Es gibt etwa 7000 Sprachen auf der Welt, doch nur ein winziger Bruchteil davon wird ins Deutsche übersetzt. Wir interviewen Menschen, die Meisterwerke aus unterrepräsentierten und ungewöhnlichen Sprachen übersetzen und uns so Zugang zu wenig erkundeten Welten verschaffen. Alle Beiträge der Rubrik findet ihr hier.
Wie haben Sie Slowakisch gelernt?
Ich habe Slowakisch in der Slowakei gelernt, wo ich 2004/05 nach dem Abitur einen Freiwilligendienst gemacht habe. Als kurzfristiger Ersatz, weil jemand abgesagt hatte, bin ich Hals über Kopf in ein Projekt in der Ostslowakei eingestiegen. Als Vorbereitung hatte ich mir gerade noch ein Sprachbuch von Langenscheidt besorgt, ein umfangreicheres deutsch-slowakisches Wörterbuch war nicht aufzutreiben. Das habe ich dann erst vor Ort gekauft, in mäßiger Qualität. In einem Tausendseelendorf kurz vor der ukrainischen Grenze bei meiner Gastfamilie angekommen, musste ich mich mit Händen und Füßen verständigen, bevor ich nach und nach den von der Standardsprache recht stark abweichenden ostslowakischen Dialekt gelernt habe. Erst ein paar Wochen später konnte ich einen Sprachkurs besuchen, der extra für mich und zwei Freiwillige aus Frankreich und Belgien in der nächstgrößeren Stadt ins Leben gerufen wurde. Das Jahr hat mir so gut gefallen, dass ich nach meiner Rückkehr in Leipzig Westslawistik studiert und in diesem Rahmen neben Slowakisch auch Tschechisch und Polnisch gelernt habe. Seitdem begleitet mich die Sprache privat wie persönlich und ist zu meiner Leidenschaft geworden.
Wie sieht die slowakische Literaturszene aus?
Die slowakische Literatur ist aus deutscher Sicht vielleicht ein wenig hinter der Tschechischen versteckt. Häufig begegnet mir noch die Assoziation mit der Tschechoslowakei, obwohl beide Länder sich von dieser gemeinsamen Vergangenheit längst emanzipiert haben. Ich würde aber nicht sagen, dass Tschechisch und Slowakisch als Literatursprachen in Konkurrenz zueinander stehen, eher gibt es vielfältige Wechselwirkungen, denn dank der sprachlichen Nähe und gemeinsamen Geschichte können sich Autor:innen und andere Akteur:innen der Literaturbranche sehr gut austauschen und vernetzen. Es gibt zum Beispiel gemeinsame Aktivitäten, wie den Lyrik-Wettbewerb Básne SK/CZ oder den Monat der Autorenlesungen (Mesiac autorského čítania).
Immer wieder kommt die Frage, ob Slowaken und Tschechen sich problemlos verstehen und wie ähnlich sich die Sprachen sind. Tschechisch und Slowakisch sind westslawische Sprachen und stehen sich sehr nah. Mit ein wenig Übung und Sprachkontakt kann man die jeweils andere passiv ganz gut verstehen. Früher, im gemeinsamen Staat (bis 1993), war es ganz normal, beide Sprachen parallel im Fernsehen oder Radio zu hören. Inzwischen werden Serien oder Filme synchronisiert oder untertitelt, auch Bücher werden in die jeweils andere Sprache übertragen. Tendenziell verstehen die Slowaken besser Tschechisch als die Tschechen Slowakisch. Das liegt daran, dass viele Slowaken etwa in Tschechien studieren oder arbeiten.
Das Slowakische wurde erst spät kodifiziert, es gibt also alte „slowakische Literatur“ auf Altkirchenslawisch, Latein oder Tschechisch, manchmal sogar auf Deutsch. Die Versuche, eine slowakische Schriftsprache zu entwickeln, waren sehr unterschiedlich, aber im Zuge des nationalen Erwachens von enormer Bedeutung für die Slowaken. Das heutige Standard-Slowakisch basiert auf dem Mittelslowakischen und wurde um 1846 von Ľudovít Štúr kodifiziert (über dessen Leben gerade ein Kinofilm erschienen ist), der das Slowakische damit vom Dialekt zu einer Sprache machte.
Inzwischen erscheinen jährlich um die 8.500 Titel, davon ca. 2.500 Übersetzungen ins Slowakische. Die meisten Bücher werden aus dem Englischen, Französischen, Deutschen und Polnischen übersetzt. Umgekehrt werden slowakische Bücher ebenfalls vor allem ins Englische, Deutsche und Französische übertragen, aber es gibt auch Übersetzungen in entferntere Sprachen, etwa ins Koreanische, Arabische oder Persische. Kurzgeschichten und Erzählbände sind in der Slowakei beliebt, was vielleicht auch daran liegt, dass es in diesem Bereich mehrere Literaturwettbewerbe gibt. Und natürlich finden in der Slowakei auch (kleine) Buchmessen und Literaturfestivals statt.
Die aktuelle rechtsnationale Regierung der Slowakei hat jedoch neben der Einflussnahme auf den Kultursektor, den Austausch von Personal, der Streichung von Fördermitteln, den Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und weiterer Maßnahmen auch einen strengen Sparkurs eingeschlagen, der auch den Buchmarkt betrifft. Bücher sind teurer geworden, Leser:innen bleiben aus oder nutzen vermehrt andere (digitale) Angebote, Buchhandlungen müssen schließen. Im Herbst 2024 verkündete die slowakische Regierung zudem eine Mehrwertsteuererhöhung auf Bücher von 10% auf 23%, die inzwischen jedoch wieder zurückgenommen wurde.
Die Literaturszene ist trotzdem oder gerade deshalb sehr lebendig. Autor:innen, Übersetzer:innen, Buchhändler:innen und andere Akteur:innen des Literaturbetriebs sind gut untereinander vernetzt und versuchen der ausbremsenden Kulturpolitik etwas entgegenzusetzen. Eines dieser Projekte ist das TRANZ– Festival für literarische Übersetzung. (Mehr dazu und zu den Herausforderungen im slowakischen Literaturbetrieb erfährt man im Beitrag der Übersetzerin Milina Svitková in der RundUmschau #9 vom Juli 2025.)
Was sollte man unbedingt gelesen haben?
In den letzten Jahren sind regelmäßig neue Übersetzungen aus dem Slowakischen erschienen, wenn auch nicht sehr viele. Insbesondere kleine Verlage mit besonderen Profilen sind offen für slowakische Literatur. Möglich ist das oft nur dank der Unterstützung und Förderung durch das SLOLIA Programm des Slowakischen Literaturzentrums.
Trotzdem ist das auf Deutsch vorliegende Lektüreangebot inzwischen recht vielfältig, es gibt Romane, Kurzgeschichten, Lyrik und auch Kinderliteratur. Dank der Zeitschriften Ostragehege und Lichtungen gibt es vor allem Einblicke in die zeitgenössische slowakische Literatur. Im Jahr 2025 sind mit Unterstützung von SLOLIA 76 Bücher slowakischer Autor:innen in 20 Sprachen erschienen, und vielleicht noch das ein oder andere ohne Förderung.
Zu den im deutschsprachigen Raum bekanntesten Autoren gehört auf jeden Fall Michal Hvorecky, der sich auch in der deutschen Tagespresse immer wieder zur Situation in der Slowakei äußert. Einer meiner Lieblingsautoren, von dem es mehrere Werke auf Deutsch gibt (u.a. übersetzt von Ines Sebesta und Slavka Rude-Porubská), ist Pavol Rankov, ein meisterhafter Erzähler. Interessant ist auch die in der Schweiz lebende, aus der Slowakei emigrierte Autorin Irena Brežna.
Für einiges Aufsehen wegen seines provokanten Themas sorgte Nicol Hochholczerovás Prosadebüt Dieses Zimmer kann man nicht essen (2025, danube books Verlag, übersetzt von Marie-Theres Cermann). Es gibt natürlich noch viele weitere spannende Namen, auch im Bereich Lyrik. Hierzu ist im Dezember 2025, ebenfalls bei danube books, eine interessante mehrsprachige Anthologie erschienen: Junge Lyrik aus der Slowakei. Lesenswert ist auch Das fünfte Schiff von Monika Kompaníková (übersetzt von Nadine Lenz, K. Stutz Verlag, 2014), Die Haube von Katarína Kucbelová (übersetzt von Eva Profousová, INK PRESS, 2023) oder Im Namen des Vaters von Balla (übersetzt von Marie-Theres Cermann, Wieser Verlag, 2019). Gerade erst auf Deutsch erschienen sind der Erzählband Alles in Ordnung, Liebe überall (Anthea Verlag, 2026, übersetzt von Mirko Kreatsch) des queeren Autors und Übersetzers Michal Tallo und Sechs Fremde von Marek Vadas (2025, Brot und Spiele, übersetzt von Zorka Ciklaminy), das sich mit einem Pogrom an Roma beschäftigt.
Was ist noch nicht übersetzt?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Im Bereich der klassischen slowakischen Literatur ist bisher wenig übersetzt. Auch die Stimmen der verschiedenen in der Slowakei lebenden ethnischen oder sprachlichen Minderheiten (Ungarn, Ruthenen, Roma, …) könnten sehr interessant sein. Da sehe ich noch Potenzial. Zum Beispiel Všetko, čo nás spája. Príbeh slovenskej Vietnamky (2024, Was uns verbindet. Die Geschichte einer slowakischen Vietnamesin) von Kvet Nguyen, Narodila som sa pod šťastnou hviezdou (1997, Ich wurde unter einem Glücksstern geboren) von Elena Lacková oder der slowakisch-ukrainische Gedichtband Cudzinečnosť (zu Deutsch etwa: Fremdlichkeit, 2024) von Anna Siedhyk. Im Kinderbuchbereich gibt es ebenfalls tolle Titel, die ich gerne übersetzt sehen würde, zum Beispiel die Bücher von Alexandra Salmela, Monika Kompániková, oder Ján Uličiansky.
Erwähnenswert sind vielleicht noch der Nationaldichter Pavol Országh Hviezdoslav (1849−1921) und der viel übersetzte Pavol Vilikovský (1941− 2020), von dem aber fast kein Buch auf Deutsch vorliegt, obwohl er zu den meistübersetzten Autor:innen der Slowakei gehört. Es gibt aktuell auch spannende junge, teils queere Autor:innen oder Texte zur queeren Thematiken und Perspektiven, z. B. Jakub Spevák, Barbora Hrínová oder Andrej Kuruc. Interessant ist in diesem Zusammenhang ebenfalls das Sachbuch Spúšť (etwa Verwüstung) von Marek Hudec, das nach einem Anschlag auf eine queere Bar in Bratislava 2022 entstanden ist und die Situation von queeren Menschen in der Slowakei schildert.
Oft erscheinen Titel nur dank der unermüdlichen Anstrengungen von uns Übersetzer:innen, indem wir deutschsprachigen Verlagen Bücher vorschlagen, in der Hoffnung, zur richtigen Zeit den/die richtige:n Ansprechpartner:in auf unser Projekt aufmerksam gemacht zu haben. Dass wir direkt von Verlagen angesprochen werden, ist eher selten. Es gibt in jedem Fall viel zu entdecken in der slowakischen Literatur.
Was sind die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Slowakischen? Wie gehen Sie damit um?
Das ist natürlich ähnlich wie bei anderen slawischen Sprachen, etwa dem Tschechischen, Kroatischen, Bulgarischen oder auch Slowenischen. Für mich persönlich sind die Zeitformen eine Herausforderung. Das Slowakische kennt im Grunde nur drei, die gerne auch bunt gemischt werden, ohne dass das seltsam wirken würde. Das funktioniert in deutschen Übersetzungen so nicht und bei der Vielzahl an Tempus-Möglichkeiten ist das manchmal recht knifflig.
Gendern ist im Slowakischen noch schwieriger als im Deutschen, weil an vielen Wortarten das Genus erkennbar und zwingend notwendig ist. Da gibt es bisher kaum Lösungen mit /, : oder *, aber es wird viel ausprobiert. In den letzten Jahren ist die Verwendung von Dialekten bzw. gesprochener Sprache in der Literatur häufiger geworden. Da sind dann wie in anderen Sprachen auch Einzelfallentscheidungen gefragt. Gelegentlich kommt es vor, dass manche Figuren im Text Tschechisch sprechen, was durch die Nähe der Sprachen für slowakische Leser:innen kein Problem ist. In der Übersetzung lässt sich das nicht abbilden, weil es für das Deutsche nichts Vergleichbares gibt. In so einem Fall kann die wörtliche Rede mit einem „sagte sie auf Tschechisch“ markiert werden.
Bei allen Fragen hilft mir insbesondere der Austausch mit Kolleg:innen und Muttersprachler:innen, viel lesen, offen und kreativ sein und gelegentlich an Weiterbildungen teilnehmen. Und natürlich immer wieder das Land besuchen und die Sprache aktiv verwenden.
Was kann Slowakisch, was Deutsch nicht kann?
Das Slowakische gilt als das Esperanto des Slawischen, weil es durch die späte Kodifizierung die regelmäßigste der slawischen Sprachen ist und verschiedene Einflüsse aus ost‑, west- und südslawischen Sprachen aufweist. Es verfügt über das Alphabet mit den meisten Buchstaben in Europa, nämlich 46. Das kommt daher, dass die Sprache neben den typisch westslawischen Phonemen (harte und weiche Konsonanten (č, ď, dž, ľ, ň, š, ť, ž) und den lang und kurz gesprochenen Vokalen (z. B. a und á, y und ý)) auch über ein langes ĺ, ein Diphthong ô und im Gegensatz zu den anderen slawischen Sprachen auch über ein ä verfügt (Alleinstellungsmerkmal). Phonetisch spannend sind Wörter ganz ohne Vokale (štvrť – Viertel, prst – Finger, krk – Hals, vlk – Wolf). Dazu gibt es einen bekannten Zungenbrecher: strč prst skrz krk (Steck den Finger durch/in den Hals).
Das Slowakische verfügt über sechs Fälle, verwendet aber keine Artikel. Da hat man beim Übersetzen oft die Qual der Wahl: der oder ein? Das Genus (grammatikalische Geschlecht) ist leider kein Genuss, sondern eine umfangreiche Kategorie, die Lernenden oft Kopfzerbrechen bereitet. Die Tabellen zu den 12 Mustern für männlich belebet/unbelebt, weiblich und sächlich je nach Wortendung, nach denen flektiert werden muss, lernt niemand gerne auswendig. Leider gibt es davon auch noch einige Ausnahmen, wenn auch weniger als im Tschechischen.
Außerdem liebt das Slowakische wie auch das Tschechische Diminutive. Es gibt einen Formenreichtum an Endungen, die sogar miteinander kombiniert werden können. In der Übersetzung muss man dann darauf achten, dass es nicht zu kindlich klingt. Statt ‑chen oder ‑lein kann auch das Adjektiv „klein“ hinzugefügt werden, oder das Diminutiv wird aus Stilgründen ignoriert und weggelassen. Ergänzend gibt es eine durch bestimmte Endungen angezeigte „Vergrößerungsform“ (Augmentativ), die den Worten jedoch häufig auch eine abwertende Bedeutung verleiht. Im Deutschen greift man in beiden Fällen (Diminutiv und Augmentativ) häufig auf Komposita oder zusätzliche Adjektive zurück.
Die deutsche Übersetzung kann bis zu 30% länger sein als der slowakische Text, das sage ich den Auftraggeber:innen vorsichtshalber immer dazu. Das Slowakische funktioniert kompakter, zum Beispiel weil es viele Vorsilben für Verben gibt, die kleine Nuancen integrieren, oder die Person im Verb schon mit drinsteckt (im Porträt der Großen kleinen Sprache Kroatisch ist dieses Phänomen näher ausgeführt) und Personalpronomen seltener verwendet werden. Bei der Übersetzung ins Deutsche müssen die Pronomen dann ergänzt oder durch die Namen der Figuren ersetzt werden. Oft ist eine andere Satzstruktur zu wählen, damit die Wiederholungen von „er/sie“ nicht zu häufig aufeinandertreffen.
Das Probieren und Überdenken der Satzstrukturen macht mir großen Spaß. Übersetzen ist immer wieder eine spannende Herausforderung. Ich stelle es mir vor wie ein Puzzle, manche Teile springen mir direkt ins Auge, manche muss ich erst umdrehen, nach anderen lange suchen, und am Ende entsteht das Bild eines Textes. Dabei lerne ich viel über Sprache, aber auch durch die Inhalte der verschiedenen literarischen und nicht literarischen Texte.

Stefanie Bose, geboren 1983, studierte Westslawistik und Ethnologie an der Universität Leipzig. Seit 2024 ist sie ausschließlich freiberuflich als Übersetzerin sowie Sprach- und Kulturmittlerin tätig. Sie liebt die Abwechslung und hat u. a. Belletristik, Lyrik und Kinderbuchtexte übersetzt, aber auch Fach- und journalistische Texte oder Übertitel fürs Theater. Ihr Arbeitssprachen sind Slowakisch und Tschechisch. Ihre Übersetzung eines Auszugs aus dem Roman Směna von Anna Beata Hablová wurde 2023 beim Susanna Roth-Übersetzungswettbewerb der Tschechischen Zentren ausgezeichnet. Sie lebt in Leipzig und ist Mitglied des Literaturübersetzerverbands VdÜ sowie des slowakischen Verbands DoSlov. Außerdem engagiert sie sich im Rahmen des Städtepartnerschaft Leipzig – Brno e. V. und der Slováci v Sasku/Slowaken in Sachsen e. V. Im Jahr 2026 wird sie für fünf Monate Stadtschreiberin in der Europäischen Kulturhauptstadt Trenčín (Slowakei) sein.
Wir suchen für die Rubrik „Große kleine Sprache“ Übersetzerinnen und Übersetzer, die Lust haben, ihre „kleine“ Sprache mit unserem Fragebogen vorzustellen. Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne unter redaktion@tralalit.de.
