„Wir haben eine Ver­pflich­tung, viel sys­tem­kri­ti­scher zu agieren“

Was passiert mit dem Übersetzen, wenn Maschinen immer mächtiger werden? Im Interview spricht Stefan Baumgarten, Leiter des Instituts für Translationswissenschaft der Universität Graz, über digitale Umbrüche und verborgene Machtstrukturen. Interview:

Übersetzen und KI
Natürlich übersetzt. Von wem wohl? Bild via Unsplash: Cash Macanaya.

Herr Baum­gar­ten, Sie beschäf­ti­gen sich seit vie­len Jah­ren mit den gesell­schaft­li­chen und ethi­schen Dimen­sio­nen der Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie. Maschi­nel­le Über­set­zung ist zwar kein neu­es Phä­no­men, doch mit dem Auf­kom­men gene­ra­ti­ver KI-Sys­te­me wie ChatGPT hat sich das Feld grund­le­gend ver­än­dert. Wie beur­tei­len Sie die Ent­wick­lun­gen der letz­ten drei Jahre?

Im Novem­ber 2022 ging mit ChatGPT erst­mals ein gene­ra­ti­ves Sprach­mo­dell an den Start, das nicht nur für Expert:innen, son­dern für eine brei­te Öffent­lich­keit zugäng­lich war. Seit­dem lernt die­se Öffent­lich­keit über­haupt erst, wie man mit den vie­len Funk­tio­na­li­tä­ten die­ser Tech­no­lo­gie – unter ande­rem beim Über­set­zen – umgeht. Chro­no­lo­gisch etwas stren­ger betrach­tet begann der Umbruch frü­her. Seit Mit­te der 2010er-Jah­re brach­te die neu­ro­na­le maschi­nel­le Über­set­zung (NMÜ), die ja auch auf maschi­nel­lem Ler­nen basiert, einen mas­si­ven Qua­li­täts­schub. NMÜ wird daher seit zir­ka 10 Jah­ren auch in ande­ren Berufs­spar­ten und im pri­va­ten Bereich ver­stärkt ver­wen­det. Das Auf­kom­men frei zugäng­li­cher gene­ra­ti­ver KI-Sys­te­me seit 2022 führt nun eine wei­te­re ganz neue tech­no­lo­gi­sche Facet­te in die Über­set­zungs­pra­xis ein.

Der ent­schei­den­de Unter­schied zwi­schen klas­si­scher NMÜ und KI liegt näm­lich in der Inter­ak­ti­vi­tät. Sys­te­me wie DeepL oder Goog­le Trans­la­te über­set­zen den ein­ge­ge­be­nen Text und das war’s. Mit einem gene­ra­ti­ven Sprach­mo­dell hin­ge­gen kann ich, fast wie mit einer mensch­li­chen Kol­le­gin, koope­rie­ren: Ich kann der KI eine Rol­le zuwei­sen, Über­set­zungs­auf­trä­ge for­mu­lie­ren, den Aus­gangs­text ana­ly­sie­ren las­sen, Ter­mi­no­lo­gie extra­hie­ren, Über­set­zun­gen gene­rie­ren und anschlie­ßend gemein­sam mit der Maschi­ne, oder allein, das Ergeb­nis redi­gie­ren – und es gibt sicher noch mehr poten­zi­el­le Funk­tio­nen allein für das Über­set­zen. Die­se dia­lo­gi­sche und mul­ti­funk­tio­na­le Dimen­si­on ist neu. Ver­ant­wor­tung kann aber durch die­se neue Inter­ak­ti­vi­tät nicht auto­ma­ti­siert wer­den, son­dern bleibt wei­ter­hin bei den über­set­zen­den Personen.

Im pro­fes­sio­nel­len Über­set­zen beob­ach­ten wir der­zeit, dass soge­nann­te Com­pu­ter-Assis­ted-Trans­la­ti­on Tools (CAT-Tools) und NMÜs zuneh­mend mit gene­ra­ti­ven Sprach­mo­del­len kom­bi­niert wer­den. CAT-Tools bezie­hen sich häu­fig auf die seit den 1980ern ein­ge­setz­ten Trans­la­ti­on-Memo­ry-Sys­te­me. Die wer­den seit Anfang des Jahr­tau­sends von einer gro­ßen Zahl pro­fes­sio­nel­ler Übersetzer:innen ver­wen­det. Die­se Sys­te­me nut­zen älte­re Über­set­zun­gen und deren Ori­gi­nal­tex­te als Grund­la­ge und geben den Über­set­zen­den dann Vor­schlä­ge. Je grö­ßer die Daten­bank, des­to bes­ser sind die Vorschläge.

Par­al­lel zu die­sen pra­xis­be­ding­ten Trans­for­ma­tio­nen wird es sehr wahr­schein­lich in der trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen For­schung bald eine Wel­le an Arbei­ten zum rich­ti­gen Promp­ting für das Über­set­zen mit KI und all­ge­mein zu mög­lichst effi­zi­en­ter Trans­la­tor-Machi­ne-Inter­ac­tion geben. Das hat aber oft zunächst wenig mit Ethik zu tun. Aus ethi­scher Per­spek­ti­ve erscheint die Tech­no­lo­gie selbst weni­ger pro­ble­ma­tisch als die zugrun­de lie­gen­den Besitz- und Macht­ver­hält­nis­se, denn KI-Sys­te­me wer­den von weni­gen finanz­star­ken Plu­to­kra­ten kontrolliert.

Zugleich ver­brei­tet sich – nicht nur von oben ver­ord­net, son­dern auch dis­kur­siv repro­du­ziert – die impli­zi­te Bot­schaft, dass sprach­li­che und kul­tu­rel­le Exper­ti­se plötz­lich leicht aus­tausch­bar sei. Es ist aber klar, dass der glo­ba­le Über­set­zungs­be­darf steigt und dass wir des­halb wei­ter­hin Übersetzer:innen in allen Text­do­mä­nen brau­chen. Denn selbst auto­ma­ti­sier­te Fach­text­über­set­zun­gen las­sen sich ohne mensch­li­che Nach­ar­beit – dem Post-Editing – nicht seri­ös verkaufen.

Natür­lich gibt es ein – nen­nen wir es ein­fach mal – Nach­be­ar­bei­tungs­ge­fäl­le von hoch­krea­ti­ven Tex­ten wie Lyrik bis hin zu stark stan­dar­di­sier­ten Fach- und Gebrauchs­tex­ten. Und ja: Nie­mand ist im Über­set­zer­him­mel, wenn er oder sie hän­disch einen drö­gen Bei­pack­zet­tel über­setzt. Wenn Maschi­nen die­se mono­to­ne Arbeit über­neh­men, ist das durch­aus ent­las­tend. Gleich­zei­tig herrscht aber eine mas­si­ve Ver­un­si­che­rung bei Berufseinsteiger:innen, Aus­bil­dungs­ein­rich­tun­gen und in der Bran­che ins­ge­samt. Wie die Bran­che in zehn Jah­ren aus­sieht, kann ich nicht seri­ös pro­gnos­ti­zie­ren. Sicher ist nur eines: Die gro­ßen Inves­to­ren und Kon­zer­ne bestim­men die Spiel­re­geln. Und die­je­ni­gen, die den welt­weit stei­gen­den Über­set­zungs­be­darf tat­säch­lich abar­bei­ten, wer­den dabei zuneh­mend schlank gehal­ten, oder, um es klar zu sagen: ausgebeutet.

Ange­sichts der rasan­ten tech­no­lo­gi­schen Fort­schrit­te der letz­ten Jah­re drängt sich die vie­ler­orts dis­ku­tier­te Fra­ge auf: Han­delt es sich bei der gegen­wär­ti­gen KI-Eupho­rie um einen kurz­fris­ti­gen Hype – oder erle­ben wir tat­säch­lich eine nach­hal­ti­ge Trans­for­ma­ti­on des Übersetzens?

Ich den­ke, man muss hier zwei Ebe­nen unter­schei­den. In Bezug auf den all­ge­mei­nen KI-Hype wer­den sich die Din­ge durch­aus nor­ma­li­sie­ren. Jede tech­no­lo­gi­sche Umbruch­pha­se pro­du­ziert einen gewis­sen mes­sia­ni­schen Über­schwang, mit Heils­ver­spre­chen und unzäh­li­gen Über­trei­bun­gen. Das ist nichts Neu­es. Gleich­zei­tig erle­ben wir aber etwas, das weit über einen kurz­fris­ti­gen Hype hin­aus­geht. Was sich der­zeit fun­da­men­tal ver­schiebt, ist unse­re Wahr­neh­mung und Pra­xis von Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst. Man kann hier durch­aus von einer Zäsur koper­ni­ka­ni­schen Aus­ma­ßes sprechen. 

Wir sind nicht mehr die ein­zi­gen Akteur:innen im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­sche­hen. Die Maschi­ne spricht jetzt mit. Im kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess ist eine neue Akteu­rin hin­zu­ge­kom­men, und zwar kei­ne mensch­li­che. Das ver­än­dert grund­le­gend, wie Tex­te ent­ste­hen, wie sie zir­ku­lie­ren und wie Ver­ant­wor­tung ver­teilt wird. Über­trägt man das auf das Über­set­zen, dann erle­ben wir tat­säch­lich eine nach­hal­ti­ge Trans­for­ma­ti­on. Es ver­geht kaum ein Tag, ohne dass neue KI-Model­le, CAT-Tools oder Trans­la­ti­on-Apps vor­ge­stellt wer­den, oft beglei­tet von einer tech­no-uto­pi­schen Rhe­to­rik. Die­ses Moment der Über­trei­bung gehört zum Innovationszyklus. 

Doch unter der Ober­flä­che geschieht etwas struk­tu­rel­le­res: Über­set­zen wird effi­zi­en­ter, schnel­ler, stär­ker auto­ma­ti­siert, und setzt damit das tra­di­tio­nel­le Berufs­bild mas­siv unter Druck. Wie weit sich etwa Speech-to-Speech-Über­set­zung ent­wi­ckeln wird und wel­che Fol­gen das für das Dol­met­schen hat, lässt sich der­zeit kaum abschät­zen. Hin­zu kommt die sozia­le Rea­li­tät der Bran­che. Übersetzer:innen arbei­ten über­wie­gend frei­be­ruf­lich, häu­fig in pre­kä­ren, pro­jekt­ba­sier­ten Ver­hält­nis­sen. Platt­form­öko­no­mien ver­stär­ken die­se Ten­den­zen und tra­gen zur schlei­chen­den Ent­wer­tung mensch­li­cher Arbeit bei. Gleich­zei­tig ent­ste­hen neue tech­no-trans­la­to­ri­sche Kom­pe­tenz­fel­der – Daten­ku­ra­ti­ons­ar­beit, Post-Editing, KI-Loka­li­sie­rung oder Qua­li­täts­be­wer­tung –, die ein neu­es und erwei­ter­tes Berufs­ver­ständ­nis verlangen. 

All das ver­än­dert nicht nur Arbeits­ab­läu­fe, son­dern auch unser Ver­ständ­nis des­sen, was die­ser zutiefst kul­tu­rell ver­an­ker­te Pro­zess des Über­set­zens über­haupt bedeu­tet. Das Über­que­ren sprach­li­cher Gren­zen bedeu­tet ja viel mehr als ein schlicht mathe­ma­ti­scher Aus­tausch­pro­zess sprach­li­cher Codes, da pas­siert viel auf kul­tu­rel­ler, gesell­schaft­li­cher, psy­cho­lo­gi­scher, gar indi­vi­du­ell-emo­tio­na­ler Ebe­ne. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung, und lei­der auch sei­tens Unter­neh­men und der Com­pu­ter­wis­sen­schaft, wird Über­set­zung zuneh­mend jedoch zu einem tech­nisch domi­nier­ten hybri­den Pro­zess zwi­schen maschi­ni­scher Berech­nung und mensch­li­cher Intui­ti­on gemacht. 

Die­se maschi­ni­sche Inter­ak­ti­on ist also zumin­dest gekom­men, um zu blei­ben. Ent­schei­dend ist dabei weni­ger die Fra­ge, ob sich die Tech­no­lo­gie durch­setzt – das tut sie sowie­so –, son­dern unter wel­chen sozia­len, öko­no­mi­schen und ethi­schen Bedin­gun­gen sie ein­ge­setzt wird. Denn mit den neu­en Werk­zeu­gen ver­schie­ben sich auch der Sta­tus des Berufs und pro­fes­sio­nel­le Rol­len­bil­der sowie die Kom­pe­tenz­an­for­de­run­gen, aber auch die Art der Leis­tungs- und Qua­li­täts­kon­trol­le. Und hier wären wir wie­der bei den Macht­ver­hält­nis­sen, denn die­se Ver­schie­bun­gen ver­lau­fen der­zeit ganz ein­deu­tig zuguns­ten der­je­ni­gen Akteur:innen, die über Kapi­tal, Platt­for­men und Daten ver­fü­gen, und eben nicht zuguns­ten derer, die die eigent­li­che Über­set­zungs­ar­beit leisten.

Die Gren­ze zwi­schen mensch­li­chem und maschi­nel­lem Über­set­zen wird also zuneh­mend durch­läs­sig. Was bedeu­tet das für das Selbst­ver­ständ­nis des Über­set­zens und die Rol­le des Men­schen in dem Prozess?

Das ist eine gute Fra­ge, weil sie uns erlaubt, Über­set­zen zunächst als grund­le­gen­den ‚natür­li­chen‘ Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess zu betrach­ten. Es ist zwar immer hei­kel zu ent­schei­den, wann ein Über­set­zungs­vor­gang als ‚natür­lich‘ und wann als gesell­schaft­lich kon­stru­iert betrach­tet wer­den kann. Klar ist aber: Über Jahr­hun­der­te hin­weg war Über­set­zen eine genu­in mensch­li­che Tätig­keit, eine sozio­kul­tu­rel­le, kom­mu­ni­ka­ti­ve und inter­pre­ta­ti­ve Pra­xis, die auf Kon­text­wis­sen, Empa­thie und ästhe­ti­schem Fein­ge­fühl beruh­te. Die zuneh­men­de Durch­läs­sig­keit zwi­schen mensch­li­chem und maschi­nel­lem Über­set­zen stellt die­ses ‚natür­li­che‘ Selbst­ver­ständ­nis des Über­set­zens heu­te grund­le­gend infra­ge: sowohl in Bezug auf den Pro­zess mit sei­nen dazu­ge­hö­ri­gen kom­mu­ni­ka­ti­ven und sprach­li­chen Kom­pe­ten­zen als auch hin­sicht­lich des Berufs und der Rol­le pro­fes­sio­nel­ler Übersetzer:innen. 

Mit der Inte­gra­ti­on von KI ver­schwimmt die Akteurs­la­ge: Über­set­zen ist immer häu­fi­ger ein hybri­der Pro­zess, an dem mensch­li­che und maschi­nel­le Instan­zen betei­ligt sind. Ein zen­tra­ler Punkt ist dabei die Fra­ge der Krea­ti­vi­tät. Über­set­zun­gen bewe­gen sich auf einem Kon­ti­nu­um: Sprach­lich kom­ple­xe, lite­ra­ri­sche Tex­te erfor­dern ein hohes Maß an Krea­ti­vi­tät, wäh­rend stär­ker nor­mier­te Tex­te – etwa tech­ni­sche Tex­te oder Rezep­te – vor allem ter­mi­no­lo­gisch geprägt sind. An dem einen Pol wird inten­siv erforscht, wie sich mensch­li­che Krea­ti­vi­tät im Zusam­men­spiel mit KI ver­än­dert.1 Am ande­ren Pol stellt sich die Fra­ge, wie sich bei schein­bar ‚leich­ter‘ über­setz­ba­ren Tex­ten die Trans­la­tor-Machi­ne-Inter­ac­tion, etwa durch geziel­tes Promp­ting, mög­lichst effi­zi­ent gestal­ten lässt.2

Wie bei ande­ren Tech­no­lo­gien geht es letzt­lich dar­um, mono­to­ne oder wenig anspruchs­vol­le Tei­le der Arbeit an Maschi­nen zu dele­gie­ren, ohne dabei die mensch­li­che Ver­ant­wor­tung, Urteils­kraft und Gestal­tungs­frei­heit aus dem Über­set­zungs­pro­zess zu ver­drän­gen. Das Über­set­zen von Tex­ten war schon immer ein eher unsicht­ba­rer Berufs­stand. Nun droht der Beruf nicht nur unsicht­bar zu blei­ben, son­dern sich zugleich in sei­nen Kom­pe­tenz­an­for­de­run­gen dras­tisch zu ver­än­dern. Wich­tig wird zuneh­mend die Aneig­nung einer Machi­ne Trans­la­ti­on Liter­acy, die im pro­fes­sio­nel­len Bereich zu einer Pro­fes­sio­nal Machi­ne Trans­la­ti­on Liter­acy aus­ge­wei­tet wer­den kann.3

Das pro­fes­sio­nel­le Selbst­ver­ständ­nis wird sich – wie in vie­len ande­ren Beru­fen – zuneh­mend in Rich­tung einer hybri­den tech­no­lo­gi­schen sowie sprach- und kul­tur­ver­mit­teln­den Tätig­keit ver­schie­ben. Gleich­zei­tig ent­fal­len klas­si­sche Arbeits­an­tei­le: hän­di­sche Recher­che, lan­ges Nach­schla­gen in Wör­ter­bü­chern, manu­el­le Ter­mi­no­lo­gie­ar­beit oder auch das Suchen nach Par­al­lel­tex­ten in der Ziel­spra­che. Aktu­el­le Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gien erle­di­gen all dies mit atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit und mathe­ma­ti­scher Prä­zi­si­on. Der Mensch bleibt den­noch der zen­tra­le Bezugs­punkt, schon allein des­halb, weil die recht­li­che und ethi­sche Ver­ant­wor­tung nicht bei der Maschi­ne liegt. Man den­ke nur an Tex­te, etwa in juris­ti­schen oder tech­ni­schen Kon­tex­ten, bei denen Feh­ler gra­vie­ren­de oder sogar lebens­be­droh­li­che Fol­gen haben können.

Ein Ziel des neu erschie­ne­nen Rout­ledge Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty ist es, ‚kon­ven­tio­nel­le wis­sen­schaft­li­che Nar­ra­ti­ve zu hin­ter­fra­gen‘ und nach­hal­ti­ge, inklu­si­ve und gerech­te Anwen­dun­gen von Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gien zu för­dern. Was genau sind die­se ‚kon­ven­tio­nel­len Nar­ra­ti­ve‘ – und wie las­sen sie sich im Kon­text des digi­ta­len Zeit­al­ters kri­tisch neu denken?

Bei der Hin­ter­fra­gung kon­ven­tio­nel­ler wis­sen­schaft­li­cher Nar­ra­ti­ve geht es in ers­ter Linie um eine kri­ti­sche Hal­tung gegen­über eini­gen über Jah­re hin­weg eta­blier­ten Dis­kus­si­ons­mus­tern inner­halb der Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft. Inner­halb der trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on stand lan­ge Zeit der Mensch im Zen­trum des über­set­zen­den Han­delns. Die über­set­zen­de Maschi­ne hin­ge­gen wur­de weit­ge­hend ande­ren Dis­zi­pli­nen über­las­sen, ins­be­son­de­re der Infor­ma­tik und der natür­li­chen Sprach­ver­ar­bei­tung. Seit etwa zehn Jah­ren erle­ben wir jedoch die­se – vor­hin erwähn­te – ‚Qua­li­täts­re­vo­lu­ti­on‘ bei der NMÜ, wodurch die Maschi­ne gezwun­ge­ner­ma­ßen gra­du­ell ins Zen­trum trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher For­schung rückt. Wir kön­nen sie nicht län­ger als eigen­stän­di­ge – nicht nur über­set­zen­de, son­dern auch gesell­schaft­li­che – Akteu­rin igno­rie­ren. Die­se neue Akteu­rin ver­än­dert Rol­len­bil­der und Arbeits­pro­zes­se in einem solch grund­le­gen­den Maße, dass dar­aus für die Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft ein erkennt­nis­theo­re­ti­sches Pro­blem erwächst. 

In einer Publi­ka­ti­on mit mei­nem Kol­le­gen Micha­el Tie­ber spre­chen wir in die­sem Zusam­men­hang vom ‚Ele­fan­ten im Raum‘, der lan­ge bewusst oder unbe­wusst über­se­hen wur­de.4 Wir plä­die­ren für eine neue Her­an­ge­hens­wei­se inner­halb trans­la­ti­ons­so­zio­lo­gi­scher For­schung, die die Maschi­ne aus­drück­lich mit­denkt, also im Sin­ne einer post­hu­ma­nen Sozio­lo­gie der Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie. Dies erfor­dert eine stär­ke­re Ein­bin­dung von Tech­nik­phi­lo­so­phie, Tech­nik­so­zio­lo­gie, der Sci­ence and Tech­no­lo­gy Stu­dies, aber auch des post­hu­ma­nis­ti­schen Den­kens. Zen­tral ist dabei auch die For­de­rung, Übersetzer:innen stär­ker in Design und Ent­wick­lung der für sie bestimm­ten Tech­no­lo­gien ein­zu­be­zie­hen. Dies soll nach dem Prin­zip „Not­hing about us wit­hout us“ gesche­hen, wel­ches etwa aus der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft bekannt ist. 5 Es wird bei der Ent­wick­lung digi­ta­ler Ava­tare für das Gebär­den­sprach­dol­met­schen ein­ge­for­dert und lässt sich unmit­tel­bar auf ande­re trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gi­sche Kon­tex­te übertragen.

Sie beto­nen, dass Über­set­zungs­tech­no­lo­gien nicht neu­tral sind. Wor­in lie­gen die ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Dimen­sio­nen maschi­nel­ler Übersetzung?

Maschi­nel­le Über­set­zung ist tief in die poli­ti­sche Öko­no­mie der glo­ba­len Sprach­in­dus­trie ein­ge­bet­tet. Die NMÜ wur­de unter neo­li­be­ra­len Vor­zei­chen ein­ge­führt, mit dem Ziel, Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern, Kos­ten zu sen­ken und Über­set­zungs­ar­beit stär­ker zu stan­dar­di­sie­ren.6 Platt­form­ba­sier­te Work­flows indes zer­le­gen Über­set­zen in klei­ne Ein­hei­ten, die algo­rith­misch über­wacht und qua­si über Stück­löh­ne ver­gü­tet wer­den. Beim soge­nann­ten Trans­la­ti­on-Crowd­sour­cing arbei­ten vie­le Übersetzer:innen gleich­zei­tig an meist län­ge­ren Tex­ten. Die­se Ent­wick­lung führt zur Ent­wer­tung mensch­li­cher Exper­ti­se und somit zu wei­te­rer Prekarisierung. 

Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den die gegen­wär­ti­gen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se zuneh­mend von immer weni­ger und immer finanz­stär­ke­ren Akteur:innen kon­trol­liert. Auch die Sprach- und Über­set­zungs­in­dus­trie ist davon betrof­fen. Der glo­ba­le Sprach- und Über­set­zungs­markt wird für 2025 auf über 70 Mil­li­ar­den US-Dol­lar geschätzt, bei einem pro­gnos­ti­zier­ten jähr­li­chen Wachs­tum von mehr als fünf Pro­zent bis 2029.7 Bran­chen­ana­ly­sen zei­gen auch, dass die meis­ten der umsatz­stärks­ten Anbieter:innen im anglo­pho­nen Raum ange­sie­delt sind.8 Die­se struk­tu­rel­le Domi­nanz ist bis­lang kaum Gegen­stand kri­ti­scher Auseinandersetzung.

Mit dem digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus geht eine mas­si­ve Kon­zen­tra­ti­on von – nen­nen wir es mal – ‚Macht über die tech­no­lo­gi­schen Infra­struk­tu­ren‘ ein­her. Weni­ge Tech-Kon­zer­ne und staat­lich geför­der­te Akteur:innen kon­trol­lie­ren näm­lich die Daten, die Rechen­leis­tung, die Platt­for­men und somit auch die Arbeits- und Pro­duk­ti­ons­stan­dards. Wer die­se Infra­struk­tu­ren besitzt, ent­schei­det über Prei­se und Zugän­ge, und auch dar­über, was als ‚kor­rek­te‘ oder ‚akzep­ta­ble‘ Spra­che gilt. Dazu gehö­ren auch algo­rith­mi­sche Aus­wahl­me­cha­nis­men (wer darf über­haupt über­set­zen) und rigo­ro­se Qua­li­täts­me­tri­ken. NMÜ und gene­ra­ti­ve KI wer­den damit zu Gehil­fin­nen einer umfas­sen­den Auto­ma­ti­sie­rung – gar einer Gover­nan­ce – sprach­li­cher Kommunikation. 

Die infra­struk­tu­rel­le Vor­macht­stel­lung hat auch eine ideo­lo­gi­sche Dimen­si­on. Die den gene­ra­ti­ven KI-Sys­te­men zugrun­de­lie­gen­den Sprach­mo­del­le sind nicht wert­frei, son­dern tra­gen die ideo­lo­gi­schen Prä­gun­gen ihrer Entwickler:innen und ihrer Trai­nings­da­ten in sich. Hier spie­geln sich domi­nan­te Welt­bil­der und gesell­schaft­li­che Annah­men. West­lich gepräg­te Wis­sens­ord­nun­gen, Geschlech­ter­ste­reo­ty­pe oder gar ras­sis­ti­sche Zuschrei­bun­gen wer­den nicht nur repro­du­ziert, son­dern durch sta­tis­ti­sche Ver­all­ge­mei­ne­rung oft noch ver­stärkt. Beim auto­ma­ti­schen Über­set­zen wird somit aus einem ‚Gene­ral Prac­ti­tio­ner‘ meist ein männ­li­cher ‚Arzt‘, obwohl eigent­lich eine ‚Ärz­tin‘ gemeint ist. 

Eine Fol­ge die­ser ideo­lo­gi­schen Prä­gun­gen ist, dass maschi­nel­le Über­set­zung der­zeit noch bestehen­de glo­ba­le Sprach­hier­ar­chien ver­stärkt. Daten­rei­che Spra­chen wie Eng­lisch, Chi­ne­sisch oder Spa­nisch fun­gie­ren als Leit- und Norm­spra­chen, wäh­rend zah­len­mä­ßig klei­ne­re Spra­chen mar­gi­na­li­siert blei­ben. Die­se Macht­un­gleich­ge­wich­te repro­du­zie­ren neo­ko­lo­nia­le Mus­ter, die mög­li­cher­wei­se nun auch die Spra­chen­viel­falt – neben der bio­lo­gi­schen ist ja auch die kul­tu­rel­le Diver­si­tät ein zu schüt­zen­der Reich­tum – wei­ter unterminieren. 

Auf einer eher epis­te­mi­schen Ebe­ne wer­den durch immer mehr syn­the­ti­sche Sprach- und Über­set­zungs­da­ten die Reich­tü­mer krea­ti­ver natür­li­cher Spra­che unter­schla­gen, wie Mehr­deu­tig­keit, bild­haf­te Spra­che oder Iro­nie. In die­sem Kon­text ist von einer „arti­fi­ci­al­ly impo­ve­ris­hed lan­guage“ in Form einer „machi­ne trans­la­tio­ne­se“ die Rede, also von einer künst­lich ver­arm­ten Sprach­form, die zwar effi­zi­ent erschei­nen mag, epis­te­misch jedoch hoch­pro­ble­ma­tisch ist.9 Dadurch wer­den Spra­che und Über­set­zen zuneh­mend als tech­ni­scher Ser­vice und als glat­te Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung abge­wer­tet. Über­set­zen ist aber eine zutiefst kon­text­ab­hän­gi­ge und inter­pre­ta­ti­ve Pra­xis. All das zeigt: Maschi­nel­le Über­set­zung ist kei­nes­wegs neu­tral. NMÜ und gene­ra­ti­ve KI- Sys­te­me über­set­zen nicht ein­fach nur Tex­te, son­dern kon­so­li­die­ren domi­nan­te Wis­sens­ord­nun­gen, Macht­ver­hält­nis­se und Gesellschaftsmodelle. 

Der Begriff des data colo­nia­lism beschreibt die­ses Phä­no­men genau­er. Es geht dar­um, wie digi­ta­le Infra­struk­tu­ren und Kon­zer­ne Daten zu einer glo­ba­len Res­sour­ce machen – oft auf Kos­ten sprach­li­cher und kul­tu­rel­ler Viel­falt. Wie lässt sich die­se Form des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus aus der Per­spek­ti­ve der Trans­la­ti­onwis­sen­schaft kri­tisch betrachten?

Der Begriff des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus eig­net sich gut zur Ana­ly­se der Sprach­in­dus­trie, da Über­set­zungs- und Sprach­dienst­leis­tun­gen heu­te fast voll­stän­dig im digi­ta­len Raum orga­ni­siert sind, zuneh­mend auch Dol­met­sch­leis­tun­gen ein­ge­schlos­sen. Glo­ba­le Platt­for­men schöp­fen in die­sem Raum erheb­li­chen Mehr­wert ab, indem sie welt­weit Übersetzer:innen zu nied­ri­gen Stück­löh­nen beschäf­ti­gen, wäh­rend die von ihnen pro­du­zier­ten wert­vol­len Sprach­da­ten bei den Platt­for­men ver­blei­ben und dort wei­ter­ver­wer­tet wer­den. Gök­han Fırat spricht in die­sem Zusam­men­hang von einer schlei­chen­den Ube­ri­sa­ti­on der Über­set­zungs­bran­che.10 Im digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus fun­gie­ren Daten als zen­tra­le Res­sour­ce, als das sprich­wört­li­che ‚neue Gold‘. 

Der soge­nann­te data colo­nia­lism wird beson­ders dort sicht­bar, wo gro­ße KI-Model­le auf Basis mas­sen­haft extra­hier­ter Tex­te trai­niert wer­den. Dabei geht es jedoch nicht nur um Daten­quan­ti­tät, son­dern auch um Daten­qua­li­tät. Hege­mo­nia­le Spra­chen sind im digi­ta­len Raum quan­ti­ta­tiv über­re­prä­sen­tiert, wes­halb ihre Welt­bil­der und Wert­hal­tun­gen auch in qua­li­ta­ti­ver Hin­sicht die Trai­nings­da­ten prä­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den bestimm­te Wis­sens­ord­nun­gen – der­zeit vor allem west­lich-christ­li­che Wert­vor­stel­lun­gen – wei­ter glo­ba­li­siert, wäh­rend ande­re unsicht­bar blei­ben. Ver­ant­wort­lich für den data colo­nia­lism sind gegen­wär­tig vor allem die davon pro­fi­tie­ren­den gro­ßen KI-Unter­neh­men. Bezeich­nend ist etwa, dass wis­sen­schaft­li­che Ver­la­ge wie Rout­ledge ihre gesam­ten Kata­lo­ge zuneh­mend an KI-Unter­neh­men weitergeben.

In letz­ter Kon­se­quenz – und wie ich in mei­nem Bei­trag zum digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus im Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty argu­men­tie­re – zielt die Logik des data colo­nia­lism dar­auf ab, mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on, Spra­che und Über­set­zen zu ent­na­tu­ra­li­sie­ren. 11 Natür­li­che Spra­chen und Aus­drucks­wei­sen wer­den sprich­wört­lich ent­wur­zelt und dem Kreis­lauf der algo­rith­mi­schen Ver­wer­tung ein­ver­leibt. Anders aus­ge­drückt han­delt es sich bei vie­len Ver­fah­ren zur Erstel­lung gro­ßer Sprach­mo­del­le schlicht und ein­fach um sys­te­ma­ti­schen Daten­raub: Tex­te wer­den ohne Zustim­mung der Urheber:innen oder Autor:innen abge­grif­fen und pro­prie­tä­ren Model­len zuge­führt. Die pro­fes­sio­nel­le Trans­la­ti­on ist somit inte­gra­ler Bestand­teil der extrak­ti­ven Logik des digi­ta­len Kapitalismus.

Die­se indus­tri­ell-extrak­ti­ve Logik besitzt natür­lich auch eine mate­ri­el­le, öko­lo­gi­sche Dimen­si­on. Umwelt­fra­gen in der Ent­wick­lung und Bewer­tung digi­ta­ler Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gien wur­den bis­lang sys­te­ma­tisch mar­gi­na­li­siert, obwohl ihre öko­lo­gi­schen Fol­gen beträcht­lich sind.12 KI-Appli­ka­tio­nen und digi­ta­le Über­set­zungs­tech­no­lo­gien beru­hen auf ener­gie- und res­sour­cen­in­ten­si­ven Infra­struk­tu­ren, deren öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck erheb­lich ist und von hohem Res­sour­cen­be­darf sowie mas­si­vem Strom­ver­brauch geprägt wird. Die weit­ge­hend unsicht­ba­re Exter­na­li­sie­rung all die­ser Umwelt­kos­ten folgt dabei der­sel­ben Logik wie die Exter­na­li­sie­rung mensch­li­cher Arbeit und sprach­li­cher Exper­ti­se im digi­ta­len Kapitalismus.

In den Bei­trä­gen Ihres Hand­buchs spie­len Fall­stu­di­en eine wich­ti­ge Rol­le. Was zei­gen die­se kon­kre­ten Unter­su­chun­gen über den tat­säch­li­chen Ein­satz von Über­set­zungs­tech­no­lo­gien und den Wan­del der Arbeits­rea­li­tät von Übersetzer:innen?

Das Hand­buch ist – soweit wir das über­bli­cken – das ers­te sei­ner Art, das sich sys­te­ma­tisch und kri­tisch mit der gesell­schaft­li­chen Rele­vanz von Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gien aus­ein­an­der­setzt. Rück­bli­ckend hät­te man im Titel viel­leicht prä­zi­ser von Über­set­zungstech­no­lo­gien spre­chen kön­nen, da Dol­metsch­tech­no­lo­gien nicht behan­delt wer­den; für die­sen Bereich liegt inzwi­schen ein eige­nes Hand­buch vor (The Rout­ledge Hand­book of Inter­pre­ting, Tech­no­lo­gy and AI). Soll­te es zu einer zwei­ten Auf­la­ge kom­men, wür­de ich den Begriff ‚AI‘ aller­dings in den Titel auf­neh­men, da KI gegen­wär­tig und auf abseh­ba­re Zeit die prä­gen­de Tech­no­lo­gie ist.

Wich­tig ist klar­zu­stel­len, dass es in die­sem Band nicht pri­mär dar­um geht, ein­zel­ne empi­ri­sche Fall­stu­di­en zu prä­sen­tie­ren, aus denen sich unmit­tel­bar sozio­lo­gisch ‚har­te‘ Ergeb­nis­se ablei­ten lie­ßen. Unser Ziel war viel­mehr, Theo­rie­an­sät­ze und metho­di­sche Zugän­ge aus den Kul­tur- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten für die sozio­tech­ni­sche Trans­la­ti­ons­for­schung frucht­bar zu machen. Vie­le Bei­trä­ge zei­gen weni­ger mikro­sko­pi­sche Ein­zel­fäl­le als viel­mehr groß­flä­chi­ge sys­te­mi­sche, kul­tu­rel­le und sozio­öko­no­mi­sche Wir­kun­gen. Die Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft hat sich mit die­sen Wir­kun­gen bis­lang nur unzu­rei­chend auseinandergesetzt. 

In der Ein­lei­tung plä­die­ren wir aus­drück­lich für die Ent­wick­lung einer Sozio­lo­gie der Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie. Denn Über­set­zungs­tech­no­lo­gien ver­än­dern unse­re Wahr­neh­mung sprach­über­grei­fen­der Kom­mu­ni­ka­ti­on und unse­re Text­pra­xis mas­siv, auch im Hin­blick dar­auf, was Über­set­zen über­haupt bedeu­tet, also in epis­te­mo­lo­gi­scher Hin­sicht. Im Zuge die­ser Tech­no­lo­gi­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung der trans­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on wird das Über­set­zen zuneh­mend auf klar mess­ba­re, tech­nisch opti­mier­ba­re und frik­ti­ons­freie Aspek­te redu­ziert, wäh­rend sozio­kul­tu­rel­le Ein­bet­tung, ethi­sche Ver­ant­wort­lich­keit und emo­tio­na­le Intel­li­genz sys­te­ma­tisch aus­ge­blen­det werden.

In einem der Bei­trä­ge zeigt Clai­re Lar­son­neur exem­pla­risch, dass natür­li­che Spra­che und ihre Ein­bet­tung in kul­tu­rel­le, his­to­ri­sche, kon­tex­tu­el­le und emo­tio­na­le Zusam­men­hän­ge von den Entwickler:innen sol­cher Tech­no­lo­gien seit jeher weit­ge­hend igno­riert wur­den. Sie kommt zu dem Schluss:

KI-Tech­no­lo­gien mögen bei der sofor­ti­gen Erstel­lung von Über­set­zun­gen sehr effi­zi­ent erschei­nen. Ihr Ver­spre­chen, zur Ver­bes­se­rung der mensch­li­chen Lebens­be­din­gun­gen bei­zu­tra­gen, kön­nen sie jedoch nur dann ein­lö­sen, wenn sie in einem gleich­be­rech­tig­ten und fai­ren digi­ta­len Öko­sys­tem ent­wi­ckelt und ein­ge­setzt wer­den – unter regu­lier­ten und kon­trol­lier­ten Rah­men­be­din­gun­gen, das auf einer Viel­falt von Akteur:innen und Stake­hol­dern beruht und nicht auf einer oli­go­po­lis­ti­schen Markt­struk­tur. 13

Zu einem ähn­li­chen Befund gelan­gen meh­re­re Bei­trä­ge des Ban­des. Zukünf­ti­ge Arbei­ten könn­ten an die viel­fäl­ti­gen gesell­schaft­li­chen und kul­tur­theo­re­ti­schen Zugän­ge zur Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie anknüp­fen, stär­ker fall­stu­di­en­ori­en­tiert vor­ge­hen und zugleich deut­li­cher her­aus­ar­bei­ten, wel­che Tätig­kei­ten im Über­set­zen zuneh­mend weg­fal­len und was an krea­ti­ver, inter­pre­ta­ti­ver Arbeit bleibt.

Unter dem Strich aber bleibt die alte Rech­nung: Solan­ge sich die zugrun­de lie­gen­den, stark pro­fit­ori­en­tier­ten Struk­tu­ren nicht grund­le­gend ver­än­dern, wird es kei­ne nach­hal­ti­gen Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gien geben. Die­se Tech­no­lo­gien sind längst auch tief in All­tags- und Arbeits­prak­ti­ken jen­seits des pro­fes­sio­nel­len Über­set­zens inte­griert, etwa in sozia­len Medi­en, auf Web­sei­ten staat­li­cher Ein­rich­tun­gen, im Gesund­heits­we­sen oder in juris­ti­schen, wis­sen­schaft­li­chen sowie inner­be­trieb­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­sen. Para­do­xer­wei­se trägt gera­de die­se All­ge­gen­wart zur wei­te­ren Unsicht­bar­ma­chung des Über­set­zens bei.

Maschi­nel­le Über­set­zung dringt inzwi­schen auch in den lite­ra­ri­schen Bereich vor, wo kul­tu­rel­les Ver­ste­hen und Inter­pre­ta­ti­on eine zen­tra­le Rol­le spie­len. Kön­nen Maschi­nen sol­che Qua­li­tä­ten über­haupt erfas­sen – oder ver­än­dert sich auch hier das Ver­ständ­nis von ‚Über­set­zen‘ grundlegend?

Das lite­ra­ri­sche Über­set­zen gilt vie­len nach wie vor als eine letz­te Bas­ti­on der huma­nen Über­set­zung. Gleich­zei­tig drängt die maschi­nel­le Über­set­zung inzwi­schen ver­stärkt auch in den lite­ra­ri­schen Bereich vor. Es gibt seit jeher Stim­men, die Lite­ra­tur grund­sätz­lich für unüber­setz­bar hal­ten – und das nicht ohne Grund. Lite­ra­tur ent­steht in und durch his­to­risch gewach­se­ne, kul­tu­rell tief ver­wur­zel­te Spra­chen; sie lebt von Ima­gi­na­ti­on, Mehr­deu­tig­keit, Rhyth­mus, Stil­brü­chen und Idio­syn­kra­si­en. Ein lite­ra­ri­scher Text eröff­net kei­ne ein­deu­tig zu ent­schlüs­seln­den Bedeu­tun­gen, son­dern erschließt gan­ze, oft nur schwer zugäng­li­che Bedeu­tungs­fel­der und ‑hori­zon­te. Über­set­zen Sie ein­mal ein Dada-Gedicht. Der Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum in der Lite­ra­tur ist gleich­zei­tig gigan­tisch und mini­mal, je nach­dem, wie man liest und wer letzt­lich die Macht hat, über die Über­set­zung zu entscheiden.

Zur lite­ra­ri­schen NMÜ gibt es eine wach­sen­de Zahl span­nen­der Stu­di­en.14 Oft wer­den dabei mensch­li­che Über­set­zun­gen mit NMÜ oder LLM-Über­set­zun­gen ver­gli­chen, mit teils wider­sprüch­li­chen Befun­den: Mal soll gene­ra­ti­ve KI bes­ser sein als DeepL, mal Goog­le Trans­la­te bes­ser als DeepL oder umge­kehrt. Der Mensch schnei­det meist immer noch am bes­ten ab. Doch ist das wirk­lich die ent­schei­den­de Fra­ge? Viel­leicht soll­ten wir weni­ger dar­über dis­ku­tie­ren, wer oder was ‚bes­ser über­setzt, son­dern ob die gegen­wär­ti­ge gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung tat­säch­lich alter­na­tiv­los ist. Sobald wir die Macht­fra­ge stel­len, wird der Blick kla­rer: Wer pro­fi­tiert, wer ver­liert, und wer defi­niert über­haupt die Kon­tu­ren von Kom­mu­ni­ka­ti­on, Spra­che und Übersetzen?

Die meis­ten halb­wegs mit­den­ken­den Zeit­ge­nos­sen erah­nen zumin­dest, dass NMÜ und LLMs bis heu­te nicht in der Lage sind, lite­ra­ri­sche Wer­ke ohne grund­le­gen­des Post-Editing zu über­tra­gen. Und doch erle­ben wir seit eini­ger Zeit, dass Ver­la­ge wie etwa das Unter­neh­men Nuan­xed gan­ze Bücher auto­ma­ti­siert über­set­zen und damit dann das Inter­net über­schwem­men.15 Auf ein­schlä­gi­gen Ver­kaufs­platt­for­men fin­det sich bereits eine Flut an KI-pro­du­zier­ten Büchern und Über­set­zun­gen, wobei dies häu­fig nicht ein­mal expli­zit aus­ge­wie­sen wird. In den heu­ti­gen glo­ba­li­sier­ten und digi­ta­li­sier­ten Märk­ten ist alles mit­ein­an­der ver­zahnt. Genau des­halb lässt sich hier nur glo­bal kri­tisch argu­men­tie­ren, nicht klein­tei­lig oder iso­liert. Tun wir das nicht, ver­kommt aka­de­mi­sche Arbeit zu einer blo­ßen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Und was die Bil­dungs­ein­rich­tun­gen betrifft – wenn sich der der­zei­ti­ge Anpas­sungs­druck an den Uni­ver­si­tä­ten fort­setzt, wer­den sich auch trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Insti­tu­te wei­ter aus­ein­an­der­di­vi­die­ren: in jene, die vom Neo­li­be­ra­lis­mus über­rollt wer­den, pro­prie­tä­re Soft­ware ins Zen­trum der Aus­bil­dung stel­len und Stu­die­ren­de zu unkri­ti­schen Räd­chen einer glo­ba­len Aus­beu­tungs­ma­schi­ne­rie for­men, und in weni­ge ver­blei­ben­de kri­ti­sche Orte, die auf Open-Source-Soft­ware set­zen und Über­set­zen als kul­tu­rel­le, poli­ti­sche und ethi­sche Pra­xis begrei­fen.16 Letz­te­re lau­fen Gefahr, weni­ger Stu­die­ren­de anzu­zie­hen, weil sie kei­nen ver­meint­lich siche­ren, markt­kon­for­men Weg in ein ange­pass­tes Berufs­le­ben versprechen.

Wie könn­te eine Ethik der digi­ta­len Trans­la­ti­on aus­se­hen, die wirt­schaft­li­che Rea­li­tä­ten aner­kennt, zugleich aber krea­ti­ve und huma­nis­ti­sche Wer­te schützt?

Ich bin zuneh­mend skep­tisch, ob wir mit dem blo­ßen Ruf nach ‚Ethik‘ noch weit kom­men. Was wir der­zeit erle­ben, ist weni­ger ein ethi­sches Defi­zit im enge­ren Sin­ne als viel­mehr ein sys­te­mi­sches. Solan­ge die grund­le­gen­den ideo­lo­gi­schen, sozio­öko­no­mi­schen und tech­no­lo­gi­schen Eck­pfei­ler unver­än­dert blei­ben, wird auch die bes­te Ethik zur wohl­mei­nen­den Begleit­mu­sik eines extrak­ti­ven und aus­beu­te­ri­schen Sys­tems, das sich unge­bremst selbst reproduziert. 

Dass die­se Fra­gen längst kei­ne rein aka­de­mi­schen mehr sind, zei­gen offe­ne Brie­fe und Stel­lung­nah­men von Übersetzer:innen und ihren Ver­bän­den. Orga­ni­sa­tio­nen wie der Euro­pean Coun­cil of Lite­ra­ry Trans­la­tors’ Asso­cia­ti­ons (CEATL), die Socié­té fran­çai­se des tra­duc­teurs (SFT) oder die Initia­ti­ve En Chair et en Os (ECEO), aber auch berufs­stän­di­sche Ver­bän­de wie der Bun­des­ver­band der Dol­met­scher und Über­set­zer (BDÜ) und der öster­rei­chi­sche Ver­band UNIVERSITAS Aus­tria, kri­ti­sie­ren die EU-KI-Ver­ord­nung dafür, kul­tu­rel­le und pro­fes­sio­nel­le Über­set­zungs­ar­beit nur unzu­rei­chend zu schüt­zen. Gefor­dert wer­den ins­be­son­de­re Trans­pa­renz über Trai­nings­da­ten, wirk­sa­me urhe­ber­recht­li­che Absi­che­run­gen und klar defi­nier­te recht­li­che Rahmenbedingungen.

Der­zeit lese ich das Buch Against the Machi­ne von Paul King­sn­orth, das mei­nen eige­nen Ansatz in vie­ler­lei Hin­sicht spie­gelt. King­sn­orth knüpft an eine lan­ge Tra­di­ti­on kul­tur­kri­ti­schen Den­kens an.17 Schon Gus­tav Land­au­er sprach vor mehr als 100 Jah­ren davon, dass wir uns von der Erde, von den Men­schen, vom Geist und letzt­lich von uns selbst ent­frem­det haben, denn wir bräuch­ten einen „Wie­der­an­schluß an die Natur, [eine] Wie­der­erfül­lung mit Geist, [und eine] Wie­der­ge­win­nung der Bezie­hung“.18 Genau die­se ver­lo­re­nen Bezie­hun­gen müss­ten wir nicht nur repa­rie­ren, son­dern aktiv zurück­er­obern. King­sn­orth bringt das in einem zen­tra­len Pas­sus ein­drück­lich auf den Punkt:

Das Gegen­mit­tel besteht dar­in, zu die­sen Grund­la­gen vor­zu­drin­gen und mit der Arbeit der Repa­ra­tur zu begin­nen. Wir wer­den ler­nen müs­sen, wie­der erwach­sen zu sein: wie­der Boden unter die Füße zu bekom­men, Fami­li­en und Gemein­schaf­ten neu auf­zu­bau­en, die Bedeu­tung von Hin­ga­be und Ver­pflich­tung, von Gren­zen und Sehn­sucht erneut zu ver­ste­hen. Kurz gesagt: Wir wer­den erwach­sen wer­den müs­sen. Das ist eine lan­ge, müh­sa­me Arbeit – eine Arbeit über Gene­ra­tio­nen hin­weg. Es ist Arbeit an den Mythen. Wir wol­len eigent­lich gar nicht anfan­gen, und wir wis­sen auch nicht wirk­lich, wie. Wel­ches Kind will schon erwach­sen wer­den? Aber es gibt kei­nen ande­ren Weg; kein ande­rer Pfad wird uns nach Hau­se füh­ren.19

Vor die­sem Hin­ter­grund wir­ken vie­le der gän­gi­gen ethi­schen Appel­le – auch im Bereich der digi­ta­len Trans­la­ti­on – unglaub­lich leer. Wir sind zu tief ver­strickt in einen Stru­del aus instru­men­tel­ler Ver­nunft, Natur­be­herr­schung und einem nahe­zu reli­giö­sen Fort­schritts- und Tech­nik­glau­ben. Des­halb reicht eine refor­mis­ti­sche Ethik nicht aus. Was es braucht, ist eine radi­ka­le Her­an­ge­hens­wei­se im eigent­li­chen Sin­ne des Wor­tes: radi­kal im Sin­ne von radix, also von der Wur­zel her gedacht. Unse­re west­li­che Zivi­li­sa­ti­on befin­det sich in einem Zustand des fort­ge­schrit­te­nen Wer­te­ver­falls. Wenn wir nicht bereit sind, grund­le­gend umzu­den­ken, droht kein sanf­ter Über­gang, son­dern ein Bruch. Ich kann mich unzäh­li­ge Male für Nach­hal­tig­keit, fai­re Arbeits­be­din­gun­gen oder res­sour­cen­scho­nen­de Tech­no­lo­gien ein­set­zen – solan­ge die domi­nan­ten Akteur:innen der Welt­wirt­schaft aus­schließ­lich ihren eige­nen Inter­es­sen fol­gen, bleibt all das wirkungslos.

Eine Ethik der digi­ta­len Trans­la­ti­on, die die­sen Namen ver­dient, kann daher nicht bei Leit­li­ni­en, Auf­ru­fen, Mani­fes­ten oder best prac­ti­ces ste­hen blei­ben. Sie müss­te Teil eines umfas­sen­de­ren kul­tu­rel­len Umden­kens sein: einer Rück­be­sin­nung auf Begren­zung, Ver­ant­wor­tung, Bezie­hung und Sinn. Nur eine sol­che Rück­kehr zu den von King­sn­orth benann­ten Wer­ten hät­te über­haupt das Poten­zi­al, nicht nur die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern auch unse­re gesell­schaft­li­chen Grund­la­gen im Ein­klang mit der Natur vor dem voll­stän­di­gen Unter­gang zu bewahren.

Was über­wiegt für Sie mit Blick auf die Zukunft des Über­set­zens: Opti­mis­mus oder Skep­sis? Wel­che Rol­le wird – oder soll­te – der Mensch in einem zuneh­mend KI-gepräg­ten Sprach­öko­sys­tem spielen?

Ich könn­te jetzt die übli­chen Flos­keln nach­plap­pern, die den Dis­kurs seit Jah­ren domi­nie­ren: Übersetzer:innen müss­ten sich inten­si­ver mit der Maschi­ne arran­gie­ren, um eine immer bes­se­re Mensch-Maschi­ne-Inter­ak­ti­on zu errei­chen, Effi­zi­enz stei­gern, Syn­er­gien nut­zen, bla­bla­bla … Das ist doch – nen­nen wir es mal – Anpas­sungs­spra­che. Die leis­tet vor allem eines: Sie ent­las­tet uns davon, klar Posi­ti­on zu bezie­hen und igno­riert damit die bestehen­den Macht­ver­hält­nis­se. Genau das greift viel zu kurz. Wir haben eine Ver­pflich­tung, da viel sys­tem­kri­ti­scher zu agie­ren, aber wir tun es nicht. Wie dem auch sei, wie schon in mei­ner Ant­wort auf die vori­ge Fra­ge ange­deu­tet, brau­chen wir zunächst mal eine sprich­wört­li­che Besin­nung. Ohne die­se kom­men wir kei­nen Schritt weiter.

Neh­men wir den oft bemüh­ten Begriff des Sprach­öko­sys­tems. Häu­fig wird heu­te auch von einem ‚digi­ta­len Öko­sys­tem‘ gespro­chen. Klingt ja schön modern, bei nähe­rem Hin­schau­en ist das aber ein ganz schie­fes Bild. Ein digi­ta­les Öko­sys­tem mit ‚Wur­zeln‘ ist doch ein Oxy­mo­ron. Ein Sprach­öko­sys­tem hin­ge­gen ist real, es ist his­to­risch gewach­sen und des­halb fra­gil und von Macht­ver­hält­nis­sen durch­zo­gen. Wie beim bio­lo­gi­schen Öko­sys­tem geht es um Balan­ce, um Viel­falt und um Gren­zen. In der neu­en digi­ta­len Hege­mo­nie gibt es kei­ne Balan­ce, kei­ne Viel­falt, und natür­lich gege­be­ne Gren­zen wer­den per­ma­nent über­schrit­ten. Uns Men­schen muss es ein­fach um einen gesun­den Macht­rea­lis­mus gehen, um die nüch­ter­ne Erkennt­nis, dass Tech­no­lo­gie nie­mals neu­tral ist, son­dern immer Aus­druck von Macht. Und der­zeit haben wir es mit einer bei­spiel­lo­sen power wit­hout respon­si­bi­li­ty zu tun.

Ohne eine Rück­kehr zu den eigent­li­chen Wur­zeln – und damit mei­ne ich kei­ne gene­tisch modi­fi­zier­ten oder künst­lich gezüch­te­ten Ersatz­wur­zeln – blei­ben wir Don Qui­jo­tes, die mit der Lan­ze auf Wind­müh­len los­ge­hen. So ändert sich grund­sätz­lich nichts. Die­ses Sys­tem, in unse­rem Zusam­men­hang der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus, ist nicht refor­mier­bar, auch wenn vie­le das hof­fen mögen. Ohne eine radi­ka­le Ein­he­gung des mensch­li­chen Wil­lens zur Macht und des Triebs zur Gier wer­den wir uns auf immer mehr Aus­beu­tung ein­stel­len müs­sen. Und auch auf immer mehr syn­the­ti­sche Spra­che und syn­the­ti­sche Über­set­zun­gen. Ein wirk­li­cher Sys­tem- und Men­ta­li­täts­wech­sel wäre nötig, selbst wenn er uto­pisch erschei­nen mag. Und selbst wenn er käme, wür­de eine sol­che Rück­be­sin­nung Jahr­zehn­te, wenn nicht län­ger, dauern.

Was mich dabei beson­ders beun­ru­higt, ist die fort­schrei­ten­de Ent­zau­be­rung von Ver­ant­wor­tung. Men­schen kann man wider­spre­chen, man kann sie kri­ti­sie­ren, zur Rechen­schaft zie­hen. Maschi­nen kön­nen (bis­lang) nicht wider­spre­chen. Und das darf auch nie­mals so sein. Ein letz­tes Fünk­chen Hoff­nung liegt viel­leicht noch im uni­ver­si­tä­ren Bereich, etwa in Open-Source-Initia­ti­ven. Aber selbst dort greift der neo­li­be­ra­le Arm längst zu, und er wird von Jahr zu Jahr stärker.

Am Ende bleibt eine unbe­que­me Wahr­heit, die in der Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft oft aus­ge­blen­det wird: Tech­no­lo­gie ist immer genau­so gut oder schlecht wie die­je­ni­gen, die über sie ver­fü­gen und Macht über sie aus­üben. Aber genau das will man häu­fig lie­ber nicht so genau wis­sen, denn die­se Erkennt­nis führt uns unwei­ger­lich zurück in die Logik der Macht und kann gera­de des­halb auch gefähr­lich werden.


Univ.-Prof. Dr. phil. Ste­fan Baum­gar­ten lei­tet seit März 2021 das Insti­tut für Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Graz. Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te lie­gen in der Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie, dem digi­ta­len Wan­del und ethi­schen Fra­gen sowie in trans­kul­tu­rel­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on und post­hu­ma­nis­ti­schem Den­ken. Zuvor arbei­te­te er inten­siv zu Trans­la­ti­on und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, doku­men­tiert u. a. in Ver­öf­fent­li­chun­gen wie Trans­la­ti­on in Times of Tech­no­ca­pi­ta­lism (2017), Trans­la­ti­on and Glo­bal Spaces of Power (2018) und Trans­la­ti­on and Hege­mo­nic Know­ledge under Advan­ced Capi­ta­lism (2017). Der­zeit berei­tet er meh­re­re Sam­mel­bän­de zu Trans­la­ti­ons­tech­no­lo­gie, Post­hu­ma­nis­mus und kri­ti­scher Theo­rie vor, die 2025 und 2026 erschei­nen werden.

Kon­takt: stefan.baumgarten@uni-graz.at


  1. Wal­ter, Katha­ri­na und Mar­co Agnet­ta (Hrsg.) (2025) App­ly­ing Arti­fi­ci­al Intel­li­gence in Trans­la­ti­on. Pos­si­bi­li­ties, Pro­ces­ses and Phe­no­me­na. Lon­don und New York: Routledge. 
  2. He, Sui (2024) ‚Promp­ting ChatGPT for Trans­la­ti­on: A Com­pa­ra­ti­ve Ana­ly­sis of Trans­la­ti­on Brief and Per­so­na Prompts‘, In Pro­cee­dings of the 25th Annu­al Con­fe­rence of the Euro­pean Asso­cia­ti­on for Machi­ne Trans­la­ti­on (Volu­me 1). Shef­field, UK. Euro­pean Asso­cia­ti­on for Machi­ne Trans­la­ti­on (EAMT), S. 316–326.
  3. Krü­ger, Ralph und Jani­na Hacken­buch­ner (2022) ‚Out­line of a Didac­tic Frame­work for Com­bi­ned Data Liter­acy and Machi­ne Trans­la­ti­on Liter­acy Tea­ching‘, in Cur­rent Trends in Trans­la­ti­on Tea­ching and Lear­ning E., S. 375–432.
  4. Tie­ber, Micha­el und Ste­fan Baum­gar­ten (2024) ‚Mean Machi­nes? Socio­tech­ni­cal ®evo­lu­ti­on and Human Labour in the Trans­la­ti­on and Inter­pre­ting Indus­try‘, Per­spec­ti­ves: Stu­dies in Trans­la­ti­on Theo­ry and Prac­ti­ce 32/3, S. 379–390.; ange­lehnt an Roz­mysło­wicz, Tomasz (2019) ‚Die Geschicht­lich­keit der Translation(swissenschaft). Zur para­dig­ma­ti­schen Rele­vanz der maschi­nel­len Über­set­zung‘, Chro­no­to­pos 2/1, S. 17–41.
  5. Agnet­ta, Mar­co (2025) ‚Bet­ween Empower­ment and Depen­den­cy: Digi­tal and AI-sup­port­ed Tools and Media Acces­si­bi­li­ty‘, in Wal­ter, Katha­ri­na und Mar­co Agnet­ta (Hrsg.) App­ly­ing Arti­fi­ci­al Intel­li­gence in Trans­la­ti­on. Pos­si­bi­li­ties, Pro­ces­ses and Phe­no­me­na. Lon­don und New York: Rout­ledge, 163–181, S. 164.
  6. Baum­gar­ten Ste­fan (2025a) ‚Wel­co­me to the Machi­ne? Pro­le­go­me­na zu einer kri­ti­schen Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft in Zei­ten unge­brems­ter Maschi­ni­sie­rung‘, Year­book of Trans­la­tio­nal Her­me­neu­tics / Jahr­buch für Über­set­zungs­her­me­neu­tik 5/1, S. 59–85.
  7. Nimd­zi (2025) The 2025 NIMDZI 100 – The Size and Sta­te of the Lan­guage Ser­vices Indus­try. Sand­point: Mul­ti­l­in­gu­al Media.
  8. Nimd­zi (2024) The 2024 NIMDZI 100 – The Ran­king of the Lar­gest Lan­guage Ser­vice Pro­vi­ders in the World. Sand­point: Mul­ti­l­in­gu­al Media.
  9. Van­mas­sen­ho­ve, Eva, Dimitar Shter­io­nov und Matthew Gwil­liam (2021) ‚Machi­ne Trans­la­tio­ne­se: Effects of Algo­rith­mic Bias on Lin­gu­i­stic Com­ple­xi­ty in Machi­ne Trans­la­ti­on‘, in Pao­la Mer­lo, Jörg Tie­de­mann und Reut Tsa­r­f­a­ty (Hrsg.) Pro­cee­dings of the 16th Con­fe­rence of the Euro­pean Chap­ter of the Asso­cia­ti­on for Com­pu­ta­tio­nal Lin­gu­i­stics: Main Volu­me, S. 2203–13.
  10. Fırat, Gök­han (2021) ‚Ube­riza­ti­on of Trans­la­ti­on. Impacts on Working Con­di­ti­ons‘, The Jour­nal of Inter­na­tio­na­liza­ti­on and Loca­liza­ti­on 8/1, S. 48–75.
  11. Baum­gar­ten, Ste­fan (2025b) ‚Trans­la­ti­on and Digi­tal Capi­ta­lism‘, in Ste­fan Baum­gar­ten und Micha­el Tie­ber (Hrsg.) The Rout­ledge Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty, Lon­don und New York: Rout­ledge, S. 31.
  12. Shter­io­nov, Dimitar, Van­mas­sen­ho­ve, Eva, Tai­val­ko­ski-Shi­l­ov, Kris­tii­na und Ele­na Mur­go­lo (2025) ‚Envi­ron­men­tal Con­side­ra­ti­ons for Digi­tal Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy‘, in Ste­fan Baum­gar­ten und Micha­el Tie­ber (Hrsg.) The Rout­ledge Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty, Lon­don und New York: Rout­ledge, S. 329–342.
  13. Lar­son­neur, Clai­re (2025) ‚Repre­sen­ta­ti­ons of Lan­guage and Trans­la­ti­on in Arti­fi­ci­al Intel­li­gence‘, in Ste­fan Baum­gar­ten und Micha­el Tie­ber (Hrsg.) The Rout­ledge Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty, Lon­don und New York: Rout­ledge, S. 62, über­setzt von Ste­fan Baumgarten.
  14. Rothwell, Andrew, Way, Andy und Roy You­da­le (Hrsg.) (2024) Com­pu­ter-Assis­ted Lite­ra­ry Trans­la­ti­on. Lon­don und New York: Routledge.
  15. Li, Anne (2025) ‚Are AI Models Advan­ced enough to Trans­la­te Lite­ra­tu­re? The Deba­te is Roi­ling Publi­shing‘, The Mark­up. https://themarkup.org/artificial-intelligence/2025/04/02/are-ai-models-advanced-enough-to-translate-literature-the-debate-is-roiling-publishing?utm_source=chatgpt.com.
  16. Mar­tín-Mor, Adrià (2025) ‚Power and Tech­no­lo­gy in Trans­la­tor Trai­ning Insti­tu­ti­ons‘, in Ste­fan Baum­gar­ten und Micha­el Tie­ber (Hrsg.) The Rout­ledge Hand­book of Trans­la­ti­on Tech­no­lo­gy and Socie­ty, Lon­don und New York: Rout­ledge, S. 234–245.
  17. King­sn­orth, Paul (2025) Against the Machi­ne. On the Unma­king of Huma­ni­ty. New York: Pen­gu­in Ran­dom House.
  18. Land­au­er, Gus­tav (1911/1967) Auf­ruf zum Sozia­lis­mus, Frank­furt am Main: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, S. 178; sie­he auch Baum­gar­ten 2025b: S. 32
  19. King­sn­orth, 2025: S. 147, über­setzt von Ste­fan Baumgarten.

2 Comments

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  1. 1
    Christiane Kuby

    Vie­len Dank für die­sen inter­es­san­ten, erhel­len­den wie erschre­cken­den Bei­trag, der etwas Licht ins Dun­kel bringt!

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