Rei­se an die Gren­ze des Ertragbaren

Rin Usami, Literatur-Shootingstar aus Japan, schickt in ihrem neuen Roman die junge Kanko auf einen emotionalen Familien-Roadtrip. Luise Steggenwentz’ Übersetzung bewahrt die Eigenwilligkeit des Originals. Von

Unterwegs in Japan. Bild via Unsplash: Florent Eliard.

Wie erzählt man von einer jun­gen Frau, die sich selbst zu ent­glei­ten scheint? Und wie fängt man die brü­chi­gen Zwi­schen­tö­ne eines Lebens ein, das sich erst all­mäh­lich offen­bart? Kan­kos Rei­se ist der drit­te Roman der japa­ni­schen Autorin Rin Usa­mi und der zwei­te, der in deut­scher Über­set­zung vor­liegt. Der Ori­gi­nal­ti­tel, Kuru­ma no musu­me (くるまの娘), bedeu­tet ‚Das Mäd­chen im Auto‘ oder auch ‚Die Toch­ter im Auto‘; die voll­stän­di­ge Bedeu­tung die­ses Titels wird erst gegen Ende deut­lich. 2022 erschien der Roman in Japan, 2025 ver­öf­fent­lich­te der Kie­pen­heu­er & Witsch Ver­lag die deut­sche Über­set­zung von Lui­se Steggewentz.

Rin Usa­mi, gebo­ren 1999, begann bereits als Schü­le­rin mit dem krea­ti­ven Schrei­ben. 2019 ver­öf­fent­lich­te sie ihren Debüt­ro­man Kaka (かか, dia­lek­tal für ‚Mut­ter‘; bis­lang noch nicht ins Deut­sche über­setzt). Der Roman wur­de mehr­fach aus­ge­zeich­net, unter ande­rem mit dem Yukio-Mishi­ma-Preis – Usa­mi ist bis heu­te die jüngs­te Preis­trä­ge­rin in der Geschich­te die­ses Prei­ses. Ein Jahr spä­ter folg­te ihr zwei­ter Roman Idol in Flam­men (Oshi, moyu / 推し、燃ゆ; die deut­sche Über­set­zung, eben­falls von Lui­se Steg­ge­w­entz, erschien 2023 bei Kie­pen­heu­er & Witsch), für den sie mit dem äußerst renom­mier­ten Aku­tag­awa-Preis aus­ge­zeich­net wur­de. Wie­der­keh­ren­de The­men in Usa­mis Wer­ken, die sich auch in Kan­kos Rei­se fin­den, sind schwie­ri­ge zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen, psy­chi­sche Pro­ble­me (vor allem jun­ger Men­schen) und sozi­al­kri­ti­sche Aspekte.

Prot­ago­nis­tin des Romans ist die sieb­zehn­jäh­ri­ge Kan­ko (eigent­lich Kana­ko Aki­no), die in einer hoch­gra­dig dys­funk­tio­na­len Fami­li­en­si­tua­ti­on lebt: Sie muss sich um ihre kran­ke Mut­ter küm­mern und erlebt von ihrem Vater kei­ne Unter­stüt­zung, son­dern im Gegen­teil emo­tio­na­le und kör­per­li­che Gewalt. Ihre bei­den Brü­der (Aki­ra, genannt „Nii“, und „Pon“, des­sen wirk­li­cher Name nie genannt wird), sind bei­de bereits aus­ge­zo­gen, um nicht mit dem Vater zusam­men­le­ben zu müs­sen. Kan­ko selbst lei­det – höchst­wahr­schein­lich als Resul­tat ihrer Fami­li­en­ver­hält­nis­se – an Depres­sio­nen und nimmt dafür auch The­ra­pie in Anspruch, jedoch wird auch ihre psy­chi­sche Erkran­kung von ihrem Vater nicht ernst genom­men. Als Kan­kos Groß­mutter väter­li­cher­seits ver­stirbt, macht sich die gan­ze Fami­lie anläss­lich der Beer­di­gung auf eine Rei­se, auf der die unge­sun­den inner­fa­mi­liä­ren Dyna­mi­ken deut­lich zum Aus­druck kommen.

Der Roman ist in der drit­ten Per­son geschrie­ben, aber ein­deu­tig mit Kan­ko als Foka­li­sie­rungs­in­stanz, also durch ihren Blick­win­kel gefil­tert. Dies ist wich­tig im Hin­blick auf Text­stel­len, die die Eigen­ver­ant­wor­tung des Vaters her­un­ter­spie­len oder gar Kan­ko eine Mit­schuld an sei­ner Gewalt zuschrei­ben. Die­se Aus­sa­gen sind nicht als objek­ti­ve Infor­ma­ti­on eines all­wis­sen­den Erzäh­lers oder gar als Mei­nung der Autorin zu ver­ste­hen, son­dern als Aus­druck des nega­ti­ven Selbst­bil­des der Prot­ago­nis­tin. Nur so ist es auch zu erklä­ren, dass der Erzähl­text ihr (bezie­hungs­wei­se sie sich selbst) eine Ten­denz unter­stellt, sich selbst als Opfer zu insze­nie­ren, obwohl sie einen nicht unbe­trächt­li­chen Teil des Romans damit ver­bringt, das genaue Gegen­teil zu tun.

Im Zen­trum des Romans ste­hen nicht so sehr die inner­fa­mi­liä­ren Kon­flik­te an sich, son­dern Kan­kos inne­rer Kon­flikt: Ihr ist natür­lich bewusst, wie sehr ihr Umfeld und vor allem das Ver­hal­ten ihres Vaters sie emo­tio­nal und psy­chisch belas­ten, und es gibt durch­aus auch Text­stel­len, in denen sie die Bru­ta­li­tät ihres Vaters klar als sol­che benennt und kri­tisch betrach­tet. „Wenn das Blut in sei­nen Adern kocht, wird er so grau­sam, als wäre er ein ande­rer Mensch“, liest sich eine die­ser Stel­len. Eine wei­te­re: „Unver­zeih­lich. Jetzt weiß sie, dass sie sich geirrt hat, als sie vor­hin noch dach­te, es sei ihre Schuld“. 

Dann aber ver­fällt sie wie­der, wie oben beschrie­ben, in Mus­ter von Selbst­be­schul­di­gung bis hin zu Täter-Opfer-Umkehr. Den Rat, sich von ihren Eltern zu lösen, lehnt Kan­ko vehe­ment ab, und zwar auch dann, wenn er nicht von Außen­ste­hen­den, son­dern von ihren eige­nen Brü­dern kommt. Gleich­zei­tig wird bei der Lek­tü­re des Romans aber deut­lich, dass ihre psy­chi­schen Pro­ble­me sich ohne eine gewis­se Distanz zumin­dest zu ihrem Vater wohl nie­mals bes­sern wer­den. Die Fra­ge ist nun, ob und wie Kan­ko eine Balan­ce zwi­schen ihrer Bin­dung zu ihren Eltern und ihrem eige­nen Wohl fin­den kann – eine Fra­ge, auf die sie im End­ef­fekt, so viel sei ver­ra­ten, eine etwas unkon­ven­tio­nel­le Ant­wort findet.

Die Über­set­zung von Lui­se Steg­ge­w­entz ist im Gro­ßen und Gan­zen eine sehr prä­zi­se Arbeit, die sowohl dem Inhalt als auch dem aus­drucks­star­ken, stel­len­wei­se an einen inne­ren Mono­log erin­nern­den Sprach­stil des Ori­gi­nals gerecht wird. Ver­ein­zelt wur­den in der Über­set­zung zwar Wör­ter oder Phra­sen weg­ge­las­sen oder über­se­hen, doch dabei han­delt es sich um unwich­ti­ge Details, die das Ver­ständ­nis der Hand­lung nicht beein­träch­ti­gen (etwa die Schrift­far­be der Num­me­rie­rung von Schuh­fä­chern oder ein adver­bia­les Attri­but, wel­ches das auf­ge­setz­te Ver­hal­ten der Mut­ter näher charakterisiert).

Rea­li­en und Kul­tur­spe­zi­fi­ka wer­den von Steg­ge­w­entz ent­we­der erklä­rend para­phra­siert oder direkt über­nom­men. Auch japa­ni­sche Anre­de­for­men (etwa das ver­nied­li­chen­de Suf­fix -chan, das meist die Funk­ti­on eines Kose­na­mens hat) wur­den in vie­len Fäl­len bei­be­hal­ten, was ich grund­sätz­lich in Ord­nung fin­de. Aller­dings wäre in die­sem Fall viel­leicht ein Glos­sar für Leser*innen hilf­reich gewe­sen, die mit dem Kul­tur­raum weni­ger ver­traut sind. Eben­so hät­te man deut­li­cher machen kön­nen, dass sich Aki­ras Spitz­na­me „Nii“ von einer Anre­de­form für den älte­ren Bru­der ablei­tet. Wem die japa­ni­schen Geschwis­ter­ter­mi­no­lo­gien kein Begriff sind, der wird sich viel­leicht wun­dern, wie man von „Aki­ra“ auf „Nii“ kommt.

Was in der Über­set­zung groß­ar­tig gelun­gen ist, ist die Wie­der­ga­be von Sprach­stil als Mit­tel zur Figu­ren­cha­rak­te­ri­sie­rung. Dies betrifft vor allem Kan­kos Vater. Ein Cha­rak­te­ris­ti­kum sei­ner Spra­che, das auch im Roman expli­zit the­ma­ti­siert wird, ist sei­ne Ten­denz, auf Laut­ma­le­rei­en zurück­zu­grei­fen, wenn er über die Gewalt spricht, die er selbst als Kind erlebt hat, um die­se nicht direkt benen­nen zu müssen:

Zack, bum, bu-hu-hu. So stell­te er es ein­mal dar, als er ihnen erzähl­te, wie sein Vater ihn als Kind bei einem Wut­an­fall schlug, weil sei­ne Frau mal wie­der abge­hau­en war. Also das war so, sag­te er. Oma kommt mal wie­der nicht nach Hau­se. Und wenn dann die Wäsche nicht gemacht oder das Geschirr nicht gespült oder das Zim­mer nicht auf­ge­räumt ist, dann tritt Opa – wumm! – gegen einen Stuhl. Und dann macht’s zack und bum und ich: bu-hu-hu.“

Japa­ni­sche Laut­ma­le­rei ist eine häu­fi­ge Quel­le von Über­set­zungs­schwie­rig­kei­ten, da das Japa­ni­sche über ein weit­aus umfang­rei­che­res Reper­toire an gän­gi­gen Ono­ma­to­poe­ti­ka ver­fügt als das Deut­sche, doch Steg­ge­w­entz hat die­se Hür­de bra­vou­rös gemeis­tert. Sie hat sich für Ono­ma­to­poe­ti­ka ent­schie­den, die etwas Comic­haf­tes an sich haben (man den­ke etwa an Aste­rix und Obe­lix), was gut dazu passt, dass der Vater, wie vom Erzähl­text expli­zit ange­merkt, die beschrie­be­ne Situa­ti­on bewusst lächer­lich macht. Ein wei­te­res Cha­rak­te­ris­ti­kum des Sprach­stils des Vaters, den die Über­set­ze­rin her­vor­ra­gend umge­setzt hat, zeigt sich pri­mär dann, wenn er mit sei­nen Kin­dern spricht: die Ver­bin­dung von gro­ben Belei­di­gun­gen mit einer phra­sen­haf­ten, von unre­flek­tier­ten Stamm­tisch­pa­ro­len und Tot­schlag­ar­gu­men­ten gepräg­ten Aus­drucks­wei­se, die deut­lich macht, wie sehr es die­ser Figur sowohl an Mit­ge­fühl als auch an Selbst­re­fle­xi­on man­gelt. Das liest sich dann in Steg­ge­w­entz’ Über­set­zung zum Bei­spiel so (das ers­te Bei­spiel ist an Kan­ko gerich­tet, das zwei­te an Pon):

Psy­che, Psy­che, Psy­che. Heut­zu­ta­ge haben alle jun­gen Leu­te etwas mit der Psy­che und die Ärz­te schüt­teln ihre Dia­gno­sen aus dem Ärmel. […] Jeder beißt die Zäh­ne zusam­men, bis es weh­tut, und schuf­tet von mor­gens bis abends, als gin­ge es ums nack­te Über­le­ben. Wir haben es alle schwer. 

Du suchst doch nur einen Sün­den­bock. Dabei bist du selbst schuld. Wahr­schein­lich hast du dich in der Mit­tel­schu­le genau wie jetzt in die Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Leu­te ein­ge­mischt und über­all dei­nen Senf dazu­ge­ge­ben, ohne das gerings­te Gespür dafür, was ange­bracht ist.

Hier zeigt sich die nega­ti­ve Sei­te des Ide­al­bil­des des alles klag­los ertra­gen­den und immer funk­tio­nie­ren­den Stoi­kers, das zum einen in vie­len Kul­tu­ren zum Männ­lich­keits­ide­al gehört und zum ande­ren unter dem Schlag­wort gaman (我慢) häu­fig als Allein­stel­lungs­merk­mal der japa­ni­schen Kul­tur beti­telt wird. Letz­te­res nicht nur aus der Außen­per­spek­ti­ve, son­dern in der Tat auch inner­halb Japans, dort meist im Zusam­men­hang mit natio­na­lis­tisch gepräg­ten sozio­lo­gi­schen und anthro­po­lo­gi­schen Denkrichtungen.

Kan­kos Vater hat die­ses Ide­al bis zum Extrem ver­in­ner­licht und ver­ach­tet jeden, der dies nicht tut; erkenn­ba­re psy­chi­sche Belas­tung wie bei Kan­ko ver­ur­teilt er als Schwä­che, offe­ne Kri­tik wie bei sei­nen Söh­nen als unso­zia­les Que­ru­lan­ten­tum. Dass er mit sei­ner Hitz­köp­fig­keit selbst die­sem Ide­al nicht gerecht wird, scheint ihm ent­we­der nicht bewusst zu sein oder er will es sich nicht ein­ge­ste­hen. Er kann oder will weder das Unrecht, das ihm selbst ange­tan wur­de, als sol­ches benen­nen, noch dar­über reflek­tie­ren, dass er mit sei­nem eige­nen Ver­hal­ten ande­ren Men­schen scha­det. All dies äußert sich ein­deu­tig in sei­ner Spra­che, was auch in der Über­set­zung klar zum Aus­druck kommt. Dies ist nicht zuletzt des­halb wich­tig, weil hier ein direk­ter Zusam­men­hang zwi­schen der indi­vi­du­el­len Figu­ren­cha­rak­te­ri­sie­rung und den sozi­al­kri­ti­schen Aspek­ten des Romans besteht.

Ins­ge­samt ist Kan­kos Rei­se ein kom­ple­xer Roman, der sicher nicht leicht zu über­set­zen war. Abge­se­hen von eini­gen ver­ein­zel­ten Abwei­chun­gen vom Ori­gi­nal hat Lui­se Steg­ge­w­entz die­se anspruchs­vol­le Auf­ga­be her­vor­ra­gend gemeis­tert. Beson­ders gelun­gen ist ihr Umgang mit dem indi­vi­du­el­len Sprach­stil der zen­tra­len Cha­rak­te­re, der die­ses psy­cho­lo­gisch wie sprach­lich viel­schich­ti­ge Werk auszeichnet.


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