Man­fred Gmei­ner: der Ehrgeizige

In seinem Roman „Unten Leben“ zeichnet der peruanische Autor Gustavo Faverón Patriau ein Tableau Lateinamerikas in den Fängen seiner Geschichte. Die nicht weniger ambitionierte Übersetzung von Manfred Gmeiner steht auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Von

Manfred Gmeiner (© Joachim Hass-Feldmann) und die nominierte Übersetzung.

Am 19. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­lie­hen, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Unten Leben ist ein merk­wür­di­ger Roman mit einem merk­wür­di­gen Titel. Man könn­te ihn (mit Blick auf den Inhalt, nicht die Qua­li­tät) als grau­en­voll bezeich­nen und sei­nen Ver­fas­ser als grö­ßen­wahn­sin­nig – das wür­de auch zu sei­nen Figu­ren pas­sen. Die­se lan­den in regel­mä­ßi­gen Abstän­den in der Psych­ia­trie oder im Gefäng­nis oder wer­den gefes­selt in einem Kel­ler ein­ge­sperrt. Kein Wun­der also, dass irgend­wann nie­man­dem mehr klar ist, wer die Wahr­heit sagt und wer nicht, und was real in fik­ti­ven Welt ist und was nicht: „Der Stein des Wahn­sinns steck­te in die­sem Häus­chen, als sei der Wahn­sinn er, als sei er der Stein und die­ses Haus sei der Geist eines Wahn­sin­ni­gen”, erklärt einer der vie­len Erzähler:innen nach gut 500 Sei­ten, auf denen gefol­tert, ver­ge­wal­tigt oder umge­bracht wird.

Bei dem Titel „Unten leben” han­delt es sich um die wört­li­che Über­set­zung des Ori­gi­nals Vivir aba­jo. Es ist der zwei­te Roman des perua­ni­schen Autors Gustavo Faver­ón Patri­au, der auf Spa­nisch bereits 2018 erschien und im letz­ten Jahr erst­mals auf Deutsch ver­öf­fent­licht wur­de. Schon die spa­nisch­spra­chi­gen Medi­en fei­er­ten den Roman als „Meis­ter­werk” und sei­nen Ver­fas­ser als „geni­al” sowie als wür­di­gen Nach­fol­ger von Mario Var­gas Llosa. Auch hier­zu­lan­de wur­de der Roman sehr wohl­wol­lend rezi­piert; nur die eng­li­sche Über­set­zung lässt noch auf sich warten. 

Wer ande­re Bespre­chun­gen des Romans liest, dem wird irgend­wann auf­fal­len, dass vie­le Lite­ra­tur­kri­ti­ker es gar nicht erst ver­su­chen, die­sen ambi­tio­nier­ten Roman zusam­men­zu­fas­sen. Wer es pro­biert, merkt schnell, dass man zwar ein oder zwei Tei­le die­ses groß­flä­chi­gen Puz­zles her­aus­pi­cken und beschrei­ben kann, aber nur unter der Vor­aus­set­zung, dass ein Groß­teil der Hand­lung dabei über­gan­gen wer­den muss – und mit der abso­lu­ten Gewiss­heit, der Kom­ple­xi­tät der Hand­lung nicht gerecht zu wer­den. Faver­óns Erzähl­stim­men sind wenig ver­trau­ens­wür­dig, die Erzähl­strän­ge wenig line­ar und ein­zel­ne Figu­ren haben ähn­li­che Namen oder legen sich ande­re zu. Zudem spielt der Roman auf drei Kon­ti­nen­ten und umfasst meh­re­re Jahr­zehn­te. Dass man dabei mit­un­ter den Faden ver­lie­ren kann, ist gewollt, denn Faver­ón weiß ganz genau, was er tut, und über­zeugt als meis­ter­haf­ter Strippenzieher.

Der Roman beginnt mit Geor­ge Ben­nett, der zen­tra­len Figur. Er befin­det sich gera­de in Lima, wo er dabei beob­ach­tet wird, wie er einen Nazi-Deut­schen ver­folgt, der sich nach dem Krieg in Latein­ame­ri­ka nie­der­ge­las­sen hat. Auf­ge­wach­sen ist er aller­dings in Bruns­wick, einem beschau­li­chen Städt­chen an der US-ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te, das vie­le bekann­te Schriftsteller:innen behaust hat, unter ande­rem Har­riet Bee­cher Sto­we und Faver­ón selbst, der dort am Bow­do­in Col­lege spa­nisch­spra­chi­ge Lite­ra­tur unter­rich­tet. Als Sohn einer Boli­vie­rin und eines CIA-Agen­ten wächst Geor­ge Ben­nett, ein ange­hen­der Fil­me­ma­cher, zwei­spra­chig auf und freun­det sich mit einem Ehe­paar an: Clay Richard ist Orni­tho­lo­ge und lebt mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau, der Perua­ne­rin Laura.

Aus ihrer Per­spek­ti­ve erfah­ren wir, wie Geor­ges Vater ver­haf­tet wird, nach­dem er wochen­lang einen Jun­gen aus der Stadt im Kel­ler gefan­gen gehal­ten und miss­braucht hat. Er kommt bei den Richards unter, wo Lau­ra ihm nicht nur die über hun­dert gesam­mel­ten Roman­ma­nu­skrip­te zeigt, von denen jedes selt­sa­mer­wei­se von einer Buch­hand­lung in Sant­ia­go de Chi­le an ihre Adres­se geschickt wur­de (ein Rät­sel, das ihren Ehe­mann schwer beschäf­tigt), son­dern ihm auch ihre eige­ne Lei­dens­ge­schich­te erzählt, die eben­falls einen Kel­ler, die gru­se­li­ge Geburt eines Kin­des und eine Ver­schlep­pung nach Ecua­dor umfasst. Spä­ter wird Geor­ge nach Latein­ame­ri­ka gehen, um sie zu rächen. 

Immer wie­der agie­ren Faver­óns Figu­ren im Unter­grund. Ohne eini­ge höchst komi­sche Sze­nen und eine gehö­ri­ge Por­ti­on Slap­stick – als könn­ten die Figu­ren selbst kaum fas­sen, was ihnen da wider­fährt – wäre der Roman kaum zu ertra­gen. Das gro­tes­ke Spiel von Zufall und Schick­sal wird zudem durch sei­ten­lan­ge Exkur­se über Roma­ne, Fil­me und Anek­do­ten aus der latein­ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts gera­de­zu abge­fe­dert. Und genau die­se Mischung macht Unten Leben zu einem leben­di­gen, groß­flä­chi­gen Pan­ora­ma, vol­ler Lust an der Lite­ra­tur und an der Kunst des Erzählens.

Die Jury­be­grün­dung

Dut­zen­de Stim­men bil­den in die­sem meis­ter­haf­ten Hor­ror- und Schel­men­ro­man ein Mosa­ik der düs­te­ren Geschich­te Latein­ame­ri­kas. Man­fred Gmei­ner hat die­se laby­rin­thi­sche Erzäh­lung mit spie­le­ri­scher Ele­ganz über­tra­gen, ohne jemals den Blick auf ihre eigen­sin­ni­gen Figu­ren, die lite­ra­ri­schen Quer­ver­wei­se und das magi­sche Fun­keln der Poe­sie zu ver­lie­ren. Sei­ne eben­so furcht­lo­se wie packen­de Über­set­zung macht die Lek­tü­re zu einer unver­gess­li­chen Erfahrung.

Die Über­set­zung

Man­fred Gmei­ner ist eige­nen Anga­ben zufol­ge „erst spät zum Über­set­zen gekom­men“, nach­dem er jah­re­lang die spa­nisch- und por­tu­gie­sisch­spra­chi­ge Buch­hand­lung La Libre­ría in Wien betrie­ben hat­te. In die­ser Hin­sicht ist er (unab­hän­gig vom Buch, das wenig über­ra­schend zum Preis passt) eine Art Außen­sei­ter auf der dies­jäh­ri­gen Short­list, auf der sich ansons­ten sehr erfah­re­ne Übersetzer:innen befin­den, und mit Timea Tan­kó sogar eine Preis­trä­ge­rin

Die Jury bezeich­net sei­ne Über­set­zung als „furcht­los und packend“. Dabei han­delt es sich um Adjek­ti­ve, die Jury-Mit­glied Tho­mas Hum­mitzsch bereits in sei­ner Bespre­chung im Herbst ver­wen­det hat, ohne zu ver­ra­ten, was er damit meint. „Furcht­los“ mit Blick auf die mit­un­ter grau­si­gen Sze­nen? Oder weil Gmei­ner sich über­haupt an das Mam­mut­werk her­an­ge­traut hat? Oder gar, weil er als Über­set­zer im Ide­al­fall kei­ne Angst vor der deut­schen Spra­che haben darf?

Viel­leicht ver­rät die Über­set­zung selbst ja mehr. Zu Beginn gibt sich Unten Leben sprach­lich noch auf­fal­lend zurück­hal­tend. Geor­ge wird von einem unbe­kann­ten Erzäh­ler ver­folgt, der sei­ne Schrit­te und Hand­lun­gen zwar genau, aber zunächst in flüch­tig wir­ken­den kur­zen Sät­zen notiert. Die­ser Ein­druck wird durch die Ver­wen­dung des Prä­sens noch ver­stärkt. Dadurch ent­steht der Ein­druck, der Erzäh­ler säße in nächs­ter Nähe zu den Leu­ten, die er beob­ach­tet, und wür­de in die­sem Moment alles zu Papier brin­gen, was Geor­ge tut oder sagt. In der fol­gen­den Sze­ne spricht Geor­ge gezielt im Kino Ari­ad­na an, die Toch­ter von Rai­ner Enzens­ber­ger, dem besag­ten Nazi-Deutschen:

Geor­ge son­ríe, dice: qui­zás eres tú la que me está sigu­i­en­do a mí. ¿Ella tam­bién son­ríe? No está acos­tumb­ra­da a hab­lar con des­co­no­ci­dos, y sin embar­go, cuan­do se ale­ja del cine y Geor­ge avan­za a su lado, no se sien­te inva­di­da. Vuel­ven a hab­lar de La batal­la de Argel. Él le ha de hacer notar que algu­nos de los acto­res no son pro­fe­sio­na­les, sino rebel­des arge­l­i­nos que, en la pelí­cu­la, hacen el papel de ellos mis­mos. Ella dirá que enton­ces no es una fic­ción. Él respon­derá que no pue­de no ser una fic­ción. Sob­re todo las esce­nas de tor­tu­ras, debe decir. Ella ha de preg­un­t­ar por qué. Él dirá: por­que una tor­tu­ra siemp­re ent­ra­ña una ficción.

Geor­ge lächelt, sagt, viel­leicht bist es du, die mir folgt. Lächelt sie auch? Sie ist es nicht gewohnt, mit Unbe­kann­ten zu spre­chen, und den­noch, als Geor­ge nach dem Kino neben ihr geht, fühlt sie sich nicht über­fal­len. Sie reden wie­der über Schlacht um Algier. Er wird sie dar­auf hin­wei­sen, dass eini­ge der Schau­spie­ler kei­ne pro­fes­sio­nel­len sind, son­dern alge­ri­sche Rebel­len, die sich im Film selbst dar­stel­len. Sie wird sagen, dass es dann kei­ne Fik­ti­on sei. Er wird ant­wor­ten, dass es trotz­dem eine Fik­ti­on sei. Vor allem die Fol­ter­sze­nen. Sie wird fra­gen, war­um. Er wird sagen: Weil eine Fol­ter immer eine Fik­ti­on einschließt.

Die­ser Aus­zug gehört zu den vie­len cine­as­ti­schen Momen­ten des Romans, und das nicht nur, weil sich die Figu­ren im Kino begeg­nen oder über Fil­me spre­chen. Der Erzäh­ler wird hier bei­na­he selbst zu einer Art Regis­seur: Er struk­tu­riert den Dia­log und scheint ihn sogar voll­stän­dig zu anti­zi­pie­ren. Oder fol­gen die Figu­ren etwa sei­nen Regie­an­wei­sun­gen? Die Tat­sa­che, dass die bei­den über das Ver­folgt­wer­den spre­chen, wäh­rend sie zugleich selbst vom Erzäh­ler ver­folgt wer­den, lässt zudem Faver­óns fei­ne Iro­nie aufblitzen.

Gmei­ner folgt dem im Ori­gi­nal ver­wen­de­ten Wech­sel ins Futur, der zunächst in sei­ner Künst­lich­keit befrem­den mag, aber schon auf den ers­ten Sei­ten jene Span­nung zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on auf­baut, die sich durch den gesam­ten Roman zieht. Der Über­set­zer über­trägt die­se Pas­sa­ge, eine Sequenz, die mit ihrer vor­aus­schau­en­den Fol­ter-Poin­te bei­na­he den wei­te­ren Ver­lauf des Romans vor­weg­nimmt, schlüs­sig und dicht am Rhyth­mus des Ori­gi­nals. Allen­falls lie­ße sich die dop­pel­te Nega­ti­on „no pue­de no ser“ ver­mis­sen. Doch dass Gemei­ner hier nicht der Ver­su­chung erliegt, eine im Deut­schen rasch schwer­fäl­lig wir­ken­de For­mu­lie­rung aus blo­ßer Ori­gi­nal­treue zu repro­du­zie­ren, erweist sich letzt­lich als klu­ge Entscheidung.

Im Lau­fe des Romans nimmt die Spra­che noch ganz ande­re For­men an. Sie ver­än­dert sich gewis­ser­ma­ßen mit dem ver­meint­li­chen Wahn­sinns­grad der Figu­ren: Je tie­fer man in den Stru­del hin­ein­ge­rät, des­to län­ger wer­den die Sät­ze, des­to unun­ter­bro­che­ner reden die Figu­ren, des­to mehr keh­ren sie ihre Trau­ma­ta nach außen und des­to aus­führ­li­cher schwa­dro­nie­ren sie über Gott und die Welt. Im letz­ten Teil des Romans trifft Geor­ge Ben­nett auf den aus Jugo­sla­wi­en nach Chi­le geflo­he­nen Buch­händ­ler Miros­lav Val­so­rim. Von des­sen Adres­se aus sind die über hun­dert Manu­skrip­te nach Bruns­wick gelangt. Richard Clay hat­te ver­sucht, her­aus­zu­fin­den, ob Val­so­rim der Autor der Manu­skrip­te sei, und war dafür selbst nach Chi­le gereist, doch Val­so­rim blieb für ihn ein enig­ma­ti­scher Typ. Spä­ter bit­tet Geor­ge ihn, drei Fra­gen zu beant­wor­ten. Unter ande­rem fragt er ihn in weh­mü­ti­ger Manier, was mit ihnen gesche­hen wer­de, wenn alle gestor­ben sei­en. Sei­ne Ant­wort lautet:

Cuan­do todos hayan muer­to, dice, qued­arán las alas del fan­tas­ma de la muer­te, las bar­bas del fan­tas­ma del oca­so y el silen­cio de las guer­ras que debie­ron pele­ar­se y nun­ca se pele­aron, qued­arán el árbol y la manz­a­na que cayó a los pies del árbol y al fon­do de una trin­che­ra qued­ará la ciu­dad de los muer­tos renuen­tes, los que se fueron sin que­rer, los que murie­ron en cua­t­ro patas, los que ladra­ron sin salir del agu­je­ro, y qued­ará un basu­ral con hue­sos y la tor­re inha­bi­ta­da del vigía y en las nubes bailará el mons­truo de cien cabe­z­as y dosci­ent­os pies, arran­can­do con las gar­ras los techos de todas las casas del mun­do, des­gar­ran­do las cabe­z­as de los cuer­pos, des­ar­man­do las camas, defecan­do en las estatu­as de már­mol de los ánge­les en las cata­cum­bas, rién­do­se con su boca sin labi­os, y qued­aré yo en una bal­sa en el Pací­fi­co, via­jan­do hacia el oes­te, buscan­do Yugo­sla­via por el cami­no más lar­go, y qued­ará tu pad­re y qued­arás tú, pero tú estarás vie­jo y ver­ás tu cara en un lav­abo y pen­s­arás que eres él, y meter­ás tus manos en el agua para estran­gu­lar­lo pero no podrás estran­gu­lar­lo, por­que tus dedos son muy cor­tos y su cuello es muy grue­so. Miros­lav Val­so­rim dice eso y se aprie­ta el cora­zón. Cuan­do todos hayan muer­to, no quer­rás tener que ver nada con nada, dice.

Wenn alle gestor­ben sind, sagt er, wer­den die Flü­gel des Todes­en­gels blei­ben, die Bär­te des Unter­gangs­geists und die Stil­le der Krie­ge, die geführt hät­ten wer­den müs­sen und nie geführt wur­den, der Baum wird blei­ben und der Apfel, der neben sei­nen Stamm gefal­len ist, und am Grund eines Schüt­zen­gra­bens wird die Stadt der wider­stän­di­gen Toten blei­ben, jener, die gin­gen, ohne es zu wol­len, die auf allen vie­ren star­ben, die jaul­ten, ohne aus dem Loch zu kom­men, und es wird ein Müll­hau­fen voll Kno­chen blei­ben und der unbe­setz­te Wach­turm, und in den Wol­ken wird das Unge­heu­er mit hun­dert Köp­fen und zwei­hun­dert Füßen tan­zen, wird mit sei­nen Klau­en die Dächer von allen Häu­sern der Welt rei­ßen, die Köp­fe von den Kör­pern, die Bet­ten zer­le­gen, wird auf die Mar­mor­sta­tue der Engel in den Kata­kom­ben kacken, wird mit sei­nem lip­pen­lo­sen Mund lachen, und auch ich wer­de blei­ben, auf einem Floß im Pazi­fik wer­de ich Rich­tung Wes­ten rei­sen, auf dem wei­tes­ten Weg, auf der Suche nach Jugo­sla­wi­en, und dein Vater wird blei­ben und auch du, aber du wirst alt sein und wirst dein Gesicht in einem Wasch­be­cken sehen und den­ken, du seist er, und du wirst dei­ne Hän­de ins Was­ser tau­chen, um ihn zu erwür­gen, aber du wirst ihn nicht erwür­gen kön­nen, denn dei­ne Fin­ger sind sehr kurz und sein Hals sehr dick. Das sagt Miros­lav Val­so­rim und greift sich ans Herz. Wenn alle gestor­ben sein wer­den, wirst du wol­len, dass nichts mit nichts zusam­men­hängt, sagt er.

Eine phi­lo­so­phi­sche Fra­ge erfor­dert auch eine phi­lo­so­phi­sche oder zumin­dest mys­te­riö­se Ant­wort. In Gmei­ners Über­set­zung ist das Okkul­te eben­so ver­schwom­men greif­bar wie im spa­ni­schen Ori­gi­nal. Dabei muss nicht jedes Bild voll­stän­dig ver­ständ­lich sein (was sind die „Bär­te des Unter­gangs­geis­tes“?). Bedeut­sam sind an die­ser Stel­le vor allem der evo­zier­te Hor­ror und das Grau­en, das Gmei­ner an vie­len Stel­len mit „Müll­hau­fen voll Kno­chen” oder „in den Kata­kom­ben kacken” sehr ein­drück­lich, bru­tal und tref­fend ver­mit­telt. Der sur­rea­le Sog bleibt damit erhal­ten; der Satz will auch im Deut­schen – wenn auch durch die zusätz­li­chen Kom­ma­ta etwas gezähmt – kein Ende neh­men. Nur muss irgend­wann ein Ende kom­men, und auch das ist mit „dass nichts mit nichts zusam­men­hängt“ („que ver nada con nada“) viel­leicht nicht so kom­pakt, aber doch gefäl­lig übersetzt.

Ein genaue­rer Ver­gleich mit dem Ori­gi­nal zeigt aller­dings auch, an wel­cher Stel­le geglät­tet wur­de. Bei der Über­tra­gung der dich­ten Bild­spra­che und kom­ple­xen Syn­tax dürf­ten Klang und Rhyth­mus nicht immer an ers­ter Stel­le gestan­den haben. Gera­de bei die­ser Pas­sa­ge fragt man sich jedoch, ob nicht mehr mög­lich gewe­sen wäre. Das „los que“ wird zwar mit „die“ wie­der­ho­lend über­tra­gen, aller­dings ist die Struk­tur im Deut­schen weni­ger dis­zi­pli­niert umge­setzt wor­den. Auch Melo­dien wie „des­gar­ran­do“, „des­ar­man­do“ und „defecan­do“ feh­len im Deut­schen. Vie­le der Wie­der­ho­lun­gen von Wör­tern und Struk­tu­ren wie „y qued­ará tu pad­re y qued­arás tú“ (zu Deutsch: „und dein Vater wird blei­ben und auch du“) wir­ken tonal geglät­tet. Der emo­tio­na­le Akzent – denn jetzt wird die Apo­ka­lyp­se per­sön­lich – wird dafür aber mit der Beto­nung auf dem fina­len „du“ pas­send gesetzt. Mehr Musik in den Ohren hät­te das Ori­gi­nal von Faver­ón den­noch hergegeben.

In der deut­schen Über­set­zung gibt es übri­gens ein paar weni­ge Fuß­no­ten. Auf­grund ihrer Spar­sam­keit schie­nen sie mir rät­sel­haft, denn der Roman ent­hält vie­le Anspie­lun­gen, zu denen sich ver­mut­lich hun­der­te Fuß­no­ten machen lie­ßen. Zwei davon bezie­hen sich auf die Über­set­zung und sind daher nicht im Ori­gi­nal vor­han­den: Eine erklärt, dass „che“ als Inter­jek­ti­on im süd­li­chen Latein­ame­ri­ka ver­wen­det wird, eine ande­re erläu­tert die Ver­wen­dung von „po“ als chi­le­ni­sches Slang­wort, das so viel wie „ja“ oder „gell“ bedeu­tet. Bei­de Wör­ter haben es in die deut­schen Sät­ze geschafft und cha­rak­te­ri­sie­ren die Spra­che von zwei Figu­ren aus unter­schied­li­chen Regio­nen Latein­ame­ri­kas, in denen zwar Spa­nisch gespro­chen wird, aber eben nicht immer dasselbe.

Den­noch erscheint die Ent­schei­dung, die­se Wör­ter ins Deut­sche zu über­neh­men, bemer­kens­wert, da die Fuß­no­ten genau erklä­ren, wel­che deut­schen Ent­spre­chun­gen im Hin­blick auf All­tags­spra­che und Lokal­ko­lo­rit mög­lich wären. Und es ist nicht so, als wäre der Rest der Über­set­zung vol­ler spa­ni­scher Wör­ter – im Gegen­teil, alles, was ein­ge­deutscht wer­den konn­te, wur­de ein­ge­deutscht. Mög­li­cher­wei­se gewäh­ren die Fuß­no­ten vor allem einen Ein­blick in die Gedan­ken der Ver­le­ger und des Über­set­zers, der zwi­schen Fremd­heit und Anpas­sung abwägt und sich der Balan­ce zwi­schen Lokal­ko­lo­rit und Lese­fluss bewusst ist – um am Ende einen ein­neh­men­den, manch­mal glat­ten, manch­mal der­ben, nie lang­wei­li­gen deut­schen Text zu schaf­fen. Viel­leicht sind die­se Fuß­no­ten ein­fach klei­ne Erin­ne­rungs­stü­cke an die Arbeit hin­ter dem, was uns nun vor­liegt: ein ambi­tio­nier­ter Roman in einer eben­so ambi­tio­nier­ten Übersetzung.

Lieb­lings­stel­le

Die Rezen­sio­nen über die Bücher erge­ben einen Sinn, die Bücher nicht. Die Bücher, die man, ohne zu den­ken, schreibt, lösen etwas im ande­ren aus: Dar­in liegt der Sinn, außer­halb des Buches. Die, die man schreibt, um etwas zu sagen, sind zu nichts nutze.



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