Meine erste Begegnung mit C. F. Ramuz hatte ich während der Pandemie – zusammen mit ein paar Freunden habe ich in einer Online-Leserunde Die große Angst in den Bergen (aus dem Französischen von Hanno Helbling) gelesen, und das Setting in den Bergen, die Abgeschiedenheit, die ständig anwesende Bedrohung, aber vor allem auch der besondere Stil Ramuz’ hatten mich sofort in ihren Bann gezogen. Es war ein besonderer Text, ein ganz anderer Sound, der mich fasziniert hat. Doch irgendwie habe ich den Autor dann wieder aus den Augen verloren, bis ich letztes Jahr über einen Workshop abermals in Kontakt mit einem anderen Roman von Ramuz kam: Dorf im Himmel.

Der ist 2025 erstmals in deutscher Übersetzung im Limmat Verlag erschienen. Steven Wyss, der zuvor auch schon Sturz in die Sonne für den Verlag übersetzt hatte (ich renne übrigens gleich in den Buchladen, um mir diesen Roman auch noch zu kaufen), hat diese überaus anspruchsvolle Aufgabe grandios gemeistert und den Text auch noch mit einem äußerst lesenswerten Nachwort ausgestattet. Aber worum geht es überhaupt? Die Bewohner und Bewohnerinnen eines Bergdorfes steigen aus ihren Gräbern und kehren in ihr Dorf zurück – das sich jetzt im Himmel befindet. Zuerst genießen sie das unbeschwerte Leben, doch nach und nach erzeugt das Glück kein Glücksgefühl mehr, weil jeder Tag dem anderen gleicht. Ramuz vollzieht in seinem Roman abermals ein spannendes Gedankenexperiment.
Doch besonders beeindruckend ist die Sprache, die Steven Wyss für seine Übersetzung gewählt hat – selten haben Wortwiederholungen so poetisch auf mich gewirkt. Die Herausforderung liegt hier unter anderem in der Einfachheit der Sprache, die Ramuz so nutzt, dass ein Rhythmus entsteht und der Text einen eigenen Klang atmet, den Wyss perfekt einzufangen wusste. Auch jongliert er gekonnt mit den verschiedenen und von Ramuz oftmals speziell eingesetzten Tempora und verleiht dem Roman die nötige Leichtigkeit. Hoffentlich werden weitere Ramuz-Übersetzungen von Steven Wyss beim Limmat Verlag erscheinen! – Lisa Mensing
C. F. Ramuz/Steven Wyss (aus dem Französischen): Dorf im Himmel. Limmat Verlag 2025, 128 Seiten, 26 Euro.
Wachskind, der vierte Roman der dänischen Autorin Olga Ravn, taucht ein in eine dunkle Zeit, in das Fünen und Aalborg des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, und in ein dichtes Machtgespinst. Zwischen historischem Roman und Fantastik, Horror und Märchen schwankend erzählt er in kurzen, fragmentarischen Episoden die Geschichte von Frauen, die während der Regentschaft König Christian IV. der Hexerei beschuldigt und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Olga Ravn stützt sich auf mehrere, historisch belegte Hexenprozesse. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit unterschiedlichsten materiellen Zeugnissen der Hexenverfolgung in Dänemark, erkundet lesend und experimentierend Geschichten, Orte und Rituale − geistig wie körperlich. Eine körperliche Erfahrung ist auch die Sprache der Erzählung selbst, in der sich Begriffe, Klänge, Rhythmen und Idiome aus alten Briefen, Gerichtsdokumenten, Rechnungsbücher, Ritualen und Zaubersprüchen amalgamieren. Ravns Sprache ist opulent, schauerlich, düster, schillernd und ungeheuer lebendig.
Die Erzählinstanz ist genau genommen ein unlebendiges (oder untotes?) Wesen: In Wachskind spricht die eigentlich unmögliche Stimme eines eben solchen, eines Wachskinds, einer Wachspuppe. Einst von einer angeblichen Hexe erschaffen, hat es die Zeit in der Erde verscharrt überdauert und erzählt nun von dort, mundlos, „mit den Augen“. Seine unvergleichliche Stimme zieht einen auch in der deutschen Übersetzung von Alexander Sitzmann sofort in ihren Bann. Vielleicht sogar umso mehr, denn wenn man sich beim Lesen bewusst macht, dass jedes der Wachskindworte übersetzt ist, kann man sich schon fragen, wie viel Zauberei oder Alchemie eigentlich in Übersetzungen steckt. – Sula Textor
Olga Ravn/Alexander Sitzmann (aus dem Dänischen): Wachskind. März Verlag 2025, 188 Seiten, 25 Euro.
Die fünfzehnjährige Luklak verwandelt sich in ein Krokodil – und das nicht etwa über Nacht, wie es bei Gregor Samsa der Fall ist. Während bei Kafka die Folgen der Verwandlung im Vordergrund stehen, interessiert den philippinischen Autor Allan N. Derain vor allem der Prozess. Luklaks Mutter verbringt eine Nacht ‚in den Mangroven‘ und tut dort offenbar etwas Unaussprechliches, wofür sie zum Tode verurteilt wird. Aus dieser Nacht geht der Bruder hervor – als Aal –, den Luklak später am Fluss brät und verspeist. Danach fällt sie in einen dreitägigen Schlaf, aus dem sie verändert wieder erwacht.

Das Meer der Aswang, wunderbar von dem Autor selbst illustriert, spielt auf der philippinischen Insel Panay, die nicht nur für ihre malerischen Strände, sondern auch für ihren reichen mythologischen Schatz bekannt ist. Der Roman wimmelt nur so vor philippinischen Sagengestalten, hypnotischen Beschreibungen der einheimischen Flora und Fauna sowie schillernden Figuren – mal Mensch, mal Tier, mal etwas dazwischen. Luklak ist dabei nur eine von vielen Aswang, philippinischen Gestaltwandlern, die als Leichenfresser gefürchtet sind.
Durch dieses Dickicht führt mit sicherer Hand und feinem Gespür für die einzelnen Figuren die Schweizer Übersetzerin und Autorin Annette Hug, die als einzige im deutschsprachigen Raum direkt aus dem Tagalog übersetzt. Es wird gesungen, gewitzelt, philosophiert, geschwafelt, gedichtet und verhandelt. Dabei liegt dem Text sowohl eine Leichtigkeit inne als auch ein unterschwelliges Unbehagen – das Gefühl, nicht alles in seiner Gänze erfassen und verstehen zu können, lässt einen bei der Lektüre nicht los. Im Nachwort deutet die Übersetzerin an, wie viel Recherchearbeit hinter dem Werk steckt, um es den deutschsprachigen Leser:innen einfach zu machen. So wurde beispielsweise darauf geachtet, dass die oft exotisch anmutenden Tier- und Pflanzennamen bei einer einfachen Internetsuche nachvollziehbar bleiben. Wer einmal ins Googeln gerät, könnte darin leicht versinken – so reich ist die Welt, die sich einem eröffnet. Und was sollte Literatur anderes können als genau das? – Julia Rosche
Alan N. Derain/Annette Hug (aus dem Tagalog): Das Meer der Aswang, Unionsverlag, 256 Seiten, 24 Euro.
Mein Mann erzählt die Geschichte einer obsessiven Liebe und umkreist die Fragen, die sich die namenlose Ehefrau und Ich-Erzählerin dieses Beziehungsthrillers in dieser vermeintlich perfekten Ehe stellt: Wie kann die Leere gefüllt werden, die sie empfindet? Wie viele Geheimnisse tun einer Beziehung gut? Und liebt ihr Mann sie genauso sehr, wie sie ihn liebt?

Die Protagonistin, die als Lehrerin und Übersetzerin arbeitet und mit ihrem Mann und den zwei Kindern ein bürgerliches Vorortleben inszeniert, führt eigentlich ein Doppelleben. Während sie versucht, ihre soziale Herkunft und ambivalente Mutterrolle zu überspielen, ist ihr wichtigster Referenzpunkt ihr Mann. In ihren Gedanken analysiert sie jede Handlung ihres Ehemannes, zeichnet Privatgespräche auf und versucht, alle Daten minutiös festzuhalten. Um dieses System aufrechtzuerhalten, befolgt sie akribisch die selbst gesetzten Regeln und Strafen, die sie in ihren penibel geführten und nach Farben sortierten Notizbüchern festhält. Der Epilog auf den letzten vier Seiten ist ein unerwarteter Showdown, der einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.
Der Debütroman und Bestseller von Maud Ventura wurde mit dem Prix du Premier Roman ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Während man mit zunehmender Ungeduld den Alltagsbeschreibungen und Liebesbeschwörungen der Hauptfigur folgt, gelingt es Michaela Meßner, die beklemmende und gleichzeitig dynamische Atmosphäre dieses Beziehungsromans durch kurze, prägnante Sätze zu erhalten. Besonders interessant fand ich die Ausführungen, in denen die Ich-Erzählerin ihre Beobachtungen von Ehe, gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen mit ihrer Arbeit als Übersetzerin vergleicht: „Wenn ich übersetze, bin ich nur eine Interpretin […] Ich beobachte lieber, analysiere, deduziere; ich mag es, einen Text auseinanderzunehmen, zwischen den Zeilen zu lesen, den impliziten Ton herauszuarbeiten – ihn auf Hinweise abzuklopfen wie eine Ermittlerin auf der Suche nach versteckten Indizien.“ – Viktoria Wenker
Maud Ventura/Michaela Meßner (aus dem Französischen): Mein Mann, Hoffmann & Campe 2024, 272 Seiten, 24 Euro.
Ein junger Mann soll keine Männer lieben, aber fühlt sich mehr und mehr zu dem Waisen hingezogen, den sein Vater eines Tages ohne Erklärung mit nach Hause bringt. Der Vater, angesehener Arzt, verbringt seine Tage nicht etwa mit der Heilung von Kranken, sondern, so stellt sich später heraus, mit der Verfeinerung von Foltertaktiken an Gefangenen der Militärdiktatur. Die Mutter zieht sich vor ihrem Mann in ein Zimmer voller Schmuckeier aus falschem Gold zurück. Und die Schwester lächelt nur noch, wenn sie schlechte Nachrichten überbringen muss.

Mit wenigen, präzise geschliffenen Sätzen schafft Victor Heringer ganze Welten. Er leuchtet mit ungewohnten Sprachbildern das Innenleben seines vielschichtigen Protagonisten aus, ohne ihn je bloßzustellen, und porträtiert wie nebenbei eine ganze Generation, ein ganzes Land, in das immer neue Wunden gerissen werden – mal von der erbarmungslosen Sonne, mal von seinen fast ebenso erbarmungslosen Bewohner:innen. Und so klingt das Ganze dann in der großartigen Übersetzung von Maria Hummitzsch: „Auf den Straßen sammelte sich so viel Staub, dass dem Mensch keine andere Wahl blieb, als in Erscheinung zu treten und sie zu kehren, sich am späten Nachmittag auf die Balkone der Häuser zu setzen und über die Armut zu jammern, über andere zu lästern, auf die sonnengewaschenen Bürgersteige zu schauen, und auf die von der Arbeit zurückkommenden Busse, die alles wieder verdreckten.“
Den brasilianischen Sound erhält die Übersetzerin, indem sie die Namen von traditionellen Gerichten wie Pão de queijo oder Farofa übernimmt, die bei Bedarf in einem nachgestellten Glossar nachgeschlagen werden können. Auch eine Songzeile bleibt zunächst im Portugiesischen stehen und wird dann zwei Sätze später in Übersetzung wiederholt, um sie nahtlos in die Handlung einzuflechten. Onomatopoetika gehen ebenso wenig verloren, wenn die Charaktere im Deutschen je nach Anlass lalalachen, hihilachen oder harharlachen. Ich habe die rund 200 Seiten in einem Rutsch durchgelesen, meinen Partner wortlos angeknurrt, als er wissen wollte, ob ich irgendwann ins Bett zu kommen gedenke, und einmal mehr bewundert, wie aus so viel Schmerz und Hass so wunderschöne Literatur werden kann. – Theresa Rüger
Victor Heringer/Maria Hummitzsch (aus dem Portugiesischen): Die Liebe vereinzelter Männer, März Verlag, 2024, 208 Seiten, 24 Euro.
