The English original of this interview is available here.
Sie übersetzen Werke von Autoren wie Rilke, Kafka, Borges und Wilde ins Bikol und Filipino. Was reizt Sie persönlich an der Übersetzung dieser klassischen, westlichen Stimmen in eine philippinische Sprache?
Die Trennung zwischen dem Westen und dem Rest der Welt scheint mir eine problematische Sichtweise auf die Weltordnung zu sein. Ich möchte insbesondere meinen Standpunkt erläutern, wenn Sie Rilke, Kafka, Wilde und Borges als „klassische westliche“ Stimmen bezeichnen. Gibt es überhaupt „östliche Stimmen“? Bin ich ein östlicher Schriftsteller? Ist diese Unterscheidung zwischen Ost und West vergleichbar mit dem Diskurs über den Globalen Norden und den Globalen Süden, den wir heute so oft hören? Über diese Art der binären Weltsicht ließe sich endlos diskutieren.
Doch lassen Sie mich kurz abschweifen: Zum ersten Mal begegnete mir diese Art der Teilung im Geschichtsunterricht, als wir von der päpstlichen Bulle erfuhren, die Alexander VI. im Jahr 1493 erließ. Sie teilte die Welt in ähnlicher Weise in zwei Hälften: in die, die Portugal gehören sollte, und in die, die Spanien zugesprochen wurde. Ich erinnere mich, wie unser Lehrer versuchte zu erklären, dass diese Bulle – die wie ein göttliches Mandat erschien – das Schicksal der Philippinen besiegelte, „rechtmäßig“ zu Spanien zu gehören. Sind wir damit Teil des Westens geworden? Oder bedurfte es erst eines weiteren Kolonisators, eines weiteren Imperiums, das uns – seine „kleinen braunen Brüder“ – mit dem amerikanischen Lebensstil falsch erzieht, um uns schließlich zu Westlern des Ostens zu machen?
Also spielen solche Kategorisierungen beim Lesen und Übersetzen von Literatur keine Rolle?
Ich stelle diese Fragen, weil viele von uns nur allzu oft dieser vereinfachenden Kategorisierung verfallen und dabei die feinen Verflechtungen unserer Geschichte, unserer Sprachen und unserer Übersetzungspraxis übersehen. Wie dem auch sei, lassen Sie mich die erste Frage beantworten, was mich an diesen Schriftstellern gereizt hat. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass alles, was ich von diesen drei Autoren gelesen habe – mit Ausnahme von Wilde – Übersetzungen aus dem Deutschen und dem Spanischen waren. Sie sehen also: Trotz dreihundert Jahren spanischer Herrschaft fühlt sich die heutige Generation der Filipinos dem Spanischen nicht mehr verbunden.
Beim Englischen ist das anders. Waren es die Übersetzungen von Rilke und Kafka ins Englische, die mich zu ihnen hingezogen haben – und mich dazu gebracht haben, mir vorzustellen, wie diese Worte und Welten die Sprachen meiner Herkunft und meiner Vorstellungskraft, Filipino und Bikol, prägen könnten? Ich möchte gerne glauben, dass dies der Grund sein könnte. Es waren die englischen Übersetzungen von Rilke, die mir das Gefühl gaben, mein Herz schlage im Einklang mit den Texten – insbesondere sein Stundenbuch, das mich wie neue Psalmen ansprach. Um Rilke zu zitieren: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“ Und da ich in einem katholischen Seminar unterrichtet wurde, wurden Rilkes Gedichte für mich zu einer sanften Stimme der Dissidenz: ein neues De Profundis, das aus den Tiefen des eigenen Gefühls des Verlorenseins hervorgeht und mich zutiefst angesprochen hat.
Können Sie genauer erklären, wie Rilke Sie in den jeweiligen Momenten Ihres Lebens begleitet hat?
Rückblickend kann ich sagen, dass diese Schriftsteller und meine Arbeit als Übersetzer ihrer Werke bestimmte Momente in meinem Leben widerspiegeln, in denen ich eine Art literarischen Wegweiser brauchte, der mir half, meine persönlichen Umstände zu meistern – einen Vergil für meinen Dante. Rilke begleitete mich, als ich endgültig meinen Plan aufgab, Priester zu werden. Kafka half mir, die Schwierigkeiten des bürokratischen Lebens in der akademischen Welt zu bewältigen, die ich bis heute verabscheue, während Borges und Wilde spezielle Auftragsprojekte sind, die mir gezeigt haben, wie Übersetzungsarbeit dafür sorgt, dass Literatur auch weiterhin lebendig und lebensspendend bleibt.
Literatur – ob als westlich oder östlich, aus dem Norden oder Süden klassifiziert – war für mich immer eine Art Spiegel und Landkarte. Ich erkenne auch, wie Englisch als Kolonialsprache mir Werke in ihrer Übersetzung zugänglich gemacht hat. Ich hoffe nur, dass die nächste Generation philippinischer Leser durch unsere Übersetzungsprojekte die Möglichkeit haben wird, diese Autoren in unseren eigenen Sprachen zu lesen – und von dort aus ihren eigenen Weg zu gehen.
Was hat Sie ursprünglich dazu motiviert, Deutsch zu lernen und sich mit der deutschen Kultur auseinanderzusetzen?
Ich glaube nicht, dass ich die Stimme oder genug Hirnzellen habe, um Deutsch zu lernen. Zwar würden meine Ohren die Laute sofort erkennen, doch viel wichtiger sind mir die Freundschaft und die Erinnerungen, die ich mit einem kleinen Kreis deutscher Freunde verbinde – insbesondere mit Robin Brehm und Sebastian Burger, die als junge Studenten im Rahmen eines Austauschprogramms nach Bikol kamen. Ich kenne sie seit 2009, und sie haben unsere kreativen Aktivitäten im Rahmen des Buchladens Savage Mind unterstützt. In Frankfurt wohne ich bei Sebastian, und es fühlt sich dort immer wie zu Hause an. Robin wiederum hat uns geholfen, das philippinische Kinderlied „Bahay Kubo“ ins Deutsche zu übersetzen. Ich hoffe, dass ich mit der Zeit die Energie finde, mich wieder mit Rilke und vielleicht auch mit Hesse zu beschäftigen und ihre Werke ins Bikol zu übertragen.
Wie verändert sich ein Text wie Rilkes Lyrik oder Kafkas Prosa, wenn er ins Bikol übertragen wird – nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell?
Ich habe die Werke von Rilke und Kafka in eine Sprache übersetzt, die wir Bikol-Naga nennen – die Sprache des kirchlichen Zentrums der Region. Neben dieser Lingua franca existieren jedoch noch weitere Sprachen und Dialekte in dieser Region mit fünf Millionen Einwohnern, die politisch in sechs Provinzen unterteilt ist. Meiner Ansicht nach ist Bikol-Naga eine Sprache, die stark von der katholischen Kirche geprägt wurde, welche bis heute der wichtigste Akteur in dieser sprachlichen Tradition ist. Zugleich dient die Sprache dazu, unsere regionale Identität auszudrücken. Dennoch empfinde ich Rilkes Gedichte – wie bereits erwähnt – als neue Psalmen, häufig im Dialog oder im Streit mit einem imaginären höheren Wesen namens Gott. Bei der Übersetzung von Rilke hatte ich das Gefühl, Bikol in einem völlig neuen Licht zu sehen, mit einem immensen Potenzial für spirituelle Vorstellungskraft. Ich glaube, dass ich auf diese Weise am besten zum fortlaufenden Prozess der Sprachbildung und Bedeutungsfindung unter den Bikolano beitragen kann.
Übersetzen ermöglicht es uns, die Anmut unserer Sprachen zu erfahren. Es verwandelt sie in Gefäße, und besonders faszinieren mich dabei das Bild einer Tasse und die Vorstellung einer Schwelle. Bei Kafka habe ich dies weiter erforscht, indem ich in meiner Übersetzung von Die Verwandlung eine weitere Bikol-Sprache einsetzte. Als Samsa beginnt, in einer Sprache zu sprechen, die als Kauderwelsch beschrieben wird, entschied ich, ihn in Rinconada sprechen zu lassen – einer stark mündlich geprägten Sprache, die in meiner Heimatstadt noch immer lebendig ist. Für mich verkörpert dies die Art von Metamorphose unserer Sprachen, von der ich immer geträumt habe. Die Verwendung zweier Bikol-Sprachen in meiner Kafka-Übersetzung bereitete mir besondere Freude, zumal ein solches Experiment in unserer Geschichte bisher einmalig ist.
Wie erleben Sie Bikol als Regionalsprache – in Ihrer literarischen Praxis, in kultureller und historischer Hinsicht – und welche Rolle spielt das Übersetzen dabei?
Als ich begann, Gedichte und Belletristik auf Bikol zu schreiben, lag das Gefühl in der Luft, dass es sich um eine aussterbende Sprache handelte. Englisch und Filipino wurden als Schuldige für diesen bevorstehenden Tod angesehen. Verstärkt wurde dies dadurch, dass Machtstrukturen und Unternehmen weiterhin auf Englisch und Filipino operieren – Sprachen, die viele als eine Kunstsprache der Tagalogs betrachten. Obwohl Bikol in der kirchlichen Literatur und in den meisten Radiosendern verwendet wird, ist es nicht die Sprache des Recht oder des Handels. Es ist zwar verbreitet, aber auch nicht die Sprache der Wissenschaft. Und wenn man ein junger Schriftsteller ist und der Geruch des Todes an einer Sprache haftet, die man gerade erst entdeckt hat, sammelt man all seine Energie und konzentriert sich darauf, ihr neues Leben einzuhauchen – oder zumindest ihr Atmen aufrechtzuerhalten.
Diese morbide Sichtweise auf Bikol prägte zunächst meine Orientierung in Bezug auf die Art von Arbeit, die ich mache. Unsere Sprache ist unser Memento mori. Später wurde mir jedoch klar, dass der Tod einer Sprache nicht allein durch äußere Faktoren bestimmt wird. Ich habe auch gesehen, dass eine Sprache wirklich sterben kann – nicht wegen eines Mangels an Sprechern, Veröffentlichungen oder Lesern, sondern weil ihre Menschen – ihre Künstler und Schriftsteller – sich weigern, sie zu einem gemeinsamen Gefäß zu machen. Manche sehen sich als Vorreiter, die Sprache rein halten wollen, sie dabei aber nicht organisch leben lassen, und ich teile diese Denkweise nicht. Regionalismus kann einer Sprache schaden und ihren Tod beschleunigen, wenn er weiterhin an Exotik und Provinzialismus festhält. Hier kommt die Übersetzung ins Spiel. Übersetzung ermöglicht es Sprachen, zu Trägern von Gastfreundschaft und Hybridität zu werden. In diesem Sinne wird Übersetzung zur Blutlinie jeder Sprache, jeder Literatur. Sie macht die Zukunft einer Sprache zu einer gebenden Gegenwart.
Sie arbeiten derzeit an Bikol-Übersetzungen der Romane von José Rizal, dem großen Nationalschriftsteller der Philippinen. Wie nähern Sie sich diesem nationalen Erbe?
Das Rizal-Projekt muss noch warten, da ich mich gerade mit neuen historischen Studien zu den Romanen beschäftige. Besonders interessiert mich die Rolle der drei weiblichen Figuren – Maria Clara, Sisa und Salome – als Dreh- und Angelpunkt des ersten Romans. Das ist auf jeden Fall ein Projekt, dem ich mich widmen möchte, weil ich mit diesen Übersetzungen die sich entwickelnden visuellen und klanglichen Strukturen der Bikol-Sprache zeigen will. Die erste Bikol-Übersetzung von José Rizals Noli Me Tangere soll 1921 erschienen sein und wird Jose Figueroa zugeschrieben. Abgesehen von bibliografischen Hinweisen auf diese Übersetzung habe ich bisher kein Exemplar gesehen. Was wir haben, ist die Übersetzung der beiden Romane aus dem Jahr 1961, die ich immer wieder lese – auch im Hinblick auf meine eigenen schriftstellerischen Ambitionen. Ich muss zugeben, dass mich das nationale Erbe nicht besonders interessiert; vielmehr möchte ich die Vorstellungskraft Rizals in meine eigenen kreativen Projekte einfließen lassen – indem ich frühere Bikol-Texte noch einmal lese, Lücken und Pausen fülle und von dort aus meine eigenen, noch in Arbeit befindlichen Schriften auf ihre eigene Odyssee begleite.
Wie erleben Sie das Spannungsfeld zwischen Originaltreue und kreativer Freiheit beim Übersetzen, auch mit Blick auf Ihre eigene Autorschaft?
Ich betrachte Übersetzen als die beste Art, einen literarischen Text zu lesen. Wenn man ein Gedicht oder ein anderes Werk liest, lässt man es in das eigene Leben, in das eigene System eindringen. Man reagiert darauf. Jedes Buch verwandelt uns in einen neuen Menschen. Das ist meine Erfahrung mit dem Übersetzen: Es ist eine gesteigerte Form des Lesens, und ich möchte, dass es so bleibt. Fragen der Treue und der Freiheit sind in der Übersetzungspraxis stets präsent, doch ich sehe sie als eine Form des Lesens, die mir erlaubt, neue Wege der Interpretation zu beschreiten – manchmal sogar auf Kosten des Textes oder der Intentionen des Autors. Da ich selbst Gedichte, Belletristik und Essays schreibe, nehme ich eine Autorenposition ein, die es zulässt, dass ich von meinen Übersetzern interpretiert – und bis zu einem gewissen Grad auch verraten – werde. Mit der Frage des Verrats belaste ich mich nicht mehr. Ich schreibe keine heiligen Texte, daher bleibe ich offen für alle möglichen Lesarten, so wie ich mich jedes Mal öffne, wenn ich die Rolle des Übersetzers einnehme.
Welchen Stellenwert hat das Übersetzen im philippinischen Literaturbetrieb, insbesondere im Kontext der sprachlichen Vielfalt des Landes?
Auf den Philippinen werden mehr als hundert Sprachen gesprochen, und der Wechsel von einer Sprache zur anderen gehört zum Alltag. Trotz dieser sprachlichen Vielfalt müssen wir diese Sprachen weiter stärken, indem wir mehr literarische Werke in den lokalen Sprachen produzieren und die Zusammenarbeit zwischen den Regionen fördern. Bei einer Bevölkerung von 120 Millionen Menschen liegt die typische Auflage eines literarischen Titels nach wie vor bei 500 bis 1.000 Exemplaren, und dies scheint als normal akzeptiert zu werden. Das sollte nicht so sein. Wir müssen neue Gemeinschaften und Verbindungen schaffen, um die Praxis des Übersetzens und Verlegens wirklich auf ein neues Niveau zu heben.
An der Ateneo de Naga University Press, wo ich den Universitätsverlags leite, haben wir unseren Wirkungskreis erweitert, indem wir nicht nur Titel in und über Bikol veröffentlichen, sondern auch Werke aus anderen Regionen, insbesondere aus den Visayas. Damit möchten wir beispielhaft zeigen, dass es für einen regionalen Verlag möglich ist, seinen Wirkungsbereich durch die Veröffentlichung von Werken aus anderen Regionen zu erweitern. Während wir literarische Werke aus anderen Teilen der Welt in unsere lokalen Sprachen übersetzen, müssen wir gleichzeitig sicherstellen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Regionen gefördert und unterstützt wird. Ein Studiengang für Übersetzungswissenschaft sollte neben den bereits gut entwickelten anderen Fachbereichen in den Philippinen etabliert werden. So gibt es beispielsweise das Cordillera Studies Centre an der University of the Philippines in Baguio, das Kapampangan Studies Centre an der Holy Angel University und das Cebuano Studies Centre an der University of San Carlos. Was jedoch noch fehlt, ist eine strategische Zusammenarbeit zwischen diesen Zentren.
Wie beeinflussen Ihre weiteren Projekte, beispielsweise die ersten filmischen Versuche und die Gründung der Buchhandlung Savage Mind, Ihre Identität als Übersetzer und Künstler?
Um ehrlich zu sein, habe ich einmal davon geträumt, Astronaut oder Wissenschaftler zu werden, doch diese Möglichkeit bot sich mir nie. Ich halte diesen Kindheitstraum am Leben, indem ich unter anderem Schriftsteller, gelegentlich Filmemacher und Übersetzer geworden bin. Bei diesen kreativen Tätigkeiten stelle ich mit Freude fest, dass ich immer wieder zu dem kleinen Kind zurückkehre, das Astronaut werden wollte, während ich versuche, ein kreatives Leben zu führen. Ich habe vielleicht keine Raumschiffe, aber die Sprachen, mit denen ich arbeite, sind fahrende Vehikel, die großzügig genug sind, mich kostenlos mitzunehmen.
Mich berührt es, dass wir jetzt Filme in der Sprache Bikol haben. Für mich ist das eine Entdeckung und eine besondere Art von Alchemie, die unseren Sprachen Bewegung verleiht. Kino ist visuell, akustisch und populär, und man kann sich nur vorstellen, wie die in Bikol imaginierten Bilder und Klänge auf der Leinwand heraufbeschworen und gebrochen werden. Dieselbe Begeisterung empfinde ich jedes Mal, wenn ich beginne, in unseren lokalen Sprachen zu schreiben. Mit dieser Art von Anmut haben wir Savage Mind nicht nur als Buchhandlung konzipiert, sondern als Raum, der die Rhapsodien von Ideen und Fantasie fördert – und unseren Sprachen durch Übersetzung, Veröffentlichung und Filmemachen neue Bedeutungsebenen eröffnet. Savage Mind zu gründen ist ein Schritt auf meinem Weg, Erinnerung und Fantasie weiterhin zu erfahren.
In westlichen Verlagen und auf internationalen Festivals werden oft nur bestimmte Stimmen aus dem Globalen Süden wahrgenommen. Haben Sie das Gefühl, dass philippinische Literatur oft auf Stereotype Themen reduziert wird?
Die kommende Buchmesse in Frankfurt ist für uns eine Möglichkeit, zumindest damit zu beginnen, diese Stereotypen zu überwinden und ein neues Verständnis der philippinischen Menschen zu schaffen – so wie es sich in unseren Schriften widerspiegelt, die aus unseren Kämpfen und unserer tiefsten Hoffnung hervorgehen. Auch wenn wir weiterhin als Pflegekräfte, Krankenschwestern, Seeleute oder Entertainer in Schubladen gesteckt werden, hoffen wir, dass uns diese Plattform die Möglichkeit gibt, andere Geschichten zu erzählen – Geschichten, die uns in unserer ganzen Menschlichkeit zeigen.
In einem Film, den ich gemeinsam mit einigen Kollegen in Stellenbosch gesehen habe, schaut eine ältere Frau aus dem Fenster, während das israelische Militär weiter ihre Heimat bombardiert. Währenddessen singt ihre Pflegekraft Celine Dions „My Heart Will Go On“. Ich bemerkte, dass die Pflegekraft nur eine Filipina sein konnte, und sagte zu meinen Kollegen, sie sei wahrscheinlich aus einem vom Krieg gezeichneten Dorf auf den Philippinen geflohen. Aber was sie singt, ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Wir müssen philippinische Geschichten hören – nicht nur jene über unseren Reichtum und unser grenzenloses Lachen, sondern auch solche, die uns an unsere Verletzlichkeit und unsere stillen Rückzugsräume erinnern.
Gibt es Themen oder Stimmen, die Ihrer Meinung nach noch viel zu selten übersetzt werden – innerhalb der philippinischen Sprachen oder auch international?
Es gibt noch viele weitere Geschichten und Lebensweisen, von denen wir von unseren indigenen Gemeinschaften lernen können. Lange Zeit lebten sie am Rand der Gesellschaft, und ihre Präsenz ist wie ein Gespenst, das sich uns immer wieder entzieht. In unserem neuesten Film, Mga Nakabuhing Agi-Agi (Gefundene Objekte, befreite Geschichten), haben wir eng mit den Agta zusammengearbeitet, einer indigenen Gemeinschaft in der Region Rinconada. Ich muss sagen, dass ich so viel von diesen Menschen gelernt habe, die über lange Zeit verleumdet und marginalisiert wurden. Ich hoffe, weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten und von ihnen lernen zu können, und ich bin überzeugt, dass wir mehr von ihren Erzählungen hören müssen.
Viele Autor:innen aus dem Globalen Süden müssen erst international rezipiert werden, bevor sie im eigenen Land Anerkennung finden. Wie sehen Sie dieses Ungleichgewicht – und was müsste sich an den globalen Literaturstrukturen ändern?
Meine Antwort knüpft an das Höhlengleichnis an: Jemand befreit sich, entdeckt die Wahrheit des Lichts und kehrt in die Höhle zurück, um sie mit seinen Gefährten zu teilen – nur um von eben jenen getötet zu werden, die eher die Schatten verehren und an sie glauben als an das neu entdeckte Licht. Dieses Gleichnis könnte durchaus den Erfahrungen vieler Schriftsteller und Künstler entsprechen, die sich an ihrem eigenen Ort unterbewertet und unterschätzt fühlen. Doch ich möchte nicht bei dieser tragischen Erzählung verweilen. Ebenso wenig möchte ich mich ausführlich zum globalen Literatursystem äußern, das in vieler Hinsicht nach wie vor ein kapitalistisches Unterfangen bleibt. Stattdessen möchte ich den Blick darauf richten, wie kleine, fürsorgliche und kreative Gemeinschaften, die wir auf den Philippinen aufbauen – wie etwa Savage Mind –, weiterhin bedeutende Anstrengungen unternehmen und Einsichten sowie Praktiken entwickeln, die uns helfen können, eine neue Ökologie zu schaffen – sowohl für unsere künstlerische Arbeit als auch für das Leben selbst.
Die Philippinen sind in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse: Welche Erwartungen und Hoffnungen verbinden Sie mit der Sichtbarkeit von Literatur in Bikol oder Filipino?
Ich möchte mein Vertrauen eher auf Hoffnung als auf Erwartungen setzen. Hoffnung ist, wie Dickinson sagen würde, das Ding mit Federn. Sie fliegt, sie bewegt sich. Sicherlich ist unsere Rolle als Ehrengast in Frankfurt eine besondere Art von Bewegung, eine Energieform, von der ich hoffe, dass sie uns nicht nur temporäre Sichtbarkeit verschafft, sondern auch eine dauerhafte Präsenz sichert. Die Philippinen sind eine junge Nation mit hohen Zielen, die uns zu einer Gemeinschaft guter Menschen machen. Wir tragen unsere Gedichte weiterhin vor, trotz der vielen Stürme in unserem Leben, seien es Naturkatastrophen oder politische Krisen. Ich hoffe, dass die Erinnerung an uns bleibt, auch wenn wir nicht mehr Ehrengast sind. Dass wir, indem wir die Welt auf die kreative Vorstellungskraft der Filipinos aufmerksam machen – eine Vorstellungskraft, die wie die Luft überall präsent ist – diese Gegenwart spüren, wie die Luft, die wir atmen. Eine Präsenz, die fühlbar ist und gefeiert wird, eine Präsenz, die aufrechterhalten und großzügig geteilt wird.
KRISTIAN SENDON CORDERO ist Dichter, Belletrist, Essayist, Übersetzer und unabhängiger Filmemacher. Er hat fünf Gedichtbände in den philippinischen Sprache Bikol und Rinconada verfasst, von denen die letzten beiden 2014 mit dem National Book Award for Poetry in Filipino and Bikol ausgezeichnet wurden. Als Übersetzer übertrug er ausgewählte Gedichte von Rainer Maria Rilke (Minatubod Ako Sa Diklom), Franz Kafkas Die Verwandlung (An Pakagimata ni Gregor Samsa in Bikol und An Mapara Sa Kinaban/Ang Maglaho Sa Mundo) sowie ausgewählte Gedichte von Jorge Luis Borges in Bikol und Filipino im Rahmen eines Übersetzungsstipendiums des Programa Sur des Ministerio de Relaciones Exteriores Y Culto der Republik Argentinien. Im Jahr 2022 wurde er zu einem der „Zehn herausragenden jungen Männer der Philippinen für Kunst und Literatur“ ernannt. Er ist Ko-Vorsitzender des Übersetzungsausschusses für den philippinischen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2025 und Direktor der Ateneo de Naga University Press.
