Mia und Lara sind zehn Jahre alt. Sie wohnen in derselben Straße in einem Fischerstädtchen an der kanadischen Westküste. Sie gehen in dieselbe Klasse, gehen zusammen zum Tanztraining, sausen auf ihren Fahrrädern durch die Gegend, hören in einer selbstgebauten Höhle Musikkassetten und erzählen sich von ihrem neusten Crush. Sie teilen alles miteinander und scheinen unzertrennlich. Doch während sie langsam zu Teenagern heranwachsen, muss Mia immer wieder feststellen, dass für sie andere Regeln gelten als für ihre beste Freundin.
Wir befinden uns in Prince Rupert, British Columbia, Mitte der 1980er Jahre. Mia ist die Ich-Erzählerin in Kim Spencers autobiografischem Jugendroman Weird Rules – So wie ich bin, der im englischen Original Weird Rules to Follow, erschien 2022 bei Orca Book Publishers, vielfach ausgezeichnet wurde. Wie die Autorin gehört Mia der indigenen Gitxaala Nation an, eine der vierzehn Gemeinschaften der Ts‘msyen. Sie lebt mit ihrer Mutter und Großmutter in einem etwas heruntergekommenen Haus, dessen Tür immer offensteht. Sie sind selten allein. Oft sind Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen zu Besuch, manchmal den ganzen Sommer über.
Denn im Sommer ist Rotlachssaison. Viele von Mias Verwandten leben von der Fischerei oder der Arbeit in der Konservenfabrik. Und auch zuhause dreht sich vieles um Fisch. „Lachs war schon immer Teil meines Lebens − ob im Ozean, auf dem Herd, im Kühlschrank oder in meinem Bauch“, stellt Mia gleich zu Beginn klar. Während die Männer auf den Booten rausfahren und ihre Mutter Überstunden in der Fischfabrik schiebt, hilft Mia zuhause ihrer Großmutter beim Fischeinlegen. Davon erzählt sie gleich im ersten der kurzen, episodenhaften Kapitel:
„Diesmal darf ich das Salz abwiegen und in die Gläser füllen. Ein wichtiger Schritt, denn die Menge muss stimmen. Zum Schluss wischt Grandma die Gläser am Rand ab, schraubt sie zu und zack, landen sie im Kochtopf. Die Lachsköpfe behält sie zum Backen – sie würde sie nie wegschmeißen. „Meerestiere muss man verwerten“, sagt sie immer. Eine ihrer endlosen Weisheiten. Es gibt so viele Regeln rund um unsere traditionellen Nahrungsmittel, damit wir sie auch ja nicht verschwenden oder falsch benutzen.“
„This time she lets me measure and pour the salt into the jars. This is an important job, as the amounts have to be exact. Then she wipes down the mouth of the jars, fastens the lids, and into the boiler they go.Grandma keeps the fish heads for baking – she never throws them out. „Don’t waste seafood,“ she often says to me. I’m used to her saying things like that. There are so many rules around not misusing or wasting our traditional foods.“
Nach getaner Arbeit verputzen Mia und ihre Großmutter gebackene Fischköpfe. Und weil Fisch nicht nur restlos verwertet werden muss, sondern auch geteilt wird, bekommen auch die Nachbarn etwas ab:
„Grandma bringt unseren Nachbarn, die keine Natives sind, oft Fisch vorbei. Wahrscheinlich ist das ihr Dankeschön dafür, dass sie regelmäßig unseren Rasen mähen. Sie fragen gar nicht, sie tun es einfach. Nach dem Abendessen bittet sie mich, den Vater von nebenan an den Zaun zu rufen. Meine Grandma spricht größtenteils Sm’algya̱x, unsere Sprache. Als er an den Überbleibseln unseres Zauns ankommt, unterhalten sie sich daher nicht lang. Grandma schenkt dem Nachbarn ein Lächeln, er erwidert es nickend und nimmt den großen schimmernden Lachs entgegen. Wer Lachs teilt, braucht nicht viele Worte.“
„Grandma often shares fish with our non-Native neighbors as well. It’s probably her way of saying thank you to them for mowing our lawn. They don’t offer or ask to mow it – they just do it. After dinner, she asks me to go see if our neighbor could meet her at the fence between our houses.My grandma mostly speaks in our Sm’algya̱x language, so when the father of the family next door reaches what’s remaining of our fence, they don’t say much. Grandma smiles with her eyes, he smiles and nods in return, and reaches over the fence to accept the big silvery sockeye from her. Words aren’t necessary. The language of sharing salmon is simple.“
Auch Mia braucht nicht viele Worte, um diese Szene zu beschreiben, aus der mehr spricht, als die zehnjährige Erzählerin zu diesem Zeitpunkt zu benennen vermag. Man ahnt, dass hier etwas Wesentliches ungesagt bleibt, etwas, das der Erzählerin erst nach und nach bewusst werden wird: Mäht der Nachbar den Rasen vielleicht deshalb mit, weil er ihm der Zustand des Hauses und des Gartens nebenan ein Dorn im Auge ist? Ist Teilen für ihn vielleicht weniger selbstverständlich, seine Geste weniger großzügig, und freut er sich überhaupt über den Lachs?
Nach und nach wird Mia klar, dass die Regeln in ihrem Zuhause, ihrer Gemeinschaft andere sind als etwa bei ihrer besten Freundin Lara, die aus einer wohlhabenderen, mexikanisch-ungarischen Familie. Sie wohnt im mit Abstand schönsten Haus in der Straße, mit „zwei Autos in der Einfahrt […], zwei Wohnzimmern, zwei Kaminen, zwei Badezimmern und einem Waschkeller.“ Im Vergleich zu Laras Haus beschreibt Mia ihr Zuhause als „eine richtige Bruchbude aus Kriegszeiten mit Blick auf eine Böschungsmauer.“
Meist treffen sich die beiden Mädchen bei Lara zuhause. Als Mia Lara dann zum ersten Mal zu sich einlädt, möchte sie für sie kochen, Fish and Chips. Stolz reicht sie ihrer Freundin den Teller mit goldbraun gebratenen Kartoffelscheiben und schraubt dazu ein Glas Lachs und eine Flasche Ketchup auf. Als Laras Mutter von Mias Kochversuchen erfährt, holt sie die Mädchen sofort ab und geht mit ihnen „richtige“ Fish and Chips essen. Mia versteht nicht, was an ihrer Version falsch gewesen sein soll und warum Laras Mutter sie das so deutlich spüren lässt, und trotzdem beginnt aus solchen Momenten eine Scham, ein Bewusstsein dafür zu wachsen, dass sie in den Augen der weißen Mehrheitsgesellschaft „anders“ ist, dass sie als „anders“ abgestempelt wird.
Während Mia in kurzen, tagebuchartigen Kapiteln ganz konkrete Erfahrungen wie diese beschreibt, erleben wir mit, wie in ihre Freundschaft mit Lara etwas einbricht, das zunächst keine Rolle gespielt hatte. Etwas, das die beiden voneinander trennt. In kleinen Häppchen werden große Themen verhandelt: Identität, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Stereotypen, Diskriminierung, Rassismus, Freundschaft, Familie, Gemeinschaft.
Dejla Jassim geht souverän mit der Stimme der jungen Erzählerin um, die so wenig Worte braucht, um so viel zu sagen. Ihre Übersetzung zeugt von einem guten Gespür für die Art, wie Mia sich erzählend zu ihrem Umfeld in Bezug setzt und erzählend zu verstehen beginnt, wofür sie noch keine Sprache hat. Sie verleiht ihr auch auf Deutsch einen leichten, direkten, gewitzten Ton, der ganz natürlich dahinfließt, während sie gleichzeitig sensibel mit der spezifischen kulturellen und historischen Situiertheit der Erzählstimme und den daraus sich ergebenden Komplexitäten umgeht.
So zugänglich viele der alltäglichen Erlebnisse des Gitxaala-Mädchens an der Kanadischen Westküste der 1980er Jahre für junge deutschsprachige Leser*innen heute sind, so fremd ist den meisten von ihnen nämlich wohl eben dieser Kontext. Für viele ist Weird rules – So wie ich bin vielleicht die erste Begegnung mit indigenen Perspektiven und der grausamen Geschichte der gewaltsamen kolonialen Unterdrückung der First Nations in Nordamerika. In rahmenden textlichen Beigaben werden die Leser*innen an den Kontext herangeführt: Ein kurzes Vorwort verortet die Erzählung; Fußnoten weisen auf Selbstbezeichnungen hin, die heute nicht mehr dem Selbstverständnis der meisten Angehörigen der First Nations entsprechen; ein kleines Glossar erläutert Begriffe wie „indigen“, „First Nations“ oder „Reserve“ noch einmal grundlegend.
Letztlich ist es aber Mia selbst, die die deutschsprachigen Leser*innen an ihre Lebensrealität heranführt. Sie lernt zu verstehen, was sie erlebt, und die Leser*innen lernen mit ihr mit. Wenn am Ende der Lektüre dann vielleicht einige Fragen zum Leben indigener Gemeinschaften in Kanada zurückbleiben – umso besser! Es werden hoffentlich weitere spannende und mutige Jugendbücher folgen und Antworten geben können.

