Der „American Dream“ übt auch heute noch eine starke Faszination aus. Anders lässt sich nicht erklären, warum dieses US-amerikanische Ideal von angeblichem Wohlstand, der lediglich durch Leistung erreichbar scheint, auch im 21. Jahrhundert noch immer Stoff für Filme und Romane bietet. Dabei mag es beim Erzählen dieser Geschichten zweitrangig sein, ob am Ende der Reise der Erfolg oder das Scheitern auf einen wartet. Der Erkenntnishorizont beschränkt sich oft auf dieselben Plattitüden, nämlich dass Geld nicht glücklich macht, zumindest nicht umfassend, und dass Leistung allein nicht zum Erfolg führt, zumindest nicht auf direktem Wege. Nicht anders ergeht es den Figuren in Rachel Khongs RomanReal Americans, der vor Kurzem in der deutschen Übersetzung von Tobias Schnettler erschienen ist. Es ist der zweite Roman der in Malaysia geborenen US-amerikanischen Autorin und wurde in den USA zum Bestseller.
„Meine Träume für die Zukunft waren der Motor meines Lebens“, erzählt Mei ihrem Enkelsohn Nick, der gebannt der Saga seiner chinesischen Großmutter lauscht. In Nicks Alter hatte sie von der großen wissenschaftlichen Karriere im kapitalistischen Amerika geträumt. Denn ihre Jugend im China der 1960er Jahre war unter Maos Herrschaft und den großen Entbehrungen der Hungerperioden alles andere als rosig. Zwar schafft sie es an die Pekinger Universität, um dort Lotuspflanzen zu sezieren, muss aber nach nur wenigen Monaten ansehen, wie Kommiliton:innen und Dozierende denunziert werden und nacheinander verschwinden. Auch sie selbst gerät irgendwann ins Visier der Roten Garden und flieht mit ihrem späteren Ehemann erst nach Hongkong, später in die USA.
Dort angekommen arbeiten sie in einem Labor, das von einem Pharmakonzern aufgekauft wird und auf experimentelle Art und Weise DNA manipuliert, um ungeliebte Eigenschaften nicht weiterzuvererben. Davon betroffen sind sowohl die DNA der eigenen Tochter Lily als auch die des Enkels, dem man auf keinste Weise ansehen wird, dass er nicht weiß ist. Entsprechend groß ist der Familienkonflikt, der sich über drei Generationen zieht und durch drei verschiedene Erzählstränge aufgefächert wird. Dabei ist Meis Perspektive deutlich komplexer und nicht zuletzt interessanter als beispielsweise die ihres Enkelsohns, der sich in Einzelgängermanier durch die ersten College-Jahre kämpft, oder gar die ihrer Tochter, die zu Beginn des Romans ein unbezahltes Praktikum in New York absolviert.
Es ist das klassische Sujet der ambitionierten und aufsteigenden Einwandererfamilie, dessen sich Khong in Real Americans bedient. Mei und ihr Ehemann lernen die Sprache, sagen „I love you“ wie in TV-Serien, essen amerikanisches Essen – und sind doch immer fremd. Ein Gefühl, das ihre Tochter, die als Kind nie Chinesisch gelernt hat und vollständig amerikanisch sozialisiert wird, gleichermaßen in sich trägt – besonders als sie Matthew kennenlernt, den Erben des Pharmakonzerns. Mit unerschöpflich viel Geld und dem richtigen Namen lebt es sich nun mal anders, arbeitet Khong in immer wiederkehrenden erzählerischen Mustern heraus. Gleichzeitig müssen die Figuren erkennen, dass es doch irgendwie stets um mehr geht: „Später lernte ich […], dass ich komplett falsch gelegen hatte, was das Leben betraf,“ lautet das Fazit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Real Americans ist Teil der Kiwi-Kampagne „Deutschland liest ein Buch“, eine ambitionierten Marketingstrategie, die einen ausgewählten Roman in Buchclubs und Diskussionsrunden bringen soll – ein weiteres Indiz dafür, dass die Literaturkritik allein schon lange niemanden mehr zum Lesen ermuntert und Verlage besser direkt mit der Tür ins Haus fallen. Der Roman liest sich geschmeidig, und die drei unterschiedlichen Erzähler fungieren als Identifikationsfiguren. Auch an Gesprächsstoff fehlt es nicht: Von Migration über Genmanipulation bis hin zu Altersarmut dürfte es in Lesekreisen reichlich zu diskutieren geben. Aber ist das nun der eine Roman, den ganz Deutschland gelesen haben sollte und über den man in fünf Jahren noch sprechen wird? Der aktuell bedeutendste Roman über die US-amerikanische Psyche? Wohl kaum.
Auch die deutsche Übersetzung von Tobias Schnettler, der unter anderem Werke von Nell Zink und Garth Risk Hallberg ins Deutsche übertragen hat, ändert daran nichts. Seiner Übersetzung ist das Unglück widerfahren, direkt auf der ersten Seite Tippfehler zu enthalten. Bei einem ambitionierten Vorhaben wie dem, dass ein ganzes Land ein Buch lesen sollte, hätte der Verlag hier genauer arbeiten können. Unabhängig davon wirken die restlichen Seiten der Übersetzung insgesamt solide, wenn auch nicht überragend.
Typisch amerikanische Ausdrucksweisen werden in der Regel angemessen übertragen. Dabei halten sich subtil kontextualisierende Anpassungen (aus „Junior Prom“ wird beispielsweise „Junior-Prom-Ball“), die mal mehr und mal weniger notwendig erscheinen, und natürlich klingende Redewendungen zumeist die Waage. Ein „Fuck you“ darf beispielsweise auch mal stehenbleiben. Vor allem der erste Teil, in dem sich Lily und Matthew kennenlernen, kommt allerdings oft mit Netflix-Dialogen daher, die selbst der beste Übersetzer nicht retten könnte, ohne den Roman umzuschreiben. Auf das Kennenlernen der Schwiegereltern folgt diese Szene:
“I’m sorry. I wanted to tell you, I just … I was scared.”
“You were scared,” I repeated. “You were.”
“It’s a lot. I keep telling you: It’s a lot. I’m sorry.”
He looked into his lap. I put my hand on his shoulder.
“It doesn’t matter to me who your family is. Okay? I don’t care about—” Here I gestured all around: the room, the ocean. “I couldn’t care less about any of this. I care about you—knowing you. Anyway, it’s fine. They seem nice.”
“They can be very charming when they want to be,” Matthew said.
“I won’t be charmed if you don’t want me to be.”
«Es tut mir leid. Ich wollte es dir sagen, aber ich … ich hatte Angst.»
«Du hattest Angst», wiederholte ich. «Du.»
«Das ist mir alles zu viel. Das sage ich dir doch immer: Es ist zu viel. Tut mir leid.»
Er blickte auf seinen Schoß. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter.
«Mir ist es egal, wer deine Familie ist. Okay? Ich interessiere mich nicht für –» Ich deutete auf alles um mich herum: das Zimmer, den Ozean. «Mir ist das alles total egal. Worauf es mir ankommt, bist du – dich zu kennen. Jedenfalls ist alles gut. Sie wirken ganz nett.»
«Sie können sehr charmant sein, wenn sie wollen», sagte Matthew.
«Ich bin für Charme unempfänglich, wenn du willst.»
Um dem Dialog mehr Dynamik zu verleihen, wurden die Wiederholungen in der deutschen Übersetzung entsprechend der kulturellen Lesegewohnheiten minimal abgeschwächt. Dadurch wurde die Figurenperspektive minimal verstärkt. In den Sätzen „Mir ist es egal“ und „Mir ist alles zu viel“ steckt mehr Subjektivität als im Original, aber es handelt sich ja auch um eine intensive Beziehungspflege zwischen diesen beiden Figuren. Auch mögliche Übersetzungsfehler, die in Übersetzungen aus dem Englischen häufig zu finden sind, wurden zumeist umschifft. Gegen „Sie wirken ganz nett“ für „They seem nice“ und „für Charme unempfänglich“ für „won’t be charmed“ gibt es wenig einzuwenden. Totzdem mögen der gesamte letzte Satz und die Phrase „Jedenfalls ist alles gut“ mit Blick auf die Frage nach der Idiomatik grenzwertig erscheinen. Das Original schimmert auf vielen Seiten durch.
Inhaltlich überragt der letzte Teil des Romans alles vorherige. Leser:innen aus einem westlichen Kulturkreis werden die Schilderungen einer ausgebeuteten jungen New Yorkerin oder dem Aufwachsen in der US-amerikanischen Ödnis bekannter vorkommen als Meis Erfahrungen während der Kulturrevolution. Um zu diesen zu gelangen, muss man sich allerdings erst durch 300 Seiten kämpfen. Ihre Erinnerungen gewinnen an Komplexität, da sie das Erlebte im Gegensatz zu den anderen Figuren bereits reflektiert konnte. Als verwahrloste alte Frau ohne soziales Netz blickt sie kritisch und ernüchtert auf ihre Erfahrungen zurück. Schnettler hat die Übersetzung wie auch an anderen Stellen nah am englischen Satzbau gehalten:
And what did we choose, really? We were told what to want: Propaganda was universal. Especially in this country, where the propaganda was that there was none—we were free. But were we? When we were made to value certain lives more than others; when we were made, relentlessly, to want more? What if I had seen through it? What if I had understood that I already had enough?
Und was hatten wir wirklich entschieden? Man hatte uns gesagt, was wir wollten: Propaganda war überall. Vor allem in diesem Land, wo die Propaganda lautete, dass es keine gab – dass wir frei waren. Aber stimmte das? Wenn wir doch bestimmte Leben mehr schätzen als andere; wenn wir dazu gebracht wurden, unnachgiebig immer mehr zu wollen? Was, wenn ich das alles durchschaut hatte? Was, wenn ich verstanden hatte, dass ich schon genug besaß?
Die Möglichkeit, China zu verlassen, war für die ambitionierte und begabte Frau verlockend gewesen. Doch in der neuen Heimat ist sie zunächst ein Niemand. Fleiß allein genügt nicht in einem Land, in dem das Geld regiert – und ihre Andersartigkeit bleibt stets sichtbar. Der Traum, ein „Real American“ zu werden, dürfte allerdings nicht nur für Mei schon lange seinen Reiz verloren haben. Ihre zynische Kritik am Kapitalismus hinterlässt Eindruck bei ihrem Enkelsohn, der sich zu einer integeren Entscheidung durchringt – zumindest suggeriert dies das leicht hoffnungsvolle Ende von Rachel Khongs Roman. Es gibt also noch „Real Americans“, die zwischen richtig und falsch unterscheiden können. Das ist womöglich der letzte amerikanische Traum, der irgendwann platzen wird.

