Wie kam es zu deiner ersten Kochbuchübersetzung?
Das musste ich gerade nochmal nachschauen, weil ich mich gar nicht so genau daran erinnern kann. Eine Kollegin, die ich aus einem Seminar kannte, hat mich einem Bekannten empfohlen, der meinen Namen wiederum an den Umschau Verlag (leider heute nicht mehr tätig) weitergegeben hat. Ich hatte keine Ahnung von Kochbüchern, hatte bis dahin ein Jugendbuch und einen DIY-Titel zum Thema Basteln mit Beton übersetzt. Aber ich bekam das Projekt und durfte ein wirklich tolles, weil bildgewaltiges und sehr schön gestaltetes Buch übersetzen.
Muss man gut kochen können, um Kochbücher zu übersetzen?
Eine Frage, die mir in meinen Webinaren zum Kochbücherübersetzen auch immer wieder gestellt wird. Man muss kochen können. Denn man braucht zumindest ein Grundverständnis dafür, was man wie zubereitet und wie sich Gerichte verändern, wenn man Zutaten weglässt oder durch andere ersetzt. Man muss sich mit der Textur und Beschaffenheit von Zutaten auskennen. Und natürlich sollte man – wie bei vielen Sachbuchübersetzungen – die richtige Terminologie im Deutschen kennen.
Wie oft kochst du Rezepte, die du übersetzt hast, selbst nach?
Häufig. Inzwischen habe ich so viele Kochbücher übersetzt (37, wenn im Frühjahr die letzten beiden erschienen sind), dass ich eine wirklich vielfältige Auswahl habe. Da ist für alle Gelüste etwas dabei, egal ob vegetarisch, vegan, mit Fisch oder Fleisch, süß oder salzig, fest oder flüssig.
Allerdings probiere ich Rezepte fast immer erst aus, wenn ich das deutsche Belegexemplar habe. Beim Übersetzen läuft mir oft das Wasser im Mund zusammen. Aber ich koche lieber aus dem gedruckten Buch als aus einer PDF-Datei. Zuletzt habe ich einige Porridge-Rezepte nachgekocht, aus einem Porridge-Kochbuch, das gerade erschienen ist.
Was sind besondere Schwierigkeiten – für deine Arbeitssprachen oder allgemein? Gibt es küchenspezifische Begriffe in deinen Arbeitssprachen, für die es in anderen Sprachen keine klare Entsprechung gibt? Welche kulturspezifischen Aspekte sind zu beachten?
Schwierigkeiten bei Kochbüchern entstehen eigentlich immer – und da bilden meine Arbeitssprachen keine Ausnahmen – durch kulturspezifische Aspekte, insbesondere unbekannte und häufig auch unerhältliche Zutaten, fremde Zubereitungsarten und ungewöhnliche Mengenangaben. Bei den skandinavischen Sprachen vor allem letztere. Da werden auch feste Zutaten in Volumenmaßen angegeben, nämlich in Dezilitern. Das betrifft dann zum Beispiel Mehl, Zucker, Kräuter oder Früchte. Die lassen sich nicht einfach in Gramm umrechnen, weil sie ja unterschiedliche Dichten haben. 1 dl Mehl sind 60 g, 1 dl Zucker dagegen 90 g. Wer schon mal mit Kochbüchern aus dem amerikanischen Raum gearbeitet hat, kennt das, denn dort werden häufig „Cups“ als Maßeinheit verwendet.
Ich bin nicht die erste mit diesem Problem, daher lassen sich inzwischen viele Zutaten im Internet nachschlagen; aber hin und wieder muss ich mal etwas selbst abmessen und abwiegen – oder mein Netzwerk bemühen, wenn ich eine Zutat nicht zu Hause habe. Über die Jahre habe ich eine sehr umfangreiche Liste mit diesen Mengenangaben angelegt, in der ich das meiste nachschlagen kann.
Auch im skandinavischen Raum wird mit Zutaten gekocht, die bei uns nicht erhältlich sind. Für solche Fälle hilft es, wenn man regelmäßig im Land ist und die Zutaten sowie ihre Besonderheiten (in Bezug auf Geschmack, Konsistenz und Verhalten beim Backen/Kochen) kennt. Denn wenn etwas in Deutschland auch online nicht zu beschaffen ist, muss ich als Übersetzerin versuchen, einen adäquaten Ersatz zu finden und das Rezept entsprechend zu ändern. Manchmal geht das nur in Zusammenarbeit mit den Autor:innen.
Ich habe vor Jahren mal eine vierteilige Reihe zum Thema glutenfreies Backen übersetzt. Da wurden Zutaten verwendet, die in Schweden schon ganz problemlos im Supermarkt zu beziehen waren, in Deutschland aber kaum online zu finden sind. Bei einem Backrezept eine Zutat auszutauschen, birgt aber immer das Risiko, dass das Rezept danach nicht mehr richtig funktioniert. Deshalb haben der Verlag und ich damals beschlossen, auf Nummer sicher zu gehen und die Autorinnen das Rezept ändern zu lassen.
Hier komme ich auch nochmal auf die Frage nach den Kochfähigkeiten zurück. Denn ganz entscheidend beim Kochbücherübersetzen ist es, dass man beurteilen kann, wie wichtig eine Zutat oder die exakte Menge einer Zutat ist. Bei Backrezepten wie oben beschrieben spielt es eine große Rolle, wie viel Mehl oder Backtriebmittel verwendet wird, damit das Rezept gelingt. Aber wenn ich ein Salatrezept habe, bei dem auch die Kräuter in Dezilitern angegeben sind, kann ich das getrost mit „Handvoll“ übersetzen, weil das Gelingen nicht davon abhängt, ob es 5 oder 7 g sind.
Meist werden Kochbücher ja eher aus „großen“ Sprachen übersetzt, d.h. es werden Bücher übersetzt, die sich bereits „vermittelnd“ an ein bestimmtes Publikum richten. Wie viele Kulturspezifika gilt es bei dennoch Kochbuchübersetzungen zu vermitteln?
Es kommt darauf an, worauf der Fokus des Kochbuches liegt. Bei vielen der Bücher, die ich übersetzt habe, steht ein Konzept im Vordergrund, zum Beispiel vegetarische und vegane Küche, eine bestimmte Zutatengruppen wie Hülsenfrüchte, Rezepte für Gäste etc. Dass die Bücher aus Schweden, Norwegen oder Dänemark kommen, ist zweitrangig und dient allenfalls dazu, die Rezepte einzurahmen. Entsprechend agiert man auch beim Übersetzen: Die Rezepte müssen funktionieren und gut nachzukochen sein.
Anders ist es bei Kochbüchern, bei denen eine ausländische Esskultur im Fokus steht. Da kann ich nicht einfach alle Zutaten eindeutschen, weil es bequemer ist. Wobei es auch dabei nicht von Zutaten wimmeln sollte, die nicht erhältlich sind, denn sonst ist es für die deutsche Leserschaft vielleicht schön anzusehen, aber ansonsten unbrauchbar. Vor einigen Jahren habe ich mal ein Pilzkochbuch aus dem Schwedischen übersetzt. Natürlich kamen dort auch Pilze vor, die wir hier nicht unbedingt problemlos im Wald finden. Aber ich kann ja nicht alle fremden Pilze durch Champignons ersetzen, wenn der Fokus des Buches auf den unterschiedlichen Pilzen und ihren Aromen liegt.
Beim Deutschen Kochbuchpreis 2025 wurden zwei Bücher ausgezeichnet, die du übersetzt hast, Almanak von Claus Meyer und Grünes Smørrebrød von Kirsten Skaarup. Herzlichen Glückwunsch dazu! Warst du zur Preisverleihung eingeladen?
Vielen Dank! Eine tolle Auszeichnung für mich, wenn auch nur indirekt. Zur Preisverleihung eingeladen war ich nicht. Tatsächlich spielten die Übersetzer:innen bei diesem Preis quasi keine Rolle (die meisten Titel waren aber auch deutsche Originalausgaben). Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ein Jurymitglied in der ausführlichen Beurteilung zu Almanak auch auf die Übersetzung einging und sie sogar als „kongenial“ lobte. Bei einem Buch, das 700 Seiten hat und mit dem ich zwei Jahre beschäftigt war, eine gerne genommene Anerkennung, wo doch Kochbuchübersetzer:innen nach meinem Gefühl noch weniger Sichtbarkeit haben als Übersetzer:innen insgesamt.
Tatsächlich werden die Übersetzer*innen bei den meisten Verlagen nur im Impressum genannt. Das suggeriert, Kochbücher seien reiner Gebrauchstext, ohne besondere Schöpfungshöhe. Das scheint dir also nicht angemessen?
Nein, ganz sicher nicht. Kochbücher bestehen aus viel mehr als nur Rezepten. Es gibt zahlreiche Begleittexte, die auch alle einen ganz unterschiedlichen Ton haben. In jenem allerersten Kochbuch, das ich übersetzen durfte (Komm du mir nach Hause von Lotta Lundgren, einer in Schweden bekannten Fernsehköchin, leider nicht mehr lieferbar) waren die Rezepte schon beinahe sekundär, weil der Fokus mehr auf den humoristischen Geschichten und Anekdoten lag, die die Rezepte begleiteten. Und das zweite ihrer Bücher, das ebenfalls in Deutschland erschienen ist, enthielt nicht einmal Bilder und bestand fast nur aus Fließtext, war aber trotzdem ein Kochbuch.
Von der Forderung „Übersetzer:innen aufs Cover“ sind wir im Kochbuch sicher noch meilenweit entfernt; doch bei dem einen oder anderen Verlag konnte ich zumindest erreichen, dass ich auf der Titelseite genannt werde. Aber es ist mühsam.
Wie steht es um den Einsatz sogenannter KI, d.h. Large Language Models im Bereich Kochbuchübersetzung?
Gemischt. Abgesehen davon, dass einige Verlage die Nutzung ausschließen und ich deshalb keine KI-Tools verwenden darf, ist sie mir bisher auch nicht besonders hilfreich. Eher bewährt hat sich die Arbeit mit sogenannten CAT-Tools (CAT = Computer Assisted Translation). Das sind im Prinzip Datenbanken, die deine Übersetzungen speichern und dir wieder anbieten, wenn ein ähnlicher Ausgangstext daherkommt. Das hilft enorm bei der Konsistenz, und vor allem bei der Übersetzung von Zutatenlisten, weil Zahlen direkt übernommen werden und sich so kaum Fehler einschleichen können. In meinen ersten Büchern gab es schon mal Zahlendreher, oder es wurden 50 statt 500 g Mehl abgedruckt. Mit KI haben solche Tools aber nichts zu tun.
Bei einem meiner nächsten Projekte möchte ich gerne ausprobieren, wie ich KI für die Qualitätssicherung einsetzen kann, zum Beispiel um zu prüfen, ob alle in der Zutatenliste aufgeführten Zutaten auch wirklich verarbeitet werden. Das kommt aber erst infrage, wenn ich ein LLM lokal auf meinem Rechner installiert habe und damit sicherstellen kann, dass ich keine Texte an den LLM-Anbieter weitergebe.
Wie steht es um die Bezahlung von Kochbuchübersetzungen?
Schlecht, wie bei fast allen literarischen Übersetzungen. Beteiligungen sind in der Regel ausgeschlossen, außer bei Verlagen, die nicht reine Kochbuchverlage sind und daher grundsätzlich Beteiligungen im Vertrag stehen haben.
Ich arbeite häufig mit Pauschalen, die sich für mich vor allem rechnen, weil ich über die Jahre viel Routine gewonnen habe und einfach schnell bin. Außerdem biete ich an, direkt im Layout-Programm InDesign zu arbeiten, und dafür berechne ich einen Aufschlag, der meist anstandslos bezahlt wird, weil der Verlag ja einen zeitraubenden Arbeitsschritt spart.
Möchtest du zum Schluss noch eine Kochbuchempfehlung loswerden?
Zwei, wenn ich darf. Das eine ist eigentlich ein Gartenbuch: Verrückt nach Tomaten von Johnna Gilljam, erschienen im Kosmos Verlag. Das übrigens – wie ich gerade erst sehe – ebenfalls mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Im Fokus stehen eigentlich das Anbauen und Lagern von Tomaten; entsprechend kleiner ist der Rezeptteil. Aber dieses Buch hat besonders viel Spaß gemacht, weil die Autorin ganz offensichtlich ganz verrückt nach Tomaten ist.
Das zweite ist noch nicht erschienen, aber schon vorbestellbar: So schmeckt mein Sommer, von Astrid Lindgren und Fredrik Eriksson. Eine wunderbare Mischung aus typisch schwedischen Sommerrezepten, Texten über und von Astrid Lindgren und natürlich passenden Auszügen aus ihren schönsten Kinderbüchern. Und für mich als Schwedisch-Übersetzerin ein Highlight, Astrid Lindgren übersetzen zu dürfen. (So schmeckt mein Weihnachten gibt es übrigens auch.)

Ricarda Essrich studierte Skandinavistik, Linguistik und Phonetik in Köln. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein einjähriges Verlagsvolontariat, wechselte anschließend aber die Branche und arbeitete eine Weile im Kabaretttheater. 2008 besann sie sich auf ihre Leidenschaft für die schwedische Sprache und machte sich als Übersetzerin und Lektorin selbstständig. Seitdem übersetzt sie Literatur aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen, mit einem Schwerpunkt auf Kochbüchern sowie Krimis und Thrillern. (Foto: © Martina Wärenfeldt)
