Wie viel Clè­ves steckt drin?

„La Princesse de Clèves“ gilt als Meilenstein des französischen Romans – doch wie bringt man höfische Zurückhaltung, psychologische Feinheit und literarischen Stil ins Deutsche? Der Blick auf verschiedene Übersetzungen zeigt, wie stark Wortwahl und Tonfall das Bild einer Epoche mitprägen. Von

Illustrationen von Sergey Solomko für eine Ausgabe von 1925. Quelle: WikiCommons

Gan­ze 72 Jah­re lang herrsch­te Lud­wig XIV., auch bekannt als „Son­nen­kö­nig“, über Frank­reich. Bei sei­nem Tod im Jah­re 1715 hat­te sich sein Ein­fluss weit über das eige­ne Land hin­aus aus­ge­dehnt: Von der Archi­tek­tur über die Gar­ten­ge­stal­tung bis hin zur Klei­dung ahm­te man die an sei­nem Hof herr­schen­de Mode nach. Neben Musi­kern wie Lul­ly und Fran­çois II. Cou­perin („Le Grand“) för­der­te Lud­wig XIV. auch zahl­rei­che Schrift­stel­ler. Komö­die wie Tra­gö­die erleb­ten mit Moliè­re bezie­hungs­wei­se Corn­eil­le und Raci­ne ihre Blütezeit. 

Wäh­rend die­se Autoren sich an Vor­bil­dern ori­en­tie­ren konn­ten, han­delt es sich beim Roman der fran­zö­si­schen Klas­sik um eine Neu­erfin­dung. Der hero­isch-galan­te Roman des Barock war aus­schwei­fend, spiel­te in der fer­nen Ver­gan­gen­heit (so wie die Autor:innen sie sich vor­stell­ten) und beschrieb zahl­rei­che unwahr­schein­li­che Aben­teu­er zu Was­ser und zu Lan­de. Ab der zwei­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts ori­en­tier­te man sich dann an der Gat­tung der Novel­le, fass­te sich deut­lich kür­zer, ließ fran­zö­si­sche Figu­ren auf­tre­ten und streb­te danach, die Din­ge (inner­halb der Gren­zen der Schick­lich­keit) wirk­lich­keits­ge­treu dar­zu­stel­len. Literaturwissenschaftler:innen ver­or­ten hier die Geburts­stun­de des moder­nen Romans.

Typisch für den Roman der Epo­che sind Drei­ecks­kon­stel­la­tio­nen, die dadurch zustan­de kom­men, dass ein Mann und eine Frau hei­ra­ten, ohne dass letz­te­re bereits weiß, was es bedeu­tet, zu lie­ben. Die­ses Wis­sen erlangt sie erst dadurch, dass ein wei­te­rer Mann hin­zu kommt, was zu see­li­schen Kon­flik­ten führt. Als Höhe­punkt der Roman­pro­duk­ti­on der Epo­che wer­den die Roma­ne der Madame de Lafay­et­te bezeich­net, gebo­ren 1634 als Marie-Made­lei­ne Pio­che de la Ver­gne, Ver­trau­te von Hen­ri­et­te d’Angleterre, der Schwä­ge­rin des Königs, und bekannt für ihren Salon, in dem sich pro­mi­nen­te Schrift­stel­ler ver­sam­mel­ten. Mit ihrem Zeit­ge­nos­sen Raci­ne ver­bin­det sie die Auf­fas­sung von Lie­be als zer­stö­re­ri­sche Kraft, die Eifer­sucht her­vor­bringt, das Motiv der Ent­sa­gung sowie die jan­se­nis­ti­sche Ansicht, dass nicht jeder aus­er­wählt ist und der Mensch sei­nem Schick­sal nicht ent­rin­nen kann.

Der ihr zuge­schrie­be­ne Roman La Prin­ces­se de Clè­ves erschien 1678 ohne Namens­nen­nung. Der Wunsch nach Anony­mi­tät war damals für eine vor­neh­me Dame mit guten Bezie­hun­gen zum Hof nach­voll­zieh­bar – öffent­lich als Autorin von Lie­bes­ro­ma­nen auf­zu­tre­ten, hät­te ihrem Ruf gescha­det –, doch die Fach­welt ist sich nicht einig, ob Madame de Lafay­et­te das Werk tat­säch­lich selbst ver­fasst hat. Eini­ge, wie zum Bei­spiel der Roma­nist Jür­gen von Sta­ckel­berg, sehen ihren guten Freund Jean-Reg­nault de Segrais in die­ser Rol­le und sie ledig­lich als Ideen­ge­be­rin. Fest steht, dass ver­schie­de­ne im Salon ver­keh­ren­de Per­so­nen an der Ent­ste­hung betei­ligt waren, dar­un­ter auch der Apho­ris­ti­ker Fran­çois de La Rochefoucauld. 

Die Kri­tik, die La Prin­ces­se de Clè­ves an der höfi­schen Gesell­schaft übt, war wohl ein wei­te­rer Grund für die anony­me Ver­öf­fent­li­chung. Zwar spielt der Roman über 100 Jah­re vor sei­ner Ent­ste­hungs­zeit, doch Eitel­keit, Lie­bes­hän­del und Intri­gen präg­ten auch wäh­rend der Regent­schaft Lud­wigs XIV. den All­tag. Rea­le Per­so­nen und Ereig­nis­se bil­den den Rah­men des Romans – Hein­rich II. starb tat­säch­lich 1559 an den Fol­gen einer Tur­nier­ver­let­zung und sei­ne Frau Katha­ri­na von Medi­ci sowie sei­ne lang­jäh­ri­ge Gelieb­te Dia­na von Poi­tiers tre­ten eben­so auf wie sei­ne Schwie­ger­toch­ter Maria Stuart. Haupt­ge­gen­stand des Romans, des­sen Hand­lung sich schnell zusam­men­fas­sen lässt, ist die Ana­ly­se der Lei­den­schaf­ten der auf­tre­ten­den Per­so­nen; mehr noch als um einen his­to­ri­schen han­delt es sich um einen psy­cho­lo­gi­schen Roman.

Die Titel­hel­din trägt zu Beginn noch den Namen Made­moi­sel­le de Char­tres. Sie wur­de von ihrer Mut­ter fern vom Hof erzo­gen und aus­drück­lich vor den schlech­ten Sit­ten und der Heu­che­lei gewarnt, die dort herr­schen. Als sie am Hof erscheint, sind alle von ihrer Anmut und Beschei­den­heit ange­tan; ein Mon­sieur de Clè­ves gewinnt ihre Hand. Sie ach­tet ihn, liebt ihn jedoch nicht, wor­un­ter er lei­det. Als der für sei­ne zahl­rei­chen Erobe­run­gen bekann­te Mon­sieur de Nemours nach län­ge­rer Abwe­sen­heit an den Hof zurück­kehrt, geschieht sowohl mit ihm als auch mit der jun­gen Frau etwas: Sie liebt zum ers­ten Mal, er inter­es­siert sich zum ers­ten Mal für nur eine Frau. Madame de Char­tres bemerkt die Nei­gung ihrer Toch­ter und warnt sie auf ihrem Ster­be­bett aus­drück­lich davor, ihr nach­zu­ge­ben. Die­se zieht sich zuneh­mend von der Gesell­schaft zurück. Als ihr Mann sie auf die­ses selt­sa­me Ver­hal­ten anspricht, gesteht sie ihm, Gefüh­le für einen ande­ren zu haben, nennt jedoch sei­nen Namen nicht. 

Was bei­de nicht ahnen: Mon­sieur de Nemours hat das Gespräch belauscht und errät, dass er gemeint ist. Mon­sieur de Clè­ves errät dies mit der Zeit eben­falls, hält aber das Ver­hält­nis der bei­den für enger, als es tat­säch­lich ist. Nach­dem sei­ne Eifer­sucht ihn ins Grab gebracht hat, macht Mon­sieur de Nemours der Wit­we einen Hei­rats­an­trag, den sie ablehnt. Sie zieht sich völ­lig vom Hof zurück und stirbt jung.

Die Figu­ren des Romans ver­su­chen viel­fach, die eige­nen Gefüh­le oder Taten zu ver­ber­gen, was jedoch nicht immer funk­tio­niert, da jeder jeden beob­ach­tet und in Erfah­rung gebrach­te Geheim­nis­se sofort wei­ter­erzählt wer­den. Eifer­sucht hin­dert die han­deln­den Per­so­nen dar­an, die Din­ge ratio­nal zu betrach­ten und macht sie anfäl­lig für Irr­tü­mer. Hin­zu kom­men Zufäl­le, die der Hand­lung eine Wen­dung geben. Das Norm­be­wusst­sein von Madame de Clè­ves ist einer­seits stark genug, damit sie sich ihrer Gefüh­le schämt, ande­rer­seits zu schwach, um sie die­se Gefüh­le unter­drü­cken zu las­sen – so beschreibt es Fritz Peter Kirsch in sei­nem Über­blick Epo­chen des fran­zö­si­schen Romans.

Sie han­delt inkon­se­quent und befin­det sich in einer aus­weg­lo­sen Situa­ti­on. Häu­fig ver­sucht sie, Din­ge dadurch zu errei­chen, dass sie etwas nicht tut. Dies spie­gelt sich in der Spra­che des Romans wider. Die Lito­tes, die Beja­hung durch Ver­nei­nung des Gegen­teils, wird sehr häu­fig ver­wen­det. Eben­so auf­fäl­lig ist die indi­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on – Din­ge wer­den häu­fig ange­deu­tet statt klar aus­ge­spro­chen. Auf die­se Beson­der­hei­ten muss sich auch eine Über­set­zung ein­las­sen. Eine wei­te­re Her­aus­for­de­rung stellt die uns frem­de höfi­sche Lebens­welt mit all ihren Gebräu­chen und Ver­gnü­gun­gen dar. Die han­deln­den Per­so­nen sind größ­ten­teils real, wes­we­gen es unab­ding­bar ist, sich mit dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund ver­traut zu machen.

La Prin­ces­se de Clè­ves wur­de bereits im 18. Jahr­hun­dert mehr­fach ins Deut­sche über­tra­gen. Die Über­set­zung von Fried­rich Schulz aus dem Jahr 1790 ist auf Ama­zon bei zwei ver­schie­de­nen Her­aus­ge­bern sowohl in Papier­form als auch als E‑Book erhält­lich. Dabei stellt das E‑Book aus der Rei­he RUTHe­Books Klas­si­ker mit einem Preis von 99 Cent die güns­tigs­te Mög­lich­keit dar, den Roman ken­nen­zu­ler­nen. Rat­sa­mer ist selbst­ver­ständ­lich eine Über­set­zung neue­ren Datums. Für die­sen Arti­kel wur­den die fol­gen­den neu oder anti­qua­risch in Papier­form erhält­li­chen Über­set­zun­gen aus dem 20. und 21. Jahr­hun­dert berücksichtigt:

  • Paul Hans­mann, in einer Über­ar­bei­tung ver­öf­fent­licht 1986 von der Haren­berg Kom­mu­ni­ka­ti­on Ver­lags- und Medi­en­ge­sell­schaft Dort­mund. Die ursprüng­li­che Über­set­zung erschien 1913 im Georg Mül­ler Ver­lag Mün­chen. Hans­mann leb­te von 1882 bis 1936 und war auch als Thea­ter­dich­ter tätig.
  • Hans Broem­ser, ver­öf­fent­licht 1948 im Mat­thi­as-Grü­ne­wald-Ver­lag Mainz. Wer er war, ist nicht mehr her­aus­zu­fin­den, jedoch erschie­nen im glei­chen Ver­lag bis 1963 noch wei­te­re Über­set­zun­gen aus dem Fran­zö­si­schen von ihm, haupt­säch­lich von theo­lo­gi­schen Werken.
  • Fer­di­nand Har­de­kopf, erschie­nen 2011 als über­ar­bei­te­te Neu­aus­ga­be im Manes­se Ver­lag Zürich. Har­de­kopf leb­te von 1876 bis 1954 und war als Jour­na­list, Schrift­stel­ler und Über­set­zer aus dem Fran­zö­si­schen tätig. Die ers­te Fas­sung der Über­set­zung wur­de 1957 im glei­chen Ver­lag ver­öf­fent­licht – offen­sicht­lich post­hum. Ein Ver­gleich der Fas­sun­gen unter­ein­an­der zeigt, dass die Ände­run­gen ledig­lich die Wahl ein­zel­ner Wör­ter sowie die Recht­schrei­bung (z. B. daß/dass) betreffen.
  • Julia (Mari­an­ne) Kirch­ner, erschie­nen 1967 im Insel Ver­lag Frank­furt am Main. Über die Über­set­ze­rin ist bekannt, dass sie 1937 gebo­ren wur­de und sich auch ita­lie­ni­scher Lite­ra­tur wid­me­te, vor allem Wer­ken von Italo Calvino.
  • Eva und Ger­hard Hess, erschie­nen 1983 bei Reclam. Bei­de gemein­sam hat­ten bereits 1946 bei der Dieterich’schen Ver­lags­buch­hand­lung in Mainz eine Über­set­zung ver­öf­fent­licht. Mit Reclam wur­de ein Ver­trag über eine neue Über­set­zung geschlos­sen. Ger­hard Hess (1907−1983) ist als Roma­nist und Über­set­zer aus dem Fran­zö­si­schen bekannt. Eva Hess war ver­mut­lich sei­ne Frau.

Wie soll man die­sen Text aus dem 17. Jahr­hun­dert für Leser:innen des 20. Jahr­hun­derts über­set­zen? Die­se Fra­ge stellt sich bereits beim Titel. Die Haupt­per­son wird in allen deut­schen Fas­sun­gen als „Prin­zes­sin“ bezeich­net. Auch der Titel „Fürs­tin“ wäre denk­bar gewe­sen und hät­te weni­ger an eine Königs­toch­ter den­ken las­sen − man den­ke an die Abhand­lung Il Prin­ci­pe von Nicolò Machia­vel­li, die hier­zu­lan­de unter dem Titel Der Fürst bekannt ist. Und wel­che Stadt führt das unglück­li­che Ehe­paar da eigent­lich im Namen? Wer sie auf der Land­kar­te sucht, wird in Deutsch­land fün­dig: Kle­ve liegt in Nord­rhein-West­fa­len an der Gren­ze zu den Nie­der­lan­den. Die bis 1935 übli­che Schreib­wei­se „Cle­ve“ fin­det sich bei Hans­mann und Broem­ser – die drei ande­ren Über­set­zun­gen sind mit Die Prin­zes­sin von Clè­ves betitelt.

Der Roman beginnt mit einer Beschrei­bung des Lebens am fran­zö­si­schen Königs­hof in den 50er-Jah­ren des 16. Jahr­hun­derts und einer Vor­stel­lung aller Figu­ren, die im Fol­gen­den eine Rol­le spie­len wer­den. Antoine Adam bezeich­net in sei­ner Ein­lei­tung zur fran­zö­si­schen Aus­ga­be von 1966 die ers­ten Sei­ten als „abschre­ckend für den moder­nen Leser“, zumal die Per­so­nen recht ste­reo­ty­pisch beschrie­ben wer­den. Auf die zeit­ge­nös­si­sche Leser­schaft muss der Ein­stieg anders gewirkt haben; mög­li­cher­wei­se weck­te das Her­auf­be­schwö­ren ver­gan­ge­ner Zei­ten Sehn­süch­te. Schau­en wir uns die ers­ten Sät­ze an:

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La magni­ficence et la galan­te­rie n’ont jamais paru en France avec tant d’éclat que dans les der­niè­res années du règ­ne de Hen­ri second. Ce prin­ce était galant, bien fait et amou­reux; quoi­que sa pas­si­on pour Dia­ne de Poi­tiers, duch­es­se de Valen­ti­nois, eût com­men­cé il y avait plus de vingt ans, elle n’en était pas moins vio­len­te et il n’en don­nait pas des témoign­ages moins éclatants.
Com­me il réus­sis­sait admi­ra­blem­ent dans tous les exer­ci­ces du corps, il en fai­sait une de ses plus gran­des occu­pa­ti­ons. C’étaient tous les jours des par­ties de chas­se et de pau­me, des bal­lets, des cour­ses de bagues, ou de sem­bla­bles diver­tis­se­ments; les cou­leurs et les chif­fres de Mme de Valen­ti­nois parais­sai­ent par­tout, et elle parais­sait elle-même avec tous les ajus­tem­ents que pou­vait avoir Mlle de la Marck, sa peti­te-fil­le, qui était alors à marier.

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Bei der Über­ar­bei­tung der Über­set­zung von Hans­mann hat man eini­ge Feh­ler über­nom­men. Nicht seit zehn, son­dern seit zwan­zig Jah­ren liebt der König die Her­zo­gin. War­um „par­ties de chas­se“ mit „Reit­spie­le“ statt mit „Jagd­par­tien“ über­setzt wur­de, ist schwer nach­voll­zieh­bar. Was den Ver­gleich der Her­zo­gin mit ihrer Enke­lin betrifft, geht auch Broem­ser in eine fal­sche Rich­tung: Im Ori­gi­nal steht, die Älte­re klei­de sich so, wie es für die Jün­ge­re ange­mes­sen wäre. Bei Hess und Hess schmü­cken sich tat­säch­lich bei­de – ob die Enke­lin es tat­säch­lich tut, las­sen sowohl Har­de­kopf als auch Kirch­ner eben­so offen wie Madame de Lafayette. 

In Bezug auf das „jeu de pau­me“ ist der Ver­gleich mit der älte­ren Fas­sung von Har­de­kopf inter­es­sant. Dort ist von „Rakett­ball­spie­len“ die Rede, eine Wort­wahl, die vor dem geis­ti­gen Auge der Lesen­den eher das Gemein­te erschei­nen lässt als die unbe­stimm­ten „Ball­spie­le“: Es han­delt sich um einen Vor­läu­fer des heu­ti­gen Ten­nis (hier eine in die Zeit pas­sen­de Illus­tra­ti­on). Der Über­be­griff für all die Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen des Königs lau­tet im Ori­gi­nal „exer­ci­ces du corps“. 

Broem­sers Über­set­zung „Lei­bes­übung“ wirkt sehr alt­mo­disch, da man als deut­sches Äqui­va­lent für „corps“ heu­te das Wort „Kör­per“ ver­wen­det (auch sei­ne Über­set­zung von „paraît­re“ mit „blü­hen“ ganz am Anfang sticht als etwas schwüls­tig her­vor). Auf­fäl­lig ist auch Kirch­ners Ent­schei­dung für „rit­ter­li­che Übun­gen“; sie passt jedoch zur „höfi­schen Gesel­lig­keit“ aus ihrem ers­ten Satz. Bei­de Adjek­ti­ve fin­den sich auch in ande­ren Über­set­zun­gen des Roman­an­fangs, wenn auch an ande­ren Stel­len. Den Par­al­le­lis­mus von „pas moins“ im zwei­ten Satz behal­ten mit „nicht min­der“ / „nicht weni­ger“ (bzw. umge­kehrt) nur Kirch­ner sowie Hess und Hess bei. Har­de­kopf hebt die Stel­le auf eine ande­re Wei­se her­vor, näm­lich durch die Kom­bi­na­ti­on des Sub­stan­tivs „Feu­er“ mit dem sinn­ver­wand­ten Adjek­tiv „glü­hend“.

Als Bei­spiel für die indi­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der die Din­ge nicht aus­ge­spro­chen, son­dern nur ange­deu­tet wer­den, soll ein Aus­zug aus einer län­ge­ren Pas­sa­ge die­nen. Mon­sieur de Nemours hat es geschafft, mit Madame de Clè­ves allein zu sein. Bis vor Kur­zem hat er noch um die Hand der Köni­gin von Eng­land gewor­ben – nun zeigt er kein Inter­es­se mehr an ihr und scheint ins­ge­samt stark ver­än­dert, was allen am Hof auf­fällt. Genau zu die­sem The­ma äußert er sich …

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Il y a des per­son­nes à qui on n’ose don­ner d’autres mar­ques de la pas­si­on qu’on a pour elles que par les cho­ses qui ne les regar­dent point; et, n’osant leur fai­re paraît­re qu’on les aime, on vou­drait du moins qu’elles vis­sent que l’on ne veut être aimé de per­son­ne. L’on vou­drait qu’elles sus­sent qu’il n’y a point de beau­té, dans quel­que rang qu’elle pût être, que l’on ne regar­dât avec indif­fé­rence, et qu’il n’y a point de cou­ron­ne que l’on voulût ache­ter au prix de ne les voir jamais.

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Hans­mann hat die For­mu­lie­rung „qui ne les regar­dent point“ mög­li­cher­wei­se als „qu’elles ne regar­dent point“ miss­ver­stan­den. Sei­ne Lösung „die sie gar nicht beach­ten“ ist schwer nach­voll­zieh­bar. Eben­so wie Broem­ser über­setzt er „ache­ter“ wört­lich mit „kau­fen“, was nach Super­markt klingt; die jün­ge­ren Über­set­zun­gen „erkau­fen“ oder „gewin­nen“ sind ele­gan­ter. „Pas­si­on“ gibt Hans­mann mit „Lie­be“ wie­der, was zu einer unnö­ti­gen Häu­fung im Deut­schen führt, da ja noch das zwei­mal ver­wen­de­te Verb „aimer“ zu über­set­zen ist. Die ande­ren Über­set­zer haben sich ent­we­der für die wört­li­che Lösung „Lei­den­schaft“ oder für „Nei­gung“ ent­schie­den. Broem­ser ist noch einen ande­ren Weg gegan­gen, indem er den Satz gekürzt hat. Dies erleich­tert das Ver­ständ­nis, lässt den ver­lieb­ten Nemours aber schnel­ler zum Punkt kom­men, als er es im Ori­gi­nal tut.

Auf­fäl­lig sind zwei Punk­te in der Über­set­zung von Har­de­kopf: „Den Beweis erbrin­gen“ impli­ziert, es habe bereits ein Gespräch zwi­schen dem Lie­ben­den und der Gelieb­ten gege­ben und sie zweif­le an sei­nen Gefüh­len. „Ver­zicht auf die gelieb­te Frau“ klingt, als bestehe ein Ver­hält­nis zwi­schen ihnen – es geht dem Lie­ben­den aber nur dar­um, die Gelieb­te sehen zu kön­nen. Kirch­ners Lösung wirkt schlicht und ele­gant, sie ist gut les­bar, ohne dabei auf Details des Ori­gi­nals zu verzichten.

Die von der zeit­ge­nös­si­schen Leser­schaft am hef­tigs­ten dis­ku­tier­te Sze­ne ist die­je­ni­ge, in der Madame de Clè­ves ihrem Mann ihre Gefüh­le für einen ande­ren gesteht. Ist eine sol­che Situa­ti­on rea­lis­tisch? Tut die Titel­hel­din das Rich­ti­ge? Geäu­ßert wur­den auch Pla­gi­ats­vor­wür­fe, da in einer 1670 ver­öf­fent­lich­ten Novel­le von Madame de Vil­le­dieu eine sehr ähn­li­che Sze­ne ent­hal­ten ist. Die Idee zu La Prin­ces­se de Clè­ves soll jedoch noch älter sein. Im Fol­gen­den ein Aus­zug, der wie­der­um zeigt, dass wich­ti­ge Din­ge im Roman meist nur ange­deu­tet werden.

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[…] je vais vous fai­re un aveu que l’on n’a jamais fait à son mari; mais l’innocence de ma con­duite et de mes inten­ti­ons m’en don­ne la force. Il est vrai que j’ai des rai­sons pour m’éloigner de la cour et que je veux évi­ter les périls où se trou­vent quel­que­fois les per­son­nes de mon âge. […] Son­gez que pour fai­re ce que je fais, il faut avoir plus d’amitié et plus d’estime pour un mari que l’on en a jamais eu; con­dui­sez-moi, ayez pitié de moi, et aimez-moi enco­re, si vous pouvez.

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Um das fran­zö­si­sche Sub­stan­tiv „mari“ ins Deut­sche zu über­set­zen, exis­tie­ren ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten. In den unter­schied­li­chen Über­set­zun­gen fin­den wir „Gemahl“, Gat­te“, „Ehe­mann“ und „Mann“, wobei die Wort­wahl inner­halb der glei­chen Über­set­zung wech­seln kann. Die deut­sche Fas­sung von Broem­ser wirkt durch die aus­schließ­li­che Ver­wen­dung von „Gemahl“ auf die heu­ti­ge Leser­schaft sehr alt­mo­disch und über­trie­ben fei­er­lich. Durch­aus inter­es­sant ist dage­gen sei­ne Ent­schei­dung, „l’innocence de ma con­duite et de mes inten­ti­ons“ mit „mein tadel­lo­ser Wan­del und die Unschuld mei­ner Absich­ten“ wie­der­zu­ge­ben und „inno­cence“ somit dop­pelt zu über­set­zen. Sowohl Kirch­ner als auch Hess und Hess über­set­zen das Sub­stan­tiv wört­lich mit „Unschuld“, Hans­mann mit dem Adjek­tiv „makel­los“. Har­de­kopfs „Unta­del­haf­tig­keit“ wirkt recht sperrig.

Hess und Hess über­set­zen „ma con­duite et mes inten­ti­ons“ mit „mein Han­deln und mein Wol­len“ − nicht ganz unpro­ble­ma­tisch (um pas­send zum Stil des Romans eine Lito­tes zu ver­wen­den), da in einem der nicht berück­sich­tig­ten Sät­ze von „mes actions“ die Rede ist, was eben­falls mit „mein Han­deln“ wie­der­ge­ge­ben wird. (Kirch­ner über­setzt „con­duite“ zwar auch mit „Han­deln“, „actions“ aber mit „Taten“.) Das zum Sub­stan­tiv „con­duite“ gehö­ri­ge Verb „con­dui­re“ taucht am Ende des Abschnitts auf. Alle Über­set­zen­den haben sich hier für „lei­ten“ ent­schie­den. Die Aus­nah­me ist Har­de­kopf, der 1957 „füh­ren“ ver­wen­de­te, wor­aus in der über­ar­bei­te­ten Fas­sung von 2011 „hel­fen“ wurde.

Hans­mann fällt in die­sem Abschnitt durch zu wört­li­che Lösun­gen unan­ge­nehm auf. „Wie man es noch nie­mals einem Gat­ten gemacht hat“ mag ja noch ange­hen, aber „als irgend jemand hat­te“? Auf­fäl­lig ist auch die Lösung von Hess und Hess für den Begriff „ami­tié“: Alle ande­ren Über­set­zen­den geben die­ses Sub­stan­tiv wört­lich mit „Freund­schaft“ wie­der. Im Reclam-Büch­lein heißt es „Lie­be“ − nicht ganz pas­send, weil Madame de Clè­ves genau die­ses Gefühl inner­halb ihrer Ehe nie­mals emp­fun­den hat. „Zunei­gung“ wäre viel­leicht noch eine Opti­on gewe­sen …? Von ein­zel­nen Details abge­se­hen wer­den die drei jün­ge­ren Über­set­zun­gen hier dem Ori­gi­nal gerecht und sind gut lesbar.

Erst zehn Sei­ten vor Schluss des Romans kommt es zum ers­ten offe­nen Gespräch zwi­schen Madame de Clè­ves und Mon­sieur de Nemours. Sie ver­sucht nicht län­ger, ihre Gefüh­le zu ver­ber­gen; er gesteht, dass er gelauscht hat, als sie ihrem Mann von die­sen Gefüh­len erzähl­te. Objek­tiv gese­hen stün­de einer Ehe zwi­schen den bei­den nichts im Wege, sie lehnt sei­nen Antrag jedoch ab. Nur weil sie bereits ent­schlos­sen ist, ihn nie wie­der zu sehen, ist sie zu dem Gespräch bereit. Auf der einen Sei­te sind es „Grün­de der Pflicht“, die die Titel­hel­din dazu bewe­gen, sich von Mon­sieur de Nemours und der Gesell­schaft ins­ge­samt zurück­zu­zie­hen: Schon ihre Mut­ter hat sie vor ihm gewarnt und ihr Mann ging davon aus, dass sie, ein­mal Wit­we gewor­den, ihren Gelieb­ten hei­ra­ten wer­de – eine Pro­phe­zei­ung, die sich nicht erfül­len soll. Auf der ande­ren befürch­tet sie, mit ihm unglück­lich zu wer­den. Aus dem fol­gen­den Aus­zug wird deut­lich, was in ihr vorgeht:

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„[…] je ne sau­rais vous avouer, sans hon­te, que la cer­ti­tu­de de n’être plus aimée de vous, com­me je le suis, me paraît un si hor­ri­ble mal­heur, que, quand je n’aurais point de rai­sons de devoir insur­mon­ta­bles, je dou­te si je pour­rais me résoud­re à m’exposer à ce mal­heur. […] M. de Clè­ves était peut-être l’unique hom­me du mon­de capa­ble de con­ser­ver de l’amour dans le maria­ge. Ma desti­née n’a pas vou­lu que j’aie pu pro­fi­ter de ce bon­heur; peut-être aus­si que sa pas­si­on n’avait sub­sis­té que par­ce qu’il n’en aurait pas trou­vé en moi. Mais je n’aurais pas le même moy­en de con­ser­ver la vôt­re : je crois même que les obs­ta­cles ont fait vot­re con­s­tance. Vous en avez assez trou­vé pour vous ani­mer à vain­cre et mes actions invo­lon­tai­res, ou les cho­ses que le hasard vous a app­ri­ses, vous ont don­né assez d’espérance pour ne vous pas rebuter.

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Am wenigs­ten gelun­gen wirkt wie­der­um die Über­set­zung von Hans­mann, die klei­ne Feh­ler ent­hält und umständ­lich for­mu­liert. Broem­ser hat sich auch hier für eine Kür­zung ent­schie­den, wobei die wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen erhal­ten blei­ben. Das Verb „ani­mer“ gibt er eben­so wie Har­de­kopf mit „ansta­cheln“ wie­der, was Mon­sieur de Nemours als Mann daste­hen lässt, der auf Erobe­run­gen aus ist – ein Ruf, den er am Hof hat­te, bevor er Madame de Clè­ves traf. Hans­manns Über­set­zung „anfeu­ern“ geht in die glei­che Rich­tung. Alle drei geben „rebu­ter“ pas­send dazu mit „abschre­cken“ wie­der. Har­de­kopf baut sogar noch ein „immer wie­der“ und ein „immer von Neu­em“ ein. In den bei­den ande­ren deut­schen Fas­sun­gen erscheint Nemours eher als treu­er Lie­ben­der. Mit „Treue“ über­set­zen Hess und Hess das fran­zö­si­sche „con­s­tance“ (das alle ande­ren wört­lich mit „Bestän­dig­keit“ wiedergeben).

Wel­che Über­set­zung sol­len des Fran­zö­si­schen nicht mäch­ti­ge nun lesen? Von den bei­den ältes­ten ist abzu­ra­ten. Hans­mann macht diver­se Feh­ler und sein Text wirkt heu­te eben­so wie der von Broem­ser alt­mo­disch. Die 2011 über­ar­bei­te­te Über­set­zung von Har­de­kopf ist mit 19,95 € die teu­ers­te (und bie­tet die aus­führ­lichs­ten Anmer­kun­gen, die dabei hel­fen, sich unter all den his­to­ri­schen Per­so­nen zurecht­zu­fin­den). Die Fas­sun­gen von Kirch­ner oder Hess und Hess sind aber genau­so gut les­bar. Da alle drei bereits ein wenig in die Jah­re gekom­men sind und eini­ge Stel­len ent­hal­ten, die nicht ganz opti­mal gelöst sind, wür­de sich auch eine Neu­über­set­zung des Klas­si­kers loh­nen. Die Beschrei­bung der Gemüts­zu­stän­de der Figu­ren ist heu­te noch eben­so fes­selnd wie vor fast 350 Jah­ren. Auch Tratsch und Heu­che­lei sind zeit­lo­se Themen.


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