Wer Jane Austen auf Deutsch liest, liest nie nur Jane Austen. Schon der erste Satz spiegelt Konventionen, Übersetzungspraktiken und kulturelle Erwartungen wider. Hinzu kommen eigene Erinnerungen und frühere Erfahrungen, die den Blick auf den Text nuancieren. Dieses Zusammenspiel von Text, Übersetzung und Wahrnehmung wurde mir besonders bewusst, als ich Emma erneut las.
Dank dieser Reihe und anlässlich des 250. Geburtstags von Jane Austen durfte meine etwas mitgenommene Ausgabe sich einer wiederholten Lektüre erfreuen. Ich gestehe gern, dass sich meine Erinnerung an den Roman mit den Eindrücken der Verfilmungen ungünstig vermischt hatte. Meine Meinung zum Buch selbst war vor der wiederholten Lektüre wohlwollend, aber noch unscharf; die Einordnung der Verfilmungen dafür umso klarer (die von 2020 war solide, die von 1996 kurzweilig und Clueless, ebenfalls auf dem Roman basierend, ohnehin unübertroffen).
Viele von Jane Austens Romanen stehen im Schatten von Stolz und Vorurteil – manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht. Emma mag auf den ersten Blick ein solcher Fall sein. Es ist Austens letzter großer Roman, den sie zwei Jahre vor ihrem Tod vollendete. Kurz vorher wechselte sie zu dem damals sehr einflussreichen Verleger John Murray, der prompt niemand Geringeren als Walter Scott – dessen Romane vergleichsweise deutlich stärker in Vergessenheit geraten sind – damit beauftragte, eine wohlwollende Rezension über Emma zu veröffentlichen.
Er schreibt darin, Austen habe „Skizzen von einer solchen Lebendigkeit und Originalität geschaffen, dass wir die Spannung, die sonst aus der Erzählung außergewöhnlicher Ereignisse erwächst, nie vermissen“. Kurzum: Laut Scott passiert in dem Roman wenig („Emma verfügt über noch weniger Handlung als beide zuvor erschienenen Romane“), doch gut unterhalten fühlte er sich nichtsdestotrotz und so bleibt bei seiner Bewunderung für Austens Darstellung des scheinbar einfachen, zutiefst englischen Lebens.
Typisch für Austen wird auch in Emma wieder eifrig geheiratet: Ihre Heldin Emma Woodhouse lebt mit ihrem hypochondrischen Vater im beschaulichen Highbury. Emmas Schwester hat einen gewissen John Knightley geheiratet (dessen Bruder Mr. Knightley ein gern gesehener Nachbar Emmas ist) und verbringt ihre Zeit mit ihm und den drei Kindern in London. Emmas engste Vertraute ist daher ihre ehemalige Gouvernante, die zu Beginn des Romans Mr. Weston heiratet – ein Ereignis, bei dem Emma meint, selbst Amor gespielt zu haben. Der Besuch von Westons Sohn Frank Churchill anlässlich der Eheschließung wird von der kleinen Gesellschaft sehnsüchtig erwartet, lässt jedoch bis etwa zur Hälfte des über 500 Seiten starken Romans auf sich warten. Auf der Suche nach einer ebenfalls möglichst unverheirateten Freundin nimmt sich Emma unterdessen der unbedarften Harriet an, die sie mit dem unerträglichen, aber gut aussehenden Pfarrer Mr. Elton verkuppeln möchte.
Emma ist ein Roman, so würde ich behaupten, der sich erst beim wiederholten Lesen wirklich erschließt. Auf den ersten Blick scheint es die üblichen Irrungen und Wirrungen zu geben, doch die Vorurteile – oder eher Fehlurteile – wirken komplexer als in den vorherigen Romanen. Emma Woodhouse ist gewissermaßen eine Intrigantin, die die Figuren wie auf einem Schachbrett zu führen versucht, und zugleich eine Beobachterin, die meint, alles über alle zu wissen, dabei jedoch fast immer falschliegt. Ein gutes Beispiel dafür ist Frank Churchill: Emma verliebt sich zunächst oberflächlich in ihn, ordnet ihn dann irrtümlich Harriet zu und missversteht deren Gefühle, bis sie schließlich erfährt, dass er seit Monaten heimlich mit der eleganten Jane Fairfax, ihrer Erzfeindin, verlobt ist.
Dieses Figurengeflecht (und das war nur ein Bruchteil) mag in der Zusammenfassung noch durchsichtig erscheinen. Im Buch jedoch wird (fast) alles aus Emmas eingeschränkter Perspektive erzählt – sodass lediglich beim wiederholten Lesen deutlich wird, wie viel sie übersieht oder schlicht missversteht. Austen setzt gezielt Hinweise, spielt mit Doppeldeutigkeiten und deutet vieles subtil an, das sich aber erst nach Hunderten von Seiten auflöst. Die technische Raffinesse lässt sich folglich erst wirklich nach der wiederholten Lektüre würdigen.
Die technische Versiertheit wurde Jane Austen ohnehin lange nicht zugesprochen. Die viktorianischen Schriftsteller hielten sie für bieder, große Romanciers des Jahrhunderts – etwa Henry James – bezeichneten ihre Sichtweise auf die Gesellschaft als zu „beschränkt“. Erst im 20. Jahrhundert erhielt sie die ihr zustehende Anerkennung, etwa von Samuel Beckett oder Virginia Woolf. Die Balance zwischen Unterhaltung und kunstvollem Ausführung gelingt ihr in Emma, entstanden auf der Höhe ihres Schaffens, nahezu perfekt.
Inzwischen ist Emma auch bekannt als einer der ersten englischsprachigen Romane, der mit erlebter Rede arbeitet und damit gewissermaßen die Moderne vorwegnimmt. Bis dahin schrieb man entweder aus der Perspektive eines Ichs oder eines allwissenden Erzählers. Austen schafft es jedoch, eine Brücke zwischen äußerer Sicht und dem inneren Erleben ihrer Figuren zu schlagen. Emma ist außerdem ihr dialogreichster Roman; sie lässt ihre Figuren oft fast einen eigenen Soziolekt sprechen – etwa die redselige Miss Bates oder die versnobbte Mrs. Elton, deren gesellschaftlicher Status sich deutlich in ihrer Ausdrucksweise zeigt. Heute wirkt das alles ganz selbstverständlich; vor 200 Jahren – als der moderne Roman noch jung war – war es etwas völlig Neues.
Auch aus übersetzerischer Sicht hat Jane Austens Emma einiges zu bieten, denn nicht zuletzt ist der Roman an vielen Stellen höchst ironisch und witzig. Es dauerte allerdings lange, bis er überhaupt ins Deutsche übertragen wurde: Die Erstübersetzung von Charlotte von Klinkowstroem, über die fast nichts bekannt ist, erschien 1939 – also über 100 Jahre nach Erscheinen des Originals. In den 1960er-Jahren brachte der Aufbau Verlag eine Neuübersetzung von Horst Höckendorf heraus, die noch immer verlegt wird. 1981 erschien dann die Neuübersetzung von Ursula und Christian Grawe, die sich dem Gesamtwerk Jane Austens widmeten. Fast zeitgleich veröffentlichte der damals in Zürich ansässige Manesse Verlag eine Übersetzung von Ilse Leisi, die heute als Penguin-Ausgabe erhältlich ist.
Der Austen-Boom der 1990er Jahre, angekurbelt durch zahlreiche erfolgreiche Adaptionen, sorgte dafür, dass ihre Romane seither in relativ regelmäßigen Abständen neu übersetzt werden. Dazu gehören die Neuübersetzung von Angelika Beck für den Insel Verlag aus dem Jahr 1997, die Übersetzung von Helga Schulz für dtv (2012) sowie die jüngste Neuübersetzung des Ehepaars Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié für den Fischer Verlag (2019), die eine alte Übersetzung von Helene Henze aus dem Jahr 1961 ablöste – aus diesem Grund wird diese hier vernachlässigt.
Aufmerksamen Leser:innen der Reihe dürfte aufgefallen sein, dass einige der hier erwähnten Übersetzer:innen bereits andere Klassiker wie Frankenstein oder Stolz und Vorurteil übersetzt haben – etwa die Grawes, Alliés oder Helga Schulz. Das überrascht kaum, denn Übersetzende, die bereits Erfahrung mit klassischen Texten haben, bringen oft die nötige Expertise für solche Projekte mit. Zudem profitieren die Emma-Ausgaben von einem sorgfältig gestalteten Anmerkungsapparat und einem informativen Nachwort, deren Erstellung einen nicht unerheblichen Aufwand erfordert.
Die Übersetzungen von Ursula und Christian Grawe für Reclam wurden in diesen Besprechungen bislang durchweg wohlwollend aufgenommen, standen jedoch nicht immer im Zentrum der Betrachtung. In ihrer Emma-Übersetzung zeigt der Vergleich nun umso deutlicher, dass sie einer klar erkennbaren eigenen Übersetzungskonzeption folgen. Bereits ihre Fassung des ersten Satzes macht dies sichtbar:
Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, with a comfortable home and happy disposition, seemed to unite some of the best blessings of existence; and had lived nearly twenty-one years in the world with very little to distress or vex her.
Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, im Besitz eines gemütlichen Heims sowie einer glücklichen Veranlagung, vereinigte sichtlich einige der besten Gaben des Lebens auf sich. Sie war schon fast einundzwanzig Jahre auf der Welt, ohne je wirklich Schweres oder Beunruhigendes erlebt zu haben. (Charlotte von Klinckowström, 1939)
Emma Woodhouse, hübsch, intelligent und reich, mit einem behaglichen Heim und glücklichen Gaben ausgestattet, schien einige der besten Segnungen des Daseins auf sich zu vereinen und hatte in den knapp einundzwanzig Jahren, die sie auf der Welt war, sehr wenig Kummer und Sorge kennengelernt. (Horst Höckendorf, Aufbau, 1964)
Emma Woodhouse, schön, gescheit und reich, mit einem behaglichen Zuhause und heiteren Gemüt, schien in sich einige der besten Glücksgüter des Daseins zu vereinigen und hatte nahezu einundzwanzig Jahre auf der Welt zugebracht, ohne viel Anlass zu Kummer oder Ärger zu finden. (Ilse Leisi, Penguin/Manesse, 1981)
Schön, aufgeweckt und reich, bei einem sorgenfreien Zuhause und einem glücklichen Naturell war Emma Woodhouse offenbar mit einigen der erfreulichsten Vorzüge des Daseins gesegnet und hatte beinahe einundzwanzig Jahre fast ohne jeden Anlass zu Kummer und Verdruss auf dieser Welt verbracht. (Ursula und Christian Grawe, Reclam, 1981)
Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, mit einem behaglichen Zuhause und einem glücklichen Naturell ausgestattet, schien vom Schicksal in mancherlei Hinsicht begünstigt und hatte nun schon fast einundzwanzig Jahre auf dieser Welt verbracht, ohne großen Ärger oder Verdruß zu erfahren. (Angelika Beck, Insel, 1997)
Emma Woodhouse, schön, klug und reich, mit einem behaglichen Heim und einer glücklichen Veranlagung, schien einige der besten Segnungen des Lebens in sich zu vereinen, und es hatte in den fast einundzwanzig Jahren, die sie auf der Welt war, nur sehr wenig gegeben, das sie beunruhigt oder betrübt hätte. (Helga Schulz, dtv, 2012)
Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, mit einem angenehmen Zuhause und von heiterem Gemüt, schien beinahe alles in sich zu vereinen, was das Leben einem Menschen an Gutem nur bieten kann; fast einundzwanzig Jahre war sie nun schon auf dieser Welt und hatte in all der Zeit kaum je einmal Kummer oder Sorgen gekannt. (Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer, 2019)
Ganz und gar eigentümlich rückt die Grawe-Übersetzung – anders als alle anderen Übersetzungen oder gar das Original – den Namen der Hauptfigur um einige Plätze nach hinten. Der Effekt ist fraglich: Einerseits wird durch die Verschiebung auf eigentümliche Weise die Schönheit der Protagonistin betont, da das Adjektiv noch vor ihrem Namen genannt wird. Andererseits verändert sich dadurch auch der Rhythmus des gesamten Satzes. Das etwas schwach übersetzte „aufgeweckt“ („clever“) wird Emma Woodhouse wenig gerecht (daher ist sie in den anderen Übersetzungen „klug“ oder „intelligent“) und auch das „bei“ vor „Zuhause“ mag etwas irritieren.
Dafür ist der Rest des Satzes aber recht gelungen: „Best blessings auf existence“ wird locker mit „erfreulichsten Vorzügen des Daseins“ übersetzt – ein ganz schöner Kontrast zu dem steifen „besten Segnungen des Lebens“ (siehe Schulz) oder dem umständlichen „schien vom Schicksal in mancherlei Hinsicht begünstigt“ bei Angelika Beck. Außerdem kommt der Satz bei den Grawes ohne eine elendige Relativkette (wie bei Schulz) oder andere Einschübe zu einem sauberen Schluss. Bemerkenswert ist auch, dass die älteste Übersetzung von Charlotte von Klinckowström die Komplexität des Originalsatzes mit den ihr gegebenen Mitteln – in diesem Fall einem entzerrenden Satzzeichen wie dem Punkt – löst. Es ist sicher streitbar, ob das unbedingt notwendig gewesen wäre. Weniger streitbar ist, dass sich die älteste Übersetzung an dieser Stelle flüssiger liest als manch jüngere.
Schon die Einleitung macht also die unterschiedlichen Stärken und Schwächen der Übersetzungen sichtbar. Helga Schulz folgt dem Original oft mit großer Nähe, mitunter bis an die Grenze zur Wörtlichkeit. So heißt es bei ihr ein paar Seiten weiter: „Die Woodhouses waren die Ersten am Ort“ – eine Formulierung, die befremdet und das englische „The Woodhouses were first in consequence there“ semantisch verfehlt. Angelika Beck entscheidet sich hier für eine freiere, aber treffendere Lösung und übersetzt: „Die Woodhouses waren dort die angesehensten Leute.“ Auch an anderen Stellen zeigt sich, dass Schulz zu einer sachlich-nüchternen Glättung neigt, wo Beck – ebenso wie die Grawes – den aphoristischen Zug Austens deutlicher herausarbeitet. „Respect for right conduct is felt by every body“ wird bei Schulz zu „Jedermann empfindet Respekt für korrektes Verhalten“, während Beck formuliert: „Rechtschaffenheit nötigt jedermann Respekt ab“ – und die Grawes noch zugespitzter: „Richtiges Benehmen zwingt allen Respekt ab.“
Aber auch in anderer Hinsicht gehen die Grawes eigene Wege. Die Eigentümlichkeit ihrer Emma-Übersetzung zeigt sich ebenfalls beim Siezen und Duzen, wo im Englischen keine Differenzierung besteht. Es ist ja seit jeher immer – neben vielleicht historisch überlieferten Praktiken – am Ende Auslegungssache der Übersetzenden, wer wen warum siezt. Ein Beispiel sind Emma und ihre Freundin Harriet, derer sie sich annimmt und in Liebesdingen, oftmals schlecht, berät. Letztere ist Emma sozial unterstellt, obgleich sie nun auch keine Bedienstete ist. In vielen Übersetzungen siezen sich beide Frauen, in den Übersetzungen von Angelika Beck und Charlotte von Klinckowström siezt jedoch nur Emma Harriet, nicht umgekehrt. Auf diese Weise wird ihre übergeordnete soziale Stellung betont.
Kurioserweise wenden die Grawes – als Einzige wohlgemerkt – dieses Prinzip auf Emma und Mr. Knightley an, indem Mr. Knightley zwar Emma duzt, diese ihn aber konsequent bis zur Verlobung siezt. Damit wird jedoch anders als bei Harriet und Emma nicht unbedingt ein soziales Gefälle markiert, sondern ein Altersunterschied. Dies rückt den Fokus unglücklicherweise auf eine der wenigen Dinge an diesem ansonsten zeitlosen Roman, an dem sich manche Lesende stoßen mögen: Mr. Knightley ist gut fünfzehn Jahre älter als Emma und kennt diese, seitdem sie vierzehn ist.
Es wird noch seltsamer: Mr. Knightleys Bruder ist mit ihrer Schwester verheiratet. Auch dieser Umstand sticht in der Grawe-Übersetzung besonders hervor. Emma betont an einer Stelle, dass es für Mr. Knightley ja nicht unschicklich sei, sie zum Tanz aufzufordern, denn sie seien schließlich nicht „brother and sister“. Nun liegt der Verdacht nahe, dass die Grawes an dieser Stelle versucht haben, ein Problem zu lösen, das im Deutschen eigentlich gar keins ist. Im Englischen ist „brother and sister“ tatsächlich etwas doppeldeutig – zum einen, weil ein Schwager ein „brother-in-law“ und eine Schwägern „sister-in-law“ sind. Zum anderen, weil durchaus eine geschwisterliche Komponente aufgrund des Altersunterschieds zwischen den beiden besteht. Hier ein Auszug:
‘Indeed I will. You have shown that you can dance, and you know we are not really so much brother and sister as to make it at all improper.’ ‘Brother and sister! no, indeed.’
»Natürlich will ich. Sie haben ja bereits bewiesen, daß Sie tanzen können und Sie wissen, wir sind nicht so ausgeprägt Schwager und Schwägerin, um es unpassend erscheinen zu lassen.« »Schwager und Schwägerin! – nein, wirklich nicht.« (Charlotte von Klinckowström, 1939)
»Natürlich, Sie haben mir gezeigt, dass Sie tanzen können, und wenn wir auch Schwager und Schwägerin sind, heißt das ja nicht, dass es sich nicht gehört.« »Schwager und Schwägerin! Nein, nicht nur!« (Ursula und Christian Grawe, Reclam, 1981)
»Wollen Sie?« fragte er und reichte ihr seine Hand. »Natürlich will ich. Sie haben ja bereits bewiesen, daß Sie tanzen können, und so sehr Bruder und Schwester sind wir nun auch wieder nicht, daß es unschicklich wirken würde.« »Bruder und Schwester? Nein, weiß Gott nicht.« (Angelika Beck, Insel, 1997)
»Das würden Sie tun?«, fragte er und bot ihr seine Hand. »Das würde ich. Sie haben bewiesen, dass Sie tanzen können, und wir sind zwar fast wie Geschwister, aber so verwandt, dass wir das nicht dürfen, sind wir ja nun nicht« »Geschwister? Nein, das nun doch nicht.« (Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer, 2019)
An dieser Stelle hätte eine Übersetzung näher am Original bleiben können. Die Grawes wählen jedoch „Schwager und Schwägerin“ – eine korrekte Einordnung des verwandtschaftlichen Verhältnisses, während „Bruder und Schwester“ faktisch falsch ist – und müssen deshalb Mr. Knightleys Antwort stärker anpassen. Dadurch klingt Mr. Knightleys spontane Ablehnung des Gedankens schwächer und weniger überzeugend. Auch das „Natürlich will ich“ der anderen Übersetzungen wird von den Grawes zu einem bloßen „Natürlich“ reduziert, obwohl diese Einwilligung kein nebensächliches Detail ist. Hinzu kommt das erstaunlich umständliche „heißt ja nicht, dass es sich nicht gehört“ in einer ansonsten um Flüssigkeit bemühten Übersetzung.
Charlotte von Klinckowström, die auch Schwäger benutzt, löst das Problem teilweise souveräner, indem sie von einer „nicht so ausgeprägten“ Verwandtschaft spricht; die Ironie bleibt spürbar, der Satzfluss leidet jedoch leicht. Die Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié („fast wie Geschwister, aber so verwandt, dass wir das nicht dürfen, sind wir ja nun nicht“) versucht, Nähe und gesellschaftliche Schranken zu vermitteln, wirkt dabei jedoch sperrig und verkompliziert den Satzfluss. Am elegantesten und dem Originalton am nächsten ist die Übersetzung von Angelika Beck: Sie fängt Ironie und Bildhaftigkeit wirkungsvoll ein, und das abschließende „weiß Gott nicht“ verstärkt den humorvollen, ambivalenten Tonfall von Mr. Knightley auf treffende Weise.
Originalität kann jedoch an anderen Stellen ein großer Vorteil sein. Emma erhält von Mr. Elton, den sie mit Harriet verheiraten möchte, ein Rätsel, das beide (wobei der cleveren Emma die Lösung natürlich sofort ins Auge sticht) zu lösen versuchen. Dieses Rätsel, in Form eines Gedichts, haben die Austen-Übersetzer:innen ganz unterschiedlich übersetzt. Die Lösungen klingen wie folgt:
And woman, lovely woman, reigns alone. Can it be Neptune? Behold him there, the monarch of the seas! Or a trident? or a mermaid? or a shark? Oh, no! shark is only one syllable. It must be very clever, or he would not have brought it. Oh! Miss Woodhouse, do you think we shall ever find it out?’ ‘Mermaids and sharks! Nonsense! My dear Harriet, what are you thinking of? Where would be the use of his bringing us a charade made by a friend upon a mermaid or a shark? Give me the paper and listen.’ ‘For Miss——, read Miss Smith. My first displays the wealth and pomp of kings, Lords of the earth! their luxury and ease. That is court. Another view of man, my second brings; Behold him there, the monarch of the seas! That is ship;—plain as can be.—Now for the cream. But ah! united, (courtship, you know,) what reverse we have!’
»And woman, lovely woman, reigns alone. Oder vielleicht Neptun? Behold him there, the monarch of the seas! Oder ein Dreizack? Oder eine Nixe? Oder ein Hai? Ach nein, Hai hat ja bloß eine Silbe. Es muss wohl sehr geistreich sein, sonst hätte er es nicht gebracht. Ach, Miss Woodhouse, glauben Sie, dass wir es herauskriegen?« »Nixen und Haie! Unsinn! Meine liebe Harriet, was denken Sie nur? Was hätte es für einen Sinn, dass er uns eine Scharade bringt, die ein Freund von ihm auf eine Nixe oder einen Hai geschrieben hat? Geben Sie mir das Blatt und hören Sie zu! Für Miss …, lies: Miss Smith. My first displays the wealth and pomp of kings, Lords of the earth! their luxury and ease. Das bedeutet court. Another view of man, my second brings, Behold him there, the monarch of the seas! Das bedeutet ship – ganz klar. (Horst Höckendorf, Aufbau, 1964)
Kann es ›Frau‹ heißen? … bestimmt für eine Frau vor allen. Oder Kindstaufe? Ein Fest, bestimmt für eine Frau vor allen. Geburtstag? Oder Himmelfahrt? Oder Erntedankfest? Nein, das geht nicht, das hat vier Silben. Es ist bestimmt sehr geistreich, sonst hätte er es nicht hergebracht. Oh, Miss Woodhouse, glauben Sie, wir kriegen es jemals heraus?« »Himmelfahrt oder Erntedankfest! Unsinn! Meine liebe Harriet, was glauben Sie denn? Wozu sollte er uns wohl ein Rätsel bringen, das ein Freund über Himmelfahrt oder Erntedankfest gemacht hat? Geben Sie mir das Blatt und hören Sie zu: An Miss …, da muss man lesen Miss Smith. Die erste Silbe will sich aufwärtsheben, Dass sie dem Niedrigen entgegensteht. Das ist hoch. Die zweite muss begleiten unser Leben Und scheint uns manchmal schön und manchmal öd. Das ist Zeit – es kann gar nicht anders sein. Und jetzt kommt die Pointe. Doch, ach, zu zweit erst (Hochzeit, nicht wahr?) woll’n sie uns gefallen …« (Ursula und Christian Grawe, Reclam, 1981)
»Kann es ›Frau‹ sein? Und herrschen wird allein die Frau, die schöne. Kann es Neptun sein? Dort seht ihr ihn als Herrn der Meere! Oder ein Dreizack? Oder eine Meerjungfrau? Oder ein Hai? Ach, nein, Hai hat nur eine Silbe. Es muß sehr geistreich sein, sonst hätte er es uns nicht gebracht. Oh, Miss Woodhouse, glauben Sie, wir finden es jemals heraus?« »Meerjungfrauen und Haie – Unsinn! Meine liebe Harriet, was glauben Sie denn? Was sollte es ihm nützen, uns eine Scharade zu bringen, die ein Freund über eine Meerjungfrau oder einen Hai gemacht hat? Geben Sie mir das Blatt und hören Sie zu. Für Miss …, setzen Sie Miss Smith ein. Das erste zeigt des Königs Prunk und Reichtum, Die Herrn der Erde, in Luxus und Wohlsein, Das ist – court. Mein zweites zeigt den Mann an andrer Stelle, Dort seht ihr ihn, als Herrn der Meere. Das ist – ship – deutlicher geht es nicht. Nun zur Pointe. Doch, ah, vereint, welch andres Wort wir haben, – nämlich courtship, Sie wissen schon, einer Dame den Hof machen …« (Helga Schulz, dtv, 2012)
»Meinen Sie, ›Dame‹ ist die Lösung? Was die geliebte holde Dame will. Die Liebe? Des Lebens höchstes Gut ist ihm gegeben. Oder Freundschaft? Oder Gesundheit – nein, das sind drei Silben. Es muss ein sehr raffiniertes Rätsel sein, sonst hätte er es uns nicht gebracht. Ach, Miss Woodhouse, meinen Sie, wir finden es je heraus?« ›Freundschaft und Gesundheit! Unsinn! Meine liebe Harriet, wo haben Sie nur Ihre Gedanken! Wenn sein Freund eine Scharade über Freundschaft oder Gesundheit geschrieben hätte, warum sollte er sie uns dann bringen? Geben Sie mir das Blatt und hören Sie zu. Für Miss –: Da müssen Sie ›Miss Smith‹ ergänzen. Des Lebens höchstes Gut ist dem gegeben, Der sich des ersten Namens rühmen kann. Was ist das höchste Gut des Lebens? Die Freiheit! Und der, der sich dessen rühmen kann, ist ein Freier. Die zweiten tragen ihn durchs Leben, Denn strebsam schreiten soll der Mann! Was trägt uns durchs Leben, womit schreiten wir? Die Füße, das ist doch nicht schwer! – Und jetzt wird es ernst: Doch ach, wenn erst die zwei zu einem sich verbinden! (nämlich zu Freiersfüßen) …« (Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer, 2019)
An diesem durchaus etwas albernen Rätsel, das der tollkühne Mr. Elton für Emma bestimmt hat, aber in Harriets Hände gerät, lässt sich gewissermaßen der Kreativitätsgrad der Übersetzenden messen. Helga Schulz verfährt (wie auch Angelika Beck und Ilse Leisi) eher zurückhaltend: Sie bleibt nah am Original, bewahrt Bildfeld und Struktur des englischen Wortspiels (court / ship) und greift erklärend ein. Damit bleibt die Logik des Rätsels zwar nachvollziehbar, doch wirkt die Lösung häufig eher erläutert als ausgespielt; der spielerische, leicht ironische Moment des Originals wird abgeschwächt. In Horst Höckendorfs Übersetzung wird diese Tendenz noch gesteigert, indem das Englische unvermittelt stehen bleibt („That is court“, „That is ship“) und der Witz nicht übertragen wird. Diese Entscheidung ist besonders fragwürdig, da das Rätsel mehr als bloße Grundkenntnisse des Englischen voraussetzt und sich so letztlich nur Leser:innen erschließt, die ebenso gut zum Original greifen könnten.
Deutlich wagemutiger gehen hingegen sowohl die Grawes als auch Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié vor, indem sie das englische Wortspiel vollständig ersetzen und ein eigenständiges deutsches Rätsel entwerfen. Bei den Grawes lautet die Lösung folgerichtig „Hochzeit“, ein zentrales Motiv des Romans; entsprechend kreisen ihre Assoziationen um kirchliche und weltliche Feiertage wie „Himmelfahrt“ oder „Erntedankfest“. Damit wird jedoch der Sinn von courtship verschoben, denn der englische Begriff bezeichnet nicht das Ereignis, sondern den Prozess der Annäherung.
Genau diesen Unterschied versuchen Allié und Kempf-Allié aufzugreifen, wenn sie ihre Lösung in der Wendung „zu Freiersfüßen“ finden. Da courtship selbst heute kaum noch gebräuchlich ist, erscheint die altertümliche Färbung konsequent; zugleich bleibt die Lösung streng genommen unvollständig, da die Redewendung vollständig „auf Freiersfüßen gehen“ lautet. Ihre Übersetzung bewegt sich damit bewusst zwischen Nähe zum Original und freier Nachdichtung – originell, aber nicht ohne semantische Reibungsverluste. Zudem mag diese Entscheidung nur bedingt zur übrigen, um Modernität bemühten Übersetzung passen.
Eine weitere bereits erwähnte Eigenart von Emma ist der spielerische Umgang mit erlebter Rede. Oft wird sie weniger erzählt als vielmehr durch Satzzeichen in Szene gesetzt. Vor allem die Gedankenstriche drängen sich in den dialogischen Passagen in den Vordergrund: Sie zerhacken Redeflüsse, schieben Kommentare ein, lassen das Denken der Figuren hörbar werden. Schon im englischen Original gilt diese Interpunktion als eigensinnig; bis heute ist umstritten, ob sie auf Jane Austen selbst zurückgeht oder auf ihren Verleger John Murray. Im Deutschen werden diese Satzzeichen in unterschiedlichem Maße übernommen, wie der folgende Auszug zeigt. Emma denkt hier über ihre Konkurrentin Jane Fairfax nach:
Emma was sorry; — to have to pay civilities to a person she did not like through three long months! — to be always doing more than she wished, and less than she ought! Why she did not like Jane Fairfax might be a difficult question to answer; Mr. Knightley had once told her it was because she saw in her the really accomplished young woman, which she wanted to be thought herself; and though the accusation had been eagerly refuted at the time, there were moments of self-examination in which her conscience could not quite acquit her. But ‘she could never get acquainted with her: she did not know how it was, but there was such coldness and reserve — such apparent indifference whether she pleased or not — and then, her aunt was such an eternal talker! — and she was made such a fuss with by every body! — and it had been always imagined that they were to be so intimate — because their ages were the same, every body had supposed they must be so fond of each other.’ These were her reasons — she had no better.
Emma fand es sehr bedauerlich, zu einem Menschen, den sie nicht leiden konnte, drei lange Monate hindurch höflich sein zu müssen! Gezwungen zu sein, immer mehr tun zu müssen, als sie eigentlich wollte, aber weniger, als sie im Grunde tun sollte! Sie wußte selbst nicht so recht, warum sie Jane Fairfax nicht mochte; Mr. Knightley hatte einmal zu ihr gesagt, es sei wahrscheinlich deswegen, weil sie in ihr die wirklich vollkommene junge Frau sah, die sie selbst gern gewesen wäre, und obwohl sie den Vorwurf damals eifrig zurückgewiesen hatte, gab es Augenblicke der Selbsterkenntnis, in denen ihr Gewissen sie nicht freizusprechen vermochte. Aber sie konnte mit ihr nicht warm werden, sie wußte nicht, woran es lag, da war solch eine Kühle und Reserviertheit – völlige Gleichgültigkeit, ob sie anderen gefiele oder nicht –, außerdem war ihre Tante eine solche Dauerschwätzerin! Und alle machten so viel Aufhebens um sie! Dann hatte man sich immer eingebildet, sie müßten unbedingt auf vertrautem Fuß stehen, da sie im gleichen Alter waren, jedermann hatte angenommen, sie müßten einander einfach gern haben. Das waren ihre Gründe, sie hatte keine besseren. (Charlotte von Klinckowström, 1939)
Emma war verstimmt – einem Menschen, den sie nicht mochte, drei lange Monate höflich begegnen zu müssen! Immer mehr zu tun, als sie wollte, und weniger, als sie sollte! Weshalb sie etwas gegen Jane Fairfax hatte, wäre vielleicht schwer zu beantworten gewesen; Mr. Knightley hatte ihr einmal gesagt, der Grund sei der, dass sie in ihr die wahrhaft vollendete junge Dame sehe, für die sie selbst so gern gehalten werden wollte; und obwohl sie damals diesen Vorwurf entschieden zurückgewiesen hatte, gab es Augenblicke der Selbsterkenntnis, in denen ihr Gewissen sie nicht ganz davon freisprach. Doch sie konnte sich nicht mit ihr anfreunden; sie wusste nicht, woran es lag, aber Miss Fairfax war so kühl und zurückhaltend – es war ihr so offenbar gleichgültig, ob sie einem gefiel oder nicht – und dann ihre Tante, die in einem fort redete – und überall machte man solch ein Wesen von ihr – und immer hatten sich die Leute eingebildet, sie beide seien miteinander befreundet; sie waren beide im gleichen Alter, und deshalb hatten alle angenommen, sie müssten sich auch gernhaben. Das waren Emmas Gründe – sie hatte keine besseren. (Horst Höckendorf, Aufbau, 1964)
Emma war nicht eben beglückt: Während voller drei Monate einem Menschen Artigkeiten erweisen zu müssen, den sie nicht mochte! – stets mehr zu tun, als sie wünschte, und weniger, als sie sollte! Warum sie Jane Fairfax nicht mochte, diese Frage war wohl schwer zu beantworten. Mr. Knightley hatte ihr einmal gesagt, dies käme daher, dass sie in ihr die wirklich gebildete junge Dame sähe, für die sie selbst gehalten werden wollte; und obschon diese Anschuldigung damals eifrig zurückgewiesen wurde, gab es doch Augenblicke der Selbstbefragung, in denen ihr Gewissen sie nicht ganz freisprechen konnte. Doch: Sie könnte sie nie richtig kennenlernen; sie wüsste nicht, wie es käme, aber da sei eine solche Kühle und Reserviertheit – solch eine scheinbare Gleichgültigkeit, ob sie andern gefiele oder nicht – und dann ihre Tante mit ihrem unaufhörlichen Gerede! – und so viel Wesens würde von ihr gemacht von allen Leuten! – und man hätte sich von Anfang an vorgestellt, sie beide müssten eng befreundet sein – weil sie gleich alt waren, hätten alle gemeint, sie müssten einander so gernhaben! Dies waren ihre Gründe – bessere hatte sie keine. (Ilse Leisi, Penguin/Manesse, 1981)
Emma behagte es gar nicht, drei volle Monate mit jemandem verkehren zu müssen, den sie nicht mochte, immer höflicher zu sein, als sie wollte, und weniger höflich, als sie sollte. Warum sie Jane Fairfax nicht leiden konnte, war nicht einfach zu beantworten; Mr. Knightley hatte einmal behauptet, es liege nur daran, dass sie in ihr die wirklich kultivierte junge Dame sah, für die sie selber gern gehalten werden wollte, und obwohl sie seine Beschuldigung lebhaft zurückgewiesen hatte, gab es doch Augenblicke der Selbstprüfung, in denen ihr Gewissen sie nicht so anstandslos freisprach. Aber sie konnte sich nicht mit ihr anfreunden; sie wusste auch nicht, warum, aber Jane strahlte so viel Kühle und Reserviertheit aus, es war ihr dabei so völlig gleichgültig, wie sie auf andere Menschen wirkte; und dann war die Tante so geschwätzig! Und alle Welt machte von Jane so viel Aufhebens und hatte es immer für selbstverständlich gehalten, dass sie Freundinnen werden müssten; weil sie gleichaltrig waren, hatten immer alle gefunden, sie müssten unzertrennlich sein. Das waren ihre Gründe, bessere hatte sie nicht. (Ursula und Christian Grawe, Reclam, 1981)
Emma war alles andere als erbaut davon, drei lange Monate hindurch einer Person Höflichkeiten erweisen zu müssen, die sie nicht leiden konnte – sich andauernd mehr um sie zu bemühen, als sie eigentlich wollte, und weniger, als sie sollte! Warum sie Jane Fairfax nicht leiden konnte, dürfte nicht leicht zu beantworten sein; Mr. Knightley hatte ihr einmal erklärt, es liege daran, weil sie in ihr die wirklich gebildete junge Frau sehe, für die sie selbst gern gehalten werden wolle; und obwohl sie diesen Vorwurf damals scharf zurückgewiesen hatte, gab es doch Augenblicke der Selbstprüfung, in denen ihr Gewissen sie nicht ganz davon freizusprechen vermochte. Aber sie könne nicht mit ihr warm werden, sagte sie, und wisse nicht, woran es liege; Jane Fairfax strahle jedoch eine solche Kühle und Reserviertheit aus – eine solch unübersehbare Gleichgültigkeit, ob sie anderen Menschen gefalle oder nicht – und dann sei ihre Tante eine solche Quasselstrippe! Und alle machten soviel Aufhebens um sie! Und immer habe man sich eingebildet, sie müßten enge Freundinnen werden – weil sie im gleichen Alter waren, habe jeder gemeint, sie müßten sich sehr nahestehen. Das waren ihre Gründe – triftigere hatte sie nicht. (Angelika Beck, Insel, 1997)
Emma bedauerte, daß sie nun drei lange Monate hindurch einer Person Höflichkeiten erweisen mußte, die sie gar nicht mochte! Daß sie immer mehr tun mußte, als sie wollte, und weniger tat, als sie sollte! Warum sie Jane Fairfax nicht mochte, war schwer zu sagen; Mr. Knightley hatte einmal zu ihr gesagt, es liege daran, daß sie in ihr die wirklich vielseitig gebildete junge Frau sah, für die sie selbst gern gehalten werden werden wollte; und obgleich sie diese Beschuldigung damals eifrig widerlegt hatte, gab es Augenblicke der Selbstprüfung, in denen ihr Gewissen sie nicht ganz freisprechen konnte. Aber sie konnte niemals mit ihr warm werden; sie wußte nicht, wie es kam, aber Jane gab sich so kühl und reserviert, es war ihr so offensichtlich gleichgültig, ob sie Anklang fand oder nicht – und dann, ihre Tante war eine solche ewige Schwätzerin; und jeder machte soviel Aufhebens von ihr; und immer bildeten sich alle ein, sie seien wirklich befreundet; und weil sie im gleichen Alter waren, nahmen alle an, daß sie einander mochten. Dies waren ihre Gründe, bessere hatte sie nicht. (Helga Schulz, dtv, 2012)
Emma war nicht begeistert von der Aussicht, dass sie drei Monate höflich gegenüber einer Person sein sollte, die sie eigentlich nicht leiden konnte, und dabei ständig mehr zu tun, als sie wollte, und doch weniger, als sie sollte! Schwer zu sagen, warum sie Jane Fairfax nicht leiden konnte; Mr. Knightley hatte ihr einmal erklärt, es liege daran, dass Jane in ihren Augen genau die umfassend gebildete junge Dame sei, für die sie selbst gern gehalten würde; auch wenn sie diesen Vorwurf seinerzeit weit von sich gewiesen hatte, gab es doch Augenblicke der Selbsterkenntnis, in denen ihr Gewissen sie nicht ganz freisprechen konnte. Nein, mit ihr anfreunden konnte sie sich nicht, sie hätte nicht sagen können, woran es lag, aber Jane war immer so kühl und so reserviert – es war ihr offenbar so gleichgültig, wie sie auf andere wirkte – und dann noch diese geschwätzige Tante! – und dauernd machten alle so viel Auflebens um sie! – und alle Welt war immer davon ausgegangen, dass sie gute Freundinnen waren – nur weil sie im gleichen Alter waren, hatten alle geglaubt, sie müssten einander mögen. So weit ihre Gründe – bessere hatte sie nicht.
(Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer, 2019)
Die Grawe-Übersetzung gibt den gedanklichen Gehalt der Passage zuverlässig wieder, glättet jedoch die Form der erlebten Rede deutlich. Wo Austen Emmas Frust in fragmentierte Ausrufe zerlegt – „three long months!“, „less than she ought!“ –, fasst die deutsche Übersetzung dies zu geschlossenen Satzteilen zusammen („drei volle Monate“, „weniger höflich, als sie sollte“). Auch der Wechsel zur selbstrechtfertigenden Gedankenrede („she could never get acquainted with her“) wird bei den Grawes berichtend aufgelöst: „Aber sie konnte sich nicht mit ihr anfreunden; sie wusste auch nicht, warum“. Damit verliert der innere Monolog an Unmittelbarkeit und ironischer Spannung. Ähnlich verfahren bereits Charlotte von Klinckowström und Horst Höckendorf, deren Übersetzungen den Gedankengang Emmas zwar korrekt wiedergeben, ihn jedoch syntaktisch ordnen und psychologisch erklären. Bei Höckendorf wird Emmas gedankliche Unruhe durch erklärende Satzverbindungen deutlich beruhigt, was die Distanz zwischen Erzählinstanz und Figur vergrößert.
Im Vergleich dazu nähern sich Angelika Beck, aber auch Ilse Leisi und in Teilen Helga Schulz der erlebten Rede deutlich stärker an. Sie übernehmen nicht nur die Ausrufstruktur, sondern bewahren auch die fragmentierende Bewegung der Gedanken, etwa in Einschüben wie: „– sich andauernd mehr um sie zu bemühen, als sie eigentlich wollte, und weniger, als sie sollte!“. Anders als bei den Grawes bleibt der Wechsel zur Gedankenrede hörbar personalisiert: „Aber sie könne nicht mit ihr warm werden, sagte sie“. Leisi gelingt dies besonders unauffällig und nah am Original; Schulz hingegen fügt gelegentlich erklärende Zusätze ein oder verwendet leicht verallgemeinernde Formulierungen.
Allié und Kempf-Allié verfolgen einen anderen Ansatz: Ihre Übersetzung setzt stärker auf Modernisierung und Explikation („nicht begeistert von der Aussicht“, „Nein, mit ihr anfreunden konnte sie sich nicht“). Dadurch wird Emmas innere Stimme zwar sehr deutlich, der feine ironische Schwebezustand der erlebten Rede geht jedoch teilweise verloren. Beck gelingt es demgegenüber, trotz moderner Lexik („Quasselstrippe“), den rhythmischen Fluss und die ironische Selbstentlarvung der Passage weitgehend zu erhalten. So bleibt die erlebte Rede als Denkbewegung erfahrbar, nicht nur als psychologischer Bericht.
Auf dieser Basis lässt sich auch das Gesamturteil zu den Übersetzungen ziehen: Ein gewisses Maß an Eigenwillen und Individualität ist jeder Übersetzung zuzugestehen, und die hier betrachteten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Übersetzer:innen mit Austens Rhythmus, Ton und Ironie umgehen. Die Grawe-Übersetzung ist im Fall von Emma nur bedingt zu empfehlen: Ihre Eingriffe wirken zu stark, zumal sich deren Notwendigkeit nicht immer erklären oder nachvollziehen lässt. Die Übersetzung der Alliés setzt auf Modernisierung und Explikation, bleibt aber stellenweise etwas bemüht und entfernt den Leser von der feinen Ironie des Originals.
Die älteste Übersetzung von Charlotte von Klinckowström schneidet im direkten Vergleich nicht schlecht ab, doch enthält ihre Fassung Straffungen von Passagen, die das Original verwässern. Höckendorf trifft mit seinen Entscheidungen nur teilweise die Nuancen, während Schulz insgesamt zu vorsichtig übersetzt, dabei jedoch durchaus originaltreu bleibt. Ilse Leisis Übersetzung ist solide und klar verständlich, wirkte lediglich hin und wieder etwas formal. Am überzeugendsten gelingt schließlich Angelika Beck eine Übersetzung, die flüssig, selbstbewusst und zugleich nah am Original bleibt: Sie bewahrt den rhythmischen, ironischen und emotionalen Charakter von Austens Text und ermöglicht es, Emmas innere Stimmen unmittelbar zu erleben, ohne dass unnötige Glättungen oder Modernisierungen die Feinheiten verwischen. Eins ist sicher: Jane Austens Emma eröffnet beim Lesen ihrer Übersetzungen stets überraschende Einblicke – egal, ob man den Roman schon kennt oder gerade neu entdeckt.
Weitere Beiträge der Reihe „Welche Übersetzung soll ich lesen?“ findet ihr hier.
