Timea Tan­kó: die Beseelende

In „Die Aussiedlung“ erzählt András Visky von seiner Zeit in einem rumänischen Zwangsarbeitslager. Die einhellige Begeisterung der deutschsprachigen Literaturkritigk ist auch das Verdienst der Übersetzerin Timea Tankó. Jetzt ist sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Von

Die Übersetzerin Timea Tankó ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Die Übersetzerin Timea Tankó (Foto: privat) neben dem Cover ihrer Übersetzung von András Viskys "Die Aussiedlung".

Am 19. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­lie­hen, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Die Aus­sied­lung ist das Roman­de­büt des als Thea­ter­au­tor bekann­ten András Vis­ky. Das ist fak­tisch rich­tig, und scheint als Beschrei­bung die­ses Buches doch völ­lig unzu­tref­fend. Über zwan­zig Jah­re hat Vis­ky dar­an geschrie­ben. Und auch davor schon habe er gewusst, dass all sein Schrei­ben in die­sen für ihn offen­bar gera­de­zu not­wen­di­gen Roman mün­den wür­de, wie er in einem Inter­view erklärt. Das unga­ri­sche Ori­gi­nal war 2022 ein gro­ßer Erfolg. Auch Timea Tan­kós 2025 im Suhr­kamp Ver­lag erschie­ne­ne Über­set­zung beein­druck­te die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur­kri­tik rest­los. Maxi­mi­li­an Men­ger­in­haus, Rezen­sent für den Deutsch­land­funk, möch­te gar „auf die Knie gehen“ vor der Arbeit der Über­set­ze­rin, und da gehen wir mit, aber von vorn.

András Vis­ky erzählt in Die Aus­sied­lung aus sei­ner eige­nen Fami­li­en­ge­schich­te, von der Zeit, die er als Kind mit sei­ner Mut­ter und den sechs älte­ren Geschwis­tern in einem Zwangs­ar­beits­la­ger in Rumä­ni­en ver­brach­te. Die Fami­lie gehört der unga­ri­schen Min­der­heit an, zudem ist der Vater Pries­ter und sei­ne Pre­dig­ten sind den Par­tei­or­ga­nen ein Dorn im Auge. Ende der 1950er wird er von der Secu­ri­ta­te ergrif­fen, gefol­tert und zu zwei­und­zwan­zig Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Damit ver­schwin­det der Vater phy­sisch aus dem Leben der Fami­lie. Wenig spä­ter wer­den Mut­ter Júlia und die Kin­der als „Sys­tem­fein­de“ zwangs­aus­ge­sie­delt, d.h. in ein Zwangs­ar­beits­la­ger deportiert.

Dort, in der Bără­gan-Ebe­ne, einer step­pen­ar­ti­gen Land­schaft im Süd­os­ten Rumä­ni­ens, mit eis­kal­ten Win­tern und brü­tend hei­ßen Som­mern, durch­lebt die Fami­lie fast fünf Jah­re lang die viel­ge­stal­ti­gen Grau­en des Lager­le­bens. Die Mut­ter muss Zwangs­ar­beit leis­ten, und weil alle Bara­cken bereits belegt sind, haust die Fami­lie in selbst­ge­bau­ten Erd­lö­chern, die kaum Schutz vor Käl­te, Wind und Feuch­tig­keit bieten. 

Von Käl­te, Hun­ger und Krank­heit erzählt der Roman, von Schi­ka­ne und Gewalt, Schmerz und Angst. Und von den Men­schen, teils recht gro­tes­ke Gestal­ten, mit denen die Fami­lie im Lager zu tun hat: Da ist der Gru­ben­bau­er und Kno­chen­samm­ler Grü­ber, der mit den sorg­sam in beschrif­te­ten Säcken ver­stau­ten Ske­let­ten sei­ner Frau und sei­nen vier Kin­dern in einem eige­nen Erd­loch lebt; die tat­kräf­ti­ge „Pilo­tin und Frei­den­ke­rin“ Nadia; der „ewi­ge Archi­tek­tur­stu­dent“ Aurél, der nicht etwa ewig stu­diert, son­dern sein durch die Depor­ta­ti­on unter­bro­che­nes Stu­di­um schlicht nie wird abschlie­ßen kön­nen; da sind Faschis­ten­wit­wen, Pries­ter und Phi­lo­so­phen; Rumä­nen, Ungarn, Öster­rei­cher und Bana­ter Schwa­ben, Juden, Roma, Ortho­do­xe und Pro­tes­tan­ten. Man­che kämp­fen mit aller Kraft ums Über­le­ben, ande­re hof­fen völ­lig ent­kräf­tet nur noch auf den Tod. So irgend­wann auch Júlia, streng bewacht und so gut es geht ver­sorgt von ihren Kindern.

Die Stim­me, die von die­sem schier unbe­schreib­li­chen Elend erzählt, ist die des klei­nen András, des jüngs­ten der sie­ben Kin­der, die die Mut­ter noch in der größ­ten Todes­sehn­sucht lie­be­voll „mei­ne Sper­lin­ge“ nennt. Schon wäh­rend der Lager­zeit ver­steht sich András als unfrei­wil­li­ger „Augen­zeu­ge“, ja mehr als das: „mei­ne gro­ßen Geschwis­ter sagen, dort wo ande­re Ohren haben, habe ich Anten­nen, selbst Geschich­ten, die nie jemand erzählt, höre ich“. Im Ver­such, sie zu trös­ten, schwört er sei­ner Mut­ter: „ich mer­ke mir alles und wer­de über alles schrei­ben, wenn die Zeit gekom­men ist , […] schrei­ben ver­wen­de ich als Syn­onym für rächen, ohne zu wis­sen, was ich sage“. 

Indem der klei­ne András zum Erzäh­ler des Romans wird, löst sich die­ses Ver­spre­chen ein, aber er erzählt nicht mit einer Rächer­stim­me, son­dern – und das ist ganz wesent­lich für den Roman – ohne jede Spur von Ver­bit­te­rung. Er erzählt aus kind­li­cher Per­spek­ti­ve, als jemand, der die Welt um sich her­um mit allen Sin­nen auf spie­le­ri­sche, fan­ta­sie­vol­le Wei­se zu ver­ste­hen ver­sucht. Eine zen­tra­le Rol­le spie­len dabei auch die Geschich­ten, mit denen sei­ne Geschwis­ter und er auf­wach­sen, vor allem Geschich­ten aus der Bibel, die in ihrem Leben all­ge­gen­wär­tig sind und die ihnen die tief­gläu­bi­ge Mut­ter auch im Lager täg­lich vor­liest. Sie neh­men sie wört­lich, wen­den sie im Ver­such, das Erleb­te zu ver­ste­hen, auf ihre Wirk­lich­keit an. Umge­kehrt ver­su­chen sie aber auch, die Bibel und das Wesen Got­tes durch ihre all­täg­li­che Erfah­rung zu begrei­fen, und stel­len dabei unwei­ger­lich irgend­wann auch die Theo­di­zee-Fra­ge. Gleich­zei­tig ent­steht in der hand­fes­ten Ver­mi­schung von Bibel- und Lebens­ge­schich­ten aber auch eine Komik, die den Figu­ren in der Bewäl­ti­gung des Erleb­ten hilft und auch der Lek­tü­re eine gewitz­te Leich­tig­keit verleiht.

Die Bibel war auch eine maß­geb­li­che Inspi­ra­ti­on für den Auf­bau des Romans. Er ist in 822 durch­num­me­rier­te, kur­ze, weni­ge Zei­len bis eine Sei­te lan­ge, lose zu grö­ße­ren Kapi­teln zusam­men­ge­fass­te Abschnit­te geglie­dert, die mal eine in sich abge­schlos­se­ne Epi­so­de oder Geschich­te in der Geschich­te erzäh­len, mal flie­ßend inein­an­der über­ge­hen und eine Hand­lungs­epi­so­de in ein­zel­ne Momen­te zer­glie­dern, die jeweils auch für sich selbst spre­chen. Nicht immer folgt die Erzäh­lung der Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se, bil­det aber trotz­dem einen unge­bro­che­nen Erzähl­strom – und zwar wört­lich: Vis­ky hat in sei­nem Roman kei­nen ein­zi­gen Punkt gesetzt.

War­um das so ist, erklärt der jun­ge Erzäh­ler selbst. Als der ältes­te Bru­der sei­ne Geschich­ten, die eben­falls von der Bibel inspi­riert sind (wenn auch eher klang­lich) spöt­tisch „das hei­li­ge Evan­ge­li­um nach András“ nennt, erklärt dieser:

ich kann nach­voll­zie­hen, dass Gott der Ver­su­chung, Geschich­ten aus­zu­schmü­cken, nicht wider­ste­hen kann, aber dar­um geht es hier nicht, eher um die Lee­re der Wör­ter, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen, jemand hat sie ihrer Bedeu­tung beraubt, des­halb muss ich die glei­che Geschich­te oft erzäh­len, damit etwas aus ihr wird, ich kann kei­nen Punkt ans Ende der Sät­ze set­zen, denn sie haben kein Ende

Für Erzäh­ler wie Autor scheint das Erzäh­len eine Not­wen­dig­keit zu sein. Die Geschich­ten aus dem Gulag müs­sen erzählt wer­den, müs­sen erzähl­bar gemacht wer­den. Die Form, die András Vis­ky dafür in sei­nem Roman gefun­den hat, ver­bin­det die schar­fe geschichts­po­li­ti­sche Betrach­tung des Autors mit dem fan­ta­sie­vol­len Blick eines Kin­des, das in die­ser unbe­greif­li­chen Welt irgend­wie zu über­le­ben ver­sucht. Dar­in liegt die unge­heu­re Kraft des Romans, der sich sowohl auf Erin­ne­run­gen als auch auf umfang­rei­che Recher­chen stützt. Letzt­lich ist der Roman aber – wie eine schon jetzt viel zitier­te Vor­be­mer­kung klar­stellt − „Fik­ti­on, der Phan­ta­sie eines irgend­wie erwach­sen gewor­de­nen Kin­des ent­sprun­gen, das sei­ne mehr­jäh­ri­ge Gulag-Erfah­rung ein­fach nicht von sei­nen Phan­tas­men zu tren­nen ver­mag.

Die Jury-Begrün­dung

In größ­ter Gefahr fin­det die Fami­lie Halt in der gemein­sa­men Spra­che, die das hei­mi­sche Unga­risch mit dem frem­den Rumä­nisch und den Ver­sen der Bibel ver­bin­det. Eine Her­aus­for­de­rung für jede Über­set­zung. Timea Tan­kó bewäl­tigt die­se Auf­ga­be glän­zend. Sie bewahrt die beson­de­re Gestalt die­ser Spra­che und erschafft die kind­li­che Per­spek­ti­ve des erin­nern­den Erzäh­lers so glaub­haft neu, dass sich die bedrü­cken­de Erfah­rung eben­so über­trägt wie die Hoff­nung auf Erlösung.

Die Über­set­zung

Es ist eine gigan­ti­sche Auf­ga­be, die Timea Tan­kó mit der Über­set­zung die­ses sprach­ge­wal­ti­gen, schon jetzt von vie­len Kritiker*innen und Schriftstellerkolleg*innen als „Jahr­hun­der­t­ro­man“ gelob­ten Tex­tes vor sich hat­te. Da ist die bereits beschrie­be­ne kind­lich-ver­spiel­te Per­spek­ti­ve, die auch mit einer gro­ßen Krea­ti­vi­tät bei Wort­neu­schöp­fun­gen und ‑abwand­lun­gen ein­her­geht. Da ist die Tat­sa­che, dass mit den Mög­lich­kei­ten des deut­schen Satz­baus der punkt­lo­se Fluss der Erzäh­lung nach­ge­bil­det wer­den muss, und dass in die­sem Sprach­fluss unter­schied­li­che Regis­ter und Ton­la­gen über­gangs­los auf­ein­an­der fol­gen. Da ist die Rhyth­mi­zi­tät und Melo­dik von Vis­kys Sät­zen, die auch in der Über­set­zung mit erstaun­li­cher Leich­tig­keit dahin­flie­ßen. Und da ist das Neben­ein­an­der der ver­schie­de­nen Spra­chen, mit dem Timea Tan­kó äußerst prä­zi­se umzu­ge­hen weiß.

Vor allem aber ste­hen die Spra­chen, mit und in denen der Erzäh­ler lebt, selbst im Fokus sei­ner Beob­ach­tun­gen. Die Erzäh­lung ist ein per­ma­nen­tes Erkun­den von Spra­che in ihrem Ver­hält­nis zur Wirk­lich­keit. Dabei spie­len noch mehr „Spra­chen“ eine Rol­le als das Unga­ri­sche, das die Fami­lie spricht, und das Rumä­ni­sche, das zu ver­ste­hen und erst recht zu spre­chen ihnen Schwie­rig­kei­ten berei­tet. Hin­zu kom­men noch das „Frem­d­un­ga­ri­sche“, die herr­lich fremd klin­gen­den, alter­tüm­li­chen Wor­te der unga­ri­schen Bibel­über­set­zung, aus der sie lesen; das vom ältes­ten Bru­der zur abwe­sen­den „Mut­ter­spra­che“ erklär­te „Öster­rei­chisch“, die den Kin­dern frem­de Erst­spra­che der Mut­ter; auch der Par­tei-Sprech bil­det für die Erzäh­lung gewis­ser­ma­ßen eine eige­ne Spra­che, die erkun­det und iro­ni­siert ein­ge­setzt wird; genau­so wie die gewalt­vol­le Behör­den­spra­che der Beschlüs­se, die über Depor­ta­ti­on und Gefan­gen­schaft ent­schei­den. All die­se „Spra­chen“ hat Timea Tan­kó sehr plas­tisch nachgebildet.

Das ist aber nur der ers­te Schritt, denn gan­ze Absät­ze ent­spin­nen sich dann aus feins­ten Beob­ach­tun­gen die­ser Sprech­wei­sen und ein­zel­ner sprach­li­cher Aus­drü­cke. Mal ist es ihre wört­li­che Bedeu­tung, mal ihr fremd­ar­ti­ger Klang, der abge­tas­tet und aus­ein­an­der­ge­nom­men wird, wenn der kind­li­che Erzäh­ler dar­in nach Sinn­zu­sam­men­hän­gen und Erklä­run­gen für das Erleb­te sucht. Geprägt vom Glau­ben sei­ner Mut­ter sind Wör­ter für den klei­nen András nicht bloß äuße­re Hül­le, sie sind leben­dig, es lebt etwas in ihnen, eine See­le, ein Sinn, aus dem sich ihre äuße­re Form, ihr Klang bedingt.

In sei­nen Sprach­er­kun­dun­gen wer­den poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Bruch­li­ni­en sowie die Wirk­sam­keit der Macht­ver­hält­nis­se greif­bar, etwa wenn ein Offi­zier der Secu­ri­ta­te sei­nen eige­nen unga­ri­schen Nach­na­men „rumä­ni­siert“, oder wenn die Kin­der in der Lager­schu­le das rumä­ni­sche ă nicht rich­tig aus­spre­chen kön­nen, was ihnen von Mitschüler*innen wie Leh­re­rin üble Beschimp­fun­gen und Aus­gren­zun­gen ein­trägt. Im ers­ten Fall ver­tieft eine Anmer­kung der Über­set­ze­rin im sehr fokus­siert gehal­te­nen Anmer­kungs­ap­pa­rat den Zusam­men­hang; die Anmer­kun­gen sind aber nie not­wen­dig, um den Über­le­gun­gen des Erzäh­lers zu fol­gen, sie erge­ben sich immer auch aus der erzähl­ten Situa­ti­on her­aus, ohne dass der Text je erklä­rend wir­ken würde. 

auf jeden Fall haben wir die­sem ers­ten Lager, Răchi­toa­sa, zu ver­dan­ken, dass wir die rumä­ni­schen Dop­pel­lau­te tadel­los aus­spre­chen kön­nen, am stärks­ten haben sich die stei­gen­den Dop­pel­lau­te wie die­ses an Brül­len erin­nern­de oa in unse­re Spra­che ein­ge­nis­tet, als wäre sie schon immer ihre Hei­mat gewesen

So kom­men­tiert der Erzäh­ler sei­ne Erfah­rung mit dem rumä­ni­schen ă. Die erfah­re­ne Aus­gren­zung schreibt sich sei­ner Spra­che dau­er­haft ein, in Form einer klang­li­chen Spur sowie in Form eines aku­ten Bewusst­seins für die­sen Laut, der in sei­nem Kopf mit einer gan­zen Bild­welt einhergeht:

ele­men­te dușmă­n­oa­se, feind­li­che Ele­men­te, das sind wir, vor allem unse­re Mut­ter, wie schön die­ser stei­gen­de Dop­pel­laut, der glei­che wie in dem Wort Răchi­toa­sa, ein sekun­den­schnel­les oa, wie die Kopf­be­we­gung und Maul­hal­tung von Zir­kus­lö­wen, wenn sie sich den fei­gen Stup­sern des abscheu­li­chen Domp­teurs wider­set­zen, im Gegen­satz dazu erin­nert das unga­ri­sche ellen­sé­ges ele­mek mit sei­nen vie­len e eher an die stu­re Selbst­sucht einer alten Zie­ge, bei der rumä­ni­schen Wort­ver­bin­dung ver­steht man sofort, dass die Par­tei­zen­tra­le han­deln, sich unver­züg­lich um die feind­li­chen Ele­men­te des Sozia­lis­mus küm­mern musste

Wäh­rend er den Klang die­ses für sein Schick­sal so zen­tra­len Begriffs mit sei­ner Bedeu­tung in Ein­klang zu brin­gen ver­sucht, ent­steht eine leben­di­ge Bild­lich­keit, die unver­mit­telt ins Sub­ver­si­ve abrutscht, obwohl der kind­li­che Erzäh­ler den Begriff gar nicht in Fra­ge zu stel­len gedenkt. Es ist die ihm ange­dich­te­te Bild­lich­keit, die sei­ne Absur­di­tät entlarvt.

Immer wie­der scheint in sol­chen Beob­ach­tun­gen auch im sprach­li­chen Umgang mit der erleb­ten Gewalt ein Über­le­bens­wil­le, eine Wider­stands­kraft auf. Nicht immer ent­sprin­gen die­se nur der Vor­stel­lung des Erzäh­lers. Die Lager­be­woh­ner etwa hei­ßen in der Erzäh­lung „Deos“. Erst etwas spä­ter in der Erzäh­lung erklärt sich, dass das die laut­li­che Aus­schrei­bung von „D.O.“ ist und D.O. für „domic­i­liu obli­ga­to­riu“ steht, was „Zwangs­wohn­sitz“ bedeu­tet. In der münd­li­chen Spra­che wird die for­ma­li­sier­te Abkür­zung auf iro­nisch-spöt­ti­sche Wei­se ver­schlif­fen und ver­frem­det, bis sie eine gänz­lich neue Bedeu­tung erhält:

so sieht es aus, Ansied­lung der oben genann­ten mit Dëo, so steht es im Urteil, zudem nennt man uns deoși, aus­zu­spre­chen als dëo­schi, Beto­nung auf der zwei­ten Sil­be und am Ende ein ganz kur­zes, fei­nes, kaum hör­ba­res i oder mit beton­tem Arti­kel deoșii, aus­zu­spre­chen als dëo­schi mit einem kla­ren i am Ende, wir sind mit Deo, dar­an gibt es nichts zu beschö­ni­gen, jetzt habe ich dich, du all­mäch­ti­ger Deo, mein ver­irr­ter und ver­wirr­ter Gott, ich habe dich erwischt, das bedeu­tet das Lächeln unse­rer Mut­ter, der Ëwi­gë hat uns hier­her aus­ge­sie­delt, geschlos­se­nes ë, wer sonst, das steht im Beschluss, schwarz auf weiß, das ist ganz klar, auch der Josef­städ­ter Pfar­rer sprach unent­wegt von Deo, wenn er zu Latein wech­sel­te, flat­ter­ten die Feder­be­sen der gemal­ten Engel, dass Brot und Wein sich in Leib und Blut des Erlö­sers ver­wan­delt hät­ten, lässt sich nicht nach­wei­sen, aber Wor­te ver­wan­deln sich gewiss

Spra­che ist in Die Aus­sied­lung unge­heu­er leben­dig, gera­de­zu beseelt. Wohl auch des­halb bleibt die Erzäh­lung bei aller Grau­sam­keit immer dem Leben zuge­wandt. Obwohl man durch die Rele­vanz des Unga­ri­schen auch für die Hand­lung nie ver­gisst, dass der deut­sche Text eine Über­set­zung ist, mag man beim Lesen kaum glau­ben, dass er zuerst in einer ande­ren Spra­che erzählt wur­de. Timea Tan­kó hat gran­dio­se Arbeit geleis­tet, die sehr ein­drück­lich vor­führt, dass etwas aus dem Ori­gi­nal zu „erhal­ten“ immer heißt, es mit den Mög­lich­kei­ten einer ande­ren Spra­che „neu zu erschaffen“.

Lieb­lings­stel­le

„Auch der Par­tei­se­kre­tär läuft los und kommt dann zurück, aber er bringt kei­nen Kamm, son­dern erstat­tet dem Secu­ri­ta­te-Mann Bericht, er habe die Sache gere­gelt, alles in Ord­nung, kurz danach taucht ein Trak­tor auf, mit einem lee­ren, nach Mist rie­chen­den Anhän­ger, ein­stei­gen, lau­tet der Befehl, nach uns klet­tert auch das Emp­fangs­ko­mi­tee her­auf und zum Schluss die zu unse­rer Bewa­chung beor­der­ten Sol­da­ten, der Secu­ri­ta­te-Mann steht noch unten, er will sich neben den Trak­tor­fah­rer set­zen, Sie kön­nen sich nur auf mei­nen Schoß set­zen, aber machen Sie ruhig, sagt er, deu­tet mit einer ent­schlos­se­nen Ges­te zwi­schen sei­ne Bei­ne, lacht hämisch, ganz offen­sicht­lich nicht nur über sei­nen Scherz, son­dern auch dar­über, dass er über einen Mann von der Secu­ri­ta­te lachen darf, die­ser droht ihm, flucht und klet­tert schließ­lich zu uns her­auf, ptiu, mama mătii de țăran împuțit, Huren­sohn von einem Drecks­bau­ern, sagt er im Geis­te der Arbei­ter-Bau­ern-Brü­der­lich­keit, spuckt mehr­mals aus, als woll­te er den Teu­fel ver­trei­ben, ptiu, ptiu, ptiu

Anm. d. Red.: Die­ser Bei­trag wur­de ohne Kennt­nis der Ori­gi­nal­spra­che ver­fasst. Mehr zum The­ma hier.


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