„Beim Über­set­zen läuft mir oft das Was­ser im Mund zusammen.“

Fast vierzig Kochbücher hat Ricarda Essrich schon übersetzt. Im Interview verrät sie, wie gut man dafür selbst kochen können sollte und wie es um die Sichtbarkeit von Kochbuchübersetzer*innen steht. Interview:

Teller und Tassen warten auf ihren Einsatz in einem Küchenschrank.
Kochbuchübersetzer:innen werden meist nur im Impressum genannt. Das sollte sich ändern! Foto: Annie Spratt via Unsplash.

Wie kam es zu dei­ner ers­ten Kochbuchübersetzung?

Das muss­te ich gera­de noch­mal nach­schau­en, weil ich mich gar nicht so genau dar­an erin­nern kann. Eine Kol­le­gin, die ich aus einem Semi­nar kann­te, hat mich einem Bekann­ten emp­foh­len, der mei­nen Namen wie­der­um an den Umschau Ver­lag (lei­der heu­te nicht mehr tätig) wei­ter­ge­ge­ben hat. Ich hat­te kei­ne Ahnung von Koch­bü­chern, hat­te bis dahin ein Jugend­buch und einen DIY-Titel zum The­ma Bas­teln mit Beton über­setzt. Aber ich bekam das Pro­jekt und durf­te ein wirk­lich tol­les, weil bild­ge­wal­ti­ges und sehr schön gestal­te­tes Buch übersetzen.

Muss man gut kochen kön­nen, um Koch­bü­cher zu übersetzen?

Eine Fra­ge, die mir in mei­nen Web­i­na­ren zum Koch­bü­cher­über­set­zen auch immer wie­der gestellt wird. Man muss kochen kön­nen. Denn man braucht zumin­dest ein Grund­ver­ständ­nis dafür, was man wie zube­rei­tet und wie sich Gerich­te ver­än­dern, wenn man Zuta­ten weg­lässt oder durch ande­re ersetzt. Man muss sich mit der Tex­tur und Beschaf­fen­heit von Zuta­ten aus­ken­nen. Und natür­lich soll­te man – wie bei vie­len Sach­buch­über­set­zun­gen – die rich­ti­ge Ter­mi­no­lo­gie im Deut­schen kennen.

Wie oft kochst du Rezep­te, die du über­setzt hast, selbst nach?

Häu­fig. Inzwi­schen habe ich so vie­le Koch­bü­cher über­setzt (37, wenn im Früh­jahr die letz­ten bei­den erschie­nen sind), dass ich eine wirk­lich viel­fäl­ti­ge Aus­wahl habe. Da ist für alle Gelüs­te etwas dabei, egal ob vege­ta­risch, vegan, mit Fisch oder Fleisch, süß oder sal­zig, fest oder flüssig.

Aller­dings pro­bie­re ich Rezep­te fast immer erst aus, wenn ich das deut­sche Beleg­ex­em­plar habe. Beim Über­set­zen läuft mir oft das Was­ser im Mund zusam­men. Aber ich koche lie­ber aus dem gedruck­ten Buch als aus einer PDF-Datei. Zuletzt habe ich eini­ge Por­ridge-Rezep­te nach­ge­kocht, aus einem Porridge-Koch­buch, das gera­de erschie­nen ist.

Was sind beson­de­re Schwie­rig­kei­ten – für dei­ne Arbeits­spra­chen oder all­ge­mein? Gibt es küchen­spe­zi­fi­sche Begrif­fe in dei­nen Arbeits­spra­chen, für die es in ande­ren Spra­chen kei­ne kla­re Ent­spre­chung gibt? Wel­che kul­tur­spe­zi­fi­schen Aspek­te sind zu beachten?

Schwie­rig­kei­ten bei Koch­bü­chern ent­ste­hen eigent­lich immer – und da bil­den mei­ne Arbeits­spra­chen kei­ne Aus­nah­men – durch kul­tur­spe­zi­fi­sche Aspek­te, ins­be­son­de­re unbe­kann­te und häu­fig auch uner­hält­li­che Zuta­ten, frem­de Zube­rei­tungs­ar­ten und unge­wöhn­li­che Men­gen­an­ga­ben. Bei den skan­di­na­vi­schen Spra­chen vor allem letz­te­re. Da wer­den auch fes­te Zuta­ten in Volu­men­ma­ßen ange­ge­ben, näm­lich in Dezi­li­tern. Das betrifft dann zum Bei­spiel Mehl, Zucker, Kräu­ter oder Früch­te. Die las­sen sich nicht ein­fach in Gramm umrech­nen, weil sie ja unter­schied­li­che Dich­ten haben. 1 dl Mehl sind 60 g, 1 dl Zucker dage­gen 90 g. Wer schon mal mit Koch­bü­chern aus dem ame­ri­ka­ni­schen Raum gear­bei­tet hat, kennt das, denn dort wer­den häu­fig „Cups“ als Maß­ein­heit verwendet.

Ich bin nicht die ers­te mit die­sem Pro­blem, daher las­sen sich inzwi­schen vie­le Zuta­ten im Inter­net nach­schla­gen; aber hin und wie­der muss ich mal etwas selbst abmes­sen und abwie­gen – oder mein Netz­werk bemü­hen, wenn ich eine Zutat nicht zu Hau­se habe. Über die Jah­re habe ich eine sehr umfang­rei­che Lis­te mit die­sen Men­gen­an­ga­ben ange­legt, in der ich das meis­te nach­schla­gen kann.

Auch im skan­di­na­vi­schen Raum wird mit Zuta­ten gekocht, die bei uns nicht erhält­lich sind. Für sol­che Fäl­le hilft es, wenn man regel­mä­ßig im Land ist und die Zuta­ten sowie ihre Beson­der­hei­ten (in Bezug auf Geschmack, Kon­sis­tenz und Ver­hal­ten beim Backen/Kochen) kennt. Denn wenn etwas in Deutsch­land auch online nicht zu beschaf­fen ist, muss ich als Über­set­ze­rin ver­su­chen, einen adäqua­ten Ersatz zu fin­den und das Rezept ent­spre­chend zu ändern. Manch­mal geht das nur in Zusam­men­ar­beit mit den Autor:innen.

Ich habe vor Jah­ren mal eine vier­tei­li­ge Rei­he zum The­ma glu­ten­frei­es Backen über­setzt. Da wur­den Zuta­ten ver­wen­det, die in Schwe­den schon ganz pro­blem­los im Super­markt zu bezie­hen waren, in Deutsch­land aber kaum online zu fin­den sind. Bei einem Back­re­zept eine Zutat aus­zu­tau­schen, birgt aber immer das Risi­ko, dass das Rezept danach nicht mehr rich­tig funk­tio­niert. Des­halb haben der Ver­lag und ich damals beschlos­sen, auf Num­mer sicher zu gehen und die Autorin­nen das Rezept ändern zu lassen.

Hier kom­me ich auch noch­mal auf die Fra­ge nach den Koch­fä­hig­kei­ten zurück. Denn ganz ent­schei­dend beim Koch­bü­cher­über­set­zen ist es, dass man beur­tei­len kann, wie wich­tig eine Zutat oder die exak­te Men­ge einer Zutat ist. Bei Back­re­zep­ten wie oben beschrie­ben spielt es eine gro­ße Rol­le, wie viel Mehl oder Back­trieb­mit­tel ver­wen­det wird, damit das Rezept gelingt. Aber wenn ich ein Salat­re­zept habe, bei dem auch die Kräu­ter in Dezi­li­tern ange­ge­ben sind, kann ich das getrost mit „Hand­voll“ über­set­zen, weil das Gelin­gen nicht davon abhängt, ob es 5 oder 7 g sind.

Meist wer­den Koch­bü­cher ja eher aus „gro­ßen“ Spra­chen über­setzt, d.h. es wer­den Bücher über­setzt, die sich bereits „ver­mit­telnd“ an ein bestimm­tes Publi­kum rich­ten. Wie vie­le Kul­tur­spe­zi­fi­ka gilt es bei den­noch Koch­buch­über­set­zun­gen zu vermitteln?

Es kommt dar­auf an, wor­auf der Fokus des Koch­bu­ches liegt. Bei vie­len der Bücher, die ich über­setzt habe, steht ein Kon­zept im Vor­der­grund, zum Bei­spiel vege­ta­ri­sche und vega­ne Küche, eine bestimm­te Zuta­ten­grup­pen wie Hül­sen­früch­te, Rezep­te für Gäs­te etc. Dass die Bücher aus Schwe­den, Nor­we­gen oder Däne­mark kom­men, ist zweit­ran­gig und dient allen­falls dazu, die Rezep­te ein­zu­rah­men. Ent­spre­chend agiert man auch beim Über­set­zen: Die Rezep­te müs­sen funk­tio­nie­ren und gut nach­zu­ko­chen sein.

Anders ist es bei Koch­bü­chern, bei denen eine aus­län­di­sche Ess­kul­tur im Fokus steht. Da kann ich nicht ein­fach alle Zuta­ten ein­deut­schen, weil es beque­mer ist. Wobei es auch dabei nicht von Zuta­ten wim­meln soll­te, die nicht erhält­lich sind, denn sonst ist es für die deut­sche Leser­schaft viel­leicht schön anzu­se­hen, aber ansons­ten unbrauch­bar. Vor eini­gen Jah­ren habe ich mal ein Pilz­koch­buch aus dem Schwe­di­schen über­setzt. Natür­lich kamen dort auch Pil­ze vor, die wir hier nicht unbe­dingt pro­blem­los im Wald fin­den. Aber ich kann ja nicht alle frem­den Pil­ze durch Cham­pi­gnons erset­zen, wenn der Fokus des Buches auf den unter­schied­li­chen Pil­zen und ihren Aro­men liegt.

Beim Deut­schen Koch­buch­preis 2025 wur­den zwei Bücher aus­ge­zeich­net, die du über­setzt hast, Alma­nak von Claus Mey­er und Grü­nes Smør­re­brød von Kirs­ten Ska­a­rup. Herz­li­chen Glück­wunsch dazu! Warst du zur Preis­ver­lei­hung eingeladen?

Vie­len Dank! Eine tol­le Aus­zeich­nung für mich, wenn auch nur indi­rekt. Zur Preis­ver­lei­hung ein­ge­la­den war ich nicht. Tat­säch­lich spiel­ten die Übersetzer:innen bei die­sem Preis qua­si kei­ne Rol­le (die meis­ten Titel waren aber auch deut­sche Ori­gi­nal­aus­ga­ben). Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ein Jury­mit­glied in der aus­führ­li­chen Beur­tei­lung zu Alma­nak auch auf die Über­set­zung ein­ging und sie sogar als „kon­ge­ni­al“ lob­te. Bei einem Buch, das 700 Sei­ten hat und mit dem ich zwei Jah­re beschäf­tigt war, eine ger­ne genom­me­ne Aner­ken­nung, wo doch Kochbuchübersetzer:innen nach mei­nem Gefühl noch weni­ger Sicht­bar­keit haben als Übersetzer:innen insgesamt.

Tat­säch­lich wer­den die Übersetzer*innen bei den meis­ten Ver­la­gen nur im Impres­sum genannt. Das sug­ge­riert, Koch­bü­cher sei­en rei­ner Gebrauchs­text, ohne beson­de­re Schöp­fungs­hö­he. Das scheint dir also nicht angemessen?

Nein, ganz sicher nicht. Koch­bü­cher bestehen aus viel mehr als nur Rezep­ten. Es gibt zahl­rei­che Begleit­tex­te, die auch alle einen ganz unter­schied­li­chen Ton haben. In jenem aller­ers­ten Koch­buch, das ich über­set­zen durf­te (Komm du mir nach Hau­se von Lot­ta Lund­gren, einer in Schwe­den bekann­ten Fern­seh­kö­chin, lei­der nicht mehr lie­fer­bar) waren die Rezep­te schon bei­na­he sekun­där, weil der Fokus mehr auf den humo­ris­ti­schen Geschich­ten und Anek­do­ten lag, die die Rezep­te beglei­te­ten. Und das zwei­te ihrer Bücher, das eben­falls in Deutsch­land erschie­nen ist, ent­hielt nicht ein­mal Bil­der und bestand fast nur aus Fließ­text, war aber trotz­dem ein Kochbuch.

Von der For­de­rung „Übersetzer:innen aufs Cover“ sind wir im Koch­buch sicher noch mei­len­weit ent­fernt; doch bei dem einen oder ande­ren Ver­lag konn­te ich zumin­dest errei­chen, dass ich auf der Titel­sei­te genannt wer­de. Aber es ist mühsam.

Wie steht es um den Ein­satz soge­nann­ter KI, d.h. Lar­ge Lan­guage Models im Bereich Koch­buchüber­set­zung?

Gemischt. Abge­se­hen davon, dass eini­ge Ver­la­ge die Nut­zung aus­schlie­ßen und ich des­halb kei­ne KI-Tools ver­wen­den darf, ist sie mir bis­her auch nicht beson­ders hilf­reich. Eher bewährt hat sich die Arbeit mit soge­nann­ten CAT-Tools (CAT = Com­pu­ter Assis­ted Trans­la­ti­on). Das sind im Prin­zip Daten­ban­ken, die dei­ne Über­set­zun­gen spei­chern und dir wie­der anbie­ten, wenn ein ähn­li­cher Aus­gangs­text daher­kommt. Das hilft enorm bei der Kon­sis­tenz, und vor allem bei der Über­set­zung von Zuta­ten­lis­ten, weil Zah­len direkt über­nom­men wer­den und sich so kaum Feh­ler ein­schlei­chen kön­nen. In mei­nen ers­ten Büchern gab es schon mal Zah­len­dre­her, oder es wur­den 50 statt 500 g Mehl abge­druckt. Mit KI haben sol­che Tools aber nichts zu tun.

Bei einem mei­ner nächs­ten Pro­jek­te möch­te ich ger­ne aus­pro­bie­ren, wie ich KI für die Qua­li­täts­si­che­rung ein­set­zen kann, zum Bei­spiel um zu prü­fen, ob alle in der Zuta­ten­lis­te auf­ge­führ­ten Zuta­ten auch wirk­lich ver­ar­bei­tet wer­den. Das kommt aber erst infra­ge, wenn ich ein LLM lokal auf mei­nem Rech­ner instal­liert habe und damit sicher­stel­len kann, dass ich kei­ne Tex­te an den LLM-Anbie­ter weitergebe.

Wie steht es um die Bezah­lung von Kochbuchübersetzungen?

Schlecht, wie bei fast allen lite­ra­ri­schen Über­set­zun­gen. Betei­li­gun­gen sind in der Regel aus­ge­schlos­sen, außer bei Ver­la­gen, die nicht rei­ne Koch­buch­ver­la­ge sind und daher grund­sätz­lich Betei­li­gun­gen im Ver­trag ste­hen haben.

Ich arbei­te häu­fig mit Pau­scha­len, die sich für mich vor allem rech­nen, weil ich über die Jah­re viel Rou­ti­ne gewon­nen habe und ein­fach schnell bin. Außer­dem bie­te ich an, direkt im Lay­out-Pro­gramm InDe­sign zu arbei­ten, und dafür berech­ne ich einen Auf­schlag, der meist anstands­los bezahlt wird, weil der Ver­lag ja einen zeit­rau­ben­den Arbeits­schritt spart.

Möch­test du zum Schluss noch eine Koch­buch­emp­feh­lung loswerden?

Zwei, wenn ich darf. Das eine ist eigent­lich ein Gar­ten­buch: Ver­rückt nach Toma­ten von John­na Gill­jam, erschie­nen im Kos­mos Ver­lag. Das übri­gens – wie ich gera­de erst sehe – eben­falls mit einem Preis aus­ge­zeich­net wur­de. Im Fokus ste­hen eigent­lich das Anbau­en und Lagern von Toma­ten; ent­spre­chend klei­ner ist der Rezept­teil. Aber die­ses Buch hat beson­ders viel Spaß gemacht, weil die Autorin ganz offen­sicht­lich ganz ver­rückt nach Toma­ten ist.

Das zwei­te ist noch nicht erschie­nen, aber schon vor­be­stell­bar: So schmeckt mein Som­mer, von Astrid Lind­gren und Fre­d­rik Eriks­son. Eine wun­der­ba­re Mischung aus typisch schwe­di­schen Som­mer­re­zep­ten, Tex­ten über und von Astrid Lind­gren und natür­lich pas­sen­den Aus­zü­gen aus ihren schöns­ten Kin­der­bü­chern. Und für mich als Schwe­disch-Über­set­ze­rin ein High­light, Astrid Lind­gren über­set­zen zu dür­fen. (So schmeckt mein Weih­nach­ten gibt es übri­gens auch.)


Ricarda Essrich

Ricar­da Ess­rich stu­dier­te Skan­di­na­vis­tik, Lin­gu­is­tik und Pho­ne­tik in Köln. Nach ihrem Stu­di­um absol­vier­te sie ein ein­jäh­ri­ges Ver­lags­vo­lon­ta­ri­at, wech­sel­te anschlie­ßend aber die Bran­che und arbei­te­te eine Wei­le im Kaba­rett­thea­ter. 2008 besann sie sich auf ihre Lei­den­schaft für die schwe­di­sche Spra­che und mach­te sich als Über­set­ze­rin und Lek­to­rin selbst­stän­dig. Seit­dem über­setzt sie Lite­ra­tur aus dem Schwe­di­schen, Nor­we­gi­schen und Däni­schen, mit einem Schwer­punkt auf Koch­bü­chern sowie Kri­mis und Thril­lern. (Foto: © Mar­ti­na Wärenfeldt)

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