Unse­re Lieb­lings­über­set­zun­gen 2025

Zum Jahresabschluss teilt die Redaktion ihre persönlichen Favoriten und stellt sechs Übersetzungen vor, die uns in diesem Jahr besonders begeistert haben. Von

Übersetzungen 2025
Winslow Homer: Girl in a Hammock. Quelle: WikiCommons

Mei­ne ers­te Begeg­nung mit C. F. Ramuz hat­te ich wäh­rend der Pan­de­mie – zusam­men mit ein paar Freun­den habe ich in einer Online-Lese­run­de Die gro­ße Angst in den Ber­gen (aus dem Fran­zö­si­schen von Han­no Helb­ling) gele­sen, und das Set­ting in den Ber­gen, die Abge­schie­den­heit, die stän­dig anwe­sen­de Bedro­hung, aber vor allem auch der beson­de­re Stil Ramuz’ hat­ten mich sofort in ihren Bann gezo­gen. Es war ein beson­de­rer Text, ein ganz ande­rer Sound, der mich fas­zi­niert hat. Doch irgend­wie habe ich den Autor dann wie­der aus den Augen ver­lo­ren, bis ich letz­tes Jahr über einen Work­shop aber­mals in Kon­takt mit einem ande­ren Roman von Ramuz kam: Dorf im Him­mel.

Der ist 2025 erst­mals in deut­scher Über­set­zung im Lim­mat Ver­lag erschie­nen. Ste­ven Wyss, der zuvor auch schon Sturz in die Son­ne für den Ver­lag über­setzt hat­te (ich ren­ne übri­gens gleich in den Buch­la­den, um mir die­sen Roman auch noch zu kau­fen), hat die­se über­aus anspruchs­vol­le Auf­ga­be gran­di­os gemeis­tert und den Text auch noch mit einem äußerst lesens­wer­ten Nach­wort aus­ge­stat­tet. Aber wor­um geht es über­haupt? Die Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen eines Berg­dor­fes stei­gen aus ihren Grä­bern und keh­ren in ihr Dorf zurück – das sich jetzt im Him­mel befin­det. Zuerst genie­ßen sie das unbe­schwer­te Leben, doch nach und nach erzeugt das Glück kein Glücks­ge­fühl mehr, weil jeder Tag dem ande­ren gleicht. Ramuz voll­zieht in sei­nem Roman aber­mals ein span­nen­des Gedankenexperiment. 

Doch beson­ders beein­dru­ckend ist die Spra­che, die Ste­ven Wyss für sei­ne Über­set­zung gewählt hat – sel­ten haben Wort­wie­der­ho­lun­gen so poe­tisch auf mich gewirkt. Die Her­aus­for­de­rung liegt hier unter ande­rem in der Ein­fach­heit der Spra­che, die Ramuz so nutzt, dass ein Rhyth­mus ent­steht und der Text einen eige­nen Klang atmet, den Wyss per­fekt ein­zu­fan­gen wuss­te. Auch jon­gliert er gekonnt mit den ver­schie­de­nen und von Ramuz oft­mals spe­zi­ell ein­ge­setz­ten Tem­po­ra und ver­leiht dem Roman die nöti­ge Leich­tig­keit. Hof­fent­lich wer­den wei­te­re Ramuz-Über­set­zun­gen von Ste­ven Wyss beim Lim­mat Ver­lag erschei­nen! – Lisa Men­sing

C. F. Ramuz/Steven Wyss (aus dem Fran­zö­si­schen): Dorf im Him­mel. Lim­mat Ver­lag 2025, 128 Sei­ten, 26 Euro.

Wachs­kind, der vier­te Roman der däni­schen Autorin Olga Ravn, taucht ein in eine dunk­le Zeit, in das Fünen und Aal­borg des spä­ten 16. und frü­hen 17. Jahr­hun­derts, und in ein dich­tes Macht­ge­spinst. Zwi­schen his­to­ri­schem Roman und Fan­tas­tik, Hor­ror und Mär­chen schwan­kend erzählt er in kur­zen, frag­men­ta­ri­schen Epi­so­den die Geschich­te von Frau­en, die wäh­rend der Regent­schaft König Chris­ti­an IV. der Hexe­rei beschul­digt und schließ­lich auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt wurden.

Olga Ravn stützt sich auf meh­re­re, his­to­risch beleg­te Hexen­pro­zes­se. Seit vie­len Jah­ren befasst sie sich mit unter­schied­lichs­ten mate­ri­el­len Zeug­nis­sen der Hexen­ver­fol­gung in Däne­mark, erkun­det lesend und expe­ri­men­tie­rend Geschich­ten, Orte und Ritua­le − geis­tig wie kör­per­lich. Eine kör­per­li­che Erfah­rung ist auch die Spra­che der Erzäh­lung selbst, in der sich Begrif­fe, Klän­ge, Rhyth­men und Idio­me aus alten Brie­fen, Gerichts­do­ku­men­ten, Rech­nungs­bü­cher, Ritua­len und Zau­ber­sprü­chen amal­ga­mie­ren. Ravns Spra­che ist opu­lent, schau­er­lich, düs­ter, schil­lernd und unge­heu­er lebendig. 


Die Erzähl­in­stanz ist genau genom­men ein unle­ben­di­ges (oder unto­tes?) Wesen: In Wachs­kind spricht die eigent­lich unmög­li­che Stim­me eines eben sol­chen, eines Wachs­kinds, einer Wachs­pup­pe. Einst von einer angeb­li­chen Hexe erschaf­fen, hat es die Zeit in der Erde ver­scharrt über­dau­ert und erzählt nun von dort, mund­los, „mit den Augen“. Sei­ne unver­gleich­li­che Stim­me zieht einen auch in der deut­schen Über­set­zung von Alex­an­der Sitz­mann sofort in ihren Bann. Viel­leicht sogar umso mehr, denn wenn man sich beim Lesen bewusst macht, dass jedes der Wachs­kind­wor­te über­setzt ist, kann man sich schon fra­gen, wie viel Zau­be­rei oder Alche­mie eigent­lich in Über­set­zun­gen steckt. – Sula Tex­tor

Olga Ravn/Alexander Sitz­mann (aus dem Däni­schen): Wachs­kind. März Ver­lag 2025, 188 Sei­ten, 25 Euro.

Die fünf­zehn­jäh­ri­ge Luklak ver­wan­delt sich in ein Kro­ko­dil – und das nicht etwa über Nacht, wie es bei Gre­gor Samsa der Fall ist. Wäh­rend bei Kaf­ka die Fol­gen der Ver­wand­lung im Vor­der­grund ste­hen, inter­es­siert den phil­ip­pi­ni­schen Autor Allan N. Derain vor allem der Pro­zess. Luklaks Mut­ter ver­bringt eine Nacht ‚in den Man­gro­ven‘ und tut dort offen­bar etwas Unaus­sprech­li­ches, wofür sie zum Tode ver­ur­teilt wird. Aus die­ser Nacht geht der Bru­der her­vor – als Aal –, den Luklak spä­ter am Fluss brät und ver­speist. Danach fällt sie in einen drei­tä­gi­gen Schlaf, aus dem sie ver­än­dert wie­der erwacht.

Das Meer der Aswang, wun­der­bar von dem Autor selbst illus­triert, spielt auf der phil­ip­pi­ni­schen Insel Panay, die nicht nur für ihre male­ri­schen Strän­de, son­dern auch für ihren rei­chen mytho­lo­gi­schen Schatz bekannt ist. Der Roman wim­melt nur so vor phil­ip­pi­ni­schen Sagen­ge­stal­ten, hyp­no­ti­schen Beschrei­bun­gen der ein­hei­mi­schen Flo­ra und Fau­na sowie schil­lern­den Figu­ren – mal Mensch, mal Tier, mal etwas dazwi­schen. Luklak ist dabei nur eine von vie­len Aswang, phil­ip­pi­ni­schen Gestalt­wand­lern, die als Lei­chen­fres­ser gefürch­tet sind.


Durch die­ses Dickicht führt mit siche­rer Hand und fei­nem Gespür für die ein­zel­nen Figu­ren die Schwei­zer Über­set­ze­rin und Autorin Annet­te Hug, die als ein­zi­ge im deutsch­spra­chi­gen Raum direkt aus dem Tag­a­log über­setzt. Es wird gesun­gen, gewit­zelt, phi­lo­so­phiert, geschwa­felt, gedich­tet und ver­han­delt. Dabei liegt dem Text sowohl eine Leich­tig­keit inne als auch ein unter­schwel­li­ges Unbe­ha­gen – das Gefühl, nicht alles in sei­ner Gän­ze erfas­sen und ver­ste­hen zu kön­nen, lässt einen bei der Lek­tü­re nicht los. Im Nach­wort deu­tet die Über­set­ze­rin an, wie viel Recher­che­ar­beit hin­ter dem Werk steckt, um es den deutsch­spra­chi­gen Leser:innen ein­fach zu machen. So wur­de bei­spiels­wei­se dar­auf geach­tet, dass die oft exo­tisch anmu­ten­den Tier- und Pflan­zen­na­men bei einer ein­fa­chen Inter­net­su­che nach­voll­zieh­bar blei­ben. Wer ein­mal ins Goo­geln gerät, könn­te dar­in leicht ver­sin­ken – so reich ist die Welt, die sich einem eröff­net. Und was soll­te Lite­ra­tur ande­res kön­nen als genau das? Julia Rosche

Alan N. Derain/Annette Hug (aus dem Tag­a­log): Das Meer der Aswang, Uni­ons­ver­lag, 256 Sei­ten, 24 Euro.

Mein Mann erzählt die Geschich­te einer obses­si­ven Lie­be und umkreist die Fra­gen, die sich die namen­lo­se Ehe­frau und Ich-Erzäh­le­rin die­ses Bezie­hungs­thril­lers in die­ser ver­meint­lich per­fek­ten Ehe stellt: Wie kann die Lee­re gefüllt wer­den, die sie emp­fin­det? Wie vie­le Geheim­nis­se tun einer Bezie­hung gut? Und liebt ihr Mann sie genau­so sehr, wie sie ihn liebt? 

Die Prot­ago­nis­tin, die als Leh­re­rin und Über­set­ze­rin arbei­tet und mit ihrem Mann und den zwei Kin­dern ein bür­ger­li­ches Vor­ort­le­ben insze­niert, führt eigent­lich ein Dop­pel­le­ben. Wäh­rend sie ver­sucht, ihre sozia­le Her­kunft und ambi­va­len­te Mut­ter­rol­le zu über­spie­len, ist ihr wich­tigs­ter Refe­renz­punkt ihr Mann. In ihren Gedan­ken ana­ly­siert sie jede Hand­lung ihres Ehe­man­nes, zeich­net Pri­vat­ge­sprä­che auf und ver­sucht, alle Daten minu­ti­ös fest­zu­hal­ten. Um die­ses Sys­tem auf­recht­zu­er­hal­ten, befolgt sie akri­bisch die selbst gesetz­ten Regeln und Stra­fen, die sie in ihren peni­bel geführ­ten und nach Far­ben sor­tier­ten Notiz­bü­chern fest­hält. Der Epi­log auf den letz­ten vier Sei­ten ist ein uner­war­te­ter Show­down, der einen bit­te­ren Nach­ge­schmack hinterlässt.

Der Debüt­ro­man und Best­sel­ler von Maud Ven­tura wur­de mit dem Prix du Pre­mier Roman aus­ge­zeich­net und in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Wäh­rend man mit zuneh­men­der Unge­duld den All­tags­be­schrei­bun­gen und Lie­bes­be­schwö­run­gen der Haupt­fi­gur folgt, gelingt es Michae­la Meß­ner, die beklem­men­de und gleich­zei­tig dyna­mi­sche Atmo­sphä­re die­ses Bezie­hungs­ro­mans durch kur­ze, prä­gnan­te Sät­ze zu erhal­ten. Beson­ders inter­es­sant fand ich die Aus­füh­run­gen, in denen  die Ich-Erzäh­le­rin ihre Beob­ach­tun­gen von Ehe, gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen und Zwän­gen mit ihrer Arbeit als Über­set­ze­rin ver­gleicht: „Wenn ich über­set­ze, bin ich nur eine Inter­pre­tin […] Ich beob­ach­te lie­ber, ana­ly­sie­re, dedu­zie­re; ich mag es, einen Text aus­ein­an­der­zu­neh­men, zwi­schen den Zei­len zu lesen, den impli­zi­ten Ton her­aus­zu­ar­bei­ten – ihn auf Hin­wei­se abzu­klop­fen wie eine Ermitt­le­rin auf der Suche nach ver­steck­ten Indi­zi­en.“ – Vik­to­ria Wenker

Maud Ventura/Michaela Meß­ner (aus dem Fran­zö­si­schen): Mein Mann, Hoff­mann & Cam­pe 2024, 272 Sei­ten, 24 Euro.

Ein jun­ger Mann soll kei­ne Män­ner lie­ben, aber fühlt sich mehr und mehr zu dem Wai­sen hin­ge­zo­gen, den sein Vater eines Tages ohne Erklä­rung mit nach Hau­se bringt. Der Vater, ange­se­he­ner Arzt, ver­bringt sei­ne Tage nicht etwa mit der Hei­lung von Kran­ken, son­dern, so stellt sich spä­ter her­aus, mit der Ver­fei­ne­rung von Fol­ter­tak­ti­ken an Gefan­ge­nen der Mili­tär­dik­ta­tur. Die Mut­ter zieht sich vor ihrem Mann in ein Zim­mer vol­ler Schmuck­ei­er aus fal­schem Gold zurück. Und die Schwes­ter lächelt nur noch, wenn sie schlech­te Nach­rich­ten über­brin­gen muss.

Mit weni­gen, prä­zi­se geschlif­fe­nen Sät­zen schafft Vic­tor Herin­ger gan­ze Wel­ten. Er leuch­tet mit unge­wohn­ten Sprach­bil­dern das Innen­le­ben sei­nes viel­schich­ti­gen Prot­ago­nis­ten aus, ohne ihn je bloß­zu­stel­len, und por­trä­tiert wie neben­bei eine gan­ze Gene­ra­ti­on, ein gan­zes Land, in das immer neue Wun­den geris­sen wer­den – mal von der erbar­mungs­lo­sen Son­ne, mal von sei­nen fast eben­so erbar­mungs­lo­sen Bewohner:innen. Und so klingt das Gan­ze dann in der groß­ar­ti­gen Über­set­zung von Maria Hum­mitzsch: „Auf den Stra­ßen sam­mel­te sich so viel Staub, dass dem Mensch kei­ne ande­re Wahl blieb, als in Erschei­nung zu tre­ten und sie zu keh­ren, sich am spä­ten Nach­mit­tag auf die Bal­ko­ne der Häu­ser zu set­zen und über die Armut zu jam­mern, über ande­re zu läs­tern, auf die son­nen­ge­wa­sche­nen Bür­ger­stei­ge zu schau­en, und auf die von der Arbeit zurück­kom­men­den Bus­se, die alles wie­der verdreckten.“

Den bra­si­lia­ni­schen Sound erhält die Über­set­ze­rin, indem sie die Namen von tra­di­tio­nel­len Gerich­ten wie Pão de quei­jo oder Faro­fa über­nimmt, die bei Bedarf in einem nach­ge­stell­ten Glos­sar nach­ge­schla­gen wer­den kön­nen. Auch eine Songzei­le bleibt zunächst im Por­tu­gie­si­schen ste­hen und wird dann zwei Sät­ze spä­ter in Über­set­zung wie­der­holt, um sie naht­los in die Hand­lung ein­zu­flech­ten. Ono­ma­to­poe­ti­ka gehen eben­so wenig ver­lo­ren, wenn die Cha­rak­te­re im Deut­schen je nach Anlass lal­ala­chen, hihil­a­chen oder har­har­la­chen. Ich habe die rund 200 Sei­ten in einem Rutsch durch­ge­le­sen, mei­nen Part­ner wort­los ange­knurrt, als er wis­sen woll­te, ob ich irgend­wann ins Bett zu kom­men geden­ke, und ein­mal mehr bewun­dert, wie aus so viel Schmerz und Hass so wun­der­schö­ne Lite­ra­tur wer­den kann. The­re­sa Rüger

Vic­tor Heringer/Maria Hum­mitzsch (aus dem Por­tu­gie­si­schen): Die Lie­be ver­ein­zel­ter Män­ner, März Ver­lag, 2024, 208 Sei­ten, 24 Euro.


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