Sesam, öff­ne dich

Diesen September feiert ein US-amerikanischer Kultroman 25-jähriges Jubiläum, den in Deutschland kaum jemand kennt. In „The Last Samurai“ von Helen DeWitt lebt ein eigenwilliges Mutter-Sohn-Duo zwischen Wörterbüchern und Klassikern der Weltliteratur. Ein Plädoyer für eine (Re)lektüre. Von

William Simpson: International Congress of Orientalists. Visit to the British Museum. The Rosetta Stone (1874). Quelle: WikiCommons

Als ich vor eini­gen Mona­ten aus fami­liä­ren Grün­den (hof­fent­lich vor­über­ge­hend) in die USA gezo­gen bin, habe ich nur weni­ge Gepäck­stü­cke aus Ber­lin mit­ge­nom­men. Zwei gold­ge­rahm­te bota­ni­sche Litho­gra­fien, die einst im Wohn­zim­mer mei­ner Groß­el­tern hin­gen, haben nicht in den Kof­fer gepasst, die ver­mis­se ich immer noch. Und dann waren da natür­lich hau­fen­wei­se Bücher, die viel zu viel Platz weg­ge­nom­men hät­ten. Eini­ge habe ich ein­ge­la­gert, ande­re ver­schenkt. Die Aus­wahl ist mir unglaub­lich schwer­ge­fal­len, aber bei ein paar Büchern stand voll­kom­men außer Fra­ge, dass sie mit­kom­men wür­den. The Last Samu­rai von Helen DeWitt war eins davon. Der Roman erschien erst­mals vor ziem­lich genau 25 Jah­ren bei Talk Mira­max Books, ein US-ame­ri­ka­ni­scher Ver­lag, der sich kur­ze Zeit spä­ter auf­lös­te. 2016 wur­de The Last Samu­rai bei New Direc­tions neu auf­ge­legt und ist dort wei­ter­hin ver­füg­bar. Die deut­sche Über­set­zung von Ulri­ke Wasel aus dem Jahr 2021 schlug hin­ge­gen kaum Wel­len und ist seit Lan­gem ver­grif­fen. Dabei wür­de ich dem Roman eine brei­te­re Rezep­ti­on so sehr wünschen.

Zu Zei­ten der Erst­ver­öf­fent­li­chung war ich im Grund­schul­al­ter und ließ mir von Vogel Kooky, der, so das Kurs­buch, nur Eng­lisch spre­chen konn­te, die Namen von Far­ben in mei­ner ers­ten Fremd­spra­che bei­brin­gen. Damit hink­te ich dem Prot­ago­nis­ten von The Last Samu­rai beim Sprach­er­werb bereits mei­len­weit hin­ter­her. Wir ler­nen Ludo im Alter von fünf Jah­ren ken­nen, da liest er Homer im alt­grie­chi­schen Ori­gi­nal und fleht sei­ne Mut­ter an, ihm end­lich Japa­nisch bei­zu­brin­gen. Sibyl­la ori­en­tiert sich bei Ludos Erzie­hung an John Stuart Mill, der schon als Drei­jäh­ri­ger ans Alt­grie­chi­sche her­an­ge­führt wurde. 


Und: Sie hält sich nicht mit bana­len All­tags­flos­keln auf, son­dern setzt ihrem Sohn High­light um High­light der Welt­li­te­ra­tur vor, die er mit Wör­ter­bü­chern und Kar­teik­ärt­chen bewaff­net ins Eng­li­sche über­trägt. Doch der Wis­sens­durst ihres Soh­nes, von dem sie selbst humor­voll als „Boy Won­der“ spricht, über­steigt ihre kühns­ten Vor­stel­lun­gen. Wie eine intel­lek­tu­el­le Ver­si­on der Rau­pe Nim­mer­satt ver­schlingt Ludo Buch um Buch. Und, wie gute Lite­ra­tur und Über­set­zungs­pro­zes­se das so an sich haben, kom­men im Minu­ten­takt Fra­gen auf, mit denen sich das Wun­der­kind, wie soll­te es anders sein, an sei­ne allein­er­zie­hen­de Mut­ter wendet. 

Sein Quen­geln stört wie­der­holt Sibyl­las Erzähl­strom, ihre Sät­ze bre­chen in der Mit­te ab und wer­den erst meh­re­re Absät­ze spä­ter wei­ter­ge­führt, wäh­rend die Laut­stär­ke von Ludos unge­dul­di­gen Inter­jek­tio­nen durch wach­sen­de Schrift­grö­ße mar­kiert ist. Der­weil ver­sucht Sibyl­la, im Rah­men einer groß ange­leg­ten Digi­ta­li­sie­rungs­kam­pa­gne für einen Hun­ger­lohn alte Wör­ter­bü­cher und Maga­zi­ne mit Titeln wie „The Pood­le Bree­der“ oder „Pig Fancier’s Month­ly“ abzutippen. 


Damit las­sen sich kaum die nötigs­ten Aus­ga­ben decken; in der klei­nen Woh­nung der bei­den wird es im Win­ter regel­mä­ßig so kalt, dass Sibyl­la mit ihrem Sohn in die U‑Bahn flüch­tet, um sich auf­zu­wär­men. Wäh­rend die bei­den mit der Lon­do­ner Cir­cle Line im Kreis fah­ren, ein­ge­deckt mit seich­ter Lek­tü­re wie der Odys­see auf Alt­grie­chisch und Sta­peln von Wör­ter­bü­chern, kom­men alle mög­lich neu­gie­ri­gen Fahr­gäs­te auf sie zu und volon­tie­ren ihre Ansich­ten zu Ludos wenig kind­ge­rech­ter Lektüre.

Ama­zing: 7
Far too young: 10
Only pre­ten­ding to read it: 6
Excel­lent idea as ety­mo­lo­gy so hel­pful for spel­ling: 19
Excel­lent idea as inflec­ted lan­guages so hel­pful for com­pu­ter pro­gramming: 8
[…]
Ter­ri­ble idea as ove­r­em­pha­sis on stu­dy of dead lan­guages direct­ly respon­si­ble for negle­ct of sci­en­ces and indus­tri­al decli­ne and uncom­pe­ti­ti­ve­ness of Bri­tain: 10
Stu­pid idea as he should be play­ing foot­ball: 1

Der Roman wird in zwei Tei­len erzählt: Der ers­te Teil ist weit­ge­hend in der Ich-Per­spek­ti­ve von Sibyl­la geschrie­ben, der zwei­te Teil speist sich aus Tage­buch­ein­trä­gen von Ludo, der sich auf die Suche nach sei­nem Vater macht. Ihren Sohn ver­dankt Sibyl­la näm­lich einem One-Night-Stand: Ludos Vater ist ein gefei­er­ter, in Sibyl­las Augen aber äußerst dürf­ti­ger Rei­se­au­tor, den sie abfäl­lig Libe­r­ace nennt. Als die bei­den sich einst nach einer Par­ty zu sei­nen Ehren gemein­sam auf den Heim­weg mach­ten, ver­such­te sie den Autor mit einem aus­schwei­fen­den Vor­trag zum Roset­ta-Stein zum Schwei­gen zu brin­gen, jenem Ste­len-Frag­ment, das die Ent­schlüs­se­lung der ägyp­ti­schen Hie­ro­gly­phen ermög­lich­te, weil sei­ne Inschrift mit­samt alt­grie­chi­scher Über­set­zung ein­ge­mei­ßelt war. Der per­ple­xe Libe­r­ace reagiert mit Avan­cen, die zu unter­bin­den Sibyl­la schlicht­weg zu höf­lich war. 

Gra­du­al­ly as we drank more drinks Libe­r­ace tal­ked more and more and more and asked more and more if he was bor­ing me, and as a result it see­med less and less pos­si­ble to lea­ve, becau­se if he wasn’t bor­ing me why would I want to lea­ve?
[…] I was still drunk, and I was still try­ing to think of things I could do wit­hout being unpar­donab­ly rude. Well, I thought, I could sleep with him wit­hout being rude, and so I respon­ded in a sui­ta­ble man­ner as he unbot­ten­ed the but­tons of my dress. 
This was a ter­ri­ble mistake.

Libe­r­aces Iden­ti­tät ver­schweigt Sibyl­la ihrem Sohn, doch der fin­det im Alter von elf Jah­ren schließ­lich einen Brief mit dem Namen sei­nes Vaters und stat­tet ihm heim­lich einen Besuch ab – nur um fest­zu­stel­len, dass er ihn genau so unzu­läng­lich fin­det, wie sei­ne Mut­ter es ihm pro­phe­zeit hat. Da bringt ihn Aki­ra Kur­o­sa­was Film Seven Samu­rai, den Sibyl­la in Erman­ge­lung einer Vater­fi­gur für Ludo in Dau­er­schlei­fe lau­fen lässt, auf eine Idee. Der japa­ni­sche Klas­si­ker spielt in einem Berg­dorf, das Räu­ber zu über­fal­len dro­hen. Einer der Dorf­be­woh­ner macht sich auf die Suche nach den titel­ge­ben­den sie­ben Samu­rai, um das Dorf zu ver­tei­di­gen. War­um soll­te Ludo sich nicht selbst auf die Suche nach sei­nen Samu­rai machen, in Gestalt von alter­na­ti­ven Vater­fi­gu­ren? Sie­ben ver­schie­de­ne Anwär­ter macht er aus­fin­dig; teils sind es Män­ner, denen Sibyl­la tat­säch­lich ein­mal begeg­net ist, teils Per­sön­lich­kei­ten, von deren Schaf­fen sie ihrem Sohn berich­tet hat. Alle­samt sind sie Kory­phä­en auf ihrem Gebiet: Vom Mathe­ma­ti­ker über den Lin­gu­is­ten hin zum Künst­ler hin zum Pia­nis­ten. Doch als Vor­bil­der, das stellt sich in end­lo­sen Mono­lo­gen mit vari­ie­ren­dem Nar­ziss­mus-Level her­aus, tau­gen sie kaum.

Jene Fra­ge nach den rich­ti­gen Vor­bild­fi­gu­ren war die zen­tra­le Inspi­ra­ti­on für The Last Samu­rai. Als Helen DeWitt ihren zün­den­den Ein­fall hat­te, hat­te sie schon rund 7 Jah­re an einem Roman geschrie­ben – oder an meh­re­ren, rund 100 Ent­wür­fe ver­schie­de­ner Roman­pro­jek­te hat­te sie ange­sam­melt. Etwas muss­te sich ändern. Also beschloss die Autorin, ihren Job als Rechts­an­walts­se­kre­tä­rin zu kün­di­gen, um sich voll und ganz dem Schrei­ben zu wid­men. Als sie ihrem Vater von ihrer Ent­schei­dung erzähl­te, war der alles ande­re als begeis­tert. Und DeWitt dach­te sich: Was, wenn wir uns unse­re Eltern aus­su­chen könn­ten, anstatt uns mit dem zu begnü­gen, was das gene­ti­sche Schick­sal für uns aus­er­ko­ren hat?

Prot­ago­nis­tin Sibyl­la und Helen DeWitt tei­len eini­ge bio­gra­fi­sche Par­al­le­len. Bei­de sind unzu­frie­den mit dem Ein­fluss des jewei­li­gen Vaters auf ihr Leben; bei­de sind nach Oxford gegan­gen ohne zu fin­den, was sie such­ten; bei­de haben sich im Selbst­stu­di­um eine Viel­zahl an Spra­chen bei­gebracht. In einem Vul­tu­re-Arti­kel aus dem Jahr 2016 hieß es, Helen DeWitt beherr­sche in abstei­gen­der Rei­hen­fol­ge ihrer Sprach­kennt­nis­se Latein, Alt­grie­chisch, Fran­zö­sisch, Deutsch, Spa­nisch, Ita­lie­nisch, Por­tu­gie­sisch, Nie­der­län­disch, Dänisch, Nor­we­gisch, Schwe­disch, Ara­bisch, Hebrä­isch und Japa­nisch. Vie­le davon haben ihren Weg in den Roman gefun­den – gan­ze Sei­ten bestehen aus Gegen­über­stel­lun­gen von Lite­ra­tur­frag­men­ten im Ori­gi­nal und ihrer eng­li­schen Über­set­zung. Dazu gesel­len sich Erläu­te­run­gen des grie­chi­schen Alpha­bets und japa­ni­scher Kan­ji, nur unter­bro­chen von einer uner­sätt­lich neu­gie­ri­gen Kin­der­stim­me und der einer Mut­ter, die dank­bar für die­se Neu­gier ist und sich gleich­zei­tig fragt, was sie sich mit der kind­li­chen Früh­erzie­hung da ein­ge­brockt hat.

Die Sprach­viel­falt war es auch, die DeWitt bei der Publi­ka­ti­on ihres Romans mehr als einen Stein in den Weg leg­te. The Last Samu­rai war 2000 der Über­ra­schungs­er­folg auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se, wur­de von der anglo­pho­nen Lite­ra­tur­kri­tik als Aus­nah­me­phä­no­men gefei­ert und ver­kauf­te aus dem Stand über 100.000 Exem­pla­re. Ähn­lich wie auch ihr zwei­ter Roman Light­ning Rods geriet The Last Samu­rai zum Kult-Klas­si­ker mit ein­ge­schwo­re­ner Fangemeinde.

Im Hin­ter­grund aber hat­te sich ein erbit­ter­ter Kampf mit dem Ver­lag abge­spielt. Zunächst ein­mal war es schwie­rig, über­haupt ein Haus für das Manu­skript zu fin­den. Über das gro­ße Poten­zi­al waren sich fast alle einig, doch gefie­len den Agent*innen, Lektor*innen und Verleger*innen jeweils unter­schied­li­che Facet­ten des Hybridro­mans, und kaum jemand war bereit, sich auf das Pro­jekt ein­zu­las­sen, das der Autorin selbst vorschwebte. 

Immer wie­der muss­te DeWitt ihre zahl­rei­chen Sprach­ein­spreng­sel ver­tei­di­gen, das Lek­to­rat fürch­te­te die Leser­schaft zu ver­lie­ren und die ver­schie­de­nen Alpha­be­te berei­te­ten der Gra­fik­ab­tei­lung Bauch­schmer­zen. Die Rechts­ab­tei­lung war der­weil damit befasst, Lizen­zen für die vie­len Ori­gi­nal­zi­ta­te ein­zu­ho­len, und mit den Titel­rech­ten: Eigent­lich soll­te der Roman wie der titel­ge­ben­de Film Seven Samu­rai hei­ßen, doch das ließ sich letzt­lich nicht umset­zen. Eine unglück­li­che Fügung, denn drei Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung von The Last Samu­rai erschien der gleich­na­mi­ge Film mit Tom Crui­se, der mit dem Roman nichts zu tun hat, aber in jeder Goog­le-Suche an ers­ter Stel­le erscheint. DeWitt, die alles auf ihr Schrei­ben gesetzt hat­te, unter­nahm zwi­schen­zeit­lich einen Sui­zid­ver­such. In ihrer Kurz­ge­schich­ten­samm­lung Some Trick wie auch in der Novel­le The Eng­lish Under­stand Wool nimmt sie den Lite­ra­tur­be­trieb aufs Korn, von dem sie sich der­ar­tig im Stich gelas­sen fühl­te, und dem Pro­fi­te stets wich­ti­ger schie­nen als ihr per­sön­li­cher Antrieb: ihre Begeis­te­rung für Spra­che, Kunst und Lite­ra­tur, für Wis­sen um des Wis­sens wil­len, ihr Stre­ben ein ein­zig­ar­ti­ges lite­ra­ri­sches Werk zu schaf­fen (wobei sie, das muss man sagen, bequem unter­schlägt, dass sich Ver­la­ge natür­lich eben­so in der kapi­ta­lis­ti­schen Logik gefan­gen sehen, bestimm­te Ver­kaufs­zah­len gene­rie­ren zu müs­sen). Bei­de sind extrem lesens­wert und von DeWitts bis­si­gem tro­cke­nen Humor getra­gen, keins von bei­den ist ins Deut­sche über­setzt worden.

Auf­fäl­lig ist, dass DeWitts spä­te­re Publi­ka­tio­nen nihi­lis­ti­scher daher­kom­men als ihr Debüt. The Last Samu­rai ist zwar eben­so geprägt von poin­tier­tem Sar­kas­mus und der all­ge­gen­wär­ti­ge Wis­sens­protz mag mit­un­ter ein biss­chen bla­siert erschei­nen, doch der Roman ist gleich­zei­tig vol­ler Wär­me und Ver­letz­lich­keit. Die zen­tra­le Suche nach Sinn­haf­tig­keit und Empa­thie wie auch die Zen­tra­li­tät von Kunst und Lite­ra­tur zeu­gen mehr von Moder­nis­mus denn Nihi­lis­mus. „Sesam, öff­ne dich“ ist eine wie­der­keh­ren­de Phra­se im Roman, die sowohl die Such­be­we­gung als auch die über­bor­den­de Fas­zi­na­ti­on am geschrie­be­nen und gespro­che­nen Wort verkörpert. 

Kom­ple­xi­tät ist hier eben nicht nur Pose, son­dern Aus­druck von Offen­heit und tie­fer Neu­gier. „The­re are peo­p­le who think death a fate worse than bore­dom”, heißt es früh im Roman. Ein­deu­tig gehört Sibyl­la nicht zu die­sen Men­schen. Tat­säch­lich hat sie (eben­so wie die Autorin) bereits einen Sui­zid­ver­such hin­ter sich, wie wir spä­ter erfah­ren wer­den. Ein genau­er Grund wird nicht genannt, aber eini­ge Fak­to­ren lie­gen auf der Hand: die Igno­ranz der Gesell­schaft, Pre­ka­ri­tät, Ein­sam­keit, Lee­re. Und so wird auch Ludos Suche nach sei­ner Vater­fi­gur schließ­lich aus einer Suche nach jeman­dem zu einer Suche nach etwas – etwas, das die Lee­re im Leben sei­ner Mut­ter fül­len kann. 

Ich selbst habe The Last Samu­rai zum ers­ten Mal 2020 wäh­rend der Pan­de­mie gele­sen, als alles irgend­wie bedroh­lich wirk­te und wahn­sin­nig trist. Eine Zeit­lang fiel es mir schwer, Din­ge in mei­nem All­tag zu fin­den, die mich begeis­tern konn­ten. The Last Samu­rai begeis­ter­te mich. Ein lite­ra­ri­scher Schlag­ab­tausch dar­über, dass die Unter­ti­tel von Kur­o­sa­was Meis­ter­werk wahr­schein­lich in „Pen­gu­in“ ver­fasst sei­en, also einer ver­ein­fach­ten Sprach­form, in der die Idio­me des Ori­gi­nals ver­lo­ren­ge­hen, begeis­ter­te mich. Ein Exkurs in die Aero­dy­na­mik, bei dem der Radi­us eines Lap­pen­tau­chers mit r = 5cm appro­xi­miert wird, um sein Jagd­ver­hal­ten unter Was­ser zu beschrei­ben, begeis­ter­te mich. Eine Prot­ago­nis­tin, die sich mit der Hil­fe von Teach Yours­elf Ger­man einem Werk namens Arist­archs Athe­sen in der Homer­kri­tik zu nähern ver­sucht und dabei zunächst bei fol­gen­der Über­set­zung angelangt:

It is tru­ly some­thing and some­thing which the some­thing with the some­thing of this some­thing has some­thing and some­thing, so some­thing also this some­thing might some­thing at first something.

DeWitt beschrieb Iden­ti­tät ein­mal als Ansamm­lung lin­gu­is­ti­scher Mus­ter. In einer ande­ren Spra­che zu spre­chen und schrei­ben, ermög­li­che den Zugang zu einer alter­na­ti­ven Geschich­te des Selbst. In ver­schie­de­nen Spra­chen zu den­ken, zu lesen und zu schrei­ben, öff­net uns. The Last Samu­rai ist viel­fach als Roman über ein Wun­der­kind gele­sen wor­den, doch die Autorin hat immer wie­der betont, dass sie von einem Kind erzäh­len woll­te, des­sen kind­li­che Neu­gier nicht abge­wie­gelt, son­dern mit immer neu­en Anre­gun­gen gefüt­tert wird. Und nun, bei mei­ner Relek­tü­re in einem ande­ren Land, des­sen Gesund­heits­mi­nis­ter gera­de bar jeg­li­cher Fak­ten­ba­sis hat ver­lau­ten las­sen, die Ein­nah­me von Tyle­nol wäh­rend der Schwan­ger­schaft ver­ur­sa­che Autis­mus – eben­je­nes Medi­ka­ment, mit dem Sibyl­la sich durch eine Über­do­sis das Leben zu neh­men ver­sucht – erscheint Helen DeWitts Know­ledge Porn wie ein Gegen­gift zur all­ge­gen­wär­ti­gen nach innen gewand­ten Idio­kra­tie. Sesam, öff­ne dich, ein biss­chen mehr Offen­heit kön­nen wir alle gut gebrauchen.


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