Wel­che Über­set­zung soll ich lesen? – Frankenstein

In Zeiten von KI, Kloning und Genmanipulation erinnert uns ein über 200 Jahre alter Klassiker der Weltliteratur noch immer an die Gefahren menschlichen Übermuts. Mary Shelleys „Frankenstein“ ist zeitlos – doch gilt das auch für die deutschen Übersetzungen? Von

„Du hast die­se merk­wür­di­ge und grau­en­haf­te Geschich­te gele­sen, Mar­ga­ret; und gerinnt Dir nicht vor Ent­set­zen das Blut in den Adern?“

Seit über 200 Jah­ren ver­setzt Fran­ken­stein Leser:innen welt­weit in Angst und Schre­cken. Kein ande­rer Name der Lite­ra­tur­ge­schich­te ist so sehr mit dem Mons­trö­sen und zugleich mit tech­ni­schem Fort­schritt ver­bun­den wie Mary Shel­leys Schöp­fung. „Fran­ken­stein“ ist in der moder­nen Pop­kul­tur als das schau­ri­ge Ergeb­nis eines fehl­ge­schla­ge­nen Expe­ri­ments bekannt – und als eine Art defor­mier­ter, geflick­ter Mensch, der dank wis­sen­schaft­li­chem Grö­ßen­wahn manch­mal wie­der­be­lebt oder gänz­lich neu erschaf­fen wird. Als Sym­bol­fi­gur muss „Fran­ken­stein“ also immer dann her­hal­ten, wenn es um wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten, die Gren­zen des mensch­li­chen Daseins oder schlicht um männ­li­che Hybris geht.

Mit dem Ori­gi­nal­ro­man, auf dem der „Frankenstein“-Mythos beruht, haben moder­ne Dar­stel­lun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen oft nur wenig gemein. Die Unter­schie­de begin­nen bereits beim Namen: Wäh­rend „Fran­ken­stein“ heu­te meist das Mons­ter selbst bezeich­net, ist er in Shel­leys Ori­gi­nal der Name sei­nes Schöp­fers. Vik­tor Fran­ken­stein ist eigent­lich ein jun­ger, ehr­gei­zi­ger Stu­dent im beschau­li­chen Ingol­stadt, der sich dort den Natur­wis­sen­schaf­ten ver­schreibt und sei­nen Gott­kom­plex in einem Pro­jekt der beson­de­ren Art auslebt.

Er erschafft eine „Krea­tur“, die bis zum Ende namen­los bleibt. Sein Geschöpf ähnelt in sei­nen Eigen­schaf­ten dem Men­schen, da es sowohl zu ratio­na­lem Den­ken als auch zu emo­tio­na­lem Emp­fin­den fähig ist. Optisch unter­schei­det sich die­se Krea­tur jedoch stark von den heu­te ver­brei­te­ten Dar­stel­lun­gen. Wer Fran­ken­stein goo­gelt, lan­det womög­lich zuerst bei James Wha­les’ Film Fran­ken­steins Braut von 1935. Das iko­ni­sche Bild des Mons­ters mit sei­nem blas­sen Kopf, den Nar­ben und Näh­ten ist klar als mensch­lich erkenn­bar. Ganz anders bei Shel­ley: Sie beschreibt die Krea­tur als über­gro­ßes, drah­ti­ges Wesen mit gel­ber Haut, lan­gem, dün­nen schwar­zen Haar und perl­wei­ßen Zäh­nen, das die Men­schen – gera­de weil es fremd­ar­tig scheint – in Angst und Schre­cken versetzt.

Vik­tor Fran­ken­stein sehnt sich nicht nach bana­lem Reich­tum. Statt­des­sen träumt er schon in jun­gen Jah­ren von Ruhm und davon, den Men­schen unver­wund­bar zu machen: „Leben und Tod schie­nen mir nur ein­ge­bil­de­te Schran­ken zu sein, die ich als Ers­ter nie­der­rei­ßen wür­de“, erzählt er rück­bli­ckend. Doch Fran­ken­stein ver­liert die Kon­trol­le über sei­ne Schöp­fung, die zu eige­nem Den­ken und zu eige­nen Ent­schei­dun­gen imstan­de ist. Ganz im Sin­ne von Goe­thes „die Geis­ter, die ich rief, wer­de ich nun nicht los“ ver­folgt das Geschöpf sei­nen Schöp­fer, der vor sei­ner Ver­ant­wor­tung davon­rennt, und rächt sich an den Men­schen, die es ver­sto­ßen. Kein Wun­der also, dass Shel­leys Erzäh­lung auch auch in unse­re Gegen­wart passt. Fran­ken­steins selbst­herr­li­che Fan­ta­sien erin­nern an heu­ti­ge Tech-Mogu­le, die das Altern besie­gen wol­len, oder selbst ernann­te Visio­nä­re, die sich vor nie­man­dem ver­ant­wor­ten müs­sen – der über 200 Jah­re alte Roman über­dau­ert somit die Zeit, und die Fas­zi­na­ti­on für den Mythos bleibt ungebrochen.

Sei­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te ist eine der bekann­tes­ten Anek­do­ten der eng­li­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te. Legen­där sind jedoch nicht nur die Umstän­de, unter denen der Roman ent­stand, son­dern auch Mary Shel­leys Erzie­hung und Jugend­jah­re. Sie ist die Toch­ter zwei­er bedeu­ten­der Intel­lek­tu­el­ler: Ihr Vater, Wil­liam God­win, war Autor und Sozi­al­phi­lo­soph, ihre Mut­ter, Mary Woll­stone­craft, ver­fass­te mit Ver­tei­di­gung der Rech­te der Frau einen grund­le­gen­den Text des euro­päi­schen Femi­nis­mus – und starb nur weni­ge Tage nach Marys Geburt.

Mary wird von ihrem Vater unter­rich­tet und wächst unter Halb­ge­schwis­tern auf, da ihr Vater noch ein­mal hei­ra­tet. Als Teen­ager lernt sie Per­cy Byss­he Shel­ley ken­nen, einen viel­ver­spre­chen­den jun­gen Dich­ter mit „heik­len“ poli­ti­schen Ansich­ten (Vege­ta­ri­er, Ver­fech­ter der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und Befür­wor­ter „frei­er“ Lie­be), der ihren Vater als Men­tor aus­er­ko­ren hat. Mit 17 Jah­ren ver­lässt sie gegen den Wil­len des Vaters das Eltern­haus und folgt Shel­ley, der damals noch ver­hei­ra­tet ist, aufs euro­päi­sche Fest­land. Sie rei­sen zunächst durch Frank­reich, tref­fen dann in Genf auf Lord Byron, sei­ner­seits bereits ein Star­dich­ter, der mit Marys Stief­schwes­ter Clai­re Clairm­ont eine Affä­re hat. 

Im Vor­wort zur über­ar­bei­te­ten Aus­ga­be ihres Meis­ter­werks stellt Mary Shel­ley selbst die Fra­ge, die sowohl ihre Zeit­ge­nos­sen als auch vie­le moder­ne Leser:innen noch immer beschäf­tigt: „Wie kam ich, damals noch ein jun­ges Mäd­chen, dazu, mir etwas der­art Schreck­li­ches aus­zu­den­ken und in aller Aus­führ­lich­keit zu erzäh­len?“ Die Schuld dar­an scheint vor allem bei Byron zu lie­gen. Der Som­mer in Genf ist trüb­se­lig: Mary ist von meh­re­ren Schwan­ger­schaf­ten erschöpft, Per­cy kämpft mit per­ma­nen­ten finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, und oben­drein liegt im Jahr 1816 infol­ge eines Vul­kan­aus­bruchs buch­stäb­lich Dun­kel­heit über der Welt. Die Tage am See sind düs­ter und von Dau­er­re­gen geprägt.

Man hält sich mit gru­se­li­gen Tex­ten, die aus dem Deut­schen ins Fran­zö­si­sche über­setzt wur­den, bei Lau­ne – bis Byron die Idee eines klei­nen Wett­streits vor­schlägt: Wer schreibt die bes­te Schau­er­ge­schich­te? Der Name der Gewin­ne­rin dürf­te auf der Hand lie­gen. Mit gera­de ein­mal 19 Jah­ren erschafft Mary Shel­ley eines der frü­hes­ten Wer­ke der Sci­ence-Fic­tion über­haupt und sichert sich damit einen Platz in der Literaturgeschichte.

1818 erscheint die ers­te Aus­ga­be von Fran­ken­stein – zunächst ohne den Namen der Autorin. Doch schnell wird auf­ge­deckt, wer sich hin­ter dem Werk ver­birgt. Den­noch schrei­ben vie­le Zeit­ge­nos­sen gro­ße Tei­le der Erzäh­lung nicht ihr allein zu, son­dern auch ihrem Ehe­mann (sie und Per­cy hei­ra­ten nach sei­ner Schei­dung) sowie ihrem Vater, der selbst ein erfolg­rei­cher Roman­au­tor war, obgleich sei­ne Wer­ke in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind. Die inter­tex­tu­el­len Refe­ren­zen sei­en zu zahl­reich, der phi­lo­so­phisch-wis­sen­schaft­li­che Gehalt zu anspruchs­voll für eine jun­ge Frau, so die gän­gi­ge Mei­nung. Doch Fran­ken­stein macht Mary Shel­ley berühmt: Der Roman wird gele­sen, der Stoff schon damals für die Büh­ne adap­tiert. Den Erfolg ihres Debüt­ro­mans wird sie nie über­tref­fen kön­nen, aber nach dem frü­hen Tod ihres Man­nes – er ertrinkt mit nur 29 Jah­ren – lebt sie bis zu ihrem Tod vom Schreiben.

Fran­ken­stein wird bereits kurz nach der Erst­ver­öf­fent­li­chung über­setzt. Ver­mut­lich exis­tier­te bereits im 19. Jahr­hun­dert eine anony­me deutsch­spra­chi­ge Über­set­zung. Die wohl ältes­te bekann­te Über­tra­gung stammt von Heinz Widt­mann aus dem Jahr 1908. Die­se Über­set­zung ist frei ver­füg­bar, wird ande­rer­seits auch immer noch von Ver­la­gen, dar­un­ter aktu­ell S. Fischer, gedruckt. Seit die­ser Über­set­zung wur­de Fran­ken­stein min­des­tens wei­te­re neun­mal über­setzt, was den Fran­ken­stein-Kult des 20. Jahr­hun­derts ein­drück­lich veranschaulicht.

Berück­sich­tigt wer­den in die­sem Arti­kel ledig­lich Über­set­zun­gen, die noch ver­füg­bar sind – also in loka­len Buch­hand­lun­gen vor­rä­tig oder zumin­dest bestell­bar. Dazu zählt die Über­set­zung von Fried­rich Pola­ko­vics, die ursprüng­lich 1970 bei Han­ser erschien und noch immer von Ana­con­da ver­legt wird. Eine wei­te­re Über­set­zung stammt aus dem Jahr 1968 von Karl Bru­no Leder und Gert Leetz und ist aktu­ell als Insel-Taschen­buch erhält­lich. Zudem ist die Über­tra­gung von Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we ver­füg­bar, die 1986 erst­mals bei Reclam erschien. Die jüngs­te, mitt­ler­wei­le jedoch auch schon zwan­zig Jah­re alte Über­set­zung stammt von Alex­an­der Pech­mann aus dem Jahr 2006. Sie erschien damals im Pat­mos Ver­lag und wur­de 2017 erneut von Manes­se ver­legt. Der­zeit ist die Über­set­zung als Pen­gu­in Edi­ti­on erhältlich.

Ein Ent­schei­dungs­kri­te­ri­um für oder gegen eine die­ser Über­set­zun­gen könn­te die Fra­ge sein, auf wel­cher Fas­sung sie basiert. Fran­ken­stein ist im eng­li­schen Ori­gi­nal sowohl in der Urfas­sung von 1818 als auch in der von Mary Shel­ley selbst über­ar­bei­te­ten Ver­si­on von 1831 erhält­lich. Letz­te­re ist etwas wei­ter ver­brei­tet, doch selbst in der eng­lisch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft herrscht Unei­nig­keit dar­über, wel­che der bei­den Fas­sun­gen die bes­se­re ist. Es erscheint ein­leuch­tend, dass Mary Shel­ley an ihrem wohl wich­tigs­tes Werk, das sie blut­jung ver­fasst hat, Anpas­sun­gen vor­nimmt. Dass es sich dabei aber ledig­lich um „sti­lis­ti­sche“ Ände­run­gen hand­le, wie die Autorin im Vor­wort erläu­tert, wur­de bekann­ter­ma­ßen als Far­ce enttarnt. 

Die inhalt­li­chen Ergän­zun­gen in der Ver­si­on von 1831 umfas­sen meh­re­re län­ge­re Pas­sa­gen, die vor allem im ers­ten Teil des Buchs zu tra­gen kom­men und Fran­ken­steins Figur mehr Tie­fe geben sol­len, ihn aber gleich­zei­tig auch stär­ker der Ver­ant­wor­tung gegen­über sei­ner Schöp­fung ent­he­ben. Ver­fech­ter der Urfas­sung argu­men­tie­ren, dass Mary Shel­ley mit ihren Ände­run­gen auf den Druck kon­ser­va­ti­ver Stim­men ein­ge­gan­gen sei. Bei­spiels­wei­se wur­de rück­wir­kend Fran­ken­steins Cou­si­ne Eli­sa­beth, mit der er auf­wächst und die er spä­ter hei­ra­tet, zu einem Fin­del­kind gemacht.

Alex­an­der Pech­manns Über­set­zung ist die ein­zi­ge, die auf der Urfas­sung beruht und im Anhang auf die geän­der­ten Pas­sa­gen ver­weist. Die Urfas­sung lag also jah­re­lang nicht auf Deutsch vor, was sicher­lich einen dank­ba­ren Anlass für eine Neu­über­set­zung bot. Alle ande­ren Über­set­zun­gen fol­gen der Ver­si­on von 1831, was nicht per se ver­kehrt ist, da es sich schlicht um eine von der Autorin auto­ri­sier­te Über­ar­bei­tung han­delt. Den­noch dürf­te jedoch jede Fran­ken­stein-Lek­tü­re von einem Anmer­kungs­ap­pa­rat pro­fi­tie­ren, der dar­über Auf­schluss gibt.

Fran­ken­stein ist nur schwer einem bestimm­ten Gen­re zuzu­ord­nen, und womög­lich ist es auch müh­sam, den Roman in arbi­trä­re Kate­go­rien zu pres­sen. Er ent­hält Ele­men­te des Schau­er­ro­mans, gilt als Vor­rei­ter des moder­nen Sci­ence-Fic­tion-Romans und steht auch in der Tra­di­ti­on der Roman­tik­be­we­gung des frü­hen 19. Jahr­hun­derts. Sprach­lich erin­nert er mit­un­ter an Goe­thes Wert­her, eines der Bücher (zusam­men mit Mil­tons ein­fluss­rei­chem Para­di­se Lost), die das Geschöpf selbst im Roman liest. Der Pathos­ge­halt ist mit­un­ter hoch, die Spra­che stets recht emo­tio­nal. Es wird geweint, geklagt, geflucht – was jedoch nicht unpas­send ist, geht es doch nun mal die Fra­ge, wer wie leben darf.

Gleich­zei­tig ist die Aus­drucks­wei­se der Figu­ren stets geho­ben und elo­quent, zuwei­len auch etwas geküns­telt. Womög­lich sorgt dies dafür, dass Mary Shel­leys Stil die Gemü­ter noch immer etwas spal­tet. „Zu vol­ler Grö­ße in den Anna­len der Welt­li­te­ra­tur fehlt Mary Shel­leys Fran­ken­stein aller­dings die sprach­li­che Ori­gi­na­li­tät und Aus­drucks­kraft“, urteilt bei­spiels­wei­se der Über­set­zer Chris­ti­an Gra­we in sei­nem Nach­wort – ein selt­sa­mes Urteil, ist doch der Klas­si­ker­sta­tus heu­te unum­strit­ten. Aber wie wir gleich sehen wer­den, inter­pre­tiert jeder Über­set­zer das Werk und sei­ne sprach­li­che Aus­drucks­kraft eben ein wenig anders.

Heinz Widt­manns Über­set­zung ist über 100 Jah­re alt und ein gutes Bei­spiel dafür, dass eine alte Über­set­zung nicht auto­ma­tisch alt­mo­disch wir­ken muss. Tat­säch­lich ist die Über­tra­gung von Fried­rich Pola­ko­vics deut­lich alt­ba­cke­ner und geschwol­le­ner als Widt­manns leicht­fü­ßi­ger Stil. Der Über­set­zer hat ein Flair für Atmo­sphä­re und Span­nungs­auf­bau, von dem sein eman­zi­pier­ter Umgang mit dem Ori­gi­nal pro­fi­tiert. Zum Bei­spiel in der fol­gen­den Sze­ne: Als Fran­ken­stein die Arbeit an sei­ner Krea­tur been­det hat, befällt ihn ein Gefühl der Unbe­hag­lich­keit und Reue. Wie ein Kind flüch­tet er in sein Bett, nur um dort nach einem Alb­traum freud­schen Aus­ma­ßes auf­zu­wa­chen und sei­ne Schöp­fung vor sich zu finden:

I star­ted from my sleep with hor­ror; a cold dew cover­ed my fore­head, my tee­th chat­te­red, and every limb beca­me con­vul­sed; when, by the dim and yel­low light of the moon, as it forced its way through the win­dow shut­ters, I beheld the wretch—the mise­ra­ble mons­ter whom I had crea­ted. (Mary Shel­ley, 1831) 

Ich fuhr ent­setzt auf; kal­ter Schweiß rann mir über die Stirn, mei­ne Zäh­ne klap­per­ten und mei­ne Glie­der zit­ter­ten. Und da – da stand im blei­chen, gelb­li­chen Lich­te des Mon­des, das durch die Fens­ter­vor­hän­ge drang, das Unge­heu­er, das ich geschaf­fen. (Heinz Widt­mann 1908). 

Zutiefst ent­setzt schrak ich aus mei­nem Schlum­mer – der kal­te Angst­schweiß brach mir aus der Stirn – der gan­ze Kör­per zog sich mir zusam­men – und zäh­ne­klap­pernd blick­te ich um mich: In dem schwa­chen, gelb­li­chen Mond­lich­te, wel­ches durch die Fens­ter­lä­den in die Kam­mer quoll, stand jenes erbärm­li­che Mons­trum vor mir – der fürch­ter­li­che Popanz, wel­chen ich erschaf­fen! (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Ent­setzt schreck­te ich aus dem Schlaf auf, kal­ter Schweiß bedeck­te mei­ne Stirn, mei­ne Zäh­ne klap­per­ten, und mein gan­zer Kör­per hat­te sich ver­krampft. Da erblick­te ich im dämm­ri­gen, gel­ben Licht des Mon­des, das durch die Fens­ter­lä­den drang, den Teu­fel, das elen­de Mons­trum, das ich erschaf­fen hat­te. (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

Indem Widt­mann den Satz in sei­ner Über­set­zung mit „und da“ beginnt, eine Span­nungs­pau­se ein­fügt und eine Wort­wie­der­ho­lung ver­wen­det (ja, was ist denn nun „da“?), sichert er sich die Auf­merk­sam­keit sei­ner Lesen­den. Im direk­ten Ver­gleich schnei­det sei­ne Über­set­zung in punc­to Les­bar­keit gut ab: Wäh­rend Pola­ko­vics in sei­ner für ihn typi­schen Manier über­treibt, gerät Pech­manns Über­set­zung so zurück­hal­tend, dass man die Pas­sa­ge glatt über­le­sen könnte.

Zwei Pro­ble­me von Widt­manns Über­set­zung deu­tet die zitier­te Pas­sa­ge jedoch bereits an: Zum einen endet sein Satz wenig ele­gant, zum ande­ren führt die Ver­schie­bung des Gedan­ken­strichs auch zu einer Bedeu­tungs­ver­schie­bung. Wäh­rend im Ori­gi­nal der Gedan­ken­strich den Fokus dar­auf lenkt, dass Fran­ken­stein vor einem Mons­ter steht, das er selbst erschaf­fen hat, dient das Satz­zei­chen in Widt­manns Über­tra­gung pri­mär dem Spannungsbogen.

Ver­hee­ren­der wird es jedoch an einer ande­ren Stel­le im Buch, die Widt­manns feh­ler­haf­tes Ver­ständ­nis des Ori­gi­nals anschau­lich auf­deckt: Die Krea­tur ver­folgt ihren Schöp­fer Fran­ken­stein und berich­tet ihm unauf­ge­for­dert von ihren ver­stö­ren­den Erfah­run­gen mit den Men­schen. Das ers­te unge­woll­te, aber schick­sal­haft pas­sen­des Opfer des Geschöpfs ist Fran­ken­steins jün­ge­rer Bru­der, dem es im Wald begeg­net. Der Jun­ge for­dert es auf, ihn in Ruhe zu las­sen, und beschimpft die Krea­tur als „häßliche[n] Mann!“ und „greu­li­cher Mensch!“.

Im Ori­gi­nal ist an die­ser Stel­le von „ugly wretch“ und „hideous mons­ter!“ die Rede – Begrif­fe, die in ande­ren Über­set­zun­gen mit „Unge­heu­er“, „Scheu­sal“ oder „Unge­tüm“ wie­der­ge­ge­ben wer­den. Die Krea­tur als „Mensch“ zu bezeich­nen, greift ein moder­nes Fran­ken­stein-Bild vor­weg, in dem das Mons­ter häu­fig als ent­stell­ter Mensch erscheint – eine Inter­pre­ta­ti­on, die im Ori­gi­nal jedoch nur bedingt ange­legt ist. Die Krea­tur ähnelt zwar dem Men­schen, ist aber so ein­zig­ar­tig, dass sie von ihm – dar­un­ter auch von die­sem Jun­gen – nicht als Mensch erkannt und infol­ge­des­sen aus­ge­grenzt wird. Auf der Hand­lungs­ebe­ne bewirkt die­ser Aus­schluss, dass die Krea­tur von Fran­ken­stein ver­langt, eine Gefähr­tin zu erschaf­fen – was die­sen in eine mora­li­sche Zwick­müh­le bringt. Folg­lich ist es tref­fen­der, die Krea­tur bei­spiels­wei­se als „Unmensch“ zu bezeich­nen, wie es Karl Bru­no Leder und Gert Leetz in ihrer Über­set­zung tun.

Schlicht­weg falsch ist jedoch die Über­set­zung der fol­gen­den Passage: 

Can you won­der that such thoughts trans­por­ted me with rage? I only won­der that at that moment, ins­tead of ven­ting my sen­sa­ti­ons in excla­ma­ti­ons and ago­ny, I did not rush among man­kind and peri­sh in the attempt to des­troy them. (Mary Shel­ley, 1831) 

Brau­che ich dir zu sagen, daß die­ser Gedan­ke mei­nen Zorn von neu­em ansta­chel­te? Ich wun­de­re mich selbst, daß ich nicht, anstatt mei­nen Schmerz durch lau­tes Brül­len hin­aus­zu­schrei­en, mich auf die Mensch­heit stürz­te, um sie zu ver­nich­ten. (Heinz Widt­mann, 1908) 

Nimm’s dich noch wun­der, dass der­lei Erwäh­nun­gen mich mit Grimm erfüll­ten? Was mich wun­der nimmt, ist ein­zig der Umstand, dass ich in jenem Momen­te mei­nen Gefüh­len bloß in Aus­ru­fen der See­len­qual Luft mach­te, nicht aber mich sogleich auf die­se Mensch­heit stürz­te, um in dem Ver­su­che, sie mit Stumpf und Stiel aus­zu­rot­ten, mei­nen Unter­gang zu fin­den! (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Wun­derst du dich dar­über, dass sol­che Gedan­ken mich zu Wut­aus­brü­chen hin­ris­sen? Ich wun­de­re mich nur, dass ich mich in dem Augen­blick nicht, anstatt mei­ne Emp­fin­dun­gen im lau­ten Aus­druck mei­ner See­len­qua­len abzu­re­agie­ren, unter die Mensch­heit stürz­te und bei dem Ver­such, sie zu ver­nich­ten, umkam. (Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we, 1986) 

Widt­mann unter­schlägt die Bedeu­tung von „peri­sh“, das so viel wie „umkom­men“ bedeu­tet. Die­ses Wort ver­leiht der Aus­sa­ge von Fran­ken­steins Mons­ter eine melan­cho­li­sche Note. Sein Bedürf­nis nach Rache ent­springt der Ableh­nung, die es durch die Men­schen erfah­ren hat, doch sie zu ver­nich­ten bedeu­tet zugleich sei­nen eige­nen Unter­gang. Mit die­sem Satz nimmt die Krea­tur, die Fran­ken­steins Leben Schritt für Schritt zer­stört, gewis­ser­ma­ßen ihr eige­nes Ende vor­weg. Dass die­ses Wort in Widt­manns Über­set­zung fehlt, ver­än­dert den gesam­ten Absatz. Auch in der Fischer-Aus­ga­be ist die­ser Feh­ler – neben wei­te­ren – zu fin­den. Soll­te die­se Über­set­zung also wei­ter­hin ver­legt wer­den, wäre eine Über­ar­bei­tung wünschenswert.

Wäh­rend über den Über­set­zer Heinz Widt­mann so gut wie nichts bekannt ist, las­sen sich zu Fried­rich Pola­ko­vics zumin­dest eini­ge Infor­ma­tio­nen fin­den. Er war ein öster­rei­chi­scher Schrift­stel­ler, der zeit­le­bens Wer­ke von Ian Fle­ming, Oscar Wil­de und Rudyard Kipling über­setz­te. Erstaun­lich ist, dass sei­ne Ver­si­on von 1970 nicht nur älter wirkt als die ältes­te deutsch­spra­chi­ge Über­set­zung, son­dern auch deut­lich schwüls­ti­ger. Sei­ne Spra­che ist der­art auf­ge­bla­sen, über­trie­ben pathe­tisch und künst­lich, dass man beim Lesen ent­we­der unwei­ger­lich lachen muss – oder sich weni­ger vor dem Inhalt als viel­mehr vor der dra­ma­ti­schen Aus­drucks­stär­ke des Über­set­zers gruselt.

Ansät­ze davon zei­gen sich bereits in der zitier­ten Pas­sa­ge. Nimm’s dich noch wun­der“ mag man noch als öster­rei­chi­schen Dia­lekt ver­bu­chen, doch schon For­mu­lie­run­gen wie mit Stumpf und Stiel aus­zu­rot­ten“ für des­troy zei­gen die Frei­hei­ten, die sich der Über­set­zer genom­men hat. Über­trei­bun­gen und Über­spit­zun­gen fin­den sich an zahl­rei­chen Stel­len: Aus „bright visi­ons of exten­si­ve useful­ness“ wer­den „strah­len­de Visio­nen spä­te­ren, segens­rei­chen Wir­kens“, aus „incle­men­cy of the wea­ther“ ein „unge­nä­di­ger Wet­ter­gott“, aus „student’s thirst for know­ledge“ die „Wiss­be­gier eines Stu­dio­sus“. Doch nicht nur in ein­zel­nen Phra­sen steckt immer ein Hauch zu viel – auch gan­ze Sät­ze oder Absät­ze sind in Pola­ko­vics’ Über­set­zung oft dop­pelt so lang wie in ande­ren Fas­sun­gen. Ein Beispiel:

The dif­fe­rent acci­dents of life are not so chan­geable as the fee­lings of human natu­re. (Mary Shel­ley, 1831) 

Wie wan­del­bar ist doch das Men­schen­herz! Nicht ein­mal die Wech­sel­fäl­le des Lebens rei­chen an sei­ne Wider­sprüch­lich­keit her­an! (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Die Zufäl­le des Lebens sind nicht so wech­sel­haft wie die Emp­fin­dung der mensch­li­chen Natur. (Karl Bru­no Leder und Gert Leetz, 1968) 

Die ver­schie­de­nen Zufäl­le des Lebens sind nicht so wech­sel­haft wie mensch­li­che Gefüh­le. (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

Der zitier­te Satz stammt aus einem Abschnitt, in dem Fran­ken­stein sei­nem treu­en Zuhö­rer Walt­on – dem Kapi­tän eines Schif­fes gen Nord­pol, das Fran­ken­stein auf­nimmt – von der Ent­ste­hung der Krea­tur und sei­nen Emp­fin­dun­gen bei deren Anblick berich­tet. Was in ande­ren Fas­sun­gen als nüch­ter­ne, retro­spek­ti­ve, aber doch phi­lo­so­phi­sche Fest­stel­lung inten­diert ist, wird bei Pola­ko­vics zu einer Rei­he empha­ti­scher Aus­ru­fe, die offen­bar Fran­ken­steins Ver­zweif­lung und ins­ge­samt fra­gi­len Gemüts­zu­stand beto­nen sol­len. Ver­stärkt wird dies durch Pola­ko­vics’ bedau­erns­wer­tem Hang zu Aus­ru­fe­zei­chen an Stel­len, an denen kei­ne vor­ge­se­hen sind. 

Bereits sei­ne Über­set­zung der ein­lei­ten­den Sät­ze lässt ver­mu­ten, dass er sich eher als Über­set­zer eines dra­ma­ti­schen Mono­logs versteht:

How can I descri­be my emo­ti­ons at this cata­stro­phe, or how delinea­te the wretch whom with such infi­ni­te pains and care I had endea­vou­red to form? (Mary Shel­ley, 1831) 

Wie fan­ge ich’s an, Euch die Emp­fin­dung zu beschrei­ben, wel­che mich in dem schick­sal­haf­ten Augen­bli­cke durch­beb­ten, da das Ver­häng­nis sei­nen Anfang nahm? Wie gebe ich euch ein treu­li­ches Abbild der Spott­ge­burt, wel­che ich mit unend­li­cher Mühe und Sorg­falt zu for­men ver­sucht? (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Wie könn­te ich Ihnen beschrei­ben, was ich emp­fand, und das Unge­tüm schil­dern, das ich da mit so viel Mühe und Fleiß geschaf­fen? (Karl Bru­no Leder und Gert Leetz, 1968) 

Wie kann ich mei­ne Gefüh­le ange­sichts die­ser Kata­stro­phe schil­dern, wie den elen­den Teu­fel beschrei­ben, auf des­sen Erzeu­gung ich solch unend­li­che Mühe und Sorg­falt ver­wen­det hat­te? (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

Auch das Ori­gi­nal klingt – zumin­dest in der zwei­ten Hälf­te des Sat­zes – durch­aus etwas schwer­fäl­lig und alter­tüm­lich. Wie dar­aus jedoch Pola­ko­vics’ Über­set­zung ent­ste­hen konn­te, lässt sich wohl nur damit erklä­ren, dass an die­ser Stel­le sei­ne eige­nen dich­te­ri­schen Ambi­tio­nen die über­set­ze­ri­schen über­schat­tet haben. Die­se Her­an­ge­hens­wei­se hat in sei­ner Fran­ken­stein-Über­set­zung nicht nur einen befremd­li­chen Effekt, son­dern schlicht­weg auch einen ver­frem­den­den, der durch die hin und wie­der anzu­tref­fen­de öster­rei­chi­sche Mund­art ver­stärkt wird. Die Über­set­zung erreicht ihren komi­schen Höhe­punkt vor allem dann, wenn die Krea­tur Fran­ken­stein immer wie­der als „Erden­wurm“ (im Ori­gi­nal „man“) bezeichnet.

Zwei Jah­re vor Fried­rich Pola­ko­vics’ eigen­sin­ni­ger Über­tra­gung erschien die Fran­ken­stein-Über­set­zung von Karl Bru­no Leder und Gerd Leetz im Insel Ver­lag. Obwohl bei­de Über­set­zun­gen nahe­zu zeit­gleich ver­öf­fent­licht wur­den, schla­gen sie völ­lig unter­schied­li­che Wege ein. Dies unter­streicht ein­drucks­voll, dass nicht nur der Zeit­geist eine Rol­le spielt, son­dern auch die indi­vi­du­el­le Her­an­ge­hens­wei­se der Über­set­zen­den. Leder & Leetz wäh­len eine Stil­rich­tung, der auch ande­re moder­ne Über­set­zun­gen ver­fal­len. Im Ver­gleich wirkt ihre Ver­si­on – eben­so wie ande­re jün­ge­re Über­set­zun­gen – gera­de­zu ent­schlackt und sti­lis­tisch gestrafft, wie unter ande­rem das fol­gen­de Bei­spiel zeigt. Fran­ken­stein benennt die Ein­flüs­se sei­ner Jugend:

The rai­sing of ghosts or devils was a pro­mi­se libe­r­al­ly accor­ded by my favou­ri­te aut­hors, the ful­film­ent of which I most eager­ly sought; and if my incan­ta­ti­ons were always unsuc­cessful, I attri­bu­ted the fail­ure rather to my own inex­pe­ri­ence and mista­ke than to a want of skill or fide­li­ty in my ins­truc­tors. And thus for a time I was occu­p­ied by explo­ded sys­tems, ming­ling, like an unadept, a thousand con­tra­dic­to­ry theo­ries and floun­de­ring despera­te­ly in a very slough of mul­ti­fa­rious know­ledge, gui­ded by an ardent ima­gi­na­ti­on and chil­dish reaso­ning, till an acci­dent again chan­ged the cur­rent of my ide­as. (Mary Shel­ley, 1831) 

Das Beschwö­ren von Geis­tern oder Teu­feln war ein von mei­nen Lieb­lings­au­toren groß­zü­gig gege­be­nes Ver­spre­chen, des­sen Erfül­lung ich eif­rig anstreb­te, und wenn mei­ne Anru­fun­gen stets ohne Erfolg blie­ben, so schrieb ich das Miß­lin­gen eher mei­ner eige­nen Uner­fah­ren­heit und mei­nen Feh­lern zu als einen Man­gel an Glaub­wür­dig­keit bei mei­nen Leh­rern. Und so war ich die gan­ze Zeit mit über­hol­ten Theo­rien beschäf­tigt, brach­te wie ein Laie tau­send ein­an­der wider­spre­chen­de Sys­te­me durch­ein­an­der und müh­te mich ver­zwei­felt in einem wah­ren Sumpf der man­nig­fal­tigs­ten Wis­sen­schaf­ten ab, gelei­tet von wil­den Vor­stel­lun­gen und kin­di­schen Gedan­ken, bis ein unvor­her­ge­se­he­nes Ereig­nis mei­nem Lebens­lauf eine ande­re Rich­tung gab. (Karl Bru­no Leder und Gert Leetz, 1968) 

Die Her­auf­ru­fung von Geis­tern oder Teu­feln war der Gegen­stand mei­nes hei­ßes­ten Bemü­hens, denn der­glei­chen war mir von mei­nem Lieb­lings­au­toren aufs Frei­zü­gigs­te ver­hei­ßen wor­den. Und den bestän­di­gen Miss­erfolg mei­ner Beschwö­rung schrei­be ich nicht nur zu bereit­wil­lig der eige­nen Uner­fah­ren­heit, den eige­nen Feh­lern zu, ohne jemals mei­nen Lehr­meis­tern man­geln­des Geschick oder gar Unglaub­wür­dig­keit vor­zu­wer­fen. So war ich eine Zeit lang völ­lig in Anspruch genom­men von aller­lei längst ver­worf­nen Denk­sys­te­men, ver­meng­te als ein ver­kehr­ter Adapt ein gan­zes Tau­send wider­sprüch­li­cher Theo­rien und müh­te mich ver­zwei­felt, in einem veri­ta­blen Sumpf aus Frag­men­ten der man­nig­fal­tigs­ten Wis­sens­ge­bie­te vor­an­zu­kom­men, geführt von der bren­nen­den Ein­bil­dungs­kraft einer kin­di­schen Ver­nunft – bis ein wei­te­rer Vor­fall mein Den­ken aber­mals in neue Bahn lenk­te. (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Das Ver­spre­chen, Geis­ter und Teu­fel erwe­cken zu kön­nen, wur­de von mei­nen Lieb­lings­au­toren groß­zü­gig gege­ben und sei­ne Erfül­lung aufs sehn­lichs­te von mir gewünscht; und wenn mei­ne Beschwö­run­gen immer erfolg­los blie­ben, so schrieb ich mein Schei­tern eher mei­ner eige­nen Uner­fah­ren­heit und mei­nen Feh­lern zu als einem Man­gel an Geschick oder Glaub­wür­dig­keit auf­sei­ten mei­ner Leh­rer. Und so war ich eine Zeit­lang mit längst über­hol­ten Sys­te­men beschäf­tigt, ver­meng­te wie ein ahnungs­lo­ser Laie eine Unzahl sich wider­spre­chen­der Theo­rien und blieb ver­zwei­felt in einem wah­ren Sumpf von allem mög­li­chen Wis­sen ste­cken, wobei ich nur von blü­hen­der Phan­ta­sie und kin­di­schem Ver­ständ­nis gelei­tet wur­de, bis ein Vor­fall die Rich­tung mei­ner Gedan­ken von neu­em änder­te. (Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we, 1986) 

Das Her­auf­be­schwö­ren von Geis­tern und Dämo­nen galt mei­nen Lieb­lings­au­toren durch­weg als viel­ver­spre­chend, sodass ich selbst eif­rig Ver­su­che auf die­sem Gebiet anstell­te. Und den ste­ten Miss­erfolg mei­ner Beschwö­run­gen schrieb ich eher mei­ner eige­nen Uner­fah­ren­heit und mei­nen Feh­lern zu als der man­geln­den Fach­kennt­nis oder Genau­ig­keit mei­ner Lehr­meis­ter. (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

An die­ser und vie­len wei­te­ren Stel­len wird sicht­bar, dass Shel­leys Ori­gi­nal nicht so leicht zu bezwin­gen ist. Einer­seits auf seman­ti­scher Ebe­ne – was bedeu­ten „explo­ded Sys­tems“ oder „a slough of mul­ti­fa­rious know­ledge“ (eine Anspie­lung auf The Pilgrim’s Pro­gress)? Ande­rer­seits stellt auch der Satz­bau mit sei­nen Ver­ket­tun­gen und Ein­schü­ben eine Her­aus­for­de­rung dar: Er trägt zwar zum ela­bo­rier­ten Stil der Autorin bei, birgt jedoch eben­falls Stol­per­fal­len. Die Unter­schie­de zwi­schen der Über­set­zung von Leder & Leetz und der von Pola­ko­vics dürf­ten für Leser:innen auf den ers­ten Blick erkenn­bar sein, wäh­rend die Abwei­chun­gen bei­spiel­wei­se zwi­schen der Über­set­zung von Leder & Leetz und der von den Gra­wes deut­lich sub­ti­ler – aber den­noch nach­voll­zieh­bar – sind.

So wer­den bei Leder & Leetz den Theo­rien und Sys­te­men zum Bei­spiel jeweils ande­re Adjek­ti­ve zuge­ord­net, was den Sinn leicht ver­schiebt. Und aus „ardent phan­ta­sies“ wird bei ihnen „wil­de Vor­stel­lun­gen“, wäh­rend die Gra­wes mit „blü­hen­der Phan­ta­sie“ eine Über­set­zung wäh­len, die im Kon­text von „kin­di­schem Ver­ständ­nis“ etwas pas­sen­der erscheint. Zudem über­set­zen Leder & Leetz „cur­rent of my ide­as“ mit „Lebens­lauf“ – ein Begriff, der ande­re Asso­zia­tio­nen weckt und den Kern nicht ganz trifft, da hier doch die „Gedan­ken“ der ent­schei­den­de Aspekt sind. Den­noch wer­den sol­che Aus­le­gun­gen oder Abwei­chun­gen tat­säch­lich nur im direk­ten Ver­gleich mit dem Ori­gi­nal und ande­ren Über­set­zun­gen deut­lich. Wer die Über­set­zung für sich liest, dürf­te ins­ge­samt wenig zu bean­stan­den haben.

Im zitier­ten Bei­spiel wer­den auch die Unter­schie­de zwi­schen den Über­set­zun­gen, die auf der Fas­sung von 1831 basie­ren, und der Über­set­zung von Alex­an­der Pech­mann, die sich an der Urfas­sung von 1818 ori­en­tiert, deut­lich. Shel­ley hat die Pas­sa­ge im Ori­gi­nal ver­dich­tet und mit zusätz­li­chen Details ange­rei­chert. In der Urfas­sung ist weder von sich wider­spre­chen­den Theo­rien noch von ver­al­te­ten Sys­te­men die Rede. Die­ser Zusatz soll die Ein­flüs­se auf Fran­ken­stein stär­ker her­aus­ar­bei­ten und somit sei­ne Ent­wick­lung plau­si­bler machen. Gleich­zei­tig wirkt die über­ar­bei­te­te Fas­sung an man­chen Stel­len jedoch auch belehrender:

I do not know that the rela­ti­on of my mis­for­tu­nes will be useful to you, yet, if you are incli­ned, lis­ten to my tale. I belie­ve that the stran­ge inci­dents con­nec­ted with it will afford a view of natu­re, which may enlar­ge your facul­ties and under­stan­ding. (Mary Shel­ley, 1818) 

I do not know that the rela­ti­on of my dis­as­ters will be useful to you; yet, when I reflect that you are pur­suing the same cour­se, expo­sing yours­elf to the same dan­gers which have ren­de­red me what I am, I ima­gi­ne that you may dedu­ce an apt moral from my tale, one that may direct you if you suc­ceed in your under­ta­king and con­so­le you in case of fail­ure. (Mary Shel­ley, 1831) 

Ich weiß nicht, ob der Bericht mei­ner Miss­ge­schi­cke Ihnen nütz­lich sein wird, aber wenn Sie mögen, lau­schen Sie mei­ner Geschich­te. Ich glau­be, die merk­wür­di­gen Ereig­nis­se, die damit ver­bun­den sind, wer­den Ihnen eine Sicht­wei­se der Natur ver­mit­teln, die Ihren Ver­stand und Ihr Wis­sen erwei­tern könn­te. (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

Ich weiß nicht, ob die Erzäh­lung mei­ner Miss­ge­schi­cke Ihnen von Nut­zen sein wird; doch wenn ich beden­ke, dass Sie den­sel­ben Weg ver­fol­gen, sich den glei­chen Gefah­ren aus­set­zen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin, dann kann ich mir vor­stel­len, dass Sie die rich­ti­gen Leh­ren aus mei­ner Geschich­te zie­hen, Leh­ren, die Ihnen den Weg zei­gen, wenn Sie mit Ihrem Unter­neh­men Erfolg haben, und Sie trös­ten, wenn Sie schei­tern. (Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we, 1986) 

Von einer „Leh­re“, also einer „apt moral“, die aus dem Roman gezo­gen wer­den soll, ist in Pech­manns Über­set­zung nicht die Rede. Zwar sug­ge­riert auch die Urfas­sung, dass die Lesen­den Erkennt­nis­se aus der Erzäh­lung gewin­nen könn­ten, doch die über­ar­bei­te­te Ver­si­on schlägt einen deut­lich war­nen­de­ren Ton­fall an. Wäh­rend in der einen Vari­an­te die „merk­wür­di­gen Ereig­nis­se“ im Vor­der­grund ste­hen, sind es in der ande­ren die „Gefah­ren“. In der Über­set­zung der Gra­wes wird die­ser Effekt noch ver­stärkt: Durch die Wie­der­ho­lung des Wor­tes „Leh­ren“, das ein­ge­fügt wur­de, um den letz­ten Teil des Sat­zes zu struk­tu­rie­ren, wird die­ser Aspekt der Lek­tü­re beson­ders betont.

Alex­an­der Pech­mann hat neben Fran­ken­stein auch ande­re Erzäh­lun­gen von Mary Shel­ley sowie eini­ge Wer­ke von Her­man Mel­ville und Mark Twa­in über­setzt. Sei­ne Fas­sung von Fran­ken­stein zeich­net sich durch die sorg­fäl­ti­ge Auf­be­rei­tung der Urfas­sung und den dazu­ge­hö­ri­gen Anmer­kun­gen aus. Sie ist stil­si­cher, wenn auch im Ver­gleich zurück­hal­tend, ohne dabei den Ori­gi­nal­text zu ent­stel­len. An man­chen Stel­len kommt man nicht umhin, sich ein biss­chen mehr Ver­ve zu wün­schen. Gera­de die älte­ren Über­set­zun­gen zeich­nen sich in eini­gen Pas­sa­gen durch eine gewis­se Kraft aus und scheu­en sich nicht vor sen­ti­men­ta­len Formulierungen. 

Einer der berühm­tes­ten Sät­ze aus Fran­ken­stein soll an die­ser Stel­le noch ein­mal die Eigen­hei­ten der unter­schied­li­chen Über­set­zun­gen unter­strei­chen. Die von den Men­schen ver­sto­ße­ne Krea­tur, von Ein­sam­keit gequält, for­dert von Fran­ken­stein, ihr ein weib­li­ches Eben­bild zu erschaf­fen. Zunächst will Fran­ken­stein die­sem Gesuch nach­kom­men, doch kurz vor der Voll­endung zer­stört er die weib­li­che Ver­si­on. Dar­auf­hin ben­nent die Krea­tur, die genau­en Umstän­de ihres Racheakts:

It is well. I go; but remem­ber, I shall be with you on your wed­ding-night. (Mary Shel­ley, 1831) 

Nun gut; ich gehe. Aber ver­las­se dich dar­auf: in dei­ner Braut­nacht wer­de ich bei dir sein. (Heinz Widt­mann, 1908) 

Nun gut, ich wer­de gehen, aber denk dar­an: Ich wer­de dich in dei­ner Hoch­zeits­nacht heim­su­chen! (Karl Bru­no Leder und Gert Leetz, 1968) 

Nun gut, so sei es denn! Ich gehe jetzt! Allein, sei des­sen ein­ge­denk: Ich wer­de dich besu­chen in dei­ner Hoch­zeits­nacht! (Fried­rich Pola­ko­vics, 1970) 

Wie du willst. Ich gehe, aber ver­giss nicht, ich wer­de in dei­ner Hoch­zeits­nacht bei dir sein. (Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we, 1986) 

Nun gut. Ich gehe. Aber denk dar­an: In dei­ner Hoch­zeits­nacht wer­de ich bei dir sein. (Alex­an­der Pech­mann, 2006) 

Das Spe­zi­al­ge­biet von Ursu­la und Chris­ti­an Gra­we sind eigent­lich die Aus­ten-Roma­ne. Das Nach­wort, in dem sich Chris­ti­an Gra­we etwas abfäl­lig über den Stil der Autorin äußert, deu­tet womög­lich an, dass Fran­ken­stein nicht ganz sei­nem Geschmack ent­sprach. Dies merkt man der Über­set­zung, die an man­chen Stel­len tref­fen­der als die von Leder & Leetz, aber weni­ger schlicht als die von Pech­mann ist, nicht an. Das „heim­su­chen“ mag auf den ers­ten Blick gru­se­li­ger klin­gen, da es an spu­ken­de Geis­ter erin­nert, doch weit­aus schau­ri­ger und ein­dring­li­cher ist die Vor­stel­lung, dass die Krea­tur bei ihm sein wird. Beson­ders selt­sam ist an die­ser Stel­le wie­der Pola­ko­vics’ „besu­chen“ – als wür­de die Krea­tur in der Hoch­zeits­nacht an Fran­ken­steins Tür klop­fen wollen.

Auch die Über­tra­gung des Satz­an­fangs ver­deut­licht die vie­len Unter­schie­de zwi­schen den Über­set­zun­gen. Wäh­rend Pola­ko­vics in für ihn typi­scher Manier eini­ge Aus­ru­fe hin­zu­dich­tet, inter­pre­tiert Widt­mann „remem­ber“ in eine ganz ande­re Rich­tung. „Ver­lass dich drauf“ nimmt die Hand­lung vor­weg, obwohl zumin­dest Fran­ken­stein nicht sicher ist, ob die Krea­tur ihrem Ver­spre­chen tat­säch­lich Fol­ge leis­ten wird. Pech­manns „denk dar­an“ klingt hin­ge­gen etwas sanf­ter als das war­nen­de, ein­dring­li­che „aber ver­giss nicht“ der Gra­wes, die mit ihrem „wie du willst“ zei­gen, dass sie sich Spiel­raum schaf­fen. Wäh­rend ande­re Über­set­zun­gen den Fokus mehr auf die Ambi­va­lenz der Bezie­hung zwi­schen den Figu­ren legen, wäh­rend die Gra­wes bewusst eine stär­ke­re Dif­fe­ren­zie­rung der Stim­mun­gen im Text einbringen. 

So weist jede die­ser Fran­ken­stein-Über­set­zun­gen ihre eige­nen Merk­ma­le auf, die sie mal mehr, mal weni­ger lesens­wert machen. Dies zeigt erneut, dass alle Über­set­zen­den eige­ne Schwer­punk­te set­zen, wodurch sich der Blick auf den Roman bei jeder Lek­tü­re einer neu­en Über­set­zung leicht – oder spür­bar – ver­än­dern kann. Für eine ers­te Lek­tü­re des Klas­si­kers sind die Über­set­zun­gen von Heinz Widt­mann und Fried­rich Pola­ko­vics wenig geeig­net. Letz­te­re könn­te vor allem dann von Inter­es­se sein, wenn man den Roman beson­ders gut kennt, soll­te jedoch mit einer gewis­sen Tole­ranz gele­sen wer­den, da es frag­lich ist, ob es sich um eine wirk­lich ernst­haf­te Über­set­zung han­delt. Die soli­de Über­tra­gung von Karl Bru­no Leder und Gert Leetz dürf­te im Regal ste­hen­blei­ben, wäh­rend die Über­set­zung der Gra­wes aller­dings sti­lis­tisch ins­ge­samt mehr bie­tet. Wer dar­über­hin­aus die gesam­te Ent­ste­hungs- und Rezep­ti­ons­ge­schich­te von Fran­ken­stein nach­voll­zie­hen möch­te, ist mit Pech­manns Über­set­zung am bes­ten ver­sorgt – zumin­dest bis die nächs­te Neu­über­set­zung (eine gro­ße Net­flix-Ver­fil­mung von Guil­ler­mo Del Toro ist für den Herbst geplant) erscheint.


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  1. 1
    Waldhausen, Gregor

    Sehr geehr­te Frau Rosche,

    was hal­ten sie denn von den Fran­ken­stein Über­tra­gun­gen der Autoren Eli­sa­bet­te Lacroix &
    Chris­ti­an Barth?!
    Vor allem die von Eli­sa­bet­te Lacroix wür­de mich interessieren.

    MfG
    G. Waldhausen

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