Zu Beginn wagen wir ein kleines Experiment: Jane Austen ist ein funktionierender Clickbait. Wir könnten sogar darauf wetten, dass viele – vielleicht die meisten – Leser:innen eine Ausgabe ihrer Romane im Regal stehen haben. Wissen Sie, welche? Und wissen Sie, von wem sie übersetzt wurde? Und warum ist es gerade diese Ausgabe und nicht eine der zehn anderen? Dieser Text kann diese Fragen nicht abschließend beantworten, sondern vielmehr dazu anregen, Jane Austens Werke aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Doch alles der Reihe nach.
Am 16. Dezember kam vor 250 Jahren eine Frau zur Welt, deren Romane tief in die Annalen der Literaturgeschichte eingehen sollten. Doch bis man die Autorin wirklich ernst nahm, mussten zunächst rund hundert Jahre vergehen. Zwar gab es schon zu ihren Lebzeiten einzelne wohlwollende Besprechungen – Walter Scott, ein Starautor seiner Zeit, lobte ihren letzten großen Roman Emma ausdrücklich –, doch der eigentliche Ruhm, die popkulturelle Stolz-und-Vorurteil-Besessenheit und der Personenkult, der sich heute auf Tote Bags, Seifen und anderen Gimmicks manifestiert, folgten erst viel später.
Als Jane-Austen-Fan mögen einem die zahlreichen Würdigungen anlässlich des Jubiläums – vor acht Jahren wurde übrigens erst der 200. Todestag gefeiert – langsam etwas eintönig vorkommen. Die einen dichten ihr Leben zu einer mitreißenden, tragischen Liebesgeschichte um, andere stellen erneut die besten Verfilmungen oder sogar Comic-Adaptionen vor, wieder andere analysieren zum x‑ten Mal die berühmtesten Liebespaare. Und dann sind da noch die besonders kritischen Fragen, die ihr Werk seit jeher umranken: Warum ist es so zeitlos? Was können heutige Leserinnen überhaupt mit einer Autorin anfangen, die vor 250 Jahren geboren wurde? Und ist Jane Austen am Ende nicht ohnehin Kitsch?
Dabei liefert die anhaltende Jane-Austen-Rezeption durchaus noch einige Aspekte, die man sich etwas genauer anschauen könnte, ohne dem Vorwurf der Redundanz ausgesetzt zu werden – zum Beispiel der Blick auf die Übersetzungsgeschichte, die natürlich einen nicht unwesentlichen Kern der Rezeptionsgeschichte ausmacht. Jane Austens Ruhm beschränkt sich nicht auf die englischsprachige Welt, nein, nicht einmal auf Europa. Auch in Indien, Japan oder China gelten ihre Romane als Klassiker – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Austen ist also ein globaler Star, dessen weltweiter Siegeszug ohne die vielen – sehr vielen – Übersetzungen nicht möglich gewesen wäre. Expertinnen schätzen, dass über 700 Übersetzungen existieren.
Angekurbelt wurden diese Übersetzungen, die zu großen Teilen erst im 20. Jahrhundert erschienen, durch eine ganze Reihe von Faktoren. Namhafte Autorinnen und Autoren, die sich für die Darstellung scheinbar simpler Alltagsszenen interessierten, entdeckten Austens Werk und dessen technische Raffinesse neu – allen voran Virginia Woolf, deren Essay besonders häufig in Austen-Nachrufen zitiert wird. Darin erklärt sie, Austen hätte, wäre sie nicht im Alter von zweiundvierzig Jahren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens gestorben, eine „Wegbereiterin von Henry James oder Proust“ werden können. Aber auch in wissenschaftlichen Kreisen erkannte man im Laufe des Jahrhunderts endlich die feine Ironie und subversive Gesellschaftsanalyse ihres Schreibens an. Zahlreiche erfolgreiche Adaptionen – ob für Radio, Film oder Fernsehen – taten ihr Übriges.
Jane Austen war zu Lebzeiten keine völlig Unbekannte, ihr damaliger Status ist mit dem heutigen jedoch nicht vergleichbar. Dennoch wurden ihre Werke übersetzt, was kaum überrascht: Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in Europa ohnehin recht rege übersetzt – vor allem von Frauen, da dies als akzeptabler Zeitvertreib galt. So kam es, dass einige ihrer Romane nicht nur ins Französische, Schwedische oder Dänische, sondern auch ins Deutsche übertragen wurden. 1822 erschien unter dem eingedeutschten Namen Johanna Austen der Roman Anna. Ein Familiengemälde – es handelt sich dabei um Persuasion – übersetzt vom umtriebigen Leipziger Verleger A. W. Lindau, der bemerkenswerterweise die Autorin, die jahrelang anonym veröffentlicht hatte und deren Werke daher vielen alten Übersetzungen nicht eindeutig zugeordnet werden konnten, auf das Titelblatt setzte.
Acht Jahre später folgte die erste Übersetzung von Stolz und Vorurteil durch Louise Marezoll. Danach sollte es fast ein ganzes Jahrhundert dauern, bis weitere Übersetzungen erschienen: Erst in den 1930er Jahren kamen Versionen von Emma und eine erneute Übersetzung von Stolz und Vorurteil auf den Markt. Von einem echten Jane-Austen-Boom lässt sich jedoch erst ab den 1980er Jahren, vor allem aber den 1990er Jahren sprechen. Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) wurde sogar erst im 20. Jahrhundert ins Deutsche übertragen.
Inzwischen ist Jane Austen selbstverständlich in jedem Verlagsprogramm zu finden, das Klassiker herausbringt. Für die Austen-Rezeption entscheidend sind jedoch vor allem die Übersetzungen des Ehepaars Christian und Ursula Grawe, die Austens große Romane Anfang der 1980er Jahre für Reclam neu übersetzt haben (Mansfield Park erschien in ihrer Übersetzung allerdings erst 2007). Diese Ausgaben werden bis heute vom Verlag immer wieder neu aufgelegt und enthalten sowohl Nachwörter als auch einen ausführlichen Anmerkungsapparat.
Wegweisend waren diese Übersetzungen aber auch in anderer Hinsicht: Sie verpassten Austen eine zeitgemäße deutsche Sprache. Ihrem Werk hängt ja mitunter, wohl auch durch Verfilmungen geprägt, der Ruf an, dass ihre Figuren sich in gestelzten Sätzen auf langen Spaziergängen übers Wetter unterhalten. Doch ein Grund, warum Austen noch immer gelesen wird, liegt neben der psychologischen Tiefe und den Auseinandersetzungen mit Geschlecht, Standesbewusstsein und gesellschaftlichen Konventionen auch in der Schlagfertigkeit, den Spitzen und der Modernität ihrer oft höchst witzigen Dialoge. Nichts daran wirkt überholt.
Aber natürlich sind seit diesen Übersetzungen inzwischen rund 45 Jahre vergangen, und wohl jede würde bestätigen, dass sich in dieser Zeit vieles verändert hat – sprachlich wie auch anderweitig. Aus diesem Grund wird ständig der Ruf nach Neuübersetzungen laut, gerade im Fall Jane Austens, deren Werk nach wie vor ein Verkaufsschlager ohnegleichen ist. In wenigen Monaten erscheint zudem eine neue Netflix-Produktion von Stolz und Vorurteil. Allein solche Anlässe sorgen dafür, dass Austens Romane immer wieder neu entdeckt oder erneut gelesen werden.
Doch wir wollen nicht allein kommerzielle Gründe für Neuübersetzungen anführen. Austens Romane wurden lange unterschätzt, ihre technischen Eigenheiten vielfach glattgebügelt. So gehörte sie zu den ersten Autorinnen im englischsprachigen Raum, die die erlebte Rede einsetzten – etwa in ihrem 1815 erschienenen Roman Emma. Für ihre Zeit war das höchst ungewöhnlich; vieles davon wurde in frühen Übersetzungen abgeschwächt und erst in neueren Fassungen wieder mittransportiert. Denn Lesegewohnheiten verändern sich, ebenso die Ansprüche und Erwartungen an Texte. Die Aufgabe von Übersetzenden ist es nicht, einen Klassiker zeitlos zu machen, sondern dafür zu sorgen, dass er zeitlos bleibt. „In anderen Ländern wird ‚Jane Austen‘ zwangsläufig von ihren Übersetzer:innen konstruiert“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Gillian Dow.
Anlässlich des 250. Geburtstags stehen nun bereits die nächsten Neuübersetzungen in den Startlöchern: Für Manesse hat Andrea Ott Austens letzten Roman Überredung (Persuasion) sowie ihre Briefe – erstmals vollständig auf Deutsch – übersetzt; auch ihre Übertragungen von Stolz und Vorurteil und Gefühl und Verstand sind dort erhältlich. Im Fischer Verlag erscheinen die Übersetzungen des Ehepaars Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Ihre jüngste Neuübersetzung ist eine 2019 erschienene Fassung von Emma, doch auch die übrigen großen Romane stammen aus ihrer Feder. Die meisten Austen-Ausgaben im dtv wurden von der inzwischen verstorbenen Helga Schulz übersetzt; im Insel Verlag erscheinen vorrangig Neuübersetzungen von Angelika Beck. Welche dieser Übersetzungen besonders lesenswert sind, diskutieren wir regelmäßig in unserer Klassiker-Reihe.
Doch dies sind nur einige von vielen Namen, durch deren Hände Jane Austens Texte gegangen sind und die bis heute dazu beitragen, dass ihre Romane im deutschsprachigen Raum gelesen werden. Übersetzungen greifen aktiv in die Rezeptionsgeschichte ein; Übersetzende verwalten dabei ein literarisches Erbe, das sich mit jeder neuen Fassung leicht verschiebt. Gerade an Jubiläen wie diesem lohnt es sich daher, den Blick zu weiten. Denn Jane Austen klingt in jeder Übersetzung ein wenig anders. Genau deshalb lohnt es, anlässlich des 250. Geburtstags mal einen Moment innezuhalten und zu fragen: Welche Jane Austen steht eigentlich in meinem Regal?
In unserer Reihe „Welche Übersetzung soll ich lesen?“ besprechen wir in regelmäßigen Abständen große Klassiker und ihre vielen Übersetzungen. Alle bisherigen Beiträge sind hier verfügbar.
