Übersetzung: Theresa Rüger
The English original of this review is available here.
Die Rezeption von Autor*innen unterscheidet sich häufig von Land zu Land, von Sprache zu Sprache; es ist nicht ungewöhnlich, dass bestimmte Werke oder Autor*innen bei gewissen Zielgruppen größeren Anklang finden als bei anderen. Das Beispiel Jenny Erpenbeck sticht besonders hervor. Kairos, das jüngste Buch der Autorin, gewann mit „erheblichem Konsens“ der Jury den International Booker Prize, während der Roman bei den bedeutenden deutschen Literaturpreisen links liegengelassen wurde. Und das, nachdem Erpenbeck bereits den Independent Foreign Fiction Prize (den Vorgänger des International Booker) für Aller Tage Abend (eng.: The End of Days) gewonnen hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie von einigen als zukünftige Nobelpreisträgerin gehandelt wird.
Andere, darunter Erpenbeck selbst, haben versucht zu ergründen, warum sie im Ausland so viel besser ankommt als daheim. Weil viele in Deutschland das Gefühl haben, schon genug über die DDR gelesen zu haben, ist eine Theorie. Oder weil für die englischsprachige Leserschaft die Kombination aus geschichtlichem Interesse und Distanz besser funktioniert. Kulturell gesehen liegt Kairos zeitlich und räumlich in der Ferne, aber nicht zu weit in der Ferne. Die meisten Leser*innen sind mit dem historischen Moment vertraut und das Buch ist um größtmögliche Zugänglichkeit bemüht.
Kairos schildert das Aufblühen und Auseinandergehen der Beziehung zwischen der 19-jährigen Katharina und dem Mittfünfziger Hans in Ostberlin. Dabei werden die Ereignisse der letzten DDR-Jahre auf einer persönlichen, intimen Ebene ausgespielt. Erpenbeck konstruiert die Facetten der frischen Verliebtheit und Rituale des Paares, bevor sie sich in Paranoia und Misstrauen auflösen, und spiegelt dabei den Zerfall der DDR. Das ist der Schlüssel für viele englischsprachige Leser*innen: Ihnen öffnet sich ein Fenster in eine Zeit und zu einem Ort, die vertraut genug sind, um leicht zugänglich zu sein, ohne ihnen selbst zu nahe zu kommen. Alles verpackt in der allzu bekannten Erzählung einer zum Scheitern verurteilten Beziehung.
Schauen wir uns die ersten Seiten des Romans an. Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Katharina auf der Reise von Pittsburgh nach Berlin von Hans’ Tod erfährt, nachdem die beiden wenige Monate zuvor kurz Kontakt hatten. Die englischsprachige Leserschaft wird in die Romanwelt eingeladen, als handele es sich um ihre eigene (und es ist eine kleine, aber auffällige Entscheidung, dass die Übersetzung in amerikanischem statt britischem Englisch verfasst ist: Urlaub wird zu vacation statt holiday, die Aubergine zu eggplant statt, naja, aubergine). Katharina selbst findet Zugang zu ihren Erinnerungen – die über den Prolog hinaus den Großteil des Romans ausmachen – durch Tagebuchseiten und andere Andenken in ihrem Haus in den USA.
Die Haupthandlung des Romans beginnt, und die Willkommensgeste hält an. Die Erzählung konzentriert sich auf das erste Treffen von Katharina und Hans und stellt damit die zwischenmenschlichen Dynamiken in den Vordergrund, mit denen man sich leicht identifizieren kann. Sie bilden die Grundlage für alles Weitere, doch Erpenbeck behält ein feines Gespür für die Umgebung bei. Das Setting löst sich nie ins Unbestimmte auf, sondern ist sehr sorgfältig zwischen realen Straßen und Cafés in Ostberlin verortet. Der*die Leser*in wird mit der „U‑Bahn bis Pankow“ am Alex vorbeigeführt. Die Beziehung zwischen Katharina und Hans bleibt währenddessen im Vordergrund. Die beiden sind selbstbezogen, und durch diesen Fokus auf das Innere entsteht der Eindruck, der Autorin sei am Persönlichen mehr gelegen als am Kulturellen.
Wann immer Besonderheiten der DDR thematisiert werden, drängen sie sich nicht auf. Als Katharina beispielsweise die Wohnung von Hans gezeigt bekommt, kommentiert sie seine Lutz Rudolph-Lampe; diese Lampe, die unter Intellektuellen der DDR sehr beliebt war, sorgt für einen Hauch von Authentizität, ohne die Entwicklung der Beziehung zwischen Katharina und Hans zu beeinträchtigen.
Im Verlauf des Romans werden die expliziten Verweise auf das breitere politische und kulturelle Umfeld zwar deutlicher, jedoch führt Erpenbeck die Erzählung zuverlässig stets zur zentralen Beziehung zurück:
Katharina says: […] I’ve applied for permission to go to Cologne, it’s Gran’s seventieth birthday in August.
Is that right? asks Christina and is briefly struck dumb. She has no relations in the West, she has never received a parcel containing Nutella, tights, and washing powder.
[…] If she’s allowed to go, it means leaving him [Hans] a second time, she thinks.
Katharina sagt: […] Ich habe eine Reise nach Köln beantragt, im August wird meine Großmutter siebzig.
Echt?, fragt Christina und verstummt für einen Moment. Christina hat keine Verwandtschaft im Westen, sie hat nie ein Paket bekommen, in dem Nutella, Waschpulver und Feinstrumpfhosen waren.
[…] Wenn die Reise nach Köln genehmigt wird, muss ich nochmal weg von ihm [Hans], denkt sie.
Diese Passage vermittelt einen Eindruck, wie der Roman den historischen Moment spiegelt und aufbricht. Die letzten Jahre der DDR werden dahingehend betrachtet, wie sie zu den beiden zentralen Charakteren in Beziehung stehen. Dieser Effekt wird von der durchgängigen Verwendung des Präsens noch verstärkt. Zwar beschreibt die Autorin jene Gegenstände, die ausschließlich dank Paketen aus dem Westen erhältlich sind, aber es sind speziell diejenigen, für die Katharina sich interessiert. Und sobald diese Details eingeführt wurden, kehrt die Binnenerzählung nicht etwa zu Fragen der Reisefreiheit zurück, sondern zur unvermeidlichen Trennung von Hans.
Wie sich das auf die Leserschaft auswirkt, steht und fällt mit deren Bereitschaft, sich auf die Beziehung von Katharina und Hans einzulassen – mit all ihren Schwächen. Während Katharina immer wieder die Geduld ihrer Freund*innen auf die Probe stellt, indem sie in jedem Gespräch auf Hans zurückkommt, holt der Roman gleichzeitig die historischen Ereignisse zurück in die zentrale Dynamik. Die Fokussierung auf die persönliche Ebene führt jedoch dazu, dass das historische Echo das schwächere ist. Jede Geste nach außen wird von einer Rückkehr ins Innere begleitet. Konsequent folgt Erpenbeck dem vertrauten Pfad einer klaustrophobischen Beziehung und hält sich gut auf dem schmalen Grat zwischen Persönlichem und Historischem, ohne in triviale Eins-zu-eins-Vergleiche zu verfallen, aber der Pfad ist dennoch ein ausgetretener.
Dies zeigt sich auch in Michael Hofmanns insgesamt meisterhafter Übersetzung. Zunächst möchte ich auf eine der sehr wenigen ungelenken übersetzerischen Entscheidungen eingehen, nämlich auf die Redewendungen von Hans. Ein großer Teil des Romans besteht aus einer Mischung aus den Erzählstimmen und Gedanken von Katharina und Hans, die sich miteinander verweben und einander überlappen. Hofmann geht damit absolut souverän um und gibt Erpenbecks stilistische Entscheidungen gekonnt wieder. Im Falle von Hans gehören dazu nicht nur seine offensichtlicheren gelehrten Anspielungen auf deutsche Kulturschaffende und ihre Werke, sondern auch die subtilere Art und Weise, wie sich sein Altersunterschied zu Katharina manifestiert.
Seine Position innerhalb des Romans ist eine rückwärtsgewandte, die im Gegensatz zu Katharinas Zukunftsorientiertheit steht. Wenn er etwa sagt: „see the poor fellow’s Stasi expression“, spiegelt dies den etwas unzeitgemäßen Ton seiner Formulierungen wider. Wenn er dann jedoch Phrasen wie „That’s the way the cookie crumbles“ oder „in cahoots“ verwendet, wirkt das deplatziert. Diese Phrasen gibt es zwar seit den 1950er Jahren, aber sie passen nicht zu der ansonsten sorgfältigen Balance, mit der Hofmann eine Gegenwartsatmosphäre schafft, die sich nahtlos in das Setting des Romans einfügt.
Solche Fehltritte sind jedoch die Ausnahme, und Hofmann vermittelt ansonsten gewandt das starke, aber unaufdringliche Räumlichkeitsgefühl, das Erpenbeck erschafft. Er trifft eine Reihe kleiner, aber sorgfältiger Entscheidungen, die auf ganzer Linie überzeugen. Ein gutes Beispiel dafür findet sich gleich zu Beginn des Romans, als die ältere Katharina über die Kisten mit Erinnerungsstücken nachdenkt:
A long time ago, the papers in his boxes and those in her suitcase were speaking to each other. Now they’re both speaking to time. A suitcase like that, cardboard boxes like that, full of middles and endings and beginnings, buried under decades’ worth of dust; pages that were written to deceive alongside other pages that were striving for truth; things itemized, other things passed over, all lying together higgledy-piggledy; the contradictions and the denials, silent fury and mute adoration together in one envelope, in one folder; what is forgotten just as creased and yellowed as what, dimly or distinctly, one still remembered.
Vor langer Zeit haben die Papiere, die aus seinen Kartons und die aus ihrem Koffer, einen Dialog miteinander geführt. Jetzt führen sie einen Dialog mit der Zeit. In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.
Hofmann gibt sich hier Mühe, den sehr präzisen Ton des Deutschen in der Übersetzung wiederzugeben. Manche Wiederholungen wie „Zeit“ / „time“ werden direkt übernommen, während andere, wie etwa „stummgewordene“, durch eine prägnantere englische Formulierung ersetzt werden: In „silent fury and mute adoration“ werden die gängigen Adjektive für die beiden Nomen im Englischen beibehalten. Der Binnenreim in „Verschwiegene und Beschriebene” geht zwar verloren in „pages that were written to deceive alongside pages that were striving for truth“ – doch die Formulierung macht die abhanden gekommene Wiederholung von „stummgewordene“ wieder wett, und behält dabei außerdem die Klarheit des Deutschen bei. Der Reim wird dann mit dem Ausdruck „higgledy-piggledy” wieder aufgegriffen. Wenn in der direkten Übersetzung etwas verloren geht, bringt Hofmann es an anderer Stelle unter, und stellt damit sicher, dass der ganze fortlaufende Satz wie im Original geschichtet erscheint, wie ein verbaler Papierstapel.
Der Roman behält die sorgfältige Klammer zwischen Persönlichem und Politischem bei, bis zum Fall der Berliner Mauer und darüber hinaus. Katharina verpasst den Moment der Grenzöffnung und überquert sie erst später:
It’s salad niçoise forever, now. It took three weeks after the Wall came down for Katharina to cross into West Berlin for the first time. Hans took her to his favorite bare on Savignyplatz. Directly across the square, under the railway arches, is the art bookshop […] of course completely unaffordable, 80 marks for a book, that’s about 650 GDR marks, more than a printer makes in a month.
Salad Nicoise nun für immer. Drei Wochen hat es gedauert, bis Katharina nach dem Mauerfall zum ersten Mal nach Westberlin hinübergegangen ist. Hans hat sie in sein Lieblingslokal am Savignyplatz eingeladen. Schräg gegenüber unter den S‑Bahn-Bögen der Kunstbuchladen […] natürlich unbezahlbar. 80 D‑Mark für ein Buch, umgerechnet sind das 650 DDR-Mark, mehr als ein Schriftsetzermonatsgehalt.
„Wahrscheinlich ist es dort so ähnlich wie hier“: Mit diesen Worten beschreibt Katharinas Freundin Christina den Westen, aber sie fassen auch treffend zusammen, warum Kairos bei englischsprachigen Leser*innen so beliebt ist. Das Setting ist zugänglich genug, um ganz in den Roman einzutauchen; Über die sich entfaltende Beziehung wird eine ebenso einfache wie einfach verständliche Prise zeitlicher und räumlicher Historizität gestreut. Wahrscheinlich ist es diese Kombination, die Erpenbecks Werk im Ausland so beliebt macht; und vielleicht ist es die fehlende Distanz, die sich für deutsche Leser*innen als weniger interessant erweist.
Die Tatsache, dass ich mit den Schauplätzen des Romans sehr vertraut bin und mich mit dieser Zeit einigermaßen auskenne, hat den Roman für mich nicht aufgewertet; stattdessen habe ich mir etwas gewünscht, das über die historischen Details hinausgeht. Sie verankern den Roman, aber sie sind nicht so scharf skizziert wie die zwischenmenschliche Dynamik. Während die historischen Besonderheiten mit einer gewissen Vertrautheit in den Hintergrund treten, muss die Beziehung zwischen Hans und Katharina eigenständig den Roman tragen.
Und trotz der Sorgfalt, mit der Erpenbeck diese Beziehung entwickelt hat, konnte sie mein Interesse nicht wecken oder mir neue Einsichten bieten. Es gibt viele Romane, die sich auf ähnlichem Terrain bewegen, die ähnliche, zum Scheitern verurteilte Beziehungen schildern, und Kairos hat in mir nicht den Wunsch ausgelöst, einen weiteren zu lesen. Es mag sein, dass es den Reiz einer gewissen Unvertrautheit braucht, damit die Kombination aus Persönlichem und Historischem befriedigend ist. Oder vielleicht einfach eine größere Fähigkeit, sich auf eine weitere zum Scheitern verurteilte Romanze zwischen zwei unklugen Charakteren einzulassen.

