Am 19. März werden die Preise der Leipziger Buchmesse verliehen, unter anderem in der Kategorie Übersetzung. Auf TraLaLit stellen wir die Nominierten vor. Alle Beiträge der Reihe sind hier zu finden.
Das Buch
Als ich neulich Emerald Fennells Neuverfilmung von Sturmhöhe im Kino sah, fragte ich mich, ob ich den Film besser finden würde, wenn ich das Buch nicht gelesen hätte, und wie die überbordende, aber seltsam inhaltsleere Verfilmung wohl auf Brontë-Neulinge wirkt. Ähnlich erging es mir beim Lesen von Anjet Daanjes Roman Das Lied von Storch und Dromedar, der vom Leben der Schwestern Emily und Charlotte Brontë inspiriert ist. Offensichtlich faszinieren deren Schreiben in der yorkshirer Ödnis und ihr recht früher Tod noch immer genug, um daraus eine ganze Saga aus elf Erzählstimmen zu machen. Nach gut 400 von fast 1000 Seiten fragte ich mich also, ob das Buch mehr Vergnügen bereiten würde, wenn man vorher nichts über die Schwestern wüsste und ihr Leben erst über den Roman entdeckt.
Das Lied von Storch und Dromedar ist bereits der achte Roman der niederländischen Autorin Anjet Daanje, einer promovierten Mathematikerin, die in Groningen lebt. Für diesen Roman erhielt sie 2023 den Libris Literatuurprijs, den wichtigsten Literaturpreis der Niederlande. Ins Deutsche haben es allerdings nur dieser und ihr vorletzter Roman Der erinnerte Soldat geschafft, dessen englische Übersetzung gerade auf der Longlist für den International Booker Prize steht.
In einem Interview verrät sie, dass sie ihre Liebe zur Literatur im Alter von 16 Jahren entdeckte, als sie im Schulunterricht zum ersten Mal Charlotte Brontës Jane Eyre las. „Das Beste an dem Buch ist die Leidenschaft und Ehrlichkeit“, erzählt sie. Gerade an dieser Leidenschaft mangelt es auch ihrem Roman Das Lied von Storch und Dromedar nicht, einer Sammlung fiktiver Berichte, Erzählungen, Gedichte und pseudowissenschaftlicher Aufsätze. Sie alle kreisen mehr oder weniger offensichtlich um das Leben von Eliza May Drayden, einem Verschnitt von Emily Brontë. Schließlich galt die jüngere Schwester schon immer als die interessanteste der Brontës.
Ihrer Schablone ähnelnd wächst Eliza in einem Pfarrershaus in Yorkshire auf, wo sie menschenscheu in den Mooren umher wandelt und einen legendären, aber von Kritikern verpönten Roman verfasst. Nachdem auch die jüngere Schwester Helen und schließlich der Vater gestorben sind, heiratet die ältere, vernunftgeleitete Schwester Millicent den neuen Pfarrer. So verbringen beide Schwestern ihre letzten Lebensjahre in ihrem Geburtshaus, bis sie nacheinander frühzeitig an Tuberkulose sterben. Eliza ist die Freigeistige und Mysteriöse, die kaum mit ihren Nachbarn spricht und, wie Emily Brontë, Hunde lieber mag als Menschen. Solche offensichtlichen Anspielungen mögen manche Brontë-Fans reizen – oder anöden –, doch erweisen sich die Schwestern auch in Daanjes Roman einmal mehr als schwer fassbar.
Der Roman beginnt aber mit einer fulminanten und wahrlich schaurigen Erzählung aus Sicht der Leichenwäscherin Susan, die Eliza auf ihrem Weg ins Grab begleitet, sich jedoch unsicher ist, ob diese wirklich tot ist. Elizas Geist wird auch einige der anderen Erzählstimmen auf die eine oder andere Art und Weise verfolgen. Zunächst schikaniert sie ihre Biografin Agnes Chambers, die sich so obsessiv mit dem Leben der Draydens auseinandersetzt, dass sie kaum Zeit für ihre eigenen Töchter hat. Als diese kurz nacheinander ihre Eltern verlieren, muss die jüngere Kathleen in der Fabrik arbeiten gehen, die zuvor ihrem Vater gehörte. Ihre ältere Schwester heiratet ebenfalls aus Vernunftsgründen den Nachfolger ihres Vaters und wird zeitnah vom Tod heimgesucht.
Bereits die zweite Erzählung ist weniger einnehmend als die erste: Der Tonfall und die Erzählperspektive wechseln hin zu einem sachlichen, wenn auch temporeichen Bericht, in dem fast jeder Satz in ein und derselben Struktur dahinplätschert. Man erfährt also faktisch alles über die Familie Chambers, ohne dass literarisch viel über Dialoge oder einzelne, signifikante Szenen aufbereitet wird. Auch thematisch beginnen hier die Doppelungen und immer wiederkehrenden Motive, die fast alle dieser Kurzgeschichten charakterisieren:
Im Zentrum stehen unterschiedlich talentierte Schwestern, die in ihren jeweiligen Familien verschiedene Rollen erfüllen müssen. Fast immer beeinflusst früher oder später ein mehr oder weniger fragwürdiger Mann ihre Beziehung, die sich in einigen Geschichten zu einer Menage à trois erweitert. Ein fast unfreiwillig komischer Höhepunkt ist die Geschichte von Lena, die gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Penny vom Vater dazu gedrängt wird, vor Publikum Kontakt mit Toten zu simulieren (der Geist Elizas gibt sich selbstverständlich ebenfalls die Ehre). Penny fällt wie ihre Vorgängerinnen jedoch der Tuberkulose zum Opfer. Nach ihrem Tod heiratet Lena Joshua, der seine an Polio erkrankte Schwester Janet pflegt, und beginnt mit beiden schließlich eine Liebesbeziehung, einschließlich plastischer Eifersuchtsszenen.
Mit jeder neuen Erzählstimme entfernt sich Daanje von den Drayden-Schwestern, sowohl räumlich als auch zeitlich. Es zieht die Figuren in die USA oder nach Frankreich, auch Deutschland hat irgendwann seinen Auftritt. Die Erzählungen rücken immer weiter in das 21. Jahrhundert vor; im Hintergrund finden Kriege statt, während Schwestern weiter streiten oder noch immer die Werke der Draydens lesen, an deren Wohnort noch immer Verehrerinnen pilgern und das alte Pfarrhaus, nun im Besitz der Drayden Society, besuchen.
Bekannt werden die Schwestern durch ihre Romane Witwe und Haeger Mass. Letzterer erzählt von einer Frau, die aus gekränkter Freundschaft das Leben ihrer einstigen Vertrauten Cicely Ellis systematisch zerstört, ohne darin Genugtuung zu finden, und ihren zerstörerischen Impuls selbst nach Cicelys Tod fortsetzt. Nach 1.000 Seiten von Das Lied von Storch und Dromedar fragt man sich, ob das nicht womöglich der interessantere Roman gewesen wäre – zumindest scheint er seine Leserinnen mehr zu fesseln, als es Daanjes Mammutwerk gelingt. Doch dann ähnelt seine Handlung dem Meisterstück des alles überragenden Vorbilds wieder so sehr, dass man vielleicht besser einfach zu Sturmhöhe greift.
Die Jurybegründung
Das Leben und Werk von Eliza May Drayden, einer an Emily Brontë angelehnten Figur, fasziniert Menschen über Jahrhunderte. Ulrich Faure führt in seiner meisterhaften Übersetzung die Zeiten, Umstände und Perspektiven dieser Figuren greifbar vor Augen. In diesem mitreißenden Kaleidoskop der Stimmen findet er jederzeit den richtigen Ton.
Die Übersetzung
Der Übersetzer Ulrich Faure war viele Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift BuchMarkt, bevor er sich im Rentenalter offenbar vollständig dem Übersetzen aus dem Niederländischen verschrieben hat. Er übersetzt bekannte niederländische Autoren wie Rob van Essen, Detlev van Heest, Simon Carmiggelt und Anjet Daanje, deren Erfolg in den Niederlanden keineswegs über Nacht kam. Im Interview mit dem Deutschlandfunk fragte Jörg Plath ihn, wie er bei der Übersetzung von Das Lied von Storch und Dromedar die richtigen Töne getroffen habe. Faure antwortete, er habe sich einfach ans Original gehalten.
Das klingt dann mitunter so:
Ich versuchte, meine überbordenden Gefühle zu ignorieren, aber meine Beine zitterten, als wollten sie mir jeden Moment den Dienst versagen, weshalb ich mich gezwungen sah, mich auf das Mäuerchen zu setzen, das den Feldweg säumte. Ich bereute mein Gespräch mit Haeger, ich hatte sie aufgesucht, um ernsthaft mit ihr über meine Mutter zu reden, aber sie verstand es wie keine zweite, das Allerübelste in mir zutage zu fördern. In ihrer Gegenwart verwandelte ich mich in eine Frau, die ich nie hatte sein wollen, im Grunde meines Herzens wohl aber doch war. Meinem Vater zufolge kam ich nach der Mutter, und ich schlussfolgerte daraus, dass sie in Haegers Gesellschaft ebenfalls eine solche Metamorphose durchlaufen haben musste, und die hatte ihr offensichtlich gefallen, denn sie und Haeger waren Herzensfreundinnen gewesen.
Diese Stelle ist ein Auszug aus Haeger Mass, dem fiktiven Roman von Eliza May Drayden. Einige Seiten daraus haben es in Anjet Daanjes Roman geschafft. Nun ist das Vorbild Sturmhöhe auch für seinen pathetischen und hochgestochenen Stil bekannt, der schon Zeitgenossen aufstieß und hier auch deutlich nachgeahmt wird. Schließlich handelt es sich um eine ganz andere Textsorte als beispielsweise die Briefe von ihrer Schwester Millicent an eine Freundin. Dennoch dürfte es einige Stellen geben, die Stirnrunzeln verursachen. So mag „Mäuerchen“ daran erinnern, dass der Hang zu Diminutiven im Niederländischen viel ausgeprägter ist als im Deutschen. Auch wenig idiomatisch klingende Phrasen wie „das Allerübelste in mir zutage zu fördern“ oder „wohl aber doch war“ wirken nicht nur wörtlich, sondern womöglich zu wörtlich übersetzt.
Dieses Phänomen tritt in dem ellenlangen Roman noch an anderen Stellen auf. Da gibt es Sätze wie „Wenig später stand sie dem Tod aufs Neue Aug in Aug gegenüber“ (im Deutschen blickt man dem Tod eigentlich ins Auge, vermutlich sollte es möglichst altertümlich klingen), „Mitten in der Nacht wurde sie durch Wummern an die Haustür geweckt“ (hier sind vor allem die Wortwahl, der Artikel und die Präpositionen auffällig) oder „Sie sitzt bei ihm am Tisch“ (wieder eine auffällige Präposition). Auch an der folgenden Stelle gibt es einige Auffälligkeiten, die besonders seltsam, wenn nicht sogar amüsant sind, weil sie die deutsche Sprache betreffen. Eine der späteren Erzählungen handelt von zwei in England lebenden Schwestern, die ihre deutsche Herkunft nach Ende des zweiten Weltkriegs als ein Familiengeheimnis bewahren, bis sie deutsche Untermieter bekommen:
Das allein war schon ein Fehler, denn welche zivilisierte britische Frau will wie eine deutsche Schauspielerin aussehen, aber Ute hat Dietrich perfekt auf Deutsch ausgesprochen, es ist mir einfach so rausgerutscht, sagt sie. Sie habe versucht, ihnen einzureden, dass das alles an ihrer niederländischen Herkunft liege, und dann haben sie sie aufgefordert, Niederländisch zu sprechen. Ich konnte nicht anders, erzählt sie Dagmar, als ihnen was auf Deutsch zu sagen.
Vielleicht ist es die Strategie des Übersetzers, ausgerechnet diese Stelle mit dem etwas unsauberen „Ute hat Dietrich perfekt auf Deutsch ausgesprochen“ oder „um ihnen etwas auf Deutsch zu sagen“ besonders übersetzt klingen zu lassen. Schließlich verschwimmen in dieser Erzählung die niederländische, deutsche und englische Sprache. Es ist durchaus mitunter faszinierend, einen Roman einer niederländischen Autorin zu lesen, dessen Vorlage so tief in der englischen Literaturgeschichte verwurzelt ist.
Und womöglich verschwimmen Autorin und Übersetzer genau dann, wenn der Roman – an diesen Stellen ungewollt – zu sehr in eine sentimentale, beinahe seichte Richtung abdriftet. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Figuren in einem romantischen Kontext zueinander finden. In einer Geschichte beispielsweise hört die Frau nach der Eheschließung mit dem Klavierspielen auf. Es heißt, sie habe „mutwillig das Schönste in sich zerstört, als wäre die Musik nur eine flüchtige Liebe gewesen”. An anderer Stelle werden die Zwischentöne einer Dreiecksbeziehung auf plumpe, nicht ganz verständliche Art und Weise deutlich: „Ihre Blicke bleiben ineinander verhakt, länger, viel länger, als Lena Joshua angesehen hat […]“.
Ein Übersetzer, der sich primär an der Vorlage orientiert, trägt gewiss nicht für jede Unebenheit die Verantwortung. Über weite Strecken genügt diese Strategie zu großen Teilen, und zweifellos bleibt der Stil in den einzelnen Erzählungen weitestgehend konsistent. Zum Glück bilden Ausreißer wie diese eher misslungene Satzkonstruktion die Ausnahme, sodass sich Faures Übersetzung insgesamt flüssig lesen lässt. Dennoch lassen gerade solche Passagen erkennen, wie stark die Hand eines Übersetzers den Text prägt, ob er nun will oder nicht:
Wie sie alle wissen, dass die meisten Menschen, selbst die gläubigsten, nicht hinübergleiten ohne Angst oder körperliche Erniedrigungen, obwohl sie sich in Behauptungen ergehen, wie ruhig sich der Verstorbene dem Willen Gottes gefügt habe und wie friedlich, wie tröstlich es gewesen sei, so weiß jeder im Ort auch, dass viele Frauen nach Wochen, manchmal sogar Jahren der Pflege eines Familienangehörigen diese allerletzte Obliegenheit vor lauter Kummer nicht mehr auf sich nehmen können, oder sie wagen es nicht, wollen es nicht, wissen nicht, was sie tun sollen.

