„Es braucht muti­ge und neu­gie­ri­ge Verlage“

Am 28. Juni 2025 wurde der Hieronymusring, eine undotierte Auszeichnung für besondere Leistungen in der literarischen Übersetzung, im Rahmen der VdÜ-Jahrestagung an Ernest Wichner überreicht. Welche Bedeutung diese Auszeichnung hat, berichtet er im Interview. Interview:

Ernest Wichner in Wolfenbüttel. Foto: Alexandra Jordan

Herz­li­chen Glück­wunsch, Herr Wich­ner, und vie­len Dank für Ihr gro­ßes Enga­ge­ment für die rumä­ni­sche Lite­ra­tur. Was bedeu­tet Ihnen die­se Aus­zeich­nung? Gibt es eine Autorin oder einen Autor, die bzw. der Ihre Über­set­zer­lauf­bahn beson­ders geprägt hat?

Die­se Aus­zeich­nung zeigt mir, dass die Auf­merk­sam­keit der Berufs­kol­le­gin­nen und Kol­le­gen – er wird ja im Auf­trag des Ver­bands deutsch­spra­chi­ger Übersetzer/innen lite­ra­ri­scher und wis­sen­schaft­li­cher Wer­ke ver­lie­hen – auch einer der ‚klei­ne­ren‘ Lite­ra­tu­ren gilt, was erfreu­lich und für den Ver­band ehren­haft ist. Mich per­sön­lich hat es gefreut, dass Clau­dia Sin­nig, deren über­set­ze­ri­sche Leis­tun­gen ich schon seit lan­gem sehr schät­ze, mir die­sen Preis wei­ter­ge­reicht hat. Ande­rer­seits muss er für mich Ansporn sein, bes­ser zu wer­den, künf­tig bes­ser zu schei­tern. Denn bei aller Freu­de über eine sol­che Aner­ken­nung, ent­steht in mei­nem Kopf stets zugleich so eine Art Selbst­ta­del, der Ver­dacht, eine sol­che Wür­di­gung nicht wirk­lich ver­dient zu haben und die Scheu, eines der über­setz­ten Bücher auf­zu­schla­gen. Schließ­lich ris­kiert man dabei, unaus­weich­lich mit dem eige­nen Unge­nü­gen kon­fron­tiert zu wer­den. Das ist ganz gewiss nicht kokett daher­ge­sagt. Ich erle­be es oft bei Lesun­gen aus den von mir über­setz­ten Büchern, dass ich plötz­lich über Text­stel­len stol­pe­re und mer­ke, dass ich die­sen Stol­per­stein hier ein­ge­baut habe, indem ich lei­der nur die zweit- oder dritt­bes­te Mög­lich­keit, die­sen Satz zu über­set­zen, gewählt habe.

Beson­ders geprägt, ja zum Über­set­zen geführt hat mich M. Ble­cher, der rumä­nisch-jüdi­sche Schrift­stel­ler, des­sen drei Pro­sa­bü­cher ich über­setzt und von dem ich sehr viel gelernt habe über mich, mein Ver­hält­nis zur rumä­ni­schen Lite­ra­tur und über die Dring­lich­keit, mit der man­che Wer­ke und Autoren ins Deut­sche hin­ein ver­mit­telt wer­den müssen.

Sie sind auch als Lyri­ker, Kul­tur­ver­mitt­ler und Her­aus­ge­ber – u.a. von Oskar Pas­ti­ors Werk – bekannt. Wie haben Sie die­se unter­schied­li­chen Auf­ga­ben über die Jah­re hin­weg mit­ein­an­der ver­bun­den? Wel­chen Stel­len­wert nimmt dabei das Über­set­zen ein: Ist es die Prin­zes­sin oder eher das Aschen­put­tel der Literatur?

Ich habe die­se ‚unter­schied­li­chen Auf­ga­ben‘ über­haupt nicht mit­ein­an­der ver­bun­den, ich glau­be, by doing haben die Tätig­kei­ten sich mit­ein­an­der ver­bun­den. Für mich gibt es dar­in kei­ne hier­ar­chi­schen Abstu­fun­gen oder per­sön­li­chen Prä­fe­ren­zen, all dies ist Arbeit an und in der Lite­ra­tur, an und in mir selbst, getra­gen von Neu­gier­de und der affir­ma­ti­ven oder pole­mi­schen geis­ti­gen Koha­bi­ta­ti­on mit dem Text von jemand ande­rem oder eben mir selbst, der ich mir mit­un­ter frem­der vor­kom­me als der Ton und das Tem­pe­ra­ment eines Buches, das ich soeben übersetze.

Der Lyri­ker Yev­ge­niy Brey­ger sag­te in einem Inter­view: „Gene­rell kann ich mich oft dar­auf ver­las­sen, dass rumä­ni­sche Lite­ra­tur in der deut­schen Über­set­zung von Ernest Wich­ner mir gefällt.“ Ihre Über­set­zun­gen gel­ten also nicht nur als sorg­fäl­ti­ge Arbeit am Text, son­dern auch als lite­ra­ri­sches Qua­li­täts­sie­gel. Ent­schei­den Sie sich für ein Buch – oder ent­schei­det das Buch sich für Sie?

Hier gilt bei­des, und manch­mal sogar zugleich. Bei einem mir bis dato unbe­kann­ten Buch und Autor/Autorin ent­schei­det eher mei­ne Neu­gier­de zu sehen, was sich hin­ter den 5–10 Sei­ten, die ich mit Inter­es­se gele­sen habe, noch alles Über­ra­schen­de ver­ber­gen mag. Aber mei­ne Lis­te des­sen, was ich an längst vor­han­de­ner Lite­ra­tur ger­ne noch über­set­zen möch­te, ist so lang, dass ich min­des­tens noch ein Leben bräuch­te, das Wich­tigs­te davon abzu­ar­bei­ten. Denn in gewis­ser Wei­se ist Über­set­zen ja auch bloß eine sehr genaue Lek­tü­re, die man sich nicht ent­ge­hen las­sen will. So habe ich ange­fan­gen, Gedich­te von Nichi­ta Stǎ­nes­cu zu über­set­zen, vor allem die 11 Ele­gi­en, die es von Die­ter Schle­sak schon in zwei Über­set­zungs­va­ri­an­ten gab, die ich nicht ein­mal auf Deutsch ver­ste­hen konn­te. Also habe ich sie mir sel­ber übersetzt.

Aber es gibt hier auch die Fäl­le (zwar nicht gera­de häu­fig), in denen ein Ver­lag anfragt, ob man Zeit und Lust hät­te, die­ses oder jenes Buch zu über­set­zen. Und manch­mal kann man auch auf die­se Wei­se etwas Neu­es entdecken.

Wie hat sich Ihr Ver­hält­nis zur Spra­che – sowohl zur deut­schen als auch zur rumä­ni­schen – durch das Über­set­zen im Lau­fe der Jah­re verändert?

Ich weiß nicht so recht, ob ich das beschrei­bend rekon­stru­ie­ren kann. Denn bei jedem Über­set­zungs­vor­gang gesche­hen an die­sen Stel­len Ver­än­de­run­gen, mal mikro­sko­pi­scher Natur und mal eher merk­li­cher Art. Aber wel­che hal­ten in wel­cher Wei­se an, wach­sen fest im inne­ren Regis­ter? Wie dyna­misch sind sol­che Ver­än­de­run­gen und wie lang- oder kurz­le­big? Ich weiß es nicht so recht. Mit­un­ter den­ke ich, ich habe soeben etwas ent­deckt, um dann nach einer Wei­le zu mer­ken, dass ich dies schon als Gym­na­si­ast gekannt habe. Aber was, wenn die Erin­ne­rung einem dies nur vor­gau­kelt? Weil irgend­wo in einer beson­ders ein­ge­krin­gel­ten Hirn­win­dung ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Dibbuk sitzt, der immer schon alles gewusst haben will.

Gab es beim Über­set­zen schon ein­mal Sät­ze, Bil­der oder sprach­li­che Eigen­hei­ten, die Sie an Ihre Gren­zen gebracht haben – Pas­sa­gen, bei denen Sie dach­ten: „Wie soll ich das nur ins Deut­sche brin­gen?“ Wie gehen Sie in sol­chen Momen­ten vor? Gibt es Stra­te­gien, mit denen Sie sol­che sprach­li­chen Klip­pen umschif­fen – oder sind es gera­de die­se Her­aus­for­de­run­gen, die den Reiz der Über­set­zung ausmachen?

Die­se Her­aus­for­de­run­gen gibt es, und in der Regel wird genau an sol­chen Stel­len der ‚Werk­zeug­kas­ten‘ ein­ge­setzt, den jeder Über­set­zer, jede Über­set­ze­rin sich im Lau­fe ihres Berufs­le­bens zuge­legt hat. Ana­ly­sie­ren, zer­le­gen, neu zusam­men­set­zen. Wie in der Kind­heit die kaput­ten Wecker, mit denen man Repa­ra­tur spie­len durf­te, und bei denen immer, wenn sie wie­der zusam­men­ge­baut waren, etwas übrig­blieb. Die­ses dann übrig­blei­ben­de Text­räd­chen ist dann der ästhe­ti­sche Mehr­wert. So, das dür­fen Sie jetzt nach Lust und Lau­ne für sich selbst übersetzen.

Was braucht es Ihrer Mei­nung nach, damit Lite­ra­tur aus klei­ne­ren Sprach­räu­men – wie dem rumä­ni­schen – auf dem deutsch­spra­chi­gen Markt wahr­ge­nom­men wird?

Wache Leser braucht es für alle Lite­ra­tur, und erst recht für die aus klei­ne­ren Spra­chen. Es braucht muti­ge und neu­gie­ri­ge Ver­la­ge und dazu eine wache Lite­ra­tur­kri­tik – und eine erheb­li­che Por­ti­on Glück.

Ver­ra­ten Sie uns zum Schluss, wor­an Sie gera­de arbei­ten – und wie es läuft? (Bog­dan Crețu hat sei­ne Begeis­te­rung ja bereits mit sei­nen Fol­lo­wern auf Face­book geteilt …)

Bog­dan Crețus Roman ‚Weni­ger als die Lie­be‘ ist erst im nächs­ten Jahr dran, jetzt über­set­ze ich gera­de Danie­la Rați­us Roman ‚Das Ende der Welt ist ein Zug‘, in dem es um eine ent­setz­li­che Hun­gers­not in den Jah­ren 1946 und 1947 in Mol­da­wi­en und in der rumä­ni­schen Mol­dau geht, weil die Rus­sen dort alles beschlag­nahmt und geplün­dert haben, so dass Men­schen ver­hun­gert sind und es sogar zu Kan­ni­ba­lis­mus gekom­men ist. Ein schreck­li­ches Buch, nein, ein wahr­schein­lich not­wen­di­ges Buch, das von schreck­li­chen Din­gen erzählt. Davor habe ich und danach wer­de ich an einer Aus­wahl aus dem lyri­schen Werk von Mir­cea Cǎr­tǎ­res­cu und an einer Aus­wahl aus dem lyri­schen Werk von Nichi­ta Stǎ­nes­cu arbeiten.

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