Dosen­lachs und Liebeskummer

In „Weird Rules – so wie ich bin“ erzählt Kim Spencer vom Aufwachsen eines indigenen Mädchens im Kanada der 1980er Jahre. Dejla Jassim hat den vielfach ausgezeichneten Jugendroman ins Deutsche übertragen. Von

Smile's Seafood Cafe, Saint Rupert, BC. Foto: WikiCommons.
Smile's Seafood Cafe, Saint Rupert, BC. Foto: WikiCommons.

Mia und Lara sind zehn Jah­re alt. Sie woh­nen in der­sel­ben Stra­ße in einem Fischer­städt­chen an der kana­di­schen West­küs­te. Sie gehen in die­sel­be Klas­se, gehen zusam­men zum Tanz­trai­ning, sau­sen auf ihren Fahr­rä­dern durch die Gegend, hören in einer selbst­ge­bau­ten Höh­le Musik­kas­set­ten und erzäh­len sich von ihrem neus­ten Crush. Sie tei­len alles mit­ein­an­der und schei­nen unzer­trenn­lich. Doch wäh­rend sie lang­sam zu Teen­agern her­an­wach­sen, muss Mia immer wie­der fest­stel­len, dass für sie ande­re Regeln gel­ten als für ihre bes­te Freundin.

Wir befin­den uns in Prin­ce Rupert, Bri­tish Colum­bia, Mit­te der 1980er Jah­re. Mia ist die Ich-Erzäh­le­rin in Kim Spen­cers auto­bio­gra­fi­schem Jugend­ro­man Weird Rules – So wie ich bin, der im eng­li­schen Ori­gi­nal Weird Rules to Fol­low, erschien 2022 bei Orca Book Publishers, viel­fach aus­ge­zeich­net wur­de. Wie die Autorin gehört Mia der indi­ge­nen Git­x­aa­la Nati­on an, eine der vier­zehn Gemein­schaf­ten der Ts‘msyen. Sie lebt mit ihrer Mut­ter und Groß­mutter in einem etwas her­un­ter­ge­kom­me­nen Haus, des­sen Tür immer offen­steht. Sie sind sel­ten allein. Oft sind Onkel, Tan­ten, Cou­sins und Cou­si­nen zu Besuch, manch­mal den gan­zen Som­mer über.

Denn im Som­mer ist Rot­lachs­sai­son. Vie­le von Mias Ver­wand­ten leben von der Fische­rei oder der Arbeit in der Kon­ser­ven­fa­brik. Und auch zuhau­se dreht sich vie­les um Fisch. „Lachs war schon immer Teil mei­nes Lebens − ob im Oze­an, auf dem Herd, im Kühl­schrank oder in mei­nem Bauch“, stellt Mia gleich zu Beginn klar. Wäh­rend die Män­ner auf den Boo­ten raus­fah­ren und ihre Mut­ter Über­stun­den in der Fisch­fa­brik schiebt, hilft Mia zuhau­se ihrer Groß­mutter beim Fisch­ein­le­gen. Davon erzählt sie gleich im ers­ten der kur­zen, epi­so­den­haf­ten Kapitel:

„Dies­mal darf ich das Salz abwie­gen und in die Glä­ser fül­len. Ein wich­ti­ger Schritt, denn die Men­ge muss stim­men. Zum Schluss wischt Grand­ma die Glä­ser am Rand ab, schraubt sie zu und zack, lan­den sie im Koch­topf. Die Lachs­köp­fe behält sie zum Backen – sie wür­de sie nie weg­schmei­ßen. „Mee­res­tie­re muss man ver­wer­ten“, sagt sie immer. Eine ihrer end­lo­sen Weis­hei­ten. Es gibt so vie­le Regeln rund um unse­re tra­di­tio­nel­len Nah­rungs­mit­tel, damit wir sie auch ja nicht ver­schwen­den oder falsch benutzen.“

„This time she lets me mea­su­re and pour the salt into the jars. This is an important job, as the amounts have to be exact. Then she wipes down the mouth of the jars, fas­tens the lids, and into the boi­ler they go.Grandma keeps the fish heads for bak­ing – she never throws them out. „Don’t was­te sea­food,“ she often says to me. I’m used to her say­ing things like that. The­re are so many rules around not misu­s­ing or was­ting our tra­di­tio­nal foods.“

Nach geta­ner Arbeit ver­put­zen Mia und ihre Groß­mutter geba­cke­ne Fisch­köp­fe. Und weil Fisch nicht nur rest­los ver­wer­tet wer­den muss, son­dern auch geteilt wird, bekom­men auch die Nach­barn etwas ab:

„Grand­ma bringt unse­ren Nach­barn, die kei­ne Nati­ves sind, oft Fisch vor­bei. Wahr­schein­lich ist das ihr Dan­ke­schön dafür, dass sie regel­mä­ßig unse­ren Rasen mähen. Sie fra­gen gar nicht, sie tun es ein­fach. Nach dem Abend­essen bit­tet sie mich, den Vater von neben­an an den Zaun zu rufen. Mei­ne Grand­ma spricht größ­ten­teils Sm’al­gya̱x, unse­re Spra­che. Als er an den Über­bleib­seln unse­res Zauns ankommt, unter­hal­ten sie sich daher nicht lang. Grand­ma schenkt dem Nach­barn ein Lächeln, er erwi­dert es nickend und nimmt den gro­ßen schim­mern­den Lachs ent­ge­gen. Wer Lachs teilt, braucht nicht vie­le Worte.“

„Grand­ma often shares fish with our non-Nati­ve neigh­bors as well. It’s pro­ba­b­ly her way of say­ing thank you to them for mowing our lawn. They don’t offer or ask to mow it – they just do it. After din­ner, she asks me to go see if our neigh­bor could meet her at the fence bet­ween our houses.My grand­ma most­ly speaks in our Sm’al­gya̱x lan­guage, so when the father of the fami­ly next door rea­ches what’s remai­ning of our fence, they don’t say much. Grand­ma smi­les with her eyes, he smi­les and nods in return, and rea­ches over the fence to accept the big sil­very sockeye from her. Words aren’t neces­sa­ry. The lan­guage of sha­ring sal­mon is simple.“

Auch Mia braucht nicht vie­le Wor­te, um die­se Sze­ne zu beschrei­ben, aus der mehr spricht, als die zehn­jäh­ri­ge Erzäh­le­rin zu die­sem Zeit­punkt zu benen­nen ver­mag. Man ahnt, dass hier etwas Wesent­li­ches unge­sagt bleibt, etwas, das der Erzäh­le­rin erst nach und nach bewusst wer­den wird: Mäht der Nach­bar den Rasen viel­leicht des­halb mit, weil er ihm der Zustand des Hau­ses und des Gar­tens neben­an ein Dorn im Auge ist? Ist Tei­len für ihn viel­leicht weni­ger selbst­ver­ständ­lich, sei­ne Ges­te weni­ger groß­zü­gig, und freut er sich über­haupt über den Lachs?

Nach und nach wird Mia klar, dass die Regeln in ihrem Zuhau­se, ihrer Gemein­schaft ande­re sind als etwa bei ihrer bes­ten Freun­din Lara, die aus einer wohl­ha­ben­de­ren, mexi­ka­nisch-unga­ri­schen Fami­lie. Sie wohnt im mit Abstand schöns­ten Haus in der Stra­ße, mit „zwei Autos in der Ein­fahrt […], zwei Wohn­zim­mern, zwei Kami­nen, zwei Bade­zim­mern und einem Wasch­kel­ler.“ Im Ver­gleich zu Laras Haus beschreibt Mia ihr Zuhau­se als „eine rich­ti­ge Bruch­bu­de aus Kriegs­zei­ten mit Blick auf eine Böschungsmauer.“ 

Meist tref­fen sich die bei­den Mäd­chen bei Lara zuhau­se. Als Mia Lara dann zum ers­ten Mal zu sich ein­lädt, möch­te sie für sie kochen, Fish and Chips. Stolz reicht sie ihrer Freun­din den Tel­ler mit gold­braun gebra­te­nen Kar­tof­fel­schei­ben und schraubt dazu ein Glas Lachs und eine Fla­sche Ket­chup auf. Als Laras Mut­ter von Mias Koch­ver­su­chen erfährt, holt sie die Mäd­chen sofort ab und geht mit ihnen „rich­ti­ge“ Fish and Chips essen. Mia ver­steht nicht, was an ihrer Ver­si­on falsch gewe­sen sein soll und war­um Laras Mut­ter sie das so deut­lich spü­ren lässt, und trotz­dem beginnt aus sol­chen Momen­ten eine Scham, ein Bewusst­sein dafür zu wach­sen, dass sie in den Augen der wei­ßen Mehr­heits­ge­sell­schaft „anders“ ist, dass sie als „anders“ abge­stem­pelt wird.

Wäh­rend Mia in kur­zen, tage­buch­ar­ti­gen Kapi­teln ganz kon­kre­te Erfah­run­gen wie die­se beschreibt, erle­ben wir mit, wie in ihre Freund­schaft mit Lara etwas ein­bricht, das zunächst kei­ne Rol­le gespielt hat­te. Etwas, das die bei­den von­ein­an­der trennt. In klei­nen Häpp­chen wer­den gro­ße The­men ver­han­delt: Iden­ti­tät, Zuge­hö­rig­keit, Aus­gren­zung, Ste­reo­ty­pen, Dis­kri­mi­nie­rung, Ras­sis­mus, Freund­schaft, Fami­lie, Gemeinschaft.

Dej­la Jas­sim geht sou­ve­rän mit der Stim­me der jun­gen Erzäh­le­rin um, die so wenig Wor­te braucht, um so viel zu sagen. Ihre Über­set­zung zeugt von einem guten Gespür für die Art, wie Mia sich erzäh­lend zu ihrem Umfeld in Bezug setzt und erzäh­lend zu ver­ste­hen beginnt, wofür sie noch kei­ne Spra­che hat. Sie ver­leiht ihr auch auf Deutsch einen leich­ten, direk­ten, gewitz­ten Ton, der ganz natür­lich dahin­fließt, wäh­rend sie gleich­zei­tig sen­si­bel mit der spe­zi­fi­schen kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Situ­iert­heit der Erzähl­stim­me und den dar­aus sich erge­ben­den Kom­ple­xi­tä­ten umgeht.

So zugäng­lich vie­le der all­täg­li­chen Erleb­nis­se des Git­x­aa­la-Mäd­chens an der Kana­di­schen West­küs­te der 1980er Jah­re für jun­ge deutsch­spra­chi­ge Leser*innen heu­te sind, so fremd ist den meis­ten von ihnen näm­lich wohl eben die­ser Kon­text. Für vie­le ist Weird rules – So wie ich bin viel­leicht die ers­te Begeg­nung mit indi­ge­nen Per­spek­ti­ven und der grau­sa­men Geschich­te der gewalt­sa­men kolo­nia­len Unter­drü­ckung der First Nati­ons in Nord­ame­ri­ka. In rah­men­den text­li­chen Bei­ga­ben wer­den die Leser*innen an den Kon­text her­an­ge­führt: Ein kur­zes Vor­wort ver­or­tet die Erzäh­lung; Fuß­no­ten wei­sen auf Selbst­be­zeich­nun­gen hin, die heu­te nicht mehr dem Selbst­ver­ständ­nis der meis­ten Ange­hö­ri­gen der First Nati­ons ent­spre­chen; ein klei­nes Glos­sar erläu­tert Begrif­fe wie „indi­gen“, „First Nati­ons“ oder „Reser­ve“ noch ein­mal grundlegend.

Letzt­lich ist es aber Mia selbst, die die deutsch­spra­chi­gen Leser*innen an ihre Lebens­rea­li­tät her­an­führt. Sie lernt zu ver­ste­hen, was sie erlebt, und die Leser*innen ler­nen mit ihr mit. Wenn am Ende der Lek­tü­re dann viel­leicht eini­ge Fra­gen zum Leben indi­ge­ner Gemein­schaf­ten in Kana­da zurück­blei­ben – umso bes­ser! Es wer­den hof­fent­lich wei­te­re span­nen­de und muti­ge Jugend­bü­cher fol­gen und Ant­wor­ten geben können.


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