Gro­ße klei­ne Spra­che Kroatisch

Kroatien ist zwar ein kleines Land, aber knüpft in literarischer Hinsicht an große europäische Traditionen an. Von

Bild eines kroatischen Künstlers auf dem schemenhaft Menschen vor beigem Hintergrund zu sehen sind
Josip Račić - Kavana na bulevaru (2016) Quelle: WikiCommons

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.


Wie haben Sie Kroa­tisch gelernt?

Kroa­tisch ist mei­ne Mut­ter­spra­che, des­halb stellt sich eher die Fra­ge, wie ich Deutsch gelernt habe. Ich bin in Split gebo­ren, stu­diert habe ich Ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft in Belgrad/Serbien. Mei­ne Fremd­spra­chen waren Eng­lisch, Latein, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch, spä­ter habe ich an der Uni Müns­ter noch Rus­sisch gelernt. Deutsch sprach ich nicht, auch wenn ich wäh­rend des Stu­di­ums eini­ge wich­ti­ge Wer­ke der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur las – wir waren auf Über­set­zun­gen ange­wie­sen. Immer noch betrach­te ich die Behaup­tung, dass man ein Buch nur im Ori­gi­nal lesen soll­te, als Snobismus.

Wir stu­dier­ten ent­lang eines Kanons, von dem ich noch heu­te pro­fi­tie­re, auch wenn er wie jeder Kanon vol­ler Lücken war. Ohne Über­set­zun­gen wäre ein Ein­blick in die Lite­ra­tur­ge­schich­te in ihrer Ent­wick­lung von der Anti­ke über Mit­tel­al­ter, Huma­nis­mus und Renais­sance, Barock, Klas­sik, Roman­tik usw. bis zur Post­mo­der­ne nicht mög­lich gewe­sen. Ich erwäh­ne das des­halb, weil eine Lite­ra­tur­über­set­ze­rin viel mehr kön­nen muss, als eine Spra­che gut zu beherrschen.

1987 kam ich nach Müns­ter, wo ich mei­ne ers­te Arbeits­stel­le aus­ge­rech­net in der Ger­ma­nis­tik bekam – obwohl ich gera­de erst anfing, Deutsch zu ler­nen. Die Stel­le hat­te mir Frau Prof. Dr. Lea Rit­ter-San­ti­ni ange­bo­ten, bei der ich ein Semi­nar besucht hat­te. Sie war gebür­ti­ge Ita­lie­ne­rin und damals die ein­zi­ge Kom­pa­ra­tis­tin an der Uni Müns­ter. Es gefiel ihr, dass ich nach mei­ner Bel­gra­der Zeit ein Jahr lang mit einem Sti­pen­di­um in Rom ita­lie­ni­sche Gegen­warts­li­te­ra­tur stu­diert hat­te. Ich habe weder zuvor noch in Müns­ter Deutsch­kur­se besucht und muss­te sofort funk­tio­nie­ren, ich ver­mu­te, dass ich not­ge­drun­gen in den Modus eines Kin­des umge­schal­tet und ein­fach die Spra­che auf­ge­so­gen habe, ohne viel nach­zu­den­ken. Um mich für die Pro­mo­ti­on anmel­den zu kön­nen, muss­te ich aber noch eini­ge Stu­di­en­leis­tun­gen erbrin­gen, und so stu­dier­te ich, ohne die Spra­che rich­tig zu beherr­schen. Ich lern­te sie an der Uni, wo ich auch Alt- und Mit­tel­hoch­deutsch beleg­te und Vor­le­sun­gen über die deut­schen Kom­po­si­ta hör­te, aus Büchern, die ich bereits durch Über­set­zun­gen kann­te, aus dem Fern­se­hen, dem Thea­ter, dem Kino, von der Stra­ße, von über­all her.

Wie sieht die kroa­ti­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Die kroa­ti­sche Lite­ra­tur­sze­ne ist sehr leben­dig, stark inter­na­tio­nal ori­en­tiert und immer für eine ori­gi­nel­le und krea­ti­ve Über­ra­schung gut, wie etwa für Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen vor den wun­der­schö­nen Küs­ten­pan­ora­men und in ande­rem male­ri­schem Ambi­en­te. Außer­dem gibt es Lite­ra­tur­fes­ti­vals, die gesel­lig und lus­tig wie Schul­aus­flü­ge sind und bei denen man gemein­sam kocht oder spon­tan zu einer ent­le­ge­nen Insel auf­bricht. Bei den zahl­rei­chen Fes­ti­vals trifft man nicht nur die wich­tigs­ten Autor:innen aus Kroa­ti­en, son­dern auch aus dem gesam­ten Gebiet des ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­ens, da trotz des Zer­falls die­ses Lan­des vor 35 Jah­ren die kul­tu­rel­len Bezie­hun­gen immer noch inten­siv gepflegt werden. 

Es gibt meh­re­re – stets gut besuch­te – Buch­mes­sen, die schöns­te ist mei­nes Erach­tens jene in Pula in Istri­en, die für ihr ein­falls­reich kon­zi­pier­tes inter­na­tio­na­les Pro­gramm bekannt ist. Sie fin­det im Dezem­ber statt, wenn end­lich mal nicht so vie­le Tou­ris­ten in Istri­en wei­len. Die gan­ze Stadt ver­wan­delt sich dann in eine gut gelaun­te Gast­ge­be­rin. Mit die­ser Buch­mes­se ver­bin­de ich vie­le schö­ne Erin­ne­run­gen. Hier habe ich unter ande­ren Orhan Pamuk, Clau­dio Magris und Umber­to Eco ken­nen­ge­lernt. Auch bei Lite­ra­tur­fes­ti­vals wie dem Fes­ti­val svjet­ske književ­nos­ti (Fes­ti­val der Welt­li­te­ra­tur) oder beim Fes­ti­val europs­ke krat­ke priče (Fes­ti­val der euro­päi­schen Kurz­ge­schich­ten) sind jedes Jahr inter­na­tio­nal und regio­nal bekann­te Autor:innen anzutreffen.

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

Es gibt einen wich­ti­gen Autor der kroa­ti­schen Lite­ra­tur, von dem zwar meh­re­re Wer­ke ins Deut­sche über­setzt wur­den, der aber kaum gele­sen wird – sein Name ist Miros­lav Krleža. Zu jugo­sla­wi­schen Zei­ten erzähl­te man ger­ne den Witz, Ivo Andrić habe nur des­we­gen den Nobel­preis bekom­men, weil Miros­lav Krležas Nach­na­me unaus­sprech­bar wäre. Dabei ist es ganz ein­fach: Man muss nur die Fol­ge K‑R-L bewäl­ti­gen, und Ž wird wie das zwei­te G im Wort Gara­ge ausgesprochen.

Und was ist noch nicht übersetzt?

Im Jahr 2008 kura­tier­te ich zusam­men mit dem unga­ri­schen Autor Györ­gy Dalos den Auf­tritt Kroa­ti­ens als Gast­land der Leip­zi­ger Buch­mes­se. Wir hat­ten drei Jah­re zuvor ange­fan­gen, Neu­erschei­nun­gen vor­zu­be­rei­ten, dar­un­ter auch eine Aus­ga­be der Zeit­schrift Die Horen, in der ein Über­blick über zeit­ge­nös­si­sche kroa­ti­sche Lite­ra­tur erschie­nen ist: Fabu­la Rasa oder: Zagreb liegt am Meer/Die kroa­ti­sche Lite­ra­tur der letz­ten 25 Jah­re. Nur zwei Autorin­nen waren zu die­sem Zeit­punkt inter­na­tio­nal bekannt – Dubrav­ka Ugrešić und Slaven­ka Dra­ku­lić – und es gab ver­ein­zel­te Über­set­zun­gen eini­ger ande­rer Autoren:innen, aber ins­ge­samt war Kroa­ti­en ein lite­ra­risch unbe­kann­tes Land. Seit 2008 hat sich die Situa­ti­on deut­lich ver­bes­sert; den­noch sind vie­le Wer­ke immer noch nicht über­setzt. Von den zeit­ge­nös­si­schen Autor:innen möch­te ich gern Tea Tulić und Kris­ti­jan Novak her­vor­he­ben und von den bereits ver­stor­be­nen die in mei­nen Augen sehr wich­ti­gen Roma­ne Der ver­bor­ge­ne Gar­ten von Luko Pal­jet­ak, Der Kyklop von Ran­ko Marinko­vić und Die Dan­nun­zia­de von Vik­tor Car Emin.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Kroa­ti­schen? Wie gehst du damit um?

Kroa­ti­en befin­det sich an der Schnitt­stel­le ver­schie­de­ner Kul­tu­ren, wes­halb tra­di­tio­nell Inter­na­tio­na­li­tät und Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät prä­gen­de Eigen­schaf­ten der kroa­ti­schen Lite­ra­tur gewe­sen sind, die auch in der Spra­che selbst sicht­bar wer­den: Es gibt in dem klei­nen Land vie­le regio­na­le Unter­schie­de, die davon abhän­gig sind, ob dort die Öster­rei­cher, die Ungarn, die Tür­ken oder die Ita­lie­ner das Sagen hat­ten. Sol­che Regio­na­lis­men mit absor­bier­ten und häu­fig ver­ball­horn­ten Fremd­wör­tern oder Anspie­lun­gen auf die tur­bu­len­te Geschich­te des Lan­des ver­su­che ich ohne Fuß­no­ten und zusätz­li­che Erklä­run­gen so wie­der­zu­ge­ben, dass sie nach­ge­schla­gen wer­den kön­nen, aber nicht müssen.

In der kroa­ti­schen Lite­ra­tur wird zudem viel mit Dia­lek­ten und Sozio­lek­ten expe­ri­men­tiert, was der his­to­ri­schen, geo­gra­phi­schen und sozia­len Rea­li­tät ent­spricht. Das Land besteht größ­ten­teils aus Küs­ten­re­gio­nen mit 1.200 Inseln, von denen 40 noch bewohnt sind; an jedem Küs­ten­ab­schnitt und auf jeder Insel wird ein eige­ner Dia­lekt gepflegt, dazu kom­men ver­schie­de­ne Lan­des­tei­le, die his­to­risch zu ver­schie­de­nen poli­ti­schen und staat­li­chen Enti­tä­ten gehör­ten. In den letz­ten vier­zig Jah­ren hat es vie­le Wen­dun­gen gege­ben, eini­ge Kata­stro­phen, zahl­rei­che Umwäl­zun­gen und Auf­schwün­ge, und all das hat sich auch in die Spra­che ein­ge­schrie­ben – und vie­les davon kann man in einer Über­set­zung nur andeu­ten, aber nicht unbe­dingt wie­der­ge­ben. Für den Roman Der ach­te Beauf­trag­te von Rena­to Bare­tić habe ich mir für eine fik­ti­ve Insel einen Dia­lekt aus­den­ken müs­sen, was ein­fa­cher war, als die wah­ren Dia­lek­te zu über­set­zen, deren Klang­wir­kung und Sinn­lich­keit im Deut­schen lei­der meist ver­lo­ren gehen.

Was kann Kroa­tisch, was Deutsch nicht kann?

Kroa­tisch kann sehr gut Humor und Selbst­iro­nie. Gera­de Humor lässt sich nicht immer über­set­zen, da die Wir­kung von einem kaum zu über­tra­gen­den Kon­text abhän­gig ist. Meis­tens geht es um die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Zustän­de, denen in einem Land, in dem jeder jeden kennt, ein Hauch von Ver­traut­heit und Inti­mi­tät innewohnt.

Auf gram­ma­ti­ka­li­scher Ebe­ne kann Kroa­tisch das Geschlecht des Sub­jekts in einem Satz allein durch Ver­ben aus­drü­cken, ohne dass ein Pro­no­men oder ein Name not­wen­dig sind, was im Deut­schen nicht geht: Wenn ich sage: „Hoda­la sam uli­com“, dann muss ich kein Pro­no­men benut­zen, es ist sofort ersicht­lich, dass hier ein Ich spricht und dass die­ses Ich weib­lich ist. Das Par­ti­zip Per­fekt „hoda­la“ ver­rät es mit der Endung ‑la, was in der Über­set­zung ver­lo­ren geht. Das Par­ti­zip Per­fekt trägt in allen sla­wi­schen Spra­chen die mor­pho­lo­gi­schen Merk­ma­le von Genus und Nume­rus. Damit kann man spie­len, so hat etwa der Dich­ter Mar­ko Pogačar in einem Gedicht­zy­klus einen See spre­chen las­sen; der See ist im Kroa­ti­schen ein Neu­trum und dadurch ist ein Ver­frem­dungs­ef­fekt ent­stan­den, der lei­der unüber­setz­bar ist. Denn nor­ma­ler­wei­se kann ein Neu­trum im Kroa­ti­schen nicht über sich selbst spre­chen, das kön­nen nur Men­schen oder anthro­po­mor­phi­sier­te Tie­re und Gegen­stän­de, die in der kroa­ti­schen Spra­che ein männ­li­ches oder weib­li­ches Genus haben. Außer­dem lässt sich im Kroa­ti­schen mit­tels des Ver­ba­l­aspekts – unab­hän­gig vom Tem­pus – aus­drü­cken, ob eine Hand­lung bereits abge­schlos­sen ist oder noch andau­ert, ob sie ein­ma­lig, wie­der­holt, begon­nen oder voll­endet wur­de. Auch die­se Beson­der­heit, die für alle sla­wi­schen Spra­chen cha­rak­te­ris­tisch ist, stellt die Übersetzer:innen vor man­che Herausforderungen. 

Die kroa­ti­sche Spra­che wird nur von weni­gen Men­schen in der Welt gespro­chen. Den­noch ent­steht in die­ser Spra­che mei­ner Mei­nung nach eine span­nen­de und berei­chern­de Lite­ra­tur, die es ver­dient, in Über­set­zun­gen rezi­piert zu wer­den. Die his­to­ri­schen Stof­fe oder die Orte des Gesche­hens, die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen oder die Fami­li­en­ge­schich­ten, die in den älte­ren Wer­ken der kroa­ti­schen Autor:innen behan­delt wer­den, kön­nen einer­seits fremd und exo­tisch, ande­rer­seits doch ver­traut wir­ken, da sie an grö­ße­ren euro­päi­schen Tra­di­tio­nen anknüp­fen, etwa an den medi­ter­ra­nen oder an den mit­tel­eu­ro­päi­schen Kul­tur­kreis. Die zeit­ge­nös­si­schen Wer­ke ste­hen den deutsch­spra­chi­gen Leser:innen viel­leicht noch näher, da sich die Sor­gen und Nöte, Freu­den und Sehn­süch­te der Men­schen in unse­rer glo­ba­li­sier­ten Epo­che ähneln.



Ali­da Bremer

Ali­da Bre­mer, Dr. phil., gebo­ren 1959 in Split/Kroatien. Stu­di­um der Ver­glei­chen­den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Roma­nis­tik, Sla­wis­tik und Ger­ma­nis­tik in Belgrad/Serbien, Rom/Italien, Müns­ter und Saarbrücken/Deutschland. Pro­mo­ti­on im Fach Ver­glei­chen­de Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Saar­brü­cken. Freie Autorin und Über­set­ze­rin. Lebt in Münster.


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