Am 19. März werden die Preise der Leipziger Buchmesse verliehen, unter anderem in der Kategorie Übersetzung. Auf TraLaLit stellen wir die Nominierten vor. Alle Beiträge der Reihe sind hier zu finden.
Das Buch
Mit Irene Solàs inzwischen drittem Roman ist nun zum insgesamt zweiten Mal ein katalanischer Roman in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2016 war es ein Klassiker, Joan Sales’ Flüchtiger Glanz (Incerta glòria, Ü.: Kirsten Brandt), 2026 eine der wichtigsten und meistgelesenen katalanischen Gegenwartsautorinnen. Die Übersetzungsdatenbank des Instituts Ramon Llull zeigt für Solàs bisherige Romane – Die Deiche, Singe ich, tanzen die Berge und eben Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis – insgesamt 52 Treffer in allen möglichen Sprachen der Welt an, von Englisch und Französisch bis zu Ungarisch und Chinesisch. Kein Wunder also, dass nun mit S. Fischer auch einer der renommiertesten deutschen Verlage dieses Buch herausgibt.
Einen realistischen Roman braucht man von der Autorin, die in ihrem vorigen Buch die Natur sprechen ließ, allerdings auch diesmal nicht zu erwarten. Die Geschichte erstreckt sich über gut vierundzwanzig Stunden und ist schnell erzählt. Ort der Handlung ist das Mas Clavell, ein Anwesen irgendwo bei Girona. Uroma Bernadeta liegt im Sterben; aus diesem Anlass kommen die Frauen der Familie bei ihr zusammen, insgesamt rund fünf Generationen. Gemeinsam mit ihnen taucht das Publikum ein in eine ganz besondere Familiengeschichte. Alles beginnt mit Joana, die vergeblich nach einem Mann sucht, bis sie auf Empfehlung einer Kräuterfrau den Teufel heraufbeschwört. Sie bekommt ihren Wunsch erfüllt, allerdings hat Bernardí, obwohl eine insgesamt eher stattliche Erscheinung, an einem Fuß nur vier Zehen. Auch ihren gemeinsamen Kindern wird etwas fehlen, seien es Zunge, Herz oder Leber. Oft sind die Mängel aber auch moralischer Natur, etwa im Falle von Francesc, Margaridas Ehemann, der zu einem berüchtigten Banditen wird.
Für ihren Roman hat Irene Solà eine Menge Material zusammengetragen: lokale Märchen und Sagen, Rezeptbücher und Fachliteratur zu Jagd, Okkultismus und dem Spanischen Bürgerkrieg. Im Text wimmelt es vor seltenen Wörtern, die man sich mühsam aus entlegeneren Nachschlagewerken zusammensuchen muss. 2024 organisierte das Institut Ramon Llull in Olot, einem der Schauplätze des Buchs, daher auch ein Seminar, in dem die Autorin, wie die Kulturjournalistin Iris Llop in einem Artikel für El País erzählt, „die Türen zur Küche ihres Schreibprozesses“ öffnete, um ihren Übersetzer:innen Einblick in die Recherchen zum Buch zu geben. Auch Petra Zickmann hat sich den enormen Herausforderungen dieses Textes gestellt.
Die Jurybegründung
In Irene Solàs wildem Roman Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis finden sich die lebenden und toten Frauen vieler Generationen auf einem abgelegenen Hof ein. Tod und Teufel stehen vor der Tür. Petra Zickmann aber bewahrt die Nerven und (er-)findet auch im Deutschen sinnliche Worte für die bodenständigen, fantastischen, von Not und Eigensinn bestimmten Lebensgeschichten.
Die Übersetzung
Irene Solà macht es ihren Übersetzer:innen schon alleine deshalb nicht leicht, weil ihre Geschichte weit über hundert Jahre abdeckt. In dieser Zeit ist in der katalanischen Sprache einiges passiert. 1931 veröffentlichte Pompeu Fabra das erste normative katalanische Wörterbuch überhaupt, wenige Jahre später, in der Franco-Diktatur, wurde die Sprache unterdrückt und höchstens noch im Privaten verwendet. Das hatte Auswirkungen nicht nur auf ihre Tradierung, sondern auch auf die Literatur, und zwar bis heute. Einen Kanon gibt es in Katalonien kaum. Sicher, einige Autor:innen, darunter Mercè Rodoreda, gelten als Autoritäten, aber eine intensive Vermittlung älterer Texte, zum Beispiel aus dem 19. und 20. Jahrhundert, durch kommentierte Editionen bleibt aus, mit der Folge, dass Übersetzer:innen bei einer Autorin wie Irene Solà, die ganz gezielt auf folkloristische Quellen zurückgreift, viel zusätzlich recherchieren müssen, sei es nun in Fachlexika, Spezialwörterbüchern oder im direkten Gespräch mit Katalan:innen.
Petra Zickmann, die mit Víctor Catalàs Solitud bereits einen der schwierigsten katalanischen Texte überhaupt ins Deutsche gebracht hat, weiß, worauf sie sich bei Solà einlässt, und meistert ihre Aufgabe mit Bravour, auch wenn das heißt, dass sie zugunsten der Verständlichkeit vom Ausgangstext abweichen muss. Ein Beispiel hierfür sind die zahlreichen „refranys“, gereimte Sinnsprüche, die Phänomene des Alltags auf den Punkt bringen und, wie im nachfolgenden Beispiel, den Abstand zwischen Geschlechterbildern der Vergangenheit und der Gegenwart verdeutlichen, als Francesc, der neue so gottesfürchtige wie bigotte Herr auf dem Hof, seinem Knecht Bou erläutert, was von Frauen zu halten sei. Den Spruch hat Solà höchstwahrscheinlich einer der vielen gängigen Sammlungen entnommen, man könnte also durchaus versucht sein, in einer deutschen Quelle etwas Ähnliches aufzutun. Zickmann hat sich allerdings für eine direkte Übersetzung entschieden:
Una vegada que el diable i la dona van jugar, aquesta el va guanyar.
Spielt der Teufel gegen sie, gewinnt die Frau jede Partie.
Das funktioniert an dieser Stelle deshalb so gut, weil Zickmann den Halbreim bewahrt („jugar“/ „guanyar“: „sie“/ „Partie“). Nicht von ungefähr erinnert dieses Zitat an einen Bauernspruch, da ist das holprige Versmaß – die erste Hälfte trochäisch, die zweite jambisch – sogar von Vorteil.
An einer anderen Stelle werden Francesc und Margarida mit diesen Worten getraut: „Vós, en Francesc Llobera, donats vostre cos a na Margarida qui ací és, per lleial marit.“ Syntax und Vokabular klingen in den Ohren heutiger Katalan:innen recht archaisch, da Formen wie „ací“ höchstens noch in lokalen Varietäten wie dem Valencianischen zu finden sind. Zickmann übersetzt ohne Umschweife: „Willst du, Francesc Llobera, die hier anwesende Margarida zu deiner rechtmäßigen Ehefrau nehmen?“
Überhaupt scheint Zickmann vorrangig auf Verständlichkeit zu setzen. Das ist bei einer Vorlage, die so prominent auf ältere, dem deutschen Publikum nicht unbedingt zugängliche Quellen setzt, auch nachvollziehbar. So erklärt sie wenig gebräuchliche Termini gern in einer Fußnote: „Mittelalterliche Holzflöte, die auf keinem Volksfest fehlen darf“, heißt es etwa zur Xirimia. Das gilt auch für die Diglossie, also das Vorkommen von zwei Sprachen (in diesem Fall Spanisch und Katalanisch) auf einem Gebiet.
In einer hochkomischen Szene erzählt die Figur Dolça von ihrem Freund (Spitzname „Stausee“, weil er an einer Talsperre arbeitet), den sie schon alleine deshalb nicht versteht, weil sie als Katalanin aus der Provinz nie wirklich in Kontakt mit dem Spanischen gekommen ist. (Das war bis zum Bürgerkrieg durchaus nicht unüblich.) Stausee wiederum kann bei einer Fahrt nach Vic nichts mit den katalanischen Uhrzeiten anfangen. Was soll „zweieinhalb Viertel von zwei“ („dos quarts i mig de dues“) schon heißen? Er hätte vermutlich eine Angabe wie „es la una y cuarenta“ erwartet. Die Zeitangabe direkt zu übersetzen, also deutschen Gepflogenheiten entsprechend zum Beispiel „13:37“ zu schreiben, hätte dem Satz den Witz genommen. Es ist also einleuchtend, dass Zickmann „dos quarts i mig de dues“ wörtlich wiedergibt. Dadurch behält der Text etwas von seiner Fremdheit.
Auch wenn Zickmanns Fokus vorrangig auf Verständlichkeit liegt, ihre Fassung von Solàs Text liest sich keineswegs trocken. Überall da, wo sich die Möglichkeit bietet, bringt sie kreative Formulierungen ein. „Margarida va aturar els polzes“, heißt es an einer Stelle (wörtlich: „Margarida hielt die Daumen an“). Zickmann schreibt: „Margarida hielt die Daumenmühle an“. Die Entscheidung, ein bisschen am Text vorbei zu übersetzen, ist gar nicht schlecht, weil man förmlich vor sich sieht, wie die monotone Bewegung des Däumchendrehens plötzlich aufhört. In einer anderen Passage wird die Verwandtschaft mit dem Adjektiv „esquenamoll“ charakterisiert, das so viel wie „schluderig“ bedeutet. Zickmann liest es als „tranig“, was eine viel stärkere, schlüssigere Übersetzung ist (zumal man die katalanische Entsprechung auch nicht im gängigen Wörterbuch findet).
In den vergangenen Jahren wurde öfters Kritik an den Entscheidungen der Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse laut: Zwar verhelfe die Auszeichnung oft Titeln zu Aufmerksamkeit, die sonst vielleicht unbemerkt geblieben wären, nur scheine dabei die Qualität der Übersetzung keine allzu wichtige Rolle zu spielen. Das ist diesmal erfreulicherweise anders. Ja: Petra Zickmann „behält die Nerven“, wie es in der Jurybegründung heißt. Sie lässt sich von der Schwierigkeit ihrer Vorlage nicht abschrecken und greift dort als Vermittlerin ein, wo es nötig ist. Aber sie „(er-)findet“ eben auch „sinnliche Worte“ für ihre Figuren, was ihre Übersetzung zu einem Lesegenuss macht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!
Lieblingsstelle
„Die Finsternis war violett und flirrend, opak, granatrot und blau zugleich, summend, gesprenkelt, blind, dicht, tief und doch voller Glanz. Sie wimmelte von kleinem Getier, Zweigen, Zittern, Adern, helleren Stellen. Die Flecken, kaum zu unterscheiden, waren die bauchigen Wände und die Decke eines Zimmers, ein Bett, ein Nachttisch, eine Kommode, eine Tür und ein Fenster. Die Dunkelheit knisterte. Regte sich, murmelte.“

