Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie hast du Esperanto gelernt?
Wie ich anfangs auf Esperanto aufmerksam geworden bin, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls habe ich Mitte der 1980er Jahre begonnen, in einer kleinen Gruppe beim „Canberra Esperanto Club“ die Sprache zu lernen. Für mich war das eine im weitesten Sinne „politische“ Entscheidung, da ich vom antinationalen Wesen des Esperanto fasziniert war.
Ich hatte zwei Lehrer*innen: Eine pensionierte Grundschullehrerin, die 1986 zum Esperanto-Weltkongress nach Peking gereist ist und von ihren Erlebnissen in China lebhaft zu berichten wusste; und einen ehemaligen australischen Diplomaten (Botschafterposten in Vietnam, der BRD und bei der UNESCO), der mir nicht nur die Sprache, sondern auch das Ethos der Esperanto-Bewegung beibrachte. Obwohl der Diplomat eindeutig rechtskonservativ eingestellt war, hat er mich wohlwollend unterstützt, als ich für den studentischen Radiosender in Canberra einen Beitrag über die neue Esperanto-Übersetzung des im englischen Sprachraum kaum rezipierten Hauptwerks des russischen Anarchisten Peter Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, gestaltet habe.
Erst während meines Weiterbildungsjahrs im ehemaligen Jugoslawien (1988–89) habe ich angefangen, mich für die Esperanto-Literatur zu interessieren.
Wie sieht die esperantosprachige Literaturszene aus?
Obwohl die Esperanto-Gemeinschaft von Begegnung lebt, ist sie seit jeher eine vor allem schriftliche Kultur. Das fing damit an, dass der Begründer des Esperanto, Ludwik Lejzer Zamenhof (1859–1917), frühzeitig einige wichtige Übersetzungen anfertigte, um zu beweisen, dass die neue Sprache taugte. Erwähnt seien eine erst 1926 veröffentlichte vollständige Bibelübersetzung, dazu Werke von Heine, Shakespeare und verschiedenen russischen Klassikern. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich das Projekt Esperanto gefestigt und internationale Aufmerksamkeit erregt; schon bald bildeten sich literarisch und gesellschaftspolitisch prägende Persönlichkeiten der Bewegung heraus.
Dadurch, dass Esperanto keine geographisch eingrenzbare Heimatregion hat, entsteht eine gemeinsame kosmopolitische Kultur, zu der sehr diverse Sprecher*innen auf allen fünf Kontinenten beitragen können – ein Phänomen, das Esperanto mit anderen Verkehrssprachen und Linguae francae teilt. Ein*e Esperantist*in kann überall auf unserem blauen Planeten zuhause sein, oder es zumindest versuchen.
Als Vertreter dieses weltoffenen Geistes sei der überaus produktive, mit einer Vorliebe für Science-Fiction und Krimis auf Ungarisch und Esperanto schreibende István Nemere (1944–2024) erwähnt. Sein Science-Fiction- bzw. Fantasy-Roman An der Grenze der Finsternis wurde von Hans Skirecki übertragen und erschien beim Verlag Neues Leben (Ost-Berlin, 1985) – inzwischen leider nur noch antiquarisch erhältlich, und anscheinend sein einziges Werk, das auch auf Deutsch erschienen ist.
Ein gehöriger Teil der literarischen Produktion des Esperanto erscheint bei Klein(st)verlagen und Zeitschriften sowie im Rahmen bewegungsinterner Literaturwettbewerbe. Zu den wichtigsten Magazinen – inzwischen oft Webseiten – zählen aktuell La Ondo de Esperanto (Die Welle des Esperanto), die in der russischen Exklave Kaliningrad erscheint, und Monato (Monat) aus Antwerpen, das seit vielen Jahren ein Zuhause für hochwertige Publizistik auf Esperanto ist. Eine wichtige Rolle spielt außerdem der in New York ansässige Verlag Mondial, der Literatur auf Esperanto, Englisch und Deutsch herausgibt.
Bei einer weltweiten „Diaspora“ von geschätzt 50–100.000 aktiven Sprecher*innen ist es vielleicht kein Wunder, dass es nirgends ein kommerzielles Interesse gibt, Literatur auf Esperanto zu verlegen, geschweige denn aus dem Esperanto in andere Sprachen zu übersetzen. Das, was tatsächlich realisiert wird, geschieht größtenteils aus Liebhaberei und persönlichem Einsatz. Kein*e Esperanto-Autor*in kann von ihrer Kunst leben. Andererseits ist dies vielleicht ein glücklicher Umstand, denn viele Schreibende fühlen sich frei, sich nach ihren eigenen Vorstellungen auszudrücken, sowohl in stilistischer als auch in inhaltlicher Hinsicht. Es gibt keinen Druck, sich etwaigen Markterwartungen oder nationalen Kulturkodizes anzupassen.
Was – oder wen – sollte man unbedingt gelesen haben?
Während der Bombardierungen Zagrebs in den frühen 90er Jahren schrieb Spomenka Štimec (*1949), langjähriges Mitglied der Esperanto-Akademie, ihr Kroatisches Kriegsnachtbuch, das 1994 von einem Übersetzerkollektiv ins Deutsche übertragen wurde. Das Werk entstand teilweise in Schutzkellern und ist im unverwechselbar zart-subjektiven, selbstironischen und doch verspielten Stil der Autorin geschrieben. Štimec ist eine der bekanntesten lebenden Esperanto-Schriftsteller*innen. Viele Jahre war sie als professionelle Esperanto-Lehrerin und ‑Aktivistin in Zagreb tätig. Unter anderem ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass Esperanto in Kroatien als Teil des immateriellen Kulturerbes des Landes anerkannt wird.
Lesenswert ist auch der beim Wiener Verlag Edition Atelier erschienene sozialpolitische Liebesroman Turmstrasse 4 des Österreichers Hans Weinhengst (1904–1945). Als aktives Mitglied der sozialistischen Esperanto-Bewegung veröffentlichte Weinhengst Lyrik und Prosa, außerdem übersetzte er Arbeiterlieder ins Esperanto. 1934 erschien sein Roman Turstrato 4, der 2017 erstmals in deutscher Übersetzung (von Christian Cimpa) publiziert wurde.
Bemerkenswert sind die Werke des auf Spanisch und Esperanto schreibenden Autors Jorge Camacho (*1966), der sein Tagesbrot als Konferenzdolmetscher bei der EU verdient. Seine evokativen bildstarken Gedichte und satirischen Prosawerke sind inzwischen vielen Esperantist*innen bekannt (v.a. La Majstro kaj Martinelli bzw. Der Meister und Martinelli). Leider scheint kaum etwas von diesem vielversprechenden Autor ins Deutsche übersetzt worden zu sein; ob ein deutschsprachiger Verlag nicht endlich die Initiative ergreifen möchte?
Erwähnt sei der auf Deutsch verfasste literarische Essay Die Bienen und das Unsichtbare von Clemens J. Setz, Esperantist und Gewinner des Georg Büchner-Preises 2021. In einer Rezension von David J. Wimmer auf der Webseite des Literaturhauses Wien heißt es dazu: „Allen voran erzählt Setz […] die Lebensgeschichte des blinden Poeten, Anarchisten und Esperantisten Wassili Jeroschenko (1890–1952), der als polyglotter Einzelgänger und nomadischer Draufgänger – längere Aufenthalte in Japan und China – ein mehr als romanwürdiges Leben führte, das mehrfach emblematisch für die Existenz erfundener Sprachen in der heutigen Welt steht.“
Was ist noch nicht übersetzt?
Jede Menge. Vielmehr müsste die Frage lauten: Was ist überhaupt übersetzt? Ich persönlich vermisse u.a. Übersetzungen der Werke des genialen ungarischen Autors Gyula „Julio“ Baghy (1891–1967), eines Klassikers der Esperanto-Literatur, der ausgerechnet als KuK-Kriegsgefangener in Sibirien besonders hervorgetreten ist. In einer seiner Erzählungen im Band Dancu Marionetoj! (Tanzt, ihr Marionetten!) nutzt der Protagonist seine über das Esperanto erworbenen Einblicke in europäische Sprachen, um seinem eitlen russischen Aufsichtsoffizier Englischunterricht zu erteilen – eine heikle, aber sehr lustige Posse. Köstlich und absolute Weltklasse-Literatur, wenn dieser Übersetzer das beurteilen darf.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Esperanto?
Eindeutig die ungeheure Flexibilität der Wortbildung im Esperanto: Aus beinahe jedem Wortstamm kann ein Verb, Adverb, Adjektiv oder Substantiv gebildet werden. Das ist etwas Besonderes, das ich aus keiner anderen Sprache kenne. Diese Ausdruckskraft des Esperanto, zusammen mit seiner Freiheit bei der Satzstellung, lässt das Übersetzen in ein Sprachsystem mit historisch gewachsenem Korsett grammatikalischer und kultureller Einschränkungen – „so sagt man das aber nicht“ – zu einem sehr anspruchsvollen Vorgang werden. Fast fühlt es sich wie Selbstverstümmelung an, sich von der Wortbildungsfreiheit des Esperanto verabschieden zu müssen. (Entschuldigung wegen der drastischen Ausdrucksweise, aber der Unterschied ist aus Übersetzer*innen-Perspektive durchaus frappierend.)
Die Wortbildungseigenschaften illustriere ich anhand von zwei Wortstämmen, glor- und fenestr-. Das Verb glori bedeutet rühmen, preisen, verherrlichen; gloro ist der Ruhm (malgloro = Schmach, Schande); das Adjektiv glora bedeutet ruhmreich, glanzvoll; und das Adverb glore glorreich (bspw. glore morti = glorreich sterben).
(La) fenestro – Esperanto hat nur einen bestimmten Artikel – bedeutet (das) Fenster; das Adjektiv fenestra heißt Fenster- (z.B. fenestra niĉo = Fensternische; senfenestra ĉambro = fensterloses Zimmer); das Adverb fenestre, dem ich selten begegnet bin, bedeutet fensterhaft, fensterlich, als Fenster, am Fenster, wobei wir letzterem, wenn einfach die Lage gemeint ist, der Klarheit halber eine Präposition (bzw. eine als solche verwendbare Silbe) beigesellen würden: ĉefenestre; fenestri, ebenfalls etwas selten, habe ich in einem schönen Satz belegen können: „Ĝia kapablo fenestri al (…) la nova socio” = Seine Fähigkeit, als Fenster zur (…) neuen Gesellschaft zu dienen, also eine verbale Bedeutung von Fenster. Zum Schluss ein kleines Rätsel in Sachen Fenster: Was könnte mit la Praga trafenestrigo gemeint sein, also mit dem Prager „Durch-fenster-mach-en“? Klar, der Prager Fenstersturz (1618)!
Die starre SVO-Satzstellung des Englischen, beispielsweise, zwingt die Übersetzer*in aus dem Esperanto zu anspruchsvollen Pirouetten; geht es wiederum ins Deutsche, ist etwa die Endstellung des Verbs in Nebensätzen ein Graus – aber das gilt für Übersetzungen aus anderen Sprachen auch!
Wie gehst du damit um?
Ich habe vier längere Werke aus dem Esperanto ins Englische übertragen, eins sogar in die umgekehrte Richtung, dazu zahlreiche Erzählungen und Textauszüge (ins Englische und Deutsche). Eine bestimmte übersetzerische Strategie habe ich dabei nicht, außer zu versuchen, gedanklich möglichst elastisch zu sein, um der Plastizität eines guten Esperanto-Textes gerecht zu werden.
Leider befinde ich mich selten in der Rolle, aus dem Esperanto zu übersetzen. Den letzten bezahlten Auftrag hatte ich 2016. Freizeit, um nette Übersetzungen auf gut Glück zu machen, ist eine absolute Rarität und deshalb ausgesuchten Herzensprojekten vorbehalten!
Was kann Esperanto, was Deutsch nicht kann?
Ungeheuer viel! Die Ausdruckskraft des Esperanto ist beeindruckend. Leider beschränkt sich mein Horizont auf die indoeuropäische Sprachfamilie, aber in dem Rahmen bestätige ich dem Esperanto ein enormes Potential als Übersetzungs- und Brückensprache, in viel höherem Maße als etwa dem Englischen, das einen riesigen strukturellen und kulturellen Ballast (man kann es auch Reichtum nennen) mitschleppt. Heutzutage setzt die halbe Welt auf Englisch als internationale Sprache, was keinesfalls bedeutet, dass es – objektiv gesehen – dafür besonders geeignet wäre. Auch als englischer Muttersprachler fühle ich mich als Übersetzer auf dem wendigen Zeesenboot des Esperanto wohler als auf dem Öltanker des Englischen.
Was Esperanto vielleicht nicht kann, zumindest aus dem Stegreif nicht? Dazu eine kleine Anekdote: Der gewitzte Linke-Politiker Gregor Gysi ist einmal in Berlin an einen Esperanto-Büchertisch herangetreten und hat provokant gefragt, ob Esperanto denn ein Wort für „Scheuerhader“ besäße. Die Verdutztheit der anwesenden Esperantist*innen hat den Gysi wohl in seiner vorgefassten abfälligen Meinung über die Sprache bestätigt. Tatsächlich tauschen wir uns auf Esperanto über vielerlei Themen aus, aber die Reinigungsarbeit gehört nicht unbedingt dazu. Adäquate Lösungen konnten wir nachliefern, denn die Begriffsbildungsfähigkeit des Esperanto macht vieles möglich – vielseitig verwendbare Vor- und Nachsilben tragen zur hohen Genauigkeit der Sprache bei (häufiger über Putzlappen geredet wird vermutlich in den paar Hundert esperantosprachigen Familien, die es auf der Welt geben soll, wo auch sauber gemacht werden muss).
Übrigens, der Name „Tralalit“ macht auf Esperanto durchaus Sinn. Ein Beispielsatz wäre: „Jen ekskurso tra la literaturo de Esperanto“ = „Das ist ein Exkurs durch die Literatur des Esperanto“!

Will Firth wurde 1965 in Australien geboren. Er studierte Deutsch und slawische Sprachen in Canberra, Zagreb und Moskau. Sein Schwerpunkt als literarischer Übersetzer (ins Englische und gelegentlich ins Deutsche) liegt auf Prosa aus dem serbokroatischen Sprachraum sowie Nordmazedonien. Seit 1991 lebt er in Berlin. www.willfirth.de
Wir suchen für die Rubrik „Große kleine Sprache“ Übersetzerinnen und Übersetzer, die Lust haben, ihre „kleine“ Sprache mit unserem Fragebogen vorzustellen. Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne unter redaktion@tralalit.de.
