Gro­ße klei­ne Spra­che Slowakisch

Passend zum Fokusthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ stellen wir literarische Stimmen aus der Slowakei vor, die auf ihre Entdeckung warten. Von

Martin Benka: On the plane, Originaltitel: Na Rovine (c.1926), Quelle: WikiArt

Es gibt etwa 7000 Spra­chen auf der Welt, doch nur ein win­zi­ger Bruch­teil davon wird ins Deut­sche über­setzt. Wir inter­view­en Men­schen, die Meis­ter­wer­ke aus unter­re­prä­sen­tier­ten und unge­wöhn­li­chen Spra­chen über­set­zen und uns so Zugang zu wenig erkun­de­ten Wel­ten ver­schaf­fen. Alle Bei­trä­ge der Rubrik fin­det ihr hier.

Wie haben Sie Slo­wa­kisch gelernt?

Ich habe Slo­wa­kisch in der Slo­wa­kei gelernt, wo ich 2004/05 nach dem Abitur einen Frei­wil­li­gen­dienst gemacht habe. Als kurz­fris­ti­ger Ersatz, weil jemand abge­sagt hat­te, bin ich Hals über Kopf in ein Pro­jekt in der Ost­slo­wa­kei ein­ge­stie­gen. Als Vor­be­rei­tung hat­te ich mir gera­de noch ein Sprach­buch von Lan­gen­scheidt besorgt, ein umfang­rei­che­res deutsch-slo­wa­ki­sches Wör­ter­buch war nicht auf­zu­trei­ben. Das habe ich dann erst vor Ort gekauft, in mäßi­ger Qua­li­tät. In einem Tau­send­see­len­dorf kurz vor der ukrai­ni­schen Gren­ze bei mei­ner Gast­fa­mi­lie ange­kom­men, muss­te ich mich mit Hän­den und Füßen ver­stän­di­gen, bevor ich nach und nach den von der Stan­dard­spra­che recht stark abwei­chen­den ost­slo­wa­ki­schen Dia­lekt gelernt habe. Erst ein paar Wochen spä­ter konn­te ich einen Sprach­kurs besu­chen, der extra für mich und zwei Frei­wil­li­ge aus Frank­reich und Bel­gi­en in der nächst­grö­ße­ren Stadt ins Leben geru­fen wur­de. Das Jahr hat mir so gut gefal­len, dass ich nach mei­ner Rück­kehr in Leip­zig West­sla­wis­tik stu­diert und in die­sem Rah­men neben Slo­wa­kisch auch Tsche­chisch und Pol­nisch gelernt habe. Seit­dem beglei­tet mich die Spra­che pri­vat wie per­sön­lich und ist zu mei­ner Lei­den­schaft geworden.

Wie sieht die slo­wa­ki­sche Lite­ra­tur­sze­ne aus?

Die slo­wa­ki­sche Lite­ra­tur ist aus deut­scher Sicht viel­leicht ein wenig hin­ter der Tsche­chi­schen ver­steckt. Häu­fig begeg­net mir noch die Asso­zia­ti­on mit der Tsche­cho­slo­wa­kei, obwohl bei­de Län­der sich von die­ser gemein­sa­men Ver­gan­gen­heit längst eman­zi­piert haben. Ich wür­de aber nicht sagen, dass Tsche­chisch und Slo­wa­kisch als Lite­ra­tur­spra­chen in Kon­kur­renz zuein­an­der ste­hen, eher gibt es viel­fäl­ti­ge Wech­sel­wir­kun­gen, denn dank der sprach­li­chen Nähe und gemein­sa­men Geschich­te kön­nen sich Autor:innen und ande­re Akteur:innen der Lite­ra­tur­bran­che sehr gut aus­tau­schen und ver­net­zen. Es gibt zum Bei­spiel gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten, wie den Lyrik-Wett­be­werb Bás­ne SK/CZ oder den Monat der Autoren­le­sun­gen (Mesiac autor­ské­ho číta­nia).

Immer wie­der kommt die Fra­ge, ob Slo­wa­ken und Tsche­chen sich pro­blem­los ver­ste­hen und wie ähn­lich sich die Spra­chen sind. Tsche­chisch und Slo­wa­kisch sind west­sla­wi­sche Spra­chen und ste­hen sich sehr nah. Mit ein wenig Übung und Sprach­kon­takt kann man die jeweils ande­re pas­siv ganz gut ver­ste­hen. Frü­her, im gemein­sa­men Staat (bis 1993), war es ganz nor­mal, bei­de Spra­chen par­al­lel im Fern­se­hen oder Radio zu hören. Inzwi­schen wer­den Seri­en oder Fil­me syn­chro­ni­siert oder unter­ti­telt, auch Bücher wer­den in die jeweils ande­re Spra­che über­tra­gen. Ten­den­zi­ell ver­ste­hen die Slo­wa­ken bes­ser Tsche­chisch als die Tsche­chen Slo­wa­kisch. Das liegt dar­an, dass vie­le Slo­wa­ken etwa in Tsche­chi­en stu­die­ren oder arbeiten.

Das Slo­wa­ki­sche wur­de erst spät kodi­fi­ziert, es gibt also alte „slo­wa­ki­sche Lite­ra­tur“ auf Alt­kir­chen­sla­wisch, Latein oder Tsche­chisch, manch­mal sogar auf Deutsch. Die Ver­su­che, eine slo­wa­ki­sche Schrift­spra­che zu ent­wi­ckeln, waren sehr unter­schied­lich, aber im Zuge des natio­na­len Erwa­chens von enor­mer Bedeu­tung für die Slo­wa­ken. Das heu­ti­ge Stan­dard-Slo­wa­kisch basiert auf dem Mit­tel­slo­wa­ki­schen und wur­de um 1846 von Ľudo­vít Štúr kodi­fi­ziert (über des­sen Leben gera­de ein Kino­film erschie­nen ist), der das Slo­wa­ki­sche damit vom Dia­lekt zu einer Spra­che machte.

Inzwi­schen erschei­nen jähr­lich um die 8.500 Titel, davon ca. 2.500 Über­set­zun­gen ins Slo­wa­ki­sche. Die meis­ten Bücher wer­den aus dem Eng­li­schen, Fran­zö­si­schen, Deut­schen und Pol­ni­schen über­setzt. Umge­kehrt wer­den slo­wa­ki­sche Bücher eben­falls vor allem ins Eng­li­sche, Deut­sche und Fran­zö­si­sche über­tra­gen, aber es gibt auch Über­set­zun­gen in ent­fern­te­re Spra­chen, etwa ins Korea­ni­sche, Ara­bi­sche oder Per­si­sche. Kurz­ge­schich­ten und Erzähl­bän­de sind in der Slo­wa­kei beliebt, was viel­leicht auch dar­an liegt, dass es in die­sem Bereich meh­re­re Lite­ra­tur­wett­be­wer­be gibt. Und natür­lich fin­den in der Slo­wa­kei auch (klei­ne) Buch­mes­sen und Lite­ra­tur­fes­ti­vals statt.

Die aktu­el­le rechts­na­tio­na­le Regie­rung der Slo­wa­kei hat jedoch neben der Ein­fluss­nah­me auf den Kul­tur­sek­tor, den Aus­tausch von Per­so­nal, der Strei­chung von För­der­mit­teln, den Umbau des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks und wei­te­rer Maß­nah­men auch einen stren­gen Spar­kurs ein­ge­schla­gen, der auch den Buch­markt betrifft. Bücher sind teu­rer gewor­den, Leser:innen blei­ben aus oder nut­zen ver­mehrt ande­re (digi­ta­le) Ange­bo­te, Buch­hand­lun­gen müs­sen schlie­ßen. Im Herbst 2024 ver­kün­de­te die slo­wa­ki­sche Regie­rung zudem eine Mehr­wert­steu­er­erhö­hung auf Bücher von 10% auf 23%, die inzwi­schen jedoch wie­der zurück­ge­nom­men wurde.

Die Lite­ra­tur­sze­ne ist trotz­dem oder gera­de des­halb sehr leben­dig. Autor:innen, Übersetzer:innen, Buchhändler:innen und ande­re Akteur:innen des Lite­ra­tur­be­triebs sind gut unter­ein­an­der ver­netzt und ver­su­chen der aus­brem­sen­den Kul­tur­po­li­tik etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Eines die­ser Pro­jek­te ist das TRANZ– Fes­ti­val für lite­ra­ri­sche Über­set­zung. (Mehr dazu und zu den Her­aus­for­de­run­gen im slo­wa­ki­schen Lite­ra­tur­be­trieb erfährt man im Bei­trag der Über­set­ze­rin Mili­na Svitko­vá in der Rund­Um­schau #9 vom Juli 2025.)

Was soll­te man unbe­dingt gele­sen haben?

In den letz­ten Jah­ren sind regel­mä­ßig neue Über­set­zun­gen aus dem Slo­wa­ki­schen erschie­nen, wenn auch nicht sehr vie­le. Ins­be­son­de­re klei­ne Ver­la­ge mit beson­de­ren Pro­fi­len sind offen für slo­wa­ki­sche Lite­ra­tur. Mög­lich ist das oft nur dank der Unter­stüt­zung und För­de­rung durch das SLOLIA Pro­gramm des Slo­wa­ki­schen Lite­ra­tur­zen­trums.

Trotz­dem ist das auf Deutsch vor­lie­gen­de Lek­tü­re­an­ge­bot inzwi­schen recht viel­fäl­tig, es gibt Roma­ne, Kurz­ge­schich­ten, Lyrik und auch Kin­der­li­te­ra­tur. Dank der Zeit­schrif­ten Ost­ra­ge­he­ge und Lich­tun­gen gibt es vor allem Ein­bli­cke in die zeit­ge­nös­si­sche slo­wa­ki­sche Lite­ra­tur. Im Jahr 2025 sind mit Unter­stüt­zung von SLOLIA 76 Bücher slo­wa­ki­scher Autor:innen in 20 Spra­chen erschie­nen, und viel­leicht noch das ein oder ande­re ohne Förderung.

Zu den im deutsch­spra­chi­gen Raum bekann­tes­ten Autoren gehört auf jeden Fall Mich­al Hvor­ecky, der sich auch in der deut­schen Tages­pres­se immer wie­der zur Situa­ti­on in der Slo­wa­kei äußert. Einer mei­ner Lieb­lings­au­toren, von dem es meh­re­re Wer­ke auf Deutsch gibt (u.a. über­setzt von Ines Sebes­ta und Slav­ka Rude-Porubs­ká), ist Pavol Ran­kov, ein meis­ter­haf­ter Erzäh­ler. Inter­es­sant ist auch die in der Schweiz leben­de, aus der Slo­wa­kei emi­grier­te Autorin Ire­na Brež­na.

Für eini­ges Auf­se­hen wegen sei­nes pro­vo­kan­ten The­mas sorg­te Nicol Hoch­holc­zero­vás Pro­sa­de­büt Die­ses Zim­mer kann man nicht essen (2025, danu­be books Ver­lag, über­setzt von Marie-The­res Cer­mann). Es gibt natür­lich noch vie­le wei­te­re span­nen­de Namen, auch im Bereich Lyrik. Hier­zu ist im Dezem­ber 2025, eben­falls bei danu­be books, eine inter­es­san­te mehr­spra­chi­ge Antho­lo­gie erschie­nen: Jun­ge Lyrik aus der Slo­wa­kei. Lesens­wert ist auch Das fünf­te Schiff von Moni­ka Kom­paní­ko­vá (über­setzt von Nadi­ne Lenz, K. Stutz Ver­lag, 2014), Die Hau­be von Kata­rí­na Kuc­bel­o­vá (über­setzt von Eva Pro­fou­so­vá, INK PRESS, 2023) oder Im Namen des Vaters von Bal­la (über­setzt von Marie-The­res Cer­mann, Wie­ser Ver­lag, 2019). Gera­de erst auf Deutsch erschie­nen sind der Erzähl­band Alles in Ord­nung, Lie­be über­all (Anthea Ver­lag, 2026, über­setzt von Mir­ko Kre­at­sch) des quee­ren Autors und Über­set­zers Mich­al Tal­lo und Sechs Frem­de von Marek Vadas (2025, Brot und Spie­le, über­setzt von Zor­ka Cikla­mi­ny), das sich mit einem Pogrom an Roma beschäftigt.

Was ist noch nicht übersetzt?

Die­se Fra­ge ist nicht leicht zu beant­wor­ten. Im Bereich der klas­si­schen slo­wa­ki­schen Lite­ra­tur ist bis­her wenig über­setzt. Auch die Stim­men der ver­schie­de­nen in der Slo­wa­kei leben­den eth­ni­schen oder sprach­li­chen Min­der­hei­ten (Ungarn, Ruthe­nen, Roma, …) könn­ten sehr inter­es­sant sein. Da sehe ich noch Poten­zi­al. Zum Bei­spiel Všet­ko, čo nás spá­ja. Prí­beh slovens­kej Viet­nam­ky (2024, Was uns ver­bin­det. Die Geschich­te einer slo­wa­ki­schen Viet­na­me­sin) von Kvet Nguy­en, Nar­odi­la som sa pod šťast­nou hviez­dou (1997, Ich wur­de unter einem Glücks­stern gebo­ren) von Ele­na Lack­ová oder der slo­wa­kisch-ukrai­ni­sche Gedicht­band Cud­zi­neč­nosť (zu Deutsch etwa: Fremd­lich­keit, 2024) von Anna Sied­hyk. Im Kin­der­buch­be­reich gibt es eben­falls tol­le Titel, die ich ger­ne über­setzt sehen wür­de, zum Bei­spiel die Bücher von Alex­an­dra Sal­me­la, Moni­ka Kompá­ni­ko­vá, oder Ján Uličiansky.

Erwäh­nens­wert sind viel­leicht noch der Natio­nal­dich­ter Pavol Országh Hviez­dos­lav (1849−1921) und der viel über­setz­te Pavol Vili­kovs­ký (1941− 2020), von dem aber fast kein Buch auf Deutsch vor­liegt, obwohl er zu den mei­st­über­setz­ten Autor:innen der Slo­wa­kei gehört. Es gibt aktu­ell auch span­nen­de jun­ge, teils que­e­re Autor:innen oder Tex­te zur quee­ren The­ma­ti­ken und Per­spek­ti­ven, z. B. Jakub Spe­vák, Bar­bo­ra Hrí­no­vá oder Andrej Kuruc. Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang eben­falls das Sach­buch Spúšť (etwa Ver­wüs­tung) von Marek Hudec, das nach einem Anschlag auf eine que­e­re Bar in Bra­tis­la­va 2022 ent­stan­den ist und die Situa­ti­on von quee­ren Men­schen in der Slo­wa­kei schildert.

Oft erschei­nen Titel nur dank der uner­müd­li­chen Anstren­gun­gen von uns Übersetzer:innen, indem wir deutsch­spra­chi­gen Ver­la­gen Bücher vor­schla­gen, in der Hoff­nung, zur rich­ti­gen Zeit den/die richtige:n Ansprechpartner:in auf unser Pro­jekt auf­merk­sam gemacht zu haben. Dass wir direkt von Ver­la­gen ange­spro­chen wer­den, ist eher sel­ten. Es gibt in jedem Fall viel zu ent­de­cken in der slo­wa­ki­schen Literatur.

Was sind die größ­ten Schwie­rig­kei­ten beim Über­set­zen aus dem Slo­wa­ki­schen? Wie gehen Sie damit um?

Das ist natür­lich ähn­lich wie bei ande­ren sla­wi­schen Spra­chen, etwa dem Tsche­chi­schen, Kroa­ti­schen, Bul­ga­ri­schen oder auch Slo­we­ni­schen. Für mich per­sön­lich sind die Zeit­for­men eine Her­aus­for­de­rung. Das Slo­wa­ki­sche kennt im Grun­de nur drei, die ger­ne auch bunt gemischt wer­den, ohne dass das selt­sam wir­ken wür­de. Das funk­tio­niert in deut­schen Über­set­zun­gen so nicht und bei der Viel­zahl an Tem­pus-Mög­lich­kei­ten ist das manch­mal recht knifflig.

Gen­dern ist im Slo­wa­ki­schen noch schwie­ri­ger als im Deut­schen, weil an vie­len Wort­ar­ten das Genus erkenn­bar und zwin­gend not­wen­dig ist. Da gibt es bis­her kaum Lösun­gen mit /, : oder *, aber es wird viel aus­pro­biert. In den letz­ten Jah­ren ist die Ver­wen­dung von Dia­lek­ten bzw. gespro­che­ner Spra­che in der Lite­ra­tur häu­fi­ger gewor­den. Da sind dann wie in ande­ren Spra­chen auch Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen gefragt. Gele­gent­lich kommt es vor, dass man­che Figu­ren im Text Tsche­chisch spre­chen, was durch die Nähe der Spra­chen für slo­wa­ki­sche Leser:innen kein Pro­blem ist. In der Über­set­zung lässt sich das nicht abbil­den, weil es für das Deut­sche nichts Ver­gleich­ba­res gibt. In so einem Fall kann die wört­li­che Rede mit einem „sag­te sie auf Tsche­chisch“ mar­kiert werden.

Bei allen Fra­gen hilft mir ins­be­son­de­re der Aus­tausch mit Kolleg:innen und Muttersprachler:innen, viel lesen, offen und krea­tiv sein und gele­gent­lich an Wei­ter­bil­dun­gen teil­neh­men. Und natür­lich immer wie­der das Land besu­chen und die Spra­che aktiv verwenden.

Was kann Slo­wa­kisch, was Deutsch nicht kann?

Das Slo­wa­ki­sche gilt als das Espe­ran­to des Sla­wi­schen, weil es durch die spä­te Kodi­fi­zie­rung die regel­mä­ßigs­te der sla­wi­schen Spra­chen ist und ver­schie­de­ne Ein­flüs­se aus ost‑, west- und süd­sla­wi­schen Spra­chen auf­weist. Es ver­fügt über das Alpha­bet mit den meis­ten Buch­sta­ben in Euro­pa, näm­lich 46. Das kommt daher, dass die Spra­che neben den typisch west­sla­wi­schen Pho­ne­men (har­te und wei­che Kon­so­nan­ten (č, ď, , ľ, ň, š, ť, ž) und den lang und kurz gespro­che­nen Voka­len (z. B. a und á, y und ý)) auch über ein lan­ges ĺ, ein Diphthong ô und im Gegen­satz zu den ande­ren sla­wi­schen Spra­chen auch über ein ä ver­fügt (Allein­stel­lungs­merk­mal). Pho­ne­tisch span­nend sind Wör­ter ganz ohne Voka­le (štvrť – Vier­tel, prst – Fin­ger, krk – Hals, vlk – Wolf). Dazu gibt es einen bekann­ten Zun­gen­bre­cher: strč prst skrz krk (Steck den Fin­ger durch/in den Hals).

Das Slo­wa­ki­sche ver­fügt über sechs Fäl­le, ver­wen­det aber kei­ne Arti­kel. Da hat man beim Über­set­zen oft die Qual der Wahl: der oder ein? Das Genus (gram­ma­ti­ka­li­sche Geschlecht) ist lei­der kein Genuss, son­dern eine umfang­rei­che Kate­go­rie, die Ler­nen­den oft Kopf­zer­bre­chen berei­tet. Die Tabel­len zu den 12 Mus­tern für männ­lich belebet/unbelebt, weib­lich und säch­lich je nach Wort­endung, nach denen flek­tiert wer­den muss, lernt nie­mand ger­ne aus­wen­dig. Lei­der gibt es davon auch noch eini­ge Aus­nah­men, wenn auch weni­ger als im Tschechischen.

Außer­dem liebt das Slo­wa­ki­sche wie auch das Tsche­chi­sche Dimi­nu­tive. Es gibt einen For­men­reich­tum an Endun­gen, die sogar mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den kön­nen. In der Über­set­zung muss man dann dar­auf ach­ten, dass es nicht zu kind­lich klingt. Statt ‑chen oder ‑lein kann auch das Adjek­tiv „klein“ hin­zu­ge­fügt wer­den, oder das Dimi­nu­tiv wird aus Stil­grün­den igno­riert und weg­ge­las­sen. Ergän­zend gibt es eine durch bestimm­te Endun­gen ange­zeig­te „Ver­grö­ße­rungs­form“ (Aug­men­ta­tiv), die den Wor­ten jedoch häu­fig auch eine abwer­ten­de Bedeu­tung ver­leiht. Im Deut­schen greift man in bei­den Fäl­len (Dimi­nu­tiv und Aug­men­ta­tiv) häu­fig auf Kom­po­si­ta oder zusätz­li­che Adjek­ti­ve zurück.

Die deut­sche Über­set­zung kann bis zu 30% län­ger sein als der slo­wa­ki­sche Text, das sage ich den Auftraggeber:innen vor­sichts­hal­ber immer dazu. Das Slo­wa­ki­sche funk­tio­niert kom­pak­ter, zum Bei­spiel weil es vie­le Vor­sil­ben für Ver­ben gibt, die klei­ne Nuan­cen inte­grie­ren, oder die Per­son im Verb schon mit drin­steckt (im Por­trät der Gro­ßen klei­nen Spra­che Kroa­tisch ist die­ses Phä­no­men näher aus­ge­führt) und Per­so­nal­pro­no­men sel­te­ner ver­wen­det wer­den. Bei der Über­set­zung ins Deut­sche müs­sen die Pro­no­men dann ergänzt oder durch die Namen der Figu­ren ersetzt wer­den. Oft ist eine ande­re Satz­struk­tur zu wäh­len, damit die Wie­der­ho­lun­gen von „er/sie“ nicht zu häu­fig aufeinandertreffen.

Das Pro­bie­ren und Über­den­ken der Satz­struk­tu­ren macht mir gro­ßen Spaß. Über­set­zen ist immer wie­der eine span­nen­de Her­aus­for­de­rung. Ich stel­le es mir vor wie ein Puz­zle, man­che Tei­le sprin­gen mir direkt ins Auge, man­che muss ich erst umdre­hen, nach ande­ren lan­ge suchen, und am Ende ent­steht das Bild eines Tex­tes. Dabei ler­ne ich viel über Spra­che, aber auch durch die Inhal­te der ver­schie­de­nen lite­ra­ri­schen und nicht lite­ra­ri­schen Texte.


Foto: pri­vat.

Ste­fa­nie Bose, gebo­ren 1983, stu­dier­te West­sla­wis­tik und Eth­no­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Leip­zig. Seit 2024 ist sie aus­schließ­lich frei­be­ruf­lich als Über­set­ze­rin sowie Sprach- und Kul­tur­mitt­le­rin tätig. Sie liebt die Abwechs­lung und hat u. a. Bel­le­tris­tik, Lyrik und Kin­der­buch­tex­te über­setzt, aber auch Fach- und jour­na­lis­ti­sche Tex­te oder Über­ti­tel fürs Thea­ter. Ihr Arbeits­spra­chen sind Slo­wa­kisch und Tsche­chisch. Ihre Über­set­zung eines Aus­zugs aus dem Roman Smě­na von Anna Bea­ta Hab­lo­vá wur­de 2023 beim Susan­na Roth-Über­set­zungs­wett­be­werb der Tsche­chi­schen Zen­tren aus­ge­zeich­net. Sie lebt in Leip­zig und ist Mit­glied des Lite­ra­tur­über­set­zer­ver­bands VdÜ sowie des slo­wa­ki­schen Ver­bands DoS­lov. Außer­dem enga­giert sie sich im Rah­men des Städ­te­part­ner­schaft Leip­zig – Brno e. V. und der Slo­vá­ci v Sasku/Slowaken in Sach­sen e. V. Im Jahr 2026 wird sie für fünf Mona­te Stadt­schrei­be­rin in der Euro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt Trenčín (Slo­wa­kei) sein.


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