren dürfen.

Im Zen­trum des Romans steht Robin Swift, ein Wai­sen­jun­ge aus Chi­na, der von einem grim­mi­gen eng­li­schen Pro­fes­sor adop­tiert wird. In Oxford freun­det er sich mit ande­ren Stu­die­ren­den an und erfährt von einem Geheim­bund namens Her­mes, der den baby­lo­ni­schen Turm stür­zen will. Denn beim Über­set­zen geht es nicht nur um das sinn­ge­mä­ße Über­tra­gen, son­dern es ent­steht dabei Magie – eine Magie, die für die Vor­herr­schaft des bri­ti­schen König­reichs essen­ti­ell ist. 

Im Zen­trum des Romans steht Robin Swift, ein Wai­sen­jun­ge aus Chi­na, der von einem grim­mi­gen eng­li­schen Pro­fes­sor adop­tiert wird. In Oxford freun­det er sich mit ande­ren Stu­die­ren­den an und erfährt von einem Geheim­bund namens Her­mes, der den baby­lo­ni­schen Turm stür­zen will. Denn beim Über­set­zen geht es nicht nur um das sinn­ge­mä­ße Über­tra­gen, son­dern es ent­steht dabei Magie – eine Magie, die für die Vor­herr­schaft des bri­ti­schen König­reichs essen­ti­ell ist. 


Was in The Extinc­tion of Ire­na Rey auch am Ran­de ange­deu­tet wird, ist in Babel ein mar­kan­ter Plot­twist: Das Über­set­zen ist hoch­po­li­tisch. Zu Beginn des Romans ver­kennt Robin Swift die impe­ria­len Über­set­zungs­prak­ti­ken als eine Art Umkehr des baby­lo­ni­schen Turmbaus:

»[Da] Gott die Mensch­heit in der Bibel getrennt hat … fra­ge ich mich, ob … ob der Sinn der Über­set­zung dann dar­in besteht, die Mensch­heit wie­der zusam­men­zu­füh­ren. Dass wir über­set­zen, um … ich weiß nicht, um die­ses Para­dies auf Erden zwi­schen den Natio­nen wie­der­her­zu­stel­len.«  Pro­fes­sor Play­fair schien ver­blüfft, sam­mel­te sich jedoch schnell wie­der und setz­te eine fröh­li­che Mie­ne auf. »Aber natür­lich. Das ist das Ziel des Empires – und genau des­halb über­set­zen wir auf Geheiß der Krone.«

In Wahr­heit soll sein Talent beim Über­set­zen der Aus­wei­tung des bri­ti­schen König­reichs und der Unter­drü­ckung ande­rer Natio­nen, dar­un­ter auch sei­nem Hei­mat­land, die­nen. Von Robin erwar­tet man Dank­bar­keit für die­se ehren­vol­le Auf­ga­be, doch die­ser lässt sich nicht blind für poli­ti­sche Machen­schaf­ten aus­nut­zen und beginnt, sich mit Hil­fe sei­ner Freun­de gegen das Impe­ri­um aufzulehnen. 

Die chi­ne­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Autorin R.F. Kuang ver­ar­bei­tet in ihrem 700-Sei­ten Roman erstaun­lich viel Über­set­zungs­ge­schich­te und Über­set­zungs­theo­rie. Bevor die Action rich­tig los­geht, erhal­ten Lesen­de genau wie die Roman­fi­gu­ren erst ein­mal eine Ein­füh­rung ins Über­set­zen und dabei wer­den so eini­ge klas­si­sche Über­set­zungs­pro­ble­me dis­ku­tiert, die nicht nur für Lai­en span­nend sein dürf­ten. Obgleich nicht alle Plots­trä­ge immer über­zeu­gen – unter­halt­sam ist Babel alle­mal und die Übersetzer:innen sind wür­di­ge Held:innen.

Über­set­zen­de über­set­zen „nur?

Sla­ta Roschal gibt in ihrem zwei­ten Roman mit dem recht flap­si­gen Titel Ich möch­te Wein trin­ken und auf das Ende der Welt war­ten einen eher ernüch­tern­den Ein­blick in die Arbeit einer Über­set­ze­rin, die ein Über­set­zungs­se­mi­nar besucht. Ihre Prot­ago­nis­tin Maria Nowak ist nicht nur Über­set­ze­rin, son­dern auch eine pro­mo­vier­te Ehe­frau und Mut­ter zwei­er Kin­der. Zum Über­set­zen kommt sie neben der Care-Arbeit sel­ten, auch weil man sich als Über­set­ze­rin erst ein­mal Auf­trä­ge beschaf­fen muss: 

Ich freue mich dar­auf, ein­fach eine Arbeit zu tun, ohne Bewer­bungs­mails, Expo­sés, ohne För­der­an­trä­ge und allem Drum­her­um […] Die Leu­te den­ken wohl, dass Über­set­zer mensch­li­che Maschi­nen sind, Appa­ra­te zum kor­rek­ten Über­füh­ren des Tex­tes von einer Spra­che in die ande­re, ein Malen nach Zah­len oder was.

Ein Absatz, der die Arbeits­rea­li­tät von vie­len Übersetzer:innen gut tref­fen dürf­te: Die Kon­kur­renz unter Über­set­zen­den ist groß, trotz der oft schlech­ten Bezah­lung. Die wenigs­ten von ihnen über­set­zen einen Roman nach dem ande­ren – die eigent­li­che Arbeit, gera­de am Anfang der über­set­ze­ri­schen Kar­rie­re, besteht dar­in, über­haupt Arbeit zu fin­den. Wer kei­ne Eigen­in­itia­ti­ve zeigt oder gewillt ist, in Bewer­bun­gen und Gut­ach­ten zu inves­tie­ren, geht in der Regel leer aus. Etwa drei Vier­tel aller Lite­ra­tur­über­set­zen­den sind weib­lich, küm­mern sich neben­bei um Haus­halt und Kin­der, und sind zuwei­len auf das Ein­kom­men ihres Part­ners angewiesen.

In die­ser und ande­rer Hin­sicht ist Roschals Roman recht depri­mie­rend. Über­set­zen ist dort weder Magie noch Beru­fung. Ohne­hin ist die Prot­ago­nis­tin mit allem, vor allem mit sich selbst, offen­bar dau­er­haft unzu­frie­den, was irgend­wann – trotz der aus­ge­präg­ten Sprach­me­lo­die und den iro­ni­schen Beob­ach­tun­gen – lang­weilt. Span­nend wird es vor allem durch die Meta­ebe­ne: Die Prot­ago­nis­tin über­setzt his­to­ri­sche Brie­fe und beginnt einen Dia­log mit dem bereits ver­stor­be­nen Urhe­ber. Das ist wie­der­um ein Pri­vi­leg der Über­set­zen­den – der Text ist ihnen aus­ge­lie­fert und lässt sich nicht nur über­set­zen, son­dern auch fortsetzen.



Über­set­zen: eine hin­ge­bungs­vol­le Selbst­auf­ga­bevon Sula Textor

Auch die Haupt­fi­gur des erfolg­rei­chen Debüt­ro­mans Mon mari der fran­zö­si­schen Autorin Maud Ven­tura von 2021 ist Lite­ra­tur­über­set­ze­rin. Der Roman taucht in Form eines sie­ben Tage umspan­nen­den inne­ren Mono­logs in die obses­si­ve Gedan­ken­welt der etwa 40-jäh­ri­gen Prot­ago­nis­tin ein. Woche für Woche, Tag für Tag, Stun­de um Stun­de kreist in ihrem Leben alles nur um eins: ihren Mann, den sie nach 15 Jah­ren Ehe genau­so liebt wie am ers­ten Tag. Zwang­haft ver­sucht sie, sich in allem, was sie tut, sei­ner Lie­be zu ver­si­chern, und klam­mert sich dabei in einem exzes­si­ven Kon­troll­be­dürf­nis an selbst auf­ge­stell­te Regeln und Ritua­le. Zum Teil doku­men­tiert sie die­se in eigens dafür vor­ge­se­he­nen Notiz­hef­ten. Eins füllt sie etwa mit einer Lis­te der Krän­kun­gen, die er ihr zufügt, und der Reak­tio­nen, mit denen sie ihn bestraft. In einem ande­ren sam­melt sie Rat­schlä­ge aus Rat­ge­bern und Maga­zi­nen, die sie zur per­fek­ten Gelieb­ten machen sollen. 

Da alles in ihrem Leben sich der Erfül­lung ihrer Rol­le als Gelieb­te ihres Man­nes unter­ord­net, neh­men auch Beschrei­bun­gen ihrer Arbeit als Über­set­ze­rin nicht all­zu viel Raum ein. Trotz­dem haben sie eine wich­ti­ge Funk­ti­on für den Roman: Sie sind gewis­ser­ma­ßen Spie­gel ihrer Psy­che. Sie beob­ach­tet und inter­pre­tiert jede Inter­ak­ti­on mit ihrem Mann haar­klein, genau wie die Dia­lo­ge, Hand­lun­gen und Sub­tex­te in den Roma­nen, die sie über­setzt. Genau wie sie sys­te­ma­tisch Details aus ihrem Lie­bes­le­ben in Notiz­hef­ten fest­hält, sam­melt sie für ihre Über­set­zun­gen sys­te­ma­tisch Begrif­fe aus unter­schied­li­chen The­men­fel­dern in unter­schied­lich far­bi­gen Notiz­hef­ten, die zusam­men mit den inti­me­ren Heft­chen im Regal ste­hen. Natür­lich über­setzt sie am liebs­ten Lie­bes­ro­ma­ne, und das offen­bar ohne jeg­li­chen Zeit­druck, still und ein­sam in ihrem Arbeits­zim­mer, ohne Kon­takt zu den Autor:innen und Aus­tausch mit Kolleg:innen.

Die Dar­stel­lung der Über­set­zungs­ar­beit mag ein wenig naiv wir­ken, und dass sie zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Prot­ago­nis­tin her­an­ge­zo­gen wird, wirft ein etwas frag­wür­di­ges Licht auf die Spe­zi­es der Literaturübersetzer:innen. An vie­len Stel­len ver­an­schau­licht die Ich-Erzäh­lung aber auch das prä­zi­se Gespür der Prot­ago­nis­tin sowie ihre stän­di­ge (auch ein wenig obses­si­ve) Auf­merk­sam­keit für kleins­te Bedeu­tungs­ver­schie­bun­gen von Wor­ten und For­mu­lie­run­gen sowie die ver­schie­de­nen Aus­drucks­mög­lich­kei­ten in unter­schied­li­chen Spra­chen. Die kann sie näm­lich nicht mit ihren Lexi­ka und Notiz­bü­chern ins Regal stel­len, wenn sie die Arbeit been­det. Sie lau­fen auch im All­tag immer mit. Mon mari wur­de bereits ins Eng­li­sche und ins Ita­lie­ni­sche über­setzt. Die deut­sche Über­set­zung von Michae­la Meß­ner erscheint im Sep­tem­ber unter dem Titel Mein Mann bei Hoff­mann und Campe.

Über­set­zen ist eine Kunst

Jetzt aber mal im Ernst: Was machen Übersetzer:innen nun wirk­lich den gan­zen Tag? Céci­le Wajs­brots Roman Never­mo­re gibt dar­auf eine umfas­sen­de Ant­wort. Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Anne Weber und aus­ge­zeich­net mit dem Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se in der Kate­go­rie Über­set­zung han­delt das Buch von dem Arbeits­all­tag einer Über­set­ze­rin. Die­se arbei­tet dank eines Auf­ent­halts­sti­pen­di­ums in Dres­den an der Über­tra­gung von Vir­gi­nia Woolfs Zum Leucht­turm.

Die Über­set­zungs­ar­beit steht neben dem Ver­lust der Freun­din im Zen­trum des Romans. In Never­mo­re wird pro­biert, nach­ge­dacht, gescho­ben, inter­pre­tiert und schließ­lich schlicht über­setzt – also all das, was Über­set­zen­de tag­täg­lich so an ihrem Schreib­tisch machen:

»One can hard­ly tell which is the sea and which is the land«, said Prue.

Das Meer ist kaum vom Land zu unter­schei­den. Was Land ist und was Meer, ist kaum zu unter­schei­den. Man hat Mühe zu sagen, was Meer ist und was Land. Es ist schwer aus­zu­ma­chen, was Meer ist und was Land.

Von vie­len der zu über­set­zen­den Sät­ze gibt es meh­re­re Vari­an­ten. Die Erzäh­le­rin gibt dabei einen Ein­blick in ihre Ent­schei­dun­gen: War­um klingt ein Satz bes­ser als ein ande­rer? Wel­che Über­set­zung ergibt Sinn mit Blick auf den Plot? Und dann gibt es noch so etwas wie einen his­to­ri­schen Rah­men: In einer vom Krieg zer­stör­ten Stadt über­setzt die Erzäh­le­rin einen Roman, der wäh­rend eines ande­ren Kriegs spielt, und blickt auf bei­de Ereig­nis­se durch die eige­ne Brille.

Das Über­set­zen ist in Never­mo­re eine „unge­naue Wis­sen­schaft, ein immer neu nicht zum Schei­tern, aber zur Unvoll­kom­men­heit ver­damm­ter Ver­such“. Céci­le Wajs­brot ist selbst auch Über­set­ze­rin, und wird in der Hin­sicht wohl wis­sen, wovon sie redet. Wer Never­mo­re in Anne Webers stim­mi­ger Über­set­zung liest, liest die deut­sche Fas­sung eines fran­zö­si­schen Tex­tes, in dem aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche über­setzt wird. Und das funk­tio­niert! Mehr noch: Es zeigt die Viel­zahl an Mög­lich­kei­ten beim Über­set­zen auf, und wel­chen Weg eine Über­set­ze­rin ein­schlägt und war­um. Eine Über­set­zung ist eine Über­set­zung ist eine Über­set­zung, oder so ähnlich.



Das Über­set­zen bie­tet für die Lite­ra­tur viel Stoff. Es gibt daher noch vie­le ande­re Bücher, in denen Übersetzer:innen vor­kom­men, die nicht in die­sem Arti­kel bespro­chen wer­den. Dazu gehören: 

  • Maud Van­hau­waert: Tos­ca (Nie­der­län­disch, unübersetzt)
  • Álva­ro Enri­que: Von König­rei­chen hast du geträumt (Ü Cars­ten Regling)
  • Aman­da Mich­a­lo­pou­lou: Okto­pus­gar­ten (Ü Bir­git Hildebrand)
  • Peter Hand­ke: Die links­hän­di­ge Frau (1976)
  • C. J. Cher­ryh: Ate­vi-Zyklus (Ü u.a. Micha­el Windgassen)
  • Javier Marí­as: Mein Herz so weiß (Ü Elke Wehr)
  • Sabi­ne Gru­ber: Die Dau­er der Liebe
  • Sara Mesa: Eine Lie­be (Ü Peter Kultzen)
  • … ?

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4 Comments

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  1. 3
    Michaela Grabinger

    Die weib­li­che Haupt­fi­gur in Peter Hand­kes Roman »Die links­hän­di­ge Frau« (1976) ist Übersetzerin.

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