Aus der Traum

Rachel Khongs neues Buch „Real Americans“, übersetzt von Tobias Schnettler, ist Teil der Kiwi-Kampagne „Deutschland liest ein Buch“ – ein hoher Anspruch für einen einzelnen Roman. Von

Eine „Real American“. Bild: Joel Naren (Unsplash)

Der „Ame­ri­can Dream“ übt auch heu­te noch eine star­ke Fas­zi­na­ti­on aus. Anders lässt sich nicht erklä­ren, war­um die­ses US-ame­ri­ka­ni­sche Ide­al von angeb­li­chem Wohl­stand, der ledig­lich durch Leis­tung erreich­bar scheint, auch im 21. Jahr­hun­dert noch immer Stoff für Fil­me und Roma­ne bie­tet. Dabei mag es beim Erzäh­len die­ser Geschich­ten zweit­ran­gig sein, ob am Ende der Rei­se der Erfolg oder das Schei­tern auf einen war­tet. Der Erkennt­nis­ho­ri­zont beschränkt sich oft auf die­sel­ben Plat­ti­tü­den, näm­lich dass Geld nicht glück­lich macht, zumin­dest nicht umfas­send, und dass Leis­tung allein nicht zum Erfolg führt, zumin­dest nicht auf direk­tem Wege. Nicht anders ergeht es den Figu­ren in Rachel Khongs RomanReal Ame­ri­cans, der vor Kur­zem in der deut­schen Über­set­zung von Tobi­as Schnett­ler erschie­nen ist. Es ist der zwei­te Roman der in Malay­sia gebo­re­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Autorin und wur­de in den USA zum Bestseller.

„Mei­ne Träu­me für die Zukunft waren der Motor mei­nes Lebens“, erzählt Mei ihrem Enkel­sohn Nick, der gebannt der Saga sei­ner chi­ne­si­schen Groß­mutter lauscht. In Nicks Alter hat­te sie von der gro­ßen wis­sen­schaft­li­chen Kar­rie­re im kapi­ta­lis­ti­schen Ame­ri­ka geträumt. Denn ihre Jugend im Chi­na der 1960er Jah­re war unter Maos Herr­schaft und den gro­ßen Ent­beh­run­gen der Hun­ger­pe­ri­oden alles ande­re als rosig. Zwar schafft sie es an die Pekin­ger Uni­ver­si­tät, um dort Lotus­pflan­zen zu sezie­ren, muss aber nach nur weni­gen Mona­ten anse­hen, wie Kommiliton:innen und Dozie­ren­de denun­ziert wer­den und nach­ein­an­der ver­schwin­den. Auch sie selbst gerät irgend­wann ins Visier der Roten Gar­den und flieht mit ihrem spä­te­ren Ehe­mann erst nach Hong­kong, spä­ter in die USA. 

Dort ange­kom­men arbei­ten sie in einem Labor, das von einem Phar­ma­kon­zern auf­ge­kauft wird und auf expe­ri­men­tel­le Art und Wei­se DNA mani­pu­liert, um unge­lieb­te Eigen­schaf­ten nicht wei­ter­zu­ver­er­ben. Davon betrof­fen sind sowohl die DNA der eige­nen Toch­ter Lily als auch die des Enkels, dem man auf keins­te Wei­se anse­hen wird, dass er nicht weiß ist. Ent­spre­chend groß ist der Fami­li­en­kon­flikt, der sich über drei Gene­ra­tio­nen zieht und durch drei ver­schie­de­ne Erzähl­strän­ge auf­ge­fä­chert wird. Dabei ist Meis Per­spek­ti­ve deut­lich kom­ple­xer und nicht zuletzt inter­es­san­ter als bei­spiels­wei­se die ihres Enkel­sohns, der sich in Ein­zel­gän­ger­ma­nier durch die ers­ten Col­lege-Jah­re kämpft, oder gar die ihrer Toch­ter, die zu Beginn des Romans ein unbe­zahl­tes Prak­ti­kum in New York absolviert.

Es ist das klas­si­sche Sujet der ambi­tio­nier­ten und auf­stei­gen­den Ein­wan­de­rer­fa­mi­lie, des­sen sich Khong in Real Ame­ri­cans bedient. Mei und ihr Ehe­mann ler­nen die Spra­che, sagen „I love you“ wie in TV-Seri­en, essen ame­ri­ka­ni­sches Essen – und sind doch immer fremd. Ein Gefühl, das ihre Toch­ter, die als Kind nie Chi­ne­sisch gelernt hat und voll­stän­dig ame­ri­ka­nisch sozia­li­siert wird, glei­cher­ma­ßen in sich trägt – beson­ders als sie Matthew ken­nen­lernt, den Erben des Phar­ma­kon­zerns. Mit uner­schöpf­lich viel Geld und dem rich­ti­gen Namen lebt es sich nun mal anders, arbei­tet Khong in immer wie­der­keh­ren­den erzäh­le­ri­schen Mus­tern her­aus. Gleich­zei­tig müs­sen die Figu­ren erken­nen, dass es doch irgend­wie stets um mehr geht: „Spä­ter lern­te ich […], dass ich kom­plett falsch gele­gen hat­te, was das Leben betraf,“ lau­tet das Fazit im Land der unbe­grenz­ten Möglichkeiten.

Real Ame­ri­cans ist Teil der Kiwi-Kam­pa­gne „Deutsch­land liest ein Buch“, eine ambi­tio­nier­ten Mar­ke­ting­stra­te­gie, die einen aus­ge­wähl­ten Roman in Buch­clubs und Dis­kus­si­ons­run­den brin­gen soll – ein wei­te­res Indiz dafür, dass die Lite­ra­tur­kri­tik allein schon lan­ge nie­man­den mehr zum Lesen ermun­tert und Ver­la­ge bes­ser direkt mit der Tür ins Haus fal­len. Der Roman liest sich geschmei­dig, und die drei unter­schied­li­chen Erzäh­ler fun­gie­ren als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren. Auch an Gesprächs­stoff fehlt es nicht: Von Migra­ti­on über Gen­ma­ni­pu­la­ti­on bis hin zu Alters­ar­mut dürf­te es in Lese­krei­sen reich­lich zu dis­ku­tie­ren geben. Aber ist das nun der eine Roman, den ganz Deutsch­land gele­sen haben soll­te und über den man in fünf Jah­ren noch spre­chen wird? Der aktu­ell bedeu­tends­te Roman über die US-ame­ri­ka­ni­sche Psy­che? Wohl kaum. 

Auch die deut­sche Über­set­zung von Tobi­as Schnett­ler, der unter ande­rem Wer­ke von Nell Zink und Garth Risk Hall­berg ins Deut­sche über­tra­gen hat, ändert dar­an nichts. Sei­ner Über­set­zung ist das Unglück wider­fah­ren, direkt auf der ers­ten Sei­te Tipp­feh­ler zu ent­hal­ten. Bei einem ambi­tio­nier­ten Vor­ha­ben wie dem, dass ein gan­zes Land ein Buch lesen soll­te, hät­te der Ver­lag hier genau­er arbei­ten kön­nen. Unab­hän­gig davon wir­ken die rest­li­chen Sei­ten der Über­set­zung ins­ge­samt soli­de, wenn auch nicht überragend. 

Typisch ame­ri­ka­ni­sche Aus­drucks­wei­sen wer­den in der Regel ange­mes­sen über­tra­gen. Dabei hal­ten sich sub­til kon­tex­tua­li­sie­ren­de Anpas­sun­gen (aus „Juni­or Prom“ wird bei­spiels­wei­se „Juni­or-Prom-Ball“), die mal mehr und mal weni­ger not­wen­dig erschei­nen, und natür­lich klin­gen­de Rede­wen­dun­gen zumeist die Waa­ge. Ein „Fuck you“ darf bei­spiels­wei­se auch mal ste­hen­blei­ben. Vor allem der ers­te Teil, in dem sich Lily und Matthew ken­nen­ler­nen, kommt aller­dings oft mit Net­flix-Dia­lo­gen daher, die selbst der bes­te Über­set­zer nicht ret­ten könn­te, ohne den Roman umzu­schrei­ben. Auf das Ken­nen­ler­nen der Schwie­ger­el­tern folgt die­se Szene: 

“I’m sor­ry. I wan­ted to tell you, I just … I was scared.”
“You were scared,” I repea­ted. “You were.”
“It’s a lot. I keep tel­ling you: It’s a lot. I’m sor­ry.”
He loo­ked into his lap. I put my hand on his should­er.
“It doesn’t mat­ter to me who your fami­ly is. Okay? I don’t care about—” Here I ges­tu­red all around: the room, the oce­an. “I couldn’t care less about any of this. I care about you—knowing you. Any­way, it’s fine. They seem nice.”
“They can be very char­ming when they want to be,” Matthew said.
“I won’t be char­med if you don’t want me to be.” 

«Es tut mir leid. Ich woll­te es dir sagen, aber ich … ich hat­te Angst.»
«Du hat­test Angst», wie­der­hol­te ich. «Du.»
«Das ist mir alles zu viel. Das sage ich dir doch immer: Es ist zu viel. Tut mir leid.»
Er blick­te auf sei­nen Schoß. Ich leg­te ihm mei­ne Hand auf die Schul­ter.
«Mir ist es egal, wer dei­ne Fami­lie ist. Okay? Ich inter­es­sie­re mich nicht für –» Ich deu­te­te auf alles um mich her­um: das Zim­mer, den Oze­an. «Mir ist das alles total egal. Wor­auf es mir ankommt, bist du – dich zu ken­nen. Jeden­falls ist alles gut. Sie wir­ken ganz nett.»
«Sie kön­nen sehr char­mant sein, wenn sie wol­len», sag­te Matthew.
«Ich bin für Charme unemp­fäng­lich, wenn du willst.»


Um dem Dia­log mehr Dyna­mik zu ver­lei­hen, wur­den die Wie­der­ho­lun­gen in der deut­schen Über­set­zung ent­spre­chend der kul­tu­rel­len Lese­ge­wohn­hei­ten mini­mal abge­schwächt. Dadurch wur­de die Figu­ren­per­spek­ti­ve mini­mal ver­stärkt. In den Sät­zen „Mir ist es egal“ und „Mir ist alles zu viel“ steckt mehr Sub­jek­ti­vi­tät als im Ori­gi­nal, aber es han­delt sich ja auch um eine inten­si­ve Bezie­hungs­pfle­ge zwi­schen die­sen bei­den Figu­ren. Auch mög­li­che Über­set­zungs­feh­ler, die in Über­set­zun­gen aus dem Eng­li­schen häu­fig zu fin­den sind, wur­den zumeist umschifft. Gegen „Sie wir­ken ganz nett“ für „They seem nice“ und „für Charme unemp­fäng­lich“ für „won’t be char­med“ gibt es wenig ein­zu­wen­den. Totz­dem mögen der gesam­te letz­te Satz und die Phra­se „Jeden­falls ist alles gut“ mit Blick auf die Fra­ge nach der Idio­ma­tik grenz­wer­tig erschei­nen. Das Ori­gi­nal schim­mert auf vie­len Sei­ten durch.

Inhalt­lich über­ragt der letz­te Teil des Romans alles vor­he­ri­ge. Leser:innen aus einem west­li­chen Kul­tur­kreis wer­den die Schil­de­run­gen einer aus­ge­beu­te­ten jun­gen New Yor­ke­rin oder dem Auf­wach­sen in der US-ame­ri­ka­ni­schen Ödnis bekann­ter vor­kom­men als Meis Erfah­run­gen wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. Um zu die­sen zu gelan­gen, muss man sich aller­dings erst durch 300 Sei­ten kämp­fen. Ihre Erin­ne­run­gen gewin­nen an Kom­ple­xi­tät, da sie das Erleb­te im Gegen­satz zu den ande­ren Figu­ren bereits reflek­tiert konn­te. Als ver­wahr­los­te alte Frau ohne sozia­les Netz blickt sie kri­tisch und ernüch­tert auf ihre Erfah­run­gen zurück. Schnett­ler hat die Über­set­zung wie auch an ande­ren Stel­len nah am eng­li­schen Satz­bau gehalten:

And what did we choo­se, real­ly? We were told what to want: Pro­pa­gan­da was uni­ver­sal. Espe­ci­al­ly in this coun­try, whe­re the pro­pa­gan­da was that the­re was none—we were free. But were we? When we were made to value cer­tain lives more than others; when we were made, relent­less­ly, to want more? What if I had seen through it? What if I had unders­tood that I alre­a­dy had enough?

Und was hat­ten wir wirk­lich ent­schie­den? Man hat­te uns gesagt, was wir woll­ten: Pro­pa­gan­da war über­all. Vor allem in die­sem Land, wo die Pro­pa­gan­da lau­te­te, dass es kei­ne gab – dass wir frei waren. Aber stimm­te das? Wenn wir doch bestimm­te Leben mehr schät­zen als ande­re; wenn wir dazu gebracht wur­den, unnach­gie­big immer mehr zu wol­len? Was, wenn ich das alles durch­schaut hat­te? Was, wenn ich ver­stan­den hat­te, dass ich schon genug besaß?

Die Mög­lich­keit, Chi­na zu ver­las­sen, war für die ambi­tio­nier­te und begab­te Frau ver­lo­ckend gewe­sen. Doch in der neu­en Hei­mat ist sie zunächst ein Nie­mand. Fleiß allein genügt nicht in einem Land, in dem das Geld regiert – und ihre Anders­ar­tig­keit bleibt stets sicht­bar. Der Traum, ein „Real Ame­ri­can“ zu wer­den, dürf­te aller­dings nicht nur für Mei schon lan­ge sei­nen Reiz ver­lo­ren haben. Ihre zyni­sche Kri­tik am Kapi­ta­lis­mus hin­ter­lässt Ein­druck bei ihrem Enkel­sohn, der sich zu einer inte­ge­ren Ent­schei­dung durch­ringt – zumin­dest sug­ge­riert dies das leicht hoff­nungs­vol­le Ende von Rachel Khongs Roman. Es gibt also noch „Real Ame­ri­cans“, die zwi­schen rich­tig und falsch unter­schei­den kön­nen. Das ist womög­lich der letz­te ame­ri­ka­ni­sche Traum, der irgend­wann plat­zen wird.


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