Jane Aus­ten auf Deutsch

Zum 250. Geburtstag wird der Autorin und ihren bis heute allseits beliebten Romanen gedacht. Doch was ist mit ihren Übersetzern und Übersetzerinnen? Von

Jane-Austen-Übersetzungen
Jane Austen ist in vielen Übersetzungen verfügbar. Foto: Paolo Chiabrando via Unsplash

Zu Beginn wagen wir ein klei­nes Expe­ri­ment: Jane Aus­ten ist ein funk­tio­nie­ren­der Click­bait. Wir könn­ten sogar dar­auf wet­ten, dass vie­le – viel­leicht die meis­ten – Leser:innen eine Aus­ga­be ihrer Roma­ne im Regal ste­hen haben. Wis­sen Sie, wel­che? Und wis­sen Sie, von wem sie über­setzt wur­de? Und war­um ist es gera­de die­se Aus­ga­be und nicht eine der zehn ande­ren? Die­ser Text kann die­se Fra­gen nicht abschlie­ßend beant­wor­ten, son­dern viel­mehr dazu anre­gen, Jane Aus­tens Wer­ke aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve zu betrach­ten. Doch alles der Rei­he nach.

Am 16. Dezem­ber kam vor 250 Jah­ren eine Frau zur Welt, deren Roma­ne tief in die Anna­len der Lite­ra­tur­ge­schich­te ein­ge­hen soll­ten. Doch bis man die Autorin wirk­lich ernst nahm, muss­ten zunächst rund hun­dert Jah­re ver­ge­hen. Zwar gab es schon zu ihren Leb­zei­ten ein­zel­ne wohl­wol­len­de Bespre­chun­gen – Wal­ter Scott, ein Star­au­tor sei­ner Zeit, lob­te ihren letz­ten gro­ßen Roman Emma aus­drück­lich –, doch der eigent­li­che Ruhm, die pop­kul­tu­rel­le Stolz-und-Vor­ur­teil-Beses­sen­heit und der Per­so­nen­kult, der sich heu­te auf Tote Bags, Sei­fen und ande­ren Gim­micks mani­fes­tiert, folg­ten erst viel später.

Als Jane-Aus­ten-Fan mögen einem die zahl­rei­chen Wür­di­gun­gen anläss­lich des Jubi­lä­ums – vor acht Jah­ren wur­de übri­gens erst der 200. Todes­tag gefei­ert – lang­sam etwas ein­tö­nig vor­kom­men. Die einen dich­ten ihr Leben zu einer mit­rei­ßen­den, tra­gi­schen Lie­bes­ge­schich­te um, ande­re stel­len erneut die bes­ten Ver­fil­mun­gen oder sogar Comic-Adap­tio­nen vor, wie­der ande­re ana­ly­sie­ren zum x‑ten Mal die berühm­tes­ten Lie­bes­paa­re. Und dann sind da noch die beson­ders kri­ti­schen Fra­gen, die ihr Werk seit jeher umran­ken: War­um ist es so zeit­los? Was kön­nen heu­ti­ge Lese­rin­nen über­haupt mit einer Autorin anfan­gen, die vor 250 Jah­ren gebo­ren wur­de? Und ist Jane Aus­ten am Ende nicht ohne­hin Kitsch?

Dabei lie­fert die anhal­ten­de Jane-Aus­ten-Rezep­ti­on durch­aus noch eini­ge Aspek­te, die man sich etwas genau­er anschau­en könn­te, ohne dem Vor­wurf der Red­un­danz aus­ge­setzt zu wer­den – zum Bei­spiel der Blick auf die Über­set­zungs­ge­schich­te, die natür­lich einen nicht unwe­sent­li­chen Kern der Rezep­ti­ons­ge­schich­te aus­macht. Jane Aus­tens Ruhm beschränkt sich nicht auf die eng­lisch­spra­chi­ge Welt, nein, nicht ein­mal auf Euro­pa. Auch in Indi­en, Japan oder Chi­na gel­ten ihre Roma­ne als Klas­si­ker –  um nur ein paar weni­ge Bei­spie­le zu nen­nen. Aus­ten ist also ein glo­ba­ler Star, des­sen welt­wei­ter Sie­ges­zug ohne die vie­len – sehr vie­len – Über­set­zun­gen nicht mög­lich gewe­sen wäre. Exper­tin­nen schät­zen, dass über 700 Über­set­zun­gen existieren.

Ange­kur­belt wur­den die­se Über­set­zun­gen, die zu gro­ßen Tei­len erst im 20. Jahr­hun­dert erschie­nen, durch eine gan­ze Rei­he von Fak­to­ren. Nam­haf­te Autorin­nen und Autoren, die sich für die Dar­stel­lung schein­bar simp­ler All­tags­sze­nen inter­es­sier­ten, ent­deck­ten Aus­tens Werk und des­sen tech­ni­sche Raf­fi­nes­se neu – allen vor­an Vir­gi­nia Woolf, deren Essay beson­ders häu­fig in Aus­ten-Nach­ru­fen zitiert wird. Dar­in erklärt sie, Aus­ten hät­te, wäre sie nicht im Alter von zwei­und­vier­zig Jah­ren auf dem Höhe­punkt ihres Schaf­fens gestor­ben, eine „Weg­be­rei­te­rin von Hen­ry James oder Proust“ wer­den kön­nen. Aber auch in wis­sen­schaft­li­chen Krei­sen erkann­te man im Lau­fe des Jahr­hun­derts end­lich die fei­ne Iro­nie und sub­ver­si­ve Gesell­schafts­ana­ly­se ihres Schrei­bens an. Zahl­rei­che erfolg­rei­che Adap­tio­nen – ob für Radio, Film oder Fern­se­hen – taten ihr Übriges.

Jane Aus­ten war zu Leb­zei­ten kei­ne völ­lig Unbe­kann­te, ihr dama­li­ger Sta­tus ist mit dem heu­ti­gen jedoch nicht ver­gleich­bar. Den­noch wur­den ihre Wer­ke über­setzt, was kaum über­rascht: Anfang des 19. Jahr­hun­derts wur­de in Euro­pa ohne­hin recht rege über­setzt – vor allem von Frau­en, da dies als akzep­ta­bler Zeit­ver­treib galt. So kam es, dass eini­ge ihrer Roma­ne nicht nur ins Fran­zö­si­sche, Schwe­di­sche oder Däni­sche, son­dern auch ins Deut­sche über­tra­gen wur­den. 1822 erschien unter dem ein­ge­deutsch­ten Namen Johan­na Aus­ten der Roman Anna. Ein Fami­li­en­ge­mäl­de – es han­delt sich dabei um Per­sua­si­on – über­setzt vom umtrie­bi­gen Leip­zi­ger Ver­le­ger A. W. Lin­dau, der bemer­kens­wer­ter­wei­se die Autorin, die jah­re­lang anonym ver­öf­fent­licht hat­te und deren Wer­ke daher vie­len alten Über­set­zun­gen nicht ein­deu­tig zuge­ord­net wer­den konn­ten, auf das Titel­blatt setzte.

Acht Jah­re spä­ter folg­te die ers­te Über­set­zung von Stolz und Vor­ur­teil durch Loui­se Mare­zoll. Danach soll­te es fast ein gan­zes Jahr­hun­dert dau­ern, bis wei­te­re Über­set­zun­gen erschie­nen: Erst in den 1930er Jah­ren kamen Ver­sio­nen von Emma und eine erneu­te Über­set­zung von Stolz und Vor­ur­teil auf den Markt. Von einem ech­ten Jane-Aus­ten-Boom lässt sich jedoch erst ab den 1980er Jah­ren, vor allem aber den 1990er Jah­ren spre­chen. Ver­stand und Gefühl (Sen­se and Sen­si­bi­li­ty) wur­de sogar erst im 20. Jahr­hun­dert ins Deut­sche übertragen.

Inzwi­schen ist Jane Aus­ten selbst­ver­ständ­lich in jedem Ver­lags­pro­gramm zu fin­den, das Klas­si­ker her­aus­bringt. Für die Aus­ten-Rezep­ti­on ent­schei­dend sind jedoch vor allem die Über­set­zun­gen des Ehe­paars Chris­ti­an und Ursu­la Gra­we, die Aus­tens gro­ße Roma­ne Anfang der 1980er Jah­re für Reclam neu über­setzt haben (Mans­field Park erschien in ihrer Über­set­zung aller­dings erst 2007). Die­se Aus­ga­ben wer­den bis heu­te vom Ver­lag immer wie­der neu auf­ge­legt und ent­hal­ten sowohl Nach­wör­ter als auch einen aus­führ­li­chen Anmerkungsapparat.

Weg­wei­send waren die­se Über­set­zun­gen aber auch in ande­rer Hin­sicht: Sie ver­pass­ten Aus­ten eine zeit­ge­mä­ße deut­sche Spra­che. Ihrem Werk hängt ja mit­un­ter, wohl auch durch Ver­fil­mun­gen geprägt, der Ruf an, dass ihre Figu­ren sich in gestelz­ten Sät­zen auf lan­gen Spa­zier­gän­gen übers Wet­ter unter­hal­ten. Doch ein Grund, war­um Aus­ten noch immer gele­sen wird, liegt neben der psy­cho­lo­gi­schen Tie­fe und den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Geschlecht, Stan­des­be­wusst­sein und gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen auch in der Schlag­fer­tig­keit, den Spit­zen und der Moder­ni­tät ihrer oft höchst wit­zi­gen Dia­lo­ge. Nichts dar­an wirkt überholt.

Aber natür­lich sind seit die­sen Über­set­zun­gen inzwi­schen rund 45 Jah­re ver­gan­gen, und wohl jede wür­de bestä­ti­gen, dass sich in die­ser Zeit vie­les ver­än­dert hat – sprach­lich wie auch ander­wei­tig. Aus die­sem Grund wird stän­dig der Ruf nach Neu­über­set­zun­gen laut, gera­de im Fall Jane Aus­tens, deren Werk nach wie vor ein Ver­kaufs­schla­ger ohne­glei­chen ist. In weni­gen Mona­ten erscheint zudem eine neue Net­flix-Pro­duk­ti­on von Stolz und Vor­ur­teil. Allein sol­che Anläs­se sor­gen dafür, dass Aus­tens Roma­ne immer wie­der neu ent­deckt oder erneut gele­sen werden.

Doch wir wol­len nicht allein kom­mer­zi­el­le Grün­de für Neu­über­set­zun­gen anfüh­ren. Aus­tens Roma­ne wur­den lan­ge unter­schätzt, ihre tech­ni­schen Eigen­hei­ten viel­fach glatt­ge­bü­gelt. So gehör­te sie zu den ers­ten Autorin­nen im eng­lisch­spra­chi­gen Raum, die die erleb­te Rede ein­setz­ten – etwa in ihrem 1815 erschie­ne­nen Roman Emma. Für ihre Zeit war das höchst unge­wöhn­lich; vie­les davon wur­de in frü­hen Über­set­zun­gen abge­schwächt und erst in neue­ren Fas­sun­gen wie­der mit­trans­por­tiert. Denn Lese­ge­wohn­hei­ten ver­än­dern sich, eben­so die Ansprü­che und Erwar­tun­gen an Tex­te. Die Auf­ga­be von Über­set­zen­den ist es nicht, einen Klas­si­ker zeit­los zu machen, son­dern dafür zu sor­gen, dass er zeit­los bleibt. „In ande­ren Län­dern wird ‚Jane Aus­ten‘ zwangs­läu­fig von ihren Übersetzer:innen kon­stru­iert“, schreibt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Gil­li­an Dow. 

Anläss­lich des 250. Geburts­tags ste­hen nun bereits die nächs­ten Neu­über­set­zun­gen in den Start­lö­chern: Für Manes­se hat Andrea Ott Aus­tens letz­ten Roman Über­re­dung (Per­sua­si­on) sowie ihre Brie­fe – erst­mals voll­stän­dig auf Deutsch – über­setzt; auch ihre Über­tra­gun­gen von Stolz und Vor­ur­teil und Gefühl und Ver­stand sind dort erhält­lich. Im Fischer Ver­lag erschei­nen die Über­set­zun­gen des Ehe­paars Man­fred Allié und Gabrie­le Kempf-Allié. Ihre jüngs­te Neu­über­set­zung ist eine 2019 erschie­ne­ne Fas­sung von Emma, doch auch die übri­gen gro­ßen Roma­ne stam­men aus ihrer Feder. Die meis­ten Aus­ten-Aus­ga­ben im dtv wur­den von der inzwi­schen ver­stor­be­nen Hel­ga Schulz über­setzt; im Insel Ver­lag erschei­nen vor­ran­gig Neu­über­set­zun­gen von Ange­li­ka Beck. Wel­che die­ser Über­set­zun­gen beson­ders lesens­wert sind, dis­ku­tie­ren wir regel­mä­ßig in unse­rer Klas­si­ker-Rei­he.

Doch dies sind nur eini­ge von vie­len Namen, durch deren Hän­de Jane Aus­tens Tex­te gegan­gen sind und die bis heu­te dazu bei­tra­gen, dass ihre Roma­ne im deutsch­spra­chi­gen Raum gele­sen wer­den. Über­set­zun­gen grei­fen aktiv in die Rezep­ti­ons­ge­schich­te ein; Über­set­zen­de ver­wal­ten dabei ein lite­ra­ri­sches Erbe, das sich mit jeder neu­en Fas­sung leicht ver­schiebt. Gera­de an Jubi­lä­en wie die­sem lohnt es sich daher, den Blick zu wei­ten. Denn Jane Aus­ten klingt in jeder Über­set­zung ein wenig anders. Genau des­halb lohnt es, anläss­lich des 250. Geburts­tags mal einen Moment inne­zu­hal­ten und zu fra­gen: Wel­che Jane Aus­ten steht eigent­lich in mei­nem Regal?


In unse­rer Rei­he „Wel­che Über­set­zung soll ich lesen?“ bespre­chen wir in regel­mä­ßi­gen Abstän­den gro­ße Klas­si­ker und ihre vie­len Über­set­zun­gen. Alle bis­he­ri­gen Bei­trä­ge sind hier verfügbar.


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