Herzlichen Glückwunsch, Herr Wichner, und vielen Dank für Ihr großes Engagement für die rumänische Literatur. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? Gibt es eine Autorin oder einen Autor, die bzw. der Ihre Übersetzerlaufbahn besonders geprägt hat?
Diese Auszeichnung zeigt mir, dass die Aufmerksamkeit der Berufskolleginnen und Kollegen – er wird ja im Auftrag des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke verliehen – auch einer der ‚kleineren‘ Literaturen gilt, was erfreulich und für den Verband ehrenhaft ist. Mich persönlich hat es gefreut, dass Claudia Sinnig, deren übersetzerische Leistungen ich schon seit langem sehr schätze, mir diesen Preis weitergereicht hat. Andererseits muss er für mich Ansporn sein, besser zu werden, künftig besser zu scheitern. Denn bei aller Freude über eine solche Anerkennung, entsteht in meinem Kopf stets zugleich so eine Art Selbsttadel, der Verdacht, eine solche Würdigung nicht wirklich verdient zu haben und die Scheu, eines der übersetzten Bücher aufzuschlagen. Schließlich riskiert man dabei, unausweichlich mit dem eigenen Ungenügen konfrontiert zu werden. Das ist ganz gewiss nicht kokett dahergesagt. Ich erlebe es oft bei Lesungen aus den von mir übersetzten Büchern, dass ich plötzlich über Textstellen stolpere und merke, dass ich diesen Stolperstein hier eingebaut habe, indem ich leider nur die zweit- oder drittbeste Möglichkeit, diesen Satz zu übersetzen, gewählt habe.
Besonders geprägt, ja zum Übersetzen geführt hat mich M. Blecher, der rumänisch-jüdische Schriftsteller, dessen drei Prosabücher ich übersetzt und von dem ich sehr viel gelernt habe über mich, mein Verhältnis zur rumänischen Literatur und über die Dringlichkeit, mit der manche Werke und Autoren ins Deutsche hinein vermittelt werden müssen.
Sie sind auch als Lyriker, Kulturvermittler und Herausgeber – u.a. von Oskar Pastiors Werk – bekannt. Wie haben Sie diese unterschiedlichen Aufgaben über die Jahre hinweg miteinander verbunden? Welchen Stellenwert nimmt dabei das Übersetzen ein: Ist es die Prinzessin oder eher das Aschenputtel der Literatur?
Ich habe diese ‚unterschiedlichen Aufgaben‘ überhaupt nicht miteinander verbunden, ich glaube, by doing haben die Tätigkeiten sich miteinander verbunden. Für mich gibt es darin keine hierarchischen Abstufungen oder persönlichen Präferenzen, all dies ist Arbeit an und in der Literatur, an und in mir selbst, getragen von Neugierde und der affirmativen oder polemischen geistigen Kohabitation mit dem Text von jemand anderem oder eben mir selbst, der ich mir mitunter fremder vorkomme als der Ton und das Temperament eines Buches, das ich soeben übersetze.
Der Lyriker Yevgeniy Breyger sagte in einem Interview: „Generell kann ich mich oft darauf verlassen, dass rumänische Literatur in der deutschen Übersetzung von Ernest Wichner mir gefällt.“ Ihre Übersetzungen gelten also nicht nur als sorgfältige Arbeit am Text, sondern auch als literarisches Qualitätssiegel. Entscheiden Sie sich für ein Buch – oder entscheidet das Buch sich für Sie?
Hier gilt beides, und manchmal sogar zugleich. Bei einem mir bis dato unbekannten Buch und Autor/Autorin entscheidet eher meine Neugierde zu sehen, was sich hinter den 5–10 Seiten, die ich mit Interesse gelesen habe, noch alles Überraschende verbergen mag. Aber meine Liste dessen, was ich an längst vorhandener Literatur gerne noch übersetzen möchte, ist so lang, dass ich mindestens noch ein Leben bräuchte, das Wichtigste davon abzuarbeiten. Denn in gewisser Weise ist Übersetzen ja auch bloß eine sehr genaue Lektüre, die man sich nicht entgehen lassen will. So habe ich angefangen, Gedichte von Nichita Stǎnescu zu übersetzen, vor allem die 11 Elegien, die es von Dieter Schlesak schon in zwei Übersetzungsvarianten gab, die ich nicht einmal auf Deutsch verstehen konnte. Also habe ich sie mir selber übersetzt.
Aber es gibt hier auch die Fälle (zwar nicht gerade häufig), in denen ein Verlag anfragt, ob man Zeit und Lust hätte, dieses oder jenes Buch zu übersetzen. Und manchmal kann man auch auf diese Weise etwas Neues entdecken.
Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Sprache – sowohl zur deutschen als auch zur rumänischen – durch das Übersetzen im Laufe der Jahre verändert?
Ich weiß nicht so recht, ob ich das beschreibend rekonstruieren kann. Denn bei jedem Übersetzungsvorgang geschehen an diesen Stellen Veränderungen, mal mikroskopischer Natur und mal eher merklicher Art. Aber welche halten in welcher Weise an, wachsen fest im inneren Register? Wie dynamisch sind solche Veränderungen und wie lang- oder kurzlebig? Ich weiß es nicht so recht. Mitunter denke ich, ich habe soeben etwas entdeckt, um dann nach einer Weile zu merken, dass ich dies schon als Gymnasiast gekannt habe. Aber was, wenn die Erinnerung einem dies nur vorgaukelt? Weil irgendwo in einer besonders eingekringelten Hirnwindung ein größenwahnsinniger Dibbuk sitzt, der immer schon alles gewusst haben will.
Gab es beim Übersetzen schon einmal Sätze, Bilder oder sprachliche Eigenheiten, die Sie an Ihre Grenzen gebracht haben – Passagen, bei denen Sie dachten: „Wie soll ich das nur ins Deutsche bringen?“ Wie gehen Sie in solchen Momenten vor? Gibt es Strategien, mit denen Sie solche sprachlichen Klippen umschiffen – oder sind es gerade diese Herausforderungen, die den Reiz der Übersetzung ausmachen?
Diese Herausforderungen gibt es, und in der Regel wird genau an solchen Stellen der ‚Werkzeugkasten‘ eingesetzt, den jeder Übersetzer, jede Übersetzerin sich im Laufe ihres Berufslebens zugelegt hat. Analysieren, zerlegen, neu zusammensetzen. Wie in der Kindheit die kaputten Wecker, mit denen man Reparatur spielen durfte, und bei denen immer, wenn sie wieder zusammengebaut waren, etwas übrigblieb. Dieses dann übrigbleibende Texträdchen ist dann der ästhetische Mehrwert. So, das dürfen Sie jetzt nach Lust und Laune für sich selbst übersetzen.
Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Literatur aus kleineren Sprachräumen – wie dem rumänischen – auf dem deutschsprachigen Markt wahrgenommen wird?
Wache Leser braucht es für alle Literatur, und erst recht für die aus kleineren Sprachen. Es braucht mutige und neugierige Verlage und dazu eine wache Literaturkritik – und eine erhebliche Portion Glück.
Verraten Sie uns zum Schluss, woran Sie gerade arbeiten – und wie es läuft? (Bogdan Crețu hat seine Begeisterung ja bereits mit seinen Followern auf Facebook geteilt …)
Bogdan Crețus Roman ‚Weniger als die Liebe‘ ist erst im nächsten Jahr dran, jetzt übersetze ich gerade Daniela Rațius Roman ‚Das Ende der Welt ist ein Zug‘, in dem es um eine entsetzliche Hungersnot in den Jahren 1946 und 1947 in Moldawien und in der rumänischen Moldau geht, weil die Russen dort alles beschlagnahmt und geplündert haben, so dass Menschen verhungert sind und es sogar zu Kannibalismus gekommen ist. Ein schreckliches Buch, nein, ein wahrscheinlich notwendiges Buch, das von schrecklichen Dingen erzählt. Davor habe ich und danach werde ich an einer Auswahl aus dem lyrischen Werk von Mircea Cǎrtǎrescu und an einer Auswahl aus dem lyrischen Werk von Nichita Stǎnescu arbeiten.
