Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie haben Sie Kroatisch gelernt?
Kroatisch ist meine Muttersprache, deshalb stellt sich eher die Frage, wie ich Deutsch gelernt habe. Ich bin in Split geboren, studiert habe ich Vergleichende Literaturwissenschaft in Belgrad/Serbien. Meine Fremdsprachen waren Englisch, Latein, Französisch und Italienisch, später habe ich an der Uni Münster noch Russisch gelernt. Deutsch sprach ich nicht, auch wenn ich während des Studiums einige wichtige Werke der deutschsprachigen Literatur las – wir waren auf Übersetzungen angewiesen. Immer noch betrachte ich die Behauptung, dass man ein Buch nur im Original lesen sollte, als Snobismus.
Wir studierten entlang eines Kanons, von dem ich noch heute profitiere, auch wenn er wie jeder Kanon voller Lücken war. Ohne Übersetzungen wäre ein Einblick in die Literaturgeschichte in ihrer Entwicklung von der Antike über Mittelalter, Humanismus und Renaissance, Barock, Klassik, Romantik usw. bis zur Postmoderne nicht möglich gewesen. Ich erwähne das deshalb, weil eine Literaturübersetzerin viel mehr können muss, als eine Sprache gut zu beherrschen.
1987 kam ich nach Münster, wo ich meine erste Arbeitsstelle ausgerechnet in der Germanistik bekam – obwohl ich gerade erst anfing, Deutsch zu lernen. Die Stelle hatte mir Frau Prof. Dr. Lea Ritter-Santini angeboten, bei der ich ein Seminar besucht hatte. Sie war gebürtige Italienerin und damals die einzige Komparatistin an der Uni Münster. Es gefiel ihr, dass ich nach meiner Belgrader Zeit ein Jahr lang mit einem Stipendium in Rom italienische Gegenwartsliteratur studiert hatte. Ich habe weder zuvor noch in Münster Deutschkurse besucht und musste sofort funktionieren, ich vermute, dass ich notgedrungen in den Modus eines Kindes umgeschaltet und einfach die Sprache aufgesogen habe, ohne viel nachzudenken. Um mich für die Promotion anmelden zu können, musste ich aber noch einige Studienleistungen erbringen, und so studierte ich, ohne die Sprache richtig zu beherrschen. Ich lernte sie an der Uni, wo ich auch Alt- und Mittelhochdeutsch belegte und Vorlesungen über die deutschen Komposita hörte, aus Büchern, die ich bereits durch Übersetzungen kannte, aus dem Fernsehen, dem Theater, dem Kino, von der Straße, von überall her.
Wie sieht die kroatische Literaturszene aus?
Die kroatische Literaturszene ist sehr lebendig, stark international orientiert und immer für eine originelle und kreative Überraschung gut, wie etwa für Literaturveranstaltungen vor den wunderschönen Küstenpanoramen und in anderem malerischem Ambiente. Außerdem gibt es Literaturfestivals, die gesellig und lustig wie Schulausflüge sind und bei denen man gemeinsam kocht oder spontan zu einer entlegenen Insel aufbricht. Bei den zahlreichen Festivals trifft man nicht nur die wichtigsten Autor:innen aus Kroatien, sondern auch aus dem gesamten Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, da trotz des Zerfalls dieses Landes vor 35 Jahren die kulturellen Beziehungen immer noch intensiv gepflegt werden.
Es gibt mehrere – stets gut besuchte – Buchmessen, die schönste ist meines Erachtens jene in Pula in Istrien, die für ihr einfallsreich konzipiertes internationales Programm bekannt ist. Sie findet im Dezember statt, wenn endlich mal nicht so viele Touristen in Istrien weilen. Die ganze Stadt verwandelt sich dann in eine gut gelaunte Gastgeberin. Mit dieser Buchmesse verbinde ich viele schöne Erinnerungen. Hier habe ich unter anderen Orhan Pamuk, Claudio Magris und Umberto Eco kennengelernt. Auch bei Literaturfestivals wie dem Festival svjetske književnosti (Festival der Weltliteratur) oder beim Festival europske kratke priče (Festival der europäischen Kurzgeschichten) sind jedes Jahr international und regional bekannte Autor:innen anzutreffen.
Was sollte man unbedingt gelesen haben?
Es gibt einen wichtigen Autor der kroatischen Literatur, von dem zwar mehrere Werke ins Deutsche übersetzt wurden, der aber kaum gelesen wird – sein Name ist Miroslav Krleža. Zu jugoslawischen Zeiten erzählte man gerne den Witz, Ivo Andrić habe nur deswegen den Nobelpreis bekommen, weil Miroslav Krležas Nachname unaussprechbar wäre. Dabei ist es ganz einfach: Man muss nur die Folge K‑R-L bewältigen, und Ž wird wie das zweite G im Wort Garage ausgesprochen.
Und was ist noch nicht übersetzt?
Im Jahr 2008 kuratierte ich zusammen mit dem ungarischen Autor György Dalos den Auftritt Kroatiens als Gastland der Leipziger Buchmesse. Wir hatten drei Jahre zuvor angefangen, Neuerscheinungen vorzubereiten, darunter auch eine Ausgabe der Zeitschrift Die Horen, in der ein Überblick über zeitgenössische kroatische Literatur erschienen ist: Fabula Rasa oder: Zagreb liegt am Meer/Die kroatische Literatur der letzten 25 Jahre. Nur zwei Autorinnen waren zu diesem Zeitpunkt international bekannt – Dubravka Ugrešić und Slavenka Drakulić – und es gab vereinzelte Übersetzungen einiger anderer Autoren:innen, aber insgesamt war Kroatien ein literarisch unbekanntes Land. Seit 2008 hat sich die Situation deutlich verbessert; dennoch sind viele Werke immer noch nicht übersetzt. Von den zeitgenössischen Autor:innen möchte ich gern Tea Tulić und Kristijan Novak hervorheben und von den bereits verstorbenen die in meinen Augen sehr wichtigen Romane Der verborgene Garten von Luko Paljetak, Der Kyklop von Ranko Marinković und Die Dannunziade von Viktor Car Emin.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Kroatischen? Wie gehst du damit um?
Kroatien befindet sich an der Schnittstelle verschiedener Kulturen, weshalb traditionell Internationalität und Multikulturalität prägende Eigenschaften der kroatischen Literatur gewesen sind, die auch in der Sprache selbst sichtbar werden: Es gibt in dem kleinen Land viele regionale Unterschiede, die davon abhängig sind, ob dort die Österreicher, die Ungarn, die Türken oder die Italiener das Sagen hatten. Solche Regionalismen mit absorbierten und häufig verballhornten Fremdwörtern oder Anspielungen auf die turbulente Geschichte des Landes versuche ich ohne Fußnoten und zusätzliche Erklärungen so wiederzugeben, dass sie nachgeschlagen werden können, aber nicht müssen.
In der kroatischen Literatur wird zudem viel mit Dialekten und Soziolekten experimentiert, was der historischen, geographischen und sozialen Realität entspricht. Das Land besteht größtenteils aus Küstenregionen mit 1.200 Inseln, von denen 40 noch bewohnt sind; an jedem Küstenabschnitt und auf jeder Insel wird ein eigener Dialekt gepflegt, dazu kommen verschiedene Landesteile, die historisch zu verschiedenen politischen und staatlichen Entitäten gehörten. In den letzten vierzig Jahren hat es viele Wendungen gegeben, einige Katastrophen, zahlreiche Umwälzungen und Aufschwünge, und all das hat sich auch in die Sprache eingeschrieben – und vieles davon kann man in einer Übersetzung nur andeuten, aber nicht unbedingt wiedergeben. Für den Roman Der achte Beauftragte von Renato Baretić habe ich mir für eine fiktive Insel einen Dialekt ausdenken müssen, was einfacher war, als die wahren Dialekte zu übersetzen, deren Klangwirkung und Sinnlichkeit im Deutschen leider meist verloren gehen.
Was kann Kroatisch, was Deutsch nicht kann?
Kroatisch kann sehr gut Humor und Selbstironie. Gerade Humor lässt sich nicht immer übersetzen, da die Wirkung von einem kaum zu übertragenden Kontext abhängig ist. Meistens geht es um die politischen und gesellschaftlichen Zustände, denen in einem Land, in dem jeder jeden kennt, ein Hauch von Vertrautheit und Intimität innewohnt.
Auf grammatikalischer Ebene kann Kroatisch das Geschlecht des Subjekts in einem Satz allein durch Verben ausdrücken, ohne dass ein Pronomen oder ein Name notwendig sind, was im Deutschen nicht geht: Wenn ich sage: „Hodala sam ulicom“, dann muss ich kein Pronomen benutzen, es ist sofort ersichtlich, dass hier ein Ich spricht und dass dieses Ich weiblich ist. Das Partizip Perfekt „hodala“ verrät es mit der Endung ‑la, was in der Übersetzung verloren geht. Das Partizip Perfekt trägt in allen slawischen Sprachen die morphologischen Merkmale von Genus und Numerus. Damit kann man spielen, so hat etwa der Dichter Marko Pogačar in einem Gedichtzyklus einen See sprechen lassen; der See ist im Kroatischen ein Neutrum und dadurch ist ein Verfremdungseffekt entstanden, der leider unübersetzbar ist. Denn normalerweise kann ein Neutrum im Kroatischen nicht über sich selbst sprechen, das können nur Menschen oder anthropomorphisierte Tiere und Gegenstände, die in der kroatischen Sprache ein männliches oder weibliches Genus haben. Außerdem lässt sich im Kroatischen mittels des Verbalaspekts – unabhängig vom Tempus – ausdrücken, ob eine Handlung bereits abgeschlossen ist oder noch andauert, ob sie einmalig, wiederholt, begonnen oder vollendet wurde. Auch diese Besonderheit, die für alle slawischen Sprachen charakteristisch ist, stellt die Übersetzer:innen vor manche Herausforderungen.
Die kroatische Sprache wird nur von wenigen Menschen in der Welt gesprochen. Dennoch entsteht in dieser Sprache meiner Meinung nach eine spannende und bereichernde Literatur, die es verdient, in Übersetzungen rezipiert zu werden. Die historischen Stoffe oder die Orte des Geschehens, die zwischenmenschlichen Beziehungen oder die Familiengeschichten, die in den älteren Werken der kroatischen Autor:innen behandelt werden, können einerseits fremd und exotisch, andererseits doch vertraut wirken, da sie an größeren europäischen Traditionen anknüpfen, etwa an den mediterranen oder an den mitteleuropäischen Kulturkreis. Die zeitgenössischen Werke stehen den deutschsprachigen Leser:innen vielleicht noch näher, da sich die Sorgen und Nöte, Freuden und Sehnsüchte der Menschen in unserer globalisierten Epoche ähneln.

Alida Bremer
Alida Bremer, Dr. phil., geboren 1959 in Split/Kroatien. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad/Serbien, Rom/Italien, Münster und Saarbrücken/Deutschland. Promotion im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Saarbrücken. Freie Autorin und Übersetzerin. Lebt in Münster.
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