Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie haben Sie Friesisch gelernt?
Ich habe Friesisch an der Uni gelernt, an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo „Frisistik“ ein eigenständiges Bachelor- und Masterfach ist. Ich habe damals noch auf Magister studiert und brauchte neben meinem Hauptfach, Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaft, noch zwei Nebenfächer, für die ich mich spontan entscheiden musste. Ich dachte: Friesisch – das klingt doch witzig! Ich wusste vom Amrum-Urlaub, dass es da eine fremde Sprache gibt, die nicht Plattdeutsch ist. Während des Studiums habe ich verschiedene friesische Sprachen gelernt, in Sprachkursen und bei einem Praktikum auf Amrum, danach bin ich zum Arbeiten ans Nordfriisk Instituut in Bredstedt gegangen, wo die meiste Zeit Friesisch gesprochen wurde. Später bin ich dann für die Frisistik an die Uni zurückgekehrt.
Wie steht es um die friesische Sprache?
„Die“ friesische Sprache gibt es nicht; man kann eher von einer sehr vielfältigen friesischen Sprachfamilie sprechen, die zum westgermanischen Sprachzweig gehört und die eng mit dem Englischen verwandt ist. An der Kieler Uni haben wir es vor allem mit dem Nordfriesischen zu tun, das an der Westküste Schleswig-Holsteins gesprochen wird und das sich aufteilt in zwei historisch bedingte Gruppen, die die inselnordfriesischen und die festlandsnordfriesischen Varietäten umfassen. Insgesamt lassen sich bis zu 10 nordfriesische Untermundarten unterscheiden, auf Sylt wird beispielsweise ein anderes Friesisch gesprochen als auf Föhr oder Amrum.
Einige dieser Untermundarten sind bereits ausgestorben, andere stark vom Aussterben bedroht. Es gibt jedoch Gebiete, wie etwa die Insel Föhr oder die Gegend um Risum-Lindholm auf dem Festland, wo die nordfriesischen Varietäten Fering bzw. Frasch noch zum Alltag dazugehören, wo Eltern es noch an ihre Kinder weitergeben. Genaue Angaben darüber, wie viele Menschen Nordfriesisch sprechen, gibt es nicht; die Schätzungen belaufen sich auf 5.000 bis 10.000 Personen. Das Nordfriesische erfährt inzwischen einige Wertschätzung, es wird beispielsweise auf Bundes- und Landesebene als schützenswert erachtet, was sich etwa in Bemühungen um den Ausbau und die Optimierung von friesischem Schulunterricht niederschlägt.
Neben dem Nordfriesischen gibt es das Westfriesische, die „große“ Schwester innerhalb der friesischen Sprachfamilie, das von ca. 400.000 Menschen in der niederländischen Provinz Fryslân gesprochen wird. Außerdem existiert ein Rest des alten ostfriesischen Sprachzweigs; etwa 1.500 bis 2.500 Personen sprechen Saterfriesisch im Saterland, einer Gemeinde im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg.
Gibt es Literatur auf Friesisch?
Ja, es gibt Literatur auf Friesisch, obwohl Friesisch nie eine Schriftsprache war und erst seit dem 20. Jahrhundert sporadisch in der Schule gelehrt wird. Wie die Sprache selbst ist auch die friesische Literatur vielfältig bzw. zersplittert. Wer friesische Literatur verfassen wollte und will, muss einige Hürden überwinden: Die Autorinnen und Autoren waren gezwungen, sich eine eigene Orthografie für ihre jeweilige Sprache zu überlegen, denn Rechtschreibregeln existieren erst seit ein paar Jahrzehnten. Der Kreis derjenigen, die die Texte lesen können und wollen, beläuft sich zumeist auf wenige Personen aus der näheren Umgebung, man schreibt also nur für eine Handvoll potenzieller Adressatinnen und Adressaten und macht sich als Schreibende/r obendrein verwundbar gegenüber Kritik. Das alles könnten Gründe dafür sein, dass einige der Autorinnen und Autoren erst dann mit dem Schreiben auf Friesisch beginnen, wenn sie die Heimat verlassen, zumal ihnen die eigene Sprache umso eher als schützenswertes Kleinod erscheinen mag, je weniger sie sie im Alltag umgibt.
Friesische Literatur existiert seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts (wenn man von einzelnen Texten aus früheren Zeiten absieht), hat also dann eingesetzt, als die friesische Sprache langsam aus dem Leben der Leute verschwand. Und so passt es wiederum, dass viele der friesischen Literatinnen und Literaten ihre Texte explizit in den moralisch motivierten Dienst zur Rettung der friesischen Sprache stell(t)en.
Wie sieht die friesische Literaturszene aus?
Die Literaturszene ist klein, es gibt nur wenige regionale Verlage, die friesische Texte herausbringen, einige erscheinen in einer Reihe bei uns an der Uni, viele sind nur handschriftlich oder über unsere Online-Datenbank verfügbar. Niemand, der auf Friesisch schreibt, könnte davon leben; bei vielen Texten handelt es sich um Gelegenheitsliteratur. Eine Gelegenheit, zu der geschrieben wird, ist der zweijährlich stattfindende „Ferteel Iinjsen!“-Kurzgeschichtenwettbewerb, den der Norddeutsche Rundfunk gemeinsam mit dem Nordfriisk Instituut und wechselnden Partnern ausrichtet. Über 500 nordfriesischsprachige Kurzgeschichten sind in den dazugehörigen Veröffentlichungen erschienen. Kurzprosa ist eine Untergattung, die insgesamt gut vertreten ist, es existieren eigentlich nur drei nordfriesische Bücher, die sich selbst „Roman“ nennen. Es gibt allerdings zahlreiche Gedichte und Komödien und eine teils lebendige Bühnenkultur. Tragödien findet man ebenso selten wie Romane.
Die nordfriesische Literaturgeschichte bringt dennoch immer wieder erstaunlich viele Personen hervor, die den widrigen Bedingungen getrotzt und einiges zu Papier gebracht haben. Unter ihnen sind Jap Peter Hansen (1767−1855), der Begründer der nordfriesischen Literatur, ein aufgeklärter Seefahrer, Lehrer und Küster von Sylt, sein Sohn Christian Peter Hansen (1803−1879), der als Sagensammler Sylts bekannt wurde, der Sylter Jens Emil Mungard (1845−1940), der als friesischer Widerstandsliterat im dritten Reich in die Geschichte einging und der unter anderem über 600 Gedichte schuf. Außerdem Namine Witt von Föhr, Peter Jensen aus der Wiedingharde, Herrlich Jannsen, Nis Albrecht Johannsen, Lorenz Conrad Peters, Erich Meinert Johannsen; sie alle haben interessante Texte geschrieben und wurden, speziell Anfang des 20. Jahrhunderts, als es einen Aufschwung des Interesses am Nordfriesischen gab, auch relativ viel rezipiert. Spätere Autorinnen und Autoren sind beispielsweise Elise Heitmann, August Gonnsen, Erk Petersen, Ellin A. Nickelsen, Antje Tadsen, Ingo Laabs, Gesche Roeloffs und Ingwer Nommensen.
Was sollte man unbedingt gelesen haben?
Das ist natürlich subjektiv, aber ich mag den ersten „Roman“ des Nordfriesischen, Di lekkelk Stjüürman (1833) von Jap Peter Hansen, eine unterhaltsame, in ironischem Ton erzählte Geschichte in der Tradition von Laurence Sterne und Daniel Defoe. Ein weiteres Lieblingsbuch von mir ist das Tagebuch von Herrlich Jannsen (1906−1963), das Ingo Laabs als Häl än junk. Sü schriif än toocht en foomen (Hell und dunkel. So schrieb und dachte ein Mädchen) (2014) bei uns in Kiel mit deutscher Übersetzung herausgebracht hat. Ich mag auch die teils skurrilen Texte von Erk Petersen, die ebenfalls von Ingo Laabs ins Deutsche übersetzt und Seite an Seite mit den friesischen Versionen als Deer driif en heef foont sööden jurt. En ütwool foon toochte, tääle än dächte (Da trieb ein Meer vom Süden her. Eine Auswahl an Gedanken, Geschichten und Gedichten) (2017) in Kiel herausgegeben wurden. Stimmungsvoll und unheimlich sind die Novellen von Peter Jensen, packend die Dramen von Erich Johannsen. Auch deren Texten hat Ingo Laabs sich angenommen – insgesamt wird schnell klar, dass er als produktivster Übersetzer nordfriesischer Literatur gelten kann. Seine eigenen friesischen Romane, Kiira Stäärens Doochter – Kira Sternentochter (2019) und Di klooker foon Rängstuft – Der Glöckner von Ringstoft (2020), hat Laabs erst auf Deutsch verfasst und sie dann ins Bökingharder Friesisch übertragen.
Was ist noch nicht übersetzt?
Vieles ist noch nicht übersetzt; abgesehen von Ingo Laabs, der die die meisten seiner Übersetzungen ohne Auftrag und einige auch ohne Bezahlung angefertigt hat, gibt es meines Wissens zurzeit kaum jemanden, der sich die Mühe macht, unentgeltlich an Übersetzungen aus dem Nordfriesischen zu arbeiten. Ein Argument, das manchmal gegen Übersetzungen mit Deutsch als Zielsprache ins Feld geführt wird, ist, dass alle, die Nordfriesisch lesen können, ja auch Deutsch verstehen. Das Lesen auf Deutsch ist ihnen viel geläufiger als das Lesen auf Friesisch, und so könnte sich eine gewisse „Lesefaulheit“ einstellen, wenn nordfriesische Texte nicht mehr als solche, sondern in der deutschen Version rezipiert würden.
Bei Übersetzungen aus dem Deutschen ins Nordfriesische sieht es anders aus; mittlerweile gibt es viele ins Friesische übertragene Texte. Auch sie wurden lange größtenteils „ehrenamtlich“ bearbeitet. Heutzutage stammen die meisten Übersetzungen mit Nordfriesisch als Zielsprache von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der frisistischen Institutionen und Verlage. Kinderliteratur steht dabei stark im Fokus: Viele Texte von Astrid Lindgren wurden beispielsweise bereits übersetzt und auf Friesisch herausgegeben. Die Autorin hat in einem handschriftlich geschriebenen Brief ihr Wohlwollen gegenüber friesischen Übersetzungen und friesischer Spracharbeit ausgedrückt und dieser Brief liefert ein starkes Argument für die kleinen Auflagen, in denen die friesischen Versionen erscheinen.
Kinderbücher werden wohl auch deswegen gerne genommen, weil sie relativ kurz und sprachlich weniger komplex sind, weil man sie den Kleinsten vorlesen kann und weil das die Hoffnung nährt, dass das Friesische in den Familien erhalten bleibt. Somit kann man inzwischen den Grüffelo, Grimms Märchen und Oh, wie schön ist Panama und viele andere Kindergeschichten auf Friesisch lesen. Es gibt aber auch „höhere“ Literatur, die aus anderen Sprachen ins Friesische übersetzt wurde. Friesischkurse des Föhrer Gymnasiums haben sich etwa an einige Klassiker gewagt. 2008 erschienen beispielsweise die Indiaanerteelen an öler eewentüüren (Indianergeschichten und andere Abenteuer) (2008) von Ernest Hemingway. Es gibt aber auch ins Nordfriesische übertragene (Teil-)Übersetzungen der Bibel, von Theodor Storms Der Schimmelreiter, von Edgar Wallace, Ephraim Kishon, Charles Dickens und anderen. Gemeinsam mit zwei Studierenden, Joke Autzen und Johannes Friehs, sitze ich zurzeit an einer Übersetzung von J.R.R. Tolkiens The Hobbit or There and Back Again ins Föhrer und ins Bökingharder Friesisch. Wir sind mit dem ersten Kapitel gerade fertig – das Buch wird wohl noch etwas auf sich warten lassen.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Friesischen? Wie gehen Sie damit um?
Ich muss nicht oft aus dem Friesischen übersetzen, jedenfalls nicht schriftlich. Wir haben regelmäßige Lektürekurse an der Uni, in denen die Studierenden Texte lesen und ad hoc ins Deutsche übersetzen müssen. Am schwierigsten sind da sicher einige Idiome bzw. Redewendungen, die sich nicht wörtlich übertragen lassen oder die Konzepte enthalten, die wir nicht (mehr) kennen. Ansonsten sind Friesisch und Deutsch als westgermanische Sprachen ja nicht allzu weit voneinander entfernt, so dass es relativ wenig Probleme gibt. Trotzdem machen wir uns regelmäßig in Kursen zur Translationswissenschaft Gedanken über das Übersetzen im Allgemeinen und über nordfriesische Übersetzungen im Besonderen.
Was kann Friesisch, was Deutsch nicht kann?
Nordfriesische Redewendungen sind oft sehr prägnant und einfallsreich. Auf eine Sache hat meine ehemalige Kollegin Antje Arfsten, die viel ins Friesische übersetzt, von Föhr kommt und mit Föhrerfriesisch aufgewachsen ist, mich aufmerksam gemacht: Es gibt unzählige Worte für den Vorgang, wenn beim Essen etwas danebengeht. Man kleckert nicht nur einfach, sondern es kommt auf die Konsistenz des Verkleckerten an, ob es beispielsweise eher flüssig ist oder eher fest, und wie der sich Bekleckernde danach aussieht. Das finde ich schon mal bemerkenswert.
Jede friesische Varietät hat ihren eigenen Klang. Da ich am liebsten auf Amrum bin und selbst das Amrumerfriesische spreche, finde ich es natürlich am schönsten: Es klingt einerseits klar, fein und hell und kann gleichzeitig manchmal scharf, eckig und auch düster sein, mystisch und fremd. Es passt zu Amrum und deswegen sind auch Gedichte von dort besonders schön, wenn sie auf Öömrang geschrieben sind – wie die Texte des Leuchtturmwärters Arthur Kruse (1893–1963), die er in der Ferne in Gedanken an seine Frau gedichtet hat.

Dr. Wendy Vanselow
hat Neuere Deutsche Literatur und Medien, Friesische und Englische Philologie und Kulturmanagement an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert. Bis 2014 war sie beim Nordfriisk Instituut in Bredstedt angestellt, hat 2014 in der Literaturwissenschaft in Kiel promoviert und ist dort seit 2013 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Fach Frisistik tätig.
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