Petra Zick­mann: die Beherzte

Bis zum 19. März stellen wir die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung vor. Petra Zickmann hat es mit ihrer Übersetzung von Irene Solàs Roman aus dem Katalanischen auf die Shortlist geschafft. Von

Petra Zickmann, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse
Die Übersetzerin Petra Zickmann (Foto: privat) neben ihrer Übersetzung.

Am 19. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­lie­hen, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Mit Ire­ne Solàs inzwi­schen drit­tem Roman ist nun zum ins­ge­samt zwei­ten Mal ein kata­la­ni­scher Roman in der Kate­go­rie Über­set­zung für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se nomi­niert. 2016 war es ein Klas­si­ker, Joan Sales’ Flüch­ti­ger Glanz (Incer­ta glòria, Ü.: Kirs­ten Brandt), 2026 eine der wich­tigs­ten und meist­ge­le­se­nen kata­la­ni­schen Gegen­warts­au­torin­nen. Die Über­set­zungs­da­ten­bank des Insti­tuts Ramon Llull zeigt für Solàs bis­he­ri­ge Roma­ne – Die Dei­che, Sin­ge ich, tan­zen die Ber­ge und eben Ich gab dir Augen, und du blick­test in die Fins­ter­nis – ins­ge­samt 52 Tref­fer in allen mög­li­chen Spra­chen der Welt an, von Eng­lisch und Fran­zö­sisch bis zu Unga­risch und Chi­ne­sisch. Kein Wun­der also, dass nun mit S. Fischer auch einer der renom­mier­tes­ten deut­schen Ver­la­ge die­ses Buch herausgibt.

Einen rea­lis­ti­schen Roman braucht man von der Autorin, die in ihrem vori­gen Buch die Natur spre­chen ließ, aller­dings auch dies­mal nicht zu erwar­ten. Die Geschich­te erstreckt sich über gut vier­und­zwan­zig Stun­den und ist schnell erzählt. Ort der Hand­lung ist das Mas Cla­vell, ein Anwe­sen irgend­wo bei Giro­na. Uroma Ber­na­de­ta liegt im Ster­ben; aus die­sem Anlass kom­men die Frau­en der Fami­lie bei ihr zusam­men, ins­ge­samt rund fünf Gene­ra­tio­nen. Gemein­sam mit ihnen taucht das Publi­kum ein in eine ganz beson­de­re Fami­li­en­ge­schich­te. Alles beginnt mit Joa­na, die ver­geb­lich nach einem Mann sucht, bis sie auf Emp­feh­lung einer Kräu­ter­frau den Teu­fel her­auf­be­schwört. Sie bekommt ihren Wunsch erfüllt, aller­dings hat Ber­nar­dí, obwohl eine ins­ge­samt eher statt­li­che Erschei­nung, an einem Fuß nur vier Zehen. Auch ihren gemein­sa­men Kin­dern wird etwas feh­len, sei­en es Zun­ge, Herz oder Leber. Oft sind die Män­gel aber auch mora­li­scher Natur, etwa im Fal­le von Fran­cesc, Mar­ga­ri­das Ehe­mann, der zu einem berüch­tig­ten Ban­di­ten wird.

Für ihren Roman hat Ire­ne Solà eine Men­ge Mate­ri­al zusam­men­ge­tra­gen: loka­le Mär­chen und Sagen, Rezept­bü­cher und Fach­li­te­ra­tur zu Jagd, Okkul­tis­mus und dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg. Im Text wim­melt es vor sel­te­nen Wör­tern, die man sich müh­sam aus ent­le­ge­ne­ren Nach­schla­ge­wer­ken zusam­men­su­chen muss. 2024 orga­ni­sier­te das Insti­tut Ramon Llull in Olot, einem der Schau­plät­ze des Buchs, daher auch ein Semi­nar, in dem die Autorin, wie die Kul­tur­jour­na­lis­tin Iris Llop in einem Arti­kel für El País erzählt, „die Türen zur Küche ihres Schreib­pro­zes­ses“ öff­ne­te, um ihren Übersetzer:innen Ein­blick in die Recher­chen zum Buch zu geben. Auch Petra Zick­mann hat sich den enor­men Her­aus­for­de­run­gen die­ses Tex­tes gestellt.

Die Jury­be­grün­dung

In Ire­ne Solàs wil­dem Roman Ich gab dir Augen, und du blick­test in die Fins­ter­nis fin­den sich die leben­den und toten Frau­en vie­ler Gene­ra­tio­nen auf einem abge­le­ge­nen Hof ein. Tod und Teu­fel ste­hen vor der Tür. Petra Zick­mann aber bewahrt die Ner­ven und (er-)findet auch im Deut­schen sinn­li­che Wor­te für die boden­stän­di­gen, fan­tas­ti­schen, von Not und Eigen­sinn bestimm­ten Lebensgeschichten.

Die Über­set­zung

Ire­ne Solà macht es ihren Übersetzer:innen schon allei­ne des­halb nicht leicht, weil ihre Geschich­te weit über hun­dert Jah­re abdeckt. In die­ser Zeit ist in der kata­la­ni­schen Spra­che eini­ges pas­siert. 1931 ver­öf­fent­lich­te Pom­peu Fabra das ers­te nor­ma­ti­ve kata­la­ni­sche Wör­ter­buch über­haupt, weni­ge Jah­re spä­ter, in der Fran­co-Dik­ta­tur, wur­de die Spra­che unter­drückt und höchs­tens noch im Pri­va­ten ver­wen­det. Das hat­te Aus­wir­kun­gen nicht nur auf ihre Tra­die­rung, son­dern auch auf die Lite­ra­tur, und zwar bis heu­te. Einen Kanon gibt es in Kata­lo­ni­en kaum. Sicher, eini­ge Autor:innen, dar­un­ter Mer­cè Rodo­re­da, gel­ten als Auto­ri­tä­ten, aber eine inten­si­ve Ver­mitt­lung älte­rer Tex­te, zum Bei­spiel aus dem 19. und 20. Jahr­hun­dert, durch kom­men­tier­te Edi­tio­nen bleibt aus, mit der Fol­ge, dass Übersetzer:innen bei einer Autorin wie Ire­ne Solà, die ganz gezielt auf folk­lo­ris­ti­sche Quel­len zurück­greift, viel zusätz­lich recher­chie­ren müs­sen, sei es nun in Fach­le­xi­ka, Spe­zi­al­wör­ter­bü­chern oder im direk­ten Gespräch mit Katalan:innen.

Petra Zick­mann, die mit Víc­tor Cata­làs Soli­tud bereits einen der schwie­rigs­ten kata­la­ni­schen Tex­te über­haupt ins Deut­sche gebracht hat, weiß, wor­auf sie sich bei Solà ein­lässt, und meis­tert ihre Auf­ga­be mit Bra­vour, auch wenn das heißt, dass sie zuguns­ten der Ver­ständ­lich­keit vom Aus­gangs­text abwei­chen muss. Ein Bei­spiel hier­für sind die zahl­rei­chen „refra­nys“, gereim­te Sinn­sprü­che, die Phä­no­me­ne des All­tags auf den Punkt brin­gen und, wie im nach­fol­gen­den Bei­spiel, den Abstand zwi­schen Geschlech­ter­bil­dern der Ver­gan­gen­heit und der Gegen­wart ver­deut­li­chen, als Fran­cesc, der neue so got­tes­fürch­ti­ge wie bigot­te Herr auf dem Hof, sei­nem Knecht Bou erläu­tert, was von Frau­en zu hal­ten sei. Den Spruch hat Solà höchst­wahr­schein­lich einer der vie­len gän­gi­gen Samm­lun­gen ent­nom­men, man könn­te also durch­aus ver­sucht sein, in einer deut­schen Quel­le etwas Ähn­li­ches auf­zu­tun. Zick­mann hat sich aller­dings für eine direk­te Über­set­zung entschieden:

Una vega­da que el dia­ble i la dona van jugar, aques­ta el va guanyar.

Spielt der Teu­fel gegen sie, gewinnt die Frau jede Partie.

Das funk­tio­niert an die­ser Stel­le des­halb so gut, weil Zick­mann den Halb­reim bewahrt („jugar“/ „guan­yar“: „sie“/ „Par­tie“). Nicht von unge­fähr erin­nert die­ses Zitat an einen Bau­ern­spruch, da ist das holp­ri­ge Vers­maß – die ers­te Hälf­te tro­chä­isch, die zwei­te jam­bisch – sogar von Vorteil.

An einer ande­ren Stel­le wer­den Fran­cesc und Mar­ga­ri­da mit die­sen Wor­ten getraut: „Vós, en Fran­cesc Llobe­ra, donats vost­re cos a na Mar­ga­ri­da qui ací és, per llei­al marit.“ Syn­tax und Voka­bu­lar klin­gen in den Ohren heu­ti­ger Katalan:innen recht archa­isch, da For­men wie „ací“ höchs­tens noch in loka­len Varie­tä­ten wie dem Valen­cia­ni­schen zu fin­den sind. Zick­mann über­setzt ohne Umschwei­fe: „Willst du, Fran­cesc Llobe­ra, die hier anwe­sen­de Mar­ga­ri­da zu dei­ner recht­mä­ßi­gen Ehe­frau nehmen?“

Über­haupt scheint Zick­mann vor­ran­gig auf Ver­ständ­lich­keit zu set­zen. Das ist bei einer Vor­la­ge, die so pro­mi­nent auf älte­re, dem deut­schen Publi­kum nicht unbe­dingt zugäng­li­che Quel­len setzt, auch nach­voll­zieh­bar. So erklärt sie wenig gebräuch­li­che Ter­mi­ni gern in einer Fuß­no­te: „Mit­tel­al­ter­li­che Holz­flö­te, die auf kei­nem Volks­fest feh­len darf“, heißt es etwa zur Xiri­mia. Das gilt auch für die Diglos­sie, also das Vor­kom­men von zwei Spra­chen (in die­sem Fall Spa­nisch und Kata­la­nisch) auf einem Gebiet. 

In einer hoch­ko­mi­schen Sze­ne erzählt die Figur Dol­ça von ihrem Freund (Spitz­na­me „Stau­see“, weil er an einer Tal­sper­re arbei­tet), den sie schon allei­ne des­halb nicht ver­steht, weil sie als Kata­la­nin aus der Pro­vinz nie wirk­lich in Kon­takt mit dem Spa­ni­schen gekom­men ist. (Das war bis zum Bür­ger­krieg durch­aus nicht unüb­lich.) Stau­see wie­der­um kann bei einer Fahrt nach Vic nichts mit den kata­la­ni­schen Uhr­zei­ten anfan­gen. Was soll „zwei­ein­halb Vier­tel von zwei“ („dos quarts i mig de dues“) schon hei­ßen? Er hät­te ver­mut­lich eine Anga­be wie „es la una y cua­ren­ta“ erwar­tet. Die Zeit­an­ga­be direkt zu über­set­zen, also deut­schen Gepflo­gen­hei­ten ent­spre­chend zum Bei­spiel „13:37“ zu schrei­ben, hät­te dem Satz den Witz genom­men. Es ist also ein­leuch­tend, dass Zick­mann „dos quarts i mig de dues“ wört­lich wie­der­gibt. Dadurch behält der Text etwas von sei­ner Fremdheit.

Auch wenn Zick­manns Fokus vor­ran­gig auf Ver­ständ­lich­keit liegt, ihre Fas­sung von Solàs Text liest sich kei­nes­wegs tro­cken. Über­all da, wo sich die Mög­lich­keit bie­tet, bringt sie krea­ti­ve For­mu­lie­run­gen ein. „Mar­ga­ri­da va aturar els pol­zes“, heißt es an einer Stel­le (wört­lich: „Mar­ga­ri­da hielt die Dau­men an“). Zick­mann schreibt: „Mar­ga­ri­da hielt die Dau­men­müh­le an“. Die Ent­schei­dung, ein biss­chen am Text vor­bei zu über­set­zen, ist gar nicht schlecht, weil man förm­lich vor sich sieht, wie die mono­to­ne Bewe­gung des Däum­chen­dre­hens plötz­lich auf­hört. In einer ande­ren Pas­sa­ge wird die Ver­wandt­schaft mit dem Adjek­tiv „esque­na­mo­ll“ cha­rak­te­ri­siert, das so viel wie „schlu­de­rig“ bedeu­tet. Zick­mann liest es als „tra­nig“, was eine viel stär­ke­re, schlüs­si­ge­re Über­set­zung ist (zumal man die kata­la­ni­sche Ent­spre­chung auch nicht im gän­gi­gen Wör­ter­buch findet).

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de öfters Kri­tik an den Ent­schei­dun­gen der Jury zum Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se laut: Zwar ver­hel­fe die Aus­zeich­nung oft Titeln zu Auf­merk­sam­keit, die sonst viel­leicht unbe­merkt geblie­ben wären, nur schei­ne dabei die Qua­li­tät der Über­set­zung kei­ne all­zu wich­ti­ge Rol­le zu spie­len. Das ist dies­mal erfreu­li­cher­wei­se anders. Ja: Petra Zick­mann „behält die Ner­ven“, wie es in der Jury­be­grün­dung heißt. Sie lässt sich von der Schwie­rig­keit ihrer Vor­la­ge nicht abschre­cken und greift dort als Ver­mitt­le­rin ein, wo es nötig ist. Aber sie „(er-)findet“ eben auch „sinn­li­che Wor­te“ für ihre Figu­ren, was ihre Über­set­zung zu einem Lese­ge­nuss macht. Unein­ge­schränk­te Leseempfehlung!

Lieb­lings­stel­le

„Die Fins­ter­nis war vio­lett und flir­rend, opak, gra­nat­rot und blau zugleich, sum­mend, gespren­kelt, blind, dicht, tief und doch vol­ler Glanz. Sie wim­mel­te von klei­nem Getier, Zwei­gen, Zit­tern, Adern, hel­le­ren Stel­len. Die Fle­cken, kaum zu unter­schei­den, waren die bau­chi­gen Wän­de und die Decke eines Zim­mers, ein Bett, ein Nacht­tisch, eine Kom­mo­de, eine Tür und ein Fens­ter. Die Dun­kel­heit knis­ter­te. Reg­te sich, murmelte.“


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