„Über­set­zen ist die bes­te Art, einen lite­ra­ri­schen Text zu lesen“

Die Frankfurter Buchmesse rückt 2025 die Philippinen als Ehrengast in den Fokus. Der philippinische Autor und Übersetzer Kristian Sendon Cordero reflektiert im Gespräch über Sichtbarkeit, die Bikol-Sprache und die Kunst des Übersetzens. Interview:

Kristian Cordero / Autor und Übersetzer / Author and translator, Photo courtesy of Philippines Guest of Honour Frankfurt Book Fair 2025
Kristian Cordero / Autor und Übersetzer. Photo courtesy of Philippines Guest of Honour Frankfurt Book Fair 2025

The Eng­lish ori­gi­nal of this inter­view is available here.

Sie über­set­zen Wer­ke von Autoren wie Ril­ke, Kaf­ka, Bor­ges und Wil­de ins Bikol und Fili­pi­no. Was reizt Sie per­sön­lich an der Über­set­zung die­ser klas­si­schen, west­li­chen Stim­men in eine phil­ip­pi­ni­sche Sprache?

Die Tren­nung zwi­schen dem Wes­ten und dem Rest der Welt scheint mir eine pro­ble­ma­ti­sche Sicht­wei­se auf die Welt­ord­nung zu sein. Ich möch­te ins­be­son­de­re mei­nen Stand­punkt erläu­tern, wenn Sie Ril­ke, Kaf­ka, Wil­de und Bor­ges als „klas­si­sche west­li­che“ Stim­men bezeich­nen. Gibt es über­haupt „öst­li­che Stim­men“? Bin ich ein öst­li­cher Schrift­stel­ler? Ist die­se Unter­schei­dung zwi­schen Ost und West ver­gleich­bar mit dem Dis­kurs über den Glo­ba­len Nor­den und den Glo­ba­len Süden, den wir heu­te so oft hören? Über die­se Art der binä­ren Welt­sicht lie­ße sich end­los diskutieren.

Doch las­sen Sie mich kurz abschwei­fen: Zum ers­ten Mal begeg­ne­te mir die­se Art der Tei­lung im Geschichts­un­ter­richt, als wir von der päpst­li­chen Bul­le erfuh­ren, die Alex­an­der VI. im Jahr 1493 erließ. Sie teil­te die Welt in ähn­li­cher Wei­se in zwei Hälf­ten: in die, die Por­tu­gal gehö­ren soll­te, und in die, die Spa­ni­en zuge­spro­chen wur­de. Ich erin­ne­re mich, wie unser Leh­rer ver­such­te zu erklä­ren, dass die­se Bul­le – die wie ein gött­li­ches Man­dat erschien – das Schick­sal der Phil­ip­pi­nen besie­gel­te, „recht­mä­ßig“ zu Spa­ni­en zu gehö­ren. Sind wir damit Teil des Wes­tens gewor­den? Oder bedurf­te es erst eines wei­te­ren Kolo­ni­sa­tors, eines wei­te­ren Impe­ri­ums, das uns – sei­ne „klei­nen brau­nen Brü­der“ – mit dem ame­ri­ka­ni­schen Lebens­stil falsch erzieht, um uns schließ­lich zu West­lern des Ostens zu machen?

Also spie­len sol­che Kate­go­ri­sie­run­gen beim Lesen und Über­set­zen von Lite­ra­tur kei­ne Rolle?

Ich stel­le die­se Fra­gen, weil vie­le von uns nur all­zu oft die­ser ver­ein­fa­chen­den Kate­go­ri­sie­rung ver­fal­len und dabei die fei­nen Ver­flech­tun­gen unse­rer Geschich­te, unse­rer Spra­chen und unse­rer Über­set­zungs­pra­xis über­se­hen. Wie dem auch sei, las­sen Sie mich die ers­te Fra­ge beant­wor­ten, was mich an die­sen Schrift­stel­lern gereizt hat. Zunächst möch­te ich dar­auf hin­wei­sen, dass alles, was ich von die­sen drei Autoren gele­sen habe – mit Aus­nah­me von Wil­de – Über­set­zun­gen aus dem Deut­schen und dem Spa­ni­schen waren. Sie sehen also: Trotz drei­hun­dert Jah­ren spa­ni­scher Herr­schaft fühlt sich die heu­ti­ge Gene­ra­ti­on der Fili­pi­nos dem Spa­ni­schen nicht mehr verbunden.

Beim Eng­li­schen ist das anders. Waren es die Über­set­zun­gen von Ril­ke und Kaf­ka ins Eng­li­sche, die mich zu ihnen hin­ge­zo­gen haben – und mich dazu gebracht haben, mir vor­zu­stel­len, wie die­se Wor­te und Wel­ten die Spra­chen mei­ner Her­kunft und mei­ner Vor­stel­lungs­kraft, Fili­pi­no und Bikol, prä­gen könn­ten? Ich möch­te ger­ne glau­ben, dass dies der Grund sein könn­te. Es waren die eng­li­schen Über­set­zun­gen von Ril­ke, die mir das Gefühl gaben, mein Herz schla­ge im Ein­klang mit den Tex­ten – ins­be­son­de­re sein Stun­den­buch, das mich wie neue Psal­men ansprach. Um Ril­ke zu zitie­ren: „Ich krei­se um Gott, um den uralten Turm, und ich krei­se jahr­tau­sen­de­lang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Fal­ke, ein Sturm oder ein gro­ßer Gesang.“ Und da ich in einem katho­li­schen Semi­nar unter­rich­tet wur­de, wur­den Ril­kes Gedich­te für mich zu einer sanf­ten Stim­me der Dis­si­denz: ein neu­es De Pro­fun­dis, das aus den Tie­fen des eige­nen Gefühls des Ver­lo­ren­seins her­vor­geht und mich zutiefst ange­spro­chen hat.

Kön­nen Sie genau­er erklä­ren, wie Ril­ke Sie in den jewei­li­gen Momen­ten Ihres Lebens beglei­tet hat?

Rück­bli­ckend kann ich sagen, dass die­se Schrift­stel­ler und mei­ne Arbeit als Über­set­zer ihrer Wer­ke bestimm­te Momen­te in mei­nem Leben wider­spie­geln, in denen ich eine Art lite­ra­ri­schen Weg­wei­ser brauch­te, der mir half, mei­ne per­sön­li­chen Umstän­de zu meis­tern – einen Ver­gil für mei­nen Dan­te. Ril­ke beglei­te­te mich, als ich end­gül­tig mei­nen Plan auf­gab, Pries­ter zu wer­den. Kaf­ka half mir, die Schwie­rig­kei­ten des büro­kra­ti­schen Lebens in der aka­de­mi­schen Welt zu bewäl­ti­gen, die ich bis heu­te ver­ab­scheue, wäh­rend Bor­ges und Wil­de spe­zi­el­le Auf­trags­pro­jek­te sind, die mir gezeigt haben, wie Über­set­zungs­ar­beit dafür sorgt, dass Lite­ra­tur auch wei­ter­hin leben­dig und lebens­spen­dend bleibt.

Lite­ra­tur – ob als west­lich oder öst­lich, aus dem Nor­den oder Süden klas­si­fi­ziert – war für mich immer eine Art Spie­gel und Land­kar­te. Ich erken­ne auch, wie Eng­lisch als Kolo­ni­al­spra­che mir Wer­ke in ihrer Über­set­zung zugäng­lich gemacht hat. Ich hof­fe nur, dass die nächs­te Gene­ra­ti­on phil­ip­pi­ni­scher Leser durch unse­re Über­set­zungs­pro­jek­te die Mög­lich­keit haben wird, die­se Autoren in unse­ren eige­nen Spra­chen zu lesen – und von dort aus ihren eige­nen Weg zu gehen.

Was hat Sie ursprüng­lich dazu moti­viert, Deutsch zu ler­nen und sich mit der deut­schen Kul­tur auseinanderzusetzen?

Ich glau­be nicht, dass ich die Stim­me oder genug Hirn­zel­len habe, um Deutsch zu ler­nen. Zwar wür­den mei­ne Ohren die Lau­te sofort erken­nen, doch viel wich­ti­ger sind mir die Freund­schaft und die Erin­ne­run­gen, die ich mit einem klei­nen Kreis deut­scher Freun­de ver­bin­de – ins­be­son­de­re mit Robin Brehm und Sebas­ti­an Bur­ger, die als jun­ge Stu­den­ten im Rah­men eines Aus­tausch­pro­gramms nach Bikol kamen. Ich ken­ne sie seit 2009, und sie haben unse­re krea­ti­ven Akti­vi­tä­ten im Rah­men des Buch­la­dens Sava­ge Mind unter­stützt. In Frank­furt woh­ne ich bei Sebas­ti­an, und es fühlt sich dort immer wie zu Hau­se an. Robin wie­der­um hat uns gehol­fen, das phil­ip­pi­ni­sche Kin­der­lied „Bahay Kubo“ ins Deut­sche zu über­set­zen. Ich hof­fe, dass ich mit der Zeit die Ener­gie fin­de, mich wie­der mit Ril­ke und viel­leicht auch mit Hes­se zu beschäf­ti­gen und ihre Wer­ke ins Bikol zu übertragen.

Wie ver­än­dert sich ein Text wie Ril­kes Lyrik oder Kaf­kas Pro­sa, wenn er ins Bikol über­tra­gen wird – nicht nur sprach­lich, son­dern auch kulturell?

Ich habe die Wer­ke von Ril­ke und Kaf­ka in eine Spra­che über­setzt, die wir Bikol-Naga nen­nen – die Spra­che des kirch­li­chen Zen­trums der Regi­on. Neben die­ser Lin­gua fran­ca exis­tie­ren jedoch noch wei­te­re Spra­chen und Dia­lek­te in die­ser Regi­on mit fünf Mil­lio­nen Ein­woh­nern, die poli­tisch in sechs Pro­vin­zen unter­teilt ist. Mei­ner Ansicht nach ist Bikol-Naga eine Spra­che, die stark von der katho­li­schen Kir­che geprägt wur­de, wel­che bis heu­te der wich­tigs­te Akteur in die­ser sprach­li­chen Tra­di­ti­on ist. Zugleich dient die Spra­che dazu, unse­re regio­na­le Iden­ti­tät aus­zu­drü­cken. Den­noch emp­fin­de ich Ril­kes Gedich­te – wie bereits erwähnt – als neue Psal­men, häu­fig im Dia­log oder im Streit mit einem ima­gi­nä­ren höhe­ren Wesen namens Gott. Bei der Über­set­zung von Ril­ke hat­te ich das Gefühl, Bikol in einem völ­lig neu­en Licht zu sehen, mit einem immensen Poten­zi­al für spi­ri­tu­el­le Vor­stel­lungs­kraft. Ich glau­be, dass ich auf die­se Wei­se am bes­ten zum fort­lau­fen­den Pro­zess der Sprach­bil­dung und Bedeu­tungs­fin­dung unter den Biko­la­no bei­tra­gen kann.

Über­set­zen ermög­licht es uns, die Anmut unse­rer Spra­chen zu erfah­ren. Es ver­wan­delt sie in Gefä­ße, und beson­ders fas­zi­nie­ren mich dabei das Bild einer Tas­se und die Vor­stel­lung einer Schwel­le. Bei Kaf­ka habe ich dies wei­ter erforscht, indem ich in mei­ner Über­set­zung von Die Ver­wand­lung eine wei­te­re Bikol-Spra­che ein­setz­te. Als Samsa beginnt, in einer Spra­che zu spre­chen, die als Kau­der­welsch beschrie­ben wird, ent­schied ich, ihn in Rin­co­na­da spre­chen zu las­sen – einer stark münd­lich gepräg­ten Spra­che, die in mei­ner Hei­mat­stadt noch immer leben­dig ist. Für mich ver­kör­pert dies die Art von Meta­mor­pho­se unse­rer Spra­chen, von der ich immer geträumt habe. Die Ver­wen­dung zwei­er Bikol-Spra­chen in mei­ner Kaf­ka-Über­set­zung berei­te­te mir beson­de­re Freu­de, zumal ein sol­ches Expe­ri­ment in unse­rer Geschich­te bis­her ein­ma­lig ist.

Wie erle­ben Sie Bikol als Regio­nal­spra­che – in Ihrer lite­ra­ri­schen Pra­xis, in kul­tu­rel­ler und his­to­ri­scher Hin­sicht – und wel­che Rol­le spielt das Über­set­zen dabei?

Als ich begann, Gedich­te und Bel­le­tris­tik auf Bikol zu schrei­ben, lag das Gefühl in der Luft, dass es sich um eine aus­ster­ben­de Spra­che han­del­te. Eng­lisch und Fili­pi­no wur­den als Schul­di­ge für die­sen bevor­ste­hen­den Tod ange­se­hen. Ver­stärkt wur­de dies dadurch, dass Macht­struk­tu­ren und Unter­neh­men wei­ter­hin auf Eng­lisch und Fili­pi­no ope­rie­ren – Spra­chen, die vie­le als eine Kunst­spra­che der Tag­a­logs betrach­ten. Obwohl Bikol in der kirch­li­chen Lite­ra­tur und in den meis­ten Radio­sen­dern ver­wen­det wird, ist es nicht die Spra­che des Recht oder des Han­dels. Es ist zwar ver­brei­tet, aber auch nicht die Spra­che der Wis­sen­schaft. Und wenn man ein jun­ger Schrift­stel­ler ist und der Geruch des Todes an einer Spra­che haf­tet, die man gera­de erst ent­deckt hat, sam­melt man all sei­ne Ener­gie und kon­zen­triert sich dar­auf, ihr neu­es Leben ein­zu­hau­chen – oder zumin­dest ihr Atmen aufrechtzuerhalten.

Die­se mor­bi­de Sicht­wei­se auf Bikol präg­te zunächst mei­ne Ori­en­tie­rung in Bezug auf die Art von Arbeit, die ich mache. Unse­re Spra­che ist unser Memen­to mori. Spä­ter wur­de mir jedoch klar, dass der Tod einer Spra­che nicht allein durch äuße­re Fak­to­ren bestimmt wird. Ich habe auch gese­hen, dass eine Spra­che wirk­lich ster­ben kann – nicht wegen eines Man­gels an Spre­chern, Ver­öf­fent­li­chun­gen oder Lesern, son­dern weil ihre Men­schen – ihre Künst­ler und Schrift­stel­ler – sich wei­gern, sie zu einem gemein­sa­men Gefäß zu machen. Man­che sehen sich als Vor­rei­ter, die Spra­che rein hal­ten wol­len, sie dabei aber nicht orga­nisch leben las­sen, und ich tei­le die­se Denk­wei­se nicht. Regio­na­lis­mus kann einer Spra­che scha­den und ihren Tod beschleu­ni­gen, wenn er wei­ter­hin an Exo­tik und Pro­vin­zia­lis­mus fest­hält. Hier kommt die Über­set­zung ins Spiel. Über­set­zung ermög­licht es Spra­chen, zu Trä­gern von Gast­freund­schaft und Hybri­di­tät zu wer­den. In die­sem Sin­ne wird Über­set­zung zur Blut­li­nie jeder Spra­che, jeder Lite­ra­tur. Sie macht die Zukunft einer Spra­che zu einer geben­den Gegenwart.

Sie arbei­ten der­zeit an Bikol-Über­set­zun­gen der Roma­ne von José Rizal, dem gro­ßen Natio­nal­schrift­stel­ler der Phil­ip­pi­nen. Wie nähern Sie sich die­sem natio­na­len Erbe?

Das Rizal-Pro­jekt muss noch war­ten, da ich mich gera­de mit neu­en his­to­ri­schen Stu­di­en zu den Roma­nen beschäf­ti­ge. Beson­ders inter­es­siert mich die Rol­le der drei weib­li­chen Figu­ren – Maria Cla­ra, Sisa und Salo­me – als Dreh- und Angel­punkt des ers­ten Romans. Das ist auf jeden Fall ein Pro­jekt, dem ich mich wid­men möch­te, weil ich mit die­sen Über­set­zun­gen die sich ent­wi­ckeln­den visu­el­len und klang­li­chen Struk­tu­ren der Bikol-Spra­che zei­gen will. Die ers­te Bikol-Über­set­zung von José Rizals Noli Me Tan­ge­re soll 1921 erschie­nen sein und wird Jose Figue­roa zuge­schrie­ben. Abge­se­hen von biblio­gra­fi­schen Hin­wei­sen auf die­se Über­set­zung habe ich bis­her kein Exem­plar gese­hen. Was wir haben, ist die Über­set­zung der bei­den Roma­ne aus dem Jahr 1961, die ich immer wie­der lese – auch im Hin­blick auf mei­ne eige­nen schrift­stel­le­ri­schen Ambi­tio­nen. Ich muss zuge­ben, dass mich das natio­na­le Erbe nicht beson­ders inter­es­siert; viel­mehr möch­te ich die Vor­stel­lungs­kraft Rizals in mei­ne eige­nen krea­ti­ven Pro­jek­te ein­flie­ßen las­sen – indem ich frü­he­re Bikol-Tex­te noch ein­mal lese, Lücken und Pau­sen fül­le und von dort aus mei­ne eige­nen, noch in Arbeit befind­li­chen Schrif­ten auf ihre eige­ne Odys­see begleite.

Wie erle­ben Sie das Span­nungs­feld zwi­schen Ori­gi­nal­treue und krea­ti­ver Frei­heit beim Über­set­zen, auch mit Blick auf Ihre eige­ne Autorschaft?

Ich betrach­te Über­set­zen als die bes­te Art, einen lite­ra­ri­schen Text zu lesen. Wenn man ein Gedicht oder ein ande­res Werk liest, lässt man es in das eige­ne Leben, in das eige­ne Sys­tem ein­drin­gen. Man reagiert dar­auf. Jedes Buch ver­wan­delt uns in einen neu­en Men­schen. Das ist mei­ne Erfah­rung mit dem Über­set­zen: Es ist eine gestei­ger­te Form des Lesens, und ich möch­te, dass es so bleibt. Fra­gen der Treue und der Frei­heit sind in der Über­set­zungs­pra­xis stets prä­sent, doch ich sehe sie als eine Form des Lesens, die mir erlaubt, neue Wege der Inter­pre­ta­ti­on zu beschrei­ten – manch­mal sogar auf Kos­ten des Tex­tes oder der Inten­tio­nen des Autors. Da ich selbst Gedich­te, Bel­le­tris­tik und Essays schrei­be, neh­me ich eine Autoren­po­si­ti­on ein, die es zulässt, dass ich von mei­nen Über­set­zern inter­pre­tiert – und bis zu einem gewis­sen Grad auch ver­ra­ten – wer­de. Mit der Fra­ge des Ver­rats belas­te ich mich nicht mehr. Ich schrei­be kei­ne hei­li­gen Tex­te, daher blei­be ich offen für alle mög­li­chen Les­ar­ten, so wie ich mich jedes Mal öff­ne, wenn ich die Rol­le des Über­set­zers einnehme.

Wel­chen Stel­len­wert hat das Über­set­zen im phil­ip­pi­ni­schen Lite­ra­tur­be­trieb, ins­be­son­de­re im Kon­text der sprach­li­chen Viel­falt des Landes?

Auf den Phil­ip­pi­nen wer­den mehr als hun­dert Spra­chen gespro­chen, und der Wech­sel von einer Spra­che zur ande­ren gehört zum All­tag. Trotz die­ser sprach­li­chen Viel­falt müs­sen wir die­se Spra­chen wei­ter stär­ken, indem wir mehr lite­ra­ri­sche Wer­ke in den loka­len Spra­chen pro­du­zie­ren und die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Regio­nen för­dern. Bei einer Bevöl­ke­rung von 120 Mil­lio­nen Men­schen liegt die typi­sche Auf­la­ge eines lite­ra­ri­schen Titels nach wie vor bei 500 bis 1.000 Exem­pla­ren, und dies scheint als nor­mal akzep­tiert zu wer­den. Das soll­te nicht so sein. Wir müs­sen neue Gemein­schaf­ten und Ver­bin­dun­gen schaf­fen, um die Pra­xis des Über­set­zens und Ver­le­gens wirk­lich auf ein neu­es Niveau zu heben.

An der Ate­neo de Naga Uni­ver­si­ty Press, wo ich den Uni­ver­si­täts­ver­lags lei­te, haben wir unse­ren Wir­kungs­kreis erwei­tert, indem wir nicht nur Titel in und über Bikol ver­öf­fent­li­chen, son­dern auch Wer­ke aus ande­ren Regio­nen, ins­be­son­de­re aus den Visa­y­as. Damit möch­ten wir bei­spiel­haft zei­gen, dass es für einen regio­na­len Ver­lag mög­lich ist, sei­nen Wir­kungs­be­reich durch die Ver­öf­fent­li­chung von Wer­ken aus ande­ren Regio­nen zu erwei­tern. Wäh­rend wir lite­ra­ri­sche Wer­ke aus ande­ren Tei­len der Welt in unse­re loka­len Spra­chen über­set­zen, müs­sen wir gleich­zei­tig sicher­stel­len, dass die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Regio­nen geför­dert und unter­stützt wird. Ein Stu­di­en­gang für Über­set­zungs­wis­sen­schaft soll­te neben den bereits gut ent­wi­ckel­ten ande­ren Fach­be­rei­chen in den Phil­ip­pi­nen eta­bliert wer­den. So gibt es bei­spiels­wei­se das Cor­dil­lera Stu­dies Cent­re an der Uni­ver­si­ty of the Phil­ip­pi­nes in Baguio, das Kapam­pan­gan Stu­dies Cent­re an der Holy Angel Uni­ver­si­ty und das Cebua­no Stu­dies Cent­re an der Uni­ver­si­ty of San Car­los. Was jedoch noch fehlt, ist eine stra­te­gi­sche Zusam­men­ar­beit zwi­schen die­sen Zentren.

Wie beein­flus­sen Ihre wei­te­ren Pro­jek­te, bei­spiels­wei­se die ers­ten fil­mi­schen Ver­su­che und die Grün­dung der Buch­hand­lung Sava­ge Mind, Ihre Iden­ti­tät als Über­set­zer und Künstler?

Um ehr­lich zu sein, habe ich ein­mal davon geträumt, Astro­naut oder Wis­sen­schaft­ler zu wer­den, doch die­se Mög­lich­keit bot sich mir nie. Ich hal­te die­sen Kind­heits­traum am Leben, indem ich unter ande­rem Schrift­stel­ler, gele­gent­lich Fil­me­ma­cher und Über­set­zer gewor­den bin. Bei die­sen krea­ti­ven Tätig­kei­ten stel­le ich mit Freu­de fest, dass ich immer wie­der zu dem klei­nen Kind zurück­keh­re, das Astro­naut wer­den woll­te, wäh­rend ich ver­su­che, ein krea­ti­ves Leben zu füh­ren. Ich habe viel­leicht kei­ne Raum­schif­fe, aber die Spra­chen, mit denen ich arbei­te, sind fah­ren­de Vehi­kel, die groß­zü­gig genug sind, mich kos­ten­los mitzunehmen.

Mich berührt es, dass wir jetzt Fil­me in der Spra­che Bikol haben. Für mich ist das eine Ent­de­ckung und eine beson­de­re Art von Alche­mie, die unse­ren Spra­chen Bewe­gung ver­leiht. Kino ist visu­ell, akus­tisch und popu­lär, und man kann sich nur vor­stel­len, wie die in Bikol ima­gi­nier­ten Bil­der und Klän­ge auf der Lein­wand her­auf­be­schwo­ren und gebro­chen wer­den. Die­sel­be Begeis­te­rung emp­fin­de ich jedes Mal, wenn ich begin­ne, in unse­ren loka­len Spra­chen zu schrei­ben. Mit die­ser Art von Anmut haben wir Sava­ge Mind nicht nur als Buch­hand­lung kon­zi­piert, son­dern als Raum, der die Rhap­so­dien von Ideen und Fan­ta­sie för­dert – und unse­ren Spra­chen durch Über­set­zung, Ver­öf­fent­li­chung und Fil­me­ma­chen neue Bedeu­tungs­ebe­nen eröff­net. Sava­ge Mind zu grün­den ist ein Schritt auf mei­nem Weg, Erin­ne­rung und Fan­ta­sie wei­ter­hin zu erfahren.

In west­li­chen Ver­la­gen und auf inter­na­tio­na­len Fes­ti­vals wer­den oft nur bestimm­te Stim­men aus dem Glo­ba­len Süden wahr­ge­nom­men. Haben Sie das Gefühl, dass phil­ip­pi­ni­sche Lite­ra­tur oft auf Ste­reo­ty­pe The­men redu­ziert wird?

Die kom­men­de Buch­mes­se in Frank­furt ist für uns eine Mög­lich­keit, zumin­dest damit zu begin­nen, die­se Ste­reo­ty­pen zu über­win­den und ein neu­es Ver­ständ­nis der phil­ip­pi­ni­schen Men­schen zu schaf­fen – so wie es sich in unse­ren Schrif­ten wider­spie­gelt, die aus unse­ren Kämp­fen und unse­rer tiefs­ten Hoff­nung her­vor­ge­hen. Auch wenn wir wei­ter­hin als Pfle­ge­kräf­te, Kran­ken­schwes­tern, See­leu­te oder Enter­tai­ner in Schub­la­den gesteckt wer­den, hof­fen wir, dass uns die­se Platt­form die Mög­lich­keit gibt, ande­re Geschich­ten zu erzäh­len – Geschich­ten, die uns in unse­rer gan­zen Mensch­lich­keit zeigen.

In einem Film, den ich gemein­sam mit eini­gen Kol­le­gen in Stel­len­bosch gese­hen habe, schaut eine älte­re Frau aus dem Fens­ter, wäh­rend das israe­li­sche Mili­tär wei­ter ihre Hei­mat bom­bar­diert. Wäh­rend­des­sen singt ihre Pfle­ge­kraft Celi­ne Dions „My Heart Will Go On“. Ich bemerk­te, dass die Pfle­ge­kraft nur eine Fili­pi­na sein konn­te, und sag­te zu mei­nen Kol­le­gen, sie sei wahr­schein­lich aus einem vom Krieg gezeich­ne­ten Dorf auf den Phil­ip­pi­nen geflo­hen. Aber was sie singt, ist für mich ein Zei­chen der Hoff­nung. Wir müs­sen phil­ip­pi­ni­sche Geschich­ten hören – nicht nur jene über unse­ren Reich­tum und unser gren­zen­lo­ses Lachen, son­dern auch sol­che, die uns an unse­re Ver­letz­lich­keit und unse­re stil­len Rück­zugs­räu­me erinnern.

Gibt es The­men oder Stim­men, die Ihrer Mei­nung nach noch viel zu sel­ten über­setzt wer­den – inner­halb der phil­ip­pi­ni­schen Spra­chen oder auch international?

Es gibt noch vie­le wei­te­re Geschich­ten und Lebens­wei­sen, von denen wir von unse­ren indi­ge­nen Gemein­schaf­ten ler­nen kön­nen. Lan­ge Zeit leb­ten sie am Rand der Gesell­schaft, und ihre Prä­senz ist wie ein Gespenst, das sich uns immer wie­der ent­zieht. In unse­rem neu­es­ten Film, Mga Naka­bu­hing Agi-Agi (Gefun­de­ne Objek­te, befrei­te Geschich­ten), haben wir eng mit den Agta zusam­men­ge­ar­bei­tet, einer indi­ge­nen Gemein­schaft in der Regi­on Rin­co­na­da. Ich muss sagen, dass ich so viel von die­sen Men­schen gelernt habe, die über lan­ge Zeit ver­leum­det und mar­gi­na­li­siert wur­den. Ich hof­fe, wei­ter­hin mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten und von ihnen ler­nen zu kön­nen, und ich bin über­zeugt, dass wir mehr von ihren Erzäh­lun­gen hören müssen.

Vie­le Autor:innen aus dem Glo­ba­len Süden müs­sen erst inter­na­tio­nal rezi­piert wer­den, bevor sie im eige­nen Land Aner­ken­nung fin­den. Wie sehen Sie die­ses Ungleich­ge­wicht – und was müss­te sich an den glo­ba­len Lite­ra­tur­struk­tu­ren ändern? 

Mei­ne Ant­wort knüpft an das Höh­len­gleich­nis an: Jemand befreit sich, ent­deckt die Wahr­heit des Lichts und kehrt in die Höh­le zurück, um sie mit sei­nen Gefähr­ten zu tei­len – nur um von eben jenen getö­tet zu wer­den, die eher die Schat­ten ver­eh­ren und an sie glau­ben als an das neu ent­deck­te Licht. Die­ses Gleich­nis könn­te durch­aus den Erfah­run­gen vie­ler Schrift­stel­ler und Künst­ler ent­spre­chen, die sich an ihrem eige­nen Ort unter­be­wer­tet und unter­schätzt füh­len. Doch ich möch­te nicht bei die­ser tra­gi­schen Erzäh­lung ver­wei­len. Eben­so wenig möch­te ich mich aus­führ­lich zum glo­ba­len Lite­ra­tur­sys­tem äußern, das in vie­ler Hin­sicht nach wie vor ein kapi­ta­lis­ti­sches Unter­fan­gen bleibt. Statt­des­sen möch­te ich den Blick dar­auf rich­ten, wie klei­ne, für­sorg­li­che und krea­ti­ve Gemein­schaf­ten, die wir auf den Phil­ip­pi­nen auf­bau­en – wie etwa Sava­ge Mind –, wei­ter­hin bedeu­ten­de Anstren­gun­gen unter­neh­men und Ein­sich­ten sowie Prak­ti­ken ent­wi­ckeln, die uns hel­fen kön­nen, eine neue Öko­lo­gie zu schaf­fen – sowohl für unse­re künst­le­ri­sche Arbeit als auch für das Leben selbst.

Die Phil­ip­pi­nen sind in die­sem Jahr Ehren­gast auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se: Wel­che Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Sicht­bar­keit von Lite­ra­tur in Bikol oder Filipino?

Ich möch­te mein Ver­trau­en eher auf Hoff­nung als auf Erwar­tun­gen set­zen. Hoff­nung ist, wie Dick­in­son sagen wür­de, das Ding mit Federn. Sie fliegt, sie bewegt sich. Sicher­lich ist unse­re Rol­le als Ehren­gast in Frank­furt eine beson­de­re Art von Bewe­gung, eine Ener­gie­form, von der ich hof­fe, dass sie uns nicht nur tem­po­rä­re Sicht­bar­keit ver­schafft, son­dern auch eine dau­er­haf­te Prä­senz sichert. Die Phil­ip­pi­nen sind eine jun­ge Nati­on mit hohen Zie­len, die uns zu einer Gemein­schaft guter Men­schen machen. Wir tra­gen unse­re Gedich­te wei­ter­hin vor, trotz der vie­len Stür­me in unse­rem Leben, sei­en es Natur­ka­ta­stro­phen oder poli­ti­sche Kri­sen. Ich hof­fe, dass die Erin­ne­rung an uns bleibt, auch wenn wir nicht mehr Ehren­gast sind. Dass wir, indem wir die Welt auf die krea­ti­ve Vor­stel­lungs­kraft der Fili­pi­nos auf­merk­sam machen – eine Vor­stel­lungs­kraft, die wie die Luft über­all prä­sent ist – die­se Gegen­wart spü­ren, wie die Luft, die wir atmen. Eine Prä­senz, die fühl­bar ist und gefei­ert wird, eine Prä­senz, die auf­recht­erhal­ten und groß­zü­gig geteilt wird.


KRISTIAN SENDON CORDERO ist Dich­ter, Bel­le­trist, Essay­ist, Über­set­zer und unab­hän­gi­ger Fil­me­ma­cher. Er hat fünf Gedicht­bän­de in den phil­ip­pi­ni­schen Spra­che Bikol und Rin­co­na­da ver­fasst, von denen die letz­ten bei­den 2014 mit dem Natio­nal Book Award for Poet­ry in Fili­pi­no and Bikol aus­ge­zeich­net wur­den. Als Über­set­zer über­trug er aus­ge­wähl­te Gedich­te von Rai­ner Maria Ril­ke (Mina­tu­bod Ako Sa Diklom), Franz Kaf­kas Die Ver­wand­lung (An Pakag­i­ma­ta ni Gre­gor Samsa in Bikol und An Mapa­ra Sa Kinaban/Ang Mag­laho Sa Mun­do) sowie aus­ge­wähl­te Gedich­te von Jor­ge Luis Bor­ges in Bikol und Fili­pi­no im Rah­men eines Über­set­zungs­sti­pen­di­ums des Pro­gra­ma Sur des Minis­te­rio de Rela­cio­nes Exte­rio­res Y Cul­to der Repu­blik Argen­ti­ni­en. Im Jahr 2022 wur­de er zu einem der „Zehn her­aus­ra­gen­den jun­gen Män­ner der Phil­ip­pi­nen für Kunst und Lite­ra­tur“ ernannt. Er ist Ko-Vor­sit­zen­der des Über­set­zungs­aus­schus­ses für den phil­ip­pi­ni­schen Ehren­gast der Frank­fur­ter Buch­mes­se 2025 und Direk­tor der Ate­neo de Naga Uni­ver­si­ty Press.


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