Tina Fle­cken: die Schwebende

Auður Ava Ólafsdóttirs Roman „Eden“ erzählt vom Klimawandel, Fremdheit und dem Aussterben kleiner Sprachen. Auch in Tina Fleckens Übersetzung wird die Liebe zur Sprache deutlich. Von

Am 19. März wer­den die Prei­se der Leip­zi­ger Buch­mes­se ver­lie­hen, unter ande­rem in der Kate­go­rie Über­set­zung. Auf TraLaLit stel­len wir die Nomi­nier­ten vor. Alle Bei­trä­ge der Rei­he sind hier zu finden.

Das Buch

Alba ist Lin­gu­is­tin und fliegt regel­mä­ßig zu Kon­fe­ren­zen in aller Welt, um sich mit ande­ren Exper­ten für klei­ne, oft vom Aus­ster­ben bedroh­te Spra­chen aus­zu­tau­schen. Teils aus Flug­scham, aber – wie sich im Lau­fe des Buches her­aus­stellt – auch aus vie­len wei­te­ren Grün­den, beschließt sie, sich umzu­ori­en­tie­ren und ein kar­ges Land­stück auf­zu­fors­ten: einen Gar­ten Eden. 

Mit der Zeit nimmt ihr Kon­takt zu den Bewoh­nern des nahe­ge­le­ge­nen Dor­fes zu, wo sich durch ihren pas­si­ven Ein­fluss ein gro­ßes Inter­es­se für Lin­gu­is­tik ent­wi­ckelt. Alba baut eine Bin­dung zu einem jun­gen Geflüch­te­ten auf, dem sie Islän­disch bei­bringt und der dabei fast wie von selbst Teil ihres Lebens wird. Und wäh­rend sie ihr Grund­stück bepflanzt, wird sie immer wie­der mit dem Lyrik­ma­nu­skript eines Stu­den­ten kon­fron­tiert – Lie­bes­ge­dich­te über eine Bezie­hung eines jun­gen Man­nes zu einer älte­ren Frau, mit denen sie sich nicht aus­ein­an­der­set­zen zu wol­len scheint. 

Eden ist ein Buch über Spra­che, ihre Anwen­dung und Bedeu­tung in einem Land mit wenig Sprecher:innen, aber auch über das, was gesagt wird und was nicht. Die Autorin Auður Ava Ólaf­sdót­tir spielt mit den islän­di­schen Wör­tern und deren Viel­falt und hat ihre Prot­ago­nis­tin Alba, die neben ihrer Uni-Tätig­keit als Kor­rek­tur­le­se­rin für einen Ver­lag arbei­tet, mit einem schar­fen Auge und viel Fein­ge­fühl für sprach­li­che Nuan­cen ausgestattet. 

Doch obwohl man durch die Ich-Per­spek­ti­ve und Albas Schil­de­run­gen in die Welt des Gar­ten Eden gezo­gen und immer wie­der das Gefühl ver­mit­telt wird, man wäre ganz in Albas Welt, wer­den die Leser:innen außen vor gelas­sen. Von hand­lungs­re­le­van­ten Vor­fäl­len erfah­ren sie nur über ande­re Figu­ren, durch Gesprä­che oder erst im Nach­hin­ein. Wäh­rend sie also beim Lesen mit Alba gärt­nern, über Wör­ter sin­nie­ren und sich an ihren Beson­der­hei­ten erfreu­en, pas­siert das eigent­li­che Gesche­hen im Hin­ter­grund, von dem die Erzäh­le­rin weiß, an dem sie die Lesen­den aber nicht teil­ha­ben las­sen kann oder will. Etwas ähn­li­ches pas­siert bei Albas sozia­len Inter­ak­tio­nen, sie beschäf­tigt sich inten­siv mit Spra­che und doch scheint ihr Kom­mu­ni­ka­ti­on schwer­zu­fal­len: „Da rea­li­sier­te ich, dass es bei mei­ner Arbeit zwar dar­um geht, Aus­druck und Emo­ti­on in ein gram­ma­ti­ka­li­sches Sys­tem ein­zu­bin­den, es mir selbst aber nicht immer gelingt, Gedan­ken und Wör­ter zusammenzufügen.“

Dadurch ent­steht ein eigen­wil­li­ger Sog. Die Stim­me der Erzäh­le­rin ist ruhig, sie for­mu­liert unauf­dring­lich ihre wohl­über­leg­ten Gedan­ken, aber bleibt den­noch das gesam­te Buch über unnah­bar. Das Erzähl­tem­po ist lang­sam und schein­bar unwich­ti­ge Din­ge tre­ten in den Vor­der­grund, wie Auto­fahr­ten, Unter­hal­tun­gen mit dem Nach­barn und das Pflan­zen der Bäu­me. Von Anfang an schwin­gen zudem die dro­hen­den Gefah­ren mit, vom Aus­ster­ben klei­ner Spra­chen bis hin zur Umwelt­zer­stö­rung und dem Ein­fluss der Erd­er­wär­mung auf die Pflan­zen- und Vogel­welt. Ein star­ker Kon­trast zwi­schen einem Gefühl der hei­len Welt und Welt­un­ter­gangs­stim­mung, der aber funktioniert. 

In Eden wer­den vie­le gro­ße The­men unse­rer Zeit ange­schnit­ten, wie das Auf­ein­an­der-Wir­ken von Mensch und Natur, aber auch Her­aus­for­de­run­gen in einer Gesell­schaft, wo jeder jeden kennt und Frem­de es oft nicht leicht haben, sich ein­zu­le­ben. All die­se Schwie­rig­kei­ten wer­den aber nicht kon­kre­ti­siert, was ein (sicher­lich gewoll­tes) Gefühl von Unvoll­stän­dig­keit hin­ter­lässt. Vie­les bleibt in der Schwe­be und die Bedeu­tung müs­sen sich Leser:innen – genau wie Alba in einem Kapi­tel – selbst zusammenpuzzeln: 

Ich erin­ne­re mich auch dar­an, dass ein Puz­zle­teil fehl­te. Aus irgend­wel­chen Grün­den habe ich das Puz­zle trotz­dem behal­ten. Der ein­zi­ge Weg, um her­aus­zu­fin­den, ob wirk­lich ein Puz­zle­teil fehlt, ist, es zusam­men­zu­set­zen.
Dafür wer­de ich den gan­zen Abend brau­chen. 
Ich kip­pe den Inhalt des Kar­tons auf den Küchen­tisch.
Das Puz­zeln wird noch kom­pli­zier­ter, weil das Bild schwarz-weiß ist, im Grun­de eine chao­tisch anmu­ten­de Flä­che aus Staub, die in tau­send Tei­le zer­legt wur­de.
Nach einer Stun­de bin ich mit dem Rah­men fer­tig und beschlie­ße, mir die Mit­te für mor­gen aufzusparen.

Die Jury­be­grün­dung

Die­ser Roman leuch­tet tief in die Spra­che hin­ein und ist gera­de in sei­ner Über­set­zung eine gro­ße Lie­bes­er­klä­rung an das Mate­ri­al unse­rer Ver­stän­di­gung. Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten, das Fin­den des rich­ti­gen Wor­tes – all dies wächst schier aus der Land­schaft und den Gedan­ken der Figur her­aus: eine Leis­tung, dies in eine ande­re Spra­che zu über­tra­gen. Tina Fle­cken hat es fein und flüs­sig gemeis­tert, wir lesen mit Stau­nen, wie Wör­ter migrie­ren und auf­ge­nom­men werden.

Die Über­set­zung

Beim Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se wer­den ger­ne Bücher in den Vor­der­grund gerückt, in denen die Über­set­zung selbst oder Spra­che inhalt­lich the­ma­ti­siert wer­den. Gera­de bei einem Buch wie Eden, das wider­spie­gelt, wie wich­tig die eige­ne Spra­che in einem Land wie Island ist und wie ernst sie von den Bewohner:innen genom­men wird, ist es beson­ders schön, wenn durch die Über­set­zung von Tina Fle­cken jetzt auch deutsch­spra­chi­ge Leser:innen dar­an teil­ha­ben kön­nen. Den unauf­ge­reg­ten Erzähl­ton trifft die Über­set­ze­rin sehr gut, man bekommt beim Lesen des deut­schen Tex­tes ein Gefühl für die Stim­mung, und spürt den­noch, dass viel unge­sagt bleibt.

Der eigen­wil­li­ge Humor der Prot­ago­nis­tin, die den­noch Wär­me und eine gewis­se Herz­lich­keit ver­mit­telt, führt dazu, dass die Erzäh­lung trotz der Welt­un­ter­gangs­stim­mung über­haupt nicht düs­ter und stel­len­wei­se sogar sehr wit­zig rüber­kommt. Den­noch lässt es sich bei einem Buch wie die­sem, das im Ori­gi­nal stark auf Dop­pel­deu­tig­kei­ten von Begrif­fen auf­baut, nicht ver­mei­den, dass in der Über­set­zung man­che die­ser Bedeu­tungs­ebe­nen und dadurch auch ein Teil vom Witz ver­lo­ren gehen. Das wird schon bei der Über­set­zung des ein­lei­ten­den Gedichts von Þor­steinn frá Ham­ri deutlich: 

Gefið mér gott orð
gagn­legt orð
satt orð
en gerið eitt fyr­ir mín orð:
hafið það smáorð.

Gebt mir ein gutes Wort
ein nütz­li­ches Wort
ein wah­res Wort
aber tut mir einen Gefal­len:
lasst es ein klei­nes Wort sein.

Wer ins Deut­sche über­setzt, kennt die Beson­der­heit der Kom­po­si­ta, die Mög­lich­keit, im Deut­schen Wör­ter zusam­men­zu­set­zen, die oft eine unkom­pli­zier­te und schlan­ke Über­set­zung kom­ple­xer Wort­fol­gen erlau­ben. Das Islän­di­sche „kann“ Kom­po­si­ta aber auch, was zu Pro­ble­men beim Über­set­zen aus die­ser Spra­che füh­ren kann. Die Zusam­men­set­zung von smá und orð in der letz­ten Zei­le bedeu­tet näm­lich wort­wört­lich „klei­nes Wort“, wie es auch über­setzt wur­de, ist aber im Islän­di­schen auch die gram­ma­ti­ka­li­sche Bezeich­nung für Par­ti­keln. Die letz­ten bei­den Zei­len bedeu­ten im Ori­gi­nal also: aber tut eins für mei­ne Wör­ter, lasst es ein Partikel/Kleinwort sein. 

Im Islän­di­schen sind Sin­gu­lar orð und Plu­ral orð prak­ti­scher­wei­se gleich, was die Wie­der­ho­lung ermög­licht. Die Ent­schei­dung, in der Über­set­zung vor allem auf eine der Bedeu­tun­gen und den Rhyth­mus zu set­zen, sowie die Wie­der­ho­lung best­mög­lich auf­zu­grei­fen, ist nach­voll­zieh­bar und in die­sem Fall wahr­schein­lich die bes­te Lösung, es ent­steht ein schö­nes deut­sches Gedicht. Das Bei­spiel soll jedoch ver­an­schau­li­chen, dass beim Über­set­zen spie­le­ri­scher Spra­che oft eine Ent­schei­dung zwi­schen Bedeu­tung und Form getrof­fen wer­den muss, die sich in die­sem Fall letzt­end­lich durch das gesam­te Buch zieht. 

Um die Auf­merk­sam­keit auf bestimm­te Begrif­fe zu len­ken, arbei­tet die Autorin mit Kur­si­vie­run­gen, im Islän­di­schen sind es oft Wör­ter, die auf irgend­ei­ne Wei­se beson­ders sind – ent­we­der auf­grund des unge­wöhn­li­chen Gebrauchs, ihrer Sel­ten­heit, der Zusam­men­set­zung oder Bedeu­tungs­viel­falt. Im Islän­di­schen wer­den die­se Begrif­fe jedoch nur sehr sel­ten wei­ter erläu­tert, was auch nicht nötig ist, denn islän­di­sche Leser:innen haben meist das sprach­li­che Wis­sen, um mit dem Wort etwas anfan­gen zu kön­nen. Die Kur­si­vie­rung funk­tio­niert im Islän­di­schen wie eine Ein­la­dung, sich den Begriff auf der Zun­ge zer­ge­hen zu las­sen, ihn zu zer­le­gen und mitzunehmen. 

Eine äußerst schwie­ri­ge Auf­ga­be für die Über­set­ze­rin, die sich in den meis­ten Fäl­len dazu ent­schie­den hat, bei der Über­tra­gung die­ser Begrif­fe die nahe­lie­gen­de Bedeu­tung zu priorisieren:

Skáld­sa­gan fjal­laði um skóg sem óx á land­amærum tvegg­ja landa og rætur trjáa sem tey­gðu sig yfir land­amæri og töluðust við með því að sen­da raf­boð sín á mil­li. Við lest­uri­nn kom mál­ví­s­in­da­maðu­rinn upp í mér og ég vel­ti fyr­ir mér hvort ólí­kar tegun­dir trjáa hafi talað ólík tun­gumál og hafi því hugs­an­lega þurft túl­ka til að koma ski­la­boðum sín á mil­li. Í því sam­ban­di ver­ður mér líka hug­s­að til við­tals við fuglafræðing sem vak­ti athygli mína þar sem hann hélt því fram að fuglar syn­g­ju með mis­mun­an­di hrei­mi eftir landshlutum.

Der Roman han­del­te von einem Wald, der sich über die Gren­zen zwei­er Län­der hin­weg erstreck­te, und die Wur­zeln der Bäu­me kom­mu­ni­zier­ten mit­ein­an­der, indem sie ein­an­der elek­tri­sche Impul­se sen­de­ten. Beim Lesen frag­te sich die Lin­gu­is­tin in mir, ob unter­schied­li­che Baum­ar­ten wohl unter­schied­li­che Spra­chen spre­chen und des­halb mög­li­cher­wei­se Dol­met­scher brau­chen, um sich mit­ein­an­der zu ver­stän­di­gen. In die­sem Zusam­men­hang muss ich an ein Inter­view mit einem Orni­tho­lo­gen den­ken, das ich inter­es­sant fand, weil er behaup­te­te, Vögel sän­gen je nach Regi­on mit unter­schied­li­chen Akzen­ten.

Die ers­te Kur­si­vie­rung in dem Bei­spiel, „tal­ast við“, ist eine gän­gi­ge, aber weni­ger übli­che und vom Sprach­re­gis­ter höhe­re For­mu­lie­rung als „tala saman“ für „mit­ein­an­der spre­chen“, was „kom­mu­ni­zie­ren“ von der Bedeu­tung her gut ein­fängt. Der Begriff „spre­chen“ („tala“) steht hier gram­ma­ti­ka­lisch im Medi­um, was an sich schon beson­ders ist und für das es im Deut­schen auch kei­ne direk­te Ent­spre­chung gibt. In mei­nem Kopf ruft die For­mu­lie­rung sofort das Bild eines Gegen­übers her­vor, zwei­er Par­tei­en, die ein­an­der Wor­te zuspie­len, ver­mut­lich genau die Art asso­zia­ti­ven Den­kens, das die Mar­kie­rung durch Kur­siv­set­zung aus­lö­sen soll. 

Das Wort tun­gumál bedeu­tet Spra­chen, und wur­de auch so über­setzt. Dar­in steckt das Wort tun­ga (Zun­ge) und mál (Fall/Problem) – ein Fall für die Zun­ge also – ist aber natür­lich ein All­tags­be­griff, der hier ver­mut­lich durch Kur­si­vie­rung her­vor­ge­ho­ben wur­de, um auf die beson­de­re Zusam­men­set­zung des Wor­tes und den Wider­spruch auf­merk­sam zu machen, dass Bäu­me ja kei­ne Zun­gen haben. Im Deut­schen bleibt zumin­dest die Ebe­ne erhal­ten, dass Bäu­me auch nicht spre­chen. Etwas Ähn­li­ches pas­siert bei der Über­set­zung von Akzent, hreimur. Das Islän­di­sche Wort „hreimur“ bedeu­tet ursprüng­lich auch Gesang und Klang, was natür­lich bes­tens zu dem asso­zi­ier­ten Vogel­ge­sang passt.

Bei gän­gi­gen All­tags­be­grif­fen ent­steht im Islän­di­schen durch die Kur­si­vie­rung eine Art Schein­wer­fer. Sie funk­tio­niert als Ein­la­dung, die Zusam­men­set­zung oder Ety­mo­lo­gie des Wor­tes zu hin­ter­fra­gen, was das Lesen des Islän­di­schen zu einem inter­es­san­ten Denk­spiel macht. Dass die­ses Spiel nicht ohne völ­li­ges Über­frach­ten des Tex­tes oder aus­ufern­de Anmer­kun­gen ins Deut­sche über­tra­gen wer­den kann, ist klar. Es stellt sich jedoch die Fra­ge, war­um die Begrif­fe dann über­haupt noch kur­si­viert wur­den, und ob die Her­vor­he­bung nicht eher ablenkt als hilft, wenn der Zweck, den sie im Islän­di­schen erfüllt, nicht über­tra­gen wer­den kann. Stel­len­wei­se hat die Kur­si­vie­rung im Deut­schen näm­lich den Effekt, dass die Prot­ago­nis­tin Alba ver­schro­be­ner rüber­kommt als im Ori­gi­nal. Was im Islän­di­schen oft als Witz ver­stan­den wer­den kann, oder ein lie­be­vol­les Nach­den­ken über einen Begriff, wirkt im Deut­schen, wenn eine bestimm­te Bedeu­tungs­ebe­ne fehlt oder eine Asso­zia­ti­on nicht klar ist, manch­mal willkürlich: 

Ég tek lokið af karinu, það er sykur í því og ég hug­sa, fúk­ki er skemm­ti­legt orð.

Ich neh­me den Deckel ab, sehe den Zucker in der Dose und den­ke an den ulki­gen Klang des islän­di­schen Worts für Schim­mel: fúk­ki.

Wie die Satz­län­ge bereits andeu­tet, ist die Islän­di­sche Fas­sung knap­per, wört­lich über­setzt steht dort: „Ich neh­me den Deckel von der Dose, dar­in ist Zucker, und den­ke, fúk­ki ist ein wit­zi­ges Wort.“ Hier hilft die Über­set­ze­rin mit dem Hin­weis auf den Klang ein wenig bei der Inter­pre­ta­ti­on, ansons­ten wären die Leser:innen wahr­schein­lich ziem­lich ver­lo­ren. Die Asso­zia­ti­on mit Schim­mel ist durch die Far­be des Zuckers eben­falls gedeckt, wirkt aber den­noch etwas aus der Luft gegrif­fen. Fúk­ki ist nicht das gän­gigs­te Wort für Schim­mel (das wäre mygla) und bedeu­tet tat­säch­lich auch so etwas wie Muff, was ver­mut­lich eben­falls die Asso­zia­ti­on der Prot­ago­nis­tin war, weil die Zucker­do­se schon lan­ge in dem unbe­wohn­ten Haus stand, und eigent­lich auch ein ulkig klin­gen­des Wort ist. 

Einen sehr ele­gan­ten Weg, mit der Kur­si­vie­rung in der Über­set­zung umzu­ge­hen, zeigt fol­gen­des Beispiel:

Ég man sérs­tak­le­ga eftir eldri man­ni (sem minn­ti nok­kuð á Þor­vald móður­bróður minn) sem kom að máli við mig í bank­a­num og spurði hvort ég kan­naðist við orðið fla­pur sem hann saknaði úr tun­gumá­linu og notað væri um strek­king­s­vind, oftast í sam­sett­um orðum, sagði hann, vind­fla­pur, kulda­f­la­pur, norð­an­f­la­pur.

Ich den­ke dabei beson­ders an einen älte­ren Herrn (er erin­ner­te mich ein biss­chen an mei­nen Onkel Þor­val­dur), der mich in der Bank ansprach und frag­te, ob ich das Wort fla­pur ken­ne. Er ver­mis­se es im Sprach­ge­brauch, man ver­wen­de es für einen unbe­stän­di­gen Wind, meis­tens in Kom­po­si­ta wie vind­fla­pur, kulda­f­la­pur und norð­an­f­la­pur, je nach Wind­stär­ke, Tem­pe­ra­tur und Himmelsrichtung.

Durch den zusätz­li­chen Hin­weis der Über­set­ze­rin „je nach Wind­stär­ke, Tem­pe­ra­tur und Him­mels­rich­tung“, hilft sie den Leser:innen, die Stel­le zu ver­ste­hen, ohne eine Erklä­rung aufzudrängen. 

Neben der Ten­denz, die Bedeu­tung der kur­si­vier­ten Begrif­fe zu über­set­zen und nicht die lin­gu­is­ti­schen Eigen­hei­ten, bleibt die Über­set­zung im Fließ­text meist sehr nah am Ori­gi­nal. Die Stra­te­gie gibt Sicher­heit, und soll wahr­schein­lich mög­lichst vie­le der Bedeu­tun­gen auf­fan­gen, wäh­rend sie bei einem Buch wie die­sem auch vor der Gefahr schützt, zu erklä­rend zu über­set­zen. Dafür muss in Kauf genom­men wer­den, dass die Syn­tax und „Infor­ma­ti­ons­hier­ar­chie“ – also die Rei­hen­fol­ge der Infor­ma­tio­nen, die in einem Satz wie­der­ge­ge­ben wer­den – , manch­mal eher Islän­disch als Deutsch wir­ken. Dort steht  das Wich­tigs­te im Gegen­satz zum Deut­schen eher am Anfang des Sat­zes und nicht am Ende, was zur Fol­ge hat, dass die Beto­nung verrutscht. 

An eini­gen Stel­len wird der Zugang zum Text erschwert, weil die Über­set­zung gewis­se Bedeu­tungs­nu­an­cen nicht ganz trifft oder falsch ver­steht. So ist etwa im Satz „[…] ich raf­fe mich auf, gehe zum Fens­ter und sehe den schwar­zen Stahl des Ber­ges in der Dun­kel­heit glän­zen, unter einem Mond, der selt­sam nah erscheint, direkt über dem Berg­rü­cken“ mit dem Wort „stál“ wahr­schein­lich nicht das Metall „Stahl“ gemeint, son­dern im Bezug auf einen Berg eine glat­te, stei­le Flan­ke, auf der sich das Licht des Mon­des spie­gelt. Wäh­rend das Ori­gi­nal grund­sätz­lich sehr idio­ma­tisch daher­kommt, wur­den in die Über­set­zung auf die­se Wei­se leicht schie­fe Bil­der eingebaut. 

Letzt­end­lich zei­gen die aus­ge­wähl­ten Bei­spie­le, mit welch kom­ple­xen Schwie­rig­kei­ten die Über­set­ze­rin es bei die­sem Text zu tun hat­te. Meis­tens hat sie sie gut gemeis­tert, indem sie die Stra­te­gie gewählt hat, den deut­schen Text nicht zu über­frach­ten. Stel­len­wei­se wäre sicher­lich ein spie­le­ri­scher Umgang mit der Spra­che mög­lich und im Sin­ne der Prot­ago­nis­tin gewe­sen, was die Über­set­zung mög­li­cher­wei­se aber auch sper­ri­ger gemacht hät­te. Das Buch zeigt eine sehr lie­bens­wür­di­ge Sei­te der Isländer:innen, denen ihre Spra­che sehr am Her­zen liegt. Letzt­end­lich geht es dar­um, dass die Über­set­zung die­se Lie­be für die Spra­che ins Deut­sche über­trägt, und das ist Tina Fle­cken mit ihrer Über­set­zung alle­mal gelungen. 

Lieb­lings­stel­le

Ich den­ke mir, dass es nicht nur Miss­ver­ständ­nis­se in der zwi­schen­mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­rin­gern, son­dern auch erheb­li­che Kos­ten für Über­set­ze­rin­nen und Dol­met­scher ein­spa­ren wür­de, wenn nur eine Spra­che auf der Welt gespro­chen wür­de. Ich stel­le mir vor, dass die­se Spra­che durch­aus Islän­disch sein könn­te, denn das ist zufäl­li­ger­wei­se die ein­zi­ge mir bekann­te Spra­che, die stamm­ver­wand­te Wör­ter für Welt und Zuhau­se ver­wen­det: heimur und heimili.



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