Als ich vor einigen Monaten aus familiären Gründen (hoffentlich vorübergehend) in die USA gezogen bin, habe ich nur wenige Gepäckstücke aus Berlin mitgenommen. Zwei goldgerahmte botanische Lithografien, die einst im Wohnzimmer meiner Großeltern hingen, haben nicht in den Koffer gepasst, die vermisse ich immer noch. Und dann waren da natürlich haufenweise Bücher, die viel zu viel Platz weggenommen hätten. Einige habe ich eingelagert, andere verschenkt. Die Auswahl ist mir unglaublich schwergefallen, aber bei ein paar Büchern stand vollkommen außer Frage, dass sie mitkommen würden. The Last Samurai von Helen DeWitt war eins davon. Der Roman erschien erstmals vor ziemlich genau 25 Jahren bei Talk Miramax Books, ein US-amerikanischer Verlag, der sich kurze Zeit später auflöste. 2016 wurde The Last Samurai bei New Directions neu aufgelegt und ist dort weiterhin verfügbar. Die deutsche Übersetzung von Ulrike Wasel aus dem Jahr 2021 schlug hingegen kaum Wellen und ist seit Langem vergriffen. Dabei würde ich dem Roman eine breitere Rezeption so sehr wünschen.

Zu Zeiten der Erstveröffentlichung war ich im Grundschulalter und ließ mir von Vogel Kooky, der, so das Kursbuch, nur Englisch sprechen konnte, die Namen von Farben in meiner ersten Fremdsprache beibringen. Damit hinkte ich dem Protagonisten von The Last Samurai beim Spracherwerb bereits meilenweit hinterher. Wir lernen Ludo im Alter von fünf Jahren kennen, da liest er Homer im altgriechischen Original und fleht seine Mutter an, ihm endlich Japanisch beizubringen. Sibylla orientiert sich bei Ludos Erziehung an John Stuart Mill, der schon als Dreijähriger ans Altgriechische herangeführt wurde.
Und: Sie hält sich nicht mit banalen Alltagsfloskeln auf, sondern setzt ihrem Sohn Highlight um Highlight der Weltliteratur vor, die er mit Wörterbüchern und Karteikärtchen bewaffnet ins Englische überträgt. Doch der Wissensdurst ihres Sohnes, von dem sie selbst humorvoll als „Boy Wonder“ spricht, übersteigt ihre kühnsten Vorstellungen. Wie eine intellektuelle Version der Raupe Nimmersatt verschlingt Ludo Buch um Buch. Und, wie gute Literatur und Übersetzungsprozesse das so an sich haben, kommen im Minutentakt Fragen auf, mit denen sich das Wunderkind, wie sollte es anders sein, an seine alleinerziehende Mutter wendet.
Sein Quengeln stört wiederholt Sibyllas Erzählstrom, ihre Sätze brechen in der Mitte ab und werden erst mehrere Absätze später weitergeführt, während die Lautstärke von Ludos ungeduldigen Interjektionen durch wachsende Schriftgröße markiert ist. Derweil versucht Sibylla, im Rahmen einer groß angelegten Digitalisierungskampagne für einen Hungerlohn alte Wörterbücher und Magazine mit Titeln wie „The Poodle Breeder“ oder „Pig Fancier’s Monthly“ abzutippen.

Damit lassen sich kaum die nötigsten Ausgaben decken; in der kleinen Wohnung der beiden wird es im Winter regelmäßig so kalt, dass Sibylla mit ihrem Sohn in die U‑Bahn flüchtet, um sich aufzuwärmen. Während die beiden mit der Londoner Circle Line im Kreis fahren, eingedeckt mit seichter Lektüre wie der Odyssee auf Altgriechisch und Stapeln von Wörterbüchern, kommen alle möglich neugierigen Fahrgäste auf sie zu und volontieren ihre Ansichten zu Ludos wenig kindgerechter Lektüre.
Amazing: 7
Far too young: 10
Only pretending to read it: 6
Excellent idea as etymology so helpful for spelling: 19
Excellent idea as inflected languages so helpful for computer programming: 8
[…]
Terrible idea as overemphasis on study of dead languages directly responsible for neglect of sciences and industrial decline and uncompetitiveness of Britain: 10
Stupid idea as he should be playing football: 1
Der Roman wird in zwei Teilen erzählt: Der erste Teil ist weitgehend in der Ich-Perspektive von Sibylla geschrieben, der zweite Teil speist sich aus Tagebucheinträgen von Ludo, der sich auf die Suche nach seinem Vater macht. Ihren Sohn verdankt Sibylla nämlich einem One-Night-Stand: Ludos Vater ist ein gefeierter, in Sibyllas Augen aber äußerst dürftiger Reiseautor, den sie abfällig Liberace nennt. Als die beiden sich einst nach einer Party zu seinen Ehren gemeinsam auf den Heimweg machten, versuchte sie den Autor mit einem ausschweifenden Vortrag zum Rosetta-Stein zum Schweigen zu bringen, jenem Stelen-Fragment, das die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen ermöglichte, weil seine Inschrift mitsamt altgriechischer Übersetzung eingemeißelt war. Der perplexe Liberace reagiert mit Avancen, die zu unterbinden Sibylla schlichtweg zu höflich war.
Gradually as we drank more drinks Liberace talked more and more and more and asked more and more if he was boring me, and as a result it seemed less and less possible to leave, because if he wasn’t boring me why would I want to leave?
[…] I was still drunk, and I was still trying to think of things I could do without being unpardonably rude. Well, I thought, I could sleep with him without being rude, and so I responded in a suitable manner as he unbottened the buttons of my dress.
This was a terrible mistake.
Liberaces Identität verschweigt Sibylla ihrem Sohn, doch der findet im Alter von elf Jahren schließlich einen Brief mit dem Namen seines Vaters und stattet ihm heimlich einen Besuch ab – nur um festzustellen, dass er ihn genau so unzulänglich findet, wie seine Mutter es ihm prophezeit hat. Da bringt ihn Akira Kurosawas Film Seven Samurai, den Sibylla in Ermangelung einer Vaterfigur für Ludo in Dauerschleife laufen lässt, auf eine Idee. Der japanische Klassiker spielt in einem Bergdorf, das Räuber zu überfallen drohen. Einer der Dorfbewohner macht sich auf die Suche nach den titelgebenden sieben Samurai, um das Dorf zu verteidigen. Warum sollte Ludo sich nicht selbst auf die Suche nach seinen Samurai machen, in Gestalt von alternativen Vaterfiguren? Sieben verschiedene Anwärter macht er ausfindig; teils sind es Männer, denen Sibylla tatsächlich einmal begegnet ist, teils Persönlichkeiten, von deren Schaffen sie ihrem Sohn berichtet hat. Allesamt sind sie Koryphäen auf ihrem Gebiet: Vom Mathematiker über den Linguisten hin zum Künstler hin zum Pianisten. Doch als Vorbilder, das stellt sich in endlosen Monologen mit variierendem Narzissmus-Level heraus, taugen sie kaum.
Jene Frage nach den richtigen Vorbildfiguren war die zentrale Inspiration für The Last Samurai. Als Helen DeWitt ihren zündenden Einfall hatte, hatte sie schon rund 7 Jahre an einem Roman geschrieben – oder an mehreren, rund 100 Entwürfe verschiedener Romanprojekte hatte sie angesammelt. Etwas musste sich ändern. Also beschloss die Autorin, ihren Job als Rechtsanwaltssekretärin zu kündigen, um sich voll und ganz dem Schreiben zu widmen. Als sie ihrem Vater von ihrer Entscheidung erzählte, war der alles andere als begeistert. Und DeWitt dachte sich: Was, wenn wir uns unsere Eltern aussuchen könnten, anstatt uns mit dem zu begnügen, was das genetische Schicksal für uns auserkoren hat?
Protagonistin Sibylla und Helen DeWitt teilen einige biografische Parallelen. Beide sind unzufrieden mit dem Einfluss des jeweiligen Vaters auf ihr Leben; beide sind nach Oxford gegangen ohne zu finden, was sie suchten; beide haben sich im Selbststudium eine Vielzahl an Sprachen beigebracht. In einem Vulture-Artikel aus dem Jahr 2016 hieß es, Helen DeWitt beherrsche in absteigender Reihenfolge ihrer Sprachkenntnisse Latein, Altgriechisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Niederländisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Arabisch, Hebräisch und Japanisch. Viele davon haben ihren Weg in den Roman gefunden – ganze Seiten bestehen aus Gegenüberstellungen von Literaturfragmenten im Original und ihrer englischen Übersetzung. Dazu gesellen sich Erläuterungen des griechischen Alphabets und japanischer Kanji, nur unterbrochen von einer unersättlich neugierigen Kinderstimme und der einer Mutter, die dankbar für diese Neugier ist und sich gleichzeitig fragt, was sie sich mit der kindlichen Früherziehung da eingebrockt hat.

Die Sprachvielfalt war es auch, die DeWitt bei der Publikation ihres Romans mehr als einen Stein in den Weg legte. The Last Samurai war 2000 der Überraschungserfolg auf der Frankfurter Buchmesse, wurde von der anglophonen Literaturkritik als Ausnahmephänomen gefeiert und verkaufte aus dem Stand über 100.000 Exemplare. Ähnlich wie auch ihr zweiter Roman Lightning Rods geriet The Last Samurai zum Kult-Klassiker mit eingeschworener Fangemeinde.
Im Hintergrund aber hatte sich ein erbitterter Kampf mit dem Verlag abgespielt. Zunächst einmal war es schwierig, überhaupt ein Haus für das Manuskript zu finden. Über das große Potenzial waren sich fast alle einig, doch gefielen den Agent*innen, Lektor*innen und Verleger*innen jeweils unterschiedliche Facetten des Hybridromans, und kaum jemand war bereit, sich auf das Projekt einzulassen, das der Autorin selbst vorschwebte.
Immer wieder musste DeWitt ihre zahlreichen Spracheinsprengsel verteidigen, das Lektorat fürchtete die Leserschaft zu verlieren und die verschiedenen Alphabete bereiteten der Grafikabteilung Bauchschmerzen. Die Rechtsabteilung war derweil damit befasst, Lizenzen für die vielen Originalzitate einzuholen, und mit den Titelrechten: Eigentlich sollte der Roman wie der titelgebende Film Seven Samurai heißen, doch das ließ sich letztlich nicht umsetzen. Eine unglückliche Fügung, denn drei Jahre nach Veröffentlichung von The Last Samurai erschien der gleichnamige Film mit Tom Cruise, der mit dem Roman nichts zu tun hat, aber in jeder Google-Suche an erster Stelle erscheint. DeWitt, die alles auf ihr Schreiben gesetzt hatte, unternahm zwischenzeitlich einen Suizidversuch. In ihrer Kurzgeschichtensammlung Some Trick wie auch in der Novelle The English Understand Wool nimmt sie den Literaturbetrieb aufs Korn, von dem sie sich derartig im Stich gelassen fühlte, und dem Profite stets wichtiger schienen als ihr persönlicher Antrieb: ihre Begeisterung für Sprache, Kunst und Literatur, für Wissen um des Wissens willen, ihr Streben ein einzigartiges literarisches Werk zu schaffen (wobei sie, das muss man sagen, bequem unterschlägt, dass sich Verlage natürlich ebenso in der kapitalistischen Logik gefangen sehen, bestimmte Verkaufszahlen generieren zu müssen). Beide sind extrem lesenswert und von DeWitts bissigem trockenen Humor getragen, keins von beiden ist ins Deutsche übersetzt worden.
Auffällig ist, dass DeWitts spätere Publikationen nihilistischer daherkommen als ihr Debüt. The Last Samurai ist zwar ebenso geprägt von pointiertem Sarkasmus und der allgegenwärtige Wissensprotz mag mitunter ein bisschen blasiert erscheinen, doch der Roman ist gleichzeitig voller Wärme und Verletzlichkeit. Die zentrale Suche nach Sinnhaftigkeit und Empathie wie auch die Zentralität von Kunst und Literatur zeugen mehr von Modernismus denn Nihilismus. „Sesam, öffne dich“ ist eine wiederkehrende Phrase im Roman, die sowohl die Suchbewegung als auch die überbordende Faszination am geschriebenen und gesprochenen Wort verkörpert.
Komplexität ist hier eben nicht nur Pose, sondern Ausdruck von Offenheit und tiefer Neugier. „There are people who think death a fate worse than boredom”, heißt es früh im Roman. Eindeutig gehört Sibylla nicht zu diesen Menschen. Tatsächlich hat sie (ebenso wie die Autorin) bereits einen Suizidversuch hinter sich, wie wir später erfahren werden. Ein genauer Grund wird nicht genannt, aber einige Faktoren liegen auf der Hand: die Ignoranz der Gesellschaft, Prekarität, Einsamkeit, Leere. Und so wird auch Ludos Suche nach seiner Vaterfigur schließlich aus einer Suche nach jemandem zu einer Suche nach etwas – etwas, das die Leere im Leben seiner Mutter füllen kann.
Ich selbst habe The Last Samurai zum ersten Mal 2020 während der Pandemie gelesen, als alles irgendwie bedrohlich wirkte und wahnsinnig trist. Eine Zeitlang fiel es mir schwer, Dinge in meinem Alltag zu finden, die mich begeistern konnten. The Last Samurai begeisterte mich. Ein literarischer Schlagabtausch darüber, dass die Untertitel von Kurosawas Meisterwerk wahrscheinlich in „Penguin“ verfasst seien, also einer vereinfachten Sprachform, in der die Idiome des Originals verlorengehen, begeisterte mich. Ein Exkurs in die Aerodynamik, bei dem der Radius eines Lappentauchers mit r = 5cm approximiert wird, um sein Jagdverhalten unter Wasser zu beschreiben, begeisterte mich. Eine Protagonistin, die sich mit der Hilfe von Teach Yourself German einem Werk namens Aristarchs Athesen in der Homerkritik zu nähern versucht und dabei zunächst bei folgender Übersetzung angelangt:
It is truly something and something which the something with the something of this something has something and something, so something also this something might something at first something.
DeWitt beschrieb Identität einmal als Ansammlung linguistischer Muster. In einer anderen Sprache zu sprechen und schreiben, ermögliche den Zugang zu einer alternativen Geschichte des Selbst. In verschiedenen Sprachen zu denken, zu lesen und zu schreiben, öffnet uns. The Last Samurai ist vielfach als Roman über ein Wunderkind gelesen worden, doch die Autorin hat immer wieder betont, dass sie von einem Kind erzählen wollte, dessen kindliche Neugier nicht abgewiegelt, sondern mit immer neuen Anregungen gefüttert wird. Und nun, bei meiner Relektüre in einem anderen Land, dessen Gesundheitsminister gerade bar jeglicher Faktenbasis hat verlauten lassen, die Einnahme von Tylenol während der Schwangerschaft verursache Autismus – ebenjenes Medikament, mit dem Sibylla sich durch eine Überdosis das Leben zu nehmen versucht – erscheint Helen DeWitts Knowledge Porn wie ein Gegengift zur allgegenwärtigen nach innen gewandten Idiokratie. Sesam, öffne dich, ein bisschen mehr Offenheit können wir alle gut gebrauchen.
