Ulrich Fau­re: der Treue

Für ihren Roman „Das Lied von Storch und Dromedar“ ließ sich Anjet Daanje vom sagenumwobenen Leben der Brontë-Schwestern inspirieren. Ulrich Fau­re übertrug das Werk aus dem Niederländischen ins Deutsche. Von

Bild des Übersetzers Ulrich Faure © Petra Gronski

Am 19. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­lie­hen, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Als ich neu­lich Emer­ald Fen­nells Neu­ver­fil­mung von Sturm­hö­he im Kino sah, frag­te ich mich, ob ich den Film bes­ser fin­den wür­de, wenn ich das Buch nicht gele­sen hät­te, und wie die über­bor­den­de, aber selt­sam inhalts­lee­re Ver­fil­mung wohl auf Bron­të-Neu­lin­ge wirkt. Ähn­lich erging es mir beim Lesen von Anjet Daan­jes Roman Das Lied von Storch und Dro­me­dar, der vom Leben der Schwes­tern Emi­ly und Char­lot­te Bron­të inspi­riert ist. Offen­sicht­lich fas­zi­nie­ren deren Schrei­ben in der york­shirer Ödnis und ihr recht frü­her Tod noch immer genug, um dar­aus eine gan­ze Saga aus elf Erzähl­stim­men zu machen. Nach gut 400 von fast 1000 Sei­ten frag­te ich mich also, ob das Buch mehr Ver­gnü­gen berei­ten wür­de, wenn man vor­her nichts über die Schwes­tern wüss­te und ihr Leben erst über den Roman entdeckt. 

Das Lied von Storch und Dro­me­dar ist bereits der ach­te Roman der nie­der­län­di­schen Autorin Anjet Daan­je, einer pro­mo­vier­ten Mathe­ma­ti­ke­rin, die in Gro­nin­gen lebt. Für die­sen Roman erhielt sie 2023 den Libris Lite­ra­tu­ur­prijs, den wich­tigs­ten Lite­ra­tur­preis der Nie­der­lan­de. Ins Deut­sche haben es aller­dings nur die­ser und ihr vor­letz­ter Roman Der erin­ner­te Sol­dat geschafft, des­sen eng­li­sche Über­set­zung gera­de auf der Long­list für den Inter­na­tio­nal Boo­ker Pri­ze steht. 

In einem Inter­view ver­rät sie, dass sie ihre Lie­be zur Lite­ra­tur im Alter von 16 Jah­ren ent­deck­te, als sie im Schul­un­ter­richt zum ers­ten Mal Char­lot­te Bron­tës Jane Eyre las. „Das Bes­te an dem Buch ist die Lei­den­schaft und Ehr­lich­keit“, erzählt sie. Gera­de an die­ser Lei­den­schaft man­gelt es auch ihrem Roman Das Lied von Storch und Dro­me­dar nicht, einer Samm­lung fik­ti­ver Berich­te, Erzäh­lun­gen, Gedich­te und pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Auf­sät­ze. Sie alle krei­sen mehr oder weni­ger offen­sicht­lich um das Leben von Eli­za May Dray­den, einem Ver­schnitt von Emi­ly Bron­të. Schließ­lich galt die jün­ge­re Schwes­ter schon immer als die inter­es­san­tes­te der Brontës. 

Ihrer Scha­blo­ne ähnelnd wächst Eli­za in einem Pfar­rers­haus in York­shire auf, wo sie men­schen­scheu in den Moo­ren umher wan­delt und einen legen­dä­ren, aber von Kri­ti­kern ver­pön­ten Roman ver­fasst. Nach­dem auch die jün­ge­re Schwes­ter Helen und schließ­lich der Vater gestor­ben sind, hei­ra­tet die älte­re, ver­nunft­ge­lei­te­te Schwes­ter Mil­li­cent den neu­en Pfar­rer. So ver­brin­gen bei­de Schwes­tern ihre letz­ten Lebens­jah­re in ihrem Geburts­haus, bis sie nach­ein­an­der früh­zei­tig an Tuber­ku­lo­se ster­ben. Eli­za ist die Frei­geis­ti­ge und Mys­te­riö­se, die kaum mit ihren Nach­barn spricht und, wie Emi­ly Bron­të, Hun­de lie­ber mag als Men­schen. Sol­che offen­sicht­li­chen Anspie­lun­gen mögen man­che Bron­të-Fans rei­zen – oder anöden –, doch erwei­sen sich die Schwes­tern auch in Daan­jes Roman ein­mal mehr als schwer fassbar. 

Der Roman beginnt aber mit einer ful­mi­nan­ten und wahr­lich schau­ri­gen Erzäh­lung aus Sicht der Lei­chen­wä­sche­rin Sus­an, die Eli­za auf ihrem Weg ins Grab beglei­tet, sich jedoch unsi­cher ist, ob die­se wirk­lich tot ist. Eli­zas Geist wird auch eini­ge der ande­ren Erzähl­stim­men auf die eine oder ande­re Art und Wei­se ver­fol­gen. Zunächst schi­ka­niert sie ihre Bio­gra­fin Agnes Cham­bers, die sich so obses­siv mit dem Leben der Dray­dens aus­ein­an­der­setzt, dass sie kaum Zeit für ihre eige­nen Töch­ter hat. Als die­se kurz nach­ein­an­der ihre Eltern ver­lie­ren, muss die jün­ge­re Kath­le­en in der Fabrik arbei­ten gehen, die zuvor ihrem Vater gehör­te. Ihre älte­re Schwes­ter hei­ra­tet eben­falls aus Ver­nunft­s­grün­den den Nach­fol­ger ihres Vaters und wird zeit­nah vom Tod heimgesucht. 

Bereits die zwei­te Erzäh­lung ist weni­ger ein­neh­mend als die ers­te: Der Ton­fall und die Erzähl­per­spek­ti­ve wech­seln hin zu einem sach­li­chen, wenn auch tem­po­rei­chen Bericht, in dem fast jeder Satz in ein und der­sel­ben Struk­tur dahin­plät­schert. Man erfährt also fak­tisch alles über die Fami­lie Cham­bers, ohne dass lite­ra­risch viel über Dia­lo­ge oder ein­zel­ne, signi­fi­kan­te Sze­nen auf­be­rei­tet wird. Auch the­ma­tisch begin­nen hier die Dop­pe­lun­gen und immer wie­der­keh­ren­den Moti­ve, die fast alle die­ser Kurz­ge­schich­ten charakterisieren:

Im Zen­trum ste­hen unter­schied­lich talen­tier­te Schwes­tern, die in ihren jewei­li­gen Fami­li­en ver­schie­de­ne Rol­len erfül­len müs­sen. Fast immer beein­flusst frü­her oder spä­ter ein mehr oder weni­ger frag­wür­di­ger Mann ihre Bezie­hung, die sich in eini­gen Geschich­ten zu einer Mena­ge à trois erwei­tert. Ein fast unfrei­wil­lig komi­scher Höhe­punkt ist die Geschich­te von Lena, die gemein­sam mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter Pen­ny vom Vater dazu gedrängt wird, vor Publi­kum Kon­takt mit Toten zu simu­lie­ren (der Geist Eli­zas gibt sich selbst­ver­ständ­lich eben­falls die Ehre). Pen­ny fällt wie ihre Vor­gän­ge­rin­nen jedoch der Tuber­ku­lo­se zum Opfer. Nach ihrem Tod hei­ra­tet Lena Joshua, der sei­ne an Polio erkrank­te Schwes­ter Janet pflegt, und beginnt mit bei­den schließ­lich eine Lie­bes­be­zie­hung, ein­schließ­lich plas­ti­scher Eifersuchtsszenen.

Mit jeder neu­en Erzähl­stim­me ent­fernt sich Daan­je von den Dray­den-Schwes­tern, sowohl räum­lich als auch zeit­lich. Es zieht die Figu­ren in die USA oder nach Frank­reich, auch Deutsch­land hat irgend­wann sei­nen Auf­tritt. Die Erzäh­lun­gen rücken immer wei­ter in das 21. Jahr­hun­dert vor; im Hin­ter­grund fin­den Krie­ge statt, wäh­rend Schwes­tern wei­ter strei­ten oder noch immer die Wer­ke der Dray­dens lesen, an deren Wohn­ort noch immer Ver­eh­re­rin­nen pil­gern und das alte Pfarr­haus, nun im Besitz der Dray­den Socie­ty, besuchen.

Bekannt wer­den die Schwes­tern durch ihre Roma­ne Wit­we und Hae­ger Mass. Letz­te­rer erzählt von einer Frau, die aus gekränk­ter Freund­schaft das Leben ihrer eins­ti­gen Ver­trau­ten Cice­ly Ellis sys­te­ma­tisch zer­stört, ohne dar­in Genug­tu­ung zu fin­den, und ihren zer­stö­re­ri­schen Impuls selbst nach Cice­lys Tod fort­setzt. Nach 1.000 Sei­ten von Das Lied von Storch und Dro­me­dar fragt man sich, ob das nicht womög­lich der inter­es­san­te­re Roman gewe­sen wäre – zumin­dest scheint er sei­ne Lese­rin­nen mehr zu fes­seln, als es Daan­jes Mam­mut­werk gelingt. Doch dann ähnelt sei­ne Hand­lung dem Meis­ter­stück des alles über­ra­gen­den Vor­bilds wie­der so sehr, dass man viel­leicht bes­ser ein­fach zu Sturm­hö­he greift. 

Die Jury­be­grün­dung

Das Leben und Werk von Eli­za May Dray­den, einer an Emi­ly Bron­të ange­lehn­ten Figur, fas­zi­niert Men­schen über Jahr­hun­der­te. Ulrich Fau­re führt in sei­ner meis­ter­haf­ten Über­set­zung die Zei­ten, Umstän­de und Per­spek­ti­ven die­ser Figu­ren greif­bar vor Augen. In die­sem mit­rei­ßen­den Kalei­do­skop der Stim­men fin­det er jeder­zeit den rich­ti­gen Ton.

Die Über­set­zung

Der Über­set­zer Ulrich Fau­re war vie­le Jah­re lang Chef­re­dak­teur der Zeit­schrift Buch­Markt, bevor er sich im Ren­ten­al­ter offen­bar voll­stän­dig dem Über­set­zen aus dem Nie­der­län­di­schen ver­schrie­ben hat. Er über­setzt bekann­te nie­der­län­di­sche Autoren wie Rob van Essen, Det­lev van Heest, Simon Car­mig­gelt und Anjet Daan­je, deren Erfolg in den Nie­der­lan­den kei­nes­wegs über Nacht kam. Im Inter­view mit dem Deutsch­land­funk frag­te Jörg Plath ihn, wie er bei der Über­set­zung von Das Lied von Storch und Dro­me­dar die rich­ti­gen Töne getrof­fen habe. Fau­re ant­wor­te­te, er habe sich ein­fach ans Ori­gi­nal gehalten.

Das klingt dann mit­un­ter so:

Ich ver­such­te, mei­ne über­bor­den­den Gefüh­le zu igno­rie­ren, aber mei­ne Bei­ne zit­ter­ten, als woll­ten sie mir jeden Moment den Dienst ver­sa­gen, wes­halb ich mich gezwun­gen sah, mich auf das Mäu­er­chen zu set­zen, das den Feld­weg säum­te. Ich bereu­te mein Gespräch mit Hae­ger, ich hat­te sie auf­ge­sucht, um ernst­haft mit ihr über mei­ne Mut­ter zu reden, aber sie ver­stand es wie kei­ne zwei­te, das Aller­übels­te in mir zuta­ge zu för­dern. In ihrer Gegen­wart ver­wan­del­te ich mich in eine Frau, die ich nie hat­te sein wol­len, im Grun­de mei­nes Her­zens wohl aber doch war. Mei­nem Vater zufol­ge kam ich nach der Mut­ter, und ich schluss­fol­ger­te dar­aus, dass sie in Hae­gers Gesell­schaft eben­falls eine sol­che Meta­mor­pho­se durch­lau­fen haben muss­te, und die hat­te ihr offen­sicht­lich gefal­len, denn sie und Hae­ger waren Her­zens­freun­din­nen gewesen. 

Die­se Stel­le ist ein Aus­zug aus Hae­ger Mass, dem fik­ti­ven Roman von Eli­za May Dray­den. Eini­ge Sei­ten dar­aus haben es in Anjet Daan­jes Roman geschafft. Nun ist das Vor­bild Sturm­hö­he auch für sei­nen pathe­ti­schen und hoch­ge­sto­che­nen Stil bekannt, der schon Zeit­ge­nos­sen auf­stieß und hier auch deut­lich nach­ge­ahmt wird. Schließ­lich han­delt es sich um eine ganz ande­re Text­sor­te als bei­spiels­wei­se die Brie­fe von ihrer Schwes­ter Mil­li­cent an eine Freun­din. Den­noch dürf­te es eini­ge Stel­len geben, die Stirn­run­zeln ver­ur­sa­chen. So mag „Mäu­er­chen“ dar­an erin­nern, dass der Hang zu Dimi­nu­tiven im Nie­der­län­di­schen viel aus­ge­präg­ter ist als im Deut­schen. Auch wenig idio­ma­tisch klin­gen­de Phra­sen wie „das Aller­übels­te in mir zuta­ge zu för­dern“ oder „wohl aber doch war“ wir­ken nicht nur wört­lich, son­dern womög­lich zu wört­lich übersetzt.

Die­ses Phä­no­men tritt in dem ellen­lan­gen Roman noch an ande­ren Stel­len auf. Da gibt es Sät­ze wie „Wenig spä­ter stand sie dem Tod aufs Neue Aug in Aug gegen­über“ (im Deut­schen blickt man dem Tod eigent­lich ins Auge, ver­mut­lich soll­te es mög­lichst alter­tüm­lich klin­gen), „Mit­ten in der Nacht wur­de sie durch Wum­mern an die Haus­tür geweckt“ (hier sind vor allem die Wort­wahl, der Arti­kel und die Prä­po­si­tio­nen auf­fäl­lig) oder „Sie sitzt bei ihm am Tisch“ (wie­der eine auf­fäl­li­ge Prä­po­si­ti­on). Auch an der fol­gen­den Stel­le gibt es eini­ge Auf­fäl­lig­kei­ten, die beson­ders selt­sam, wenn nicht sogar amü­sant sind, weil sie die deut­sche Spra­che betref­fen. Eine der spä­te­ren Erzäh­lun­gen han­delt von zwei in Eng­land leben­den Schwes­tern, die ihre deut­sche Her­kunft nach Ende des zwei­ten Welt­kriegs als ein Fami­li­en­ge­heim­nis bewah­ren, bis sie deut­sche Unter­mie­ter bekommen:

Das allein war schon ein Feh­ler, denn wel­che zivi­li­sier­te bri­ti­sche Frau will wie eine deut­sche Schau­spie­le­rin aus­se­hen, aber Ute hat Diet­rich per­fekt auf Deutsch aus­ge­spro­chen, es ist mir ein­fach so raus­ge­rutscht, sagt sie. Sie habe ver­sucht, ihnen ein­zu­re­den, dass das alles an ihrer nie­der­län­di­schen Her­kunft lie­ge, und dann haben sie sie auf­ge­for­dert, Nie­der­län­disch zu spre­chen. Ich konn­te nicht anders, erzählt sie Dag­mar, als ihnen was auf Deutsch zu sagen.

Viel­leicht ist es die Stra­te­gie des Über­set­zers, aus­ge­rech­net die­se Stel­le mit dem etwas unsau­be­ren „Ute hat Diet­rich per­fekt auf Deutsch aus­ge­spro­chen“ oder „um ihnen etwas auf Deutsch zu sagen“ beson­ders über­setzt klin­gen zu las­sen. Schließ­lich ver­schwim­men in die­ser Erzäh­lung die nie­der­län­di­sche, deut­sche und eng­li­sche Spra­che. Es ist durch­aus mit­un­ter fas­zi­nie­rend, einen Roman einer nie­der­län­di­schen Autorin zu lesen, des­sen Vor­la­ge so tief in der eng­li­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te ver­wur­zelt ist.

Und womög­lich ver­schwim­men Autorin und Über­set­zer genau dann, wenn der Roman – an die­sen Stel­len unge­wollt – zu sehr in eine sen­ti­men­ta­le, bei­na­he seich­te Rich­tung abdrif­tet. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Figu­ren in einem roman­ti­schen Kon­text zuein­an­der fin­den. In einer Geschich­te bei­spiels­wei­se hört die Frau nach der Ehe­schlie­ßung mit dem Kla­vier­spie­len auf. Es heißt, sie habe „mut­wil­lig das Schöns­te in sich zer­stört, als wäre die Musik nur eine flüch­ti­ge Lie­be gewe­sen”. An ande­rer Stel­le wer­den die Zwi­schen­tö­ne einer Drei­ecks­be­zie­hung auf plum­pe, nicht ganz ver­ständ­li­che Art und Wei­se deut­lich: „Ihre Bli­cke blei­ben inein­an­der ver­hakt, län­ger, viel län­ger, als Lena Joshua ange­se­hen hat […]“.

Ein Über­set­zer, der sich pri­mär an der Vor­la­ge ori­en­tiert, trägt gewiss nicht für jede Uneben­heit die Ver­ant­wor­tung. Über wei­te Stre­cken genügt die­se Stra­te­gie zu gro­ßen Tei­len, und zwei­fel­los bleibt der Stil in den ein­zel­nen Erzäh­lun­gen wei­test­ge­hend kon­sis­tent. Zum Glück bil­den Aus­rei­ßer wie die­se eher miss­lun­ge­ne Satz­kon­struk­ti­on die Aus­nah­me, sodass sich Fau­res Über­set­zung ins­ge­samt flüs­sig lesen lässt. Den­noch las­sen gera­de sol­che Pas­sa­gen erken­nen, wie stark die Hand eines Über­set­zers den Text prägt, ob er nun will oder nicht: 

Wie sie alle wis­sen, dass die meis­ten Men­schen, selbst die gläu­bigs­ten, nicht hin­über­glei­ten ohne Angst oder kör­per­li­che Ernied­ri­gun­gen, obwohl sie sich in Behaup­tun­gen erge­hen, wie ruhig sich der Ver­stor­be­ne dem Wil­len Got­tes gefügt habe und wie fried­lich, wie tröst­lich es gewe­sen sei, so weiß jeder im Ort auch, dass vie­le Frau­en nach Wochen, manch­mal sogar Jah­ren der Pfle­ge eines Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen die­se aller­letz­te Oblie­gen­heit vor lau­ter Kum­mer nicht mehr auf sich neh­men kön­nen, oder sie wagen es nicht, wol­len es nicht, wis­sen nicht, was sie tun sollen.


2 Comments

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  1. 1
    Friederike

    Hal­lo, Dan­ke für die­se schö­ne Rei­he zum Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se. Zu die­ser Über­set­zungs­kri­tik hät­te ich ein paar Fra­gen. Das Buch habe ich nicht gele­sen, und ich selbst kann kein Nie­der­län­disch, aber hier ist ja eben­falls nicht Aus­gangs­text und Über­set­zung gegen­ein­an­der­ge­stellt, oder nur spe­ku­la­tiv („womög­lich zu wört­lich“), ich habe also Fra­gen, die die Kri­tik an den hier als Bei­spie­len her­an­ge­zo­ge­nen deut­schen Sät­zen hervorruft.
    Eine Grund­satz­fra­ge wäre, ob die ange­führ­ten Kri­tik­punk­te nicht eigent­lich typi­sche Fra­gen im Lek­to­rat sind – mehr als Punk­te einer Über­set­zungs­kri­tik eines fast 1000seitigen Buchs -, bzw. wie weit es hier um (grund­sätz­li­che) Über­set­zungs­ent­schei­dun­gen geht oder auch mal um Geschmack, oder ob ein­fach mal eine klei­ne Schlud­rig­keit vorliegt?
    Um aber wie­der auf die Wort- / Satz­ebe­ne zu gehen, hier sind bei mir bei den ange­führ­ten Zita­ten und deren Beur­tei­lung ein paar Fra­ge­zei­chen offen geblieben:
    Zunächst emp­fin­de ich ein Wort wie „Mäu­er­chen“ nicht per se für zu wört­lich und je nach Kon­text auch tref­fend – das inne­re Auge bie­tet bei „Mäu­er­chen“ eine nied­ri­ge Mau­er an, auf der man locker sit­zen, auf eine „Mau­er“ ohne Dimi­nu­tiv müss­te man regel­recht hoch­klet­tern. Nur weil das das Nie­der­län­di­sche hier viel­leicht auch einen Dimi­nu­tiv hat, muss er ja im Deut­schen nicht immer ver­kehrt sein.
    Dann fra­ge ich mich, ob nicht hun­dert­pro­zen­tig idio­ma­tisch wir­ken­de Aus­drü­cke wie „dem Tod Aug in Aug gegen­über“ nicht viel­leicht auf einem auch im AT nicht ganz glat­ten Bild beru­hen (könn­ten)? Auch hier ver­schiebt sich ja vor dem inne­ren Auge etwas. Das kon­ven­tio­nel­le­re ‚dem Tod ins Auge zu sehen‘ ist weni­ger ’sta­ring con­test‘ oder men­ta­ler Kampf im Eins gegen Eins als „dem Tod ins Auge sehen“, fin­de ich. Wie gesagt, hier kann ich den Blick ins Ori­gi­nal nicht leis­ten, aber viel­leicht gibt es die­se win­zi­ge Ver­schie­bung (weg vom Eta­blier­ten) ja auch dort. Und dann wäre eine gewis­se Wört­lich­keit doch mehr im Text­sin­ne als ein Glät­ten duch eine kon­ven­tio­nel­le Wen­dung. Und davon abglei­tet wie­der eine Grund­satz­fra­ge: Ist die unauf­fäl­li­ge Über­set­zung immer die bes­te und richtige?
    Und dann habe ich gram­ma­ti­sche Fragen:
    Ich zitie­re: „Da gibt es Sät­ze wie […], „Mit­ten in der Nacht wur­de sie durch Wum­mern an die Haus­tür geweckt“ (hier sind vor allem die Wort­wahl, der Arti­kel und die Prä­po­si­tio­nen auf­fäl­lig) oder „Sie sitzt bei ihm am Tisch“ (wie­der eine auf­fäl­li­ge Präposition).“
    Ich fin­de an die­sen bei­den Bei­spie­len maxi­mal ein Detail so auf­fäl­lig, dass ich dar­über nach­den­ken (!) wür­de, Ent­schei­dung wäre offen, näm­lich ob es ein Wum­mern an DIE Haus­tür ist oder an der DER. Also eine Kasus­fra­ge, bei­des ist mög­lich, die Akti­on wäre halt ein Mü anders gedeu­tet. Aber Kasus wird nicht pro­ble­ma­ti­siert, son­dern in bei­den Sät­zen die Prä­po­si­tio­nen. Hm, wel­che? Ich sehe hier kei­ne Prä­po­si­ti­on, die ich ändern woll­te. Wenn sie nicht zufäl­lig *unter* oder *auf* dem Tisch sit­zen, aber das kann ich wie gesagt ohne das Ori­gi­nal nicht wis­sen, und der Satz kommt mir, wenn ich ihn als deut­schen Satz lese, unver­däch­tig vor. Und an wel­cher Stel­le ist für Dich die Wort­wahl auf­fäl­lig? Alles Grund­wort­schatz außer „Wum­mern“, und das kau­fe ich dem Satz ohne wei­te­ren Kon­text ab.
    Ich wür­de mich freu­en, wenn Du uns noch­mal mit­nimmst und erklärst, was Du da meinst. Merci!
    Ah, und eins noch: Die ande­ren Bespre­chun­gen enden mit einem Lieb­lings­zi­tat. Fin­det sich hier eines?

    • 2
      Julia Rosche

      Lie­be Friederike,

      dan­ke dir für die genaue Lek­tü­re und die vie­len dif­fe­ren­zier­ten Fragen!

      Ich glau­be, ein Teil der Irri­ta­ti­on ent­steht tat­säch­lich aus einem klei­nen Per­spek­tiv­un­ter­schied: Die Kri­tik ziel­te weni­ger dar­auf ab, ein­zel­ne deut­sche Sät­ze iso­liert als falsch zu mar­kie­ren, son­dern eher dar­auf, dass sich in der Sum­me ein bestimm­ter Ton ein­stellt. Viel­leicht hilft hier auch der Rück­be­zug auf die Stel­le im Text, in der Ulrich Fau­re sagt, er habe sich „ein­fach ans Ori­gi­nal gehal­ten“. Genau da setzt die Kri­tik an: Die­se Hal­tung kann dazu füh­ren, dass Ent­schei­dun­gen sehr nah am Aus­gangs­text blei­ben, auch dort, wo das Deut­sche ande­re, ein­ge­spiel­te­re Lösun­gen hät­te. Das prägt den Ton der Übersetzung.

      Die Kri­tik setzt also an der Wir­kung im Deut­schen an, nicht an einer hypo­the­ti­schen Recht­fer­ti­gung durch das Ori­gi­nal. Gera­de beim „Mäu­er­chen“ ist es inter­es­sant: Du beschreibst sehr über­zeu­gend dein inne­res Bild – aber genau das ist ja der Punkt. Die­se Kon­kre­ti­on ent­steht im Deut­schen stär­ker, als sie es mög­li­cher­wei­se im Ori­gi­nal tut. Das heißt nicht, dass „Mäu­er­chen“ per se falsch ist, aber dass es in einem bestimm­ten Kon­text eine Ver­schie­bung erzeu­gen kann, die man beim Lesen viel­leicht gar nicht sofort bewusst bemerkt. Und genau sol­che klei­nen Ver­schie­bun­gen sind es, auf die sich die Kri­tik bezieht und die Fra­ge stellt, ob so etwas inhalt­lich wie auch sprach­lich zum Gesamt­text passt. Dass die­se auf Anhieb nicht auf­fal­len, heißt nicht unbe­dingt, dass sie nicht da sind, son­dern eher, dass sie sub­til genug sind, um unter­halb der bewuss­ten Schwel­le zu blei­ben. Und umge­kehrt heißt das natür­lich auch: Man kann das völ­lig anders gewichten.

      Und ja: Am Ende jeder Rezen­si­on steht ein sub­jek­ti­ves Urteil, aber eben nicht im Sin­ne von belie­big. Es beruht auf einer bestimm­ten Lek­türe­hal­tung und Sen­si­bi­li­tät für sol­che Effek­te, die man tei­len kann oder nicht. Wenn du die Stel­len anders liest und als stim­mig emp­fin­dest, ist das eine eben­so legi­ti­me Per­spek­ti­ve. Ein­wän­de machen sicht­bar, wo Wahr­neh­mun­gen aus­ein­an­der­ge­hen. Aus die­sem Grund ver­öf­fent­li­chen wir gern Gegen­stim­men, um mehr Debat­te zu ermöglichen.

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