Frühmorgens steige ich in den Zug – mein Ziel: Hamburg Altona. Ich werde die zwei Fahrtstunden nutzen, um zu arbeiten, und richte mich mit Kaffee und Laugenbrezel auf meinem Sitzplatz ein. Nein, Stopp. Das stimmt ja gar nicht, spulen wir nochmal zurück! Reeee-wiiiind: Ich gehe mittags zu Fuß zum Münsteraner Hauptbahnhof, stelle mich auf den Bahnsteig von Gleis 9 und warte, dass der ICE einfährt, der die Übersetzerin Miriam Mandelkow zu mir bringen soll. Und man glaubt es kaum: Auf die Sekunde genau kommt der Zug herangebraust und eine fröhliche Miriam kommt mir in ihren leuchtend gelben Schuhen entgegen.
Als ich Miriam im Frühsommer gefragt habe, ob ich ein Porträt über sie schreiben dürfe, hatte ich ihr natürlich angeboten, sie in Hamburg zu besuchen – und hey, das hätte ich direkt mit einem kurzen Städtetrip verbinden können, denn ich muss zugeben, dass ich von Hamburg bisher nur den Hauptbahnhof gesehen habe. Miriam hatte anscheinend eine ähnliche Idee und schlug vor, wir könnten uns ja in Münster treffen, denn von Münster habe sie bisher nur den Hauptbahnhof gesehen … ähm, okay! Zwei Übersetzerinnen, ein Gedanke. Dann eben Münster – und los geht’s!
Erst die Arbeit, dann der Spaß, lautet unser Motto, obwohl die Arbeit mit Miriam Mandelkow auch Spaß macht, ein Glück! Wir gehen zum Haus der Niederlande, um dort in einem Büroraum in Ruhe reden zu können, und ich freue mich, dass mir dieser Einfall in letzter Sekunde gekommen ist, weil dieser geschichtsträchtige Ort ganz wundervoll zu Miriams Biografie passt, denn Miriam ist die ersten sechs Jahre ihres Lebens in den Niederlanden aufgewachsen, zuerst in Amsterdam, und später in Oegstgeest. Als Niederländischübersetzerin werde ich da natürlich sofort hellhörig, und so erkundige ich mich danach, wie es dazu kam und ob Miriam etwa Niederländisch spricht.
Auslöser war die Arbeit des Vaters, für die er mit seiner Frau und den beiden Söhnen ins Nachbarland zog. Nach dem dritten Sohn kam später auch Miriam dort zur Welt – als echte Niederländerin sozusagen. Was sich auch sprachlich zeigt, denn zu Hause wurde Niederländisch gesprochen, nicht etwa Deutsch. Miriams erste Muttersprache, kann man also mit Fug und Recht behaupten, ist die Sprache der Nachbarn. Als es dann im Alter von sechs Jahren nach Hamburg ging, wurde mit dem Land auch die Sprache gewechselt, aber in der ersten Klasse musste Miriam immer wieder „holländische Lieder“ singen, und wenn das Wort Niederlande fiel, drehten sich alle Köpfe in ihre Richtung.
Obwohl sie Deutsch schnell meisterte, wurde sie mit dem Land und der Sprache lange Zeit nicht so richtig warm. In einem Radiointerview sagte die Übersetzerin sogar einmal, sie habe die deutsche Sprache lange gehasst. Das muss sich inzwischen geändert haben, konfrontiere ich sie, denn eine Übersetzerin, die ihre Sprache nicht mag, wie soll das denn funktionieren? Und dann übersetzt Miriam ja gar nicht aus dem Niederländischen, was naheliegend gewesen wäre, sondern aus dem Englischen. Wie kam es zu dieser Sprachenwahl?
Miriam holt kurz aus: Ihre Mutter wuchs in England auf, nachdem sie im August 1939 mit ihrer Familie emigriert war. Als sie zurückkam, war sie sechzehn und konnte kein Deutsch mehr, die älteste Schwester blieb in England. Die Geschichte der Mutter und der Kontakt mit der englischen Verwandtschaft und der Sprache, die wiederum für ihre Mutter eigentlich zur Muttersprache geworden war, müssen sie beeinflusst haben, mutmaßt Miriam. Sie erzählt die Anekdote, dass ihre Mutter manchmal etwas auf Englisch mit der Begründung gesagt habe, dass man das nicht übersetzen könne. Tja … Miriam hat gezeigt, wie man’s macht! Neben der Familiengeschichte war da aber auch noch der Englischunterricht an der Schule ab der siebten Klasse. Die Sprache hat in Miriam Mandelkow direkt ein sehr konkretes Gefühl ausgelöst: „Da will ich wohnen, aus dieser Sprache möchte ich nicht wieder ausziehen, in dieser Sprache möchte ich körperlich bleiben.“ Liebe auf den ersten Blick. Eine spannende Mischung aus dem Fortwirken der Vergangenheit, dem Kontakt mit der Verwandtschaft in England und den USA und der eigenen Entscheidung für eine Sprache, „selbst gewählt und vorbelastet“, resümiert Miriam, selbst etwas erstaunt.
In der Schule wuchs die Liebe zur englischsprachigen, aber vor allem zur US-amerikanischen Literatur – und tatsächlich wurde in der Schule auch schon Baldwin gelesen! Ein Porträt über Miriam Mandelkow zu schreiben, ohne eine kurze Baldwin-Exkursion einzubauen, ist vermutlich gar nicht möglich, also biegen wir hier kurz ab: Ich bin neugierig, wie muss man sich so ein Riesenprojekt – die Neuübersetzung des Baldwin-Werkes –, wie Miriam es mit DTV seit einigen Jahren durchzieht, vorstellen? Ich frage Miriam, ob dieses Jahr eigentlich schon eine neue Baldwin-Übersetzung von ihr erschienen ist. Die Antwort lautet nein. Ich frage Miriam, ob denn noch eine komme, die Antwort lautet nein. Ich frage Miriam, wie sich das anfühle, und sie muss lachen. Es geht auf jeden Fall weiter.
Alles begann 2017 kurz nach der Veröffentlichung des Dokumentarfilms I Am Not Your Negro von Raoul Peck. DTV hatte zu dem Zeitpunkt bereits die Rechte für Baldwins Werk erworben und startete passend mit der neuen Reihe. Welcher Titel wann veröffentlicht wird, bespreche die Übersetzerin mit dem Verlag, aber das habe natürlich auch mit äußeren Einflüssen zu tun – zum Beispiel wenn eine Verfilmung wie die von Beale Street Blues erscheint. Dass Baldwin und Mandelkow ein tolles Match sind, ist spätestens seit 2020 klar, als Miriam für ihre Übertragung von Von dieser Welt und anderen Werken des Autors mit dem renommierten Helmut‑M.-Braem-Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Die im Englischunterricht Baldwin-lesende Schülerin mit einer Abneigung gegenüber der deutschen Sprache ist also zur preisgekrönten Baldwin-Übersetzerin ins Deutsche geworden. Wie das genau vonstatten ging, muss ich also dringend genauer in Erfahrung bringen.
Bei der Entscheidung für ein Studienfach hätte die junge Miriam Mandelkow fast einen anderen Weg eingeschlagen und sich für ihre zweite Leidenschaft entschieden – das Tanzen. Tanzpädagogik oder Anglistik und Amerikanistik, dazwischen musste sie sich entscheiden, und sie wählte einen klugen Mittelweg: Sie studierte Anglistik und Amerikanistik und finanzierte sich das Studium, indem sie Steppunterricht gab. Das Steppen ist für Miriam immer noch essenziell: „Ich denke nicht mit dem Kopf, sondern mit den Fingern, für mich ist das Tippen ganz wichtig, und tatsächlich mit den Füßen.“ Und wenn man ihre Übersetzungen liest und die Laudationes für ihre Preise studiert, weiß man, was Miriam damit meint, denn Rhythmus und Klang zeichnen ihre Übersetzungen in besonderer Weise aus.
Auch während ihres Auslandsaufenthalts in den USA hat Miriam ihre Leidenschaft weiterverfolgt und bei einer australischen Stepplehrerin Unterricht genommen. Aber natürlich hat sie dort vor allem studiert. Miriam wollte die USA kennenlernen, dort leben, und so hat sie sich auf ein DAAD Stipendium beworben, und landete in Indiana. Dort hat sie zwei Jahre verbracht und unter anderem bei einem der damals bekanntesten Holocaustliteraturforscher studiert, für den sie im zweiten Jahr auch als studentische Hilfskraft tätig war. Indiana selbst sei nicht gerade das erstrebenswerteste Ziel in den USA – wenngleich nah genug an Chicago –, doch sie habe sich vor allem ins Campusleben gestürzt und dort genau das gefunden, wonach sie gesucht hatte – ein ganz anderes Studieren. Miriam tauchte so sehr in die Sprache ein, dass sie die Telefonate mit ihrer Mutter irgendwann auf Englisch führte, die sich wiederum über ihren amerikanischen Akzent lustig machte.
Nach der Rückkehr nach Hamburg und einem abgeschlossenen Studium machte Miriam ein Lektoratspraktikum beim Rowohlt Verlag und arbeitete anschließend jahrelang als freie Lektorin für verschiedene Verlage und dann zwei Jahre lang als feste freie Mitarbeiterin für den Rowohlt Verlag. Passenderweise lektorierte Miriam ausschließlich internationale Literatur und kam dadurch auch das erste Mal mit Übersetzer:innen in Kontakt, von denen sie wahnsinnig viel gelernt habe, wie sie direkt betont. Apropos Übersetzer:innen, bei meiner Recherche für dieses Gespräch bin ich über ein Zitat von Miriam gestolpert, das ich ihr direkt unter die Nase reiben muss. 2015 wurde Miriam Mandelkow der Hieronymusring überreicht, eine Ehrung aus den eigenen Reihen. In ihrer Dankesrede erwähnte sie ein Seminar, bei dem Literaturkritiker:innen, Lektor:innen und Übersetzer:innen zusammengekommen waren, und sagte:
„Zur Zeit des Seminars bei Frank [Heibert] war ich täglich damit beschäftigt, Übersetzungen zu redigieren, und täglich wuchs mein Neid auf die Übersetzer, weil mir immer wieder vor Augen geführt wurde, dass sie diejenigen sind, die den Text gestalten. Doch ehrlich gesagt rührte mein Neid auch daher, dass mir bei meiner Arbeit so viele schrullige, kapriziöse Gestalten begegneten, während ich einen Verlag repräsentierte und irgendwie vernünftig zu sein hatte, und immer öfter dachte ich: So wie die will ich auch sein.“
Als ich wissen möchte, welche Marotten Miriam sich zugelegt habe, seit sie Übersetzerin ist, fällt ihr dazu spontan nichts ein (ja gut, ich stelle eben auch merkwürdige Fragen), aber vielleicht ist es ja unter anderem das „Herumgeschlumpfe“, von dem sie ab und zu spricht, wenn sie davon erzählt, wie sie im Pyjama am Schreibtisch sitzt.
Der Übergang von der Lektorin zur Übersetzerin sei fließend gewesen, erzählt Miriam Mandelkow. Im Verlag habe sie ab und zu kleine Übersetzungen übernommen, Vorworte oder Interviewtexte. Ausschlaggebend war schließlich ein Interview mit Quentin Tarantino, das Miriam übersetzen durfte – denn da machte es Klick. „Das ist es!“, dachte sie. Diese Tätigkeit wollte sie für immer machen. Um diesen Wunsch wahr werden zu lassen, waren die bestehenden Verlagskontakte natürlich von Vorteil: „Ich kann allen nur empfehlen: Macht ein Praktikum im Verlag.“
Die Abläufe zu kennen, sei von großem Nutzen gewesen. In den ersten Jahren machte Miriam einen lustigen Spagat, sie lektorierte Nobelpreisträger:innen wie José Saramago, und übersetzte vor allem Unterhaltungsliteratur wie Hundegeschichten und Eheratgeber für Wunderlich, ein Imprint von Rowohlt. Es dauerte Jahre, bis Miriam den ersten literarischen Titel auf dem Tisch hatte – und jetzt ist sie eine der ganz Großen und leitet sogar Workshops und Seminare mit Übersetzungsschwerpunkt.
Seit Jahren gibt Miriam Mandelkow mit der Lektorin Sabine Baumann den geschätzten Über-Kreuz-Workshop, bei dem Übersetzer:innen und Lektor:innen zusammenkommen und sich über ihre Arbeit und die Kommunikation austauschen, und auch im Rahmen einer vom Deutschen Übersetzerfonds geförderten Gastdozentur hat sie in Göttingen ein Übersetzungsseminar gegeben. Jetzt steht in diesem Wintersemester die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung in Berlin an. Miriam erzählt mir, wie wichtig ihr der Austausch mit Nachwuchsübersetzer:innen sei, dass sie sich viel damit auseinandersetze, wie andere Generationen mit bestimmten Übersetzungsfragen umgehen, und sie ihre Erfahrung gerne weitergeben möchte – auch an Nichtübersetzer:innen, wie sie ihr beispielsweise während der Gastprofessur begegnen werden.
Die Sichtbarmachung der Übersetzungsarbeit und das Lesen von Texten mit einem Übersetzerauge einzuüben, stehen im Fokus ihrer Lehre, und dieses Engagement für die Zunft zieht sich durch Miriams Übersetzerinnenleben, denn sie ist auch Mitbegründerin der Weltlesebühne, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Übersetzer:innen ins Rampenlicht zu stellen. Sie lese mit ihren “Mädels” (Übersetzerinnenfreundinnen) auch schon seit zwanzig Jahren in Hamburg in ihrer Stammbuchhandlung, erzählt Miriam, mittlerweile würden die Leute sogar fragen, wann denn die Übersetzer:innen wieder einen Abend gestalten würden – und dann ist der Laden voll. Ich träume sofort davon, dass sowas in allen großen und kleinen Städten stattfinden könnte, und bin froh, dass Miriam im Wintersemester die Möglichkeit hat, bei jungen Menschen genau dieses Feuer für das Übersetzen zu entfachen, das sie bei den Stammkund:innen entfacht hat.
Wir verlassen das Haus der Niederlande und begeben uns auf eine kleine Stadttour, lassen uns von einem Foucaultschen Pendel hypnotisieren, tauschen uns im botanischen Garten über das Unterrichten aus, werden von einer Frau leicht amüsiert angelächelt, nachdem ihr Blick von unseren gelben und grünen Schuhen gefangen wurde, und fantasieren auf dem Weg zum Bahnhof über weitere Initiativen zur Sichtbarmachung von Übersetzer:innen. Und eine Sache weiß ich ganz sicher, als ich mich wieder allein auf den Weg nach Hause mache: Nach diesem Wintersemester wird es in Berlin wieder ein paar mehr junge Menschen geben, die Übersetzungen mit völlig neuem Blick betrachten – dank Miriam Mandelkow.
